Teil 4: Ein verhinderter Ausflug nach Gávdos.
Eindrücke aus Chóra Sfakíon und Loutró

Copyright puchheim = MartinPUC, November 2007


Knapp anderthalb Tage haben sie sich mir nun gezeigt, sirenenhaft aus dem Dunst übers Meer herüberlockend: Die Inselschwestern Gávdhos und Gavdhopoúla. Warum nicht ein weiteres (viertes) Mal rüberschippern zur größeren Schwester, nach Gávdhos?
Einmal den Frühmorgenbus testen, anders gesagt, der einen von Frangokástelo mit Umsteigen in Chóra Sfakíon sogar bis in die Großstadt Chaniá bringen könnte. Angeblich bis Freitag, 19. Oktober soll es eine Schiffsverbindung von Ch. Sfakíon zum südlichsten Außenposten Europas geben (– steht sogar auf der von mir so geschätzten Website von Erno, www.sfakia–crete.com), und die will ich noch einmal nutzen, letzte Gelegenheit, sozusagen, das letzte Schiff, an diesem Freitag im Oktober. Dann geht das Ganze nur mehr zweimal die Woche von Paleóchora aus.

So wird also um fünf rum aufgestanden, in stockdunkler Nacht und trotz schlecht funktionierendem Wecker, sich gewaschen, rasiert, auf den großräumigen Balkon hinausgetreten, den ersten Hahnenschreien gelauscht, die reine, üppig mit Salzpartikeln angereicherte Morgenluft geschnuppert – ach was bin ich doch für ein Glückspilz, bei all den Widrigkeiten, denen ich im Leben zu begegnen habe! Es ist immer wieder herrlich, im Urlaub ab und zu ganz früh aus den Federn (einem dünnen Leintuch, genauer gesagt, das reicht mir immer noch, gerade noch, aus) zu kriechen und etwas Ausgefalleneres anzufangen.

Viel zu früh aufgestanden, natürlich, aber dafür kann ich noch eine halbe Stunde lang in die Nacht hineinhorchen und –sehen, von meiner Balkonwarte aus, das Bambusrohr sich im schwachen Wind wiegen beobachten, das leise Meeresrauschen wahrnehmen, die einzigartige Stille in mich hineinwirken lassen, ganz ungestört.

Dann heißt es das Zimmer verlassen, die paar Stufen hinuntersteigen auf die Straße. Im milden Licht einer Laterne treffe ich sogleich auf eine kleine, zierliche Person, die vor dem Haus ebenfalls auf den Bus zu warten scheint, eine jünger aussehende Frau mit Kopftuch, die sich hoffentlich nicht ängstigt, wegen meines nächtlichen Erscheinens.

Wir kommen ins Gespräch, sie ist Deutsche, wohnt auch bei Babis & Popi und macht heute einen Tagesausflug nach Chaniá. Zweifel hegen wir schon, ob unser Bus überhaupt hier vorbeifahren wird, ob er zumindest nicht erst oben, über die beiden Dörfer Patsianós und Kapsodhásos, vorbeiziehe und erst danach, auf dem Rückweg von der Provinzgrenze, uns schließlich aufsammeln komme.

Doch so gegen 20 oder 25 nach 6 trifft der Leoforío dann doch ein, von Westen her kommend.
Wir erleben eine Nachtfahrt gen Ost, über Skalotí bis nach Argoulés, wo jeweils ein paar Leute zusteigen. Erst auf dem Rückweg werden die besagten beiden Dörfer um den Ausgang der Kallikratianó–Schlucht herum berührt, und gleich geht es weiter Richtung Ch. Sfakíon.

Die getönten Scheiben lassen den ersten Morgenschimmer nicht durch, nur vorne, durch die Windschutzscheibe, strahlt das erste zaghafte Morgenlicht herein, und aufs Neue breitet sich dieser friedvolle Morgenzauber übers Land. Besonders schön ist es, all die kleinen Dörfer im ersten Licht der Morgendämmerung abzufahren, eine wirklich traumhafte, ja traumartige Kulisse, nicht wirklich wahr, so scheint es. Schon verlassen wir das Olivenland bei Komitádhes und fahren durch die öde, großartige Steppengegend vor Chóra Sfakíon, als fast schon wüstenhaft könnte man sie bezeichnen.

Die vertraute Ortsdurchfahrt, die letzte große Kurve unterhalb der Ruine des Kastells, und hier sind wir schon, auf dem Busparkplatz, wo der Anópoli–Bus zur Weiterfahrt nach Chaniá gerade eintrifft.

Ich gehe die vertrauten Wege, zunächst hinunter und ein Stück hinter zum neuen, perfekt ausgebauten Hafen, der nun wirklichen Schutz bietet. Dann wieder vor und die Uferpromenade entlang an all den Gaststätten vorbei bis hin zur alten Mole am alten Hafen, wo die Sofía und die Sfakiá früher immer anzulegen pflegten. Es hat sich kaum etwas verändert, lediglich das Xenía–Hotel wurde erweitert und aufgestockt, und auch die letzte Hausruine dahinter, neben der Kapelle und hoch über dem aufgeschütteten Ortsstrand, wird zurzeit auf Vordermann gebracht.

