Teil 7: Zum zweiten Mal: Donoússa.
Eine verkappte Liebeserklärung

Copyright puchheim = MartinPUC, August 2008


Diesmal will ich's wissen. Mich länger mit Donoússa beschäftigen, mir einen profunderen Eindruck von ihm holen als beim ersten Mal vor fast genau einem Jahr.

Eine Wegstrecke von vier Stunden auf der Express Skopelítis ist geradezu nichts gegen die dreizehnstündigen Passagen, die ich zuvor auf See verbrachte. Halt: "nichts" klingt zu negativ, es ist nach wie vor ein Hochgenuss, auf diese Weise den Kleinen Ostkykladen entgegenzuschaukeln, sie nach und nach abzuklappern. Ein paar Worte tausche ich mit dem bekannten Gesicht eines Besatzungsmitglieds hinter der Theke unten im Salóni, es seien insgesamt gesehen nur wenig Touristen zu dieser Maienzeit mit ihnen unterwegs, meint der Herr.

Mein Delphinerlebnis wird mir diesmal vor dem Kap Katoméri, der Südspitze von Naxos, beschert, ein einzelner Tümmler zeigt sich auf ein paar elegante Sprünge über die Fluten vor dem Hintergrund der in ihrem Südteil eher geheimnisvollen und wenig Einblicke gewährenden Großinsel.

Anlegen auf Irakliá: ein Kleinlaster mit sechs kreuz und quer auf seine Ladefläche gepferchten Eseln rollt an Bord, die anwesenden Fotografen betätigen sich ausgiebigst – wohin werden die armen Viecher wohl verschifft? Hoffentlich nicht zu lange!
Anlegen auf Schinoússa: Das hübsche Mädchen des alten Schlages, olivbraune Haut, schwarzes Haar, einfach gekleidet, verlässt hier das Schiff. Ob der Rest der Bevölkerung auch annähernd so urtümlich aussieht? Bestimmt nicht. Die sechs Esel haben Glück, auch für sie endet die Ladeflächenpassage bereits wieder.

Epáno Koufoníssi: immer noch eine Baustelle, wenig einladend. Die anwesenden paar Touristen sind zum Zuschauen gekommen, gucken uns lange nach. Wie gut, dass ich mich wieder für Donoússa entschieden habe.

Kein besonders hoher Seegang, die Sonne im Rücken, das hochragende Kéros so schön beleuchtet, später ein Teil von Amorgós, und natürlich mein Inselziel. Das englische Ehepaar spricht mich an, sie haben mich schon länger beobachtet, es stellt sich heraus, dass wir uns von Loutró auf Kreta her kennen, der Mann hat gerade wieder ein Buch veröffentlicht, sie sind unterwegs nach Amorgós. Ich muss mich fast losreißen von ihnen, denn schon sind wir auf Zehnminutenabstand von (Ágios) Stavrós, dem Haupt- und Hafenort, wo ich aussteigen werde.
Ich lass die herrliche Kulisse im frühen Abendlicht auf mich wirken, die meerumflossene, bergige Schönheit aus sich erstehen.

Langsam nimmt der Hafenort Kontur an, verschwinden die Nachbarbucht und die Westflanke des langen nordwestlichen Inselfingers, wird es Ernst mit nur dem Hafen.
In dem kleinen Becken im Schutz des Anlegers dümpeln große wie kleine Fischerboote vor sich hin. Vom südlichen, neuen Dorfteil her blinkt mir weiß meine Unterkunft entgegen, große aufgemalte Buchstaben und das neue Fährenschild vor der Aussichtstaverne gleich gegenüber sind untrügliche Erkennungszeichen.
Aber in den Brennpunkt aller Ankömmlingsblicke gerät immer mehr die wartende Schar in und unterhalb der Kafenío–Taverne mit Lebensmittelladen von Nikítas und Evangelía, auf die unser Schiffchen zusteuert, den großen Anleger vollkommen ignorierend. Genau hier werden wir anlanden, näher am Dorf. Wer von den Urlaubern es sich einrichten konnte, sich nicht gerade auf Langwanderung befindet, ist präsent bei jeder Schiffsankunft, wenigstens den abendlichen.
Genauestens werden alle Ankommenden gemustert, wird das Gedächtnis bemüht, ob man den/die einen/eine nicht schon kennt, von früher. Die eingeschworene deutschsprachige Fangemeinde mit österreichischem Übergewicht hofft auf Komplettierung, ist meist schon informiert, wer von den alten Hasen eintreffen wird. Den hier urlaubenden Platzhirschen entgeht nichts, ach ja den Platzhirschen, in EINEM Fall ein eher unangenehmes Phänomen für mich.

Vielleicht mag er mich deshalb nicht, weil ich gleich abgezogen bin hin zum Strand, über diesen gestapft und hinaufgelaufen auf den Hügel zu meiner nicht vorgebuchten Unterkunft, irgendwie ignorant, zu geschwind jedenfalls, mit zu viel Selbstsicherheit, während andere träge herumstandeln und nette Leute wie Loni noch ihr Werbeschildchen schwingen, auf neue Pensionsgäste für ihre Studios hoffend.
Doch ich hatte gut daran getan, mich zu beeilen, denn zu meinem Erstaunen ist die Unterkunft von Chrístos sehr gut gefüllt, und ich krieg mein Zimmer nur, weil soeben ein Paar abreist, auf dem Schiff, mit dem ich gekommen bin. Sofía, die Mutter, freut sich mit mir, denn sie erinnert sich an mich.
Dann kommt Chrístos mit seinem Fahrzeug an, und als ich sein auffallendes T–Shirt mit dem Namenszug sehe, kommt es mir, dass ich DEN Typen doch schon an Bord von Naxos her mitbekommen, nur nicht mehr erkannt habe, weil er mir so jung vorkam – wie peinlich! Er lacht nur.
So extrabillig wie letztes Jahr krieg ich meinen hübschen Room allerdings nicht mehr, da hat die Inflation und die irre Preissteigerung in Elládha gegengewirkt.
Dafür hab ich heuer nette Mitbewohner aus aller Herren Länder um mich – mit einer ausgeprägten australischen Fraktion (!). "Strája" hier auf so einer kleinen Insel? Wowwowwow!
Letztes Jahr war ich fast alleine in der Pension, bis auf einige einquartierte Bauarbeiter und ein einziges Touristenpaar. So ändern sich die Zeiten.

Ich denke gerade nach über guten Rotwein. (???) Ah, jetzt beginnt wieder die Phase, wo er spinnt!
Fasoli Gino. La Corte del Pozzo. Valpolicella. DOC 2004. Colognola ai Colli. Vino ottenuto con uve di agricoltura biologica. Die 12 Euro haben sich wirklich gelohnt! Dagegen kann der Spätburgunder aus dem Sommerhäuser Ölspiel, Frankenland am Main, einfach nicht bestehen – er geht kläglich unter. Gegen die Weichheit und sogar Beerenhaftigkeit dieses Norditalieners hat er nur eine fast metallische Härte zu bieten, eine Stumpfheit – nein: in Franken ist man generell mit den Weißen besser dran – bis auf ein par weltprämierte, superteuere Ausnahmen, mainaufwärts.

Also, Wein hat Donoússa nicht gerade im Überfluss zu bieten, vielleicht ein paar Litergefäße im engeren Familienkreis, O.K., aber wohl keine Berühmtheiten. Man sehnt Kreta oder Naxos oder auch Attika herbei. Und kein eigenes Brot – außer von Ende Mai bis vielleicht September. Musik kommt hier auch nur selten vor – aaah: "Eine Hochburg der Nissiótika–Musik" – vergesst es!:
unreflektiertes Reiseführergeschwätz. Spotmäßig, mag sein, zu ganz bestimmten Gelegenheiten und hohen Feiertagen. Aber wart Ihr schon mal auf Kárpathos, im Norden? Da wird einem nicht selten täglich Musik gespielt, weil sie für viele noch zum Leben dazugehört wie die riesigen selbstgebackenen Brotlaibe, auf alten Instrumenten, die für manches Ohr unerträglich klingen – nicht auf der (modernen Variante der) Blockflöte und der Ziehharmonika, nicht, auf griechische Verhältnisse übertragen, auf der Bouzoúki – wie z. B., als Touristenfang, in Pétra auf Lesbos. Nein, hier gibt es, von meiner Mai–Erfahrung her zu urteilen, in der Regel gar keine musikalischen Auftritte. Aber es ist eine ehrliche Insel, ohne Schnickschnack, und das gefällt mir, und ich wollte die Insel auch gar nicht schlechtmachen, nur ein paar Mankos erwähnen.

Klar, was sich hier im Juli und August abspielt, das kann ich nicht beurteilen. Da mag alles ausgebucht sein – ah, und plötzlich gibt es noch ganz viele Unterkunftsalternativen zu den (oder eher: der) im Web bevorzugten. Endlich haben all die anderen auch ihre Chance. (Ja: in Diafáni, Kárpathos, gibt's auch so manchen bedeutend Ärmeren als den Níkos O.!)

