Nach Alexandroúpoli und Évros
(25. Mai 2004)

Copyright puchheim = MartinPUC 2004, 2007



Geschrieben aus der Erinnerung.

Gewidmet dem unvergleichlichen Autorengespann Ute Latermann–Pröpper und Rainer Karbe (rororo: Anders Reisen. Nördliche Ägäis. Leider im normalen Buchhandel nicht mehr erhältlich).


DIE ÜBERFAHRT

Gestern war ein schiffsfreier Tag gewesen, nichts für Leute, die zur Hauptstadt der Provinz Évros auf dem thrakischen Festland übersetzen wollten. An jenem Montag kam das mittelgroße Fährschiff namens Arsinói, gesprochen „Arsinó–i“, zwar von der großen thrakischen Stadt her an, blieb jedoch bis zum Folgetag in Kamariótissa liegen – wie man mir in der SAOS–Fahrkartenagentur voraussagte.
Alle Zimmervermieter freuen sich über so eine erzwungene Verlängerung ihrer Belegungen, und für mich bot sich Gelegenheit, eine Gegend des mir unbekannten Nordens Samothrákis etwas intensiver zu erkunden.

Wenn man sich an die Níssos Límnos gewöhnt hat, wirkt die Arsinói relativ klein. Sie sollte sich andererseits als sehr stabil in den Wellen liegendes, äußerst seetüchtiges und sehr zügig dahineilendes Vehikel erweisen. Eine angenehme Überraschung. Ich würde sie nicht ohne Not verkaufen!

Zum vierten Mal gönne ich mir als Frühstück die ungesunde Bougátsa–Kréma mit etwas, nur einer Spur, Puderzucker und wesentlich mehr Zimt und einem großen Glas Wasser bei dem gut aufgelegten Dauerverschwitzten gegenüber der Kirche.

Mit jedem Tag gewinnt man an Souveränität, als Neuling auf einer Insel, diesem auf die Spitze getriebenen Symbol des menschlichen Lebenskampfes in all seiner gemeinsamen wie persönlichen Isolation.
Es ist jedes Mal schade, wenn man sich wieder verabschieden muss, auf dem Weg zu ganz anderen, neuen „Herausforderungen“ – um es im Wirtschaftsslang auszudrücken.

Die vielen kleinen Abschiede im Leben. Oft fallen sie richtig schwer. Auch Samothráki war gar nicht so ohne. Die zunächst unbedeutenden Erlebnisse, nicht alles habe ich geschildert. Die Bergspitzen, richtig von unten her abgeschnitten im Rahmen des längeren Gebirgsgrates, der die ordnende Oberhand behält – so kommt es einem vor. Das Gewitter. Die beiden gänzlich unterschiedlichen Inselseiten. Der Wasserreichtum rundherum. Die südenglisch anmutenden Getreidefluren im Westen. Die Baumgürtel. Nette Leute. Andererseits skrupellose Kleingeister ohne Weitblick, die die Rechnungen frisieren – welch unabsehbaren Schaden sie anrichten in diesen schwierigen Touristenzeiten. Die paar Mittouristen. Die Tristheit der Vorsaison. Der Anblick des Krimniótissa–Klosters über den Oliven neben dem sich dem Auge bietenden Ausschnitt eines Teiles der so nahen türkischen Nachbarinsel Gökçeada (Ímbros), die ich zunächst für Límnos gehalten hatte. Alles addiert sich auf zu einem beeindruckenden Gesamterlebnis, das meiner ganz individuellen Geschichte, meiner Biographie, hinzugefügt wird und das ich nicht missen kann und möchte.
Deshalb fällt auch dieser Abschied nicht leicht.

Nach Art einer Theaterkulisse schiebt sich die Nordküste der Insel immer weiter zurück, lässt die markanten, wenn auch nur in ihren höchsten Höhen etwas hervorgehobenen, also nicht besonders tiefen oder langen, oder abgehoben hochragenden Berggipfel Samothrákis deutlicher hervortreten, in einer szenischen Großartigkeit vergleichbar mit dem Schlussbild der vorletzten „Götterdämmerung“ unter Sawallisch, als der Loge Robert Tear, den Finger nachdenklich ans Kinn gelegt, bedächtig in die unendlichen Tiefen der riesigen Münchener Hinterbühne schritt, bis an die Außenmauern des Operngebäudes, während die bis dahin bekannte Weltordnung im Untergang begriffen war – und die Oper fragend endete.

