Teil 6: Endlich in die Berge –
Von Frangokástelo hinauf nach Kallikrátis

Copyright puchheim = MartinPUC, November 2007


Ein Sonntag im späten Oktober. Aufgeräumtes Wetter. Ein paar Wolken haben sich draußen im Meer formiert, weit hinten im Westen. Ansonsten nur Sonnenschein und einfach freundliche Wetterlage. Bestimmt wird es sich wieder zusammenziehen, im Lauf des Tages, kann man von einem sich nach und nach entwickelnden Wolkenbrei dort oben ausgehen.

Na und? Soll ich mich vielleicht davon abschrecken lassen, vor Erwartung des Schlechteren sogleich kapitulieren? Es spricht eigentlich nichts dafür. So mache ich mich allein auf den Weg, mir noch unbekannte Flecken Kretas zu erkunden.

Bei Google Earth lässt sich diese Gegend besonders gut herausvergrößern. Man wundert sich unaufhörlich, was für ein weit verzweigtes Straßennetz inzwischen die Bergwelt nördlich von Frangokástelo durchzieht, ziemlich verwirrend, auf dem Bildschirm. Nicht alles ist geteert, aber vieles. Und breite, neu angelegte Staubstraßen münden von allen Seiten in die schmalen Asphaltbänder ein, nachdem sie tentakelartig noch die entlegensten Bergwinkel erschlossen haben.
Das, was ich bei Google Earth gesehen habe, hat mich richtig entmutigt, mir die Entfernungen vor Augen geführt, die ich zu Fuß nie an so einem kurzen Herbsttag schaffen werde. Unzählige Kurven und Wegschlingen, dort oben!
Doch die Realität, das wirkliche Dasein, stellt die Gegebenheiten letztlich ganz anders dar.
Es wäre zu Fuß viel mehr zu schaffen, als man es sich auszudenken wagt.

Die ersten Schritte sind getan, und ich stehe vor dem E–4–Wegweiser neben der Großtaverne Kriti beim Kastell.

Nach einigen hundert Metern Feldweg muss ich an der Scheußlichkeit der zitronengelben Anlage Mon.–Mon. vorbei. Bald darauf lenke ich meine Schritte auf ein einzelnes, kleineres Gehöft zu, eher eine Stallung, vor der mir der freundliche Bauer erklärt, dass ich auf dem richtigen Weg bin, es sei in Ordnung, nicht nach links abzubiegen. Ich glaube zwar, dass es da einige Abkürzungen gäbe, aber ich hab ja Zeit und gehe weiterhin auf dem breiteren Weg, im Zweifel immer einen Schlenker nach Ost. Irgendwann liegt linker Hand ein altes Kirchlein in einem eingezäunten Grundstück, seine Besichtigung wäre sicher interessant.

Zwischen Olivenkulturen führt mich nun ein breiter Staubweg geradeaus nach Nord, schließlich dreht er nach links hoch, an einem Schafstall vorbei. Die Tiere fühlen sich aufgefordert, mir zu folgen, denn sie haben längst ihren Hirten erwartet; also folgt mir die ganze Herde. ((Wir passen schon zusammen, ihr Friedlichen mit dem dicken Fell, gell?))
Weil ich keinerlei Kommandos gebe, nicht pfeife, keine Kurzlaute ausstoße, werden sie schließlich stutzig und fallen bald immer weiter hinter mich zurück, bewegen sich jedoch über die Landstraße und den angrenzenden Hang hinauf – wahrscheinlich ihre gewohnte Strecke.

Ich bin nicht den direkten Weg gegangen, wohl aber die E–4–Empfehlung, die wenige hundert Meter östlich des Dorfes Kapsodhásos auf die geteerte Autostraße trifft.
Ein Stück nach West heißt es also zu gehen, bis das Dorf erreicht ist, und weiter, unterhalb vorbei.
Zum Nachbardorf Patsianós ist es nur ein Katzensprung, und mittendrin zwischen beiden Siedlungen befindet sich gleich südlich der Durchgangsstraße das neuere Kafenío. Ich aber fühle mich noch nicht erholungsbedürftig und biege kurz hinter dieser Einkehrmöglichkeit rechts in das beschilderte Sträßchen hinauf Richtung Kallikrátis und weiter nach Así Goniá ein, dessen zahlreiche Kehren schon aus der Ferne gut erkennbar waren. Ein einzelnes Auto konnte ich auf seiner Serpentinenfahrt beobachten.

