Teil 4: Eine Woche in Diafáni Karpáthou
Copyright puchheim = MartinPUC, Juli 2008


Aus der Nacht in den frühen Morgen

Das Schiff nach Kárpathos nicht zu verschlafen! Ja, eine Stunde früher als bisher legt die Fähre nun ab, und das sogar zweimal wöchentlich: um 03:00 Uhr früh. Ein weitere Verbindung gäbe es zu einer wesentlich sozialeren Zeit, um 11 Uhr vormittags, doch ich möchte HEUTE weg, nicht erst Mitte der Woche.
Meiner lieben Eléni hab ich eingeschärft, ich käme mit Sicherheit in einigen Tagen zurück. Sie meinte, ich solle unbedingt vorher anrufen, damit sie auch wach bleibe bis zu meiner Spätankunft. Von Kárpathos aus zurück über Rhodos möchte ich nach Kálimnos weiter und von dort über Astipálea ....... Mach Dir einen Plan, und er wird vereitelt werden, oder er wird freiwillig geändert.

Langsamer Trott über nächtliches Spitzpflaster zum Panajiás–Tor hin, dicht hinter mir ein Backpackerpaar. Die Stadt liegt nun still da, im Ruhezustand, nur wenig Lärm selbst auf der Hafenstraße vor der großen Mauer.
Am Molenende, dem breiten, warten gleich zwei, also alle, L.A.N.E.–Schiffe auf Passagiere und Lkws, das eine mit Destination Piräus, auf großem Umweg, das andere mit Ziel Nordostgriechenland, über die östlichen Inseln. Neonleuchten geben den Heckpartien eine kalt strahlende Erscheinung, aus den Schornsteinen grummelt es bereits merklich, die Zeichen stehen auf baldiges Ablegen.
Beladen wird jedoch vorerst nur mein Fährschiff, die Ierápetra. 18 Euro kostet die billigste Fahrkarte von Rhodos nach Diafáni, Kategorie Delta, also eigentlich ein Platz oben an Deck, doch niemand schert sich darum, ob man drinnen sitzt oder im Freien.

Ich schiebe mein Gepäck in irgendein Fach des etwas vergammelten hinteren Passagierraums, suche mir eine randliche Ecke und versuche zu dösen. Um mich herum haben sich auf dem Teppichboden zwischen den Sitzreihen junge Touristenpaare zum Schlaf ausgestreckt, ab und zu ein prüfender Blick auf die Tasche mit den Wertsachen. Aber mir gegenüber brauchen sie keine Befürchtungen zu hegen, hab selbst genug dabei.
Lang anhaltendes Zittern des Schiffsrumpfes und der Deckenverkleidung begleitet den gemächlichen Ablegevorgang. Da muss ich doch noch mal kurz nach draußen.

Logisch, mehr als eine gute Stunde zu dösen, das halte ich nicht aus, wir sind immerhin bereits in den frühen Morgenstunden, und ich hatte noch etwas Schlaf in meiner hübschen Pension. Auf den seltenen Fährpassagen möchte ich mir nicht zu viel Meererlebnis entgehen lassen, schon gar nicht den Übergang der Nacht in den Tag, auf hoher See (– na ja, ...).
Wir haben zwar das erste Maidrittel bereits hinter uns, doch die rosafingrige Aurora lässt noch auf sich warten.
Nach zwei Stunden Fahrt und viel Hin– und Herlaufen außen um die Decks herum sind wir dicht vor Chálki, und es rosafingert bereits merklich über den hohen Landrücken des großen Nachbarn herüber.

Anlegen auf Chálki zu immer noch nachtschlafender Zeit. Dicht vorbei an der Felseninsel mit einem kleinen Leuchtfeuer haben wir hereingedreht in die Hafenbucht. Emboriós mit seinen beiden hübschen Kirchen ergießt sich die Hänge hinauf. Nur wenige Lichter grüßen aus Häusern. Ein Hafenpolizist wartet, dann der Mann, der sich um die Taue kümmert und vielleicht noch vier andere Leutchen. Irgendein klappriges Vehikel rattert von Bord, zwei Personen schleppen Lasten an Land, Kleinigkeiten werden eingeladen.
Nach vier Minuten hat die nächtliche Ruhestörung ein Ende, und wir stampfen hinaus ins freie Meer. Ungefähr zwei Stunden und vierzig Minuten wird es noch dauern bis Diafáni.
Schnell wird es hell, und kurz hinter Chálki zeigt sich bereits schüchtern das Sonnengestirn.

