The summer of love and peace
Magic Beach, Agia Anna
(Náxos, 1986)



Endlich war Sommer, meine befristete Arbeitsstelle in Deutschland war beendet, eine neue Stelle vorerst nicht in Sicht, und ich hatte mir vorgenommen, einige Wochen in Griechenland zu verbringen. Damals wusste ich noch nicht, dass sich meine Verliebtheit während meines ersten Urlaubs im Vorjahr mit jedem erneuten Aufenthalt in Griechenland in ein tiefes Liebesgefühl zu diesem Land verwandeln würde.


Auf der Fahrt nach Náxos:  Zwischenstopp in Parikiá, Páros

Ich hatte mich so sehr auf diesen Sommer gefreut, doch die Aussicht auf ein paar unbeschwerte Wochen am Strand von Agia Anna auf Náxos war im April des Jahres jäh durch die Katastrophe von Tschernobyl unterbrochen worden. Nichts war mehr wie vorher. Nicht nur die Bilder des brennenden Reaktors, auch die der Feuerwehrleute, die dort unter Einsatz ihres Lebens versuchten, den Brand irgendwie zu löschen und halfen, das totbringende Monster mit einem Betonmantel zu übergießen, trafen uns alle sehr.

Etwa zeitgleich kam es zu einem "Stör"fall im THTR in Hamm-Uentrop, der jedoch als solcher dank der Aufmerksamkeit von Bewohnern und Biobauern aus den umliegenden Dörfern bekannt wurde. Die Bevölkerung war sensibilisiert. Es hagelte Proteste und Demonstrationen gegen Atomkraft, nicht nur in Hamm, auch in Brokdorf, Wackersdorf, Mühlheim und anderen Standorten. Spielplätze wurden geschlossen, der Aufenthalt im Freien war unsicher geworden. Anti-AKW-Elterninitiativen schossen wie Pilze aus dem Boden. Es gab Vorträge und viele aufklärende Veranstaltungen zum Thema. Wir waren verunsichert, was man überhaupt noch essen konnte. Es gab kaum noch jemanden, der für den Erhalt von Atomkraftwerken war, und fast niemand glaubte an die Beteuerungen deutscher Politiker und AKW-Betreiber, dass die Reaktoren hierzulande sicher seien.

In ganz Europa hatte sich die radioaktive Wolke aus Tschernobyl niedergeschlagen und ich wusste, dass auch Griechenland davon nicht verschont geblieben war. Auch wenn man sich vielleicht der Illusion hingab, den ungeliebten Realitäten in Deutschland durch eine Reise in ein anderes Land, an einen wunderschönen Strand, in ein landschaftlich so reizvolles Gebiet entfliehen zu können, den Auswirkungen der Wolke konnte man nicht entkommen. War der Sand in Agia Anna jetzt auf Jahrtausende hin radioaktiv verseucht? Was war unsere Natur noch Wert? Ich entschloss mich, trotzdem meine Reise anzutreten. An den Gegebenheiten konnte ich nichts ändern, und die Freude auf meinen bevorstehenden Aufenthalt war einfach zu groß.

Zwei Bekannte aus Dortmund wollten in diesem Sommer ebenfalls mit dem Auto nach Nordgriechenland, um ein griechisches Paar zu besuchen, das über viele Jahre hinweg eine legendäre Kneipe im Dortmunder Westviertel geführt hatte. Ich erinnere mich, dass es einmal einen rassistisch motivierten Angriff von Neonazis auf das Lokal gegeben hatte, was uns alle sehr schockiert hatte. Die griechischen Freunde hatten Angst, auch um ihren damals noch kleinen Sohn.

Wir waren alle sehr traurig, als wir erfuhren, dass die beiden, Déspina und Pános, aus diesem Grund wieder zurück in ihr Heimatland wollten. Es war nichts mehr zu machen, der Entschluss stand felsenfest.

Nun wohnten sie in einem Dorf auf der Chalkidikí. Ihr Haus teilten sich vier Generationen, wie wir später einmal rekapitulierten, etwas, das in unseren Breiten schon fast exostisch wirkt.

