Nach Chios. Ein Tag in der Stadt
(Freitag, 14. Mai 2004)

Copyright puchheim = MartinPUC, 2004, 2006


Während Psará immer kleiner wird, zieht die „Panagía Psarianí“ als wenigstens namentliche Erinnerung ihre Bahn vor Chios’ Nordküste.
Tiefgrün und baumreich präsentieren sich die mal engeren, mal weiteren V–Täler, die zum Meer herunterfallen. Fast jedes trägt ganz oben ein weißes Dorf. Über allem schwebt eine beeindruckende Bergkulisse. Anlegestellen für Boote sind auszumachen. In der Höhe huschen ab und zu Autos die Straße entlang.
Immer näher schieben wir uns an den höchsten Bergstock, den Pelinéo, heran, das gerundete Matterhorn. Er begleitet uns mit seiner kahlen Hochregion eine ganze Weile.

Zutraulich nähert sich mir die zahme Taube, die zu diesem Schiff gehört. Beinahe wäre ich auf sie getreten. Gemessenen Schrittes wackelt sie zur Kommandobrücke vor. Fliegen kann sie durchaus noch. Sitzt auch mal im Gestänge über einem und genießt den steifen Fahrtwind.
Ob es das Tierchen wohl heute (September 2006) noch gibt? Inzwischen hat ja die SAOS–ANES mit Sitz auf Samothráki diese Linie zwischen Chíos und Psará übernommen. Es fährt jetzt die "Arsinói", die mich noch 2004 von der Insel Samothráki nach Alexandroúpoli brachte. Zurzeit ändern sich Unmengen von Schiffsverbindungen in der Ägäis, und ständig werden andere Schiffe eingesetzt, kleinere Linien aufgekauft.

Während sich die Küstenstraße allmählich wirklich zur Küste herabsenkt und die Ufer buchtenreicher werden, geht mein kleiner Bücher–, Karten– und Kleinzeugsrucksack endgültig aus dem Leim, aus beiden Reißverschlüssen. Schade, der hat schon viel erlebt in der Ägäis, mein langjähriger Kumpel, einmal rollte er sogar in eine steile Schlucht hinunter, mit Pass und Geld drin, und ich musste ihn in einer nicht ganz ungefährlichen Aktion im „Bröckelschiefergebiet“ von Nord–Kárpathos bergen. Das war für ihn wohl der Anfang vom Ende ...

Das muss der Küstenort Mármaro sein, darüber das Dorf Kardámila. Inselwinzlinge, Fischerboote und der erste Blick auf die Inoússes–Inseln bieten sich dem Betrachter zur Schau.
Wolken türmen sich im Nordosten über fernen Landen – ist es die ausgedehnte Insel Lesbos?

Nachdem wir das Kap Vamvakás umfahren haben und auf den Durchlass zwischen der Halbinsel und dem Inoússes–Archipel zusteuern, zeigt sich der Hauptort von Inoússes bald in seiner ganzen Größe.

Die Bucht von Langáda liegt querab westlich, schon erstreckt sich das große Dorf Vrondádos in Sichtweite hinter der Küstenlinie, überragt von dem für die nördliche Ostseite von Chios so typischen kahlen Felsgebirgswall, der das einsame, bergige Hinterland abschottet. Wie eine natürliche Bastion gegen Türkeneinfälle wirkt diese Szenerie. Dabei verstehen sich die beiden Nachbarn in diesen Breiten recht gut miteinander, ein reger Fährverkehr von und nach Cesme („Dsäsmä“), durch griechische und türkische Boote gleichermaßen, bezeugt es. Miniótis Lines fährt zurzeit nur mehr diese Route in die Türkei. Die Verbindungen der chiotischen Schifffahrtsgesellschaft Richtung Samos, Ikaria, zu den Foúrnous und in den nördlichen Dodekanes wurden komplett eingestellt.