Eine ausnehmend ruhige See. Ich verfolge das immer ferner vorübergleitende, flacher werdende rhodische Südende, es verbirgt sich nicht, ist gut einsehbar. Bevor sich Saría (das vom Namen her mit dem König Σάρων zu tun hat) und das nördliche Kárpathos gegen den Horizont abheben, kreuzen immer wieder Frachtschiffe unsere Route. Zunächst tippt man immer auf Kollisionskurs, um schließlich zu erkennen, dass die Pötte teils nur etwas schräg zu unserer Fahrtrichtung dahinziehen. Erstaunlich, diese täuschende Perspektive.

Annäherung an die Insel. Es beginnt das altbekannte Ratespiel, hinter welcher Ecke in den Felshängen sich die Bucht von Diafáni wohl verbirgt.
Vorher noch der kurze Blick auf den Stenó, die Engstelle zwischen Saría und seiner langen Nachbarin. Zwei weiße Fischerbötchen sind ganz küstennah aktiv. Nein, Pávlos ist nicht dabei, es fehlt das Blau.

Die Raterei nach der Lage von Diafáni hat ein Ende, als aus dem Felsengrau die ersten weißen Punkte hervortreten, binnen Minuten sich das Dorf aus dem Hintergrund schält. Wie oft ich dieses Schiff und seine Schwester schon aus der Gegenrichtung, von Land aus, von meinem Balkon bei Níkos, bei seiner Annäherung an die Insel beobachtet habe, und das fällt leichter, ist weniger mühsam als umgekehrt.

Eine große Kurve hin zum Anleger weit außerhalb der Siedlung. Der spannende Moment, wer aller aussteigen wird und wer aller zuschauen, da draußen, neugierig die Ankömmlinge erwarten.
Ich verstecke mich, bis sich die Klappe öffnet, die Sperrkette fällt, die ersten Diafanióten hereinstürzen, bestellte Güter abzuholen, die Aussteigewilligen sich beherzten Schrittes auf den Weg machen.


Ankommen

Ausnahmsweise ist er einmal nicht da, der weiße Transit–Bus von Vassílis Balaskás (auch: Baláskas – approved by the family as "the American way" of pronouncing it) – kommt echt selten vor. Den Níkos Orfanós hab ich auch nicht gesichtet, doch der ist sehr wohl da und aktiv. Kaum bin ich, nach ein paar oberflächlichen Begrüßungen bekannter Gesichter, die alle um Bauernlaster herumschwirren, 30 m weitergegangen, sehe ich sein Auto geparkt, seinen Kombi, deutlich billiger als ein Minibus der Ford–Größe – dafür hat er das weitaus geräumigere und schnellere Boot. Stelle meine Sachen neben die Karre auf die Straße zwischen Kaimauer und Fischerbooten. O Wunder, gleich vier bis fünf Urlauberpaare sind aus dem Schiffsbauch herausgestiegen, und drei von ihnen haben es auf Nikos' Hotel abgesehen, trudeln nach und nach, letztendlich geleitet und begleitet vom Hausherrn, dem Auto entgegen, das sie und ihre Habe befördern soll. Ich erkläre mich gleich bereit zu Fuß zu gehen, nur meinen Rucksack nehmen sie mit.

Se hotäll wos so full ollrädi – itt wos a riiäll pitti fooa tuu off se kappls. Nikos macht das ganz geschickt. EIN Paar hat Glück (oder vorbestellt) und kriegt ein Zimmer mit Aussicht zugeteilt. Egó, Martíno, krieg erstmals ein Zimmer zur Straße raus, ich merk es sofort an der Nummer, die Nikos mir nennt. Immerhin im oberen Stockwerk, und überraschend groß ist es, viel geräumiger als alle bisher gehabten, und ich bin zufrieden – warum soll ich immer nur auf der Speckseite des Lebens kleben? Ich kenne alle Wege im Haus, und das Flachdach ist nah und begehbar, die Tür nicht zugesperrt, die Sicht dort oben besser als in irgendeinem room with a view.
Die restlichen beiden Paare führt der gute Nikos zielsicher und ohne langes Fragen bei den eigentlichen Eignern in Popi's beste Stücke von Zimmern – unterhalb ihrer Taverne (Ta Delfínia, The Dolphins), aber mit tollem Gartenblick, eines sogar mit Soufá (traditionellem Hochbett) – wie es scheint, darf er das, der wohlhabende Nachbar.