Aus Göttergefilden grüßt von fern der Sáos herüber (ist er dem naxiotischen „Zafs“ gleichzusetzen? – dem neuen Göttervater Zeus, Ablösung der uralten asiatischen, anatolischen Kabiren?), mit seinen höchsten Inselgipfeln, während der kleine Draufgänger von Fähre richtig Dampf macht, gleichmütig und äußerst stabil die bewegten Wellen teilt – ein Glücksfall der Schiffsbaukunst, gemessen an seiner immer noch bescheidenen Größe, auf die neue, ganz andere Stadt zusteuert.

Die abreisenden Samothrák(i)er haben sich im Salóni ( dem Wohnzimmer) der Arsinói versammelt – dass hier so viele Griechen anwesend sind, äußerst sich in einem extradicken Zigarettenqualm, der den Raum übermystisch einnebelt. Irritiert von dem die Lungen akut gefährdenden Kampfgas, versammeln sich mehr und mehr Mitglieder der niederländischen Busreisegruppe auf dem (unteren) Oberdeck, draußen in der frischen Luft.

Lohnt sich auch, ohne Frage. Ímbros ist schon längst augenfällig, nur wo seine Grenzen liegen, darüber lässt sich heftig streiten.
Seine Grenzen verschmelzen in vollendeter Manier mit den Randbergen der türkischen Dardanellen, dem Hellespont, auf Griechisch. Auch wenn man weiß, dass Ímbros nur höchstens anderthalbmal so lang wie Samothráki ist, fällt es schwer, die Grenze zu ziehen, angesichts eines von der Natur so perfekt eingeblendeten ineinanderfließenden Hintergrunds. Ich überlasse die Entscheidung späteren Betrachtergenerationen.

Eingefleischte Nordgriechenlandfanatiker haben sich wahrscheinlich sowieso der thrakischen Gebirgskette zugewandt, die einem als Abglanz noch weiter nördlich und besonders westlich auftauchender rhodopischer Grandezza von Norden her mehr oder weniger kontrastreich entgegenschimmert.

Nach spätestens anderthalb Stunden erkennt man, wo es langgeht.

Flaches Festland tritt einem entgegen, und eine Stadt leuchtet weiß aufs Thrakische Meer hinaus.
Sie umfängt den Ankömmling mit den weit ausgestreckten steinernen Armen einer langen Mole bzw. Kaimauer, die beide einen erstaunlich großen Hafen in sich bergen.


ERSTE FÜHLUNGNAHME MIT ALEXANDROÚPOLI

Eine breite Häuserfront in nur leicht ansteigender Terrassierung zieht sich kilometerweit die Küste entlang. Alles macht einen recht modernen Eindruck, die Straßenzüge sind gitterartig ausgerichtet, die Altstadt sucht man vergeblich.

Schon beim Andocken am rechten Winkel der großen Mole mit einem kleineren ostwärtigen Ast, an dessen Ende sich die Kafenío–Taverne einer Hafenorganisation befindet, spüre ich, dass ich diese Stadt mögen werde. Sie liegt mir auf Anhieb. Wohl auch wegen ihrer großzügigen Weite und der wohltuenden geographischen Lage zwischen den sanften östlichen Rhodopenausläufern, der Thrakischen See, den Inseln und Dardanellenbergen und der östlichen Ebene mit der einzigartigen Naturlandschaft des riesigen Évros–Mündungsgebiets, dessen östliche Partie bereits auf türkischem Territorium liegt.

Die Steigung hinauf zur Uferpromenade ist bald überwunden, ich wende mich nach Ost, gehe vor bis zum recht hübschen Eleftheriás–Platz mit seiner Grünanlage beim über dem Ufer gelegenen Bahnhof. Frage mich dort durch, denn ich hatte gedacht, ich würde gleich bei dem rundlichen Plätzchen mit den Tavernen landen. Kommt davon, wenn man nicht auf den Plan im Buch schaut. So muss ich etwas weiter nördlich den breiten Boulevard namens Leofóros Dhimokratías mit Straßencafés, Kiosken, Modegeschäften und viel Leben in westlicher Richtung zurückwandern bis zur Einmündung der 14.–Mai–Straße, in die ich nach Nord einbiege.

In der ersten Querstraße links liegt der Busbahnhof, nur 50 m drin, gut zu wissen. In der nächsten Querstraße links, unweit des Kiosks, liegt mein Hotel, an dem ich erst vorbeilaufe, da die schwarzen Sonnenschutzscheiben dem Haus ein unbewohntes, ja totes Aussehen geben.
Für 20 Euro (Single, one night only) beziehe ich schließlich das hübsche, saubere Zimmer mit Balkon, aber ohne eigenes Bad. Mit hätte es eher 30 Euro gekostet. Gegenüber eine griechische Balkonlandschaft vor Wohnungen, hoch über der Seitenstraße.
Im Hotel Lido in der Paleóglou–Straße Nr. 15 herrscht schon am Empfang eine angenehme Atmosphäre. Man wird angestrahlt, kriegt Komplimente, wenn man es auf Griechisch versucht, hat den Eindruck, tatsächlich als Gast zu gelten. Die Lage des Hauses ist so optimal, dass ich auch aus diesem Grund ohne zu zögern gerne wiederkommen würde.

