Weitere Erlebnisse
(Náxos, Sommer 1986)



Eines Tages stand uns hoher Besuch ins Haus. Ein Segelschiff, das aus Holz gebaut war, glitt durch die Ägäis und sollte an einem bestimmten Abend in der Chóra von Náxos ankommen.

Mit einigen Nachbarn vom Strand war ich mit dem letzten Bus in die Stadt gefahren, um dem Spektakel beizuwohnen. Die Sonne war bereits untergegangen und die Hafenzeile voller Menschen, Griechen aus den umliegenden Dörfern. Sie waren genau so gespannt wie wir auch. Überall duftete es nach Gesottenem und Gerbratenem, Bauchladenverkäufer priesen ebenfalls ihre Leckereien an. Plötzlich gingen sämtliche Lichter aus. Da der Mond nicht schien, war es absolut dunkel, fast gespenstisch. Die quirlige und laute Menschenmenge wurde merklich ruhiger. Kleine Positionslichter wurden in der Einfahrt zum Hafenbecken eingeschaltet, denn dieses Schiff sollte bald anlegen. Wir warteten. Es näherte sich langsam und glitt geräuschlos in den Hafen. Wir alle waren begeistert, Applaus brandete auf. Bald wurden die Lichter in der Stadt wieder eingeschaltet. Man ließ es sich nicht nehmen, zu diesem Anlass ein Stadtfest größeren Ausmaßes zu feiern.

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Erst am nächsten Tag, bei Tageslicht, inspizierten wir, so wie viele andere auch, das Schiff einmal von Nahem. Ziemlich klein war es, und doch bot es Platz für eine kleine Besatzung und Stauraum für Kisten und Fässer in seinem Bauch. Nur eine kurze Zeit hatten wir zur Besichtigung, dann fuhr es weiter, zur nächsten Insel.


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Die ersten Griechisch-Stunden

Schon im Vorjahr hatte ich mir vorgenommen, mir ein wenig Griechisch anzueignen. In der Schule hatte ich Englisch gelernt, Französisch beherrschte ich nur ganz rudimentär, und mit Latein als "lebloser" Sprache konnte ich praktisch nichts anfangen. Alle drei Sprachen hatten jedoch dieselben Wurzeln. Immer wieder ließen sich Parallelen erkennen, was das Erlernen vereinfachte.

Mit dem Griechischen war das ganz anders. Als Anfängerin fiel es mir ungemein schwer, mir auch nur einzelne Wörter dieser Sprache zu merken. Der Sprachrhythmus war für mich gänzlich ungewohnt, Betonungen wurden an Stellen im Wort gesetzt, wo ich sie nie vermutet hätte. Was für eine Denkaufgabe musste man vollbringen, um einen ganzen Satz zu bilden!

Daher wollte ich zunächst nur einzelne Begriffe lernen. Ein Hüttennachbar und genialer Drachenbauer aus Athen erteilte mir täglich ein wenig Unterricht. Wir lagen nebeneinander auf dem Bauch im Sand und er wachte darüber, dass ich die Begriffe auch richtig mit lateinischen Buchstaben aufschrieb.

Wir begannen mit den Alltagsuntensilien, wie den Bezeichnungen für Teller und Glas usw. Aha, die Sprache kannte also, wie im Deutschen, auch drei Artikel, das konnte ich mir merken, ich musste sie einfach auswendig dazulernen. Als nächstes kamen die Farben dran, die konnte man immer gebrauchen. "Kítrino" (wie Zitrone) für die Farbe "Gelb", oder "Kafé" für "Braun", nichts leichter als das!

Eine weitere Lektion beschäftigte sich mit dem Wetter, so wie dieses auch uns immer beschäftigte. Ausdrücke aus der Natur, wie Sand, Meer und Sonne waren im täglichen Sprachgebrauch unentbehrlich, Zeitangaben ebenso. Nach den Zahlen bis Einhundert schritten wir zu den Verben. Einen Infinitiv hatten sie nicht, sondern gebrauchten dafür die erste Person Einzahl des Präsens. Das fand ich gut, eine Form weniger, die ich mir merken musste. Ich ahnte allerdings, dass die Zeitenbildung mir große Rätsel aufgeben würde (und das hat sich bis heute nicht geändert).

Durch diese einfachen Übungen eignete ich mir über den Sommer hinweg über hundert Begriffe an, die mir später noch zu Gute kommen sollten.


