Teil 8: Auf Kárpathos –
friedlich und schließlich hektisch

Copyright puchheim = MartinPUC, September 2007


In Pigádhia

Hätt kommen können schlimmer – wie immer! – doch ich bin die Wellen los, hab festen Boden unter den Füßen, der Zufall lässt grüßen, ich wenigstens sollt nicht büßen wie andere, grandios, das Zimmer: echt nett.

Andere nach Rhodos verfrachtet und irgendwann am späten Abend an der Mole von Triánda festhängend – Los der Sturmgepeitschten, wenn selbst der Haupthafen von Rhódos–Stadt geschlossen ist, wegen Unpassierbarkeit. Ein seltenes Erlebnis, in der Tat.

Seitenblicke hab ich geworfen auf alles, hochwandernd von der Mole, unbelästigt von der diplomierten Kartenleserin und Hellseherin, hässlich wie ihre Tochter, mit ihren Studios etwas höher oben als meine bewährte Bleibe.

Als Abwechslung von dem üblichen ersten Gang gleich wieder runter zum Hafenrund geh ich diesmal im Schlenderschritt die 28.–Oktober–Straße hoch.
Dreh noch vor dem Dhimarchío (Δημαρχείο = Rathaus, Ort der bedächtigen Insassen) nach rechts und finde mich in den wenigen Gässchen zurecht, denn ich war schon einmal bei ihm, bei ihr, einer nie so richtig bekannten Kneipe, vom Ilías betrieben. Der Oúzo ist nichts Besonderes und etwas überteuert, auch das Winzbier. Der Wirt fast gekränkt, weil ich ihn nach seinem Namen frage, eine Runde Deutscher draußen auf seiner Terrasse, alle ganz zufrieden. Drinnen sitzen, ein gewohntes Bild, die beiden griechischen Hausfreunde am grün bespannten Kartentisch, sonst kein Einheimischer.
Gut, dass es andere, etwas natürlicher wirkende, belebtere Kafenía und Kneipen der einfachen Sorte gibt. Aber wer nichts anderes kennt, dem gefällt's hier bestimmt supergut, denn er/sie wird mit deutschen Sprachbrocken umschmeichelt, und besser als auf der Kö ist es hier vielleicht auch, für Griechenlandliebhaber(innen) sowieso.

Kurzum: anderntags, gut ausgeschlafen, befolge ich den Rat eines wohlmeinenden Bekannten aus dem hohen (karpathiotischen) Norden, hier sind ja alle immer noch skeptisch wegen des hohen Seegangs vom Vortag. Der Diafaniote meinte, ich solle doch mal bei den Taxifahrern nachfragen, die zu mehreren eine leere Fahrt nach Diafáni machen würden, eine Schweizer Wandergruppe abzuholen, und mir bestimmt einen relativ günstigen Preis anböten, so um die 25 Euro herum, statt 100 – 120 Euro, dem Normalfall. Hab also vorgefühlt und eine Zusage erhalten.

Die Zeit bis zur frühnachmittäglichen Abfahrt nutze ich und besuche ein auf einer Anhöhe gelegenes vielsterniges Hotel, in dem eine mir bekannte Frau arbeitet.
Auf ihre Ankunft wartend, hab ich ein seltsames Erlebnis. Eine Zicklein rutscht von einer Mauer ab, die seine Aufenthaltswiese einfriedet, ist aber an einem Strick angebunden, der fest um eines seiner Beine geschnürt ist und dieses beinahe arg verletzt, so, wie das Tier hilflos dahängt, das arme Vieh, jämmerlich meckernd und mähend und ganz panisch.
Ich stürze also hin, ihm zu helfen. Nicht ganz so einfach, wertes Publikum, denn das spitze Tiergehörn wedelt rasend schnell und gefährlich hin und her in all der Verzweiflung seines Trägers, und ich wette, Ihr hättet genauso wie ich gezögert.
Doch mit etwas Glück und Mut kommt der rechte Augenblick, ich krieg das Tierchen zu fassen und hieve es hoch, befrei es von all den Verwicklungen. Es stürzt seinerseits Schutz suchend auf die wartende Mama–Ziege los.

