Die Stimme

Als Giórgos die Bühne betrat, erhielt er schon soviel lang anhaltenden Beifall wie andere Sänger erst nach ihrer Show. Eine riesige Anerkennung für den Künstler Giórgos Daláras, dem die Menschen für die Jahrzehnte seines Schaffens großen Respekt, viel Sympathie und auch einfach nur Freude über den heutigen gemeinsamen Abend entgegenbrachten.


Ein erstes Lied über Freunde und Freundschaft intonierte er, um danach (auf Griechisch) doch gleich zur Sache zu kommen.


Meint ihr, das Lied hat Recht? Dafür gibt es Freunde?
Damit sie sich hin und wieder treffen und das Böse austreiben.
Wir treffen uns wieder nach etlichen Jahren, zusammen mit Michalis aus Kreta und Despina aus Zypern. Mit vielen neuen und alten Liedern.
In einer merkwürdigen Zeit, vielleicht einer grauen Zeit. Wir jedoch, wenn wir Freunde sagen, behalten die Hoffnung, die Liebe für das Leben. Wir lieben die neuen Generationen und warten auf etwas Besseres.
In unserer Heimat stehen die Dinge nicht so gut. Um es auf den Punkt zu bringen: Sie sind gar nicht erfreulich!
Aber deswegen sind wir nicht hierher gekommen. Wir sind hier in der Gesellschaft romantischer Menschen, die ein wenig jenseits der Wirklichkeit sind.
Unser Lied wird zum Trost und zu einer kleinen Barke. Wir laden euch ein einzusteigen, die Segeltüchlein zu setzen, um in Richtung Süden zu fahren. In eine Heimat, so wie wir sie kennen: mit Licht und Kraft!
Es kann sein, dass man in der Heimat in diesem Moment nachdenklich da steht, abwartend und nach links und rechts schauend, die Dinge abwägend, studierend, was in all den Jahrzehnten geschehen ist. Wem hat man applaudiert? Wen hat man bewundert? War all das der Mühe Wert?
Wir sind hier und ziehen weiter. Wir halten zwar an, aber wir bleiben nicht stehen.

Für diese Ansprache erhielt er sehr viel Beifall. Vielleicht braucht man solche Menschen wie ihn in einer so schwierigen Zeit mehr denn je, einen Botschafter, der seine politische Meinung sehr wohl vertritt, aber auch Diplomat ist, der jedoch vor allem durch seine Kunst die Herzen der Menschen erreicht. Denn gleich danach sang er das Lied Anemológhio. Sein Vortrag war ernst, eindringlich, zornig.
Der Text ist von Kóstas Tripolítis, die Musik von Thános Mikroútsikos. Das Lied wurde 1992 auf der Platte Συγγνώμη για την άμυνα (Verzeihung, dass wir uns verteidigt haben) von Giórgos Daláras veröffentlicht.
Frei übersetzt und dem Umstand Rechnung tragend, dass nicht alle Bilder in der griechischen Sprache eins zu eins ins Deutsche verständlich übertragen werden können, heißt es dort:

Buch der Winde
Die Geschichte hat ein stinkendes Gerücht herausgebracht, dass wir erledigt sind.
Es heißt: Wir sind der Misston in den schönen Arien.
Redner, haltet endlich die Klappe, wir haben zuviel geredet!
Von nun an werden wir in diesem Wandertheater die Gespensterrolle spielen.

Nieder mit den Fahnen auf den Prachtstraßen, auf denen wir stolz einherschritten!
Es heißt: Die Windbezeichnungen und die Horizonte haben sich geändert.
Man tut uns einen Gefallen, dass sie uns dulden und dass wir lachen durften.
Von nun an werden nur Kenner öffentlich das Mikrofon halten.

Es wurden Berichte erstellt und offiziell bekannt gegeben:
Wir sind der Fehler im Kapitel der falschen Lösung.
Die verfaulte Welt erholte sich während des Fäulnisprozesses.
Und unsere Aufstände sind im Grunde außerhalb des Akzeptablen.

Die Schlampe Geschichte hat mitgeteilt: Wir sind alt.
Unsere Vehemenz wird von der Müllabfuhr eingesammelt.
Fremde und veräußerte Träume haben wir bejubelt.
Und nun regnet es von der Bühne Kleingeld.

Die Hure Geschichte hat antike Visionen zerrissen.
Und als Service werden wir losgeschickt, um Kamille zu holen.
Ihre Unschuld haben wir wieder fest mit dicken Nähten repariert.
Wir haben sie und sie hat uns zur Windmühle getragen.

... vorgetragen in Philippi ...