Bernd und Janna, die beiden Bekannten aus Dortmund, holten mich eines Nachmittags mit Bernds schon etwas älterem Benz ab. Wir waren aufgekratzt und freuten uns riesig, als die Fahrt endlich los ging. Wir redeten durcheinander, hörten Musik, fuhren bei geöffneten Fenstern. Bis nach Österreich verlief alles wie am Schnürchen. Um nach Jugoslawien zu gelangen, mussten wir einen Pass überqueren. Kurz vor der Kuppe hustete der Mercedes einmal trocken durch, und dann gab er keinen Mucks mehr von sich. Bernd kannte sein Auto jedoch gut. Wir stiegen aus und gönnten dem Vehikel eine kleine Pause. Hier oben war es ganz schön kühl. Ächzend schoben wir die Karre über den Sattel. Bergab war alles wieder beim Alten, der Benz sprang an und fuhr dann auch problemlos weiter.

Der jugoslawische Autoput zog sich unendlich. Richtig schlafen konnten wir nicht, nur einmal gönnten wir uns ein Päuschen auf einer Wiese, aber bald schon rasten wir wieder schnurgerade unserem Ziel entgegen. Eigentlich hatten die beiden gedacht, dass wir die griechischen Bekannten in Thessaloniki treffen würden. Ihr Stadthaus fanden wir zwar auch, erfuhren jedoch, dass sie zur Mandel- und Tabakernte ins Dorf gefahren waren. Nun gut, die paar Kilometer schafften wir dann auch noch und trafen schließlich völlig übermüdet am Ziel ein.

Es war später Nachmittag und man war gerade dabei, zur Ernte aufzubrechen. Wir wurden kurzerhand zu Verwandten auf die Ladefläche eines Kleinlasters verfrachtet und schon holperten wir aufs Feld. Nicht dass wir da irgendwie hätten großartig helfen können, aber es war einfach schön zu sehen, wie uns Déspina lachend, braungebrannt und richtig froh aussehend Mandeln frisch vom Baum brachte und uns zeigte, wie wir die hartnäckigen Dinger knacken konnten. Die noch jungen Früchte schmeckten ganz intensiv nach Marzipan.

An jenem Tag sollte ich meine allerersten Worte auf griechisch lernen. Es war nicht "Guten Tag" oder "Danke", sondern: "Μάζεψα αμύγδαλα!" - "Ich habe Mandeln gepflückt!" [Wenn ich mich recht erinnere, war mein zweites Wort später "Βραχυκύκλωμα", der oft gehörte Ausdruck für "Kurzschluss", weil am Strand von Agia Anna immer mal wieder der Strom ausfiel.]

Am nächsten Morgen zogen wir mit zur Tabakernte und halfen später, mit den anderen Familienmitgliedern im Hof unter einem schattigen Baum sitzend, die Blätter aufzuspießen, um sie zum Trocknen aufzuhängen. Wir redeten und lachten viel und freuten uns darüber, mit den Freunden zusammen sein zu können. Unsere Hände waren schwarz vom Teer, den die Tabakblätter ausgeschieden hatten.

Janna und ich wollten der Oma des Hauses ein Geschenk machen und suchten später ein paar Blumen draußen im Gebüsch. Wir kletterten und trampelten dort herum, erwischten auch einige schöne Exemplare, die wir der Oma dann freudestrahlend überreichten. Sie schaute skeptisch. Wo wir die denn her hätten? Von da draußen. Wir zeigten in die Richtung. Und dann schimpfte sie mit uns, dass wir da nie wieder hin gehen sollten, dort gäbe es giftige Schlangen!! Wir gingen dort nie wieder hin.
Überhaupt war die Oma mit viel Pragmatismus und vor allem Muskelkraft ausgestattet. Einmal hieb sie mir lachend mit solcher Kraft auf den Rücken, dass ich einen kräftigen Hustenanfall bekam.

Wir verbrachten einige wunderschöne Tage dort in diesem kleinen Dörfchen. Déspina und Pános hatten wir alle sehr vermisst, denn ihr Lokal war in Dortmund eine Institution gewesen, in der man sich vor allem freitags abends traf. Dann wurden alle Stühle und Tische zur Seite geräumt, gute Tanzmusik aufgelegt, und es durfte abgerockt werden. Man kannte sich untereinander, der Event dauerte bis zum Morgengrauen. Jeden Freitag war die Bude proppevoll. Als die beiden das Lokal aufgaben, fand sich kein Nachfolger, der die Freitag-Abend-Veranstaltung fortgeführt hätte. Im Gegenteil: Es wurde eine langweilige, gut-bürgerlich-deutsche Kneipe daraus. Die beiden fehlten uns sehr. Es war jedoch sehr schön zu sehen, dass es ihnen im großen und ganzen hier, in Griechenland, gut ging, besser als zuletzt in Deutschland.