Die Eingangshalle des vielsternigen Hotels ist nicht uninteressant, das Personal ganz nett, die Bekannte angekommen, aber so im Organisationsstress, dass sie keine Zeit für mich hat und ich frustriert wieder abziehe. Ja, so geht's einem mit den Griechenland–Auswanderinnen, wenn die mal einen festen Arbeitsplatz haben im Land ihrer Verheißung. Dann ist's aus mit der Urlaubsstimmung und dem Zeithaben. Verständlicherweise. Die Fugen von Nr. 40 geraten gerade aus sich selbst . Mozart, g–Moll! Nein, nicht ganz aus sich selbst, sie fangen sich wieder, streng geführt.


Fahrt in den Norden

Dann sitz ich im Agoräääo. Eines sehr netten Menschen. Nach einem Drittel unserer Strecke hoch über der Ostküste machen wir einen Halt, warten auf Miná K., den ich von früher her kenne, einen anderen Taxitzí. Im Konvoi geht es anschließend weiter, auf der Höhe über Kirá Panajá und später Apellá, einer geradezu majestätischen Bergstrecke, wenn man so will, wenig Vegetation, viel hellbrauner, ockerfarbener Fels, Geröll, jäh hinunterfallende Hänge, braune Erde.

Ab Spóa wird das Ganze asphaltlos und stellenweise ziemlich holprig, wie allseits bekannt. Andererseits ist der Weg auf langen Passagen seit Längerem sehr stark verbreitert, garniert mit irgendwo aus der Mitte der Fahrbahn herausragenden rostigen Eisenstangen und –rohren.
Der "Einstieg" auf diese Piste von der Teerstraße aus sollte nur wenige Tage später deutlich stärker planiert, ja geradezu entschärft sein. Was Politikerbesuche so alles bewegen!

Was ist schon der erste Anblick des Profíti Ilía, von Ólimbo? Na, wie eh und je etwas ganz Großartiges, sag ich mal.
Schon geht es die gut ausgebauten Serpentinen nach Diafáni, Richtung Ostküste hinunter.
Mein Taxilenker entlässt mich vor dem Hotel Nikos, oder vielmehr Nikos Hotel. And here I am – eccomi, arrivato.

Es findet sich binnen kurzer Zeit eine recht nette Kleingemeinschaft zusammen, aus Bekannten und neu Hinzugekommenen, vom deutschen Nordwesten bis vor die Tore der Wachau in Austria, und wenn auch ein Teil beim Vassíli Balaská wohnt, wie übrigens auch die deutsche Wandergruppe von Hermann Richter, der mit zottig brauner Felltasche und Hirtenstock ausgerüstet seine Touren startet (und einem recht wohlhabend wirkenden Publikum die Schönheiten des Inselnordens näherbringt), lässt sich nach Absprache doch einiges gemeinsam unternehmen. Gemeinsam oder eben zu zweit, je nachdem.
Und abends beim Essen trifft man wieder andere, so ist's recht. Margarita, die ortsansässige Halbfranzösin und –engländerin versorgt alle Besucher mit neuesten Informationen über den Ort und seine Bewohner, ihre charmanten Gschafteleien nimmt man wohlwollend hin.


Neue Einblicke in Avlóna

Wenig spektakulär, aber unglaublich nett die Geste von Michális Lendákis, der uns nach dem zweiten Besuch in seiner Taverne am Rand von Avlóna zu einem provisorisch eingerichteten Bauernhausmuseum unweit seines Lokals führt. Darin allerlei altes Gerät zur Feldbearbeitung und einige recht primitive Haushaltsgegenstände. Geschirr gab es früher ja kaum, man aß aus einer gemeinsamen Schüssel und schlief alle zusammen auf einem Bett unter ärmlich wirkenden Decken. Gleich nebenan die Tiere.
Mir kommt das riesige Mutterschwein in den Sinn, neben dem spindeldürren Hund, Tiere, die noch vor 10 Jahren vor einem dieser Häuser, dem vollkommen urigen, ja innen ziemlich staubigen, mit Erdboden, der inzwischen verstorbenen Mangafoúla (Mutter vieler Kinder, so auch des Wirts vom Ánixi!) standen, das eine wohlgenährt und unendlich lang, das andere ausgehungert nach irgendwelchen, ihm von uns zugeworfenen Brocken lechzend, und ich hatte nur Kekse mit, die bisslos verschlungen wurden – egal was, Hauptsache etwas zu fressen. "Von einem Hund wird man nicht satt", meinte lakonisch der Priester, als ich ihm die Szene schilderte.