Mit der auf den ersten Eindruck hin eher "Strafseite" des Hauses sollte ich mich recht bald versöhnen und sie sogar schätzen lernen.

Die Begrüßung bei Popi und der Familie fällt gewohnt herzlich aus. Aber von den Socken bin ich erst, als mich kurz darauf Michális vom Coral(i) richtig umarmt, mir damit zu verstehen gibt, dass er mich mag – er kommt sogar zu Gabriellas Terrasse herüber, dem Servierort seiner Konkurrentin vom Gorgóna. Ja, für jeden empfehlenswert, irgendwohin regelmäßig zurückzukehren, tut gut!


Momente des Hierseins

Von meinem Balkon über der wenig befahrenen Straße nach Ólimbos blicke ich auf einen Steilabbruch, darüber aufsteigende, dicht bewaldete Hänge, die vom Nordwestwind tief gebeugte, ganz krumm gewachsene Kiefern tragen. Ein Feldweg windet sich von der Einkreuzung auf die Asphaltstraße hinauf am Wald entlang, vorbei an Verschlägen mit Tieren drin, überwiegend Hühnern, von denen genauso viele auch im Freien davor herumlaufen, ein geruhsames Waldleben führen. Auch weiter oben über dem Steilabfall zur Straße noch Verschläge und Hühner.
Abends thronen Katzen auf schmalsten Nischen, ägyptischen Göttinnen gleich im Steilhang, ähnlich ruhenden Gämsen in den Alpen (oder Ziegen in GR) – what a sight. Etwas weiter oben und 20 m rein in eine kleine Schlucht eine rostige Tonne – aha, der übliche Hund! Diesmal ist es ein wirklich netter mittelgroßer Hühnerwauwau, schwarz bis schwarzgrau, mit oben grade noch umgeknickten Ohren und einem sympathischen Gesicht, dessen Knopfaugen noch in der Dämmerung zu mir Balkonbewohner im Hotel Nikos herleuchten, auf etwa 200 m Entfernung. Dumm ist nur, dass er keinen großen Aktionsradius hat, denn er hängt an einem improvisierten Drahtgeflecht, dessen Ende zum Glück ein kurzes Stück Schnur bildet und zusammen mit dem längeren, geradezu kühn und fantasievoll ausfransenden Drahtvorspann einen knappen Meter nicht überschreitet. Hochintelligent wieder, und ganz ganz tierlieb! Ich fülle erst einmal den Wassernapf auf.
Der Feldweg führt hinauf zu den Studios Glaros und an ihnen vorbei weiter zum Ortsfriedhof gegenüber den Windmühlen. Ein schöner Abend– wie auch Morgenspaziergang mit prächtigem Rundblick von ganz oben.

Abends beim Essen im Coral(i) bitte ich Michalis' bescheidene und ganz liebe Frau um Essensreste "für meinen Hund", die mir tags darauf üppigst gereicht werden, als ich wiederum bei Gabriella sitze und die klassische Musik genieße, die sie sich nur am früheren Vormittag zu spielen traut, um die Einheimischen und andere allmählich eintrudelnde Gäste nicht zu inkommodieren. Geschickt wechselt sie über zu Latin–Rhythmen und zu karpathiotischen Klängen, wenn es sein muss.

