Wie es kam, dass ich mich in Griechenland verliebte
I. Die erste Reise:   Mýkonos, 1985



Bei Dunkelheit aufstehen, Katzenwäsche, eine schnelle Tasse Kaffee im Stehen, den großen Rucksack auf den Rücken geschnallt, die Zelttasche in der einen, einen kleinen Rucksack in der anderen Hand (Mensch, sind die Sachen schwer!), leise die Haustür schließen und schnell zur U-Bahn-Haltestelle. Westberlin, 02. August 1985.

Von Moabit nach Rudow, von dort mit einem fast leeren Bus zur Grenze und weiter zu Fuß durch das neblige Niemandsland zwischen Deutschland West und Deutschland Ost, in aller Herrgottsfrüh. Es war mein erster Transit über diesen Grenzübergang und etwas unheimlich war mir schon zu Mute. Endlich war der Durchgang geschafft.

Nun reiste ich also in die DDR ein, begutachtet von einem freundlichen Grenzer, und wartete eine längere Weile auf den Bus zum Flughafen Schönefeld.

Als dieser mich zusammen mit den wenigen anderen Fahrgästen zu unserem Ziel gebracht hatte, begann erneut eine zweistündige Warterunde. Trotz der Müdigkeit war ich doch ziemlich aufgeregt ob meiner ersten Reise nach Griechenland.

Endlich konnten wir einchecken und pünktlich an Bord eines Flugzeugs der „Interflug“-Linie gehen. Ein gelungener Start, angenehmer Service während des ruhigen Flugs, jede Menge Vorfreude auf die nächsten Wochen, auf das Ungewisse, auf ein neues Land. Und schließlich die sanfte Landung in Athen, am International Airport.

Erstmals hörte ich den Klang der griechischen Sprache, der mir ganz und gar nicht vertraut war. Schließlich fand ich aber doch das richtige Gepäckband, und irgendwann kam auch mein Rucksack dahergeschaukelt. Alles war da, komplett und heile. Jetzt konnte es losgehen. Auf nach Piräus, zum berühmten Hafen.

Eine Freundin hatte mir dringend an`s Herz gelegt, meinen wohl verdienten, vierwöchigen Urlaub in Griechenland zu verbringen.
„Wo soll ich denn da hin?“, hatte ich sie gefragt. Beim Blick auf die Landkarte hatte ich mich nicht entscheiden können, welche Insel ich denn ansteuern sollte.
„Fahr' nach Piräus, geh' in einen der Ticketshops an der Hafenfront und kaufe dir eine Fahrkarte auf eine der vielen Inseln, es ist ganz egal auf welche, es wird dir überall gefallen“, lautete ihre Antwort. "Lass` dich überraschen!"
Das gefiel mir. Es roch nach Abenteuer.

Und so machte ich mich auf den Weg, hinein in die glühende griechische Augusthitze, fand im Gewusel die Bushaltestelle und den richtigen Bus. Ich schwitzte ordentlich mit meinem schweren Gepäck, genoss jedoch die Fahrt nach Piräus. Dort angekommen, befolgte ich gleich den Rat meiner Freundin und ging in einen der Ticketläden, um mir eine Fahrkarte zu irgendeiner Insel zu kaufen.
„Sorry, für heute gibt’s es keine Tickets mehr, alles ausverkauft“, lautete die Auskunft. Dies war auch in allen anderen Fahrkartengeschäften der Fall. Es war Ferienzeit, Hauptreisezeit, auch für die Griechen selbst. Da stand ich jetzt, was tun?
Ich dachte mir, dass es am besten sei, direkt ein Ticket für die erste Fähre am nächsten Morgen zu erstehen. Diese fuhr nach Mýkonos, eine Insel, die mir zumindest vom Namen her vertraut war. Das Ticket auf der „Naías II“ kostete damals 1.095 Drachmen (um die 16 Mark). Stationen auf der Schiffspassage sollten Sýros und Tínos sein.

Eine Gepäckaufbewahrung fand ich in der Endhaltestelle der U-Bahn, in der Nähe des Eingangs. Für ein paar Drachmen wurde ich meine schwere Fracht erst einmal los. Der Fährhafen lockte mich gleich nach draußen. Riesige Werbetafeln für Zigaretten auf den Dächern der umliegenden Hochhäuser, ein nie endender Verkehrsstrom auf der Hauptdurchfahrt, Gehupe und Verkehrsgewusel. Die Straße überqueren zu wollen erforderte Mut und ein gutes Auge für die Lücke.

