Teil 9: Einige Stunden auf Rhodos
und Weiterreise nach Piräus

Copyright puchheim = MartinPUC, September 2007


Aaah, die südlichen Dodekánissa, was für ein Anblick aus dem Flugzeugfenster! Andítilos, der haarnadelschmale, gezackte, felsige Riegel im Meer, und das reich gegliederte Tilos zumindest so nah. Dann die steile Kurve nach Ost und Südwest, zur souverän ausgeführten Landung aus NE her.

Einmal nicht den großen Rucksack herumschleppen müssen, kein Warten am Gepäckband nach der Landung! Vorteile eines Transit–Passagiers.
Für so einen Durchreisenden hab ich ungewöhnlich lange Zeit, denn die Olympic–Maschine, die mich quer über die südliche Ägäis nach Athen bringen wird, startet, wie gesagt, erst abends.

Da bin ich ganz schnell draußen an der Bushaltestelle und recht bald in Rhodos–Stadt angelangt.
Auf der Fahrt dorthin die Hitze gefühlt, die Unmengen von Großhoteltouristen in den Vororten beiderseits der Fahrstrecke gesichtet, ihnen beim Einsteigen zugesehen, zugehört, unmittelbar vor Einfahrt in die Stadt dicht am Strand entlanggefahren mit Sicht auf Sími und die türkische Küste, der Verrückte auf dem Sitz vor mir beruhigt sich endlich.
Wir queren das Hotelviertel der Neustadt, rechts taucht der Park zu Füßen der mauerumgürteten Altstadt auf, und schon sind wir angekommen, neben dem Rund des Neuen Marktes mit seinen außen eingebauten kleinen Geschäften.

Als Erstes das Getränk drinnen im Neuen Markt, einfach entspannen und den Passanten zusehen, beim Stávro, cool wie immer, der Wirt, doch er hat einen wachen, aufmerksamen Verstand. Ich bin dankbar für die halbe Stunde, die mir bei ihm geschenkt ist. Der hübsche Rundtempel der ehemaligen Fischverkaufshalle fasziniert wie eh und je, und es stört nicht, dass er unter sich die gut gepflegten öffentlichen Toiletten birgt.

Hinterschlendern zum Eleftheriás–Tor und ihrem Fußgängerdurchgang zum kleinen Nebenbecken des Haupthafens. Nach der Durchquerung der Nebenbastion Hinaustreten ins Licht, unzählige kleinere private Fischerboote schaukeln auf den Wellen neben dem Kai. Rechter Hand, über der Uferstraße, die gelbliche, zinnenbewehrte grandiose Stadtmauer, kilometerweit zieht sie sich hin, in ihrem Schutz ein Wunder von altem Stadtkern. Vom Halbrund des Mauergürtels und der Uferstraße begrenzt der westliche Teil des großen Hafens, im Osten von der breiten, weit ins Meer vorspringenden Hauptmole begrenzt.

Voller freudiger Erwartung biege ich nach links ein in den eigentlichen Hafenbereich, gehe vor an die Nordspitze der Fähren– und Kreuzfahrermole. Lediglich ein einziges Kreuzfahtschiff ist gerade längsseits vertäut, für mich eine Ausnahmesituation, doch ein paar Großfähren liegen vor Anker, in Pfingstruhe ihren Dienst verweigernd.
Es ist zum einen die riesige Blue Star II mit ihren zwei Heckportalen, auf der in aller Seelenruhe per Seilaufzug Plastikmobiliar von einem Deck aufs andere verladen wird; daneben die viel schmälere Neuerwerbung von GA Ferries, die Ánthi Marína mit ihren abenteuerlich hoch aufgesetzten Aufbauten, die sie bei seitlichen Sturmböen zu einem Dauerschwanker prädestinieren; wiederum daneben, in einigem Abstand um die Ecke, die ebenfalls relativ schmal erscheinende Ierápetra L. von LANE. Ein Repräsentant jeweils von jeder der drei maßgeblichen Reedereien, die mit diversen Zwischenstopps die Route vom Piräus zum Dodekanes bis nach Rhódos bedienen.