In nur zwei Minuten bin ich am Busbahnhof, dem Sammelpunkt aller möglichen Völkerschaften und Menschentypen mit wirklich guter, ruhiger Stimmung, gemischtem Publikum an den Tischen, besonders interessant die dick eingemummten, Kopftücher, seltsame Pantoffeln und dicke Stricksocken tragenden älteren Frauen, die hier, mitten in der Stadt, eine Atmosphäre ferner Bergdörfer verbreiten.

Nach etwa einer halben Stunde sitze ich im gut gefüllten Bus nach Orestiádha. So spare ich mir einen Tag, kann locker gleich heute die Neugiertour ins nördliche Évros unternehmen. Denn die Schnellbusse schaffen diese Strecke trotz mehrerer Stopps in zwei Stunden, schneller als die Eisenbahn, und es ist noch nicht einmal Mittag.


INS NÖRDLICHE ÉVROS

Aus der Stadt rauszukommen dauert eine Weile. Bahngleise werden sichtbar, am Schluss fahren wir bis kurz vor dem Flughafen neben der eingleisigen Bahnstrecke her hinaus in eine große Ebene. Ungefähr 7 km östlich der Stadt liegt der Airport idyllisch nicht weit von der Küste. Die gut ausgebaute Straße führt direkt daran vorbei. Viele Möbelhäuser sind mir bis hierher aufgefallen.

Bei Monastiráki, wo eine Nebenstraße ins Évros–Delta abzweigt (– man bräuchte hier ein Fahrrad!) biegt der Highway allmählich nach Nordost. In Féres verlassen wir die Überlandstraße und fahren bis hinter zur Busstation am östlichen Ortsende nahe dem großen Fluss, um etliche Leute aussteigen zu lassen. Wegen Bauarbeiten geht es auf Umwegen zurück zur Magistrale.

Kurz hinter Féres überqueren wir auf neu angelegter Straßenüberführung das breite, schwarze Band der hier bereits fertiggestellten Autobahn in die Türkei mit ihren grünen Hinweistafeln. Nicht auf allen Karten, auch nicht auf meiner Thrakien–Karte von Road Editions, ist sie schon eingetragen.
Ich habe den Eindruck, dass diese Gegend straßenmäßig besonders begünstigt ist. Statt einer gewissen Entlegenheit offenbart sich ein hohes Maß an Erschlossenheit. Ein richtiger Highway, der unsere, auch die kleineren Ortsdurchfahrten sind überbreit.

Was mich verwundert, ist die unerwartet geringe Höhe der östlichen Rhodopenausläufer. Nichts Dramatisches, eher Sanftheit und allmähliches Ansteigen gegen West.

Ein paar Storchennester am Straßenrand beleben die Fantasie. Wie schön – Störche!!! Was wird sich wohl weiter drinnen in so mancher Ortschaft storchenmäßig abspielen? Ob es so aussieht wie in Zentralspanien? – Wohl nicht, denn Meister Adebar ist nur selten im Flug zu sehen, während man sich in Ávila oder Segóvia oder auch Salamánca vor lauter Storchen–Begrüßungsgeklapper fast die Ohren zuhalten muss, dort, wo auch längere Zeit aufgestellte Baukräne hinten und vorne auf ihren Auslegern jeweils ein Storchennest tragen (– Ávila!!! DIE Stadt der Störche).

Auf dem Weg nach Souflí fällt bald auf, wie nahe wir den ersten türkischen Dörfern kommen. Ihre rötlichen Hausdächer, ihre Moscheen und deren Minarette sind ein untrügliches Zeichen.

Dazwischen erstreckt sich die die Straße stellenweise fast tangierende Bahnlinie, dehnen sich Wiesen und Felder der Flussaue aus, und immer näher kommt auch der Évros selbst, Grenzfluss zum europäischen Festlandsteil von Tourkía.

Besonders schön gestaltet sich die Ortsdurchfahrt der alten Stadt Souflí mit ihrem hochinteressanten Straßenbild, den vielen kleinen Kafenía, mal griechisch, mal türkisch, den kleinen Geschäftchen, der quirligen, geschäftigen Kleinstadtatmosphäre.
Vor dem Bus her zockelt, die Aufschrift am Autoheck verrät es, der „Moúftis tou Évrou“, der Oberpriester der stattlichen türkischen Minderheit dieser Provinz Griechenlands – viel zu langsam für den Busfahrer. Er trägt ein gehäkeltes Netzkäppi, das sich farblich von dem der niedriger gestellten Muslime abhebt (– Weiß gegen Grau, glaube ich mich zu erinnern).