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Es brennt

Aufgeregt rief jemand etwas aus meiner Nachbarschaft und zeigte raus auf`s Meer. Ein Flugzeug im Tiefflug über dem Wasser - eine Klappe an der Unterseite wurde geöffnet und es fasste Wasser, um dann schwer beladen wieder in Richtung Náxos zu fliegen. Es brannte!! - Wir konnten eine Rauchsäule sehen, die zum Glück nicht in unmittelbarer Nähe zu unserem Strand aufstieg.
Immer wieder kamen Löschflugzeuge, um Wasser zu tanken und ihre salzige Fracht abzuwerfen, die den Boden zwar auf Jahre hinweg unbrauchbar für die Landwirtschaft machte, jedoch eine Ausdehnung des Brandherdes verhinderte, denn nach der Hitze des Sommers waren Wiesen, Bäume und Felder ausgedorrt und brannten wie Zunder. Mit Hilfe der Flugzeuge war der Brand jedoch zum Glück bald unter Kontrolle.


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Ausflug nach Apóllona

Eine Hütte in meiner Nachbarschaft war kurzfristig frei und von zwei Italienern, Manuel und Romeo, bezogen worden. Ersterer war etwas zurückhaltend, Romeo jedoch war ein lustiger Mann, der mich oft zum Lachen brachte. Bei einem gemeinsamen abendlichen Strandspaziergang beschlossen wir drei, am nächsten Tag eine Bustour in`s Gebirge des Koronós zu unternehmen, um dort ein wenig zu herumwandern.


An dieser Stelle nun meine Tagebuchaufzeichnungen über die Tour:

Habe Manuel und Romeo heute morgen schon früh geweckt. Nach gemeinsamem Frühstück in unserer Taverne trödeln wir zur Bushaltestelle in Agia Anna, trinken einen weiteren Kaffee, fahren schließlich mit Verspätung nach Náxos/Stadt. Wir haben vor, nach Koronída zu fahren, zu Fuß über einen Eselspfad nach Apóllona an der Nordküste der Insel hinabzusteigen, dort den Koúros zu besichtigen und dann den letzten Bus gegen 18.00 Uhr zurück zu nehmen.

Gegen 13 Uhr fährt erst der nächste Bus nach Apóllona ab. Wir sitzen in einer Taverne am Hafen und trinken Kaffee. Romeo klagt, dass ihm seine Füße von seinen Sandalen weh tun. Das fängt ja gut an.

Endlich kommt der Bus. Wir bekommen bei der Abfahrt alle einen Sitzplatz, obwohl es beim Einsteigen ein Riesengedränge gibt. Mit einem lauten Hupen und einiger Verspätung setzt sich der Bus schwerfällig in Bewegung. Es sind viele Griechen vorne im Bus, die vom Einkaufen aus der Chóra kommen und in ihre Dörfer zurückfahren.
Der Busfahrer ist wohl genährt, mittleren Alters, Raucher und spricht mit lauter Stimme. In seiner Begleitung befindet sich ein ca. 15jähriger, schmächtiger Junge, der unterwegs das Fahrgeld kassiert.

Der Busfahrer ist der uneingeschränkte Herrscher der Straße, der überall zuerst durchkommt und dem alle anderen Verkehrsteilnehmer ausweichen, es sei denn, es kommt ein anderer Bus. Dann arrangiert man sich. Ansonsten wird solange gehupt, bis man durchkommt. Es fühlt sich an, als ob der ganze Bus hupt. Sonst sind oft auch ältere Beifahrer mit dabei, die den Fahrer an engen Stellen oder beim Rückwärtsfahren dirigieren.

Im Bus nach Koronída hat der Fahrer ein Band mit griechischer Musik eingelegt. Die griechischen Frauen singen laut mit und scheinen den Busfahrer zu veräppeln, der ab und an in schallendes Gelächter ausbricht, sich dabei auf die Schenkel schlägt und etwas zurückröhrt, woran die Griechinnen sich nun wiederum belustigen.

Die Fahrt geht hoch hinauf in die Berge. Wir passieren trockene Bachbetten, knorrige Bäume, die in Windrichtung wachsen. Ein Wunder, dass sie nicht umfallen.

Die Felsen sehen von weitem braun und dunkelgrün aus, also bewachsen. Nach etwa einer halben Stunde haben wir einen herrlichen Ausblick nach unten in die Täler bis an`s Meer. Der Berg vor uns ist grün, terrassenförmig sind Felder angelegt. Wir fahren auf engen, steilen Serpentinen immer weiter nach oben und sehen einige entfernte, noch höhere Berge.

