Herbstliches Strandleben   
und Abschied von Agia Anna
(Náxos, 1986)



Der Sommer auf Náxos war nun unweigerlich vorbei. Mit dem ersten Herbsturm hatte sich die Uferlinie nach oben geschoben. In jener Sturmnacht mit Windgeschwindigkeiten, die mit bis zu 10 Beaufort beständig aus einer Richtung bliesen, war an Schlaf nicht zu denken gewesen. Die meisten Hüttenbewohner hatten tags darauf fluchtartig den Strand verlassen. Jetzt begann die wechselhafte Jahreszeit.

Um mein Zelt herum waren alle Nachbarn abgereist, und so allein wollte ich am oberen Strandabschnitt doch nicht bleiben. Also raffte ich meine Sachen zusammen und fing an, alles strandabwärts in "belebtere" Gegenden zu transportieren. Zuletzt lag nur noch mein Rucksack im Zelt. Ich hatte nicht vor, das Zelt abzubauen, sondern das Iglu einfach so, wie es war, mitzunehmen und weiter unterhalb wieder im Sand zu verankern. Außerdem wollte ich einen Windschutz aus Bambus drumherum bauen.

Da der Wind sich bis mittags wieder gelegt hatte, nahm ich meinen Rucksack aus dem Zelt, um diesen in die neue Wohngegend zu bringen. Gerade ein paar Meter hatte ich mich entfernt, als das Zelt plötzlich durch eine Böe empor gehoben wurde und zielgerichtet in Richtung Meer flog. Ich konnte überhaupt nichts tun, nur schauen. Ein aufmerksamer Strandspaziergänger hechtete ins Wasser und schnappte sich das Iglu gerade im Augenblick des Touch-Downs auf dem Wasser. Mit Triumpf im Blick überreichte er mir das Ding, ich war ihm sehr dankbar. Gerettet!

Der Umzug konnte nun also beendet werden. Mittlerweile frischte der Wind wieder auf. Bambus musste geschnitten werden, und die Stangen sollten mit Wasser richtig fest um das Zelt herum in den Sand einzementiert werden. Ein paar Nachbarn halfen mit, doch es gelang uns nur, einige wenige Stangen halbwegs fest zu verankern. Ein paar Minuten später wurden sie einfach um- und davongeweht.


Mein Igluzelt im Sturm...



...ein paar Minuten später...

Mein Zelt war also als Unterkunft nicht mehr geeignet. Schade, es wäre wasserdicht gewesen. Doch einige Hütten standen leer, und so bezog ich die Eckhütte einer Reihenhüttensiedlung aus drei Würfeln mit Flachdächern. Sie bedurfte einer dringenden Ausbesserung. Meine direkten Nachbarn halfen mir dabei, mit dem bereits geschnittenen und nicht weggewehten Bambus das Hüttengerüst etwas solider zu gestalten. Pappe wurde als Sandschutz zwischen die Stäbe am unteren Ende gesteckt, Badematten halfen ebenfalls, die Sandmassen draußen zu halten und gewährten auch Schutz vor Nässe.



In der Hütte befand sich ein winziger „Tisch“, ebenfalls aus Bambus gefertigt. Was man aus diesem Naturprodukt nicht alles herstellen konnte. Und an diesem Strand hatte es echte Künstler gegeben. Windspiele ließen ihr dumpfes Plock-Plock-Plock ertönen. Übriggebliebene Zeltstangen wurden von Jim, meinem nächsten Nachbarn, auf einem eigens angefertigten Bambusgestell aufgehängt. Ein neu kreiertes Musikinstrument. Jemand hatte eine Gitarre dabei. Abends am Feuer gab es nach dem Essen Musik. Amit aus Israel, der erst kürzlich angereist war, hatte eine Congatrommel mitgebracht. Mit Bambusstangen erzeugten wir unterschiedliche Rhythmus-Geräusche. Wir verstanden uns gut, erzählten von unseren Reiseträumen. Am liebsten wären wir um die ganze Welt gefahren.

