Colmar-Preziosen

Rachel, unsere Vermieterin, überrascht uns am späten Morgen, zu unserer Wunschzeit mit einem üppigen, äußerst liebevoll angerichteten, vollwertigen Frühstück auf der Eingangsterrasse der Villa. Da wir das einzig vermietete Zimmer bewohnen, bleiben wir unter uns. Zu der sanften Musik von Sade schwelgen wir in kräftigen französischen Käsesorten und Wurst, mit denen wir das selbst gebackene Brot belegen, genießen unser Rührei mit Sesamkörnern, und später einen leckeren Obstsalat aus Apfelkompott, Kiwi, Melone und Heidelbeeren. Wir sind uns sicher, dass die üppige Mahlzeit uns bis in den Abend hinein tragen wird, wobei wir noch vieles ausgelassen haben, z.B. die süße Richtung oder Müsli, was uns auch gerne serviert worden wäre.
Dann machen wir uns endlich auf die Socken, die Stadt zu erkunden. Rachel hat uns ein Faltblatt überlassen mit einer Skizze der Altstadt und darauf markierten Sehenswürdigkeiten.
Doch unser Weg führt uns zunächst wieder durch das Villenviertel, dieses Mal über den Boulevard du Champs de Mars, der rechts am gleichnamigen Platz vorbeiführt (zurzeit Baustelle), gefolgt vom Place Rapp mit einer riesigen Bronzestatue des Generals, der aus Colmar stammte, ebenso wie der Erschaffer des Denkmals, Auguste Bartholdi, dessen Name uns auf Schritt und Tritt begleiten wird.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Boulevard befinden sich zahlreiche Notariate und eine Schule, vor die man einen großen Gelehrten Colmars, Adolphe Hirn, seines Zeichens Mathematiker, Physiker, Philosoph und Astronom auf einen Sessel hingefläzt hat. Das Denkmal stammt selbstverständlich ebenfalls von Bartholdi.


Etwas weiter dann eine Tafel, die darauf hinweist, dass in diesem Haus der Zeichner und Grafiker Jean-Jacques Waltz, genannt „Hansi“ gelebt hat. Gegenüber, im kleinen, nach ihm benannten Park steht sein Denkmal „Onkel Hansi“, um die Ecke befindet sich das gleichnamige Museum.




Schließlich gelangen wir über die Rue Kleber ins Altstadtviertel mit dem Städtischen Theater und dem Museum Unterlinden (in dem es unter anderem den berühmten Isenheimer Altar zu besichtigen gibt und das seinen Namen vielleicht einer riesigen Linde auf einem benachbarten Platz verdankt). Ab hier werden wir uns die Sehenswürdigkeiten der Altstadt der Reihe nach einverleiben.




Die zahlreichen Weinstuben und Cafés sind zur Mittagessenszeit schon gut gefüllt und laden zum Verweilen ein.


Trotz sehr vieler herumtrabender Touristen kommt irgendwie keine Hektik auf, und ich frage mich, warum. Erst viel später wird mir klar, dass es auf das Fehlen von Reisegruppen zurückzuführen ist, die häufig ohne Rücksicht durch die Menge preschen, zum Fotografieren wegen Zeitmangel andere gerne auch mal wegschubsen, um dann schnellen Schrittes im Pulk weiter zu walzen. Vielleicht kommen zu anderen Jahreszeiten auch Gruppen hierher, wir jedoch bleiben verschont und genießen trotz der vielen Besucher das gemütliche Flair der engen Gassen. Fachwerkhaus reiht sich Fachwerkhaus, manche schon recht windschief, aber wohl immer noch stabil.


Schließlich erreichen wir eines der berühmtesten Häuser der Altstadt, das Maison des Têtes (Kopfhaus) aus dem Jahr 1609. Seinen Namen hat es aufgrund der Verzierung der Fassade mit über 100 Köpfen und Masken erhalten. Seit 1898 gehört das Haus der Weinbörse Colmar und beherbergt ein Restaurant. Ganz oben, auf der Giebelspitze steht seit 1902 die Skulptur eines Böttchers, die von Auguste Bartholdi angefertigt wurde.




Wir biegen ein in die Rue des Serruriers (Schlosserstraße). So wie früher üblich siedelten sich Betriebe, die dasselbe Handwerk ausübten, auch in derselben Straße an. So gibt es etwa die Bäcker-, Metzger-, Gerber- und Feldarbeiter- sowie die langgezogene Händlerstraße (Rue des Marchands). Um die Ecke, am Beginn dieser Straße, finden wir nach einigem Suchen das Haus, in dem Voltaire in den Jahren 1753 und 1754 gewohnt hat, um mit Unterstützung von Rechtsgelehrten sein Werk „Annales de L‘ Èmpire“ zu vollenden. Es heißt tatsächlich La maison, ou séjourna Voltaire.
An der nächsten Kreuzung zur Rue Schongauer und Rue Mercière treffen wir auf weitere herausragende, sehr unterschiedliche architektonische Denkmäler: Das sehr alte, einfache Haus zum Kragen aus dem Jahr 1419, das daran angebaute mit schnörkeligen Erkern und Vorsprüngen garnierte Haus Pfister aus dem Jahr 1537, das auf der Rückseite der beiden Häuser gelegene Maison Adolphe mit gotischen Spitzbögen und das Ancient Corps de Garde.




Das Maison Pfister gehört sicherlich zu den am meisten fotografierten Häusern der Altstadt. Es wurde ursprünglich für Ludwig Scherer, einen reichen Hutmacher aus Besançon, gebaut und im Jahr 1841 vom Kaufmann François-Xavier Pfister erworben.








Das Adolph-Haus gehört zu den ältesten Wohnhäusern der Stadt und wird schon seit dem 14. Jahrhundert erwähnt.



Daneben das Ancient Corps de Garde aus dem 16. Jahrhundert.




Ein anderes Schild in der Rue des Marchands weist auf das Geburtshaus der Pianistin Marie Bigot de Morogues hin.


Schließlich weitet sich die Straße zu einem Platz mit dem berühmten Koifhus aus dem Jahr 1480. Der Begriff hat allerdings weniger mit einem „Kaufhaus“ zu tun. Ursprünglich befand sich im Erdgeschoss ein Zollhaus, in dem angelieferte Waren kontrolliert, besteuert und teilweise gelagert wurden. Im ersten Stockwerk fanden Versammlungen der Abgesandten der „Dekapolis“ statt, dem Bund der zehn elsässischen Kaiserstädte. Auch der Magistrat tagte in den Räumlichkeiten.


Hinter dem Gebäude steht mitten auf dem Zollplatz der Schwendi-Brunnen mit der Figur des Lazarus von Schwendi, einem Diplomat, Staatsmann und General, der im 16. Jahrhundert Einfluss auf die Geschicke der Region nahm.



Folgt man nun der Rue des Tanneurs, gelangt man zur überdachten Markthalle aus dem Jahr 1865.


In der Halle sind jetzt am Nachmittag viele Stände bereits geschlossen, doch Käse und Delikatessen gibt es weiterhin zu kaufen. Uns steht jedoch danach nicht mehr der Sinn. Irgendwie sind wir randvoll von den Eindrücken des Gesehenen, müde von der Pflastertreterei und möchten zurück zur Unterkunft. Zunächst verlaufen wir uns ein wenig, finden dann aber doch ganz leicht wieder die richtige Richtung.

Ausflug zu den Bergseen der Vogesen


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