Auf dem Weg zum "Museum" passieren wir ein der Frau von Papá Miná und Schwester unseres Führers gehörendes, als Lager für Feldfrüchte dienendes Häuschen. Drinnen im Halbdunkel sitzt sie auf einem Schemel, die Kalliópi, in ihren rötlichen Stiefeln, dem weißen Arbeitsgewand und dem dunklen Kopftuch und sortiert Unmengen irgendwelcher gelblicher Kichererbsen (?) aus, geduldig und ausdauernd, mit diesem strahlenden Lendákis–Lächeln im Gesicht, die Nase dabei typisch hochgezogen und ringsum Falten werfend – ein archaischer Anblick, wieder einmal. Die ganze Ebene mit ihren Feldflächen und Mäuerchen wirkt so urtümlich, wie aus fernen Zeiten, die kubischen Häuser, Fußpfade dazwischen, das glitzernde Gebirge ringsum, der Durchblick zum Meer.
Die letzten Artischocken haben wir genossen, und werden auch noch zu einer zementierten Stelle am Feldrand neben dem Pfad geführt, wo aus einer Mauer heraus ein Becken mit Rinne in einen kleinen Steintrog darunter hineinführt. Hier seien ganz schlicht und einfach früher die Trauben gepresst worden (Kaum zu glauben!), der Most sammelte sich unten, meint Michális, bevor er über diverse Feldränder zu einem Erbsenacker stapft und die grünen Früchte gleich zu ernten beginnt; man muss beide Hände aufhalten, um die gereichte Menge zu fassen, bevor sie in einen Beutel wandert.
Diese herrlichen, riesigen Feigenbäume am Wegrand, scheuende Ziegen zwischen Wegmauern. All die späten Frühlingsblümchen noch dazu.


Ein Politiker sagt sich an

Viel spektakulärer, wenn auch kurzfristig, dagegen der Besuch eines Politikers. Angesagt hat sich Jórgos Papandréou, Sohn einer Vaterlegende, in den USA und in London soziologisch ausgebildet. Sein Griechisch lässt deshalb noch etwas zu wünschen übrig, weshalb er einfache Worte gebraucht, und das schlägt ein, wirkt zumindest volksnah.
Wenn man ihn live sieht, kann man nicht umhin, ihn für einen netten Menschen zu halten, er wirkt richtig sympathisch und steht die ganze Prozedur in scheinbar stoischer Ruhe und großer Freundlichkeit durch, stets lächelnd.

Klar ist er im SÜDEN angekommen, und er nähert sich dem Norden ganz gewollt und bewusst in der Manier der Einheimischen, also per kleinerem Boot, wählt weder Helikopter noch Privatschiff und auch nicht die Großfähre, sondern die Chryssovalándou, die größere von beiden übrig gebliebenen, das Touristenausflugsboot von Pigádhia her.

In Diafáni hat man tagelang die Straßen gefegt und gesäubert (– nun gezwungenermaßen, mittels Tonnen von Wasser, auch noch von all den Verfrachtungen des vorangegangenen Sturmes) und sogar steinerne Sitzbänke und Straßenlaternen, eben alle hochkomfortablen "Straßenmöbel", neu gestrichen, und lauter solche Scherze.

Bei der Ankunft der Chryssovalándou ist das ganze Dorf und ein Teil von Ólimbos am kleinen Kai versammelt. Auch die Planken des hölzernen Großkaikis biegen sich unter der Last all der Honoratioren, Begünstigten und Schlauberger, die eine Mitfahrerlaubnis in Pigádhia erteilt bekommen bzw. sich erschlichen haben. Nach der Begrüßung durch die örtlichen Größen bzw. Wichtigtuer steht der Politiker ganz leutselig in der Menge herum. Zu ein paar Leuten in meiner Nähe, die sich als Touristen zu erkennen geben, meint er: "Hoffentlich gefällt es ihnen hier auf Kárpathos. Ich wünsche ihnen einen schönen Urlaub!" (Alles auf Englisch.) In Griechenland sind Politiker, wenn es auch noch ihr eigener Wunsch ist, nicht gerade hermetisch vom Volk abgeschirmt, das sieht man an diesem Halbtag allenthalben.
Bald setzt sich der Tross Richtung Ólimbos in Bewegung. Ich komme in einem Privatauto unter. Doch auch der öffentliche Bus macht eine Sonderfahrt, damit ja jeder Interessierte die vielleicht anderthalb Stunden miterleben kann, die der große, freundliche Herr mit dem Haarkranz und dem Schnurrbärtchen da oben über sich ergehen lassen muss.