Eine Großfähre verlässt den Hafen von Chios–Stadt, als wir uns daranmachen, zwischen den beiden langen Molenauslegern einzulaufen. Die Kleinfähre aus Psará darf nicht dem Kielwasser der großen in umgekehrter Richtung zur von jener soeben verlassenen Anlegestelle in der nordwestlichen Ecke folgen. Sie muss brav herummanövrieren und kommt schließlich schräg und ziemlich weit gegenüber, an der der Türkei zugewandten südlichen Außenseite des Hafens zur Ruhe. Gar nicht so weit, vielleicht 250 m, von dem Hotelkasten entfernt, der die Südostecke des ausgedehnten Hafenbeckens ziert.

Eine nicht allzu alt wirkende, freundliche Stadtkulisse umringt den Hafen. Nördlich der Anlegestelle der Großfähren versteckt sich die gar nicht eben klein dimensionierte Altstadt hinter den Gebäuden der Hafenfront.

Entlang der Uferstraße hinter der Außenmauer der Hafenumrandung gehe ich auf das Großhotel zu, dann im rechten Winkel nordwärts. Setze mich noch ein bisschen auf eine der Bänke, denn es ist noch ziemlich früh für die Zimmersuche. Eine Segeljacht nähert sich mir, legt direkt vor mir an. Es ist ein junges französisches Paar, das direkt bei einem der Versorgungspfeiler für Strom und Frischwasser parkt.

Chios–Stadt leuchtet freundlich und sympathisch im Morgenlicht. Das Hafen–Rechteck ist größer als ich dachte. Drüben an der Westseite liegt die „Kapetán Stamátis“ von Miniótis Lines vertäut. Direkt bei mir und Richtung der „Panajía Psarianí“ dümpeln etliche kleinere Jachten und Boote vor sich hin. Touristen blinzeln von ihren Hotelbalkonen dem schräg einfallenden Morgenlicht entgegen, freuen sich über den tollen Panoramablick über Hafen, Stadt, Berge und Meer bis zur nahen türkischen Küste, erahnen hinter der Cesme–Halbinsel die Großstadt Izmir, das frühere, blühende Smyrna, Perle, Wirtschafts– und Kulturzentrum Nordostgriechenlands, einst Bezugspunkt der meisten nordägäischen Inseln, wie mir später ein Bewohner von Ágios Efstrátios versichert. Athen galt damals als weit entfernte Stadt, zu der man nur selten aufbrach. Wie haben sich die Zeiten geändert, seit den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts!

Einige Passanten schlendern bereits an mir vorbei, ankommende Boote begutachten, auf einen zweiten Kaffee irgendwohin.

Die ersten Reinigungskolonnen vertreiben mich von meinem Sitzplatz, nehmen mir die Ruhe. So mache ich mich auf und finde nach wenigen Minuten die nahen „Chios Rooms“, nur vielleicht 200 m vom großen Hotel entfernt, wie dieses direkt an der Hafenfront. Im selben alten, immer noch stattlichen Herrenhaus befindet sich unten eine Ticketagentur und rechts neben dem Eingang eine Pizzeria.

Innen vor dem Treppenabsatz eine Klingel, ich drücke sie und steige die geschwungene Holztreppe hoch. Ein nicht gerade griechisch aussehender Mann Anfang vierzig zeigt sich oben, führt mich, vorbei an einer Sitzecke, den geräumigen Korridor entlang in ein kleines Wohn– und Arbeitszimmer mit PC und Bücherecke.