Jetzt aber gibt es überhaupt kein Problem mit Zimmern, sogar Loni Skopelítis hat noch was frei. Und wer seinen Balkon als Aussichtsplätzchen verstanden haben will, der hat eine reichliche Auswahl. Ich kann mich ja auch nicht beklagen, es ginge zwar noch höher oben , aber wenn ich abends draußen sitze unter der Sonnenschutzüberdachung, reicht mir schon mal das große Naxos vor mir, und ginge ich die paar Schritte vor zur Taverne von Chrístos (Iliovasílema), die leider wieder erst gegen Ende meines Aufenthalts für die Saison fit gemacht wird, wäre alles geboten, nicht nur die Ostansicht der Großinsel: die ganze Abfolge: Epáno Koufoníssi, daneben und hintereinandergestaffelt: Kéros, Schinoússa und Irakliá. Und als Zugabe ein großes Stück Amorgós, weiter südlich.

Zu Abend gegessen hab ich erst einmal bei Nikíta, mich fast gewundert, dass sie so Köstliches anbieten, jeden Abend eigentlich. Vorher auf der höheren Terrasse etwas zugehört, da mischen sich die Einheimischen, während wir Touris normalerweise unten Platz nehmen, immer noch oberhalb der kleinen Hafenstraße. Wenn man drei Jahre hintereinander wiederkehrt, kennt man bereits alle Gesichter, denke ich. Ein Vorteil der ganz kleinen Inseln, und insbesondere ihrer Haupt– und Hafenorte, wo sich das ganze Geschehen bündelt. Kreta zu erkunden, das dauert Jahrzehnte, ganz was anderes. Nicht schwierig also, sich auf einer kleinen Ostkyklade nach Kurzem als "Inselkenner" zu outen – es ist dasselbe wie mit Kastelórizo. Wenn ich böse wäre, würde ich sagen: im Web geht das besonders leicht, vor allem, wenn man noch 50 oder 100 Fotos dazustellt, wegen dem Aaaaah!–Effekt.

Zu Abend zu essen, das ist genauso schön in der anderen der beiden zu meiner Reisezeit geöffneten Tavernen: Dem Aposperítis eines anderen Skopelítis, seine Frau kocht exzellent. Einmal kann ich nicht umhin, nach dem Bezahlen reinzugehen und der Wirtin ein Kompliment zu machen, das sie recht barsch und überbescheiden abweist. Nur schade, dass sie den Innenhof ihres Restaurants so modernisiert haben, da finde ich es in der Hafenkneipe doch viel gemütlicher.

An den Morgenden sieht es noch kärglicher aus, bis gegen Ende Mai, auf Donoússa. Da hat ausschließlich Nikítas geöffnet, das Aposperítis macht höchstens mittags auf – immerhin hat mir die Hausherrin einen Nes kredenzt, ausnahmsweise, als sie einmal früher anwesend war.
Ja, eine ungewohnte Situation, im Vergleich. Da erscheint Megísti, Kastelórizo beispielsweise geradezu städtisch, was das Café- und Essensangebot anbelangt, richtig etwas für Anspruchsvolle, für Verwöhnte ohne große Abenteuerlust, die stets eine reichliche Auswahl vorfinden möchten, darunter auch Lokale ihrer ausländischen Landsleute.
Hier dagegen hat der gottverdammte Bäcker wieder nicht auf, öffnet möglicherweise Ende Mai. Und neben der Zufallssammlung an Lebensmitteln bei Nikítas gibt es nur noch den anderen Laden hinten, den von der ganz üppig ausgestatteten jungen Frau mit ihrer superdünnen Mutter oder Verwandten, mit einem etwas reichhaltigerem Angebot, aber was ist das schon gegen all die gewohnten Mini- oder gar Supermarkets in belebteren Gegenden von Elládha? – nichts! Und doch was ganz Schönes, irgendwie. Hier ist tatsächlich alles noch ziemlich anders, bescheidener. Was für Einkaufserfahrungen man doch machen kann! Nichts mehr übrig – keine Seltenheit.

Das Brot kommt morgens aus Katápola (Amorgoú), abends aus Náxos – dreimal die Woche. Nach Ankunft der Abend–Skopelítis tut man gut daran, sich mit den begehrten Früchten einzudecken, denn tags darauf gibt es oft keine Orangen etc. mehr. Ich hab mir eingebildet, das Brot von Amorgós sei besser als die Naxos–Alternative.
Ob das wohl im Juli–August anders ist, mit der Lebensmittelversorgung, wenn alles voller Italiener und Griechen ist? Aber irgendwie feige, oder besser gesagt: verwöhnt–bequem, ist es schon von einigen Stammgästen, erst ab Juni auf der Bildfläche zu erscheinen, wenn etwa die Inselbäckerei bereits ihre Spezialitäten anbietet und weitere drei Tavernen zur Verfügung stehen. In ihrer Studio–Küche bei Loni oder sonstwo könnten sie doch auch schon im April ihre eigenen leckeren Gerichte zaubern – nicht? Müssten nicht hinschmachten auf den extraheißen Sommer und würden ihre Insel noch viel ursprünglicher erleben, eben mit weniger Komfort als in der zeitlich eng begrenzten Hochsaison, der Ausnahmesituation – bäckermäßig betrachtet. Aber ein Bäcker, Tiró–, Spanakó–, Milópita, das würde mir doch gefallen, ich geb's zu. Unter anderem deshalb hab ich früher Mírtos so gemocht (το Μύρτος, Neutrum), den kleinen Ort an der östlichen Südküste Kretas – mit der extrafeinen Milópita von der kleinen Bäckerei.

Kleine Genüsse machen das Leben erst lebenswert, nicht nur for us human beings, nicht nur für mankind [män'kaind], die gloriose, unfehlbare Menschheit. Für eine typische Sparsocke vielleicht UNDENKBAR: Ganz schön viel Geld geht drauf für unsere Zeitgenossen, die Viecherln (alias: "Diere", ostmitteleuropäisch), wenn man ihnen auch einmal ein Festmahl von einer knappen Woche Dauer bieten will. SOLL auch draufgehen.
Hierzu (, zu diesem Behufe, in the oldspeak) eignet sich Lebensmittelgeschäft Nr. 2 hinten im Dorf ganz gut, ich hab es regelmäßig aufgesucht, um mich mit dreierlei Sorten Wurst und mindestens zweierlei Dosensardinen auszustatten (die dritte Variante entpuppte sich als zu scharf gewürzt), mit denen ich Tag für Tag (mehrmals täglich) die vor meinem Zimmer wartende Menge versorgte. Die fordernde, die ungeduldige Menge, die einen teils umschmeichelt, teils schockiert, wenn man genauer hinsieht und die Hinkenden, die Räudigen erkennt, den Arthritisgeplagten, die Müllfresser.
Nur gut, dass die flugunfähige Möwe unten beim kleinen Nebenanleger am südlichen Ende des feinsandigen und sauberen Ortsstrandes von Fischern ganz gut versorgt wird – sie würde ansonsten nicht lange überleben.

Müll gab es genug. Er stapelte sich in und am Boden neben wohl seit Wochen überfüllten Containern, ganz auffallend am Südende der Hafenbucht. Das war zu meiner Anwesenheit ein Schwachpunkt des Inselhauptortes: der Müll blieb eben liegen – zumindest produzieren sie auf diese träge Weise nicht jeden Tag aufs Neue Dioxine! Und wohin auch damit? Nur auf die Müllkippe? Man müsste eine große Grube ausheben, will man die Verbrennung vermeiden, dann eine neue, und noch eine ... Doch insgesamt stellt das "Müllproblem" keine total spektakuläre, stets ins Auge springende Dauerbelästigung à la Napoli dar, wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, dass hier eben nur sporadisch geleert wird.

Schon bei diesem meinem zweiten Besuch erkenne ich Wiederkehrer – im Vergleich zu mir ist das eine englische Paar eher unter "notorische, inselbekannte Dauerwiederholer" einzuordnen. Der männliche Part, schon tief gebräunt, schwimmt bevorzugt in der Hafenbucht, weit hinaus, und es spricht nichts dagegen, so sauber wirken Wasser und Strand.
Dann fällt mir noch das eine (von zweien) ältere deutsche Paar auf, ein sehr reiselustiges, speziell in der Ägäis, mit dem ich öfter ins Gespräch komme, vorzugsweise bei Nikíta. Zwei sehr GR–Erfahrene aus nördlichen Gefilden, die unbedingt, nach einem Zwischenstopp auf Koufoníssi, nach Ikaría weiterwollen – und wir diskutieren darüber, ob das besser über Náxos oder doch über Míkonos ginge. Wird jedenfalls etwas umständlich, aber sie haben ja 6 Wochen Zeit. Einstweilen genießen sie ihre hohe Warte in einer der höchstgelegenen Ortspensionen des Neubauviertels von (Ájios) Stavrós.