Eine tolle Stadt muss das sein, mit ganz spezieller Stimmung! Das sieht man schon aus dem Busfenster.

Wenn sich Staus bilden, sind immer die Bulgaren dran schuld! Mein Sitznachbar weist mich auf den langsamen alten LKW hin, der irgendein rostiges Vehikel auf seiner Ladefläche in das nördliche Nachbarland entführt.

Unweit nördlich von Souflí und ein andermal kurz vor der Abzweigung nach Dhidhimóticho kommen wir dem Évros äußerst nahe, auf ein paar Meter. Vor dem zweiten, nördlicheren „Berührungspunkt“ mit dem Fluss steht ein Häuschen mit Militär davor.
Auf türkischer Seite ist gar nichts von Militär zu sehen, während das griechische Ufer entlang immer wieder kleine Militärkonvoys die Hauptstraße sichern und auch schon mal zwei Panzer, Tanks am Straßenrand geparkt sind. Während die türkische Politik auf Entspannung setzt, steckt den Griechen trotz ebenfalls gezeigtem Entgegenkommen die alte Türkenfurcht noch schwer in den Knochen.

Das recht groß erscheinende Didimóticho wird von einer Hügelfestung gekrönt, darunter überragt noch ein markantes, wie eine Riesenmoschee aussehendes Kuppelgebäude das altehrwürdige Stadtbild.
Wir umfahren die Altstadt und biegen im Stadtnorden nach West zur Busstation hin ab., vorbei an einer Barackensiedlung, offenbar für Asylanten (?).

Zurück auf der Überlandstraße, wird es allmählich geradezu langweilig. Nichts so Besonderes, diese Landschaft. Wenig Spektakuläres. Abseits der großen Straße ist sie bestimmt schöner, unentstellter.
Vor Orestiádha erscheinen auch wieder die größeren Gewerbe– und Geschäftshäuser neben der Straße. Sie muten wie irgendwo in Europa an. Der Balkan versteckt sich wohl eher im Hügel– und Bergland.

Es ist eine lange Einfahrt nach Orestiáda, bis das etwas höher gelegene Zentrum erreicht ist. Eine Plansiedlung ist diese Stadt, 1923 neu gegründet, mit gitterförmigem Straßengrundriss.

An der zentralen, groß dimensionierten Platía mit Denkmal, Grünanlage und Hotel, über die die Hauptdurchgangsstraße führt, biegen wir nach West ab und bald nach Nord in das Viertel, wo sich die Busstation befindet. Von hier aus geht etwa stündlich ein Bus zurück nach Alex’poli. Von hier aus gehen ebenso Anschlusslinien nach Kastaniés (Grenzstation gegenüber dem türkischen Edirne, griechisch Adrianoúpoli) sowie in entlegenere Täler und Bergregionen Richtung Balgaríja (Voulgaría).

Einen Spaziergang durch die Innenstadt will ich mir schon gönnen. Bald gelange ich wieder zur Hauptverkehrsader der Stadt, wende mich Richtung Platía und komme im Nu zu einem von Einheimischen geradezu überfüllten Lokal (namens „Váfis“, oder so ähnlich).
Von neugierigen Blicken verfolgt, begebe ich mich Richtung Küche und bestelle gleich etwas beim ziemlich ironischen Bedienerix. Zum Glück ist der Durchsatz an Gästen ganz enorm, sodass ich ohne Wartezeit einen freien Tisch finde. Um mich herum so manche gut beschwipste, gut aufgelegte Tischrunde an ihrem Schlachtfeld ausruhend und heftig diskutierend, übermütig scherzend.

Mein Rindfleischgericht mit viel Kartoffeln und grünen Bohnen schmeckt vorzüglich. Zusammen mit dem großen Bier macht die Rechnung ganze 6 Euro 40 aus. Ich denke zurück an die annähernd 18 Euro, die mir in einer Taverne auf Samothráki abgeknöpft wurden („Pigaidhákia“ war mein Gericht) und sehe jetzt, im Vergleich, noch einmal ganz drastisch, was Sache ist. Aber möglicherweise war es ja ein bulgarischer oder türkischer Import, mein Essen – ihr allerwertestes Fremden–Bescheißer–Ehepaar da oben in Profítis Ilías, euch zum Trost. Zur Hölle mit euch und euresgleichen!

Schließlich gelange ich zum Park am Ostrand der Innenstadt von Orestiádha, versuche an seinem Rand irgendeine Aussicht zu erhaschen Richtung dem nahen Edirne. Aber Pech – die Gegend ist einfach zu flach.