Selbstverständlich gibt es eine Rede. Den Elimbíten wird, in einfachen Worten, von den Stufen des Kirchvorplatzes herunter ein besseres Leben versprochen, sollte die PASOK die nächsten Wahlen gewinnen. Die Rede ist nicht lang, und kaum ist sie zu Ende, meint ein höchstens drei Meter von der Politgröße entferntes altes Weibchen lautstark: "Schön hast Du gesprochen, aber hoffentlich hältst Du auch, was Du versprichst!". Das ist die direkte, ungenierte Art der Olimbíten/Elimbíten. So etwas muss man sich hier schon sagen lassen.

Dann werden leckere Happen aufgetischt, jeder der will, bekommt etwas davon ab. Und schon rücken die Musiker an, bald tanzt ein kleiner Kreis, der immer weiter wird, und in den sich Jórgos Papandréou irgendwann ganz ungezwungen einreiht, medienwirksam die Hand eines kleinen, mittanzenden Mädchens ergreifend. Sieht man nur seinen Oberkörper und sein Lächeln, ist man schnell geneigt, ihn für einen echten Tanzprofi zu halten, so gekonnt wippt er mit den langsam Schreitenden mit. Doch wehe, man befragt die tanzkundigen Nahestehenden (durchaus auch Touristinnen) oder wirft einen längeren Blick auf die Beine des Ringtänzers: doch ein blutiger Laie, ein Anfänger, stellt sich dann heraus. Eine Lokalpolitikerin aus Pigádhia versucht ihrem Großboss etwas behilflich zu sein, drängt sich tanzenderweise an seine Seite. Doch umsonst – aus nichts wird nichts. Trotzdem, hat gut gewirkt, und er hat sich getraut, und ist das etwa nichts?

Das griechische Fernsehen ist da, ich stehe daneben und gucke, unweit des seitlichen Kircheneingangs. Ehrfürchtig erklärt mir ein Jugendlicher, auf eine Live–Kommentatorin deutend: "Das ist die XXX!" ((– ihren Namen hab ich vergessen)). Das Fernsehteam erhält übrigens besonders große Brocken vom Essen. Alle Dörfler, die im Besitz irgendwelcher Digitalkameras sind, betätigen sich ihrerseits als Aufnahmeprofis, eine der professionellsten ist sicherlich die Marína vom Restaurant Olympos. An den Folgetagen läuft wieder und wieder ihr gelungenes Privatvideo und man erhält ungeahnte Einblicke in das Tanzgeschehen und all den Trubel, sogar eine fast surreale Schlussszene hat sie gedreht, als das Boot von Diafáni aus in die dunkelnden Abend entschwand.
Keinen schlechten Eindruck hat er hinterlassen, der Jórgos P. Aber zum Ministerpräsidenten hat's dann doch nicht gereicht, wie wir heute wissen.


Ausgewählte Ausflüge

Geregnet hat's auch, an einigen Tagen. Deshalb haben wir die Wanderung nach Trístomo über die neu ausgebaute Ostküstenroute wieder nicht gewagt, wegen Rutschgefahr und teils vorgerückten Alters.

Doch es fehlt nicht an Alternativen, in diesem Teil der Welt, und als herrlichste von allen entpuppte sich diesmal (und nicht zum ersten Mal) der Gang nach Forókli.

Wir starten zu viert von der Abzweigung etwa 1 km außerhalb von Ólimbos Richtung Inselsüden.
Im Zuge des Straßenausbaus wurde der frühere Abzweig hangab zusammen mit dem Wegweiser (mit dem Schriftzug unseres Wanderziels) leider weggeraupt oder –gebulldozert. Deshalb zögern wir eine Weile und müssen uns neu orientieren. Aber bald ist der richtige Weg gefunden und wir trotten los.
Über Hügel und Einkerbungen geht's hinunter in ein gewundenes, von Oleander und vielen anderen Pflanzen bestandenes umgrüntes Bachbett, das sich gelegentlich weitet und kleine bis größere Tümpel formt. Höchst idyllische Orte, selbst wenn einige der Tümpel arg veralgt aussehen und fast gar kein Frosch aus seiner Deckung hervorkommt – ist halt auch nicht Nacht. Doch im Schatten von Kiefern und hellgrünen Laubbäumen lässt es sich so gut rasten und zuschauen und dem Glucksen lauschen.