Wir kommen gleich ins Gespräch, er wirkt auf mich wie ein sesshaft gewordener Globetrotter, was er tatsächlich auch ist. Don stammt aus New Zealand, vor etwa 20 Jahren hat er sich auf Chios niedergelassen, und nun betreibt er zusammen mit seiner Frau, die ich leider nicht zu Gesicht bekam, diese sehr preiswerte Pension, in der die meisten Zimmer kein Bad, nicht einmal Wasser haben, jedes Zimmer aber praktisch ein eigenes Badezimmer im Korridor zugeordnet kriegt.
Als Single zahle ich für mein Doppelzimmer mit Balkon und dem Traumblick über den Hafen 18 Euro. Es ist eine schöne, sehr saubere Bleibe für eher Anspruchslose oder jüngere Zeitgenossen, die den Gang aus dem Zimmer aufs (eigene) WC nicht scheuen und die sich bietenden Kontaktmöglichkeiten, auch die Bibliothek, gerne nutzen. Wenn ich an die 40–Euro–Studios auf Psará zurückdenke, ist mir diese einfachere Unterkunft hier viel lieber. Natürlich liegt sie an der Hafenpromenade, und nachts ist es nicht gerade ausgesprochen leise. Aber wer will, bekommt auch ruhigere Zimmer ohne diese Aussicht. Oder auch etwas mit eigenem Bad im Zimmer.

Nur einen Tag will ich bleiben, da unterlässt es Don nicht, mich auf die verborgenen Schönheiten des Inselinneren und der Westküste hinzuweisen. Chios sei auf jeden Fall einen längeren Aufenthalt wert, beteuert er. Er und seine damalige Frau waren übrigens unter den Ersten, die in Volissós alte Häuser zu Fremdenunterkünften umbauten.

Bevor ich auf Stadterkundung gehe, werde ich noch instruiert, wie ich Don tagsüber erreichen kann, falls ich ein Problem hätte. Wer sich für die „Chios Rooms“ interessiert, für den/die hier die Kommunikationsmöglichkeiten: E–Mail: chiosrooms@hotmail.com Tel.: 22710–20198. Handy: 6972–833841. Preisfeilschereien liebt Don allerdings nicht, er hat bestimmt schon günstige Preise für eine Inselhauptstadt und ist echt geschockt über koreanische und andere ostasiatische Preisdrücker (das seien mit Abstand die schlimmsten) – wie übrigens auch ein guter Freund von ihm, ein Türke, der drüben in der Türkei mit seinen Zimmern dasselbe erlebt.

Erst einmal auf Rucksacksuche gehen, in der ersten oder gar zweiten Parallelgasse zur Hafenpromenade, wo ich bei den zahllosen Kleingeschäften schnell fündig werde und, weil ich nicht handle, einen freiwilligen Preisnachlass kriege.

In der kleinen Grünanlage vor der Platía Vounakioú, unweit eines eigenartigen kleinen, niedrigen Hallenbaus, in dem die alten Herren sitzen, Kaffee trinken und Karten spielen, das zugehörige Kafenío jenseits der Straße, räume ich meine Sachen vom ausgedienten alten in den neuen Chios–Kleinrucksack um. Gleich nähert sich eine Sinti– oder Romafrau (früher: "Zigeunerin"), um ihren Teil von meinem Reichtum einzufordern.

Als ich genauer hinblicke, erkenne ich ein paar Meter von mir entfernt ein wirklich eigenartiges deutsches Kriegerdenkmal. Seine Inschrift huldigt mitten in der Stadt (!) einem deutschen Unteroffizier (glaub ich mich zu erinnern), der für seinen Führer und sein Volk gefallen ist. Ja, gelegentlich findet man in Griechenland noch solche Merk– und Denkwürdigkeiten, zum Teil riesige Monumente mit aus heutiger Sicht verwegenen, verletzenden Inschriften.

Auf der nahen Platía, an die nördlich ein Park von erstaunlichen Dimensionen angrenzt, baut sich in einer Ecke gerade eine Frauendemonstration auf, deren Zweck ich nicht herausbekomme. Hat irgendetwas mit Arbeit und Geld zu tun. Ein lebhafter Platz, ein paar kleine Kneipen neben dem Byzantinischen Museum laden zum Innehalten und Betrachten ein, ein großes Freiluft–Café schließt den Volkspark südlich ab. Verkehr braust dazwischen. Ehemalige deutsche Busse verkehren nun als chiotische Stadtbusse. Lebendig und interessant, die Szenerie.