Ich steuerte auf die größeren „Pötte“ zu, wollte sehen, wo am anderen Tag mein Schiff ablegen würde, damit ich nicht noch lange rumsuchen musste. Abwasserdüfte und Benzingestank waberten mir entgegen. Bäääh, und doch....ein Mann schob einen Wagen mit süßen Leckereien vor sich her, von denen ich gleich mal probierte. Bisschen klebrig, aber guuut. Weiter schlendern entlang der Hafenfront.

Die eisernen Bäuche der Schiffe waren geöffnet, Fahrzeuge rangierten, ein Pulk Touristen entströmte einer größeren Fähre. Sprachengemisch, Männer in Uniformen, mit Trillerpfeifen und weiß-behandschuht, in einer Tour pfeifend und energisch gestikulierend, pulsierendes Leben.

In einem kleinen Lokal suchte ich mir ein Plätzchen, um meinen Durst zu löschen und mir Gedanken darüber zu machen, wo ich die Nacht eventuell verbringen könnte. Am besten wäre es doch wohl in Hafennähe, um dann gleich in aller Früh an Bord meiner Fähre zu gehen.

Zurück am U-Bahnhof holte ich später mein Gepäck wieder ab und bekam dann auf Nachfrage einen Tipp, wo man zusammen mit vielen anderen Reisenden die nächtlichen Stunden bis zur Fährenabfahrt warten konnte.

Die erste Nacht in Griechenland verbrachte ich also nicht bereits, wie erhofft, auf einem Campingplatz am Reiseziel, sondern in einem kleinen Park in Piräus, nicht weit weg von der Anlegestelle der großen Fähren, zusammen mit vielen anderen Rucksacktouristen und einigen streunenden Hunden. Etwas mulmig war mir aber schon, in einem fremden Land in einem Park zu nächtigen, doch viele andere taten es ebenso, und so konnte nichts Falsches daran sein.

Am darauffolgenden Morgen um 8.00 Uhr legten wir ab.

Zum ersten Mal genoss ich eine Fahrt auf einer dieser größeren Fähren, atmete den Dieselgeruch ein, spürte das Vibrieren der Schiffsmotoren, hörte das unverständliche Krächzen aus den Lautsprechern und das laute Tuten des Horns.
Die Fähre war voll besetzt, ich schaffte es jedoch, meine Iso-Matte neben den vielen anderen auf dem obersten Deck auszubreiten. Den Rucksack am Kopfende verstaut hatte man knappe 2 qm eigenen bequemen Platz mit prima Aussicht.

Die Sonne gewann gleich an Kraft, doch die Hitze war auf offener See nicht spürbar, ganz im Gegenteil, es blies ein sehr kräftiger Wind. Gelegentlich schoss Meeresgischt bis auf die Fährendecks, und die Haut wurde mit der Zeit von einem feinen Salzfilm überzogen. Wenn man sich mit der Zunge über die Lippen fuhr, schmeckte man ebenfalls Salz. Ein Delphinschwarm wurde von Mitreisenden entdeckt, und sofort stürzten alle an die Reling, um Fotos zu schießen.

Ich fühlte mich von der unerwartet türkisblauen Farbe der Ägäischen See schon fast geblendet. Auch die Hafeneinfahrten zu den Inseln Sýros und Tínos begeisterten mich sehr. Das Manövrieren des großen Schiffes, die lässigen Gesten von Schiffsbesatzung und Hafenarbeitern, der Blick auf die Örtchen, das Ausspucken der Reisenden und Einladen neuer Gäste, und gleich wieder weiter, die Reling umklammert, sehr viel Wind in den Haaren. Schließlich, nach vielen Stunden, die Ankunft in Mýkonos.

Hier sollte ich erste Bekanntschaft mit den Auswüchsen des Massentourismus machen, die mich nachhaltig beeindruckten.

Kaum der Fähre entstiegen und erkundet, wie ich zum Campingplatz käme, nahm ich mir wegen meines schweren Gepäcks nur wenig Zeit, Mýkonos-Stadt ein wenig in mich aufzunehmen. Die so sorgfältig herausgeputzte Stadt mit ihren Windmühlen wirkte auf den ersten Blick auf mich sehr touristenorientiert. Der Ort platze aus allen Nähten, Menschen, wohin man schaute, Gewusel und Gedränge.