Orestiádha ist nicht sooo schön, dass ich mich besonders lange hier aufhalten will. Um halb vier rum besteige ich den Bus zurück nach Alex’poli, auf das ich doch auch noch gespannt bin, für einen entspannten Abend.

Spannend wird es, als der Busfahrer einen Halt einlegt, um an der extrem grenznahen Stelle bei Dhidhimóticho eine Militärstreife hereinzulassen, drei Militärs, die nach Fremden Ausschau halten.
Einer von ihnen wird fündig – in mir, dem „Bulgaren“.
Es lohnt sich, auf Griechisch antworten zu können! „Ich bin nicht Bulgare, ich bin Deutscher, aus München!!!“ Könnte ja jeder behaupten, oder!? Durchsuchung ist angesagt. Die lenke ich vorsichtig in gewisse Bahnen, indem ich erst meinen kleinen Bücherrucksack öffne, darin die Geldtasche mit dem roten EU–Pass und so vielen Euro drin eingeklemmt, dass ich unmöglich Bulgare sein kann. Ist nicht geringschätzig gemeint, aber an der Reaktion des übereifrigen Kontrolleurs konnte ich gleich bemerken, welche Wirkung ein roter Pass und eine beachtliche Bargeldmenge ausüben können. Im Nu war der Bulgare vergessen, war keiner mehr. Was für ein Glück, dass mich das Schicksal ohne mein Zutun zu einem „Westeuropäer“ gemacht hat – ich kann wirklich nichts dafür. Was für ein Pech für die armen Typen aus der östlichen Hälfte unseres Kontinents, die ständig Demütigungen über sich ergehen lassen müssen.

Im Anschluss an diese Szene fühlt sich mein Sitznachbar genötigt, sich auf sehr nette Art für den Vorfall zu entschuldigen – es müsse halt sein, in diesen Zeiten, auch noch so unmittelbar vor den Olympischen Spielen. Ob das jemals einem Deutschen einfallen würde, sich für so etwas zu entschuldigen, wenn es einem Ausländer bei uns zu Hause passiert wäre?

Ganz formell bittet direkt beim Flughafen von Alexandhroúpoli ein griechischer Fahrgast aus dem Norden um einen Halt „am Flughafen von Alexandhroúpoli“, als ob es in der Gegend mehrere gäbe.
Startbereit am Westende der Piste steht eine kleine Aegean–Maschine, Ziel ist Athína, denn von hier aus fliegt Aegean sonst nirgendwohin.

Wie oft hatte ich überlegt, nach meinem Évros–Besuch vielleicht von Alexandhroúpoli aus direkt nach Sitía auf Kreta zu propellern, mit Olimbiakí. Oder, mit Zwischenlandung(en), nach Rhodos. Hätte mich wirklich gereizt – so tief die ganze türkische Küste entlangzufliegen, über all die erst relativ weniger, weiter südlich umso mehr vertrauten griechischen Inseln.
Doch mein Entdeckerdrang hatte die Oberhand gewonnen, und wenn schon eine passende Fähre von Kavála aus geht, nach Samos, und ich auf diese Weise einen anderen nördlichen Hafen erleben kann und anschließend, nach einer Ü auf Samos, auch noch den Dodekanes durchkreuzen kann (die Níssos Kálymnos wieder einmal erleben!), dann bleiben wir zur See, ziehen wir die große, durch keinen Flug entstellte Seefahrt durch – wie es sich für eine Anglophilen gehört, einen der großen Seefahrernation GB nahe Stehenden! Hauptsache, gegen Ende der Reise die Freunde auf Kárpathos treffen, noch ein paar Tage Zeit haben dafür.

Trotz des Umwegs, des Schlenkers über einige grenznahe südlichere Dörfer, kommen wir ziemlich pünktlich mitten in Alexandhroúpoli an, am Busbahnhof um zwei Ecken vom Hotel Lido, dem schönen, echt preisWERTEN.

Die EM ist vorüber, Hellas hat den Pokal errungen, und endlich haben sich Humanisten wie der Dirigent Bruno Walter im Hintergrund wieder durchgesetzt. Seine herrlichen, von gleich zwei Geistern durchdrungenen späten Mozartsymphonien begleiten mich beim Schreiben, mich, der ich seit Längerem so auf Krips mit seinem Concertgebouw Orkest stehe – die wunderbaren, so gut klingenden Philips–Aufnahmen in erster Linie der frühen Mozartsymphonien (wahre Fundgruben), gar nicht so alt – die Aufnahmen.
Ich bedaure nur, dass ich Bruno Walters Mahler–Wunderwerke nicht im Regal habe. Auch Klemperer würde es „tun“, wäre sogar ebenbürtig, aber von dem ist nur die „Vierte“ zur Hand, doch mir ist ganz und gar nach der „Auferstehung“, der zweiten Symphonie, dem Spiegel der menschlichen Unmöglichkeit.

