Namenstag
(Frühjahr 1986)



Der Namenstag von Vangélis ist der 25. März. Mein Zimmerwirt in der Chóra von Náxos hieß so. Zu seinem Namensfest war ich kurzerhand eingeladen worden.

Das Haus am Ortsrand erschien mir recht neu, sehr modern eingerichtet. Ordentlich aufgeräumt und schön hergerichtet für die vielen Gäste, die an der Feier teilnehmen sollten. Es kamen Bauern aus der Umgebung. Als Gastgeschenke brachten sie eimer- und kistenweise Feldfrüchte mit. Auch Naxiotische Prominenz fand sich ein. Obwohl ich zu der Zeit überhaupt kein Griechisch sprach, bemerkte ich am Verhalten meiner Tischnachbarn, dass man dem einen oder anderen Stadtoberen beim Eintritt Achtung zollte, indem man sich von seinem Sitzplatz erhob. Man saß auch nicht bunt gemischt beisammen, sondern fein säuberlich nach Herkunft bzw. Status getrennt. Die Stimmung war verhalten, nicht ausgelassen, wie bei so manch anderem griechischen Fest. Zum Glück saß ich bei drei Bauern am Tisch, die mich trotz der Sprachbarriere für diesen Abend in ihre Mitte aufgenommen hatten, nicht zuletzt auch deswegen, weil ich auf ihre Nachfrage hin „Willi Brandt“ ganz gut fand. Ihre Scherze verstand ich zwar nicht genau, empfand die Stimmung an unserem Tisch jedoch als sehr zwanglos.

Essen und Getränke wurden kredenzt, alles im Übermaß, so dass die Tische sich förmlich bogen. Das Gelage dauerte mehrere Stunden. Immer wieder wurden die Platten mit gebratenen Fleischlappen aller Art aufgefüllt. Der Wein floss in Strömen. Bald, nachdem die Bäuche prall gefüllt waren, verabschiedeten sich die vornehmen Leute.

Nun kam Leben in die Bude. Dem Rest der Gäste war nach Tanz. Erst formierte sich brav eine lange Reihe von Tänzern und Tänzerinnen, die sich anschickte, zu langsamer Musik vom Band ihre Runden zu drehen. Diese beliebte Art zu tanzen sollte jedoch nicht lange währen. Mit einem Mal kam einer auf mich zu, schaute mir tief in die Augen und riss mit einem plötzlichen Ruck das Tischtuch herunter, so dass Teller und Gläser laut klirrend auf dem Fußboden zerschellten. Ein anderer hatte Whisky auf unseren Tisch geschüttet und ihn mit einem Feuerzeug angezündet. Eine schwache bläuliche Flamme loderte auf der Tischoberfläche. Gleich sprang ein Dritter, der sich bereits seiner Schuhe entledigt hatte, mit einem Satz auf den Tisch und begann einen wilden Tanz zu mittlerweile ohrenbetäubend lauten, schnellen Rhythmen. Die Tänzer wechselten sich ab, für den brennbaren Nachschub war bestens gesorgt. Bei ausgelassener Stimmung wurde ordentlich Retsína und Whisky getrunken und gefeiert.

Schon den ganzen Abend über waren mir drei jüngere Griechen aufgefallen, zwei Männer und eine Frau. Sie sprachen englisch und luden mich ein, eine kleine Auszeit zu nehmen und mit in die Nachbarwohnung zu kommen. Sie waren umwerfend nett, erzählten mir, dass sie aus Athen kamen, ausgestiegen waren und hier auf Náxos versuchten, sich ihren Traum vom bäuerlichen Leben zu erfüllen, was alles andere als einfach war. Ich war begeistert. Leute, die einfach das taten, was SIE meinten, die nicht "in der Spur gingen", die in ihrem Leben etwas wagten! Hier waren sie wieder, diese Menschen, deren Mut ich bewunderte und von denen ich so viel lernen konnte. Wir blieben noch eine ganze Weile hier und hörten ihre Lieblingsmusik.

Bei unserer Rückkehr stellten wir fest, dass die Gäste des Namensfestes sich sehr ausgelassen ihrem "Feuertanz" hingaben. Immer wilder ging es zu. Man begann, sich mit den mitgebrachten Nüssen zu bewerfen. Es folgte eine Orangenschlacht. Die so schön herausgeputzte Wohnung verwandelte sich in ein Schlachtfeld. Es war bereits früher Morgen, als auch Teller und Gläser durch die Luft flogen oder gleich mit Effet auf dem Boden zerdeppert wurden.

In Windeseile wurden alle noch verfügbaren Gläser eingesammelt. Alkohol war nicht mehr erhältlich. In der Küche wurde statt dessen eine kräftige Hühnerbrühe in die Gläser gefüllt und mit einer halben Zitrone an die Gäste gereicht, ein Zeichen dafür, dass das Fest sich jetzt dem Ende näherte. Die wohltuende Wirkung der Kraftbrühe sollte auch allzu schlimme Nachwirkungen des übermäßigen Alkoholkonsums am nächsten Tag verhindern. Langsam beruhigte man sich wieder, und bald gingen alle Gäste nach Hause.


Fotoimpressionen
vom Frühjahr 1986,
Naxos-Agia Anna



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