Nach einigen Tagen nahmen wir drei Abschied von der Familie. Wir fuhren weiter gen Süden, wo sich unsere Wege erst einmal trennten. Ich bestieg eine Fähre nach Náxos und konnte es kaum noch erwarten, wieder am Strand zu sein. Die bereits ungeduldig wartenden zahlreichen Pensions- und Hotelbesitzer im Hafen der Hauptstadt ließ ich freundlich wissen, dass ich an einer Unterkunft in der Stadt nicht interessiert sei. Zielsicher steuerte ich den bereits wartenden Bus an, der mich zu meinem Ziel, nach Agia Anna, bringen sollte.

Hundert oder tausend Mal hatte ich die Szene in Deutschland in meinen Träumen durchgespielt, wie es sein würde, wieder an diesem magischen Strand anzukommen, wieder an dieser internationalen Gemeinschaft teilhaben zu können, wieder so intensive Gefühle zu erleben, die schwindelerregend schönen Sonnenuntergänge, die glitzernde Straße des Mondes über dem Meer.

Wie immer dauerte die gemütliche Fahrt mit dem alten Bus nicht allzu lange. Wieder und wieder hupte der Fahrer inbrünstig, so dass der ganze Bus vibrierte. Bald hielten wir an der damals einzigen Haltestelle in Agia Anna, direkt am kleinen Fischerhafen, in der kleinen Bucht.

Den damals schon für Pauschaltourismus hergerichteten Strand von Agios Prokópios ließ ich hinter mir im Bewusstsein, dass sich hier auch ein Minimarkt und die Travel Agency befanden.

Gleich im Hafen die große Taverne „Gorgóna“ mit dem damals einzigen Telefon und einem ständig herumschreienden, stämmigen Kellner, bei dem man nie wusste, ob er nur derbe Scherze machte oder ein cholerischer Mensch war, oder beides. Hier bekam man einen verdammt leckeren Milchreis mit Zimt, gut gekühlt und auf kleinen, quadratischen Metalltellerchen serviert. Das „Gorgóna“, das im Laufe des Sommers tränenreiche Abschiedsstation war für alle, die wir am Ende ihres Aufenthaltes zum Bus brachten. Wir ahnten ja schon, dass wir uns nie wieder sehen würden, daher auch das Bedürfnis, im Hier und Jetzt zu leben, alles mitzunehmen, was das Leben uns während dieser glücklichen Monate hier zu bieten hatte.

Wieder schwer beladen mit Zelt und Camping-Utensilien, aber nur ganz wenigen Kleidern (am Strand brauchte man ja keine), schleppte ich meinen Rucksack durch die glühende Hitze, über den sandigen Weg, vorbei an der Taverne "Fáros", dem "Parádisos" an der Kurve, mit einem Publikum, das sich eher an den Sechzigern orientierte. Musik der Doors oder Reggae-Klänge waren zu hören. Einige punkig aussehende Deutsche hatten ihre Zelte zwischen dem "Parádisos" und dem weiter vom Sandweg weg gelegenen, neuen Betonbau des Minimarktes mit der freundlichen Besitzerin aufgeschlagen.

An dieser Stelle hatte ich bereits einen guten Überblick über die Strandszene, die Vielfalt der Bambushütten, die mich so faszinierten und die jedes Jahr immer wieder neu erbaut wurden. Der Strand voller ganz unterschiedlicher Menschen. Wo sollte ich hin? Zunächst einmal ging ich den Sandweg weiter entlang, vorbei an der Taverne mit dem öligsten Essen des ganzen Strandes, an der gleich daneben liegenden Disko „Mílos“ in Form einer Mühle und einer angrenzenden weiteren Taverne. Weiter zurückgesetzt dann die von „Christine – cheaper than anywhere“ und schließlich zum kleinen, unscheinbaren Campingplatz, der aber kaum Gäste hatte.

Alle Bambushütten waren belegt, und so baute ich mein Zelt etwas weiter oberhalb, noch jenseits des Campingplatzes auf. Hier war genügend Platz, wunderbare Nähe zum Wasser, eher Naturgeräusche zu hören als die Musik aus den Tavernen oder der Disko. Meine unmittelbaren Nachbarn waren eine Gruppe von Griechen aus Athen, Freaks, die in einer großen Gemeinschaftshütte lebten. Sehr angenehme ruhige Nachbarschaft.

Das Eingewöhnen fiel mir überhaupt nicht schwer, der Strand war mir so vertraut, The Magic Beach. Der Blick auf die Nachbarinsel Páros, wie immer die weichen Hügel in unterschiedlichen Blautönen gezeichnet. Ich war schon auf den Höhepunkt des Tages, den Sonnenuntergang, gespannt.