Die griechischen Fußballer haben doch das Unmögliche möglich gemacht, Phíle! Wenn es so weitergeht, wird auch von Bülow wiederauferstehen, der Philharmoniker, ganz nach Mahlers geheimem Wunsch, nicht nur das mächtige Hellas. Und Gustav Mahler wäre entzückt, das wohl unerreichte Operndirigentengenie. Sogar das Anfangsmotiv von Verdis „Othello“ hat er in seine „Zweite“ integriert, neben so viel Tristan und bitterer Analyse des Menschseins ...

Warum nicht Benny Goodman auflegen, jetzt, da es um diese junge, recht dynamische thrakische Stadt am Rand des griechischen Festlands geht? Ein Klarinettenkonzert! Aus Boston! Fantasiereicher und intelligenter als sein Komponist Mozart geht’s doch gar nicht mehr, und mit den intelligenten, weltgewandten Leuten aus Alexandhroúpoli hab ich, beruflich wie privat, bisher nur die besten Erfahrungen gemacht – so ähnlich wie mit den Katalanen aus Barcelona.


ZURÜCK. EIN ABEND IN ALEX’POLI

Wohin zieht es den Seefahrer, der bereits zu weit aufs unvertraute Festland vorgedrungen ist?
Zurück in eine Hafenstadt, versteht sich. Egal ob sie ganz modern aussieht, keine großen Sehenswürdigkeiten in ihren nicht vorhandenen Mauern birgt, alles andere als der Nabel der Welt ist.

Hauptsache ein HAFEN, eine Ahnung von der Weite selbst des begrenzten Ägäischen Meeres, ein salziges Lüftchen, das alle Straßen auch vom stärksten Autoverkehr rein fegt und unseren Lungen noch zusätzlich Kraft spendet.

Diese einfachen und doch so ganz und gar komfortablen modernen Stadthotels. Zwei großartige Badezimmer, alles blitzblank geputzt, stehen dem bescheideneren Gast für eine Dusche auf meinem Stockwerk, dem dritten, zur Auswahl. Man fühlt sich nicht verschaukelt, hat eine Bleibe zu einem wirklich angemessenen Preis, immerhin in einer Provinzhauptstadt, nimmt dafür das Fehlen der Nasszelle im Zimmer in Kauf.
Was für ein Luxus, eigentlich. In guter Erinnerung ist mir noch die erste Nacht dieser Ägäisrundfahrt, nach einer langen Anreise von Deutschland mit Zwischenlandung in Saloníki, auf der Insel Psará, im Freien, ganz ohne den Genuss eines Waschbeckens oder gar von frischem Duschwasser, auf einem Kafenío–Segeltuchstuhl, eingelullt vom misstrauischen Hundegejaule und einer ausgelassenen Privatfeier zu dritt oder viert auf der kleinen Inselfähre mit Musikumrahmung bis in die Puppen (– right into the small hours). Eine herrliche Nacht, trotz allem, die erste derartige seit Urzeiten.
Die Geräusche der Nacht, das Flair einer Nacht draußen ohne schützende Hausmauern, bar jeglicher warmen Bettdecke, die Sinne geschärft. Das allmähliche Frösteln. Die ersten Morgenpassanten hin zur Fähre nach Chíos. Meine frühmorgendliche Besteigung des Vorkaps. Der erste jungfräuliche Blick auf die Inselberge Psarás, auf Andípsara, auf Chíos aus der Ferne, gegen eine zaghaft aus anatolischen Tiefen aufsteigende Sonne. Die Möwen um mich. Sonst Stille.

Solche Gedanken, Erinnerungen kommen einem wohl nur, wenn man den Schluss–Satz von Mahlers „Dritter“ zu Hause in sich einsaugt, während sich der Áthos allmählich im Abendrot herausschält, da unten bei den Griechen, das geistige Auge nimmt daran teil.

A tour of the town. Man könnte vielleicht mal in hohem Bogen hin zum Olympic–Airlines–Office spazieren und fragen, nach Flügen. In der neuen Stadt, die so etwas wie Ruhe und Festigkeit ausstrahlt. Ich kann mir nicht helfen, ich fühle mich in ihr wohl. Verrückt (?).