Nach den letzten Hanghäusern beider Dörfer gehe ich an einem Schafpferch vorbei, der sich eng an den Hang rechts neben der sehr schmalen Asphaltstraße schmiegt.
Links die Auslaufstrecke der Kallikratianó–Schlucht, breit und von Buschwerk und Felsen überstreut, sodass alles recht unwegsam aussieht.
Ein Stück muss ich schon noch bergauf wandern, um endlich den markierten Einstieg in diese Schlucht hinab zu erreichen.
Warum aber eine enge Schlucht gehen, wenn die Serpentinen ungleich schönere Ausblicke gewähren? Bei dem Autoverkehr – vielleicht ein Fahrzeug pro Stunde (auch nur, weil es Sonntag ist und ein rudimentärer Ausflugsverkehr nicht einmal diese "Magistrale" verschont – wird es bestimmt ein beeindruckender Gang nach oben, und sollte ich genug haben, werde ich jedenfalls das nächste auftauchende Auto anhalten, das ist gebongt.

Das ist schon was, sich langsam immer höher zu arbeiten, Haarnadelkurve um Haarnadelkurve. Nicht gerade schattig, so schwitze ich umso stärker. Aber da kommt eine Stelle mit einer verkrüppelten Steineiche, nichts wie hin.
Meine kleine Rast offenbart mir, wie sehr ich bereits an Höhe gewonnen habe. Toll, was man da so alles sieht, eine grüne Ebene in ihrer vollen Länge und Breite, ein Straßengeflecht, Siedlungsfetzen, das gelbliche Kastell, den Küstenstreifen, das umdunstete Meer, die Inseln. Auf einmal spürt man, wie entlegen Kreta sein kann, wenn man sich in der richtigen Gegend aufhält. Entlegen? – mit so einer relativ neuen Teerstraße, wenn auch ohne schützende randliche Leitplanken, alles andere als entspanntes Autofahren. Dennoch, es sollte noch etwas entlegener kommen, da droben.

Jetzt erwarten mich noch viel mehr Serpentinen, schier endlose Schleifen leuchten mir aus den öden Hängen entgegen, links und westlich einer kleineren Schlucht. Sie schrauben sich echt beeindruckend in die Höhe. Wo werden sie nur enden? Es sollen ja in etwa 9 km sein, von Kapsodásos aus bis Kallikrátis.

Es wäre besser gewesen, das alles zu Fuß zu gehen, ich bin der vollen Überzeugung, ganz ehrlich. Denn es ist in der Tat eine einmalige, fantastische Strecke.
Nur, wann ergäbe sich wohl eine erneute Gelegenheit, so einen schwarzen BMW–Jeep anzuhalten? Gibt außerdem noch den Rückweg, da hab ich genug zu laufen!
Man muss sich halt entscheiden, und der Daumen sitzt bei mir locker.

Vardhís (klingt eher nach Familien- als nach Vorname) erläutert mir, auch dieser Wagen gehöre einem Menschen aus der Gegend von München, einem in einer Bank arbeitenden Verwandten, der gerade zu Besuch sei und es ihm geliehen habe. Ich bin also nicht der einzige Münchner in diesem Landstrich. Es liegt eine CD mit sehr guter kretischer Musik auf, nicht nur hier spielt man Aufnahmen eines talentierten Lyraspielers und Sängers aus Jorjúpoli (Georgioúpoli). In Kallikráti gebe es aber auch einen, meint mein Wagenlenker.

Nicht ganz optimal, natürlich, in eine Unterhaltung verwickelt eine ganz neue, einem völlig unbekannte Gegend zu durchfahren. Das ist der Grund, warum ich diesen Weg noch einmal machen muss, in kommenden Jahren, wenigstens eine Richtung zur Gänze (– so das Schicksal es zulässt).

Nach dem Ende der Serpentinen beginnt ein ganz anderer, eigenartig schöner Wegabschnitt.
Es ist ein eng begrenztes Hügelland, das aus West und Ost von höheren Bergen eingefasst ist und mich auf Anhieb fasziniert. Silbrige, spärlich bewaldete Höhenrücken, die sich entlangziehen, eine Furche füllen. Was wird weiter nördlich kommen? Was steckt sozusagen dahinter?
Dann geht es in eine Senke hinunter und wir nähern uns zusehends der großen Schlucht zu unserer Linken.