Als sich das Tal zu weiten beginnt, hie und da ein Häuschen in und über den Oliven und nicht sehr gepflegten, fast unkenntlichen Feld– und Weideflächen steht und erste leichte Erschöpfungszustände die Freude am bereits nahen Meer intensivieren, bricht ein stärkerer Regen los. Wir suchen Schutz unter einem weit ausladenden Wacholderbaum, der uns leidlich gut beschirmt. Nur etwa 100 m weiter hätte uns eine Art leer stehender Ziegenstall (ohne Hinterlassenschaften) über einem Nebenweg besser vor dem herunterprasselnden Nass beschützt.
Es regnet auch später noch weiter, mit Unterbrechungen. Doch an dem langen, deutlich in zwei Teile gegliederten Strand der entlegenen Bucht von Forókli gibt es noch anderes zu tun, als ihn von einem Gutteil seiner im Kies versteckten Muschelschalen zu befreien (eine irre Vielfalt der Formen wie der Farbigkeit wird da von zwei Frauen angehäuft!).
Ein Bad ist schließlich fällig, trotz gelegentlichen Nieselns, mit sonnigen Unterbrechungen. Wunderschön, natürlich, sich in den Fluten treiben zu lassen, und gar nicht so kalt. Eine Höhle am Fuß der Steilhänge des südlichen Buchtstrandes dient als Umkleidekammer, später als Schutzhütte vor dem wieder einsetzenden Landregen.
Wir haben noch sooo viel Zeit bis halb fünf, da soll uns Vassílis Balaskás mit seinem kleinen Boot abholen.
Als es allmählich kühler wird, kommt A., unsere nette jüngere Hebamme, auf die Idee, am Rand der größten höhlenartigen Einbuchtung ein Feuerchen zu machen. Ziemlich mühsam fachen wir es an, indem wir eingetrocknete Pflanzen, die wie buschige Vollbärte aussehen, per Feuerzeug zum Glühen bringen. Dann gilt es, über den Strand in die Höhlen gespültes und deshalb noch trockenes Treibholz zu sammeln. Wir genießen die wohlige Wärme, lassen uns einräuchern, trotzen der Feuerhitze und sammeln wie die Weltmeister sämtliche irgendwie holzartigen Wertstoffe restlos zusammen.

Schon am frühen Nachmittag wundere ich mich immer wieder einmal über Steingeräusche gar nicht weit weg von unserem Aufenthaltsort. Wegen der Spülkraft der Regengüsse wurde viel lockeres Geröll bis an die oberen Hangkanten befördert und stürzt jetzt aus größerer Höhe sporadisch auf den Strand herab. Einmal knallen die Brocken dicht neben mir in den Kies, von da an verlasse ich die sichere "Höhle" nicht mehr unnötigerweise.
Überhaupt sind solche Steilhänge über Stränden nicht gerade ungefährlich – man denke nur an die Erd– und Felsrutsche am Sweetwater Beach, dem berühmten Süßwasserstrand zwischen Loutró und Chóra Sfakíon an der Südküste Westkretas; unweit des Ortseingangs von Anópoli kann man von ganz oben hinunterblicken auf diesen Strand, und da dämmert es einem, wie hochgefährlich es dort werden kann, wenn Steinschlag und Felsrutsche drohen – aus wirklich großen Höhen, in denen Adler und Geier schweben.

Natürlich löschen wir unser Feuer, obwohl es in dieser Kies– und Erdlandschaft nichts Schlimmes anrichten könnte. Das helle Pünktchen draußen im Meer wird tatsächlich größer und größer, bis Vassílis auf den Strand aufläuft und uns in sein wirklich bescheiden kleines Wassergefährt hereinbittet.

Eine längere Fahrt wird das, und nur wer ganz hinten am Ende des niedrigen hölzernen Verdecks sitzt, oder ganz vorne, ganz tief drinnen also, wo ein verschmiertes Aussichtsfenster dürftigen Vorausblick gewährt, sieht etwas von der Küste.
Das Boot hätte für meine Begriffe gerne etwas größer und geräumiger sein können – aber wer meckert da schon wieder, wo wir doch für einen bezahlbaren Preis so freundlich und bereitwillig abgeholt wurden. Und all die kleinen und größeren erwanderbaren Strände ziehen an uns vorüber. Zu Maizeiten zählen sie alle zu den entlegenen Badeparadiesen, auf denen man sich zumeist alleine oder höchstens als zwei Kleingruppen der Sonne und dem kühlen Nass aussetzt.