Mit vielleicht drei Kilo Knochen und Fleischresten mache ich erst einen Umweg hinter zum unteren Ende des Aufgangs zu den "Glaros Studios", wo mich etwas früher zwei auf einer in einem Vorhof gegen eine Hauswand lehnende Matratze angekrallte junge, zerzauste, verschmutzte und völlig abgemagerte Katzenelende in die schiere Melancholie getrieben haben – nun sind sie natürlich nicht mehr da. Wie grausam armselig doch das Leben sein kann!, sinniere ich vor mich hin. Ich erinnere mich noch gut an einen nächtlichen Heimflug von Kos aus, damals im Mai und im Jugoslawienkrieg, als gerade Manchester United gegen Bayern München spielte, der Flugkapitän aus Sicherheitsgründen die Lichter ausschaltete und von "Gewittern" murmelte – und als die Bombenblitze kilometerweit und reihenförmig, Leib und Seele erschreckend und viel zahlreicher und massiver als es uns die Medien glauben ließen in die Höhe schossen, witzigerweise bis vor die Tore der bulgarischen Stadt Sofia – noch über Budapest waren sie gut zu sehen: da hat auch kein Deutscher hingesehen oder gar einen Kommentar abgegeben, keiner es wahrhaben wollen – zugunsten der Fußballzwischenberichte? Aber man kann ja nicht in die Menschen hineinschauen.

Na ja, dafür verfolgen mich nun andere, etwas besser aussehende Sofatiger, auf meiner Runde hinüber zum "alten" Glaros und den Treppenweg wieder hinunter zur Hafenbucht, aber schließlich gelingt die Flucht, um einiges Futter bin ich ärmer geworden.
Mein Hühnerhund hat so etwas noch nicht gesehen, wage ich zu behaupten: kiloweise purzeln die Knochen mit dicken Fleischresten dran vor seine Nase, und er muss sich beeilen, dem gierigen Federvieh zuvorzukommen. Soll auch einmal ein Festmahl haben, der Arme!
Das eine Tier frisst man, dem anderen gibt man die Knochen – merkwürdig, diese Hierarchien.

Ein anderer Abend auf Popi's Terrasse, im Dolphins. Auf einmal taucht Jinx auf, der ortsansässige Engländer, in Begleitung einer sympathischen Russin, die ich von einem Osterfest in Diafani her kenne.
Irgendwann bitten sie mich zu sich an den Tisch rüber. Es wird ein interessantes Gespräch, auch ein lustiges, denn Jinx berichtet von einer recht amüsanten, wenn auch entbehrungsreichen früheren Russland– und Sibirienreise zu Sowjetzeiten, und Natascha hat schließlich einmal in Sibirien gewohnt, in einer großen Stadt, und erinnert sich genauestens an die damaligen Verhältnisse. Auf Englisch über russische Musik reden im Beisein einer russischen Künstlerin, die selber Sängerin ist. Über die Streichquartette von Schostakowitsch, über sein so stark von Bach beeinflusstes Klavierwerk. Was sich alles so entwickelt, im hohen Norden einer doch relativ abgelegenen griechischen Bauerninsel.
Wenige Tage später verweinte Augen, und dann ist sie weg, muss auf Umwegen nach Russland zurück, denn sie ist nicht Angehörige eines EU–Staates. Wohlmeinende Leute im Dorf werden versuchen, ihr das nächste Mal einen Job zu vermitteln, mit Aufenthaltsgenehmigung. Ach, wir wissen ja gar nicht, wie schön und unkompliziert wir's haben.

Vor Annas altem Kafenío, noch vor dem Frühstück bei Nikos, das ich ansonsten eher meide, um mich nicht zu überessen. Die üblichen Herren, auch ein älterer Balaskás (nicht der Vater des Hoteliers), der mit der Schirmmütze, Brille und dem Stock, der jetzt gerne einfach so vor sich hinredet. Wie viel meine Sandalen gekostet hätten? Ah, er habe weniger bezahlt. Anna spendiert Beigaben zum Kaffee. Schön, die vielen bekannten Gesichter, die eine Hälfte seit Jahren eher unnahbar, die andere dafür umso freundlicher.
Der alte Minás, der Kirchendiener, immer noch ein Kauz, ein Schlitzohr, doch ernst geworden.
Später am Tag kommt auch Nikos O. vorbei, auf eine Kartenpartie drinnen, neben dem Großarrangement alter Zeitungen – auch die neuesten aus Rhodos sind stets veraltet, klar.
Und der andere Hotelier, Vassílis Balaskás, taucht auch ständig bei Anna auf, nun bereits mit dem zweiten Enkelkind auf dem Arm. Einmal gehen wir zu seinem Hotel und telefonieren nach Südwestkreta, eine gemeinsame deutsche Freundin zu grüßen.

