Kaló taxí(di)
(März 1986)



Ich konnte es einfach nicht mehr aushalten. Den ganzen langen Winter über hatte ich von Náxos geträumt, wie es sein würde, im Juli oder August dort wieder hin zu kommen, an den Strand von Agia Anna. Es war erst März und der Sommer noch in weiter Entfernung.

Kurzfristig ergab sich jedoch eine Gelegenheit, bereits schon jetzt, im Frühling, wieder auf "meine" Insel zu fahren. Ich freute mich auf Sonne, Urlaub und Strand und ging selbstverständlich davon aus, dass es in Griechenland generell einfach viel wärmer ist, als in unseren Breiten, auch und besonders im Frühjahr. Von Berlin-Schönefeld aus wollte ich mit einer preiswerten osteuropäischen Airline nach Athen jetten, um dort am Abend am internationalen Flughafen zwei Freunde aus Westdeutschland zu treffen. Gemeinsam wollten wir dann ab Piräus eine Fähre nehmen, um uns später in einem kleinen Hotel oder einer Pension in der Chóra von Náxos einzuquartieren.


Gesagt, getan. Das Prozedere am Grenzübergang in Berlin war mir ja schon bekannt. Unser Flugzeug hob pünktlich ab und setzte relativ früh zur Landung an. Laut Ticket befanden wir uns in Bukarest.

Wir klapperten alle mit den Zähnen, als wir ausstiegen, denn hier war es bitterkalt. Ebenso wie ich hatten die meisten Fluggäste beim Packen wohl eher die Sonne im Hirn gehabt als Schnee und Eis. Nach einer gründlichen Durchsuchungsaktion wurden wir in einen großen Warteraum gebracht. Ein Blick durch die Glasscheiben in die angrenzenden Räume, und ich stellte fest, dass wir vermutlich die einzigen Fluggäste hier waren, weit und breit gähnende Leere.

Männer in Fellmänteln und Pelzmützen schritten auf und ab und bewachten uns, die MP stets griffbereit. Manchmal verließen sie den Raum, jedes Mal knallten die Türen. So verging eine Stunde, und dann noch eine. Laut Ticket hätten wir eigentlich nur eine halbe Stunde Aufenthalt hier gehabt. Ich dachte an meine Verabredung und sah, dass ich diese vermutlich nicht würde einhalten können, denn niemand machte uns irgendwie deutlich, dass es überhaupt innerhalb der nächsten Zeit weiter gehen sollte.

Uns war richtig lausig kalt, der Raum nur ganz spärlich beheizt. Selbst der in Berlin noch so besoffene Engländer, der mit an Bord gewesen war, hatte sich in Ermangelung von alkoholischem Nachschub wieder nüchtern gezittert. Mittlerweile war die dritte Stunde unseres Aufenthaltes in diesem Flughafengebäude bereits vorbei, immer noch keine Aufklärung über die Gründe unseres verlängerten Aufenthaltes.

Als die fünfte Wartestunde angebrochen war, wurden wir in den angrenzenden, gänzlich unbeheizten Raum gebeten, und es gab gratis Gummibrötchen und durchsichtigen, aber heißen Tee, den wir dankbar, mit klammen, zittrigen Fingern entgegennahmen. Ich vermutete hinter dieser Geste pure Beschwichtigungstaktik, damit wir uns ruhig verhielten, weil wir noch viel länger auf diesem Abstellgleis ausharren sollten. Bald kam jedoch Leben in die Bude, und wir wurden endlich wieder in ein Flugzeug gebeten.

Vor dem Treppenaufgang lag unser Gepäck im nassen Dreck. Jeder musste seine Gepäckstücke identifizieren und aus der Masse der Koffer und Rucksäcke herauszerren. Im Flieger warteten bereits andere Fluggäste. Das war also des Rätsels Lösung: Unser Anschlussflugzeug hatte Verspätung gehabt. Hätte man uns ja ruhig mal sagen können.

Endlich, es war schon nach 22.00 Uhr, starteten wir nach Athen, mit mehrstündiger Verspätung. Die Verpflegung an Bord bestand aus tiefgekühlten, knallharten Kartoffeln und irgendeiner undefinierbaren Masse, die – so wie serviert – postwendend im Abfall landete. Mein Sitzplatz befand sich ganz hinten im Flugzeug. Und so überraschte es mich auch nicht, als sich die prall gefüllten Müllsäcke, die ganz in meiner Nähe geparkt waren, beim Landeanflug selbständig machten und ihr Inhalt pfeilgerade an meinem Kopf vorbeischoss. Irgendwie konnte mich hier überhaupt nichts mehr schocken.