Eine Unterhaltung mit Loni, als sie gerade Gartenarbeit verrichtet und ich zum Lebensmittelgeschäft Nr. 2 unterwegs bin. Ich grüße sie von einem Braunschweiger, den ich soeben mit seiner Freundin in Diafáni Karpáthou kennengelernt hatte. Er war vor ein paar Jährchen hier bei Loni auf Tanzkurs, was ihm prima gefallen hat – und sie erinnert sich daran, dass er damals mit einer anderen Frau als der von mir beschriebenen Kárpathos–Begleiterin anreiste. Loni ist wirklich in Ordnung, und auch noch tolerant gegen Leute wie mich, die eher eine Aussichtslage als ein Gartenparadies bevorzugen. Sie ist sich der Vor– und Nachteile beider Lagen wohl bewusst.


Endlich einmal nach Mersíni

Was ich letztes Jahr wegen der Kürze meiner Anwesenheit nicht geschafft habe, nehme ich als Erstes in Angriff.
Die Engländer hatten mir so von der üppig strömenden Quelle vorgeschwärmt: das muss ich mir mal ansehen, so viele Sehenswürdigkeiten gibt es ja nicht auf Donoússa.

Erklimme also auf steil ansteigender Straße den Hang vom Sandstrand in Stavrós bis zur breiten, so ruhigen und unbefahrenen, den Hafenort nördlich in gebührendem Abstand umgehenden "Überlandstraße". Noch etwas höher läge die hübsche zweischiffige Kapelle der Panagía (Panajá), der ideale, lohnende Ausflug für absolut Fußlahme, die es nicht weiter schaffen als bis zur hübschen Kykladenkirchlein mit dem einfachen Türmchen zwischen den beiden Tonnengewölben.
Man nimmt die Teerstraße in östlicher Richtung, könnte bald auf eine erdige Fläche ausweichen, an deren Ende der Abstieg zur Ké(n)dros–Bucht beginnt, kann aber auch die bequeme Straße weitergehen und von oben in die hübsche Bucht mit den drei bis fünf braunen Leibern runtergucken, bevor man sie hinten umgeht, den hier abzweigenden Fahrweg zur Taverne passiert.
Gleich steigt die Straße wieder an, man erfreut sich, auf der Höhe angelangt, an Einblicken in Minibuchten mit Winzstränden, erkennt auch schon die "Untere Mühle" (Káto Mílos) auf einem kleinen Kap (headland) zum Meer hin. Diese Südküste gefällt mir, die hat was, was mir liegt.

Ein scharfer Knick nach Nord, zur Rechten ein eingekerbtes Tal zur Küste hin, ein abzweigender Feldweg, links zeigt sich bald der Weiler Messariá, ein recht leblos wirkender Ort, zu dem man ein wenig hochsteigen müsste – álli forá, wenn ich mal alles andere abgeklappert haben werde, in kommenden Jahren. Ich gehe weiter, und schon öffnet sich nach Ost hin ein Becken, an dessen Südseite sich Felder ausbreiten, jenseits des straßenparallel verlaufenden alten Maultierpfades.
Nun hat man keinen Blick mehr zur Küste, sieht dafür südlich als ziemlich ramponierte Landmarke die "Obere Mühle" (Páno Mílos) auf einem Hügel thronen. In einer nordwärts eingekerbten Talung ließe es sich bestimmt auch wandern, hochwandern irgendwohin zu den oder zwischen die höheren Gipfel.
Immer der Straße nach. Die sich hochtürmenden Felsen deuten auf einen hinter ihnen verborgenen Ort hin, oben sitzt eine Art kleiner Turm, vielleicht ein Wasserturm oder was Ähnliches.
Ein kurzer Einblick durch eine Lücke zwischen zwei Hügeln hinunter zu einem herrlichen Strand mit weißem Sand, es ist wohl der von Livádhi, bietet sich sogar von der Straße aus – verlockend, das reizt mich!

Es geht wieder bergauf, aber vor dem steileren Anstieg zweigt die Zufahrtsstraße nach Mersíni ab, zwei Wirtshausschilder machen auf sich aufmerksam, trotz der Überwucherung des einen durch Pflanzen.
Ich nähere mich der hübsch über dem Meer neben dem Ortsfriedhof gelegenen Kapelle der Heiligen Sofía mit ihrem hellblau gestrichenen Dach und dem Fernblick auf alle möglichen Inselchen und natürlich auf Náxos. Beinahe wäre ich bis hinter gelaufen, zum Friedhof, doch die links hinaufführende Betonpiste scheint mir der nächste Weg ins Dörfchen – ja! Nur ein paar Meter sind es, bis das erste Haus von Mersíni dasteht.
Der staubige Weg dreht Richtung Ortszentrum, aber es ist ein kleiner Ort, einige Häuser, ihre Vorgärten wirken sehr einfach, eines oder zwei geradezu archaisch, mit all ihrem Drumherum, dem gesammelten Brennholz, dem Staub und Ruß und dem Touch von leichter Verkommenheit.
Sehr schön die sanft den Hang hinabfallende Lage des Weilers, weiter unten wird es deutlich steiler. Links des "Dorfplatzes" die (eigentlich: das) neue Ouzéri, die ich nicht aufsuche. Man möchte es nicht glauben: so ein Kaff, und gleich zwei (geöffnete!) Gaststätten, aber der Bäcker im Hauptort hat noch zu! Nach rechts, also West hin stiefle ich weiter. Gegenüber einem Haus mit viel frischer, zum Trocknen aufgehängter Wäsche auf dem Vorplatz sichte ich die leicht erhöhte Terrasse des zweiten, sehr freundlich wirkenden Lokals am Platz, das ich später besuchen werde. Wie es heißt? – Sch...egal, in einem gottverlassenen Ort wie diesem! Hauptsache, es IST.

Nach wenigen Metern windet sich eine Piste bergab, ich zweige links ab, auf den buschigen, wäldchenartigen Fleck dort unten zu. Ein ausgewachsener Esel schaut mich mit melancholischen Augen an, weicht zurück.
Nach wenigen Minuten hab ich den Quellort erreicht, eine riesige, weit ausladende Platane überschattet ihn. Drumherum niedriges weißes Gemäuer, man tritt durch eine Pforte ein, sieht gleich das schmale Wasserbecken vor sich, darin etwa fünf oder sechs Prachtexemplare von Goldfischen beachtlicher Größe – ob sie heute wohl noch alle am Leben sind? Die allzeit hungrigen Katzen, zum Beispiel ... .
Gleich anschließend, hangabwärts, breitet sich Gebüsch aus, durch das ein Pfad zu kleinen Feldterrassen, eher großen Beeten, führt, die alle durch das Rinnsal gespeist werden, das sich vom Wasserbecken aus dort hinunter ergießt.
Ein zweifelsohne beschaulicher Ort. Aber auch ein typisch griechisches Provisorium: Göttlich, wie sie die aus dem Felsen sprudelnde Quelle eingefasst haben, mit einer museumsreifen Makeshift–Konstruktion, die auch eine alte Konservendose oder Wasserflasche beinhaltet, ich weiß es nicht mehr im Detail. Jedenfalls zum Kaputtlachen, aber mit viel Sinn fürs Nützliche bearbeitet, bis es schließlich taugte.
Setze mich aufs Mäuerchen und lausche dem Quell und betrachte ein Weilchen.

Steig dann zurück in den Ort hinauf und begebe mich in das Lokal zu meiner Linken.
Eine saubere Terrasse, mit Tüchern als Windschutz, aber freiem Blick nach Süd. Man ist wirklich überwältigt, wenn man das zum ersten Mal so sieht, dieses lang hingebreitete Amorgós gleich gegenüber, sein nördlicher Teil besonders nah, ein Blick, der nichts zu wünschen übrig lässt.
Gleich macht es sich ein Hund auf der Mauer vor meinen Füßen bequem, leistet mir Gesellschaft. Ich hab eine Kleinigkeit bestellt, Salat und Würste mit Kartoffeln, dazu Cola und Bier. Der Hund ist gar nicht so scharf auf die Wurst – ein schlechtes Zeichen? –, na ja: bei DER Hitze. Es sollte eine schöne Stange Geld kosten, alles zusammen, aber das Erlebnis war es wert.
Ein Erlebnis ist auch die Wirtin, die hübsche und vor allem nette Evangelía, deren italienischer Freund sie ständig beschattet. es ist wohl er, der die kunsthandwerklichen Gegenstände anfertigt, die einen seitlichen Hauseingang zieren. Er spricht zwar kein Griechisch, aber es geht auch auf Englisch, und er ist sehr zuvorkommend, reicht mir unaufgefordert ein Trumm von Fernglas, das mich in meiner Annahme bestätigt, dass da drüben ein Teil von Tholária im Mittagslicht gleißt, und weiter rechts auch die südlichen Ausläufer von Áno Potamós. Astipálea sei aber nicht erkennbar, meint mein Gönner, es sei durch Amorgós verdeckt. Der große Fels da hinten im Meer sei eine unbedeutende, namenlose Insel (– war wohl Kínaros).