War es bei einem Essen bei Popi oder anderswo? – egal. Der Rudolf, der sich diesmal hier herumtreibt und zusammen mit einem anderen älteren Deutschen am Tisch sitzt, kommt mir nun doch irgendwie bekannt vor. Haha! Er ist es – der Freiburger hat mich vor vielleicht 6 bis 7 Jahren in der kretischen Sfakiá (wo er Stammgast ist) schon einmal auf eine Tagestour im Auto mitgenommen. Ein schönes Wiedersehen mit dem äußerst angenehmen alten Herrn. Wir sollten nun einiges zusammen unternehmen und uns öfters zum Essen treffen, auch oben im Avlóna.

Man hat sich also bei den Lendákis getroffen, oben in Avlóna, zum Mittagessen, nachdem ich von der nächsthöheren Hochebene zurückgekehrt war, wo ich die Reste eines großflächigen blauen Blumenteppichs auf grüner Wiesenfläche auf mich wirken ließ – das meiste war schon verblüht.
Nach und nach trudelten auch andere ein, und wir kamen mit einem älteren britischen und einem jüngeren deutschen Paar ins Gespräch. Alle waren entzückt von der zurückhaltenden, fast schon putzigen englischen Intonation und Aussprache unseres Rudolfs. Und wir schlemmten wieder Angináres me Patátes, Artischocken mit Kartoffeln. Mitte Mai, und immer noch haben sie hier oben ihre frischen Artischocken! Na, sollten auch mit die letzten sein.

Ein paar Verwandte der Wirtsfamilie sind auch zugegen, eine Zeit lang sogar die Papadiá (Kalliópi, die Frau des Pfarrers Minás), es wird schließlich eine ganz lustige Unterhaltung in heiterer Runde. Die beiden Briten testen schließlich meine Kenntnis englischer hard words (schwieriger Fremdwörter), und ich habe Glück, weiß alles, zur völligen Verblüffung des Ehemanns, der Anlauf über Anlauf nimmt, mich zu "kriegen".
Er zahlte es mir später zurück, indem er nachts zusammen mit Bob (der sich mit seiner Pauline auch gerade wieder in Diafáni aufhielt) zur Taverne kam und mir unverschämt schwierige ethnologische und andere Fachbegriffe von der hinteren Umschlagseite eines neuen Chambers Dictionary vorsetzte, die ich, schon in gehobener Stimmung, nun wirklich nicht erklären konnte. Da waren sie endlich zufrieden – die Ehre der Briten gerettet.

Aber vorher, nachmittags, wanderte ich zusammen mit Rudolf den hübschen Hügelkammweg von Avlóna hinunter zu unserem Küstenörtchen. Der zieht sich, wird auf seinen abfallenden Flanken von Kiefernwald eingerahmt, ist aussichtsreich und deshalb ein Genuss. Meine oberflächlich eingeritzten (und von einem Kenner fotografisch festgehaltenen, hust!) MARTIN–PUC–Lettern auf einer Felsschräge bei dem ersten, noch steinigen Stück Weges waren inzwischen ausgewaschen – die Zeit verwischt alle Spuren!

Immer aufs Neue trafen wir uns ganz zufällig, etwa bei Sofía am äußeren Dorf(park)platz von Ólimbos, nachdem ich meine dortige erste Besuchsrunde gedreht hatte.
Einmal auch wieder den Fílippa in seinem Kafenío Kríti angetroffen, draußen gesessen am einzigen Tisch neben dem hübschen Kapellchen in der Seitengasse, die absolute Idylle. Zehn Meter weiter Richtung dem kleinen Platz vor Andónis' altem Kleincafé und der Taverne Parthenónas hat sich nun eine Pizzeria etabliert (!). Jenseits des schmalen Gässchens haben sie sogar eine neue Aussichtsterrasse eingerichtet, um ja Gäste anzulocken. O Gott, es werden immer mehr Gaststätten, obwohl immer weniger Besucher kommen! Die Ausflugsboote von Pigádhia her fuhren keineswegs täglich, eher nur dreimal die Woche. Übrigens: es gibt sie nun wieder, die Konkurrenz zur großen Chrissovalándou, ein weiteres, neueres Schiff transportiert Touristen her.
Wie schön, gegen geringe Gebühr immer noch von einem der beiden Touristenbusse der Chrissovalándou–Besitzerin zwischen den üblichen, sehr spärlichen Buszeiten hinauf ins Bergdorf oder von oben hinunter nach Diafáni mitgenommen zu werden. Klar, Trampen (= Autostopp) funktioniert auch, doch nicht immer kommt ein Auto daher, zweimal musste ich die halbe Strecke laufen, bis das erste Auto eintraf und bremste.