Hier draußen am Molenende fühlt man sich bereits auf See, eine spürbare Brise unterstreicht dieses Feeling. Die Stadt ist weit, ihre Kulisse scheint märchenhaft herüber. Die türkische Gegenküste eher nahe, verschleiertes Dunkelgrün. Nach NE und E die freie, offene See, nur die überlange Mole des östlichen großen Hafenbeckens stört die freie Sicht etwas.
Andächtige Blicke aus den Fenstern mitten auf den breiten Teerflächen abgestellter Autos versuchen den Kontakt zur weiten überseeischen Welt aufzunehmen. Hie und da ein gebannt dreinblickender Mopedfahrer, wie eingefroren wirken sie, für Momente eintauchend in das mondäne und doch fast stillstehende Hafengeschehen, das wohl unüberwindlich weit über ihr enges heimisches Umfeld hinausgeht; doch wer weiß, wo auf dieser Welt sie sich in jüngeren Jahren schon überall herumgetrieben haben, diese Griechen.
Der eine oder andere ruhig dahinschreitende Herr, die Hände hinter dem Rücken gefaltet. Ein vereinsamtes Katzl blickt verschüchtert drein, das Trippeln irgendeines selbstsicheren Hündchens auf Forschungsschnupperreise. Verirrte Möwenschreie und das Versprechen eines bald einlaufenden Schiffes, eines Türkeikatamarans oder Lindos– oder Sími–Ausflüglers. Aber es ist noch kein Hafenpolizist in Sicht.
Ich stehe da und betrachte, nehme all die Eindrücke in mich auf.

Langsam schlendere ich die Mole zurück zum Südrand des Hafenbeckens, gehe einige hundert Meter am Kai entlang und betrete durch die Pilí Panajías die Altstadt. Ein kurzes Stück nach rechts, zwischen ersten gehäuften Leder– und Souvenirshops hindurch, und schon ist der der Platz der Jüdischen Märtyrer (Πλατεία Εβραίων Μαρτύρων) mit dem Seepferdchenbrunnen erreicht, und ich kann kurz die paar Schritte hochgehen zu meiner Stammpension, spüre wieder dieses unvergleichliche Noppenpflaster unter den Fußsohlen. Einbiegen in die erste kurze Verbindungsgasse zwischen der Perikléous und der Dhimosthénous–Gasse. Ich öffne die Eingangstür zum Vorhof, niemand scheint da zu sein. Wenigstens Hinaufsteigen will ich die Außentreppe und einen Augenblick oben unter dem wundervollen Gewölbe verweilen, wo man sich so schön selbst verpflegen kann, wenn man hier wohnt, und die kleinen Durchblicke genießen.
Wieder unten angelangt, gehe ich die hübsche Perikléous–Gasse bergauf, gelange zur alten Kirche Ajías Triádhas und zickzacke etwas durchs Gassengewirr, bis ich an dem kleinen Platz bei der Pension Mínos angekommen bin. Ich starre hoch zur Dachterrasse, ein Gast starrt vom obersten Stockwerk auf mich herunter – der Glückliche darf hier wohnen, überblickt fast die gesamte Altstadt aus seiner Vorzugswarte.

Da ich auch etwas sehen will, erklimme ich wenigstens die Grasfläche auf dem Stumpf der kleinen Empore mit der verfallenden Windmühle hinter der Pension Milos drauf, an einer platzartigen Erweiterung der Aristídhou–Gasse. Ich stehe auf einem Stück Wiese mitten in der Stadt, ein paar Meter unter mir eine ihr Essen vorbereitende Familie in einer Ecke vor ihrem Haus. Was für eine wundervolle Aussicht. Und genau die friedvolle Wohnzimmeratmosphäre im Freien, wie ich sie vor allem aus diesem Weltwunder von rhodischer Altstadt kenne.
Gleich westlich von mir ein ummauerter Garten mit einer Kirche drin, ihr türkisches Minarett wurde/wird gerade restauriert. Eine Schar Katzen auf der Mauer, im Gebüsch, nach Essensresten haschend.
Vorbei an zwei anderen Pensionen, die wissen, was sie für ihre Panoramablicke verlangen können, erreiche ich nach ein paar Schritten wieder die Omírou–Gasse. Nun geht's die Seitengasse Sofokléous hinunter, über den weiten gleichnamigen Platz mit einigen Tavernen weiter an teils neuen, guit besuchten Kneipchen vorüber zur gelungen restaurierten Ibraím–Moschee, von da nach links, rechter Hand Ausgrabungen, vor zur Platía Athinás und nach Überquerung der stets mit Fußgängern belebten Souvenirmeile der Sokrátous–Straße zum Mousíou–Platz, wieder herrliches Noppenpflaster und der Beginn der Ippotón–Gasse, also der Rittergasse, die hinaufführt zum von den Italienern wieder aufgebauten Großmeisterpalast der Johanniter.

Bald darauf verlasse ich über die Straßenbrücke über den Graben die Altstadt und finde mich draußen vor dem Eleftheriás–Tor wieder. Ich gehe die den Mandhráki–(Jacht–)Hafen östlich begrenzende Mole entlang und lasse mich auf der Fußfläche einer der Windmühlen nieder. Etliche Touristen sitzen um mich herum, schauen dem Treiben draußen auf dem Meer zu. Die besondere Attraktion stellt das gerade ablegende englische Kreuzfahrschiff dar, das von einem Iraklís (Herakles) hinausbugsiert wird. Es dauert, bis der Riese volle Fahrt aufnimmt. Zeit zu gehen, denke ich.