Vorbei an den Einkaufsgassen einer richtigen Fußgängerzone, wende ich mich nordwärts zum nahen Busbahnhof mit vielen geparkten Bussen davor, aber insgesamt recht bescheidenem Angebot.
Schon am frühen Nachmittag fahren die meisten Busse aus den entlegeneren Inselteilen wieder zurück in die Stadt und die Fahrtintervalle sind groß. Aber die Busstation ist eine Schau, noch richtig alt, mit vergilbter Landkarte an der Wand, Holzbänken, einem Schalter hinter Glas mit den nötigsten Utensilien, eine alte Uhr hängt irgendwo und nur ein paar Leute warten geduldig auf die nächste Verbindung.
Zu den Mastixdörfern im Süden, sogar bis Mestá, gäbe es noch einen etwas späteren Nachmittagsbus, der aber offensichtlich gleich wieder zurückfährt. Ich verzichte auf das Warten und die Fahrt im heißen Bus und bleibe lieber in der Stadt, die mir spontan gut gefällt.

Es ist Mittag, und mein Frühaufstehermagen verspürt Appetit. Unweit südlich der großen Platía komme ich zu einem nett aussehenden Tavernchen namens „To Vizántio“ mit gleichnamigem Hotel daneben. Seine kleinen Tische und die Aussichtsfenster gefallen mir ebenso wie die familiäre Atmosphäre. Nur Einheimische, darunter ein junger Papás mit Familie, sitzen drinnen beim Mahl, und zufällig ist der ganz kleine Ecktisch bei der Eingangstür noch frei. Ideal für mich. Die Theke bietet sehr gute Hausmannskost plus einen köstlichen Retsina. Draußen röhren und rattern Kleinfahrzeuge, Motorräder und PKWs vorbei, einfaches Publikum passiert meine Warte, schaut auch mal ins Lokal rein. Eine größere Paréa findet nach längerem Abwägen der möglichen Sitzgelegenheiten und mehreren Tischrückversuchen der Bedienung schließlich über die seitliche Treppe genügend Platz auf der schmalen Hochterrasse steil über den Erdgeschossessern. Das Pärchen am Nebentisch mustert mich misstrauisch, hängt recht lustlos herum und lässt am Ende das halbe Essen stehen.

Zur Verdauungsförderung begebe ich mich auf ein paar Schritte in den grünen Park. Etwa ein Drittel davon ist eine gut gepflegte Grünanlage, der Rest ein Garten mit hohen Bäumen. Büsten bekannter Persönlichkeiten umstehen ein Rondell. Im nördlichsten Teil findet sich ein Café. Hundert Schritte weiter lasse ich mich auf einer Bank nieder und komme ins Sinnieren. Wie wird es weitergehen mit der Reise? Was liegt noch alles vor mir? Soll ich irgendwann die Tour abrupt unterbrechen und per Flieger in den Süden zurück? Nach Rhodos? Nach Samos? Nach Kreta? Oder mit Umweg über Athen nach Kreta? Denn ich will auf alle Fälle noch nach Kárpathos, um Freunde zu treffen. Soll ich ein Stück Norden zugunsten einiger Tage auf Kreta mit Abstecher nach Gávdos opfern? Dann wäre ich am Ende vielleicht im äußersten Norden und im extremen Süden von Hellas gewesen, auf einer einzigen Reise. Andererseits will ich es nicht übertreiben. Mich nicht vollends zum Sklaven einer fordernden Reiseroute machen. Dem Norden erstmals (abgesehen von der weit zurückliegenden Abiturreise) auch eine Chance geben!

