Teil 2: Auf Donoússa
Copyright puchheim = MartinPUC, Juni 2007


Als einziger Gast lebe ich hier oben, im bescheiden dimensionierten Neubaugebiet gegenüber dem Ortszentrum von Ágios Stavrós (= Heiligkreuz), dem Haupt– und Hafenort, habe die ganze Balkonterrasse für mich. Kann Wäsche waschen, mich ausbreiten, mal hier, mal da Platz nehmen.
Um die Ecke vom Friedhof, nicht weit von meiner Bleibe, wohnt ein englisches Paar, ihr Strandblick ist unmittelbarer als meiner, sie fühlen sich sehr wohl hier, besuchen nur die wirklich kleinen Inseln, sagen sie, wenn sie sich in GR herumtreiben.

Herumsteigen in meinem Neubauviertel. Schleiche mich in den Innenhof der Taverne Iliovas(s)ílema (das zweite "s" schreibe ich nur, weil ein Deutscher das Wort sonst mit weichem, stimmhaftem "s" wie am Anfang von "sehen" sprechen würde). Es muss schön sein, hier zu essen, doch ich bin zu früh dran, geöffnet wird später im Jahr.
Weiter hangauf, es sind keine Mittouristen zu sehen, nur auf einem Balkon hängt Wäsche, ein dickes Motorrad parkt davor. Am Ende der Stichstraße eröffnet sich ein erster Ausblick hinunter zum mit Erdöl befeuerten Inselkraftwerk. Strom gibt es nun also im Überfluss.

Chrístos säubert kurz seinen nagelneuen Wagen, indem er einen Schlauch an der öffentlichen Wasserzapfstelle unweit seines Büros gegenüber meinem Zimmer anbringt. Er geht sparsam mit dem wertvollen Nass um.
Steige erstmals die steile Betonpiste zum Strand hinunter, unten ein kahlköpfiger junger Mann, der sich mit einem kleineren, dicklichen unterhält; man sieht die beiden oft zusammen auf dem Motorrad bzw. dem scheinbar einzigen Quad, das auf der Insel herumkutschiert. Solche Sachen werden auf einer kleinen Insel wie dieser zur Hauptsache, zur Auffälligkeit.

Die etwa 250 m Sandstrand, der "Hauptverbindungsweg" zwischen den beiden Ortsteilen, sind schnell überwunden. Autospuren, Quadspuren, Motorradspuren, Fußstapfen haben sich tief in das Goldbraun eingegraben. Auf dem Sand zwei blasse Touristinnen.
In der Mitte des Strandes die im deutschsprachigen Internet bevorzugt erwähnte Unterkunft von Spíros und Loni Skopelítis, die junge Deutsche stammt angeblich aus Hamburg, wenn ich meinem Kykladen–Führer trauen darf, und hat wohl gerade eine deutsche Freundin zu Gast, mit der sie ständig zu sehen ist. Der Garten der beiden Skopelítis wirkt sehr geräumig und gepflegt, das Haus mit den Fremdenzimmern ist deutlich zurückversetzt, breitet sich am landeinwärtigen Gartenende aus.
Sicher eine sehr schöne Bleibe, aber ich bin froh, per Zufall meine ganz anders gelegene Unterkunft bekommen zu haben, mit ihrem so hübschen Zimmer und dem Traumblick über die Bucht und die See von hoch oben aus, für mich unvergleichlich schöner als alles andere da unten gleich hinter dem Strand. Aber das ist ganz Geschmackssache, jedem das Seine.

Kurz hinter Lonis hübscher Strandunterkunft zweigt eine Staubpiste schräg landein Richtung Ortszentrum ab. An ihrem Beginn rechts das einzige zu meiner Ankunftszeit geöffnete "richtige" Estiatório namens Aposperítis (= Abendstern), das einem weiteren Skopelítis–Bruder gehört und mit riesigen Lettern oben an der Hausfront für sich wirbt. Ich habe dort immer sehr gut gespeist. Die Wirtsleute mussten natürlich schon einmal die Frage loswerden ob/warum ich nicht bei Loni wohnte. Der Vorhof dieser Taverne ist tadellos neu hergerichtet, so neu, dass es mir drinnen in der Wirtsstube doch deutlich besser gefiel als draußen, aber ich hänge bekanntlich ja eh immer dem Alten, Urigeren nach.

