Kykladentour Oktober 2008
Teil 2: In der Südhälfte von Amorgós
Nikólao Préka gewidmet, dem Kafetzí in Katápola

Copyright puchheim = MartinPUC, November 2008


Umzug nach Katápola

Diesen Montag geht am frühen Vormittag ein Bus von Egiáli nach Chóra und Katápola. Es ist wohl der Schulbus zum Gymnasium in der Chóra. Den wollte ich nehmen für meinen Umzug, doch mein Zimmervermieter hat mir am Vorabend angeboten, mich im Auto mitzunehmen, er habe Bankgeschäfte zu tätigen und müsse ohnehin nach Katápola, nur eine halbe Stunde nach der Busabfahrt.
Kurz nach acht sitze ich im Auto, und es kann losgehen. Nein, das Söhnchen kommt nicht mit, muss in die Schule. Die Ehefrau, eine Osteuropäerin, wird wieder alles peinlich sauber putzen, wie gewohnt – jeden Tag gibt es einen neuen Duschvorleger.

Mein guter Landlord versteht, warum ich meine Bleibe wechsle. Wenn einer den SÜDEN der Insel kennenlernen will, ist er in Órmo Egiális fehl am Platz. Ich bring es nicht übers Herz, ihm von seinen abgrundtief schlechten Matratzen (beider Betten) zu erzählen – eigentlich dumm für sein Geschäft, denn ein solches Manko vertreibt die Kunden bzw. schreckt die potenzielle Kundschaft ab, wenn sie davon erfährt. Er hat aber bestimmt einige Zimmer mit besseren Bettunterlagen.
Mein Fahrer muss schmunzeln, als ich bemerke, Katápola und Xilokeratídhi seien ganz schön gewachsen.
Hier bin ich also, wiederum angekommen, auf zu neuen Ufern!


Das Kafenío

Da war doch dieses eine alte Kafenío, an das ich mich so gern erinnere. Das von der alten und gepflegten Sorte, mit Ticketverkauf für Fähren, das von Nikólaos Préka.
Ich geh also von der Bank beim großen Hauptanleger (überwiegend für Blue Star Ferries) aus vorbei an der zum Meer hin offenen Platía, ostwärts, bis mir der rote Schriftzug INTERAMERICAN in riesigen Lettern entgegenleuchtet, der kurioserweise genau über besagtem Kafenío angebracht ist, aber das betrifft wohl das Stockwerk darüber, oder ist lediglich als Werbung zu verstehen.

Ein Arkadenbogen, eine Kamára (καμάρα), rahmt das Kunstwerk, das Denkmal von Café ein, schon draußen ein paar Tische, und links, ebenfalls noch unter der Arkade, der seit Urzeiten bestehende Vorbau eines Fahrkartenhäuschens mit Schalterfenster, längst nicht mehr genutzt – heutzutage werden die Fahrkarten für die Skopelítis drinnen verkauft, von einem Mädchen, das abends plötzlich da ist und den Computer bedient. Da könnte oder will Nikólaos nicht mehr mithalten.
An wen wende ich mich also mit der Bitte, meine schweren Gepäckstücke im Innenraum abstellen zu dürfen, in irgendeiner Ecke? An einen sehr gut erhaltenen, gefassten, bestimmt auftretenden, humorvollen, kerzengerade gewachsenen sympathischen alten Herrn mit Franzosenkäppchen, der in all seiner überzeugenden Aufrichtigkeit nichts anderes verkörpert als alle positiven Werte des alten Griechenland zusammengenommen – auf völlig natürliche, ungekünstelte Art und Weise.

Als ich zu sitzen gekommen bin, einen Kafedháki bestellt habe, den Blick schweifen lasse, tut sich mir ein Wunder auf, ein vollkommen erhaltener Ausschnitt einer vergangenen Zeit, eines, wenn nicht zweier Menschenalter. Ich fühle mich zurückversetzt an die Anfänge meiner ersten Griechenlandreisen oder besser gesagt, noch weiter weg vom Hier und Heute: in die Zeit meiner Abiturklassenfahrt mit dem Hellas–Express nach GR, von München nach Saloníki, und zurück von Athen, im März 1972.

Ich kann kaum weiterschreiben, sitze schon eine gute halbe Stunde gedankenversunken vor meinem Notebook, lausche nun dem 1. Satz von Mahlers 7. Symphonie. Die Erinnerungen lähmen mich. Ich denke schließlich statt an Griechenland an Berlin, die Philharmonie, an Barenboim und Boulez und ihren Mahler.

Nicht nur die altüberlieferten Tische und Stühle sind es, die den Charme des Kafeníos von Nikólao ausmachen. An den Wänden Bilder alter Fährschiffe, nicht nur längst abgeschaffter, sondern auch von GA Ferries. Alte Insellandkarten. Porträts des Besitzers in his younger days.
Eine Wiederaufnahme des Gewölbebogens von draußen überspannt eine Flaschensammlung, darunter Boxbeutel aus Paros, alle mit Inhalt, niemals angebrochen.
An der dem Eingang gegenüberliegenden Seite ein Ensemble von etwa fünf oder sechs alten Fernsehern deutschen Fabrikats, der mittlere von ihnen birgt in seiner ausgehöhlten Bildschirmmitte einen "Hausaltar", irgendetwas Auffälliges, und sei es nur eine Plüschpuppe.
Irgendwo daneben ein altes Röhrenradio. Und ein feinsäuberlich abgestaubtes altes Tonbandgerät.
Wieder Flaschenregale. Auf der linken Raumseite schließlich die Kaffeeküche, dezent im Hintergrund gehalten, in milchigen Pastelltönen angestrichen.
Links vom Eingang die Theke mit dem PC, rechts die ohne, wo Nikólaos öfters mal Platz nimmt, wie in früheren Zeiten, als er noch selber die Fahrkarten für alle möglichen Schiffe ausstellte.
Heute hat er nur mehr Tickets für die Skopelítis anzubieten. Von seiner Schreibtheke aus guckt er, sich umwendend, nicht selten ganz konzentriert zum kleinen Fenster hinaus, durch die Gewölbeumrahmung seines eng umgrenzten Vorfelds auf die Uferstraße. Manchmal rutscht dann ein Stuhl zur Seite, wenn sein Aufsasse bemerkt, dass er N. im Blickfeld ist.

Es wird mein Stamm–Café, das von Nikólao, ich wäre dumm, wenn ich ein derart großartiges Angebot nicht nutzen würde, solange es noch existiert. Die neuen Alternativen mit ihrer Angebotsfülle an der Platía können warten, die gibt es noch länger.


Orientierung, Zimmersuche, Ortsrealitäten

Schon als ich mich mit vollem Gepäck auf dem Weg zu Nikolaos' Kafenío befand, hatte mich eine alte Frau, eine María, angesprochen, mir ein Zimmer in der nahen Uferpension angeboten. Ich hatte sie auf später vertröstet.
Es gibt doch so viele Möglichkeiten, in Katápola unterzukommen, auch weiter drüben, auf der anderen Seite der Bucht. Ich will diesmal aber im eigentlichen Ortsteil Katápola wohnen, werde mir verschiedene Unterkünfte ansehen.

Mein Zimmerwirt in Egiáli hatte mir eine Bekannte empfohlen, Eléni, mit ihren Zimmern ganz in Ufernähe am buchtauswärtigen Ortsende.
Am liebsten würde ich recht hoch oben wohnen, irgendwo droben am Hang, seh mir aber das Eléni mal von außen an. Ach, viele Fenster und Türen wieder zugenagelt, kein Indiz für irgendwelche Nutzung durch Gäste sichtbar. Die hat also bereits aufgegeben.
Dann schleiche ich hinter zur Kirche Panajía Katapolianí und seh mir die Rooms Voúla Beach von außen an. Schön, aber geschlossen!
Neugierdehalber steig ich die Stufen hinter der Kirche hoch und komme zu einem Haus mit großen, hohen Fenstern und Garten. Also: entweder hab ich bei meinem ersten Besuch auf Amorgós hier gewohnt oder unten im Gartenanhängsel des Voúla Beach, so weit erinnere ich mich noch.