Hier ist er nun, der gekennzeichnete Ausstieg aus der bzw. Einstieg in die Schlucht. Das soll nicht heißen, dass wir uns schon in Kallikrátis befinden – o nein. Weitere ca. 2 km hin wird es spannend.
Kallikrátis vorgelagert ist der Weiler Kataporiá (oder Katapóri), und ich bin fast erlöst von meiner Spannung, als wir dessen erste Häuser an der Straße auftauchen sehen.

Es tut sich was Rundliches auf, etwas zumindest einmal Tailliertes, aber insgesamt neigt man dazu, von einer in etwa rundlichen oder ovalen Hochebene zu sprechen (großzügig, wie man in solchen Dingen ist), deren Südrand soeben erreicht ist.

Ich bin verblüfft ob der Andersartigkeit dieser kleinen Welt. Sie kommt mir wunderschön vor, und ich bin froh, es hierher geschafft zu haben. Die Umstellung dauert aber eine Weile.
Auf einmal grünes Land, abgeerntete Weinreben, Schafweiden, dazwischen verwilderte Grasflächen, dann wieder herrliche, vor Gesundheit strotzende Laubbäume aller möglichen Arten, welche mit hellgrünen, welche mit dunkelgrün leuchtenden Blättern, groß– oder kleinblättrig, Eichen, Walnussbäume, darin eingebettet einzelne kleinere Hauskonzentrationen, Gehöfte von Individualisten, einfach völlig passend über die gegliederte Ebene verteilt und für mich eine Wohltat fürs Auge, alles zusammengenommen.
Diese unbekanntere Hochebene ist ganz anders als etwa die von Askífou, die wohlbekannte. Hier fühlt man sich viel abgehobener, wesentlich entrückter als dort – absolut kein Vergleich.

Vardhís hält vor dem Hof eines weiteren Verwandten, den er einige Stunden besuchen gekommen ist und entlässt mich. Der Hof wirkt so typisch kretisch, wie es nur sein kann: alles nur erdenkliche Gerät steht herum, eine Rakí–Destillerie ist auch noch ortbar, und das Ganze ist durchdrungen von einer Eigenständigkeit, einem Verteidigungswillen, wenn es darauf ankäme, den ich nicht herausfordern möchte. Der geparkte BMW–Jeep passt insofern überhaupt nicht dazu.
Und wo soll Kallikrátis nun sein? Ein paar hundert Meter weiter, meint Vardhís.

Ein kleiner Bogen, links ein schönes Bauernhaus, wie es für hier oben typisch ist. Eine Menge Grün drumherum.
Ein Stück weiter, und rechts des Weges taucht ein einfacher Kirchenbau auf, davor wurden alte Säulen wieder aufgerichtet, ein uralter Kultplatz, scheint mir, etwas recht Ausgefallenes in dieser Hochebene.

Ich geh zu einer Straßenabzweigung vor, ein Wegweiser zeigt nach Así Goniá, es handelt sich also um die "Hauptstraße", die hier nach Ost abzweigt, natürlich ist auch sie geteert.
Bald zeigt sich rechter Hand die erste Taverne, sie ist zugesperrt, möglicherweise nur abends geöffnet. Ein Schäferhund da hinten meldet sich pflichtbewusst.
Links erscheint nun die ungekalkte, steinerne Hauptkirche, von ihrem Vorplatz aus ist sie nicht zu besichtigen, denn auch sie ist verschlossen.
Nun hab ich den bescheiden dimensionierten Ortskern von Kallikrátis erreicht.

Eine große, entscheidende Linkskurve.
Ganz urige Häuschen umgeben mich auf einmal beiderseits der Straße. Allmählich kommt das Eindringling–Gefühl in mir auf. Doch jetzt muss ich konsequent bleiben, darf nicht kneifen, wenn man es so ausdrücken will.
Die beiden Schäferhundmonster nehm ich einfach als gegeben hin, sie liegen friedlich am Straßenrand und meinen es sicher gut mit mir entschlossen Voranschreitendem.
Richtig, haben eben einen lieben Charakter, mal eine Ausnahme von der Regel, freut mich zutiefst, sehr angenehm!

Ich versuche die Lage zu peilen, halte Ausschau nach dem nächstgelegenen geöffneten Kafenío.
Gleich rechts nach der Kurve, nein: das ist ein Privathaus, vor dem ein Paar in einer lockeren Haltung sitzt, die auf ein "Public House", also "Pub" schließen lässt, doch es ist keine öffentliche Gaststätte.
Wenige Schritte weiter und links erkenne ich dann einen oder zwei mickrige verschmutzte Tische unter einem Baum, zwei etwas mitgenommen wirkende Stühle, einen Hauseingang, und das alles sieht verdammt nach einfachem Kafenío aus.