Dieses Urigere findet der Suchende recht bald bei Nikítas Markoúlis (Νικήτας Μαρκούλης), der zusammen mit seiner Frau und einer weiteren Hilfskraft (seinem Sohn?) eine Mischung aus Kafenío, Krämerladen, Tavernchen und Poststelle betreibt, die sich To Kyma nennt und wo sich nicht nur die alten und mittelalten Dörfler wohlfühlen, sondern auch der relativ junge Papás, der Dorfpfarrer. Das Unikat von Begegnungsstätte befindet sich ganz in Hafennähe, und gleich schräg unterhalb legt die Skopelítis an, denn sie benötigt keine große Mole wie die anderen, größeren Fährschiffe. Erst einmal einen Nés, und der kostet immerhin 2 Euro, bei Nikítas.
Dafür darf man dann die interessanten Kleinigkeiten beobachten und die gemächlich eintreffenden Insulaner, die die wenigen Schattenplätze draußen beziehen, das britische Paar, das generell weiter unten über der Uferstraße sitzt, auf Nikítas' unterer Terrasse, später die große Inselbekannt– und Beliebtheit, einen älteren Franzosen namens "Dzak" (oder so ähnlich), den wirklich jeder Einheimische herzlich begrüßt und der sich mit all seinen Bekannten und Freunden wie selbstverständlich auf Griechisch unterhält, sich die Mühe gemacht hat, ihnen sprachlich ziemlich perfekt entgegenzukommen. Er ist mit demselben Schiff angekommen wie ich.

Dorferkundung. Die Bäckerei steht offen, Hoffnung keimt in mir auf, doch vergeblich: der Laden wird nur hergerichtet für den Sommer, nirgendwo Tirópitta, Brot oder Kuchen, die Bäckersfrau winkt gleich ab. Einige Tavernen und Lädchen an der Uferpromenade sind ebenfalls noch geschlossen.
Das Hauptgässchen wird zur Kirche hinter immer enger, alles war unlängst noch aufgerissen, wegen der Wasserleitungen, wirkt nun wie notdürftig zugeschüttet, Sand– und Schutthaufen verhindern einen Durchgangsverkehr, ein Bagger werkelt gelegentlich noch herum.
Im Gemeindeamt haben sie leider keine Kopien der Inselkarte mehr, erst wieder in der Saison. Ein paar Schritte unterhalb der Minimarket von Pópi, einer jungen Frau, die in einem Büro unweit von Nikítas' Kafenío kurz vor jeder Schiffsankunft auch Tickets für die Skopelítis verkauft, wofür kein Name extra notiert und im Computer festgehalten wird, das braucht es nicht – obwohl die Kentermöglichkeiten unserer lieben Kleinfähre ungleich höher sind als jene einer gestandenen Großfähre.

Mein Weg verengt sich immer weiter, weitet sich am Dorfende schließlich zum Feldweg, rechts ein Hühnerhof mit einer erstaunlich hohen Hahnendichte. O ihr armen, gebeutelten Hühnerweiber!
Auf der ansteigenden Strecke begegnet mir erst eine zurückkeuchende, nordeuropäisch oder vielleicht auch holländisch aussehende blonde Joggerin, dann ein ganz entspannt daherschreitendes älteres Touristenpaar. Hoch geht es zu einem kleinen Bauhof mit Baufahrzeugen und Sandhalden, und schon mündet der Weg in die nur sehr sporadisch befahrene Teerstraße oberhalb der Siedlung ein.
Auf der anderen Straßenseite gleich wieder ein Feldweg hin zu einem Wohnhaus mit einer Windmühle davor, alles ist zu. Wunderschön die Aussicht hin nach Naxos, über den Sattel hinweg, über den die Teerstraße hochkommt.