Mal die Gasse auf der anderen Seite der Platía reingehen und beim Metzger rechts hoch. Es ist das wohl schönste, bergauf führende Gässchen des Ortes. Ziersträucher ragen aus Gärten, man erhält Einblick in ein Grundstück mit von viel Grün eingefassten antiken Stein– und Säulenresten, gegenüber werden hübsche Häuser mit Gartenteil zum Verkauf angeboten. Vor allem aber trifft man hier allenthalben auf Hinweisschilder auf Rooms. Weil es so schön ist, steig ich erst mal das Gässchen ganz hoch, wende mich nach links und gelange so, vorbei an den Rückseiten einiger Pensionen, an den Beginn des Steinweges zwischen Oliven, über den man in etwa 35 min hinauf zur Ausgrabungsstätte von Minóa gelangen würde. Ich seh mir allerdings nur das Kirchlein Ágios Nikólaos rechts über dem Weg an, grüße zwei sich unterhaltende Männer am Weg.

Immer noch ist es früher Morgen für örtliche Verhältnisse, das Dorf noch nicht so richtig wach und funktionsfähig. Nur der Wind ist bereits aktiv, geradezu überaktiv.
Ich geh den oberen Weg zurück und hangparallel vor, um eine Ecke herum, bis zum oberen Garteneingang zur Pension Anna mit ihren weinrot gestrichenen Fensterläden. Leider alles dicht und leblos.
Also zurück, das hübsche Gässchen ein Stück hinab, dann rechts hinein in eine schmale Gasse, die mich zur Nord- und Aussichtsseite der Pension Big Blue bringt. Schon vom oberen Weg her hatte ich auf der Terrasse eines Eckzimmers noch Wäschestücke flattern sehen.
In dem mehrstöckigen, in die Länge gezogenen Bau scheint ansonsten niemand mehr zu wohnen. Ich geh den Gartenweg bis zu seinem Ende vor, dreh wieder um und nehm die paar Stufen zu Rezeption doch nicht. Es ist verdammt windig, hier oben. Und noch mehr stört mich der Ausblick auf zwei große Staubflächen, Parkplätze etwas südöstlich hinter dem Ende der Bucht. Dennoch hätte man von einem der obersten Zimmer aus einen schönen Überblick über den östlichen Ortsteil und die Bucht.
Dann versuche ich das nächste Gässchen. Zuerst geht man durch ein malerisches niedriges Gewölbe mit gut sichtbaren, astartigen Trägerbalken, ich muss mich fast bücken, weiter hinten noch mehrere andere Pensionen, alle sehen unbewohnt aus, ich kehre um.
Nein, ich will einen etwas engeren Fokus zum Wasser hin, nun doch weiter unten wohnen, denn hier oben würde ich angesichts der fehlenden Mittouristen regelrecht vereinsamen.

Nun verstehe ich, warum fast alle anwesenden Touris da unten in der Pension Amorgós wohnen, die fast direkt neben dem alten Kafenío an der Uferstraße liegt, und genau gegenüber der Anlege– und Ruhestelle der Kleinfähre Skopelítis, die in Katápola zu Hause ist.
Es ist die Gegend im Ort, wo sich das nachsaisonale Leben abspielt, wo man sich mitten im bescheidenen Geschehen wähnt, sich sozusagen zusammenschart, mit einem Anflug von Gemeinschaftsgefühl allen Widrigkeiten der abgeebbten Saison zu trotzen.

Ein enger Eingangsbereich an der westlichen Hausflanke, ein enge Treppe. Erst im zweiten Stock finde ich meine María beim Reinigen eines Zimmers wieder, barfuß, ein Urgewächs, sie entschuldigt sich dafür. Ja, sie hat was frei, nein, die Dachterrassensuite ganz oben will sie mir nicht geben, aber ein Aussichtszimmer im zweiten Stock noch vorne raus, für 20 Euro die Nacht.
Es ist kein großes Zimmer, aber groß genug für einen allein, mit zwei getrennten Betten, dazwischen der Gang hin zum Balkon. Kühlschrank, Badezimmer mit Fö(h)n, sogar ein Fernseher. Der Schrank sehr klein. Dafür wird ein Stövchen zum Kochen einfacherer Gerichte und ein wenig Geschirr inklusive Kaffeekochgerät zur Verfügung gestellt. Aha, deshalb sind die örtlichen Tavernen abends so leer – die umliegenden Minimärkte sind gut bestückt!
Mit das Schönste an meinem Zimmer ist der Balkon mit seinem Tischchen und den beiden bequemen Stühlen.

Schon wenn ich nur neben meinem Bett stehe und hinausblicke, fühle ich mich wie auf dem Bug eines Dampfschiffes, die Aufbauten eines Fischerbootes und die Meereswellen direkt im Blick. Toll!
Und nicht zu vergessen: Balkone sind immer auch Kommunikationszentren – hin zu den Nachbarbalkonen, von denen es allerdings nur einen gibt, auf meinem Stockwerk und an der Stirnseite des Hauses.
Darauf, auf dem einzigen benachbarten Balkon, erscheint auch gleich ein mittelaltes Paar, wieder Australier, wieder welche, die sehr lange Zeit haben und wohl Wochen in Katápola verbringen. Viele Leute würden sich ja beschweren, meinen sie, wegen des frühmorgendlichen Ablegens der Skopelítis, nicht ohne Geräusche und direkt vor dem Haus, mal um 6, mal um 7 Uhr, je nachdem, ob auch Egiáli und Donoússa angelaufen werden. Für sie jedes Mal ein Ereignis, und noch eindrucksvoller seien die Ankünfte der Blue–Star–Fähren weiter vorne, aber relativ nahe und perfekt einzusehen: so gegen 3 Uhr früh!
Der wenige Autoverkehr sei nachts überhaupt nicht störend. Sie haben durchaus recht, aber das mag zu anderen, touristischeren Zeiten ganz anders sein.
Ob das nicht recht teuer käme, sich zwei oder drei Monate auf den Inseln herumzutreiben? Gar nicht, entgegnen sie. Kochen würden sie immer auf dem Zimmer, dadurch viel Geld sparen. Sie sind nicht die einzigen, die auf dem Zimmer kochen. Auch ein holländisches Frauenpaar, das nachts um halb zehn der Skopelitis entsteigt, tut es, und noch andere – nur ich nicht, ich gehe gern unter die Leute, doch das sind auch in Katápola überwiegend die einheimischen Griechen, und weil fast alle Tavernen (auf dieser Seite der Bucht) noch geöffnet haben, ist in jeder einzelnen neben meinem allerhöchstens noch ein einziger weiterer Tisch besetzt, die wenigen Esser verteilen sich leider bis hin zur Unauffälligkeit.


Zwei Stunden Xilokeratídhi

An meinem Ankunftstag will ich mir die Nordseite der Bucht etwas genauer ansehen, also den Ortsteil Xilokeratídhi und die Gegend etwas weiter westlich davon.
Gestärkt durch eine Tirópitta vom Bäcker drehe ich aus Katápola hinaus der Stirnseite der Bucht mit dem etwas mickrigen, wohl nicht gerade stark genutzten Strand zu, eine Tamariskenallee schirmt ihn Richtung erstem Parkplatz und Busabfahrtsstelle ab.
Putzig, die Entenschar da unten, wie sie die Wellenkämme überwindet, ansonsten untätig auf einem Bein auf dem Strand herumdöst.
Neben dem Parkplatz gleich das Gemeindehaus, den Vorgarten zieren steinerne Büsten bedeutender Persönlichkeiten. Dahinter, auf dem Weg zum östlichen Ortsteil Rachídhi, befinden sich Volksschule und Kindergarten.

Gehe also vorbei an der Einkreuzung der Straße von der Chóra her. Nach vielleicht 150 Metern biegt rechts ein Weg zum Campingplatz ab, am Beginn der sich ostwärts erstreckenden Küstenebene gelegen, ein Schild wirbt für die dortige Taverne. Wohl alles zugesperrt. Bänke entlang des Ufers laden zur Rast.