Noch relativ leicht erreichbar, in etwa 1 Stunde, ist ja der etwas näher an Diafáni gelegene Pápa–Minás–Strand (bestimmt nicht nach dem derzeitigen Ortspfarrer benannt!), er ist beträchtlich kürzer als Forókli, aber dennoch weit genug und mit einigen Tamarisken im Hintergrund, um ihn heiß lieben zu lernen, in all seiner weißen kieseligen Pracht. Ein anderes Wanderziel von uns, jedenfalls.
Und für den kurzen, spontaneren Schwumm reicht allemal der etwa 25 Gehminuten (wenn man alle Abkürzungen einhält) nördlich von Diafani gelegene Vanánda Beach aus, oder eine nördliche Partie des Ortsstrandes von Diafáni.


Essen und Musik

Übers Essen red ich nicht so viel. Bei Pópi im The Dolphins schmeckt es immer (und die Familie ist mir gegenüber immer sehr herzlich, die Aussicht von der Terrasse phänomenal), und genauso gut bei Micháli vom Corál, gleich gegenüber dem Gorgóna von Gabriella und Gigi (Dschidschi, griech.: Dzídzis). Das Ánixi hatte noch nicht geöffnet, leider, es liegt so idyllisch drinnen hinter der Hafenfront, eingebettet zwischen Häuschen und naher Kirche.
Ist schon ein Kreuz, mal bei Gabriella, mal bei Micháli zu sitzen und die enttäuschten Blicke des jeweils anderen mitzukriegen, freundlich hinüberzugrüßen.
Die Küche bei Micháli (seine zierliche Frau war gerade verreist) ist vielleicht etwas chaotisch, aber was er so herzaubert, das schmeckt von Jahr zu Jahr leckerer, ich kann mir nicht helfen. Damit will ich jedoch die gastronomischen Highlights im Gorgóna bestimmt nicht herabsetzen – sie bilden für sich eine Ausnahme, mit ihrem italienischen Touch und ihrer raffinierten Würze.

Na ja, und dann spielt der total geschaffte Micháli (er ist Koch und Bedienerix zugleich, wenn seine Frau mal nicht anwesend ist) mitternachts auch noch auf seiner Lyra und singt, unterstützt von Níkos Orfanós oder auch mal Vassílis B., ein paar Liedchen für die fremden Damen, weil er es ihnen halt versprochen hatte. Ein andermal holt man noch diverse CDs herbei, und Henk und Maria, die Startänzer aus Holland (sie haben diesmal mehrere Monate Zeit!), zeigen den griechischen Mittänzern, was Sache ist. Schön, solche spontan aufkommenden Festivitäten.


Die lieben Kleinen

Am Morgen und abends wird die Szene im ufernahen Ortsbereich vom kleinen, überaus selbstbewussten Vassilákis B. beherrscht, einem kindlichen Tyrannen, der sich zur Not so lärmend aufführt, dass sich schließlich jemand ins Auto setzt, um ihn seinem Vater ins Souvenitgeschäft nach Ólimbos hinterherzufahren oder dass ihm vom Großpapa nach anfänglicher Gegenwehr letztlich doch jeder einzelne Wunsch erfüllt wird. Der Kleine hilft seinem Begehren auch gleich mit gnadenlosen Faustschlägen nach.

Dass manche Kinderchen hier fraglos über alle Maßen verzogen sind, merke ich ein zweites Mal, als ich einem Kind aus der Verwandtschaft des netten Busfahrers (ebenfalls ein Lendákis), beim Aussteigen aus dem Kleinbus die Hand hinhalte, damit es sich beim Runterklettern über die Stufen leichter tut.
Der pfiffige Knabe verzieht kurz seine Miene und spuckt mir wie ein Lama mit voller Kraft mitten ins Gesicht, was den zuschauenden Erwachsenen nicht etwa zu einer Rüge bewegt, sondern nur verlegen wegsehen lässt. Toll, so eine Erziehung. Bei den Lamas im Münchner Umland hatte ich bisher mehr Glück.