Vorbei geht es an Wohntürmen, den ehemaligen Landsitzen der venezianischen Adelsfamilien, die jetzt allerdings nur noch Ruinen sind. Plötzlich sehen wir in weiter Entfernung eine kleine, sehr türkisblaue Bucht mit einer winzigen Häuseransammlung. Die Griechin hinter mir sagt, dass es sich bei dem kleinen Ort um Moutsoúna handelt. Ein irrer Ausblick.

Der Ort Koronós ebenso wie Skadón ist merkwürdig abenteuerlich an einen Hang gebaut, es sieht aus, als ob die Häuser in den Berg geklebt wurden. Es gibt fast keine Neubauten, nur ältere, sehr schöne Häuser. Die Leute auf der Straße schauen neugierig auf den Bus. Fahrgäste steigen aus. Die Fahrt geht weiter. Endlich kommen wir nach Koronída.

Hier fallen wir förmlich vom Bus in eine Taverne, die mit dem Hinweis „Wein vom Fass“ lockt. Mittlerweile haben wir großen Hunger und bestellen ein Riesenomelett mit Pommes, Tomaten und Zwiebeln. Dazu gibt es kleine, frittierte Fische, die man in einem essen kann (das sind die selben wie in Agia Anna), Salat, Wein (den besten, den ich je getrunken habe) und Ziegenkäse (den besten, den ich je gegessen habe) aus eigener Herstellung. Die Zubereitung nimmt etwas Zeit in Anspruch. Bis dahin lassen wir uns schon mal das eine oder andere Gläschen hausgemachten Roten munden.

Wir sprechen alle verschiedene Sprachen: Griechisch, Italienisch, Deutsch, Englisch. Doch jeder versteht. Der Besitzer der Taverne zeigt mir eine Schlangenhaut, die über einer Landkarte von Náxos an der Wand hängt. Ich frage, ob es auf dem Weg, den wir einschlagen möchten, Schlangen gibt. Er sagt "ja", ich erschrecke, er lacht und meint "nein", es gäbe keine. Alle sind unwahrscheinlich gastfreundlich. Sie sagen, wir sollen essen, essen.... nach unserem wahnsinnig üppigen Mahl bekommen wir auch noch frische Birnen, direkt vom Baum nebenan. Ich fühle mich sehr wohl und träge. Gekostet hat uns der Schmaus zusammen nur 1100 DRS.

Schließlich machen wir uns auf, um mit vollem Bauch bergab nach Apóllona zu rollen. Die Zeit drängt etwas.
Kurz hinter Koronída steht eine kleine Kapelle auf dem örtliche Friedhof. Dort gibt es eine Art Gruft, nach oben offen, auf deren Rand Menschenschädel und Gebeine liegen, in einer Holzkiste neben einem Grab liegen ebenfalls Knochen herum. Die Gräber haben Kreuze aus Marmor, der hier auf der Insel ja an mehreren Stellen abgebaut wird. Statt Blumen haben die Angehörigen auf der Marmorplatte ein Kreuz aus Steinen angebracht.

Der Eselspfad am Ortsausgang, der fast stufig den Berg hinunter führt, ist mit roten Punkten markiert und besteht aus Schieferplatten. Romeo humpelt voran. Wir haben eine herrliche Aussicht auf die Berge ringsum. Nicht weit hinter Koronída sehen wir schon Apóllona am Meer.
Wir begegnen einer Ziegenherde und einem Mann, der mit seinem Esel unterwegs ist. Wir „sprechen“ miteinander. Ich verstehe ihn nicht, doch ich merke, seine Worte klingen freundlich und irgendwie belustigt. Die Ziegen gucken ziemlich blöde, und hauen ab. Kurz vor Apóllona frage ich einen Mann, der am Wegesrand sitzt, nach dem Koúros. Er beschreibt uns den Weg. Und tatsächlich finden wir die über 10 Meter lange Skulptur, die - aus Marmor gehauen - unfertig im Berg liegt. Am liebsten möchte Romeo jetzt hier sitzen bleiben, weil seine Füße weh tun, doch wir ermuntern ihn, in Apóllona Rast zu machen und lieber dort die Beine auszustrecken.