Xilokeratídhi ist groß geworden, weist inzwischen wohl kaum weniger, eher mehr Fremdenzimmer auf als Katápola.
Schon am Ortsbeginn lauter Unterkunftsmöglichkeiten. Weitere staffeln sich den Hang hinauf. Weiter oben ein "Hotel" mit bläulichen, verblichenen Lettern. Zwei Paare auf Balkonen. Ein paar "Gastarbeiter" auf den Wegen.

Am Ufer entlang ziehe ich weiter.
Um es gleich zu sagen: Fast alle Lokale haben geschlossen. Nur in einem Café dicht neben dem Vitzéntsos (dem so angepriesenen, nun stark modernisierten und optisch wie der Marktführer wirkenden Fisch– und Speiselokal) wird zu leiser Popmusik gerade geputzt, Gäste sind noch keine vorhanden.

Nun weitet sich die Uferpromenade zur Platía, zum Hauptplatz des Ortes. Eine Hauptgasse biegt hangaufwärts ab. An dem randlichen Straßenzwickel eine ältere Lokalität, es muss die Taverne Gavállas sein. Vier bis sechs Griechen sitzen unter der großen Markise um einen Tisch beim Eingang herum, haben aber höchstens einen Kafedháki vor sich.

Ich gehe weiter am Kai entlang. An einer Mole entschuppt ein Fischer flink einen besonders großen Fisch. Ob er sich den wohl selber gönnen wird? Ob der wartende Kater irgendein Fizzelchen abkriegt?
Das Häuschen am Ufer mit einem kleinen Terrassenvorbau, wo es nicht mehr weitergeht. Über Stufen steige ich zu einem uferparallel verlaufenden Weg hoch, auf dem ich in nordwestlicher Richtung aus dem Ort hinauskomme. Durch ein Fenster werde ich verstohlen beobachtet. Albaner klopfen an einem Neubau herum, ihre Hammerschläge durchbrechen die Stille. Sonst sehe ich keinen Menschen.
Meerwärts haben es sich die Anrainer ganz gemütlich gerichtet, die meisten Häuschen besitzen eine überdachte Terrasse.

Beim Anstieg der Straße zum über dem Ufer liegenden Friedhof hin ein Müllcontainer. Der hier wieder stärker angreifende Nordwind bläst nach und nach den neben dem Container aufgestapelten Abfall auf die Straße, Plastikflaschen kommen ins Rollen, schaffen es hunderte von Metern weit. Doch die zentraleren Teile von Xilokeratídhi sind windgeschützt (vor den unangenehmen Nordwinden) – ein Riesenvorteil im Vergleich zu Katápola. Unweit des Müllcontainers ein Riesengrundstück mit apartem Haus ganz oben – es gehört bestimmt einem reichen Athener oder sogar Ausländer.

Coole Jazzmusik von einem Live–Konzert von Eléni Karaíndrou hat mich jetzt vollkommen beruhigt, an meinem Notebook, der Einsamkeit und dem leise pfeifenden kühlen Nordwind angemessen.

Dann steht man auf einmal über dem ersten, handtuchschmalen Strandstreifen, der über neue Stufen zu erreichen ist. Die Straße, die geradeaus hochführt zu einem Weiler hat ein Sperrschild an ihrem Rand: kein Durchkommen, von dort oben.
Wollte man zum Maltézi–Strand weiterwandern, müsste das über den nur 2 bis 5 Meter breiten Strand da unten geschehen, hin zu der niedrigen felsigen Landzunge mit der Kapelle des Heiligen Pandeleímonas an ihrem Ende. Doch das muss nicht sein, heute, an einem Tag, der nicht unbedingt badetauglich ist.

Der Nordwind hat inzwischen beim Müllcontainer eine echte Sauerei angerichtet: Nun haben sie ihre Strafe dafür bekommen, dass sie die Abfälle einfach daneben hinschmeißen.

Draußen im Meer, auf einem Felsen etwa 50 m vom Ufer, sichte ich eine Plastik, kopflos, wie sie auch nach langer Witterungseinwirkung sein mag. Die ist wohl vom selben Künstler, der die Lyra spielende Muse auf den Uferfelsen der anderen Buchtseite geschaffen hat.

Biege auf dem Rückweg genau bei der Taverne Gavállas auf die Platia ein. Inzwischen haben sie den Grill an der Hauswand angeschürt – für wen wohl, für Fischersleute? Ich zögere, geh dann doch weiter.

Verspeise schließlich eine Portion Kalamári im Mínos, der vorletzten Taverne westlich des großen Anlegers in Katápola mit dem recht freundlichen, wenn auch wortkargen Wirt – man muss halt auf Griechisch kommen. Schmeckt gar nicht schlecht! Nur die Besatzung des allerletzten Lokals hab ich enttäuscht, dort hatte ich während meiner letzten beiden Stippvisiten, zuletzt diesen Mai, immer gegessen.


Geschichte eines Abends

Segelcrews beobachten. Gleich drei normale Segeljachten mittlerer Größe liegen am Kai. Vorne, an einer Seite des großen Anlegers, ist zusätzlich ein großer Katamaransegler vertäut, mit brasilianisch anmutender, sehr junger Besatzung, die sich öfters auf Quads blicken lässt.

Auf ein Getränk zu Nikólao Préka, Passanten und ankommende Autos der Einheimischen beobachten.

Gleich nebenan ein großer Minimarket, meine Einkaufsquelle. Der alte Herr an der Kasse ist gut über Mitte achtzig und stolz darauf, noch zu arbeiten. Vergleicht sich mit den anderen in Griechenland – und sieht schwarz.
Bietet mir eine Schale weißer, teils schon rötlich gefärbter (nicht etwa fauliger) Weintrauben von der Insel an, schüttet sie zusammen mit denen, die ich eh schon kaufen will und berechnet dann den Gesamtpreis (!). Es ist wahr – auf dieser Insel kriegt man nichts geschenkt, auch nicht in den Tavernen, jetzt, zur Nachsaison, wo es nicht mehr nötig ist.
Eine karge Insel, die eigentlich nichts zu verschenken hat! Wer beschenkt werden will, der urlaube bitte auf Kreta, wo man nach dem Essen, nach der vom Wirt spendierten Nachspeise auch noch eine 1,5–Liter–Flasche Rakí zur kostenlosen Nutzung auf den Tisch gestellt bekommt – ich denke da an Chóra Sfakíon, an Sívas im Südwesten bzw. mittleren Süden der oft zu Unrecht geschmähten Großinsel.
Frage nach Inselwein. Der Alte fordert eine Frau auf, den Wein vom Herrn XXX anzuzapfen. Man füllt mir einen halben Liter ab, aus einer großen Plastikflasche. Der Rote (eher Bräunliche), den ich bekomme, wird zwischen Katápola und der Chóra angebaut, schmeckt sherryartig, aber bei Weitem nicht so stark wie ein kretischer Krasí chíma. Es fehlt ihm sozusagen die kräftige Substanz, der Körper. Jetzt, im Urlaub, schmeckt er mir dennoch – ich mag ihn, weil er von der Insel ist und sich so gut auf meinem Balkon schlürfen lässt.

Überlege, wohin ich wohl zum Abendessen gehen könnte. Habe vorher vor der Taverne Corner den struppigen, haarigen, zutraulichen Hund gestreichelt. Abends haben sie nicht auf, scheint es – sie sollten erst später öffnen. So schlendere ich wieder hinüber nach Xilokeratídhi, mal schauen, was sich da abends tut.
Dort hat auch nicht mehr geöffnet als bereits am späten Vormittag. Das Café neben dem geschlossenen Vitzéntsos dient einem einzigen Paar als Sonnenuntergangsbeobachtungsstätte.
Die schwedische Segelcrew, die kurz vor mir den Ortsteil begutachtet hat, macht wieder kehrt – nichts für sie, diese verschlampte, einzig geöffnete Taverne.
Nichts für sie – aber was für mich!