Der heiße Sand mit den weißen Strandnarzissen. Endlich barfuß laufen. Keine Schuhe mehr und keine geschlossenen Räume. Das angenehm warme Wasser des Meeres, baden, paddeln und schwimmen, eine reine Wohltat für Körper und Seele. Sich auf der Wasseroberfläche treiben lassen, manchmal mit den kleinen oder größeren Wellen schaukelnd, die von Schiffen weiter draußen auf See erzeugt wurden und sich bis zum Strand fortsetzten.

Ein Spaziergang den Strand entlang, direkt an der Uferlinie. Das zurücklaufende und neu anbrandende Wasser um die Fußgelenke. Weiter oberhalb des Strandes dann schwierigeres Gehen durch angeschwemmten, tieferen Kies. Viele Bambushütten dieses Jahr, auch weiter draußen, dort wo die letzte Taverne stand. Auch die Tamariskenbäume hinter den Dünen mit den weit ausladenden Ästen, die bis zum Boden reichen und in der Mitte viel Platz für ein Zelt lassen, waren besetzt. Zufriedene und entspannte Gesichter.

Internationales Publikum aus aller Welt. Gemütliches Beach Life. Einige trieben ein wenig Sport, sie waren aber in der Minderheit wie ein australischer Beachboy, der seinen braungebrannten Body täglich mit Hanteln stählte, hergestellt aus zwei großen, mit Sand gefüllten Wasserflaschen. Soviel Aktionismus war hier aber eher selten.

Strandalltag bedeutete auch, das Bambushaus herzurichten und zu entsanden, Bambus zu schneiden und zu Gebrauchsgegenständen oder für die Ausbesserung der schattigen Hütte zu verarbeiten, Geschirr abzuwaschen im Meer, sich bereits auf den Sonnenuntergang vorzubereiten. Eine sehr beruhigende Atmosphäre. Kein Motorradgeknatter, keine laute Musik.

Bis zum Ende des Strandes, dem niedrigen Mäuerchen, führte mich dieser erste Spaziergang. Ich legte mich in den Sand und genoss das Glücksgefühl, endlich wieder angekommen zu sein. Ein Bad im Meer, die Wasseroberfläche nur leicht gekräuselt, glatt und warm. Wohliges Eingehüllt-Sein.


Auf dem Nachhauseweg war der Strand mit seiner friedlichen Atmosphäre bereits in das goldene Licht der Abendsonne getaucht. Langsam begann sich der Himmel über Páros zu verfärben.

Ein älterer Grieche kam auf einem Esel den Strand entlang. Er rief mir etwas zu, was ich nicht verstand. Ich lächelte ihn an. Er saß im Damensitz auf seinem Esel und schaute mir noch lange nach, während der Esel weitertrabte.

Langsam ging die Sonne unter. Ich ging dem roten Feuerball entgegen. Obwohl das Wetter vorher sehr diesig gewesen war, bot die Sonne jetzt, beim Untergang, ihre ganze Leuchtkraft auf. Sie hob sich klar von den schemenhaften Umrissen der dunkelgrauen Berge von Páros ab. Langsam senkte sie sich dort hinein. Erst als sie die Berge berührte, konnte man erahnen, mit welch rasanter Geschwindigkeit die Erde sich um sich selbst dreht, denn innerhalb weniger Minuten war der Feuerball verschwunden. Der Himmel über Páros begann intensiv rot zu leuchten. Der Wind hatte etwas nachgelassen. Eine kleine Wolke wurde von unten angestrahlt, ihre Konturen leuchteten intensiv silbern. Bald hatte der Himmel sich ganz dunkelrot verfärbt, ein stufenloser Übergang über Blau und Dunkelgrau zum Schwarz der Nacht. Ein Tag war vorbei. Dankbarkeit erfasste mich, hier sein zu dürfen.

Bei meiner Rückkehr sah ich, dass meine Zeltnachbarn ein Feuer entfacht hatten. Ich durfte mich dazusetzen. Sie sprachen leise miteinander, kein lautes Wort. Wir machten uns ein wenig bekannt. Einer spielte Gitarre und sang leise, alles sehr entspannt, lieb, frei, offen. Eine fantastische Nacht. Die Milchstraße war am Himmel zu sehen, manchmal fiel eine Sternschnuppe. Dieses Feuer ließ mich nicht mehr los. So holte ich viel später meinen Schlafsack und schlief auch bald ein in dieser Gruppe von mir fremden Leuten, voller Vertrauen und Wärme.