Bald gesellen sich noch zwei Hausnachbarn am Nebentisch dazu, und die Eltern von Evangelía, und man lässt sich ein paar Snacks auftischen, viel ist ja nicht im Angebot, würde sich im Mai auch nicht lohnen.
Ich erfahre alle möglichen Abkürzungen und Koseformen von "Evangelía" und bleibe letztendlich bei "Lía", weil es am unkompliziertesten klingt. Lias Kneipe war auch die ERSTE am Platz, erst ein gutes Jahr darauf eröffnete der Konkurrent, wie mir die junge Wirtin versichert.
Als ich bezahlt habe und aufbrechen will, bietet mir Lias Vater an, mich im Auto nach Stavró mitzunehmen, etwas Geduld vorausgesetzt. Beide Eltern bedanken sich überschwänglich für meinen Besuch in der Gaststätte ihrer Tochter. Die Mutter äußert ihr Erstaunen darüber, wie grün doch noch manche Flecken abseits der Straße seien, spricht mir aus dem Herzen.
Von nun an sollte ich auf Nikítas oberer Terrasse auch regelmäßig Lias Vater wiedererkennen, und ab und zu auch sie selbst.


Rundummadum: Eine Inselumrundung

Zur Kéndros–Bucht, von der manche munkeln, dass sie eher eine Kédhros–Bucht sei, eine mit Zedern (vielleicht gehen sie dabei nur von der Aussprache "Ké(n)dros" aus, der eine spricht das "n" mit, der andere eben nicht, aber wer weiß ...), der schönen, sandigen, zieht es mich gar nicht so mächtig hin. Zwar bietet sie Badegelegenheit vom Feinsten, wenn auch schattenlos, dazu noch eine neu wirkende Taverne, in der man auch tatsächlich bekocht wird – aber eben die ist mir zu neu und das Sonnenbraten liegt mir überhaupt nicht, im Gegensatz zu den meisten anderen, gerade hier an diesem immer noch ortsnahen Strand anwesenden Touristen.
Lustig, als ich da mal runtersteige auf dem Pfad, der von der Straße hoch darüber abzweigt. Unweit der Taverne, gleich neben dem Zufahrtsfeldweg, ein eingezäuntes Grundstück mit einigen Bäumen, darunter ein Zelt. Als ich anhalte und hingucke, taucht ein tief Gebräunter aus dem Zelthintergrund auf, der mich mit einem Schafsblick anstarrt (– häääää???) und nicht mit sich reden lässt, trotz freundlicher Anrede meinerseits – vom Verhalten her ein weiterer, wohl deutsch(sprachig)er Platzhirsch, aber er könnte vielleicht auch noch Franzose oder Italiener sein, dem Aussehen nach.
Das als Nebenbemerkung, denn meine Inselumrundung beginnt, wie es sich gehört, ganz woanders.

Im Gegensatz zum vorjährigen Mai gehe ich nicht den Weg gleich unterhalb der Kirche nach Nord hin aus dem Dorf hinaus Richtung Umgehungsstraße, sondern nehme eine Parallelstrecke, einen Hohlweg zwischen Weinreben und anderem Grün, der unterhalb des örtlichen Fußballplatzes (mit Kunstrasen!) endet und ein paar Meter Hochsteigens über eine Böschung erfordert.
Gegenüber der Teerstraße beginnt gleich der Feldweg in Blickrichtung rechts über einer lang gezogenen kleinen Erosionsschlucht, der gemächlich höhersteigt, entlang der Westflanke des Kapsála–Hügels.
Ich stelle mich auf gut zweieinhalb Stunden Wanderzeit zum entlegenen Örtchen Kalotarítissa ein, informiert durch andere. Es sollte viel kürzer dauern.

Obwohl mir eine schräg nach oben abzweigende, recht zerrachelte, steinige breitere Piste auffällt, gehe ich erst einmal den besseren Feldweg weiter bis zu seinem (nahen) Ende, das sich unweit hinter einem abgestellten Baufahrzeug in der Form einer Steinschutthalde abzeichnet. Die etwa 300 m zurück schaffe ich gerade noch. Also den schlechten, breiten Pfad hinauf weiter, er wirkt eher wie ein Versuch, hier eine Fahrpiste anzulegen, die irgendwann wieder aufgegeben wurde, da jeder Automobilist die inzwischen fertig ausgebaute Teerstraße auf der anderen Inselseite benutzt.

Die erst später erworbene neue Inselkarte verzeichnet in der Gegend eines von zwei alten, inzwischen aufgegebenen Bergwerken.
Immer höher zieht sich der Weg, bis das vergleichsweise flache westliche Páppas–Vorland erreicht ist, wo Trampelpfade die weit auskurvende Erosionspiste ganz beträchtlich abkürzen.
Nach wenigen Minuten mäßigen Aufstiegs ist das Ende der Piste erreicht, der Planierraupenvorschub erfordert eine kleine Kletterpartie hinunter auf den weiterführenden Wanderpfad – aber bitte bloß nicht in die Talkerbung hinein, sondern geradeaus weiter, dicht am Höhenkamm über der Küste entlang.

Was nun folgt, ist einfach die pure Herrlichkeit. So klein Donoússa auch sein mag, so schön ist es seine Küsten entlang gegliedert (– nicht unbedingt an seiner mittleren und südlichen Ostseite). Und die Nord– und Nordwestecke stellen noch einmal etwas Besonderes dar, eine fast verwegene Eins–A–Herrlichkeit der Ausnahmeklasse.
Gut, zuerst findet man die Aussicht das Tal hinunter auf Kalotarítissa hübsch, über die Bucht zur massigen Halbinsel Várdia und der recht großen Nebeninsel Skouloníssi.
Als Nächstes ist man vielleicht entzückt über den wirklich schönen Pfad, der da oben entlangführt, scheinbar endlos, auf dieser großartigen Höhe mit dem Wahnsinnstiefblick.
Dann kommt man zu der Stelle mit den weißlichen, etwas pulverisierten, rundlich abgewaschenen Felsen links, man verlässt den Weg, steigt die wenigen Schritte hinauf zu einem idealen Aussichtspunkt und ist letztendlich vollends überwältigt.
Steilabfälle, felsige Strände, küstennahe Inselflecken im Meer, im Westen der Riesenhaken der Xilobátis–Halbinsel mit ihren Höhlen, jenseits von ihr Náxos, nordöstlich gegenüber gleich der gewaltige Riegel von Ikaría, vorüberziehende Jachten, kleine Boote, und und und. Er hat sich gelohnt, der Spaziergang! Man möchte das Erleben an diesem Fleck einfrieren, um es unbeschadet mit sich zu nehmen bis zur nächsten Wiederkehr. Hat man das hier gesehen, wundert man sich über so manches mickrige Hintergrundbild diverser Websites über Griechenland.

Bald nach dem Aussichtspunkt geht es ostwärts den Hang hinunter auf einem sich dahinwindenden, mit abnehmender Höhenlage immer undeutlicher werdenden steinigen Pfad. Ist kein Problem, denn die Siedlung liegt direkt im Blickfeld, und irgendwie kommt man immer ganz einfach runter.

Als ich zwischen einer Hühnerschar in das verlassen wirkende Dorf eintrete, ist mir bewusst, dass ich höchstens anderthalb Stunden gewandert bin, so far. Ein größerer Spaziergang, sozusagen, und eine gewaltige Abkürzung im Vergleich zur Teerstraße – und natürlich viel schöner als das Gehen auf Asphalt.
Mag sein, dass ich Glück hatte, aber ich hab das alte Paar, das hier noch lebt, tatsächlich im Vorübergehen im schmalen Vorgarten seines Häuschens arbeiten sehen, die Frau trug einen Hut und war mit einem Tuch zusätzlich eingehüllt. Es handelt sich hierbei übrigens um die Eltern einer allbekannten Inselwirtin. Hab die Leute aber nicht angesprochen, denn ich wollte weiter und hatte einfach kein Bedürfnis, ein paar Worte zu wechseln.
Vorbei an der hübsch anzusehenden kleinen Ortskirche.

Die nördlichen Berge wirken, trotz ihrer relativ geringen Höhe, imposant. Südlich des Örtchens steigt das Land ebenfalls an, Richtung Páppas–Gipfel, sagenhafte 383 m über dem Meeresspiegel, zweithöchster "Inselberg", denn der Óros Várdia, weiter südöstlich, ist laut Inselkarte noch 2 m höher. Diese Höhenangaben hören sich bescheiden an, aber das Relief Donoússas wirkt insgesamt dennoch gebirgig.