Es ist immerhin ein ausgesprochenes Fischerviertel, und gerade im Gavállas treffen sich die schlecht rasierten, unausgeschlafenen Gesellen. Bei Ouranía.
Ouranía, die gutmütige alte Hexe, die Zauberin mit ihren blitzenden schwarzen Augen, hat mich bereits gewittert, lauert schon auf mich. In gebückter Haltung, mit beschwörendem Blick starrt sie mich aus ihrer Türöffnung heraus an, um sie herum, dicht an der Hausmauer sitzend, ihre Kumpane.
Ein Gast! Ein Esser! Er möge bleiben!
Ich spreche die Versammlung und das Mütterchen auf Griechisch an, ich hätte sie schon um Mittag herum beobachtet, den Grill gesehen, sie hätten bestimmt etwas Fischiges anzubieten – nicht?
Zwar ist der Grill da draußen bereits wieder außer Betrieb, sind die Fischersleute gesättigt, aber natürlich gibt es noch was für mich. Ich entscheide mich für Spaghétti mit Garídhes plus kleinem Salat. Aber mit VIEL KNOBLAUCH, die Nudeln, bitte. Das mit dem vielen Knoblauch wird sie dann immer wieder äußern, die Gute, die Augen weit und gewichtig öffnen und wohlwollend schmunzeln.
Der Innenraum wirkt etwas unaufgeräumt, aber in der hinteren Küchenhöhle findet sich die Meisterin gut zurecht. Klar, dass die verwöhnten Schweden umgekehrt sind.

Als ich meine Garídhes enthülse, leuchten drüben, jenseits der Bucht, die Lichter der Taverne Corner auf – Pech für die.
Es schmeckt mir gut, bei Ouranía. Keine raffinierte Küche, tatsächlich nur Hausmannskost, aber die Garídhes in den Nudeln sind zahlreich und die Servietten reichen gerade noch, das Fettgetriefe an den Fingern notdürftig abzuwischen – man hat ja schließlich Tempos mit.
Hat natürlich seinen Preis, das Nudelgericht mit Fisch – ich sagte ja, hier kriegt man nichts geschenkt, und wenn nur ein einziger Gast eintrudelt, soll es sich auch noch ein wenig lohnen. Ist aber kein übertriebener Preis, für das Gebotene und für diese Inselgruppe.

Ich muss nur immer lachen, wenn sich die Forenteilnehmer im Internet austauschen und von dem dreigängigen Abendessen für zwei schwärmen, das inklusive Hauswein nur 12 Euro gekostet hat – hihihi! Jedenfalls nicht auf den Kykladen, Freunde – ich fürchte, da müsst Ihr mit 3 multiplizieren, besser mit 3,5. Manchmal, denke ich, lässt das Erinnerungsvermögen ein wenig nach, nach Rückkunft aus dem Urlaub. Oder der Urlaub liegt schon 6 oder 8 Jahre zurück. Oder ein Teller Jígandes (Gigantes, große weiße Saubohnen) gilt als Hauptgericht, und ein Gläschen Tsikoudhiá als Nachspeise, oder als Paar hat man sich jeweils eine Portion brav geteilt (– das wird es wohl sein).
Den Sparsamen – so es sich bei ihnen nicht um improvisationsbereite Hotelzimmerköche handelt – kann ich wirklich nur das allseits gegenwärtige Billiglokal mit den einschlägigen Schnellgerichten à la Gyros (Jíros) empfehlen, dort ist dann meist auch das Bier deutlich billiger als anderswo.
In unserem Fall findet sich so etwas an der Platía von Katápola, gleich vor dem Hotel Minóa. Zigaretten am Kiosk sind leider nicht mehr erhältlich: der Kiosk hat zugesperrt! (Was, DIE griechische Institution, der Períptero, hat geschlossen!? Ist der normalerweise auch nur ein fake für uns Touris?) Keine Angst, Tsigára gibt es im Minimarket.

Als ich tags darauf bei Nikólao auf das Abendessen bei Ouranía zu sprechen komme, ist er richtig entzückt: bei Ouranía, seiner Nachbarin! Er besitzt zwei Häuser gleich westlich vom Gavállas und wohnt auch da drüben.


Ein Tagesausflug in den tiefen Süden

Es ist ganz offiziell. An einer Tafel neben den Klohäuschen über dem Strand sind sie angeschlagen, die Busabfahrtszeiten. Es gibt nicht nur, außer Sonntags, eine Verbindung nach Egiáli (für die Rückfahrt nach Katápola nimmt man besser die dreimal wöchentlich von Donoússa her zurückkehrende Skopelítis), sondern auch zweimal die Woche (Die. und Fr.) einen angeblich kostenlosen Kleinbus in den Süden der Insel, zumindest in der Hochsaison bis zur Kirche der Agía Paras(j)keví, noch ca. 1 km jenseits von Kolofána, jetzt, im Winterhalbjahr, vielleicht nur bis Kolofána, je nach Bedarf.
Es ist Dienstag, und ich bin bereit.
Am Morgen nehme ich den Schulbus hinauf in die Chóra, darf am "Kreisverkehr" aussteigen. Geh auf einen Kaffee zu Dína, die Wartezeit zu überbrücken.

Es soll ja Generalstreik sein, heißt es, der die Busse im ganzen Land lahmlegt. Dína, weise wie sie ist, schickt mich zur nahen Gemeindeverwaltung. Ich laufe also ein Stückchen vor bis zum westlichen Ortsende, steige Stufen hinab und suche den Eingang ins Rathaus. Gar nicht einfach zu finden, Pfeile verweisen einen ständig weiter um das Gebäude herum, aber das würde dann ein nie endender Kreislauf werden, so muss ich irgendwo eindringen in die Amtsstuben.
Durch den Sitzungssaal dringe ich weiter vor, bis ich rechts, in einem kleinen Büro, einen gelangweilten, eine Banane schälenden Lokalbeamten antreffe, der bei meinem Anblick verstört zusammenzuckt. Nun ist er gezwungen, tätig zu werden, mir Auskunft zu geben. Er meint, auch der örtliche Busfahrer werde sich an den Streikaufruf halten. (Die Schulbusse werden offenbar nicht bestreikt.)
Und in der Tat fährt kein Bus Richtung Arkesíni und weiter.

Ich fackle nicht lange herum und trete einen langen Marsch an, will keine Zeit verlieren.
Auf der Straße hab ich die unteren Außenviertel der Chóra schnell hinter mir. Ein Wanderweg würde in ein Tal hinabführen, laut Karte später wieder auf die Straße treffen. Nein, ich bleib auf dem Asphalt.
Bei der Abzweigung zum Kloster Chozoviótissa und zum Agía–Ánna–Strand steht ein alter, ausrangierter PKW mit Berliner Kennzeichen endgeparkt. Der Steilabfall vor mir, schon wandere ich in mir unbekannte Regionen, an der Ostseite der Insel südwestwärts, hoch über der Küste.

Es sind nur ganz wenige PKWs, ausschließlich mit einheimischen Insassen, die mich auf meinem langen Weg überholen. Die meisten diese Route entlangkriechenden Fahrzeuge sind Laster, die den Baustellenverkehr beliefern. Über der Talung mit dem Trockenbach der Hl. Katerina wird gerade eine Siedlung für ausländische Käufer aus dem Boden gestampft – sie werden einen schönen Blick haben in beide Richtungen, hinunter zur Bucht von Katápola und über die Ostküste hinaus aufs weite Meer.

Ungeachtet all der Bautätigkeit ist es eine herrliche Gegend, in der ich meine Schritte setze. Ein kahles Bergland, gegliedert durch nordwestlich verlaufende Täler, durch dessen Ostrand sich die Straße schlängelt. Das Meer wieder verschleiert, die Aussicht beschränkt sich auf die nördlichen Berge hinter meinem Rücken, wieder nichts mit Astipálea.
Áiolos beherrscht das Ganze mit aller Macht, seine ausdauernd geblähten Backen schicken überreichlich Wind ins Land, erfrischend, reinigend, eine wahre Freude, ich lache über jeden Autofahrer in seinem Alukäfig. Man fühlt sich als Fußgeher einem der Urelemente ausgesetzt – Lichtjahre weg von der Künstlichkeit eines Büros.