Wir wurden von einem übelgelaunten, unwirschen Menschen in einem kleinen Boot zusammengepfercht, und schon tuckerten wir los zum Paradise-Beach. Der Zeltplatz erschien mir hoffnungslos überfüllt. Nur mit Müh` und Not gelang es mir, für mein Zelt ein kleines Fleckchen in praller Sonne zu finden. Der Wind blies weiter kräftig und in Böen, so dass die Zeltplanen nach überall hin flatterten. Also bat ich einen meiner Nachbarn, mir beim Aufbau zu helfen. Mit einem knapp dahin geworfenen „No“ ging er einfach weg. Na bravo!! Nach Äonen hatte ich das Zelt, das mir ein Freund geliehen und das ich noch nie aufgebaut hatte, endlich stehen.

Übergroße Mittagshitze. Puhhh, wie ich schwitzte! Also gut, erst mal duschen, immerhin. Danach eine Erfrischung im Self-Service-Restaurant des Campingplatzes. Ein kleines Nickerchen hätte mir jetzt gut getan, die beiden letzten Nächte hatte ich fast ohne Schlaf auskommen müssen.

Mit Motorradgeknatter zwischen den Zelten und lauter Musik war an Erholung allerdings nicht zu denken. Und das rund um die Uhr. Begab mich ja auch gerne auf Partys, doch das hier war selbst mir zu viel. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Das hier artete langsam in Stress aus.

Beim Essenfassen wurde man mit scharfen "Avanti" - "Avanti“ - Befehlen vorangetrieben, während des Essens musste man aufpassen, dass einem die Abräumer nicht den Teller noch während der Nahrungsaufnahme wegrissen. Auch das scheinbar lediglich auf reine Selbstdarstellung bedachte Camping-Publikum und ich – wir waren nicht auf einer Wellenlänge. Das hier war ein Theater mit vielen Hauptdarstellern - und ich befand mich irgendwo dazwischen, schwitzend und müde.

Instinktiv hatte ich das Alte erhofft, das Geheimnisvolle, das Griechenland umgibt. Gefunden hatte ich bisher weitestgehend genervte Griechen, die die Touristenmassen fütterten, abfertigten und wegkarrten. Ich war enttäuscht.

Wegen des Sturms fuhren 5 Tage lang keine Fähren. Also klebte ich auf Mýkonos fest und fragte mich, was ich mir da angetan hatte. Irgendwie musste ich hier auch mal weg, eine Insel besteht ja nicht nur aus einem einzigen Strand.

Während eines Spaziergangs ins Inselinnere verzauberten mich kontrastreiche Farben: Weiß gekalkte Häuser, braune, karge Landschaft und das satte Blau des Meeres unter einer unerbittlich grellen Sonne.

Auf einer Mauer rührte sich etwas. Ganz leicht nur. Ich blieb stehen und versuchte zu erfassen, was es war. Da saß eine größere Echse, bestimmt so um die 40 cm lang, von genau der gleichen beige-braunen Farbe wie die Bruchsteinmauer selbst. Eine Echse von dieser Größe hatte ich noch nie gesehen. Wir schauten uns gegenseitig mehrere Minuten lang an. Keiner rührte sich, bis es ihr zu langweilig wurde und sie im Handumdrehen davon huschte.

Mir fiel auf, dass es nirgendwo Wasser gab, keinen Bach, noch nicht mal ein Rinnsal. Nur einmal erblickte ich eine alte Zisterne. Ich stellte mir vor, wie die Menschen sich hier um das Wasser für ihr Vieh und die Felder sorgten, während die Touristenmassen das wertvolle Gut verschwendeten. Auch etliche Kapellen sah ich unterwegs. Eine war geöffnet, Kerzen brannten und Weihrauch schwängerte die Luft.

Die Mykonióten, die mir unterwegs begegneten, waren sehr freundlich, grüßten mich sogar, verströmten Ruhe, Balsam für meine unausgeschlafene Seele. Selbst die Chóra erschien mir heute ruhiger. Ein leckerer, ganz entspannter Imbiss in einem Lokal, in dem man sich Zeit lassen durfte, rundete den Tag ab. Ganz langsam fand ich Geschmack daran, in Griechenland zu sein, mich endlich ein wenig auf dieses fremde Land einzulassen, denn eines war mir klar: Mit einer der ersten Fähren, die nach dem Sturm wieder fahren würde, wollte ich Mýkonos verlassen und mich auf ein neues Eiland treiben lassen. Hoffentlich würde ich ein Inselchen finden, das meinen Interessen mehr entsprach.


Auf zu neuen Ufern!


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