Der Ort selbst ist sehr klein, verwinkelt, liegt direkt am Meer, der Strand steinig. Da das Meer auch heute sehr bewegt ist, brechen sich die ziemlich hohen Wellen auf den Felsen, was eine weiße Gischt hinterlässt. Das Meer ist so mächtig. Es ist nicht zu bändigen und wird es niemals sein. Ich genieße diesen Anblick.

Nach einer kleinen Pause drängt die Zeit leider. Wir eilen zum Bus, der voll besetzt und schon abfahrbereit ist. Wir bekommen keinen Sitzplatz mehr. Die Füße schmerzen uns allen jetzt in dem leichten Schuhwerk. Unser Steh-Nachbar ist ein Korse, der sehr gut englisch spricht. Wir verstehen uns auf Anhieb und so ist die Busfahrt nach Náxos/Chóra recht kurzweilig. Mit dem Taxi fahren wir später nach Agia Anna. Schnell noch kurz in`s Meer tauchen, um den Schweiß des Tages abzuwaschen, und dann wieder zur Paréa mit den anderen, in "unsere" Taverne.



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Eine Nacht in Kastráki

Die meiste Zeit verbrachten wir - abgesehen von kleineren Ausflügen in die Stadt - in Agia Anna. Man spazierte schon mal zum Strand von Prokópios, den das "normale" Touristenpublikum bevölkerte. Keine Nackten, keine Freaks, keine Hütten. Nix für uns, aber zur Abwechslung mal in einer anderen Taverne zu sitzen, war auch nicht schlecht.

Eines Tages beschloss ich, die Pláka hoch bis zum Ende unseres Strandes und noch darüber hinaus zu gehen. Dort gab es weitere Strände, die jedoch kaum touristisch bevölkert waren. Irgendwie hatte mich ein Agia-Anna-Koller gepackt, ich brauchte mal einen kurzfristigen Szenenwechsel. Mittlerweile fühlte ich mich ganz als Kind der Natur. Ich nahm meinen Schlafsack, ein wenig Proviant und eine Flasche Wasser mit. Mein Weg führte mich quer über eine kleine Landzunge. Es folgte ein Strand, an dem der Wind wesentlich heftiger wehte als in Agia Anna. Wie ich später erfuhr, war dies ein kleines Paradies für die Freunde des Surfens. Noch ein Stück weiter, und nach mehrstündiger Wanderung sah ich die Bucht, die am unteren Ende des langgezogenen, menschenleeren Strandes von Kastráki liegt. Das Wasser ist hier so seicht, dass es im Sommer die Temperatur einer Badewanne erreicht. Unglaublich, es war einfach toll, im Wasser herumzuplantschen.

Danach stärkte ich mich erst einmal ganz gemütlich in der einzigen Taverne. Hier verkehrten nur ganz wenige Menschen. Nach einer Weile wollte ich noch den Strand ein wenig hinauf gehen, um später - wie so oft in Agia Anna - auf dem Rückweg dem Sonnenuntergang entgegen zu gehen. Ich befand, dass "unser" Strand wesentlich schöner war, weil hier in Kastráki zuerst eine Felsenplatte zu überwinden war, bevor man im tieferen Wasser schwimmen konnte.
Unterwegs traf ich einen Mann auf seinem Esel. Wir grüßten uns, er sprang vom Sattel und schenkte mir eine ganze Tüte voll saftiger Weintrauben. Wie die mundeten!

Auf dem Weg zurück zur Bucht war die Abenddämmerung bereits angebrochen. Die Nacht wollte ich in den Felsen oberhalb der Taverne verbringen. Es war schon fast dunkel, als ich dort ankam. Ich hatte zwar Streichhölzer und eine Kerze eingesteckt, doch der laue Wind blies diese immer wieder aus. Die Taverne war geschlossen. Ich tappte also zu den Felsen, tastete herum und legte auf einer einigermaßen ebenen Stelle meinen Schlafsack aus. Es war mittlerweile undurchdringlich dunkel geworden, ich sah gar nichts, war dadurch recht orientierungslos und hörte nur die Geräusche der Nacht.

In Agia Anna waren ja immer irgendwelche Menschen um mich herum, aber hier, unter freiem Himmel, in dieser Dunkelheit und ganz allein, fing ich an, mich zu fürchten. Keine Romantik, nur Raschelgeräusche um mich herum. Ratten??

In Agia Anna gab es davon so einige. Und Mäuse, die alle scharf waren auf unsere Kochreste am Strand oder die aus den Tavernen. Bäh. In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen, blieb also wach, dachte an alles Mögliche und sehnte den Sonnenaufgang herbei.