Mit fortschreitendem Herbst regnete es immer häufiger, insbesondere nachts. Nicht selten rissen uns dicke Tropfen aus dem Schlaf, denn unsere Hütten waren alles andere als wasserdicht. Fluchtartig stürmten wir dann nur mit dem Notwendigsten, Papiere und Schlafsack, davon, um in einem in der Nähe gelegenen Rohbau Unterschlupf zu finden.

Ein Bauer hatte dort zusammengebundene Strohballen deponiert, die uns sehr willkommen waren und als Schlafunterlage benutzt wurden. Eines frühen Morgens stand der Bauer im Rohbau und jagte uns davon. Die Rindviecher würden das Stroh nicht mehr fressen, wenn wir darauf herumschliefen, meinte er. In der darauffolgenden Nacht waren wir wieder da, wo sollten wir auch hin in der Finsternis und bei strömendem Regen? Wieder erschienen Leute, ich war viel zu schlaftrunken und müde, um genau mitzubekommen, was los war. Wir hörten Vieh brüllen, ein greller Scheinwerfer leuchtete irgendwo in unmittelbarer Nähe unserer Unterkunft. In Erwartung eines erneuten Rauswurfs und durch vielfältiges Rufen irgendwelcher Leute da draußen war an Schlaf nicht mehr zu denken. Langsam graute auch schon der Tag. Wir stapelten die Strohballen wieder aufeinander und begaben uns zurück zu unseren Hütten, um die Einrichtung zu trocknen. Dieselbe Prozedur wie fast jeden Morgen, alle Gegenstände aus der Hütte herausräumen und in die Sonne hängen und legen, das große Badetuch an die Leine, ebenso die meisten Kleidungsstücke, die Wolldecke über das Hüttendach geworfen.



Wir waren noch alle mit diesen Aufräumarbeiten beschäftigt, als es nicht weit von uns entfernt heftigst und laut schwäbelte: „.....die haben doch erzählt, dass es hier Zigeuner am Strand gibt, das hier, das müssen sie sein.....“, und zeigte schamlos mit einem nackten Finger auf uns. Augenscheinlich handelte es sich um ein deutsches Touristenpaar, das von der Chóra aus hierher nach Agia Anna spaziert war und sich solch ein einfaches Strand-Leben im Traum nicht ausmalen konnte. Wir müssen sehr exotisch gewirkt haben.

Bald war uns nach einem warmen Getränk, das wir in der einzigen noch geöffneten Taverne einnehmen wollten. Da saß unser Landwirt aus dem Rohbau. Dem Alkohol, hatte er schon reichlich zugesprochen und begrüßte uns auf das Herzlichste. Von nun an dürften wir JEDE Nacht, wann immer wir es wünschten, auf seinem Stroh nächtigen. Er lud uns sogar ein, uns an seinen Tisch zu setzen, und mit ihm zu feiern. Was war geschehen?
Eine seiner Kühe hatte in der Nacht gekalbt, daher auch der Auflauf und das Getöse! Ein gesundes Kälbchen, alles sei gut gegangen, wir hätten ihm Glück gebracht. Zum guten Ende feierten wir gemeinsam die gelungene Geburt.


*** ***


Oktopuuuuuuuus!

Da das Süßwasser am Strand kostbar und rar war, gingen wir mit den Ressourcen sehr sparsam um. Hüttenarbeiten wie Spülen und Waschen wurden in der Regel im Meer erledigt. Das Salzwasser tat den Kleidern zwar überhaupt nicht gut, doch da wir sie ja eh nur für den Tavernenbesuch oder kleinere Ausflüge in die Stadt brauchten, nahmen wir dies in Kauf.

Eines Tages brauchte meine Jeans, die einzige, die ich mitgebracht hatte, mal wieder dringend eine Waschprozedur. Also knotete ich ein Seil an einer Gürtelschlaufe fest, das andere Ende wickelte ich um einen dicken Stein und warf diesen ins Meer. Die Jeans folgte ihm im hohen Bogen nach und schwappte nun - durch den Stein einigermaßen fest zwischen den Felsenplatten in Ufernähe verankert - auf der Meersoberfläche hin und her.