An der Höhenstraße in den Inselsüden bauen sie nach wie vor herum. Offiziell darf sie nur eine kurze Zeitspanne frühmorgens und über Mittag und dann wieder abends befahren werden.

Beim ersten Besuch im Olympos, der Stamm–Taverne der Familie Lendákis, läuft mir das Wasser im Mund zusammen angesichts der ganzen Speisenpalette, die der eintreffenden Bootsausflüglerschar im "Schaufenster" angepriesen wird – ich werde später kommen. Doch später ist nichts mehr da, bis auf ein paar traurige Reste – die Touristen ließen sich überzeugen und haben in der Zwischenzeit alles weggeputzt. So muss ich zwei Tage später wieder antreten.

Einmal zieht es mich in die Taverne O Mílos, die etwas außerhalb des Ortskerns auf einem Nebensattel bei den nördlichen Windmühlen liegt. Hier sehe ich den alten Vassíli zusammen mit einer alten Frau kleine Garídhes schälen und bekomm natürlich Lust auf eine Portion. Dazu krieg ich sogar noch die vorher wieder abbestellten Makaroúnes, die dicken, öligen karpathiotischen Nudeln mit gerösteten Zwiebelbröseln drauf. Das ist viel, aber für einen Vielfraß ..... Und es kommt gewohnt günstig, also preiswert. Den großartigen Rundblick auf die Felswände, die lange Talung bis hin zur Straße nach Avlóna und die ferneren Berge gibt's gratis dazu. Plus die nette Art der Frau des Hauses und gelegentlich einer ihrer Töchter. Das jüngere deutsche Paar (eine ganze Woche verbringen sie hier im Bergort) bestellt liebend gerne wieder nur die gefüllten Teigtaschen aus dem Backofen.

Noch ein zweiter älterer Deutscher hatte sein Quartier bei Nikos aufgeschlagen, nicht nur der Rudolf. Den "Jürgos", also Jürgen, aus Hannover kannte ich vom Sehen her schon von früher, doch erst diesmal schlossen wir so richtig Bekanntschaft. Ein Kárpathos–, aber noch viel mehr ein Sífnos–Liebhaber, der sich intensiv als Hobby–Volkskundler betätigt und alles Mögliche über Sífnos gesammelt hat, auch ganz Spezielles, alte Fotos und Aufzeichnungen, die verloren gingen, wenn er sie nicht rechtzeitig jemand Interessiertem auf dieser Westkyklade vermacht. Ich wandte all meine Überzeugungskraft auf, ihm das einzubläuen.

Jürgos' Großtat war es, mich auf einem Spaziergang durch die unteren Gassen von Ólimbos zu einem Prachthaus zu führen, das gerade innen renoviert wurde – die Außenfassade ist bereits fertig restauriert. Das wohl schönste Haus des ganzen Inselnordens, mit den in Stein gehauenen bzw. geformten traditionellen orthodoxen Glaubensmotiven draußen, der hübschen und dezenten Bemalung und dem Innenraum voller Überraschungen, mit Bildern und Malereien. Oft schon bin ich daran vorbeigegangen, es liegt auf dem Weg etwas weiter hinter vom Haus von Papajánnis, dem hiesigen Ortspfarrer, und ich war mir immer sicher, es sei eine der allerschönsten Fassaden, doch drinnen war ich nie gewesen – erst bei dieser Gelegenheit kann ich dem anwesenden Besitzer ein großes Kompliment machen.