Immerhin landeten wir gegen Mitternacht sicher in Athen. Als ich mein Gepäck abholte, musste ich bei genauer Betrachtung feststellen, dass aus meinem Rucksack etliche Reiseutensilien fehlten. Meine Freunde waren natürlich auch nicht mehr da. I WAS NOT AMUSED !!

Busse fuhren keine mehr. Mich in einem Hotel einzuquartieren, lohnte sich auch nicht, weil ich doch die allernächste Fähre nach Náxos nehmen wollte. Und so hielt ich noch nach Mitreisenden Ausschau, die sich mit mir vielleicht ein Taxi zum Zentrum Athens teilen wollten, denn ich hatte beschlossen, die Nacht in irgendeiner Bar abzuhängen, um dann ganz früh nach Piräus zu fahren.

Nur wollte ansonsten überhaupt keiner ins Zentrum. Und wie ich noch da herumstand und überlegte, sprach mich der Fahrer des letzten Taxis, das noch da war, an, wo ich denn hin wollte. Im Vorfeld war ich gewarnt worden, alle Athener Taxler würden Touristen ausnehmen, und so lehnte ich es strikt ab, in das Auto zu steigen.

Der Mann legte seine Stirn in sorgenvolle Falten. Er erklärte mir, dass kein Bus mehr fahren würde, dass alle anderen Fluggäste bereits weg wären und dass um diese Uhrzeit bis zum nächsten Morgen überhaupt kein anderes Flugzeug mehr landen würde. Er könne mich unmöglich allein am Flughafen lassen, das sei hier nämlich nicht ungefährlich.

Vorsichtig erkundigte ich mich nach dem Preis für eine Fahrt ins Zentrum. Das käme darauf an, wohin ich wolle. Nun ja, halt „to the VERY center“ wollte ich. Das verstand er wiederum nicht, und ich dachte, diese Stadt muss doch irgendeinen Mittelpunkt haben, mit Kneipen und Nachtleben. Der gute Mann schüttelte ein ums andere Mal den Kopf, stieg schließlich aus, nahm kurzerhand meinen Rucksack und verstaute ihn in seinem Kofferraum. Ich solle einsteigen, damit wir hier endlich mal weg kämen, und unterwegs würde er sich überlegen, wo er mich hinbringen könne, Athen sei nachts nämlich total gefährlich für eine Frau. Mit zwiespältigen Gefühlen stieg ich ein.

Jetzt saß ich also in einem Auto mit einem fremden Mann in einer riesigen Stadt, in der ich mich überhaupt nicht auskannte. Wenn das mal gut ging. Bald erreichte ihn ein Funkspruch und er bekam eine Tour. Wir brachten den Fahrgast von einem Ende Athens zum anderen. Unterwegs wurden unsere Gespräche lebhafter. Woher ich denn käme, wie ich hieße, ob ich noch Geschwister hätte, ob ich verheiratet sei..... Auch der Fahrgast beteiligte sich wortreich an unserer Unterhaltung, die Stimmung war klasse, und meine anfängliche Skepsis wandelte sich in Fröhlichkeit. Wir rauchten jede Menge Zigaretten.

Zwischen zwei weiteren Touren besorgte der Fahrer in einem Schnellimbiss etwas zu Essen. Das Radio lief, es war warm im Auto und ich fühlte mich richtig gut. Mittlerweile waren wir schon mehrere Stunden unterwegs. Noch einige andere Fahrgäste wurden kreuz und quer durch Athen kutschiert, mein Fahrer erklärte mir dabei viele Sehenswürdigkeiten, zeigte mir Omónia und Sýntagma.

Gegen Morgen holte mich dann doch die Müdigkeit etwas ein, doch es war bereits kurz vor Ende der Schicht. Mein Fahrer brachte mich schließlich zu einer U-Bahn-Haltestelle. Geld wollte er keines. Ganz im Gegenteil, er bedankte sich für die nächtliche Gesellschaft. Gern würde er mich zu sich nach Hause einladen, ich könnte doch in Athen Urlaub machen.......Wir verabschiedeten uns sehr herzlich voneinander, denn ich musste weiter ziehen. Was für eine Nacht! Was für eine Reise!

Irgendwo ergatterte ich in den frühen Morgenstunden einen starken Kaffee, besorgte mir mein Ticket und bestieg gut gelaunt die nächste Fähre nach Náxos. Mein Herz quoll über vor Vorfreude auf „meine“ Insel.




Náxos im Frühjahr


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