Im Laufe der Wochen lernte ich viele Menschen kennen, mit denen ich Gedanken, Geselligkeit und Essen teilen durfte. Unter diesen Umständen reiste ich gerne allein. Mir fehlte es an nichts.

Natürlich gab es auch Schattenseiten. Es wohnten auch einige wenige Leute hier am Strand, die keine Barschaft hatten und abhängig waren. Hin und wieder kam es vor, dass sie in ihrer Geldnot Hütten durchsuchten. Im allgemeinen handelte es sich aber um „nette Diebe“, wie sie bezeichnet wurden. Diese legten alles, was sie bei ihrem Streifzug gefunden hatten und nicht gebrauchen konnten, auf einem bestimmten Feld hinter dem Strand ab. Also suchte man hier zuerst. In der Regel fanden sich auch alle Gegenstände wieder ein, auch Flugtickets, Ausweise etc. Nur das Bargeld war unwiederbringlich weg. Wenn die erste Aufregung sich also gelegt hatte, war jedem Neuankömmling klar, dass er nie wieder Bares in der unverschließbaren Hütte liegen ließ, egal wie lieb alle anderen Strandmitbewohner auch waren. Ein echter Wermutstropfen!

Es war faszinierend, Einblicke zu bekommen in die Lebensauffassung von Menschen, die sonst zehntausende Kilometer von Deutschland entfernt wohnen. Über Tschernobyl wurde allerdings kaum geredet, auch nicht über andere politische Themen. Das fand ich sehr schade, hätte ich doch gerne erfahren, wie diese Katastrophe und die Folgen daraus in anderen Ländern diskutiert wurde. „Freiheit leben“ lautete statt dessen das Motto der Strandbewohner. Gemeinsame Unternehmungen, Ausflüge mit dem Bus über die Insel oder in die Hauptstadt, Spaziergänge zu Nachbarstränden. Gemeinsames Essen und Trinken in den Tavernen oder am Feuer. Hier lernte ich die griechische „Paréa“ kennen und schätzen, das gesellige, zwanglose Beisammensein.

Im Laufe des Tages und der frühen Abende fanden sich auch Touristen aus der Stadt zum Abendessen in den Tavernen ein. Fotoapparate klickten und hielten die malerischen Sonnenuntergänge fest. Wir saßen während des täglichen Wunders vor unseren Hütten und Zelten. Wenn man nicht alleine sein wollte, setzte man sich einfach zu anderen dazu, in der Regel wurde während des Naturschauspiels andächtig geschwiegen.

Wenn ich die Tage am Strand schon bemerkenswert fand, so begeisterten mich die Mondnächte fast noch mehr. Insbesondere die Vollmondnächte wurden von uns immer wieder zelebriert. Bald nachdem die Sonne sich über Páros verabschiedet hat, geht der Vollmond groß auf der entgegengesetzten Seite über den naxiotischen Hügeln auf. Dunkelgelb mit einem hellen Hof, der die Szene taghell erscheinen lässt. Gelegentlich auch laute Worte und Streit. Spannungen. Energieschübe, schon den ganzen Tag hindurch. Viele Plastikwasserflaschen wurden am oberen Ende aufgeschnitten und zur Hälfte mit Sand gefüllt. Ein Kerzenstummel wurde hineingesteckt und angezündet. Hunderte von diesen Leuchtbötchen, über den ganzen Strand verteilt, wurden mit dem ersten Mondlicht auf die Reise über das Wasser geschickt. Welch ein Zauber. Das Meer leuchtete. Erstaunlich lange konnte man die vielen schaukelnden Lichter sehen, auch als die Flaschen schon ganz weit aufs Meer hinausgetrieben waren. Später würde sich vermutlich irgendein Oktopus darauf stürzen.

Strandfeuer wurden angezündet, man war zusammen, machte Musik, woanders duftete es verführerisch nach Gegrilltem, auch aus den Tavernen.

Mittlerweile war der Mond auf seiner Bahn schon weitergezogen, hatte sich optisch verkleinert und stand nun fast senkrecht über uns, mit fahlem Licht. Er zauberte eine silberne Glitzerbahn auf die glatte Meeresoberfläche, an der ich mich nicht satt sehen konnte. Erst gegen Morgen ging der Mond über Páros unter. Er veränderte seine Form, wurde wieder größer, gelb und schließlich rot. Mittlerweile arg deformiert verschwand er schließlich irgendwo über dem Meer im Dunst. Gleich würde die Sonne wieder aufgehen.



In der Morgendämmerung:  Das nächtliche Feuer ist fast abgebrannt...


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