Nach diesem Vortrag betrat Déspina Olympíou die Bühne. In Griechenland und Zypern ist sie ein Star. Schon mit vielen Künstlern hat sie zusammengesungen. Mit Michális Hatzighánnis - dem ebenfalls zypriotischen Singer-/Songwriter - war sie schon vor einigen Jahren auf Tour. Er komponierte für sie auch Songs und produzierte mit ihr eine CD.
So verwundert es nicht, dass sie jetzt auch neben Giórgos Daláras als begleitende Stimme auftrat. Mit grazilen und fließenden Bewegungen unterstrich sie einzelne Passagen des gemeinsamen Vortrags.


Danach stellte sich Michális aus Kreta hinter sein Mikro. Astra mi me malónete (Sterne, schimpft nicht mit mir, wenn ich nachts singe...) und Itane miá forá sangen alle drei zusammen. Das war ja noch harmlos, und ich wette, dass mindestens die Hälfte der Besucher Michalis’ Temperament nicht kannten. Die sollten sich noch wundern. Doch zunächst verließ er wieder die Bühne.
Nach dieser gemeinsamen Eröffnung ging Giórgos Daláras über zum thematisch nächsten Teil, der Auswanderung: die tatsächliche Auswanderung, aber auch ähnliche Gefühle im eigenen Land.
Anlass dafür war sicherlich nicht nur die Tatsache, gerade jetzt vor einigen tausend Auswanderern und deren Nachfahren aufzutreten, sondern auch der 50. Jahrestag des deutsch-griechischen Anwerbeabkommens. Aber auch die Flucht vor Besatzung und Diktatur.
Stin Alána - ein Lied über eine Exekution, das während der Diktatur gesungen wurde. Der Text ist von Lefthéris Papadópoulos. „Auf dich warteten das Leben und die Mutter, eine Putzfrau. An einem Morgen bist du auf dem Dreschplatz eine rote Lilie geworden...“
Lieder wie San to metanásti (Wie der Auswanderer im eigenen Land - ursprünglich gesungen von Maria Farantoúri und Zülfü Livaneli) oder Stücke des Albums Mikrí Asía luden zum Nachempfinden und Mitsingen ein. Auswanderung als Vertreibung aus Kleinasien. Und in der Folge Auswanderung als Flucht vor wirtschaftlich untragbaren Verhältnissen.
Zu diesem Themenblock fand er ebenfalls sehr rührende Worte:

Ich denke an die Zeit vor 50 Jahren.
An die Menschenscharen, die ihren kleinen Balkon in der Ägäis verließen, um irgendwo in der Welt ihr Glück zu suchen. An diese Menschen jener ersten Generation.
Den anderen Generationen, ihren Kindern und Enkelkindern, die uns mit Stolz erfüllen, haben sie eine neue Heimat geschaffen, haben Respekt und Anerkennung in der Welt gewonnen, egal, wo sie auch hingegangen sind.
Ihnen widme ich ein Lied, eines jener bitteren Lieder, auf jeden Fall für die erste Generation.
Auf Euch, die es bis hierher geschafft habt! Euch braucht die Heimat in diesen schweren Zeiten mehr als je zuvor!

Gleich danach spielte er Prosfighiá (Zuflucht): „Auf welchem Stein, auf welcher Erde willst du nunmehr Wurzeln schlagen? Flucht – du bist bitterer als der Tod!“ – Und ein weiteres Stück: „Wo ist der höchste Berg, dessen Spitze ich erklimmen kann, um nach meinem Elternhaus zu schauen?“
Er leitete dann über zum Spaziergang in der Welt: Paraponémia lóghia. „Unsere Lieder haben wehmütige Worte, weil wir die Ungerechtigkeit seit unserer Wiege erleben. Unser Spaziergang in der Welt waren zwei Meter Erde, soviel wie eine Mauer einnimmt, und ein kleiner Garten.“


Und mit was für einer Stimme er diese Lieder sang, so kraftvoll. Eine Stimme, die vom Ohr direkt ins’ s Rückenmark ging. Eine Stimme, die die Seele zum Schwingen bringt und tief berührt. Was für ein Ausnahmekünstler! Seinen Gesang abwechselnd mit Gitarre, Baghlamás oder Dsurás untermalend, doch seine Stimme ist ein so besonderes, so wertvolles, so einzigartiges Instrument, das uns hoffentlich noch lange begleiten wird.


Nach den schmerzvollen Erinnerungen und der Nachdenklichkeit dieses Themenblocks sollte nun ein Kontrapart folgen: Fröhlichkeit, Temperament, Schnelligkeit – die neue Generation.

Die Laute



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