Ich gehe diesen Weg weiter, links am Haus vorbei. Immer wieder tauchen Laster mit Straßenschutt auf, wirbeln alles mit ihren Staubschleppen zu, weiter vorne wird die Straße wohl weiter vorgeschoben Richtung der Bucht hinter dem Kap Áspros Kávos.
Am Wegrand ein unverschlossenes, recht üppig ausgestattetes Fahrrad. Gehört bestimmt dem Hausbewohner etwa 200 m hangab, der sich gerade auf seiner Terrasse in herrlicher Entlegenheit ausruht. Bald kehre ich um, denn der von den Lastern aufgewirbelte Staub nervt etwas, und ich hab nicht so viel Zeit auf der Insel.

Blicke von West her auf die Vorhöhen des Pápas, zu ihren Füßen steigt der gut sichtbare Feldweg Richtung Kalotarítissa den Hang hinauf. Er ist noch keineswegs geteert. Geteert ist lediglich die breite Piste nach Ost hin, die bei Mersíni dann nach Nord dreht.
Den Feldweg und den eventuell noch anschließenden Fußpfad geh ich bestimmt noch einmal, irgendwann, sag ich mir. Es wäre die absolute Abkürzung zu dem kleinen Weiler Kalotarítissa im "hohen Norden" (es sind nur einige Kilometer) mit seiner nur zur Hochsaison geöffneten Taverne (so sagt es mir die Wirtin des Aposperítis).

Quer am Haus mit der Windmühle vorbeigehend, treffe ich auf einen altehrwürdigen Steinpfad, wohl den alten Eselsweg hinüber in den Inselnorden. Den laufe ich gerne noch ein Stück, immer über einem ausgetrockneten, stark eingekerbten Flusstal entlang. Eine Gegend, die mir gefallen könnte!
Langsam hüpfe ich über die Steinplatten bald wieder talwärts, auf die Teerstraße zu, gehe dieselbe Wegstrecke zurück ins Dorf.

Ein sehr friedlicher Morgen ist das. Permanente, nie endende Sonntagsruhe, möchte man meinen. Eine sehr friedvolle Insel, dieses Donoússa in der Nebensaison. Hätte sie nur Olivenhaine, Zitronen– und Orangenbäume, hier und da mal eine Banenstaude, eine Palme. Aber man muss es eben nehmen, wie es kommt. Jede Insel hat ihren speziellen, herberen oder üppigeren Charakter. Und schön kann beides sein.

Essen bei Váso. Ein Artischockengericht mit Kartoffeln. Aus dem eigenen Garten, sagt sie.
Am Nebentisch ein Bier trinkender Grieche, der fast immer hier ist – der dritte der Skopelítis–Brüder?
Der Fernseher läuft. Hitze gewährleistet, aber hohe Windstärken werden angesagt.

Ja, eine offene Telefonzelle hätten sie sehr wohl – eine einzige: ziemlich weit oben am Hang, an der Kirche vorbei hinauf zur kleineren Kapelle neben dem OTE–Gebäude mit dem bescheidenen Richtfunkmast. Unter einem ausladenden Baum steht sie da, ist voll funktionsfähig.
30 Meter dahinter ein Verschlag mit Schweinen, Schweinderln, die erwartungsvoll meiner harren – hab leider nichts Fressbares dabei.
Feldweg nach West hinaus, ins dörfliche Abseits. Er führt auf eine kleine Hotelanlage zu, die unbewohnt wirkt. Ich nehme eine Abzweigung bergauf. Rundblicke, neu gebaute Aussichtshäuser um die Kuppe herum. Ein großes, ummauertes Grundstück mit Haus darauf. Der Verlauf der Umgehungsstraße da unten ist zu erahnen.