Dort, wo eine Stichstraße zum Kloster des Ag. Geórgios Valsamítis/Varsamítis (Ihr habt die Wahl zwischen Rhota– und Lambdazismus) abzweigt, gehe ich an einer links dicht unterhalb der Teerstraße liegenden Schafskoppel vorüber, sie scheint unbewacht. Geradeaus, unterhalb der ansteigenden Serpentinen, eine weitere Baustelle mit LKW–Verkehr.
Gibt es unbewachte Tierkoppeln überhaupt, auf den Inseln? Nicht unbedingt! Schon kommt ein Bauernlaster mit verstärkter Schrittgeschwindigkeit des Wegs, aus einem der südlichen Dörfer, und drei Trümmer von Hunden laufen ihm hinterher, wohl endlich besagte Koppel zu bewachen.
Da freu ich mich schon wieder, drei Monster, die genau auf einen Schutzlosen wie mich gewartet haben! (Jetzt lach ich eine Weile nicht mehr über die blechbewehrten Automobilisten.)
Geistesgegenwärtig pfeift und brüllt der Pick–up–Fahrer aus der Fahrerkabine heraus seinen Hundetross zusammen, sodass ihr Anführer bald von mir ablässt und die Rotte nicht weiter zur Folgsamkeit dem Alphatier gegenüber verpflichtet ist. Gerettet!!!

Vor der letzten Serpentinenschleife, schon hoch oben, links ein umzäuntes Grundstück mit einer verschlossenen Lagerhalle und Nebengebäuden, alles sehr neu und gepflegt. Was Offizielles für den Straßenunterhalt? (So was kann auch nur ein Fußgänger kommentieren!) Ein letzter Ausblick zur bereits fernen Chora.
Hier ändert sich der Landschaftscharakter, die Ost– bzw. bald Südküste (wegen dem eleganten Inselknick) ist nun von Bergkuppen verdeckt.

Eh ich mich's verseh, hab ich den einen Kilometer nun kleiner gekammerter Szenerie durchmessen, und weil man als Wanderer keine Beifahrerin / keinen Beifahrer mit Karte auf dem Schoß zur Seite hat, ist man doch verwundert und positiv angetan, wenn da auf einmal rechts vor einem etwas auftaucht, was einem dank "Elléni" (alias Frank M.) den Berufsalltag allzeit, Tag für Tag versüßt, Desktop für Desktop, stets an jene ferne Kykladenschönheit gemahnend: die ganz wunderliche, hübsche, blendend weiß gekalkte Anlage des vierschiffigen Kirchleins Ágios Stavrós (Heiligkreuz) mit seinen ein wenig burgartig wirkenden abgewinkelten Nebengebäuden.
Der von einem Zaun mit an diesem 21. Oktober leider fest verschlossenem Gatter umgebene Gebäudekomplex sitzt da auf einem kleinen Plateau in einer eng von Bergen umgrenzten Aussichtslage, und wenn man auf die Karte blickt, kann man kaum verstehen, wohin genau der Blick geht, doch dominierend ist hierbei nicht das westwärts abbiegende Tal mit seinen Verzweigungen, sondern irgendetwas Richtung Nord(ost).
Und wie man das alles so verblüffend schön auf Platte bannen kann, trotz seiner merklich eingeengten Lage, das zeichnet wohl einen (super)guten Fotografen aus (– ich bestreite nicht, dass es gute gibt, obwohl ich Fotos nicht für das Wahre halte, im Vergleich zur unmittelbar erlebten Wirklichkeit). Er ging wohl den Feldweg ein kleines Stück hoch, abseits der Teerstraße.
Vielleicht war es nur dieses herbstliche, mit großem Geschick geschossene Foto, das mich, weil es mich täglich in Erstaunen versetzt mit dem ihm innewohnenden Zauber, schließlich ein zweites Mal im selben Jahr nach Amorgó gelockt hat. Das Unterbewusstsein ist nicht zu unterschätzen! Nachträglich erfahre ich, schon nach Hause zurückgekehrt, welch schöne Fresken mindestens eines der Kirchenschiffe bzw. eine der Kapellen birgt.

Kaum bietet sich mir ein erster Blick auf einige Häuser von Kamári dort vorne zu Füßen eines weiteren Bergstocks, des Óros Petsimendoú, hält ein knallgelber Kleinwagen an, um mich mitzunehmen.
Es sind zwei sehr junge Griechen, wohl nicht von der Insel (sie sagen, sie seien "nicht von hier"), die in Kamári zu tun haben. Ich glaube, sie wohnen in derselben Pension in Katápola wie ich, denn dieser gelbe Wagen ist abends immer hinter dem Haus geparkt.
So bleiben mir etwa zweieinhalb oder drei Kilometer Fußweg erspart, wir durchfahren die Hausagglomeration Kamári, sie kommt mir größer vor, als sie ist. Seitenblick zum nahen Vroútsi einen knappen Kilometer weiter nordwestlich. Am Ortsende muss ich wieder aussteigen, die Jungs nehmen eine Straße bergab hin zu einer Art Kafenío, jedenfalls einem Versammlungsplatz mit zahlreichen geparkten Autos.
All die Kapellen mit ihren teils noch byzantinischen Wandmalereien werde ich vielleicht ein andermal besichtigen, heute bin ich ausgezogen eine Inselhälfte zu durchwandern.

Weiterwandernd wundere ich mich über ein erneutes EU–Gesellenstück, den absolut makellosen Ausbau plus Teerung hinunter zum Moúrou–Strand, das schwarze Band mit weißen Seiten- und Mittelstreifen windet sich in Kehren abwärts zu einer wirklich entlegenen Paralía, aber irgendwo im Subventionstopf war da noch ein hübsches Sümmchen aufzubrauchen, und man hat nicht gezögert, trotz all der eklatanten Sinnlosigkeit des Unterfangens. Na, der Tavernenwirt dort unten wird sich (am ehesten im Juli und August, wenn ein paar Einheimische zum Baden runterkommen) freuen. Da hätten sie mal besser eine griechische, polnische, französische oder bundesdeutsche, stärker frequentierte Landstraße nachgebessert, die Gelder wären dann bestimmt sinnvoller angelegt. Aber man wollte bestimmt ein Zeichen setzen, dem Süden von Amorgós auch mal wieder etwas zukommen lassen, demonstrieren, dass man ihn nicht vergessen hat.

Was würde wohl ein Dr. Perreiter (der Deutsche aus "Vachendorf" mit der damaligen PLZ 8221, also Süddeutschland) zu alledem sagen, der so überaus engagierte Amorgós–Liebhaber, der, wohl auf der Grundlage einer (italienischen?) Militärkarte damals im Namen der Gemeinde Vroútsi eine besonders im Bereich des Inselsüdens verhältnismäßig detaillierte S/W–Landkarte erstellt hat? Mein Exemplar trägt das Datum 9.1.84, und damals war von Asphaltstraßen auf der Insel noch keine Rede, vielleicht mit Ausnahme des kurzen Stücks zwischen Katápola und der Chóra. Perreiter hat sogar Empfehlungen für Wanderungen und eine Kurzbeschreibung der Inselstrände auf seine Karte aufdrucken lassen. Witzigerweise liegen im alten Hafenkafenío des guten Nikólaos (in Katápola) noch einige Exemplare dieser Landkarte als kleiner Stapel auf, obwohl sie seit einigen Jahren qualitätsmäßig insbesondere von jener des Verlags Anávas(s)i klar überboten wird – kein großes Kunststück im Vergleich zur Leistung eines Einzelkämpfers.

Ach, was wird mich nun wohl erwarten, im äußersten Südwesten der Insel, wenn die vollendet ausgebaute breite Teerstraße wieder einen Knick machen wird und neue Einsichten gewähren?
Über einem kleineren Serpentinendreher steh ich und staune, und je weiter ich hinuntersteige, desto mehr bin ich angetan von dem, was mir, ganz unaufdringlich, vor die Augen kommt.
Es ist ein etwa 2 km langer, nur einige hundert Meter breiter Kámbos, eine bereits abgeerntete Hochebene mit braunen Feldern, buschigen Bäumen dazwischen, mit einer Bergumrahmung, die im Süden etwa 470 m Höhe erreicht und einem weitständig gebauten Dorf namens Arkesíni, das sich um die unteren Ausläufer des Kórakas–Berges herum ausdehnt, und ein Stück in die Ebene hinein.
Gleich rechts der Straße ein weißes, tonnengewölbeförmiges altes Kapellchen mit wuchtigen abgeschrägten Stützmauern. Es wirkt sehr ansprechend, muss die dem Ájio Kostandíno geweihte Kapelle sein, wenn ich meiner Karte glauben darf. Leider ist sie zugesperrt.