Es ergaben sich öfters ganz nette Dreierrunden beim Abendessen, bis dann als Erster Jürgos abreisen musste, mit frühmorgendlicher Abfahrt auf der kleinen Chrissovalándou und Sicherheitsübernachtung in Pigádhia, um ja nicht den Morgenflug nach Athen zu verpassen.

Doch da blieben mir ja noch der Rudolf, die anderen Deutschen, meine geschätzte Pópi und, nicht zu vergessen, ihr so musikinteressiertes italienisches Gegenstück, die Gabriella.
Morgens auf der Empore des Gorgóna sitzen und Musik hören, vor einem der Kachelbrunnen, die bescheidene Uferpromenade, die kleine Mole, der Strand, die Bucht und die Bergflanken – was für eine Freude.
Sie kramt Mozart hervor, die Zauberflöte. Ich hätte lieber Don Giovanni gehört, oder den Fígaro, aber was soll's, am Morgen passt was Leichteres wohl besser. Wir hören also gemeinsam, und G. meint, man höre aus jedem Ton und jeder Silbe, was für ein menschlicher, die Menschen liebender Typ der Mozart doch gewesen sei – dabei versteht sie kein Deutsch.

Zeit, den neu gereinigten und erschlossenen, entschärften Wanderweg über Vanánda nach Trístomo ein wenig auszuprobieren. Ich will ihn nur ein Stückchen anwandern, dann umkehren. Es dauert ja ein Weilchen, bis man da hinten angelangt ist, wo der Feldweg, der hinter dem Strand von Vanánda erst in einigen engen Kurven, dann in größeren Bögen in eine abgelegene, nicht gerade sehr gehegte und gepflegte Landwirtschaftszone führt, ganz plötzlich endet. Bis dahin hat man schon etliche Schweißtropfen verloren, es ist ziemlich warm. Ein weißes Häuschen mit blauer Tür. Hier beginnt ein grasüberwuchertes Wegstück, das hinter einem Gatter zum Pfad wird.
Bald geht man im Wald, ein sehr angenehmes Gehen. Gleich wird es steil, ein Stock ist sehr hilfreich. Trittsicher muss man schon sein, denn teils ist der Pfad nicht sehr breit, und auf der meerwärtigen Seite kann es gut ein paar Meter jäh runtergehen.
Und dann trifft man auf einen Felssturz von weit oben herab. Über vielleicht 200 m Breite steigt man, mehr oder weniger waagrecht und an Markierungspunkten vorbei, über große Felsblöcke, bis man sich endlich wieder auf einem Stück Waldweg entspannen kann. Hier kehre ich aber auch schon um, es ist relativ spät und ich wandere alleine – mit Begleitung wär's besser, sicherer.
Was ich nun schnell nachholen muss, das ist, über die Wahnsinnsrückblicke auf Diafáni zu berichten. Es ist tatsächlich eine Schau!
Ab und zu erkennt man kleine Sandbuchten unterhalb des Wegs, tuckert auch mal ein Fischer vorüber.
Traumhaft schön, jedenfalls. Ich liebe ja alleine schon die Abkürzungspfade zurück von Vanánda ins Dorf, die auch durch Waldstücke führen. Doch hier, in größerer Höhe und tiefer Waldesruhe, wirkt alles noch viel großartiger.

Echt wunderbar, seit Kurzem hat das Ánixi geöffnet, das Lokälchen in verborgener Traumlage nahe der Kirche, unter einer Laube, nicht teuer und geführt von vielleicht etwas rau aussehenden, aber sehr gutmeinenden Leuten. Seit die Großfamilie der Balaskás vorne an der Ecke ihre Taverne laufen hat und seit etwas weiter Richtung Strand am Nordende der Hafenbucht ein weiteres Restaurant hinzugekommen ist, steht es in der Nebensaison nicht mehr so gut um das versteckt gelegene Ánixi.
Doch mir reichte es schon, bei einem Ouzo ganz unverblümt zur Rede gestellt zu werden, warum ich nicht hier vorne an der Ecke , mit so schönem Meerblick esse, dieses deutsche Paar dort habe jeden Tag bei ihnen gespeist. Und ich!?
Da ist das Ánixi eine wahre Erlösung für mich, von allen Verpflichtungen, ein sicherer Hafen, ein echtes Rückzugsgebiet, dem ich wenigstens dreimal die Ehre erweise und wo ich einmal groß esse.
Acht oder zehn riesige, frisch gebackene Brotlaibe lehnen an der Außenwand, sind auf Tischen ausgebreitet. Backtag eben in einer Inselgegend, die keinen eigenen Bäcker braucht.
Vassílis (schon wieder einer!), der hiesige Wirt, reicht mir ein paar Scheiben frisches Brot, die ich nach einigem Zieren mitnehme und später als köstlich empfinde. Endlich hat das Ánixi mal auf, im Mai, und ich hab das wieder viel zu wenig ausgenutzt – aber bei der Konkurrenz: Pópi, Michális, Gabriella .....!