Nach zwei Tagen wollte ich sie wieder aus dem Wasser nehmen. Ich stakste also auf den glitschigen Felsenplatten in Richtung Jeans, als plötzlich, wie aus dem Nichts, ein Krake auftauchte! Schreck lass`nach, unter Wasser sah er aus wie ein Monster. Ich schrie, so laut ich konnte:
                  " O K T O P U U U U S !!!!!!"
Einer der Söhne aus einer Taverne war in der Nähe und kam angerannt, streckte den Arm ins Wasser, und der Oktopus saugte sich sofort an ihm fest. Er bat mich, schnell ein Messer zu besorgen, mit dem er dem Tier dann den Garaus machte.

Oktopus-Salat oder Oktopus "gebraten" mochte ich gerne, wusste jedoch, dass er - unbehandelt - sehr zäh war. Der junge Mann krempelte die Ärmel hoch und schleuderte das tote Tier auf den Felsen. Immer und immer wieder. Zwanzig Mal, fünfzig Mal und mehr. Irgendwann reichte es und ich bekam den windelweich geschlagenen "Achtfuß" überreicht, damit ich ihn in der Sonne trocknete.

Am Abend gab es für alle Nachbarn einen besonderen Leckerbissen: Oktopusstücke, in Olivenöl auf einem Holzfeuer gebraten, mit Zitrone gewürzt. Das Fleisch war ganz zart.

Ähnlich wie beim Fischfang einige Wochen vorher stellte ich mir auch hier die Frage, ob ich selbst das Tier hätte töten können. Ich glaube, eher doch nicht. Diese Frage beschäftigte mich sehr lange, eine klare Antwort darauf fand ich jedoch nicht.


*** ***


Weltuntergang



Ich musste mir definitiv eine neue Bleibe suchen, mein Bambuswürfel war nun schon so viele Male aufgeweicht worden und hatte dadurch auch an Stabilität verloren. Nebenan war das von außen viel stabiler wirkende Tipi frei geworden. Es war geräumig und ich dachte mir, wenn man es wasserdicht bekäme, müsste es richtig guten Schutz vor Wind und Regen bieten.

Ich fand am Strand jede Menge Badematten und auch einige dicke Plastikplanen, säuberte sie im Meer und umwickelte mein Tipi damit in Lagen, schön von unten nach oben, damit Regenwasser ab- und nicht hineinlaufen würde. Die stabile Außenhaut meines Zeltes drapierte ich um die Spitze, sodass mein Bambushaus nun eher einer silbernen Rakete als einem Indianer-Wigwam glich.

Keine Sekunde zu früh hatte ich meine Arbeit fertig gestellt. Eine Regenfront war im Anzug, gefolgt von einem weiteren Sturmtief. Die ersten Herbstwinde waren dagegen nur ein kleiner Vorgeschmack gewesen. Der Himmel verfärbte sich schwarz.


In der einzigen, noch geöffneten Taverne, war es zugig, kalt und ungemütlich. In meiner neuen Unterkunft hingegen hatte ich das Gefühl, dass sich die Wärme hervorragend gehalten hatte. Es war trocken und gemütlich, aber ein wenig dunkel, da sich nur ein winziges "Fenster" darin befand. Den Sturm wollte ich hier, in behaglicher Wärme, abwarten.

Es fing an zu regnen. Dicke Tropfen klatschten auf die Planen. Blitze zuckten am Himmel über Páros. Einer, zwei, drei auf einmal. Kein Donner bisher zu hören. Schwerer Regen prasselte mittlerweile hernieder. Immer wieder Blitze in der rabenschwarzen Dunkelheit. Ich wusste nicht mehr, welche Tageszeit wir hatten. War die Sonne schon untergegangen? In den letzten Monaten hatten wir keine Uhren gehabt, sondern uns am Sonnenstand orientiert. Weit verzweigte Blitze schlugen im Meer ein, gefolgt von lauten Donnerschlägen. Blitze auch über Náxos, also auf der anderen Seite. Die Schleusen waren geöffnet und die Welt ertrank in schweren Wassermassen. Würde mein Tipi dem standhalten?

Irgendwann schlief ich ein wenig ein. Noch immer war es warm und trocken in meiner Unterkunft. Als ich wach wurde, hatte ich nicht die geringste Ahnung, wie spät es war und ob es Nacht oder Tag war. Das Gewitter wütete weiter, unendliche Stunden lang. Das Naturschauspiel zog mich in seinen Bann. Angst hatte ich gar keine. Vielmehr war ich fasziniert von der Gewalt, mit dem die Natur hier ihren klimatischen Jahreswechsel vollzog.