Die ganze Szenerie erinnert mich sogleich an irgendeine kargere kanarische Landschaft, ein Touch entlegeneres Gran Canaria oder auch, noch besser, El Hierro, aber ganz ohne Palmen und vulkanische Formen oder gar eine riesige Calderahälfte. Aber ein gewisses La–Restinga–Gefühl (von dem Ort auf der Insel El Hierro, wo sich die segelnden Südatlantiküberquerer ein letztes Mal mit allem Nötigen eindecken können und wo eine unbeschreibliche Ruhe und Zeitlosigkeit herrscht, inmitten all der Auswüchse des Vulkanismus, wie z.B. hunderte von Metern langen, erstarrten Stricklaven mit teils gut erhaltenen Inschriften der Ureinwohner) stellt sich hier ein. Ich fühle mich weit weg von allem und von der stillen Schönheit dieses Fleckchens Erde vollkommen vereinnahmt. Hier würde ich gerne einmal einige Tage mein Quartier aufschlagen!

Das ist keineswegs ein unerfüllbarer Wunsch.
Der erste Mensch, dem ich hier begegne, ist eine hochgewachsene ältere Dame mit kleinem Hund, die gerade aus ihrem Auto steigt. Sie meint, klar, das Kafenío sei geöffnet, gleich da vorne, nur etwa 50 Meter. Und eine geöffnete Taverne hätten sie auch, zwei– oder dreihundert Meter die Straße vor, dann rechts unten.

Vor einer Kurve erwartet mich links der Straße das Kafenío, genauer gesagt die strengen und doch gekonnt beiläufigen Blicke zweier davor sitzender Gestalten: des Dorfpolizisten und eines ihm Bekannten.
Ich geh nach den Begrüßungsworten aber gleich rein in die sehr klein bemessene gute Stube, wo mich die Besitzerin erwartet, eine Frau um die 38.
Das hintere Ende des bescheidenen Rechtecks nimmt der Kaufladenbereich ein, das winzige Lebens– und Putzmittelangebot, nur vom Allernötigsten. Mein großes Amstel mit Fánda ist unschlagbar preisgünstig, das Bier kostet nur 1,50 Euro. Wie mir das jetzt schmeckt! Wenn ich etwas essen wolle: sie hätten eine Taverne, weiter vorne im Dorf. (Dort, direkt nebenan, befindet sich übrigens auch ein Minimarket.) Und, eine weitere, bestimmt noch geöffnete Taverne gebe es auch in Kolofána, der nächsten, nur etwa zweieinhalb Kilometer entfernten Ortschaft auf meinem Weg. Darauf baue ich, obwohl ich eigentlich gar nicht hungrig bin.

Die Tür der Taverne dort unten steht offen, obwohl wir uns weit außerhalb der Hochsaison befinden. Das Haus macht einen freundlichen Eindruck, es wird auch für Rooms geworben.
Nur zwei Fußminuten weiter steht, dichter bei der Straße und ebenfalls rechts, ein recht neu wirkende Pension (Sophía). Nun, gleich zwei Übernachtungsangebote in dem kleinen Ort sollten doch genügen.

Von den westlichsten Häusern Arkesínis sind es noch etwa 2,5 km bis zur nächsten Ortschaft. Allmählich rücken Oliven näher an die Straße heran. Kurz nach der Kapelle Agía Ánna kurvt die breite, praktisch unbefahrene Straße (mit Ausnahme des gelegentlichen Baulasters) in ein enges, tief eingekerbtes Tal hinein und läuft über dessen Westflanke weiter. Links geht ein Feldweg hoch. Hier begegne ich einem Eselreiter.
In weitem Bogen nach SW mündet die Straße in Kolofána ein, einer absolut stillen Streusiedlung, deren Zentrum aus einer aneinandergebauten Abfolge von Zimmervermietung, geschlossener Taverne mit Terrasse und anschließendem geschlossenem Kafenío besteht. Auch die Andeutung von Minimarket hat nicht geöffnet. Da kann man nur auf den Abend hoffen, oder man weicht eben ins nahe Arkesíni aus. Zwei junge Hunde hinter einem Zaun machen sich bemerkbar, bellen mir nach.

Obwohl Kolofána am Rand einer weiteren Ebene platziert ist, wie sein Nachbarort an den Ausläufern eines Bergstocks, aber eben nicht teils noch am Hang, sondern ganz unten, wirkt es auf mich Teerstraßengeher wie eine in eine Delle gedrängte Ortschaft ohne große Aussicht – nichts Spektakuläres jedenfalls, und ich gestehe es: Arkesíni und seine herrliche Ebene haben mir viel besser gefallen, haben einen wesentlich freundlicheren Eindruck hinterlassen.
Aber wenn die Touristenautos vorbeifahren, so bis Ende September, wird hier auch noch ein wenig Leben sein, tagsüber, nehme ich an.
Dann hat möglicherweise sogar die zweite, nun recht schäbig und eingemottet aussehende zweite Taverne in der Nähe des Abzweigs mehrerer Feldwege auf, lädt zu einer Pause ein. Wenigstens sehe ich hier einen Menschen: eine Frau auf dem Balkon eines großen, weit zurückgesetzten Hauses rechts meines Weges äugt kurz zu mir herüber.

Nun eine Straßenverzweigung. Halbrechts ginge es zur sehr nahen – es sind nur ein paar hundert Meter – Kirche der Agía Parask(j)eví, die mit ihrer großen blauen Kuppel und ihren erstaunlich vielen Nebengebäuden wie ein größeres, schmuckes Kloster wirkt. Ein Auto parkt davor, vielleicht gehört es dem Kafeníowirt. Diese Anlage und die nahe Bucht des Órmos Paradhísia seh ich mir ein andermal an.

Ich gehe nach links weiter. Die Asphaltdecke verwandelt sich nun in eine schmalere Betonpiste, die mich zu dem auf einer ausgeprägten Anhöhe gelegenen Weiler Kalotarítissa bringt.
Wie erwartet, döst vor den Bauernhäusern mindestens ein Schäferhund vor sich hin, hat mich zwar im Blick, aber wahrscheinlich Respekt vor meinem großen Teleskopwanderstab und hält es eben nicht der Mühe wert, sich wichtig zu machen.
Auf einer öden Weidefläche lädt gerade ein Mann einen jener ganz kleinen Raupenbagger von seinem LKW ab, indem er ihn, selbst an den Schalthebeln, auf einen aufgeschichteten Steinhaufen bugsiert.
Weiter oben grüßt mich ein Einheimischenpaar aus dem Hof heraus, dort, wo sich mein Weg nun wieder als breite Teerstraße zum Órmos Kalotarítissas hin fortsetzt.

Man hat hier einen wunderschönen Blick über Ebene und Berge und hin zur Gramvoússa–Insel. Und Richtung Ostnordost steigt ein auffallend wuchtiges, steiles Kap aus dem Meer, ganz im Hintergrund – es ist bestimmt die hohe Westspitze der Insel Nikouriá.

Wäre nur nicht der relativ starke Wind, der mir die Lust auf ein Bad im Meer verleidet. Und irgendwie bin ich jetzt auch ein bisschen erschöpft, oder zumindest nicht mehr optimal motiviert, denn ich weiß ja nicht, wie ich die ganze Strecke wieder zurückkomme, wohne schließlich weit weg, in Katápola. Und die herbstliche Melancholie dieser abgelegenen Landschaft sitzt mir auch in den Knochen.
Ich gehe also noch vor bis fast zu der Stelle, wo die Straße hinuntersinkt Richtung ihrem Endziel. Doch Einblicke in den Órmos Líveros mit seinem Schiffswrack habe ich keine mehr, die hätte ich erst weiter vorne. Nein, ich spare mir die gut 4 km (insgesamt) hin und zurück und verzichte auf das einsame Stranderlebnis am Órmos Kalotarítissas, komme gerne per Bus wieder, wenn es sich mal baden lässt.