Am nächsten Tag frühstückte ich noch in der Taverne, um dann wieder die Heimreise anzutreten. Noch eine Nacht wollte ich hier in dieser gottverlassenen Gegend nicht zubringen.

Auf dem Weg zurück begegnete ich einer Schafherde. Die Tiere kamen auf mich zugaloppiert und adoptierten mich zu ihrer Hirtin. Sie drängten sich ganz dicht an mich heran, so viele Tierleiber. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, konnte mich kaum vorwärts bewegen. Also blieben wir eine geraume Weile mitten auf dem Surferstrand stehen. Niemand da, weit und breit. Wie konnte ich jetzt weiter gehen? Mit jedem Schritt, den ich tat, bewegte sich die Tiermasse mit mir. Am Ende gelang es mir doch, mich durch die Menge zu drängen und davon zu rennen. Noch eine ganze Weile verfolgten mich die Schafe - dann ließen sie von mir ab. Letztendlich war ich froh, als ich wieder zurück zu meinem Zelt und zu den Nachbarn kam. Die folgende Nacht schlief ich sehr gut.


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Freiheit


Zum ersten Mal in meinem Leben war ich zum Fischen eingeladen. Von Pános, einem Athener Architekten, der jeden Sommer mit seinem motorgetriebenen Schlauchboot nach Náxos kam und einige Wochen und Monate am Strand von Agia Anna in seiner selbst errichteten Bambushütte lebte. Was mich sehr beeindruckte war die Tatsache, dass er die Überfahrt vom Festland aus ganz alleine machte, sich mit seinem vergleichsweise winzigen Boot einer – wie ich meinte – großen Gefahr aussetzte. Mir imponierte, dass er sich den Freiraum nahm, während der Sommerwochen aus seinem Athener Leben auszusteigen und eine längere Zeit auf Náxos zu verbringen. Und dass er es schaffte, einige Wochen im Jahr vom Fischfang zu leben. Morgens und abends fuhr er mit seinem Boot hinaus. Der Fang wurde in einer Taverne abgeliefert, wo er auch täglich aß. Oft schon wartete man abends ungeduldig auf seinen frischen Fisch.

Eines Tages lud er mich ein, am Abend mit ihm und seinem Freund Dimítris zum Fischen mitzukommen.

In seinem Schlauchboot fuhren wir also hinaus, und bald schon schaukelte es sehr heftig auf den Wellen. Ich hatte ein wenig Angst, ins Wasser zu fallen, denn Griffe oder sonstige Gelegenheiten zum Festhalten gab es nicht. Pános gab mir den Tipp, mich nicht gegen die Wellen aufzulehnen, sondern mich mit ihnen zu bewegen. Zum Glück wurde mir nicht schlecht und bald hatte ich mich, seinem Rat folgend, an die Schaukelei gewöhnt und konzentrierte mich auf den Fischfang.

Wir fischten ohne Angeln, nur mit Schnüren. An denen waren etliche Haken angebracht, die alle mit Ködern bestückt wurden, um dann im weiten Wurf ins Meer hinaus geschleudert zu werden. Das am Ende angebrachte Bleigewicht zog die Schnur hinab. Der Fischgrund, den Pános ausgesucht hatte, war nicht besonders tief, sodass ich merkte, wenn das Lot den Meeresboden berührte. Dann wurde die Leine wieder gemächlich eingezogen. Aufpassen musste man, sobald die Haken in Sicht kamen, dass sie sich nicht in die Haut des Schlauchbootes bohrten. Die Spannung: Hat einer angebissen? Wieder keiner. Also das Spiel wieder von vorne. Volle Konzentration auf die Tätigkeit.

Ich fragte mich, ob ich denn auch einen Fisch töten könnte, wenn einer anbeißen würde. Das nahm Pános mir jedoch ab. Nachdem wir die erste halbe Stunde gar kein Fangglück hatten, begegnete uns wie aus dem Nichts ein kleinerer Fischschwarm, und tatsächlich gelang es uns, einige dieser Speisefische aus dem Wasser zu ziehen. Geredet hatten wir während unserer Arbeit kaum. Konnte ja auch nicht genug Griechisch.

Die Rückfahrt im Boot verbrachte ich Rücken an Rücken mit Dimítris, den Blick nach hinten gerichtet. Dort saß Pános, entrückt im Fahrtwind.

Inselimpressionen
von Náxos, 1986


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