Aus dem Ort hinaus, ich steuere auf den Strand zu, den (eigentlich "die") Méssa Ámmos, zu dem (der) man an einer Stelle runtersteigen kann, Höhlen spenden in seinem (ihrem) Hintergrund etwas Schatten, ein paar Fischerutensilien sind auszumachen, und hüttenartige Verschläge.

Mein Ziel ist der aus der Ferne paradiesisch anzusehende Tripití–Sandstrand, der mir bereits aus größerer Höhe entgegenstrahlte. Er liegt genau gegenüber von Kalotarítissa, an einer Einbuchtung der massigen Várdhia–Halbinsel, die sich nach Ost hin erstreckt und zusammen mit dem weiter westlich situierten Kap Kaví den nördlichen Abschluss der Insel bildet.
Man sucht sich zwei Minuten lang einen Aufstieg vom Nordende des Ortsstrandes aus auf einen von zwei parallel laufenden Pfaden, die beide in etwa 12 Minuten zu der Badeidylle führen. In einiger Entfernung dümpelt eine mittelgroße Segeljacht in der Bucht von Sapounóchoma (der Bucht der "Seifenerde"), und vielleicht war es die an Bord befindliche Männerclique, die das von mir gesuchte Teil entwendet hat, als Souvenir.
Die deutsche Frau des jüngeren australischen Paares von meiner Unterkunft hatte mich gebeten, ein zurückgelassenes Bikini–Top aufzuspüren und ihr wiederzubringen.
Ein Kinderspiel, hatte ich gedacht, doch es entwickelte sich zur Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Mit was man sich als Touri so alles herumplagen kann, nicht? Ein wahres Großereignis, auf einer Insel, wo ansonsten nicht viel geschieht: à la recherche du bikini perdu! Keine verlorene Zeit, sondern spannend.

Alles abgegrast, jeden Quadratmeter, jeden Busch, die seitlichen kleinen Höhlen abgesucht (nicht jedoch die riesige Tripití–Höhle irgendwo steil unter mir in den Klippen), die Einkerbung ins Hinterland mit dem angeschwemmten, angewehten Unrat, raufgestiegen und weiter oben weitergefahndet, ein Stück hintergewandert (aus Neugier) bis gegenüber der Insel Skouloníssi, die Gegend richtig kennengelernt, aber: kein vom Wind verwehtes Bikini–Top gefunden. Schöner Strand, aber zu heiß zum Baden (haha!).

Zurück ans Ostende von Kalotarítissa, die Teerstraße macht hier eine große Kurve, die ich ausgehe, bis sich das Asphaltband schließlich südwärts erstreckt. Die Anhöhe, die ich zu erklimmen habe, wirkt imposant, ist aber schneller erreicht, als man denkt.
Bis zum Kleinort Mersíni bleibt es nun ein mehr oder weniger permanenter Anstieg, der einen zum Dauerschwitzer macht. Dennoch genieße ich den Schrägblick sowohl auf den Páppas als später auf den Vard(h)iá, die Küste unter mir wirkt von der Straße aus weniger reizvoll (aus der Nähe ist das vielleicht ganz anders), wenn man nicht gerade zurückblickt in den Norden. Ein Feldweg, später ein Wanderpfad, dort unten.
Ich keuche die Serpentinen hoch, freu mich über die kleinen Windstöße, wenn man wieder ein Stückchen weiter oben ist, heraus aus dem Windschatten eines Kerbtales. Nicht EIN Auto sehe ich, die ganze Zeit über. Die breite Teerpiste hat sich nicht sonderlich rentiert, aber sie sei den Insulanern gegönnt, und sie kommen wohl eher morgens und abends, als zur heißesten Tageszeit.

Vor Mersíni höre ich Stimmen aus einem Grundstück mit Wohnhaus unterhalb der Straße zu mir heraufdringen. Ein mir bereits bekanntes Gesicht ist zu Besuch. Habe soeben erste Feld- und Weideflächen passiert.
Den ersten, willkommenen Schatten finde ich direkt oberhalb der Ortschaft. Ich nehme auf einem Stein dicht an der Wand eines Wasserspeichers Platz und ruhe mich aus, trinke etwas.

Nun geht es erst einmal ein Weilchen bergab. Am Abzweig zur unteren Straßenzufahrt Richtung Mersíni weisen zwei Schilder, das eine von Pflanzen fast zugewuchert, auf die beiden Kafenío–Tavernchen hin, die neuere eher ein Ouzéri ("I Kóri tou Micháli"), die etwas ältere das nette Lokal der jungen Evangelía. Da geh ich aber heute nicht rein, in diese Ortschaft. Nun kommen linker Hand größere Feldflächen, gleich unterhalb der Straße zieht sich der alte Eselspfad entlang. Ein Straßenknick, es geht wieder etwas bergauf, bald stiefle ich an den paar Häusern des Weilers Messariá vorüber (hier gibt es wirklich KEIN Kafenío). Schon stehe ich über der Ké(n)dros–Bucht, steige hinab und wieder hinauf, alles auf der Teerstraße. Nicht länger als 2 Stunden hat es gedauert, von Kalotarítissa aus bis zum Hafenort, auf dieser breiten, sehr gut ausgebauten Asphaltpiste.


Wanderung auf die Xilobátis–Halbinsel

Mit am geheimnisvollsten erscheint mir der relativ hafennahe Inselnordwesten, in den sich gar nicht viele hier Urlaubende zu verirren scheinen. Vielleicht, weil dort die Müllkippe liegt, am Ende des gut ausgebauten Feldweges. Und so etwas stellt eine nicht zu unterschätzende psychologische Barriere dar.

Erst am späten Vormittag breche ich auf, verlasse das Dorf in nördlicher Richtung, überquere die Inselstraße, biege nach Nordwest in den breiten Feldweg ein, dessen guter Zustand sich aus der Notwendigkeit der Müllentsorgung erklärt.
Das Haus mit dem Mühlenturm liegt nicht weit, ich ziehe nach links vorbei, und etwa 150 m unterhalb des Weges erscheint bald ein weiteres Haus, das vielleicht einem zugezogenen Ausländer gehört.

Nach weniger als einem Kilometer ist das Wandern auf bequemer Piste schon zu Ende, die große, notdürftig eingezäunte Müllkippe breitet sich vor mir aus. Man muss sich entscheiden, wie man sie umgeht, ich nehm die rechte Seite, und siehe da, irgendwelche Trampelfpade zeichnen sich immer ab.
Bereits in geringer Entfernung von dem unseligen Depot menschlicher Konsumüberreste kommt in mir große Begeisterung auf, denn gerade diese Inselgegend ist ausnehmend schön, hat einen ganz ausgeprägten Eigencharakter. Umso schlimmer, ihren Zugang zum Ort der Verrottung und des Verfalls erwählt zu haben. Doch die Hürde ist bald überwunden, und wie gesagt ......

Eine kleine Barriere ist es schon, denn eine Geländestufe muss erklommen werden, auf weißlichem Felsgestein, zwischen ganz niedrigem Buschwerk hindurch, laufend entdeckt man neue Ziegenpfade – nur die Ziegen fehlen, und sie fehlen mir sehr, die zottigen Herumstreuner. Ich halte mich halb rechts, erklimme schnell die erste Höhe, wende mich der nahen Ostseite der Halbinsel zu, irgendwie schon im Wander– und Entdeckerglück. Hier bin ich vollkommen allein. Kleine Freuden, große Freuden – man wundert sich, was so ein Inselzwerg landschaftlich alles zu bieten hat. Nun wird mir endgültig klar, warum manche Aficionados so an Donoússa hängen, schier verzweifeln an jeder gebotenen Zwischenübernachtung vor ihrem Glücksziel/Zielglück. Ein herrlicher Tag, eine großartige Tour. Nur aufpassen muss man, keinen Fehltritt zu machen, es geht weglos weiter, man sucht sich seine eigene Route, der Wanderstab ist nützlich für den einzigen Menschen weit und breit, heute, zu dieser Stunde.

Zu dieser geliebten Stunde, der willkommenen Zeitgenossin. Der Stunde des ausgedehnten Sehens, des andächtigen Staunens, des bewundernden Verweilens. Es soll ja eine Höhle geben, eine andere "Blaue Grotte", irgendwo im Steilabfall, ich hab mir ihre Lage nicht eingeprägt auf den beiden Inselschautafeln sto Stavró, so suche ich unangestrengt danach, immer noch kartenlos – die Inselkarte werde ich erst später in meinen Händen halten. Einige erfolglose Anläufe, dafür herrliche Schrägblicke in die Tiefe auf eine zerschrundete Steilküste, 90–Grad–Winkel, von der Abbruchkante aus – da bin ich gerade noch schwindelfrei. Wahnsinnsblick auf den einsamen Küstenstrich, den ebenfalls steilen, bis hin zur nördlichen Várd(h)ia–Halbinsel.