Ja! Es ist eins. So bescheiden es auch aussieht. Aber der Sommer ist vorbei. Da es draußen ziemlich kühl ist, dazu noch schattig und ich keine Jacke dabeihabe, begebe ich mich in die Gaststube hinein.
Von kretischer Musik werde ich begrüßt, merke zuerst gar nicht, woher die kommt. Sie kommt aus einem batteriebetriebenen Transitorradio, das der auf einem Sofa hingestreckte alte Herr des Hauses mit einer Hand hochhält. Nachdem ich am einzigen Gästetisch da drinnen Platz genommen habe, fällt er mir bald auf, ich grüße ihn, er mich.
Am hinteren Ende dieser Kombi aus Wohnzimmer und Kafenío eine Theke mit Flaschen alkoholischer Getränke drauf. Hinter mit eine Kommode mit Regal, darauf eine billige Stereoanlage und viele CDs. Irgendwo auch ein Poster mit einem jungen Lyraspieler.
Das sei ihr Sohn, meint stolz die Wirtin, als sie mir meinen Ellinikó bringt, und als Beigabe einen Ratschí und frisch geerntete Walnüsse aus dem Garten.

Wo ist Dein Sohn, που είναι; – κοιμάτει! ((Tschimátä! – sleep! – oh! – Faulenzer?))
Die ein wenig abgehärmt wirkende Mutter erklärt mir, ihr Sohn habe letzte Nacht einer großen Hochzeitsgesellschaft in einem außerhalb der Stadt Réthimno gelegenen "κένδρο" (Tschändro Musitschís) aufgespielt. Zusammen mit Freunden sei er erst in den späteren Morgenstunden im Auto zurückgekommen, sie habe solche Angst gehabt um die Jungs, jedes Mal habe sie Angst, wenn sie nachts diese so schmalen Straßen fahren. Und nun schlafe er sich eben aus. Pech gehabt, Martin, Miná! Eine lokale Lyra– und Gesangsgröße haarscharf verpasst.

Ja, wirklich schade. Ich verabschiede mich, will etwas essen gehen. Etwas schüchtern meint die Mutter, sie könne mir AUCH was machen, aber ich entgegne, ich wolle erst das Dorf erkunden, mal sehen, was es noch so gebe.
Mama teilt mir abschließend mit, dass in wenigen Tagen diese Hochebene praktisch menschenleer sein werde, spätestens Mitte November seien die letzten Bewohner nach unten in die Ebene umgezogen, oder zumindest nach Patsianós. Die Winter seien hart hier oben, sehr hart.

Weiter nach West. Aber ich komme nicht weit. Nach 50 oder 60 Metern schon habe ich die platzartig erweiterte Straßenecke am Westende der Siedlung durchquert, sie biegt nach Nord, dann gleich wieder westwärts, und das ist wohl bereits die Strecke Richtung Asféndou.
Zwei Meter westlich über diesem Platz die stattlichste Ortstaverne mit langer Terrasse. Ganz links oben, am Südende, ist ein Tisch besetzt. Darunter ein anderer Straßenabzweig.
Ich nehme am letzten Tisch am Nordende der ταράτσα Platz, da finde ich noch ein wenig Schatten, 20 Meter weiter ein unter einem Baum im Garten verweilendes, ab und zu grunzendes Schwein, und Hühner.