Ich grüße mich also wieder zurück, überwinde erneut das Hundehindernis, lasse mich von Kolofána ein weiteres Mal deprimieren, habe bei den Oliven ein herzzerreißendes Kleine–Katze–Erlebnis (sie schreit erbärmlich nach ihrer Mutter, findet sie nicht, sieht mich schutzsuchend an, läuft mir nach – ich bleibe standhaft, voller Gewissensbisse), komme etwas geschafft nach Arkesíni zurück und steuere auf die Taverne zu.
Eine sehr sympathisch wirkende große schlanke Frau (die Wirtin?) verabschiedet gerade ein Frauenpaar.
Ich frage in die Runde, ganz naiv, ob es heute noch einen Bus zurück gebe (glaub natürlich selbst nicht dran). Sie meinen, nein, erst morgen früh starte der Schulbus Richtung Chóra. Sehen sich gegenseitig etwas zaudernd und zögerlich und unentschlossen an, bis dann eine der im Gehen begriffenen jungen Frauen meint, ich könne doch mit ihnen im Auto mitfahren.
Ja so ein Glück! Da verzichte ich gerne auf die eigentlich vorgesehene Tavernenerprobung, werde keine Fragen zu der Gegend stellen können, aber was soll's. Ich werde doch hoffentlich wiederkommen.

Es ist einer jener Lehrerinnen–Kleinwagen, ich sitze hinten. Erfahre, dass sie ihre Bekannten hier in Arkesíni besucht hätten, hier in der Gegend der Káto Meriá gebe es auch eine Volksschule, und die Lehrer(innen) auf der Insel pflegen einen engen Kontakt untereinander. Die meisten sind sehr jung und leisten hier ihr Pflichtjahr ab, fern von allem Stress und vor allem von zu hohen Klassenstärken. Man kann froh sein, überhaupt ein paar Schüler zu haben.

Die Lenkerin und Besitzerin des Autos unterrichtet unten in Katápola, ihre Beifahrerin oben in der Chóra.
Wir kommen ins Gespräch. Überraschung: unsere Fahrerin stammt aus Sitía auf Kreta, wohnt im Kástro–Viertel dicht beim Flugplatz und unweit meiner in den letzten Jahren üblichen Bleibe, wenn ich auf ein Schiff nach Kárpathos wartete, dem Hotel Nora.
In den Ferien lernt sie systematisch die umliegenden Inseln kennen. Donoússa gefällt ihr besonders gut. Aber ihr großes Abenteuer, das sei eine 20–tägige Erkundung ihrer Heimatinsel Kreta gewesen, mit demselben Auto, in dem wir jetzt gerade fahren. Für sie etwas ganz Neues und höchst Interessantes!
Nachdem wir zum Wendeplatz am Beginn der Chora abgebogen sind, um die Kollegin abzuliefern, fahren wir gemeinsam runter nach Katápola.
Ich nehme mir vor, die Frau mit zwei Flaschen guten Athos–Weines zu beschenken, besorge die auch gleich, sollte die Dhaskála aber partout nicht mehr zu Gesicht bekommen, die hat sich in den nächsten Tagen spurlos verflüchtigt.

An diesem Abend probiere ich zum ersten Mal das Mourágio aus, drinnen bin ich der einzige Gast, draußen auf der Terrasse speisen noch zwei Griechen. Es sind so wenig Touristen da, dass in allen Tavernen meist gähnende Leere herrscht, höchstens einmal zwei Tische besetzt sind, in der Regel aber nur einer. Ich bin mit dem (sehr preiswerten) Essen und dem freundlichen Service des Besitzers sehr zufrieden.


Eine Kurzwanderung hoch nach Minóa

Heute hat die Skopelítis schon um sechs Uhr (früh) abgelegt, da sie den Großkreis über Egiáli und Donoússa nach Naxos und zurück fährt. Natürlich bin ich aus den Federn gekrochen und hab zugeschaut, wie erst ganz kurz vor der Abfahrt die Crew auftauchte, die Lichter angemacht wurden und die wenigen Vehikel und Fahrgäste auf einmal da waren. Noch im Dunklen wird abgefahren.

Von der Blue Star Naxos bzw. ihrem Schwesterschiff Paros war während meiner knapp drei Tage in Katápola nichts zu sehen, auch diesen Mittwochfrühmorgen nicht, wohl aufgrund des Streiks vom Vortag. Nur gut, dass es bis Naxo eine langsamere Alternative gibt.

Kaffee–Frühstück bei Nikólao, am Morgen hat er kaum Gäste, die meisten kommen abends vorbei. Schau den Einkäufern im benachbarten Minimarket zu.

Ganz sigá–sigá verzieh ich mich dann auf mein Zimmer und rüste mich wandermäßig aus, mit guten Schuhen und meinem Stock. Ich kann mir denken, dass es keine längere Exkursion werden wird, nicht etwa so wie gestern. Umso schöner, später noch Zeit für andere kleine Unternehmungen zu haben.

Den Weg aus dem Dorf hinaus kenn ich ja schon, es ist ein Genuss, zum Ág.–Nikólaos–Kirchlein hochzusteigen, dann hinein in die Oliven. Nach wenigen Minuten mündet mein Weg auf die vom Talgrund herauf weit ausholende betonierte Straße, unweit zweier Kapellen und einer kleinen Höhle im Hang. Bald ist die Anhöhe mit einer weiteren Kapelle (Ág. Stavrós) erreicht, dort wendet man sich nach rechts und geht den Erdweg hinauf.
Bald trifft man linker Hand auf einen bescheidenen Steinbau, der dem Ausgrabungspersonal von Minóa (es waren Griechen im Auftrag der Archäologischen Gesellschaft Athen) als Aufenthalts– und Auswertungsstätte diente. Nach weiteren fünf Minuten steht man vor dem Eingangstor zu Füßen der steilen Kuppe des Moudouliá–Berges.

Pfeile weisen den Weg zu einer Rundwanderung auf dem weiten Grabungsgelände, doch irgendwie ist das alles nicht so perfekt durchdacht. Der ausgiebige Erklärtext auf der pultartig abgeschrägten Erklärtafel ist nicht mehr ganz so gut lesbar, die Unbilden der Witterung haben die schützende, durchsichtige Plastikbespannung bereits arg beschädigt. Aber so viel kann ich durchaus entziffern: nach heutigem Wissen sind die ältesten Steinrelikte um die Bergspitze herum etwa 6000 Jahre alt (!), reichen also tief ins Neolithikum, die Jungsteinzeit, hinein. Sie können sich altersmäßig durchaus mit dem ältesten Siedlungskern (lange bevor der erste Palast entstand) von Knossós auf Kreta messen. Die meisten freigelegten Stellen gehören aber jüngeren Geschichtsepochen an. Der Name Minóa stammt wohl von den reichlichen Scherbenfunden von aus Kreta stammenden Keramiken.
Das umzäunte Gelände weist in seinem Inneren einige weitere eigens eingezäunte Bereiche auf, ist ansonsten aber frei zugänglich. Ich arbeite mich im Uhrzeigersinn über den Süd– und Westhang auf den Gipfel hinauf und nach Ost hin wieder hinunter.

Es ist ein fantastischer Rundblick von dort oben. Besonders interessant für mich die Aussicht nach Süd und Südwest auf das Feldweggewirr (viel mehr Wege, als auf der Anávassi–Karte eingezeichnet!) und die doch recht zahlreichen Weiler zwischen den Meeresbuchten und dem Varmádhes–Bergzug.
Noch interessanter jedoch jenes fernere, deutlich niedriger als das meinige ins Meer hinausragende Vorgebirge: das von Alt–Arkesíni. Es ist von meiner Warte aus sehr gut zu erkennen, man kann sich an dem weißen Fleck des Panagía–Kastrianí–Kirchleins mitten auf jenem Hügel gut orientieren. So hatten die beiden antiken Städte des Inselsüdens von Amorgós also regelrechten Blickkontakt zueinander, wenn auch Details keinesfalls auszumachen waren, aber bestimmt Feuer– oder Rauchzeichen! Man sieht noch weiter über Land und Meer, locker bis zur kleinen Petalídha–Insel und bis hinter zur großen Gramvoússa–Insel und darüber hinaus auf die größeren, weiter entfernten Inselnachbarn.