Auf meinem Weg hin zur letzten, deutlich höheren Landstufe – aber so wild ist es auch nicht, alles in Maßen, it's a small place, anyway – winde ich mich durch das Niedriggebüsch über spitziges Gestein, immer höher hinauf. Oben angelangt, geh ich um eine Felsnase rum und setze mich in eine Nische, hoch über dem Abgrund zu den Fluten, den anplätschernden bis anbrandenden. Unten kantiges Steinreich am Salzwasser, ein weiter draußen vorüberziehendes Boot, Ikaría wieder im Dunst, Naxos' Ostseite gut überblickbar, aber das Schönste hier ist: "die Wand" (Ο Τοίχος), die sich von meinem Aussichtspunkt aus so gut einsehen lässt.
Jetzt ist es klar, da drüben liegt sie, die Σπηλιά του Τοίχου, die Höhle in der Wand, die Grotte, die ich suchte, eigentlich nur die Tiefste und Schönste in einer Reihe von Gleichgearteten. Blaues Meerwasser ergießt sich in sie hinein, wird in ihr noch blauer.

Ist schon eine Schau, diese Wand, deren Westseite sich zum Meer hin flach abschrägt, eine leicht angerötetes, angeockertes Weiß, je nach Beleuchtung, und ein fantastischer Anblick, diese westliche, sanft abfallende Schräge, schon von der Wurzel, der Basis dieser Halbinsel aus, noch gut vor der Müllkippe. Die NW–Spitze der Insel, das Áspros Kávos, an ihrem äußeren Ende.

Eine Bucht will ich auf dem Rückweg noch inspizieren, an der Westseite, die Límni–Bucht, wo es angeblich einen weiteren Strand geben soll.
Ich erahne ihn, peile ihn an, ein größerer Pfosten ragt mir in der Ferne als Wegweiser entgegen. Was für ein Hinweg, was für ein Abstieg ins flache Land. Spitzes, unwegsames Gestein, durch das man sich etwas mühsam seinen Pfad sucht, in großartiger Stille, göttlicher Ruhe.
Luxusgeschöpf, ich Tourístas, der so etwas genießt, ein Einheimischer kann von solchem Land NICHT leben, muss losziehen in ferne Länder, sich sein täglich Brot zu erarbeiten.

Kurz vor der kleinen angepeilten Bucht namens Límni (See) ist wieder ein Pfad da, es geht erst leicht hoch, dann der Einstieg in ein relativ unattraktives steiniges Halbrund mit schmaler Öffnung zum Meer, deshalb also "See". Eine Art Bootshaus, oben auf der Höhe eine Ruine mit Feigenbaum drin, der "Strand" unten, etwa 10 bis 15 Meter breit, ist eher ein dickes, beim Betreten nachgiebig federndes Polster aus Seegras und angeschwemmtem Naturmaterial: nichts für Badeurlauber! Ein leicht gruseliges Örtchen, wenn man alleine kommt: entlegen, melancholisch, nicht aufbauend, eher etwas desolat.
Ich gehe etwas höher rauf, schon ist der Pfad wieder da, es ist klar, dass er in die "Zivilisation" führen wird. Links der Berghang (eher: Hügelhang), mein Pfad ist echt schön, wunderbar zum Gehen. O Schreck, was raschelt da im Busch!? Die einzige Ziege weit und breit hat mich erschreckt.
Als der Hügel endet, ich fast schon in die Ebene eintrete, in der auch, weiter östlich, die Müllkippe angesiedelt ist, trottet mir auf einmal eine stattliche Wandergruppe entgegen – a hiking party! O echter Schreck!
Dieser Ausruf des Erstaunens, auf Englisch, ist Wasser auf die ablehnenden Mühlen des Platzhirschen, der seine österreichische Gruppe anführt und mich weder eines Blickes noch eines Grußes würdigt, mich bayerischen/bairischen Piefke. Nun, muss man auch mit jedem dahergelaufenen, selbsternannten Wanderführer auf Grußfuß stehn? Naaaa! Beschdimmd neeed.
Dafür wende ich mich an seine Gefolgschaft, die sich mit zunehmender Entfernung zur verschlossenen Spitze gesprächsbereiter gibt. Typisch menschlich, wie in der Firma, gell?
Ob ich denn von den Vögeln angegriffen worden sei? Denen, die möglicherweise auf ihre Gelege aufpassten? Aber nein, dieses Naturphänomen, von dem auch mancheVerlage berichten, etwa von Elafoníssi, Westkreta, hat sich in meinem Erlebenskreis nicht so dramatisch ereignet, und wenn sie auf mich herabgestürzt sind, so haben sie doch noch respektvollen Abstand bewahrt. Leute – da seid ihr einer Gruselstory auf den Leim gegangen, ich durchschaue den Wanderführer und seine Masche.

Nun verliert er sich bald etwas, mein Pfad, man hat die Wahl, über ein Mäuerchen zu steigen, oder erst an ihm entlangzugehen, aber auf die eine oder andere Weise findet man wieder zurück auf den Trampelpfad, der sich nach kurzer Zeit auf den Zufahrtsweg zu dem Haus unterhalb des Feldweges zum Müllplatz hin erstreckt und schließlich schräg in ihn einmündet. Von da an ist es ein Leichtes, in höchstens 10 min nach Ájio Stavró zurückzugelangen. Auf eine Dusche im und eine Rast vor dem Zimmer. Die Stammkatzen sind sofort zur Stelle.


Zu einem Traumstrand, auf teils gefährlichem Pfad

Von den paar wirklich hübschen Stränden der Inselsüdseite, und überhaupt der ganzen Insel, lockt mich einer ganz speziell, nicht nur wegen seiner viel gerühmten Schönheit, sondern auch seiner ausgesprochenen Abseitslage und vergleichsweise schweren Erreichbarkeit – Bootsfahrten im Hochsommer einmal ausgenommen.

Es gäbe eine etwas bequemere Methode, ihn zu erreichen, die ist allerdings auch der längere Weg, erst wieder ein längeres Stück auf der Inselstraße, ab Mersíni dann einen zerbröckelnden breiten Weg hinunter.
Nein, ich hab Lust auf eine Wanderung teils auf kleinem, schmalem Pfad, und ich glaube, die ist nicht ganz so beliebt und bekannt wie der kurze Weg etwa zur Ké(n)dhros–Bucht. Muss ja bestimmt auch nicht sein – baden lässt es sich in Ortsnähe genauso gut.

Zwei Kilometer Teerstraße sind schon nötig, bevor, kurz vor dem Weiler Messariá, ein Feldweg in ein Tälchen hinunterführt, es quert und an dessen Ostflanke wieder bergauf zieht, meerwärts, immer stärker von Pflanzen überwuchert.
Man geht auf eine Hausruine zu, in einigem Abstand ein neueres, weiß gekalktes Häuschen (das Nikíta vom Hafenkafenío gehört). Gleich bei oder hinter der Ruine befindet sich links des Weges der Abzweig eines Trampelpfades, der erst einmal gerade hinterführt, dann sich weiter hochschlängelt.

Dann wird es wieder richtig schön, ein Bilderbuchpfad im Felsgelände über recht steilem Abhang zur Küste, richtig hoch über ihr, tolle Aussicht, alle möglichen Pflänzchen, deretwegen man schon im März oder April auftauchen sollte. Es ist ein relativ kurzes Stück Pfad, vielleicht von 10 min Gehdauer, das ich mir nicht schöner und einladender vorstellen kann, und das mich an so manch andere, den Wanderer wesentlich stärker fordernde Insel erinnert.
Weiter unten zeichnet sich ein Parallelpfad ab, doch ich bin mit meinem höheren durchaus zufrieden.
Aber die kleinen Spaziergänge auf Donoússa haben es manchmal doch in sich. Dieser Weg gibt in seinem Schlussstück öfters Rätsel auf, verliert sich an entscheidenden Stellen, trotz gelegentlicher Markierungen.
Natürlich ist das Ziel nicht (mehr) weit, die Richtung stimmt, nur der Abstieg ist ohne Stock und stellenweise etwas Mut nicht ganz unkompliziert. Hat man die Stelle bei einem größeren Busch, wo es linksab geht, gefunden, wird es in der Folge auf etwa 50 m etwas verwirrend, weil sich viele scheinbare Pfade anbieten, die Abdachung aber so steil ist, dass man leicht ins Rutschen kommt.

Hier holt mich Vorsichtigen ein Verfolger ein, den ich schon von Weitem, noch beim Abzweig von der Teerstraße, mit Bedauern wahrgenommen hatte. Wer möchte nicht alleine und ungestört auf weiter Flur, über Stock und Stein dahinwandern? Der mich eingeholt hat, entpuppt sich dann jedoch als ein sehr liebenswürdiger Zeitgenosse mittleren Alters. Er ist Italiener, aus Rom, spricht sehr gut Griechisch und ebenso gut Englisch. Es ist Orlando di Roma, einer, der nicht zum ersten Mal hier ist und die Inselpfade recht gut kennt.
Mich haut es fast um, als Orlando mir mit fester Stimme eröffnet, dass er diesmal acht Wochen bleiben wird (!). Wohnen tut er auf meiner Ortsseite, quasi im höchstgelegenen Haus hinter meiner Unterkunft, Zimmer auf dem obersten Stockwerk, claro. Ein Genießer, der Wert auf den Überblick legt.