Vom Busfenster aus überblicke ich erneut das Meer Richtung Sími und Türkei. Die etwas unschön wirkenden Vororte bis zum Flughafen lasse ich über mich ergehen, freue mich über Ziersträucher und Blumentöpfe in Vorgärten und einige alte Villen.

Ein Blick auf die Uhr – ich hab noch Zeit für einen Spaziergang ins unmittelbar an das Flughafenvorgelände angrenzende Dorf Paradíssi.
An den Touristenbussen vorbei geh ich auf das erhöht gelegene Kapellchen in der SW–Ecke der Airport–Parkflächen zu. Über ein paar Stufen geht's hinauf zum Kiosk (man kann sich hier vor Flügen noch mit allem Möglichen preisgünstiger als im Airport selbst eindecken) und dann einige hundert Meter Richtung Ortszentrum, aber bald verlasse ich die sehr beengende Hauptstraße, für Fußgänger ist da kaum Platz, biege in eine Seitengasse links ein.
Nach und nach arbeite ich mich in stillen Straßen weiter zum südöstlichen Ortsende in die Nähe des Waldrandes hoch. Ich will einfach noch einmal etwas von den kleineren Dodekanes–Inseln sehen, und das ist von hier aus besonders gut möglich. So mancher ahnt gar nicht, was für hübsche Winkel und Straßenzüge die Ortschaft neben dem Flughafen zu bieten hat (– und was für gute Essensmöglichkeiten noch dazu).
Tílos liegt gut sichtbar vor mir, Sími weit östlich. Hinter Tílos staffeln sich andere Inseln, klar ist die nächste davon Níssiros, dann folgt Kos. Alles bestimmend aber die türkische Küste im Osten. Unter mir lärmt eine Kinderschar. Ich bin zufrieden, hab alles mitbekommen, was ich mir vorgestellt hatte.

Immer noch als einer der ersten hole ich mir meine Bordkarte für den Athenflug ab. Die Maschine der Olimbiakí ist gut ausgelastet, nahezu voll.

Kurz nach dem Start komme ich mit meinem Sitznachbarn ins Gespräch. Der Herr war zusammen mit seiner Gattin auf Rhodos, um einen Vortrag zu halten, arbeitet im griechischen Wirtschaftsministerium. Er fragt nach, woher meine Griechischkenntnisse stammten. Es stellt sich heraus, dass er Kreter aus dem Nomós Iraklíou ist, und als ich ihm offenbare, wie oft ich schon auf seiner Heimatinsel geurlaubt habe, ist er ganz erstaunt. Wir reden auf Deutsch weiter, das er sehr gut spricht, denn er hat in Deutschland studiert.

Dann bemühe ich mich, unter meinem Fenster in der nächtlichen Dunkelheit auftauchende Lichterketten bestimmten Inseln zuzuordnen. Nicht immer leicht, aber grob lässt sich die Flugroute recht gut feststellen. Ich glaube Kos noch zu erkennen, dann lange nichts, bis endlich die Lichter von Míkonos, dann des Hauptortes von Tínos mit Hafenbecken und Kathedralenbezirk auftauchen. Zum Schluss erkenne ich noch gut das Rund des Hafenbeckens von Rafína inmitten einer langen Kette hell erleuchteter Küstenorte, bevor wir aus NE auf dem Venizélos–Flughafen von Spáta landen.
Das Gepäck kommt relativ bald, nur der Bus nach Piräus fährt erst in 20 min ab, ich sitze drin und warte.

Es wird eine rasante Nachtfahrt, diese Passage durch eine geballte Ladung an Vororten bis hin zum Haupthafen Griechenlands.
Der Fahrer hat ein Tempo drauf, das einem die Haare zu Berge stehen lässt! Nicht lange dauert es, bis sämtliche abgestellte Koffer durcheinanderpurzeln, durch den Mittelgang rutschen, bis die Besitzer aktiv werden.
Erstmals kriege ich mit, dass die Strecke in knapp 45 min zu schaffen ist, bei nächtlichen Bedingungen. Doch spätestens ab Vouliagmeni sind wir in den Großstadtverkehr eingedrungen, behaupten uns allerdings ganz souverän. Um halb zwölf Uhr nachts steige ich vor der Metró–Station von Piräus aus dem Bus – geschafft!

Copyright puchheim = MartinPUC, September 2007





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