Beim Abstieg von der Ostflanke tu ich mich etwas schwer, verliere den Weg und muss geeignete Stellen suchen.
Ob ich wohl den Mittagsbus in die Chóra hinauf noch erreichen werde? Nein, ich hab bewusst nicht auf meine Klappuhr geschaut, verfehle den Bus um knapp 10 Minuten. Ganz egal.


Weitere Tagesfüllsel, inklusive einer Erläuterung des Namens Chozoviótissa

So um zwei herum trotte ich vor zum Abzweig der Chóra–Straße, gleich nördlich des Schul– und Kindergartenkomplexes. Setze mich auf die niedrige Begrenzungsmauer und warte auf Mitfahrgelegenheiten.
Nach vielleicht 3 min Wartezeit ist es so weit: ein klappriger PKW hält an, und sein junger Fahrer, ein Albaner, wie es scheint, bittet mich herein. Nein – ich solle mich bloß nicht an der Seitentür festhalten oder auf sie stützen: die sei höchst absturzgefährdet!
Oben angekommen, lässt er sich nicht auf einen Kafedháki bitten, er müsse zu seiner Hausbaustelle, er habe Arbeit.

Zeit für einen erneuten, ausgiebigen Bummel durch die alten Gassen. Noch einmal hoch zu den Windmühlen auf diesem langen Felsplateau. Das Katzenmahl vor dem letzten Häuschen auf dem Weg zum Friedhof ist heute bereits beendet.
Auffallend, wie man sich bemüht, die alten Mühlen ein wenig zu sanieren, wenigstens durch einen neuen weißen Außenanstrich.

Kletterlust überkommt mich. Ich werde doch nicht gesittet durch lauter Gassen zurückgehen! Nein, erst einmal einen Pfad hinab auf eine Feldterrasse, in einen aufgelassenen Garten. Dann über das erste Mäuerchen weiter nordwärts. Weiter hangparallel, schließlich muss man wirklich etwas klettern, es geht um einen Felssporn herum zwischen Felsbrocken schräg abwärts auf ein Gatter in einer Losesteinmauer zu, das den Weg zum Dorf hin freigeben würde. Das Mäuerchen ist aber so gebaut, dass es nicht unbedingt überwindbar ist und das Tor ist verschlossen.
Schließlich finde ich eine niedrigere Stelle und kann rüberklettern. Uff! Nun hin zur Einstiegsstelle außerhalb des Gatters vor dem großen Parkplatz (bei den Schulgebäuden) auf den alten Stufenweg hinunter zur Straße Richtung Ajía Ánna und dem Kloster.
Endlich wieder einmal auf dem Serpentinenweg zum Kloster der Panajía Chozoviótissa.

Klar, wir haben frühen Nachmittag, da ist das Kloster noch lange geschlossen. Ich will es ja auch nur sehen, von außen und von unten. Zwei Besuche dort hab ich schon vor Jahren absolviert, muss also nicht mehr rein.
Über den Abzweig nach Ag. Ánna hinweg gelange ich zum kleinen Klosterparkplatz, nicht ohne den großen Felsbrocken dort oben bemerkt zu haben, der gerade noch von anderen kleinen (!) Felshindernissen vor dem endgültigen Absturz bewahrt wird. Zwei PKWs des Klosters, darunter ein größerer Geländewagen, sind hier abgestellt. In einer Ecke ein überdachter Unterstand mit den übergut gefüllten Müllcontainern. Im Schatten der Autos warten die beiden auf das Kloster spezialisierten Katzen auf einen Mönch, der gefälligst Speisereste herbringen soll.

Ich trete durch den gemauerten Torbogen, hinter dem der Aufstieg zum Kloster auf einem breiten, steinigen Weg beginnt. Setze mich gleich auf die meerwärtige Begrenzungsmauer, lehne mich an den einen Torpfosten, strecke meine Beine längs des Mäuerchens aus und genieße den Schatten. Hier lieg ich also, die Schwerkraft drückt mich hangabwärts gegen meine gemauerte Steinbarriere. Endlich ausruhen. Schräge Position, aber gut. Hoch oben das weiße Schwalbennest, davor Bäume, viel Grün. Aber auf herunterkommende Wanderer warte ich vergebens. Bewegt sich da nicht doch etwas? – Nein. Waren wohl ein Vogel oder eine Ziege.
Rechts unten rauscht das nahe Meer. Blicke ein Stück Ostküste entlang nach Nordost. Sehr entspannend.

Hier noch eine Erklärung des seltsam anmutenden Namens "Chozoviótissa", aus einer griechischen Quelle:
Der Name Χοζοβιώτισσα entstand aus einer Verballhornung von Χοζιβίτισσα (Chosivítissa) oder Κοζιβίτισσα (Kosivítissa), das wiederum von dem Ortsnamen Χοζιβά (Chosivá) oder Κοζιβά (Kosivá) im Heiligen Land in der Gegend des Wadi Qilt bei Jericho stammt. Nach schriftlichen Zeugnissen aus byzantinischer Zeit existierten dort bedeutende orthodoxe Klöster aus der Zeit des frühesten Christentums. Zur Zeit der Bilderstürmerei, im 8. und 9. Jh., entsteht die örtliche mündliche Überlieferung, dass die Ikone der Gottesmutter auf wundersame Weise übers Meer am kleinen Ankerplatz der Hl. Anna in nächster Nähe des heutigen Klosters angelandet ((wohl "angetrieben")) worden sei.

Ich verabschiede mich, zurück in der Chóra, von Dina und ihrem Kafenío. Geh ein Stück Straße und versuche einen lift zu bekommen. Nur ein paar hundert Meter war ich unterwegs, schon hält wieder jemand. Der Herr hat beruflich mit Elektrotechnik und Elektronik zu tun. Ah, Deutscher sei ich? Was bedeutet denn eigentlich das deutsche Wort "Blitzkrieg"?
Da muss ich lachen. Hat er wohl aus dem Fernsehen. Hab aber eine plausible Erklärung, sogar auf Griechisch.

Einen kleinen Schlenker mach ich noch durch den Ortsteil Rachídhi. Auch hier gäbe es ein paar Unterkunftsmöglichkeiten. Am auffallendsten, neben der großen Kirche, ist die große Katzenschar, an allen Ecken und Enden lauert sie auf EssensspenderInnen. Natürlich ist für sie auch das Lebensmittelgeschäft interessant, das wie ein Propyläenbau den Eingang zu diesem Ortsteil bewacht. Einige ganz Mutige (Katzen!) wagen sich hinein in den Laden.

Abends geh ich zu meinem Erstaunen doch wieder nicht ins Corner essen, die schaun mich jetzt schon etwas seltsam und so typisch überfreundlich an. Eine Schweizer Segelcrew langweilt sich alleine für sich in dem Lokal.
Nein, ich zieh mich wieder ins Mourájo (Mourágio) zurück. Diesmal wird mir Fischsuppe angeboten, da sag ich nicht nein.
Die Suppe schmeckt vorzüglich, das stattliche Fischstück ist allerdings etwas sehr glitschig und schlabberig, und ich habe Mühe, das fest an der gut einen halben Zentimeter dicken, grauen, schwabbeligen, auffällig gepunkteten Haut klebende weiße "Fleisch" herunterzuschaben. Erinnert mich an was, diese Hautfärbung. Wie heißt denn der Fisch?, frage ich. Das ist eine Smérna, meint der Wirt, die sei ganz gut für Fischsuppe geeignet.
Auf meinem Zimmer erhärtet sich der Verdacht, als ich das Wort nachschlage: ich hab eine hässliche, vor dünnen langen Zähnen nur so strotzende, bissige Muräne verspeist!
Als ich das dem Kafeníowirt Nikólaos erzähle, muss er herzlich lachen. Dann besorgt mir der Wirt bei der gerade eingetroffenen jungen Frau an dem einen Schalter im Café ein Ticket für die kleine Lokalfähre nach Náxo – ich musste ihm nur meinen Namen aufschreiben. Wird schon nicht schlimm werden, die Überfahrt, es geht ja auf dem kürzeren Weg zum Ziel.

Copyright puchheim = MartinPUC, November 2008

Herbsttage auf Náxos



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