Morgen- und Abendstimmung in Diafáni

Neuerdings geh ich morgens auch immer in Nikos' Frühstücksraum runter, oder auf die schmale Terrasse davor, im Freien, denn mit den anziehenden Preisen muss man doch ein wenig ans Sparen denken (das Frühstück ist sowieso im Übernachtungspreis mit einbegriffen) und pilgert dann eben nicht gleich zu Pópi rüber, auf einen Kaffee und Orangensaft auf ihrer tollen Aussichtsplattform. Denn unten beim Frühstück in Nikos' Bleibe trifft sich ein Großteil der "Hotelgäste", und da gibt es immer was zu hören und zu diskutieren. Dieses Jahr arbeitet eine nette Französin im Haus, die auch für den Frühstücksraum zuständig ist, nicht nur für die Zimmer, und die mir mit Erlaubnis des Hausherrn auch mal eine arg verschmutzte Hose wäscht.
Es sind natürlich mehrere Deutsche da, etwa ein Paar aus Bayern, die Frau spricht ganz gut Griechisch und instruiert ein mitgereistes jüngeres Paar über Balkone hinweg in diesem exotischen Idiom, sodass ich auch meinen Senf dazugeben kann.

Nicht einmal auf die Kuppe vor dem Friedhof braucht man hochzusteigen, um die Konturen des nahen Rhodos flach über dem Meer auftauchen zu sehen, mit den ferneren, relativ hohen Bergen, falls das Wetter stimmt.
Ich liebe diesen Anblick, und fast noch mehr die Abendstimmung, wenn die Sonne gerade noch aus West herüberscheint und das Relief der nördlichen Bergflanken voll herausarbeitet. Dann weiß man, warum es einen erneut hierhergezogen hat, den Zauber zu genießen und die immer noch bestehende Schlichtheit.

Und nach dem Frühstück setzt man sich auf einen Ellinikó, einen griechischen Kaffee, zur rüstig gebliebenen Anna, schaut sich vielleicht die aktuellen wöchentlichen Schiffsfahrpläne in einige Tage alten griechischen Zeitungen aus Rhodos an und freut sich, dass man alle Gesichter draußen um den Baum herum wiedererkennt, all die älteren Herren (inklusive der weniger zugänglichen Spezialriege, die sich stets um einen außerhalb der Kleinterrasse platzierten Tisch gruppiert), und dass irgendwann der Papás Minás vorbeischlendert mit seiner dunklen Strickmütze, einen schon erkannt hat, sozusagen offiziell vorgemerkt, und nach dem wichtigen Tratsch mit einem oder zwei Einheimischen sich plötzlich nähert und einen herzlich begrüßt.


Mía Katastrofí!

Dermaßen zufriedengestellt und im Glück, lasse ich souverän das letzte Schiff vor Pfingsten anlegen und passieren und hab längst beschlossen, erst am Pfingstsonntag dem freundlichen Landstrich ade zu sagen und, wie schon einmal, die ganze Route über Kreta und zwei Kykladeninseln in einem Aufwasch nach Piräus zurückzuschippern, um am Ankunftstag den Nachmittagsflieger ex ATH nach Hause zu erreichen.
Die Rechnung ohne den Wirt gemacht, Süßer!

Denn KEIN Schiff wird kommen, erzählt mir der zu spät gefragte Nikos O. beim nächsten Frühstück, und ich bin leicht entsetzt. Aber nicht nur an Ostern, sondern auch an Pfingsten haben die Schiffsbesatzungen frei, und wer will es ihnen verdenken, wer außer mir in dieser vertrackten Situation? Übermorgen geht mein Flug vom fernen Athen aus zurück nach MUC, und ich sitze hier, weiß nur, dass mir einzig und allein noch die beiden letzten erreichbaren Propellermaschinen vom Süden der Insel aus helfen können, die eine nach Sitía auf Kreta (von wo aus ich per Bus zum Airport in HER gelangen könnte, einen Weiterflug nach ATH zu buchen), die andere nach Rhódos.

Nikos hat leider viel zu tun, kann mich nicht fahren. Dummerweise benötigt auch noch ein deutscher Ehegatte und Hotelgast ärztliche Hilfe, sodass sich Nikos um ihn kümmern muss. Ein Taxi ist nicht da, wär mir auch zu teuer. Ich beschließe also, ins Hotel von Vassílis Balaskás rüberzugehen, auf einen weiteren Kaffee mit meinen Bekannten, und dabei mal zu fragen, ob und wann Vassílis mich die lange Strecke nach Süden kutschieren könnte und wollte. Und Vassíli kann zwar nicht sofort, aber immerhin in etwa einer Stunde. Irgendeinen Frühnachmittagsflieger würden wir schon noch erreichen, er kenne außerdem einen Verantwortlichen am Flughafen, also keine Sorge.