Wer es nicht ganz so steil will beim finalen Abstieg zum Livádhi–Strand, hält sich am besten etwas landein und gelangt hinter dem großen Schattenspender von Baum (sind wohl zwei) auf das Niveau des Strandes, muss eben ein paar Schritte vorgehen.
Geschafft!
Lustig – nun fühlt sich das französische Paar gestört, das erst am Vortag im Zimmer links neben meinem einzog und sich ganz entblößt hier rumtreibt, und wir beide sind die Eindringlinge. Ist echt ein Zufall, dass weitere zwei Entdeckertypen gerade an diesem Vormittag auf der Bildfläche erschienen. Schade für alle Beteiligten. Tags darauf ist es bestimmt wieder anders, mutiert die Livádhi–Bucht für Stunden zum einsamen Strandparadies für den Einzelwanderer oder ein einzelnes Pärchen.

O. bedeutet mir, doch auch unter der riesigen Tamariske Platz zu nehmen, aber ich möchte den Galliern nicht so meternah auf den Leib rücken, ist nicht meine Art.
So stapfe ich ans südliche Strandende, dorthin, wo zwei mehr oder weniger notdürftig errichtete Bootshäuschen bzw. Geräteschuppen ein wenig Schutz und Intimität versprechen. Aus einem von ihnen holt O. erst einmal seine Strandutensilien inklusive Liege vom Vorjahr heraus, trottet zurück zur Tamariske und dem etwas alarmiert wirkenden Franzosen, dann hab ich meine Ruhe. Als ich ins Wasser steige, zieht es mich richtig zusammen – brrrrrrrrrrr! Ganz schön kalt, heute, bei der Hitze draußen fast ein Wunder. Gestern soll das Wasser 22 Grad gehabt haben, doch heute, wegen bestimmter Strömungen, hat es wohl nur mehr 17 oder 18 Grad.

Als Orlando mal schwimmend in meine Nähe kommt, meine ich "acqua fredda!", und er : "freddissima!". Aber so 12 Minuten bleib ich schon drin, wenn ich mich schon mal entschlossen habe, ein Bad zu nehmen. Ein großartiger Platz zum Schwimmen, wäre es nur nicht so frisch in den erbarmungslosen Fluten.
Es dauert immer, bis man sich den Sand zwischen den Zehen entfernt hat, deshalb hab ich gar nichts gegen Kiesstrände, trotz der Weichheit dieses Sandstrandes. Da mir die Sonne zu gleißend wird und ich weder im Bootshaus hocken, noch mich zu dem "Menschenauflauf" unter der Tamariske gesellen will, breche ich bald wieder auf. O. deutet mir von fern noch den Weg an.

Steil geht es auf einem sehr schlechten Fahrweg (höchstens für Jeeps) hinauf auf das Kap, das den Livád(h)i–Strand vom trotz seiner Höhle vielleicht etwas weniger spektakulären, weiter östlichen Fíkio–Strand trennt. Ganz hübsch, da oben. Der Nachbarstrand, auf den man herunterblickt, leider nicht auf seine ganze Ausdehnung, ist ein mögliches Ziel für nächstes Mal.
Die Piste vor mir wird bergwärts immer katastrophaler, ist wohl kaum mehr befahrbar. Wieder einer dieser endlos zerrachelten und erodierten ehemaligen Fahrwegversuche.
Bis zu dem kleinen Plateau, von dem aus sich die ersten Häuser von Mersíni zeigen, bin ich bereits mächtig ins Schwitzen gekommen. Östlich unter mir, steil unter dem Ende der zum Meer hin abfallenden und sich weitenden landschaftlichen Einbuchtung, läge der Órmos Vátou.
Ich aber folge nach einer Verschnaufpause den Klängen aus Lias Kneipe – das junge Paar hat mich längst geortet, von dort oben, und lockt die potenzielle Kundschaft mit Sirenentönen. Auf einem etwas besseren Weg steige ich hoch bis zu einer Kapelle (oder ist es nur ein unbewohntes Lagerhäuschen?), wo es nach rechts zur Quelle hinunterginge, bald darauf beginnt ein zementiertes Sträßchen, das direkt an Lias Terrassenlokal vorbeiführt, wo ich mich stärken will.

Halte mich konsummäßig stärker zurück als beim ersten Besuch, als Mittagessen tut es auch ein Salat mit nur einem Getränk. Noch einmal der irre Blick Richtung Amorgó.
Auch Lias Eltern tauchen wieder auf. Doch heute werde ich die Straße zurückwandern, nicht im Auto mitfahren.

Was das schönste Erlebnis bisher auf dieser geteerten Strecke zwischen Mersíni und Messariá war? Zweifellos der ganz urige Gesang eines Bauern, der gerade auf einem seiner Felder anwesend war. Inbrünstig und aus voller Brust gesungen, durchzog die fremdartige Melodie die nähere Umgebung. Ich nahm die Noten in mir auf und schickte eine ähnlich geartete Strophe zurück – so gut ich eben konnte, versteht sich.


Der Hafen, Segelcrews und mein Abschied

Ein Vorteil der Hafenkneipe ist das in einer Ecke drinnen angebrachte Kartentelefon, das, anders als der zweite öffentliche Apparat weiter oben im alten Ortsteil vor der kleinen Sendestation der OTE, diesen Mai als einziges auch funktionierte. Man muss sich halt in Geduld üben, wenn gerade wieder ein albanischer Bauarbeiter mit einer der superbilligen Telefonkarten nach Hause telefoniert.

Dem jungen Papás, dem Sohn der Wirtsleute, der regelmäßig vorbeischaut, fehlt es irgendwie an Würde und Ausstrahlung, ich kann mir nicht helfen, aber er wirkt nicht sehr überzeugend ... Ist wohl seine Jugend – er sieht zumindest noch sehr jung aus.
Ja, sehr entspannend (zunächst), einfach dazusitzen im Kafenío der Pfarrer–Eltern und zuzuschauen, wie ein Einheimischer nach dem andern eintrifft, wie die beiden wieder eine Partie Távli spielen und einer so laut und engagiert in Fahrt gerät, dass ich lieber flüchte.

Ich geh mal zum Hafenbecken vor, wo die Fischerboote vertäut sind, darunter auch zwei größere Kaíkia.
Das größte Boot ganz randlich, schon dem Fährenanleger nahe, ist ein kalymnisches, so etwas sieht man heutzutage auf fast jeder kleineren wie größeren Insel.
Ich versuche eine kleine Unterhaltung mit den wie gewohnt Wortkargen an Bord. Wie sie es machten mit ihrem Fang? Ob sie ihn teils hier verkauften, oder zur Gänze anderswo?
Die Antwort: Der Fisch wird mit der zweimal wöchentlich hier aufkreuzenden Blue–Star–Fähre nach Athen verschickt.

Vor dem Abendessen bei Evangelía und Nikítas und ihrem einen Sohn, dem weltlichen mit seinen beiden netten Kindern, die auch öfters einen Tisch draußen kriegen und vor sich hin speisen, lachen und mit großen kindlichen Augen ihr Erstaunen über ganz banale Dinge kundtun.
Erwähnter Platzhirsch wartet bei einem Bierchen auf seine Bewunderer. Manchmal muss ich den Nebentisch nehmen, weil sonst alles voll ist, obwohl allmählich mehr Tische dorfwärts aufgestellt werden und die Lichtgirlande verlängert wird.

Eine Schau, der Küchenbereich da drinnen hinter der Ladenhälfte. Evangelía, die alte Dame des Hauses, die Köchin mit der festen Stimme, ist typisch mollig, gut beieinander, ihr Mann Nikítas dagegen typisch dünn und drahtig. Kommt man rein und hat sich für eine Speise entschieden, geht alles ganz schnell. Immer so etwa drei Gerichte brutzeln auf dem Herd vor sich hin, Fisch gibts auch, einmal sogar Fischsuppe. Für alles Fischige muss man sich auf eine eher saftige Rechnung gefasst machen, ansonsten sind die Preise nicht überhöht für den Archipel. Die Essensqualität ist meist prima. Leider haben die offenen Weine bei der Weltmeisterschaft keine vorderen Plätze belegt, aber das kennen wir ja. Aber Flaschenwein bestellt man halt doch nicht, selber schuld - und Flaschenretsina haben sie gar nicht. Die Atmosphäre lässt nichts zu wünschen übrig.