Und das trotz Saluzzo (Die Fresken auf der Burg von Manta, in der Nähe – unfassbar schön.), den Langhe, ihrem Wein, Torino (Das Stadtbild, die Oper, die Bergriesen rundherum), Monza (die Langobardenkrone ... im Dom), Castiglione Olona (die unbekannten Fresken von Masolino da Panicale), Milano (diese eine so heimelige Straße zum südlichen Stadttor, die versteckten Winkel, der junge, übende Organist auf der Empore in San Lorenzo Maggiore, der seinem Talent freien Lauf lässt, die duftenden Wiener [= Frankfurter] Würstchen mit Sauerkraut 200 Meter vom Dom, das Erbe Austrias!; der vorzügliche Fisch in der Trattoria bei den Kanälen), Parma (Monteverdi: „Orféo“!), Pádova (das herrliche Battistero), Venedig (sowieso außer Konkurrenz, dhistichós auch preislich!), dem Palazzo Schifanoia in Ferrara, Florenz (nicht mehr bezahlbar, aber ich weiß warum), Siena, Arezzo, Urbino, Perugia (hoch oben, die Weinkneipen!), Assisi (auch spirituell), Spello (Pinturicchio – diese Fresken!!!!!), Montefalco (Rosso di!; mmm!, und die würzigen, frischen Trüffeln Ende September – für ein Spottgeld, vor Ort, in der Pasta), Spoleto, Grosseto, Bolsena (im schönen Abseits, Wein, Fisch, Averna, die „Bar Centrale“, der Schilfstrand mit seinen winzigen Buchten am See, ruhiges Italien, fast unverdorben), Viterbo, Rom, Anagni, Alatri, Napoli, Bari, Barletta, Trani, Lecce, Táranto, Gallípoli, und Ótranto, um nur einige gut erinnerte Perlen der italienischen Halbinsel zu nennen.
Was soll das Namedropping? Es erhöht dich nicht, Ego. Es waren deine Entscheidungen, Andere haben sich anders entschieden, sind weit verreist, viel weiter. Haben ganz anderes erlebt. Du kennst das nicht, hast keine Ahnung davon. Bist lediglich in dich gegangen, manchmal.

Bin ganz glücklich, zufrieden. Habe es vielleicht nicht falsch gemacht – diesbezüglich.
Außer, dass ich zu oft nach Griechenland gefahren bin – 20 wichtige Celibidache–Konzerte deshalb unwiederbringlich versäumt habe. Nun ist er tot, der Überirdische. Tempi passati.

Die Belegschaft des Olympic–Büros von Alexandhroúpoli hat so früh am Abend noch zu, öffnet möglicherweise um 19 Uhr. Auch egal.
Der alte amerikanische M–48–Panzerturm um die Ecke vor der Kaserne ist beeindruckend, weil ich an die großen, ewig langen US–Panzerparaden (hin zum Manöver im Wald) während meiner Kindheit in meiner Heimatstadt an der Donau denken muss.
Dann erst die lange Reihe vom Uferpromenadencafés! Erste jugendliche Gäste sind eingetroffen und gaffen mich an, den Eindringling in ihre Sphäre, ihre Stadt, Ja, westlich der Hafenzufahrt ist die Action für die Kids und Studiosi.

Das goldene Abendlicht zieht mich hinunter zur langen Hafenmole, an deren Anleger ich diesen Morgen angekommen bin. Ein Wohnmobil aus deutschen Landen sucht Schutz hinter der westlichen Molenmauer. Viel Platz ist hier, Parkplatz, Abstellplatz, Promenierplatz. Großer Hafen, kaum nennenswerte Schiffe, nur „Kleinzeug“.

Es wird auch promeniert. Ein paar Stroller klettern bereits die Felsen hoch zum südlichen Abschnitt des oberen Kaimauersteigs mit Aussicht, nach dem Durchlass. Ich folge ihnen.

Wie es sich gelohnt hat, ästhetisch gesehen! Nicht nur die Kabireninsel und ihre östlichen Nachbarn breiten sich ziemlich nahe vor mir aus. Selbst Thássos ist gegen die untergehende Sonne gut zu erkennen. Als unerwartete Dreingabe spitzt der ferne Áthos ein Stück südlich von Thássos aus dem Horizont hervor, so als ob’s nichts Besonderes wäre. Ein kleines Wunder für mich, hab nicht mit ihm gerechnet, von so weit weg. Ich freue mich über meine Verbundenheit mit nah und fern – ganz so, wie ich’s mag. Aber man muss sich schon hinausbegeben auf die lange Mole, um so etwas mitzukriegen!
Abends darauf sollte ich, schon auf halbem Weg Richtung Thessaloníki, die Klippen der Altstadt von Kavála hinunterblicken in die Fluten und hinüber auf das so nahe Thássos, der Áthos zum Greifen nah, in ähnlicher Entfernung wie von Límnos aus.