Wieder überkam mich die Müdigkeit. Das ohrenbetäubende Donnerknallen war langsam verebbt, Blitze zuckten jedoch weiterhin im Sekundenabstand über dem Meer. Da meine Unterkunft noch immer dem Regen stand hielt, ließ ich mich ein weiteres Mal von Schlaf umhüllen. Ausgeruht wachte ich auf. Der Himmel war weiterhin schwarz, doch ich hatte das Gefühl, dass sich die Wetterlage langsam beruhigte.

Ganz plötzlich riss der Himmel an einem späten Nachmittag wieder auf. Die dunklen Wolken gaben an wenigen Stellen ein zartes, helles Himmelblau frei. Die Ränder dieser Himmelslöcher schimmerten in verschiedenen Braun-, Rot- und Violettönen. Die Welt erschien in einem neuen Licht. Der Regen hatte aufgehört, der Wind war abgeflaut. Langsam ging die Sonne unter und es keimte Hoffnung auf besseres Wetter auf.


Die weiteren Tage waren geprägt von gemütlichem Strandleben und völliger Entspannung. Wir kochten nun alle zusammen, besorgten gemeinsam das spärliche Holz für das abendliche Feuer, genossen die wärmenden Sonnenstrahlen und schmiedeten Pläne, wie und wo wir jeder die nächsten Monate verbringen wollten.


*** ***


Die Verwechselung

Langsam wurden die Lebensmittel knapp. Der Minimarkt am Strand hatte seine Pforten schon lange geschlossen. Vorräte mussten aus der Stadt herangeschafft werden, was mit viel Mühe verbunden war, denn auch die Linienbusse hatten ihren Betrieb längst eingestellt.

Gerhard, ein österreichischer Strandmitbewohner, und ich, waren diesmal an der Reihe, die notwendigen Dinge des Alltags für unsere kleine Gemeinschaft zu besorgen. Zu Fuß würden wir die acht Kilometer in die Chóra gehen, um wieder für Nahrungsmittelnachschub zu sorgen. Einen leeren Kartoffelsack nahmen wir uns als Behältnis für unseren Einkauf mit und trabten gegen Mittag Richtung Náxos Stadt. Ich musste feststellen, dass wir ziemlich abgerissen aussahen. Die Waschaktionen der Jeans mit Meerwasser hatten nicht zu einem gepflegten Erscheinungsbild beigetragen. Und auch sonst sahen wir ziemlich zerzaust aus, was die Stadtbewohner uns durch ihre Blicke auch deutlich spüren ließen. Hier wurde mir klar, was es bedeutete, nach all den Monaten wieder beengende Kleidung und vor allem Schuhe tragen zu müssen, die meine Füße einschnürten und mir schrecklich unbequem erschienen.

Wir erledigten unsere Einkäufe, verstauten die erworbenen Güter im Kartoffelsack, den wir gemeinsam, jeder an einem Zipfel, zwischen uns her trugen, und beschlossen, uns den Luxus eines Restaurantbesuchs an der Hafenpromenade zu gönnen. Wir ließen uns jeder eine Portion Spaghetti munden. Was war die lecker! Irgendwie verspürten wir noch Lust, unseren Aufenthalt in der Stadt ein wenig auszudehnen, tranken noch ein Viertel Wein, ließen das Hafenleben auf uns wirken.

Es war bereits Abend, und die Sonne schon im Untergehen begriffen, als wir uns endlich auf den Nachhauseweg machten. Wir schnappten uns den Einkaufssack und begaben uns auf die Straße, die zum stadtnahen Agios-Geórgos-Strand führt. Sehr schnell wurde es jetzt dunkel, und zwar so dunkel, dass man die Wasserlinie nicht mehr erkennen konnte. Eine Taschenlampe hatten wir auch nicht dabei. Einige Male tappten wir ins Wasser, um dann erneut ganz verschwommen zu erkennen, wo der Strand war.