Plötzlich kommt eine stärkere Dünung aus südlicher Richtung im Hafen angerollt, die nahe des Hafenlokals festgemachte Segeljacht einer österreichischen Crew fängt an, mit immer härteren Stößen gegen den Kai zu schrammen – schon sind große, meterlange Kratzer im Lack. Sie haben den seitlichen Rumpf ungenügend mit "Stoßdämpfern" (den dicken weißen, kugelartigen Großtränen) abgesichert, und zahlen jetzt den Preis dafür. Zwei Esser werden durch den Welleneinbruch aufgeschreckt und rufen nach den anderen, verstreuten Crew–Mitgliedern, die herbeistürzen und sich besonders ungeschickt anstellen, den Schaden noch zu begrenzen. Einheimische geben gute Ratschläge, alle anderen haben was zu gucken und amüsieren sich.
Irgendwann manövrieren sie dann ihr Boot doch an eine geschütztere Stelle im Fischerhafen.

Das war nicht die einzige anwesende Segelcrew. An meinem letzten Abend, als eine Clique aus Lonis Unterkunft das soeben eröffnete dritte Tavernchen schräg oberhalb dem von Nikítas einweiht, werden neben mir bei Nikítas Tische zusammengestellt, und schon sind meine Tischpartnerin (eine ältere Dame aus Bremen, die ich schon in meiner Unterkunft gesehen hatte) und ich umzingelt von Franzosen.
Rechts der inselbekannte "Dzón–Dzák" (Jean–Jacques) mit seiner Frau, bereits angeheitert, links eine Großversammlung von Seglern, die ganz ungeniert zu singen beginnen. Und ich hatte gedacht, das sei typisch deutsch! Schon der große Celibidache, der Dirigent und Schüler Furtwänglers, hat immer gesagt: "Wo zwei oder mehr Deutsche zusammensitzen, da wird bald gesungen." (Das war einmal ... – oder?)
Nun stimmt auch Dzón–Dzák mit ein in den kehligen Schlachtgesang, den Nikítas gar nicht so toll findet ("Die sind alle verrückt!"), während andere Inselgesichter zu strahlen beginnen und zustimmend hernicken – es rührt sich endlich einmal was in diesem verschlafenen Nest! Mein Tischnachbar rechts, der Gallier mit dem griechisch entstellten Doppelvornamen, nimmt mir dankenswerterweise meinen ungeliebten Wein ab, sodass ich besseren holen kann – aus meinem Zimmer.
Es ist der herrliche Naxos–Rotwein aus der Tragéa–Hochebene, den ich den zumeist Herren aus Toulouse anbiete, deren einer sich eine junge, bei Loni einquartierte Deutsche angelacht hat. Ich raffe all meine verstreuten Französischkenntnisse zusammen und kommuniziere mit den mir nächsten französischen Nachbarn. Ob ich den Sänger Nougaró kenne? – Den würden sie alle so lieben.
Claude Nougaró? Na klar, den mochte ich auch immer, der hatte echt was drauf mit seiner Verbindung aus Jazz bzw. Javá (Schawá, ein anderer Musikstil früherer Jahrzehnte) und Chanson, und er hatte außerdem supergute, einfallsreiche Texte. Ich höre bei mir zu Hause oft Lieder von ihm – er ist mir durchaus vertraut.

Le Cinéma

Sur l'écran noir de mes nuits blanches
Moi je me fais du cinéma
Sans pognon et sans caméra
Bardot peut partir en vacances
Ma vedette c'est toujours toi


Pour te dire que je t'aime
Rien á faire, je flanche
J'ai du cœur, mais pas d'estomac
C'est pourquoi je prends ma revanche
Sur l'écran noir de mes nuits blanches
Où je me fais du cinéma

D'abord un grand plan sur tes hanches
Puis un travelling panorama
Sur ta poitrine grand format
Voilà comment mon film commence
Souriant je m'avance vers tois ...

Un mètre quatre–vingts
Des biceps plein les manches
Je crève l'écran de mes nuits blanches
Où je me fais du cinéma
Te voilà déjà dans mes bras ...
Le lit arrive en avalanche ...

Sur l'écran noir de mes nuits blanches
Où je me fais du cinéma
Une fois, deux fois, dix fois, vingt fois
Je recommence la séquence
Où tu me tombe dans les bras ...

Je tourne tous les soirs
Y compris le dimanche ...
Parfois on sonne, j'ouvre, c'est toi ...
Vais–je te prendre par les hanches
Comme sur l'écran de mes nuits blanches?
Non, je te dis "comment ça va?"
Et je t'emmène au cinéma


Die komplette französische Segelcrew ist erstens gerührt über mein Weingeschenk und zweitens total hingerissen von meiner Vertrautheit mit und Zuneigung zu ihrem Großidol. Nougaró, das ist AUCH einer aus Toulouse, und man ist mächtig stolz auf ihn, wie auch auf Airbus Industries.
Klar für sie, dass sie mich Ahnungslosen nach Beendigung ihres Mahls an Land zu sich auf ihre Jacht einladen.
Hilfreiche Hände geleiten mich hinauf auf das leicht dümpelnde weiße Boot, wo ich draußen zu sitzen komme. Dosenbier wird gereicht – Mythos. Über Lautsprecher, großartiger Klang, tönt es südfranzösisch nach Nougaró, genau dieses neuere Lied von ihm:

Ah tu verras, tu verras
Tout recommencera, tu verras, tu verras
L'amour c'est fait pour ça, tu verras, tu verras
Je ferai plus le con, j'apprendrais ma leçon
Sur le bout de tes doigts, tu verras, tu verras
Tu l'auras ta maison avec des tuiles bleues
Des croisées d'hortensias, des palmiers plein les cieux
Des hivers crèpitanti près du chant angora
Et je m'endormirai, tu verras, tu verras
Le devoir accompli, couché tout contre toi
Avec dans mes greniers, mes caves et mes toits
Tous les rèves du monde
........


Sie geraten fast in Trance, trommeln nach dem Rhythmus auf dem Plastiktisch herum, ich mache gern mit, das Boot nimmt es gelassen, schwankt nicht etwa. Zum ersten Mal drängt sich mir ganz ungezwungen die Vorstellung auf, wie es sein mag, bei dieser tollen jazzigen Musik mit Gesang über eine gute Anlage, zur Musik eines Wayne Shorter, zum begleitenden Singsang von Nougaro (Comme une Piaf) mit knatternden Segeln über die Wellen zu gleiten, irgendeiner Insel entgegen und in der Abenddämmerung anzukommen, der blauen Stunde. Vraiment fantastique!

Tags darauf sehe ich einige Crew–Mitglieder wieder, auf meinem Morgenspaziergang. Wohin sie heute weitersegelten? – Nach Patmos! So leicht ginge es, Leute, wollte man schnell weiterkommen, ähemm. Überflüssig dann die Gedanken um Linienschiffe, die von Naxos aus gehen, oder von ..., oder von .....

Kurz nach dem Kaffee bei Nikíta packt mich Montezumas Rache – vom kalten Bad im Meer, vom Wein, von den ausnahmsweise pampigen Saubohnen gestern Abend, aus Evangelías Küche – wer weiß, was letztlich den Ausschlag gab. Den ganzen Tag laboriere ich vor mich hin. Lasse das mittägliche NEL–Schiff ausfallen, das einzige der Woche, notgedrungen, beobachte es von meiner Terrasse aus (wie groß sie hier wirkt, die Panajá Tínou!), warte auf die abendlich ankommende Skopelítis, meine letzte Chance, weiterzukommen.

Großzügig war das schon von Sofía, mir das Zimmer noch bis abends zu überlassen, sodass ich das Bett hüten konnte, mich noch einmal duschen, usw.

Das letzte australische Paar reist mittags ab, weiter nach Amorgó. Meine Zimmernachbarn, die Franzosen, die vom Livádhi–Strand, ja genau, reichen mir noch eine Zitronenpresse, als sie mich die Früchte händisch ausdrücken sehen, aber die sind so sauer, dass es mir nachher noch schlechter geht. Doch ich nehme mich zusammen, schaffe es abends zum Schiff.

Gutmenschen, Reptile, Platzhirsche, lang urlaubende Italiener, einheimische Hingucker, alle sind sie versammelt zur Ankunft des Schiffes von Naxo her. Vom Heck der Skopelítis herab winken mir mehrere Zeitgenossinnen zu. Was für ein Empfang wird das werden. Als ich oben angelangt bin, setzt es diverse Umarmungen: da werden sich ein paar Leute wundern, dort unten und oben auf Nikítas' Terrasse. Les Don Juan, auch ein Lied von Nougaro! Orlando bleibt unbeweglich, als ich ihm von Bord aus zurufe, er sitzt weitab von the maddening crowds randlich der Straße zum Fischerhafen. Verblüfft? Das Schiffchen strudelt vom Kai, ich muss gleich an einem Ouzo nippen – in meinem Zustand!

Copyright puchheim = MartinPUC, August 2008

Ein Schlenker nach Amorgós



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