Beim Abwärtsschlendern durch den Park freue ich mich bereits wieder auf die kommenden, noch viel nördlicheren Erlebnisse.
Zwei kleine Streuner, arme, verstaubte Hunde, liegen dicht an einen Baum gedrängt direkt an der stark befahrenen Dimokratías–Straße, als ich diese überquere und zwischen Dimarchío und OTE in eine Seitenstraße einbiege, auf der ich nach Passieren eines Parkplatzes vor den historischen Altstadtmauern durch das Haupttor mit seinem Eingangstunnel in das abseits gelegene, sehr ruhige Altstadtviertel gelange.
Dort will ich mir eine angeblich legendäre Ouzéri ansehen, die sich (eigentlich Neutrum, klar) als Keditkartentempel entpuppt und mittags sowieso geschlossen ist. Es war einmal! Aber die Altstadtgassen haben etwas. Bald bin ich am hintersten Ende angelangt, wo mir ein Gärtchen hinter einer Mauer ins Auge fällt. Gleich dahinter ein Durchlass zu einer abgelegenen Parkplatzstraße unter einem Damm zum Meeresufer hin. Ich mache kehrt und wandere auf Umwegen zur Ostseite des Hafens, wo sich die offiziellen Gebäude der Hafen– sowie der Touristenpolizei von Chios befinden. Weiter landein das bescheidene Zentralbüro der Miniótis Lines. Nahebei eine Ticketagentur, bei der ich meine Fahrkarte für die „Mitilíni“ von NEL Lines nach Limnos erstehe. Ich zahle 5 Euro mehr als auf dem Ticket aufgedruckt, stelle ich später fest. Statt etwas über 19 Euro etwas mit 24 plus ein paar zerquetschte Leptá (oder „Tse[n]d“). Ist aber für die Entfernung immer noch günstig.
Ein Lokal in diesem Uferbereich hat 24 Stunden geöffnet, um alle Wartenden auf die Fähren zufriedenzustellen. Denn die legen unweit von hier an, an der Ecke nördlicher/westlicher Hafenkai.

Bei Olympic Airlines am westlichen, stadtwärtigen Hafenkai hole ich mir das letzte Exemplar von ausliegendem Flugplan ab, vorne steht alles auf Griechisch, wenn man das Heftchen umdreht, hat man die englische Version. So bin ich bestens über die ungewöhnlicheren Flugverbindungen mit den kleineren Propellermaschinen informiert. Aegean bedient ja nur die gängigeren Routen.

Schon am frühen Nachmittag wundere ich mich über die vielen jungen Leute in den Cafés am Hafen. Drei Internet–Cafés und einige fast futuristische Bars und Schnellimbissrestaurants passiere ich, als ich die Uferfront entlangtrotte. Freitagnachmittag, und hier geht es entsprechend zu. Auffallend – mir hüpft das Herz, wieder einmal – ein offensichtlich einfacheres Kafenío, das nur zwei Alibitische im Freien hat, der Innenraum dagegen groß und vielbesucht und nach der „alten Art“. Große, von gedrechselten Holzrahmen eingefasste Spiegel zieren die Wände, man spielt Tavli oder Karten und genießt zu bescheidenen Preisen. Typischerweise in dem Haus, wo auch die PASOK beheimatet ist. Als ich Don gegen Abend davon berichte, meint er, der Wirt werde ständig bestürmt doch aufzugeben, denn es gebe bereits eine lange Warteschlange von Barwirten und Ladenbesitzern, die sich um dieses Lokal geradezu rissen.
Eines der letzten Traditionskafenía von Chios–Stadt, und die Fastfoodketten warten schon .....

Weiter wandere ich durch die Stadt, passiere eine Bibliothek und die angrenzende Fakultät der Ägäischen Universität – aha, daher die vielen jungen Leute. Schon bin ich bei der Mitrópoli, der Kathedrale angelangt, drehe an der nächsten Einkreuzung nach links, ein Stück weiter rechts, und es geht hangaufwärts zu einer Kirche mit Museum nebenan. Bald gehe ich quer Richtung Meer durch ein Wohnviertel über dem Uferbereich. Der Abstieg endet dicht bei meiner Unterkunft.

Frisch geduscht zieht es mich nach kurzer Rast in der Abendsonne auf meinem Aussichtsbalkon wieder hinaus. Ich inspiziere von außen das Miniótis–Schiff, den alten Kahn, begutachte dann die Konkurrenz, erreiche schließlich ein Kriegsschiff, dessen Matrosen sich merklich in der Aufmerksamkeit der vorübergehenden jüngeren Frauen aalen.