Die Katzen an der Straße unterhalb meines Balkons kriegen eine in kleine Stücke geschnipselte Wurst – der Hund hat auch davon abbekommen. Man könnte den einen Laden leer kaufen, das Kühlregal von den Bierwürsten leer fegen, und immer noch wären tausend Tiermäuler zu stopfen.

Die Großportion Loukoumádhes, die in Honig getauchten Krapfenkugeln, die ich von der Zimmerwirtin eines abreisenden, mir befreundeten Paares überreicht bekam, hab ich teils den beiden bulgarischen Hilfskräften über die Balkonbrüstung ihres Erdgeschosszimmers – zur Straße raus, wie sollte es anders sein – gereicht, sie haben das kleine Geschenk hocherfreut angenommen.

Natürlich könnte ich meinen (Wohltätigkeits–)Aufenthalt locker um eine weitere Woche verlängern, denn es gefällt mir wie immer super in der Gegend.
Doch die Ferne lockt, ein Wiedersehen mit lange nicht mehr Besuchtem, oder auch viel zu kurz Aufgesuchtem in einem anderen Archipel.
Um rasch dorthin zu gelangen, werfe ich all meine Pläne über den Haufen und verzichte auf ein paar zusätzliche Tage auf Rhodos – ich hab eh schon gut überzogen, wollte höchstens vier Nächte auf Kárpathos verbringen. Warum also zwei Tage dort, auf Rhodos, dann drei auf K., zwei auf A., um endlich das Ziel zu erreichen, das ich mir vorgenommen habe? Geht doch etwas schneller andersrum, also im Uhrzeigersinn, nicht gegen ihn. Und ist ungleich weniger hektisch!

An einem Sonntag Mitte Mai besteige ich um halb acht Uhr früh, verabschiedet von einigen deutschen Mittouristen und dem Rudolf, die Vitséntzos Kornáros mit Destination Sssssira, Thíra, Sandoríni, Santorin.
Níkos Orfanós musste in Pigádhia anrufen, um den Preis der Deckspassage zu der nackten Vulkanschönheit herauszufinden (nur etwas mehr als 25 Euro). Ich war wohl seit Langem der Erste, der auf die verrückte Idee kam, eine über dreizehnstündige Schifffahrt zur nächsten Insel auf sich zu nehmen. Aber so bin ich eben, solange ich es mir noch leisten kann.

Kurz vor meinem Eintreffen am Molenende krabbelte ein blauvioletter größerer Oktopus über die Straße - er war von einem der Fischerboote ausgerissen, ein seltsames, trauriges Spektakel. Bald war er wieder eingefangen.

Ach ja, wer Lust hat, sollte mal den kleinen Hügel (nicht etwa den hohen mit den Windmühlen dicht über der Ortschaft!) hochgehen, der ganz kurz vor der großen Außenmole rechtsab über dem Strand liegt, es sind nur vielleicht 50 Meter weg von der Straße gleich vor der Mole. Dort oben steht seit Langem ein weißlicher ehemaliger deutscher LKW-Aufbau einer kleineren Lebensmittelkette geparkt. Die deutsche Aufschrift ist wirklich treffend, speziell für Neuankömmlinge vom Schiff her - ein Sinnspruch für den Inselnorden. So in der Art: Hier bist du willkommen, hier bist du Mensch! Und der Firmeneigner hat(te) echt Humor, denn er spielt noch mit seinem Namen, irgendwo unten rechts oder links.

Copyright puchheim = MartinPUC, Juli 2008

Kurs Sandoríni



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