Ein zweites Mal innerhalb weniger Tage darf ich so den immer noch ungeteerten, aber stark verbreiterten Feldweg zwischen Ólimbos und Spóa mit all seinen großartigen Ausblicken über Insel und Meer befahren. Wegen eines weiteren vor der Tür stehenden Politikerbesuchs, diesmal von der Néa Dhimokratía, haben sich die Straßenbauer mächtig angestrengt und es geschafft, die bis dato enge, kritische Einstiegsstelle in die Erdpiste am Rand von Spóa völlig zu entschärfen, zu planieren und deutlich zu verbreitern. Kein Vergleich zu früher!

Dann nehmen wir, auf schönster Asphaltstraße, den Weg über Ág. Geórgios und Arkássa. Die Gegend bei Messochóri wirkt nicht mehr ganz so trostlos verbrannt, die Stämme sind grau geworden, erstes Grün zeigt sich.
Wir verhandeln über den Preis, es wird nicht gerade billig, aber es ist so oder so eine große Gefälligkeit. Vassílis versichert mir, ich käme hundertprozentig in einen Flieger, ganz gleich, wie voll der sei.

Wären wir eine halbe Stunde früher losgefahren, hätte ich wohl einen Sitzplatz nach Sitía (die Strecke wird nun endlich wieder beflogen!) im Last–Minute–Verfahren ergattert, doch nun ist das Gate bereits geschlossen und der Vogel hebt ab. Also nur noch eine einzige, letzte Chance!

So stelle ich erst einmal meinen Rucksack auf eine Sitzbank in der kleinen Check–in–Halle mit Kiosk, teile der netten Putzfrau mein Leid mit und begebe mich zu dem winzigen Fenster in dem Durchgang zu dem Raum mit dem Gepäckband, der Empfangshalle von Kárpathos Airport, sozusagen. Der Herr da drinnen lässt mich noch etwas warten, weil er eben die DASH Richtung Sitía abgefertigt und das Gepäckausladen überwacht hat, behandelt mich dann aber sehr freundlich. Vielleicht hilft auch die Erwähnung eines gewissen Namens.
Zu meiner größten Erleichterung füllt er einen Flugschein nach RHO für mich aus und fragt gleich noch, ob ich einen Anschlussflug von dort nach ATH brauche. Wow, ja!, natürlich! Der Spaß kostet mich insgesamt etwa 108 Euro, aber bei uns zu Hause wäre es so kurzfristig viel viel teurer gekommen.

Die Putzfrau ist glücklich, dass ich es geschafft habe, auch der uniformierte Zollbeamte (?), den ich später beim Essen im Bárba Minás, gleich neben einer Windsurferbucht etwas unterhalb des Flugplatzes, wiedersehe, zwinkert mir zu, als ich die bewährten und so köstlichen Garídhes (Garnelen) verschlinge, mit ganz öligen Fingern, es mir schmecken lasse.
Mein Gepäck lagert in der Zwischenzeit in einem Abstellraum der Taverne am Rand des Flughafenparkplatzes, wo ich pro forma etwas getrunken habe.


Auf nach Rhodos

Zurück am Check–in, schenke ich dem einen Beamten meine sinnlos mitgebrachte Retsinaflasche, ich darf sie ja nicht mitnehmen und will nicht auch noch die hinunterstürzen.
Die nachmittägliche Handgepäckdurchleuchtung fällt besonders gründlich aus, und ich bin mein Taschenmesser mit allen nützlichen Zusatzinstrumenten dran endgültig los, hatte vergessen, es in den Rucksack zu stecken.

Draußen warten auf den Abflug. Durch eine Glasscheibe winkt mir die liebe Putzerin ein letztes Mal zu. Die Schweizer Wandersleute sind alle versammelt, wegen ihnen war der Flieger voll, bis auf einen, meinen, Platz (– ich weiß nicht, wer alles im Hintergrund und übers Handy für mich Fürsprache geleistet hat).

Herrlich, das Geräusch der aufbrausenden Motoren in einer Propellermaschine! Wie sie über die Fugen im Beton der Startbahn rumpelt, wie die Flügel dabei wackeln. Das Schnellerwerden mit noch mehr Rumpeln. Der kleine Ruck beim Abheben. Das Schaukeln über der Küstenlinie. Ich beruhige mich endlich.

Juchhuuu! Mehrere Stunden Zeit auf Rhódos, denn mein Weiterflug nach Athen wird erst um 9 Uhr abends abgehen.

Copyright puchheim = MartinPUC, September 2007




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