Hinuntersteigen Richtung Hafen, eher einem Häfelchen. Man leistet sich sogar den Luxus eines öffenlichen Toilettenhäuschens. Auf dem halben Weg vor zu Nikítas' Kafenío sitzt ein Terrassenlokal in Hanglage, über Stufen erklimmbar. Die benutzten Gläser vergangener Herbsttage stehen noch drinnen auf den Tischen, so als ginge es gleich morgen weiter.
Dort oben verzweigen sich einige hübsche Gassen, grüßen ein paar freundliche Zeitgenossen vor ihren Eigenheimen, regt sich auch einmal ein kleiner Hund auf, der gleich von seinem aufmerksamen Frauchen zurückgepfiffen wird. Schöne Häuser mischen sich mit Zweckbauten. Alles weiß und strahlend. Nikítas scheint den Nachmittag über geschlossen zu haben.

Mal den Betonweg hochsteigen, vom Ostende des Ortsstrandes aus, vorbei an dem freundlichen Kahlköpfigen und seinem dicklichen Freund, das Quad neben ihnen geparkt. Links ein Zwiebelfeld, oberhalb das nette Häuschen einer mittelalten Frau. In lockerer Bauweise weitere Häuser, oben am Hang als Zielmarke ein weißes Kirchlein, das der Panajía und des Ájios Ioánnis. Noch bevor man es erreicht, durchschnneidet die neue Inselstraße im rechten Winkel den Weg, isoliert eine Pension jenseits der Asphaltpiste, sie hat ihre Idylle endgültig eingebüßt, trotz des Mangels an Autoverkehr.
Auf der Kapellenterrasse ließe es sich abends gut Ausschau halten, Wein trinken, genießen.

Ich wende mich aber auf der Asphaltstraße nach Ost, erreiche nach wenigen hundert Metern den Einstieg zur Kéndros–Bucht. Ein breiter, furchiger Weg wird bald zum schmalen Serpentinenpfad einen steilen Abhang hinunter. Noch auf mehrere Kilometer Entfernung zeigt sich oben das sich an den Ausläufern von Bergspornen entlangwindende Band der großen Straße.
So steh ich also über der Kéndros–Bucht, schau auf den hübschen Strand, auf dem sich vier, fünf Leute breitgemacht haben. Unweit dahinter eine Taverne mit großer Freifläche für die Tische davor, der Wirt ist am Putzen, stellt sich auf die Saison ein, wird bald öffnen.
Hinter dem Strand auch etwas, das wie eine provisorische Hütte aussieht. Wegen der Hitze verzichte ich aufs Hinuntersteigen, hab mir von schräg oben einen Eindruck verschafft, der mir fürs Erste genügt. Schwimmen werde ich nicht gleich an diesen meinen ersten Urlaubstagen, das hat noch Zeit, das Wasser ist noch nicht so angenehm aufgewärmt, wie man sich das wünschte.
Aber mein Eindruck erhärtet sich von Stunde zu Stunde: auf dieser Insel lässt es sich aushalten, es ist ein Platz zum Wiederkommen, und wenn das Schicksal es gestattet, komme ich wieder, komm ich gerne wieder.

Bei Nikítas spreche ich die beiden Engländer an; hier erzählen sie mir von ihrer Vorliebe für die ganz kleinen, abgelegenen Inseln. Ich müsse mir unbedingt Mersíni ansehen, den Weiler mit der so stark sprudelnden Quelle nahebei, er sei besonders hübsch.
Ja, wenn die wüssten, dass ich mich bald anderswo mit ganz lieben Leuten treffe, Musik– UND Griechenlandliebhabern, und für Donoússa diesmal nicht so viel Zeit bleibt.
Schon klingen mir die Nissiótika–Melodien und die fast kindliche Stimme der Iríni Konitopoúlou im Ohr, und heute, da ich diese Zeilen schreibe, begleiten sie mich bei meinen Erinnerungen, die im Music Center, dem kleinen Laden an einer Hauptausfallstraße der Chóra von Náxos, erstandenen CDs. Doch einmal möchte ich eine derart fröhliche Musik direkt auf Donoússa hören, per Zufall oder wegen irgendeines Inselfestes. Die Insel gilt doch als eine der Hochburgen der Nissiótika–Klänge, nicht wahr?

Copyright puchheim = MartinPUC, Juni 2007

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