Der Wirt erscheint, ein älterer Herr, noch sehr gut erhalten. Über der Tür ins Innere des Lokals prangt sein Vor– plus Nachname, die ich jetzt beide vergessen habe: Stávros oder Stélios G.? Oder so ähnlich.
Egal. Jedenfalls, erzählt er mir gleich, hat seine Familie einen Metzgerladen plus Supermarkt und Kafenío unten in Frangokástelo, nur vielleicht 50 Meter westlich von Babis & Popi, wo ich wohne.
S. schlägt vor, ich solle ein Zicklein probieren, das er frisch einige Kilometer außerhalb in den Bergen erlegt habe – hmmm. Was ganz Wildes, etwas ganz Zartes, ein Gedicht, meint er.
Wie recht/Recht er haben sollte.
Ich hatte nicht damit gerechnet, aber ich sollte nicht verarscht werden, der Tipp war durchaus ernst gemeint.
Nach einer Viertelstunde serviert mir S. meine Portion Katsikátschi, zusammen mit Patátes und einer Tomate mit viel Zwiebel.
Dieses Mahl in Kallikrátis wird mir für immer in Erinnerung bleiben. Es ist (wieder einmal, aber der Superlativ ist durchaus gerechtfertigt) das Köstlichste, ziegenmäßig, was ich in allen meinen Griechenlandaufenthalten (es sind um die 65, inzwischen, und das ist als dickes Lob an S. gedacht!), ja in meinem ganzen bisherigen Leben, je aufgetischt bekam. Ein Traum von Fleisch, butterweich und zart, einfach köstlich, aber es tut mir irgendwie auch leid, das arme, freiheitsliebende Tier, das so jung sein Leben lassen musste. Auf einem Holzklotz hinter dem Haus hatte er es mit einem Beil abgehackt, mein Trumm (= Stück [Fleisch]), ich konnte zusehen. Schwein und Henne hatten sich um kleine, absplitternde Fetzchen gezankt. Die beiden so unterschiedlichen Tiere sollten mich auch während meines Essens belagern, eines auf das andere lauernd, das Federvieh völlig angstfrei gegenüber dem großen Schwein!
Als ich alles genussvoll aufgegessen habe, kommt S., und ich lobe ihn aus vollem Herzen (oder eher: Magen) und ehrlicher Überzeugung über alle Maßen. Es dauert nur zwei Minuten, und vor mir auf dem Tisch steht noch einmal dieselbe Portion als Gratiszugabe. Mann o Mann, man muss eben ein wenig bergauf exkursieren, weg von der Küste, landein, ein wenig dableiben, nicht nur durchfahren, liebe Leute. Aber g'sund iss nimmer, so a doppelte Portion. Und einen guten lokalen Wein bekam ich auch noch dazu kredenzt.

Das englische Paar am Südende meiner Terrasse versteht es nicht, dass einer auf die Idee kommt, nicht die Schlucht hinauf– und hinunterzuwandern, nicht die Schluuuuhucht, sondern die Straße. Sie starren mich beide verständnislos an, nachdem ich ein paar Worte mit ihnen ausgetauscht habe. Die Verständnislosigkeit könnte ich gut zurückgeben. Es gibt nicht nur eine absolute Lösung.

Auf dem Rückweg zum südlichen Ende der Hochebene treffe ich eine schwarz gekleidete Frau mit Kopftuch am Straßenrand, die mit einem schlanken Konus von Gartengerät Chórta aus der Erde sticht, Wildgemüse, das ich so gerne esse. Sie erntet die Kräuter direkt bei der alten Kapelle mit den Säulenstümpfen davor. Nachdem ich sie angesprochen habe, liegt ihr eine Gegenfrage auf dem Herzen: Fürchtest Du Dich nicht – es wird regnen!?
Das bedeutet mit Sicherheit, dass sie etwas ganz Stürmisches erwartet, das sich hinter den Bergen im Westen zusammenbraut, nicht nur einen mittelprächtigen Bergregen. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass mich das Unheil so bald einholen wird, es sieht gar nicht danach aus. In der Tat sollte es erst nachts so richtig losstürmen, dann aber mit aller Gewalt. Die gute Alte hat es wohl in ihren Gliedern gespürt.

Ich freu mich echt auf die hügelige Zone vor den Serpentinen, doch bis dahin ist es noch ein ganzes Stück Weges.
Vardhís ist immer noch zu Besuch bei seinen Verwandten, der BMW–Jeep steht an derselben Stelle wie zuvor.
Weiter geht's zum südlichsten Ortsteil von Kataporiá mit seinem abseits der Hauptstraße gelegenen Rechteck von schmutzig grauem Kirchlein. Direkt an meinem Weg wieder das größere Gehöft, oder wie ich es nennen soll, davor steht jener stattliche und kernig wild aussehende Bursche im schwarzen Gewand, den ich schon öfters an mir im Pick–up vorbeifahren sehen habe.
Und noch ein anderer steht da, ist er es wirklich? Ja, er ist es: der Aristotélis Perrákis. Wir grüßen uns herzlich. Erst im Nachhinein sollte ich erfahren, dass eine Tochter von ihm hier eingeheiratet hat.

Also wenn der Aristotélis vom Hotel Stávris später diese Strecke zurückfährt, wird er mich bestimmt im Auto mitnehmen wollen, falls ich nicht schon weg bin.