Geht man die Hafenausfahrt hinauf zur Stadt hin, sind es nur ein paar Schritte über die Uferstraße und nach Ost, und man ist bei zweien jener alten Kafenía angelangt.
Das zweite, an der Ecke zur Straße beim Fischmarkt, sieht echt spartanisch aus, für die ganz Armen, wenn man so will. Vielleicht das nächste Mal. Das erstere, mit Markise und mehr Stühlen draußen, ist kleiner und zusammengestauchter, ganz „normal“, bestimmt nicht übertrieben komfortabel und hat ebenfalls eine ganz eigene Ausstrahlung.
An seinen Wänden hängen rundum Fotos vom alten Alexandhroúpoli des frühen zwanzigsten Jahrhunderts bis etwa in die Vierzigerjahre. Man glaubt sich ins neunzehnte Jh. zurückversetzt.
Hier glaube ich unter den Gästen einige samothrakische Gestalten wiederzuerkennen. Auch für die SAOS–Fähren wird Reklame gemacht.
Wenn man Mezé zum Ouzo bestellt, kriegt man sehr gute Appetithappen, sogar Muscheln, wird vorher gefragt, ob man sie auch will (– irgendwie gefährlich, klar.) Dieser Ort kommt dem limnischen Aegéo (in Mírina) aus meiner Sicht wohl am nächsten, wenn er auch bei Weitem nicht so groß und wohlhabend wirkt.

Dreh beim spartanischen Kafenío links rein, schon gehst du zwischen Fischmarkt – am frühen Morgen ein Erlebnis – und einer erst am späteren Abend belebteren Fischtaverne namens An(j)éstis. Das Rondell der Platía Polytechníou ist etwas enttäuschend, sehr klein, gedrängt, die beiden ehemals bestimmt urigen Lokale wirken heutzutage wie die Number–one–Places im Ort – nur ein flüchtiger Eindruck. In einem davon glaube ich die größere niederländische Gruppe wiederzuerkennen, als so ziemlich einzige Gäste.

Lediglich einen kleinen Restappetit will ich stillen, so umrunde ich den Block zwischen dem Platía–Rondell, der Dhimokratías–Prachtstraße und dem Fischmarkt und werde bald fündig.

Mag sein, dass es die Koundourióti–Straße ist, oder eine Parallele weiter westlich, wo sich zum Meer hin so relativ viele preiswerte Schnellimbisse für den Normalbürger mit wenig Geld in der Tasche und dennoch einem beachtlichen, unstillbaren Ausgehdrang etabliert haben.
Eine Straße der kleinen Leute, die hier promenieren gehen, sich mal schnell ein paar Souvlákia oder was anderes reinziehen wollen (nein, nur Kulinarisches!) und kritisch das in ihren Augen beste der etwa vier Angebote besetzen.
So früh wie ich dran bin – noch vor halb zehn Uhr abends – ist das sehr kleine, bescheidene Stübchen mit zwei Tischen draußen noch überhaupt nicht besucht, aber als ich 10 Minuten später wiederkomme, muss ich mich schon beeilen, einem respektablen Paar den Tisch wegzuschnappen. Sie nehmen meine Entschuldigung an und bekommen einen Zusatztisch aufgestellt. Geschnappt hatte ich, weil es da Bira Alpha (hallo Peter aus Linz!) vom Fass gab!! Große Krüge noch dazu , zu einem erstaunlich niedrigen Preis. Die Ausnahme.

Das Bier war gut, das Schnellessen unter aller Kanone, Leute, die denkbar schlechtesten Zutaten, geradezu gelungen geschmacklos.
Aber die moderne Art, es nur auf einer auf den Tisch hingeklatschten großen Papierunterlage zu servieren, das bestimmt allerletzte (weißrussische?) Ketchup drauf (Heintz ist, d. h. war früher einmal, lang ist’s her, wirklich um 12 Klassen besser! – Dazu noch Fish ’n’ Chips – oder lieber doch mit Essig?), war für mich nichts ahnenden Vorortbewohner äußerst beeindruckend, auch wenn alles doch ein weinig durchfettete. Die ganze Straße macht es so! Das zur Rechtfertigung.
When in Alex’poli, do as the Alex’poliótes do!

Schnell ins gemütlichere Kafenío zurück. Dann ins Bett! So wenig Schlaf wie auf dieser Rundreise hatte ich schon lange nicht mehr. Das muss sich ändern!

Aber wann wird es geschehn? Nach dem Zusammenbruch?

Hören wir, zurückgekehrt, erst einmal Simone Boccanegra, vielleicht weiß der Rat. Fürs nächste Mal.

Copyright puchheim = MartinPUC 2004, 2007

Von Alexandroúpoli nach Kavála



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