Dann gönne ich mir einen Ouzáki mit Mezé („Darf auch Fisch dabei sein?“, fragen sie mich überflüssigerweise!) in dem zuvor entdeckten Traditionskafenío, das sich zum Bersten gefüllt hat. An der Wand auch eine Tafel, die für ein australisches Biermixgetränk wirbt. Als ich eines bestellen will, heißt es, man habe gerade keines im Kühlschrank. Klar, dass es sich um ein Relikt aus früheren Zeiten handelt.
Herrlich, die Geschäftigkeit eines typisch griechischen großen Stadt–Kafeníos mitzuerleben. Freunde kommen an, werden laut an den Tisch gebeten. Sollen mitspielen oder sehen nur gespannt zu. Der Wirt dreht seine Runde, kennt selbstverständlich alle außer mich. Sieht den Spielern ebenfalls gespannt über die Schulter. Von fernen Tischen treffen mich neugierige, offene wie verstohlene Blicke. Man denkt sich seinen Teil über den einzelnen Fremden.

Als ich mich wieder aufgemacht habe, beginnt der schönste Teil des Abends. Meine Füße tragen mich an meiner Unterkunft vorbei zur äußeren Hafenmauer. Schon um die Ecke bei dem Großhotel erkenne ich geübten Augens ein fernes Eiland. Ikaría oder Samos? Einer von zwei müßig herumstehenden Herren weiß Genaueres. Es handelt sich um den Kérkis–Berg des westlichen Samos. Er ist sehr gut auszumachen, von der Kaimauer des Hafens von Chios aus. Was für eine Freude, solche Erscheinungen! Ich liebe diese Phänomene, diese zusammenklammernden Eindrücke. Auch die türkische Halbinsel mit Cesme drauf ist mir nun sehr nahe.

Irgendwann ab 19 Uhr herum wird es dann richtig schön. Zwei Riesenpötte laufen nacheinander ein. Linienfähren. Alle VoltaGänger recken die Hälse. Der eine Pott ist von wahrhaft gewaltigen Ausmaßen. Es ist die „Panagía Krimniótissa“ von SAOS Lines, deren größtes Schiff, rot gestrichener Rumpf, eine riesige, überlange Autofähre, die, wie ein Passant erläutert, nur Für LKWs und Autofahrer zur Verfügung steht.
So was Tolles, abends, Schiffe kommen und gehen, die Spaziergänger werden immer mehr, ich sitze auf der Kaimauer und staune den Fähren nach, der Türkei und Samos und den Bergen von Chios, den Schemen gegen die allmählich untergehende Sonne entgegen.
Die wohltuende Seeluft belebt meinen Geist, gibt mir Kraft und Glück. Ein Flieger trudelt auf den sehr stadtnahen Flugplatz zu.

Das GA–Schiff – es war wohl die „Rodanthi“ – nimmt Kurs direkt auf die türkische Küste, noch gut östlich der letzten Inousses–Insel, dreht dann unweit des Festlands auf neuen Kurs: Lesbos. Dort draußen hält nun der griechische Kreuzer Wache.

Noch ein Besuch im alten Kafenío ist fällig. Leider darf ich nicht draußen sitzen.
Anschließend wandere ich noch einmal zur Anlegestelle der großen Fähren vor, wo ein Dampfer der NEL Lines angedockt hat, ebenfalls ein Riesending, die Taxiárchis. Eine große Menschenmenge entert die weiße Fähre, die im Dunkel wie ein Ozeanriese aus den Dreißigerjahren erscheint, bereit, nach Piräus in See zu stechen.

Dann geh ich zufrieden auf mein Zimmer und richte mich auf die Abfahrt um 04:00 Uhr früh ein. Einschlafen gelingt bei dem Auto–, Motorrad– und Diskolärm nur schwer.

Der Wecker läutet um drei, Zeit genug für die Morgentoilette, und zusammenzupacken.

Copyright puchheim = MartinPUC, 2004, 2006

Unterwegs nach Límnos



zurück zur Startseite