Die Staubstraße, die vom Strand abzweigt und ein vorspringendes Kap durchschneidet, schimmerte ganz schwach in der Finsternis. Es war verwunderlich, dass wir den richtigen Abzweig tatsächlich gefunden hatten, um endlich die Biegung in Richtung Agios Prokópios zu nehmen. Nicht dass die Finsternis hier durchsichtiger gewesen wäre, doch zumindest bekamen wir keine nassen Füße mehr, stolperten dafür aber ein ums andere Mal in den Straßengraben. Unser Marsch war wirklich mühsam und dauerte sehr lange.

Von weitem sahen wir ein Licht. Wie schön, noch eine offene Taverne, in der wir uns nach dieser anstrengenden Nachtwanderung erholen und eine kleine Pause einlegen konnten, um dann den letzten kleinen Teil des Weges bis nach Agia Anna fortzusetzen. Die Terrasse war schon abgeräumt, also begaben wir uns durch die sperrangel weit geöffnete Tür nach drinnen. Ein Fernseher lief, ein paar Leute saßen an einem Tisch. Bald kam eine Frau zu uns, bei der wir unser Getränk in Auftrag gaben. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie uns das Bier brachte. Gemütlich tranken wir, schauten ein wenig Fernsehen, verstanden sowieso nichts, ließen unseren Tag einfach ausklingen.

Woran wir es genau merkten, lässt sich im Nachhinein nicht mehr rekonstruieren, doch als wir uns in dem Raum ein wenig näher umsahen, erschien er uns sehr privat eingerichtet. Mit einem Mal begriffen wir, dass es sich hier überhaupt nicht um eine Taverne handelte. Nein, eigentlich sah es aus, als ob hier einfach nur eine griechische Familie wohnte! Und genau so war es auch. Wir saßen in deren Wohnzimmer, hatten uns bedienen lassen und zahlten nun lässig, aber doch verlegen unser Bier. Draußen jedoch brüllten wir vor Lachen. Nee, was waren wir BLÖD! Wir waren ganz sicher, dass unsere griechischen Gastgeber sich genau so kräftig amüsierten wie wir.


*** ***


Adío, Agia Anna! - Adío, Náxo!

Der Oktober neigte sich seinem Ende zu, und uns war klar, dass die gemeinsame Zeit nun bald zu Ende sein würde. Schon einmal, ein paar Tage zuvor, hatte ich versucht, die Insel zu verlassen, hatte alles zusammen gepackt, mich verabschiedet und war nach Náxos, in die Stadt, zum Hafen gefahren. Was war ich erleichtert, als es hieß, dass meine Fähre zwar ankommen, aber wegen heftigen Windes nicht weiterfahren würde. Die Ankunft der Fähre hatten wir uns trotzdem angeschaut, sie schlich windschief in den Hafen hinein, die Passagiere, die von Bord kamen, hatten eine ungesunde Gesichtsfarbe. Also waren wir wieder zurück zum Strand gefahren, was nichts Ungewöhnliches war, denn viele, die so lange in Agia Anna gewesen waren, hatten die Abreise beim ersten Mal nicht geschafft.

Für meinen zweiten Anlauf brauchte ich wieder ein paar Tage. Mein Plan war ja ursprünglich gewesen, nach ein paar Wochen am sommerlichen Strand von Agia Anna zurück nach Deutschland zu fahren. Aus den Wochen waren Monate geworden, der Sommer war in den Herbst übergegangen und der Winter stand vor der Tür.

Im Laufe der Zeit hatte ich hier einige Menschen kennen gelernt, die mir von ihren Reiseplänen erzählt hatten. Sie waren bereits unterwegs: Nach Afrika, nach Südamerika, nach Kreta. Überall hin, aber nicht nach Norden, nicht nach Deutschland, nicht in die Kälte. In mir war in den vergangenen Wochen der Wunsch gereift, etwas ganz Neues auszuprobieren. Nicht nur die Rückreise gänzlich zu verschieben, sondern mich auf unbekannteres Gebiet vorzuwagen. Ich wollte auf die größte griechische Insel fahren, eine Insel, auf der ich noch nie gewesen war. Ich hatte vor, mir dort Arbeit zu suchen, denn meine Taschen waren fast leer. Man hatte mir erzählt, dass im November die Olivenernte begänne und dass ich dort ganz problemlos Arbeit finden könnte.