Hier ist er wieder, der Einstieg in die Schlucht. Ich gehe zügig die Straße weiter. Ein Fahrzeug kommt mir entgegen. Es stoppt. Der Fahrer will sich einfach nur ein wenig unterhalten. sagt, er käme aus Kalíves an der Soúda–Bucht. Sonntagsausflug. Er hätte lange im Ausland gearbeitet, sei nun zurückgekehrt, habe einfach Lust, seine Insel kennenzulernen, deshalb die einsamen Fahrten.

Gerade weitet sich das Land ein wenig, ich gelange fast zu dieser Zwischenebene vor dem Anstieg zur letzten Höhe, da bremst jemand sanft hinter mir. Nein, nicht der A., sondern der V., der sich anschickt, nach Frangokástelo zurückzukehren und mich gleich wiedererkennt.
Jetzt finde ich mich in einem echten Dilemma, wollte wirklich die Wanderung fortsetzen. Ma ti na káno? Es wäre unhöflich von mir, das freundliche Angebot zurückzuweisen.
So bleibt mir nur mir vorzunehmen: ein andermal zu Fuß!

Im Auto kriegt man eigentlich gar nichts von der Gegend mit, noch dazu, wenn man sich unterhält. Ich kann's nicht ändern, was soll's. Scheiß Autos! Aber bergauf sind sie mir manchmal doch willkommen, oder nach einer wirklich weiten Wanderung.

Auf den Serpentinen bergab begegnet uns kein anderer Wagen. Als wir das Schluchtende erreicht haben, grüßt Vardhís eine Schaf– und Ziegenhirtin im Pferch am Straßenrand. Hier ist er zu Hause. Fast alle haben ihr Zuhause in Patsianós.

V. will mich bis Frangokástelo mitnehmen, ist überrascht über meine Bitte, in Patsianós aussteigen zu dürfen.
50 m westlich des alten Kafeníos steh ich auf der unten am Ort vorbeiführenden Straßentangente, nur mehr eine einzige Häuserzeile zieht sich da in die Länge, mit Ausblick auf die Ebene südlich des Asphalts.

Ich arbeite mich ins obere Dorf hoch. Zu dieser Tageszeit, mitten am Nachmittag, wirkt es vollkommen ausgestorben. Ab und zu ein Laut, etwas Radiomusik aus einem Fenster, sonst nichts. Ein größerer Platz, nahe der Kirche, die auf einer Seite von einem verwilderten Grasland umgeben wird, aus dem Hühner aufgeregt davonrennen.
Ein ruhiges Dörflein, ich kann mir nicht vorstellen, dass es abends so richtig lebhaft wird.

Eine Abkürzung nehme ich, kurz bevor die Straße aus dem unteren Dorf hinaus auf die Abzweigung hin nach Frangokástelo trifft. Der Trampelpfad weg von der Straße ist sehr deutlich auszumachen. Also mal sehen.
In sehr idyllischen fünf Minuten gelange ich durch ein Waldstück auf dem Pfad zum sehr im Abseits gelegenen Dorffriedhof. Außen vorbei führt mein Weg zwar weiter, endet aber etwas später an einem Graben nahe der Straße zu meinem Wohnort.
Also querfeldein, d. h. einem Pseudowanderweg mit beliebigen Verzweigungen folgen, über eine wilde Wiese hin zu Olivenplantagen.

Eingemauerte Plantage, schließlich gehe ich an ihr rechts, also westlich entlang. Ja, war nicht schlecht, denn ich komme zu einem Graben, im Winter vielleicht Flussbett, der mich, Hitze ausstrahlend, immer weiter bringt bis zu einem breiten Feldweg von Ost her, den ich nach rechts (West) vorgehe bis zur Teerstraße, auf der ich in 10 Minuten ans Westende von Frangokástelo gelange.

Als ich fünf Minuten später an einer Fleischerei mit Supermarkt und Kafenío vorbeikomme, ist mir bewusst, dass da drinnen mein großzügiger Chauffeur sitzt, vielleicht auf eine Partie Távli oder einfach ein Zusammensein mit Freunden. Ein paar kühle Getränke nehme ich noch mit aus dem Supermarkt, und eine riesige Weintraube. Tafeltrauben aus Ich–weiß–nicht–Woher, die prima schmecken. Von allem etwas, eines feiner als das andere. Ich kann nicht klagen. Die Götter sind mir wohlgesinnt. Und ich weide mich in ihrer Gunst.

Copyright puchheim = MartinPUC, November 2007

Páme Pitsídia! (Let’s go Pitsídhia!)



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