Vor der unsicheren Situation hatte ich ein wenig Angst, konnte nicht wirklich einschätzen, was mich auf Kreta erwartete. Immerhin konnte ich ein paar Worte Griechisch. Ich würde mich nun wieder um andere Dinge kümmern müssen. Die Geborgenheit der Gemeinschaft in Agia Anna, die Vertrautheit, die sich im Laufe der Monate eingestellt hatte, würde ich schmerzlich vermissen.

Wir redeten in diesen Tagen viel über unsere Pläne. Allein ein frisch verliebtes, deutsch-englisches Paar wollte weiter am Strand ausharren. Gerhard entschied sich, mit mir zusammen nach Kreta zu kommen, um von dort zu seinem eigentlichen Ziel, nach Israel, weiterzufahren. Amit klinkte sich kurzfristig ebenfalls ein. Und so machten wir uns am 2. November 1986 auf, um zunächst einmal Santorin anzusteuern, jene Vulkaninsel, deren Schönheit ich nicht kannte.

Wehmut und Trauer erfassten mich auf unserer kleinen Fähre, auf der wir die einzigen Gäste waren. Es regnete und der einzige Trost war, dass wir es hier warm und trocken hatten. Unsere Stimmung war gedämpft. Amit holte seine Conga und spielte. Als ob wir geahnt hätten, dass dies der letzte Sommer sein würde, den wir auf diese Art an unserem Lieblingsstrand hatten verbringen können. Die Bekannten des Sommers wurden in alle Winde zerstreut, in Agia Anna würden wir uns niemals wieder sehen, jeder musste sich von nun an ein eigenes Fleckchen suchen.

Unser Paradies wurde schon in den darauf folgenden Jahren zugunsten von Pauschaltourismus und motorisierten Campingurlaubern zerstört. Hüttenbauer wurden bedroht und verjagt, weil man hier das große Geld mit den "richtigen" Touristen witterte. Nein, nicht alle Tavernenbesitzer waren so besessen, es genügte eigentlich nur eine einzige Partei, um das ganze System zu zerstören, denn wir alle hatten über den gesamten Sommer hinweg nicht wenig Geld in den Tavernen gelassen, jeder war auf seine Kosten gekommen.

Der Strand jedoch blieb natürlich derselbe. Zwei Jahre später verbrachte ich nochmals einen Sommer in Agia Anna, bereits ohne die Bambushütten, die wesentlich zur Einmaligkeit des Flairs beigetragen hatten, arbeitete in einer Taverne und lernte wiederum viele, liebe Menschen kennen.

1991 besuchte ich Náxos ein letztes Mal. Eine Woche lang war ich im Sommer Gast im "Gorgóna", direkt im Hafen von Agia Anna. Ich schlief in einem normalen Bett, ohne Schlafsack. Und badete im Badeanzug, so wie die anderen Touristen, die sich auf ihren Liegestühlen, unter ihren Sonnenschirmen räkelten, dort wo früher unsere Sommerunterkünfte gestanden hatten.

Wie schnell die Dinge sich ändern. Ich werde wieder einmal nach Náxos fahren, der guten alten Zeiten wegen. Ich bin neugierig auf das, was sich noch alles verändert hat, und ich bin neugierig auf die Naxioten, die Tavernenbesitzer, die unserem Treiben damals mit Wohlwollen begegnet waren, mit denen wir uns angefreundet hatten und die wir sehr mochten.

Jener Sommer 1986 und auch der darauffolgende Winter auf Kreta haben mein Leben sehr stark geprägt, es in eine andere Richtung gelenkt. Ich war infiziert von Reiselust, von einem unsäglichen Drang nach Freiheit, nach Neuem, nach Ungewissem. Ich war berauscht von der Schönheit der Ägäis und beeindruckt von den Naturgewalten.

Und jetzt wartete Kreta auf mich.
Weiter mit einer Naxos-Geschichte
von 1988: "Agia Anna forever"

Weiter mit Kreta im Winter 1986/87


zurück zur Startseite