Die Bäckerei vorne hat natürlich bereits geöffnet, allerlei teigige Düfte entströmen ihrer Pforte. Ich halte mich aber zurück, denn eigentlich zieht es mich ja zum Stávris–Hotel hinauf, das bei dem hübschen Platz mit der Tamariske und einer anderen Kapelle über dem Ufergeschehen thront, schon von Weitem erkennbar an seiner Hochsitzlage und den türkisfarbenen Fensterläden.
Ein paar Skrupel halten mich noch eine Zeit lang zurück, ich hab ihnen schließlich die letzten Jahre die kalte Schulter gezeigt, hab in Anópoli gewohnt, mehrmals in Lýkos, und jetzt in Frangokástelo (und dort nicht in den Apartments Stávris, deren Studios mir allerdings viel zu groß wären).
Aber mögen tu ich sie schon, die drei Perrákis– Brüder, es würde mir echt was fehlen, wenn ich sie nicht wenigstens auf ein Frühstück und ein kleines Schwätzchen besuchen käme!
So steig ich also die Bäckergasse hoch, so um halb acht, und trotte ganz scheinheilig und unauffällig an meinen Stammtisch, nehme beim Mäuerchen unter der Tamariske rechts gegenüber dem Thekenausgang (wenn man aus dem Haus kommt) Platz.

Es wundert mich, dass nicht der ziemlich gelassene Jórgis auftaucht, sondern der lebhafteste der Brüder, Aristotélis, um mich auf seine ruppige, aber herzliche Art zu begrüßen. Die alte Mutter ist leider ziemlich schwer krank, lebt nun in Chaniá bei einer Verwandten.
Schon wieder haben sie zwei neue Aushilfskräfte (es mögen Bulgarinnen sein, oder Russinnen), eine davon sehr freundlich. Ach ja, ist schon toll, wieder hier zu sitzen, in dieser einzigartigen Frühstückskulisse, immer gespannt darauf, wer als Nächstes aus dem Haus kommen wird.

Erst trudeln zwei Herren ein, die ich zunächst für Briten halte, die sich aber durch ihr breites Bairisch verraten. Wenig später gesellt sich eine schlanke ältere Dame zu ihnen – die kenn ich doch, oder? Dann kommt noch ein Herr dazu, der mir auch irgendwie bekannt vorkommt.
Bald wendet sich die ältere Dame mir zu, und ich ihr: es ist W., die Lufthansa–Frau und gute Hobbyfotografin, mit der ich schon einmal eine kleine Wanderung gemacht habe und die regelmäßig hierher reist, wohl zweimal im Jahr. Und der eine Herr ist Robert, der zurückhaltende und dennoch wagemutige Berg– und Schluchtenbezwinger, den ich vor Jahren hier zusammen mit einem Rudolf kennengelernt habe.
Man hat sich einiges zu erzählen, und als ich mein Domizil in Frangokástelo nenne, werde ich gleich gefragt, ob denn der Ludwig noch dort wohne, der hochbetagte, den auch hier jeder Kretaerfahrene kennt.
Erno aus Utrecht, höre ich, konnte diesen Herbst wegen familiärer Angelegenheiten nicht kommen – wie sehr wird er nur darunter leiden, auf diese Wochen in seiner geliebten Sfakiá verzichten müssen zu haben!

Heute haben sich die drei älteren Herren mit Dame etwas Großes vorgenommen. Mit einem Mietauto werden sie über Ájios Ioánnis möglichst nahe an eine weniger bekannte Schlucht heranfahren und diese ziemlich wilde, enge und gefährliche Elijiás–Schlucht durchsteigen. Donnerwetter, die gilt wirklich als nicht gerade leicht begehbar, viel Klettern ist da nötig. Aber man lässt nicht ab von dem Plan, und gegen halb neun machen sich zwei der Herren auf, um einen Kleinwagen zu mieten; sie bekommen ihn schließlich für nur 35 Euro, kein schlechter Tagespreis.

Wir verabschieden uns, und ich geh schon mal vor zur Schiffsticketbude am Busplatz und warte auf den Stufen der gegenüberliegenden Kapelle, bis dort aufgesperrt wird. Mein Verdacht bestätigt sich: es gibt gar kein Boot mehr nach Gávdhos, das Internet, selbst Erno's Website, lag diesbezüglich wieder grausam daneben! So kauf ich halt eine Fahrkarte nach Loutró, wo es erst um halb elf hingeht (das erste Schiff), und um 12 bereits wieder zurück (!). Es ginge zwar noch ein Spätnachmittagsboot, aber um den Bus um 16 Uhr zurück nach Frangokástelo zu erwischen, kommt lediglich das Mittagsschiff infrage, will man nicht die zwei Stunden Fußweg über der Küste absolvieren. Ganz toll hab ich's da wieder erwischt.

Gegen zwanzig nach zehn trifft die große Daskalogiánnis ein. Sie spuckt nicht nur einige PKWs aus, sondern auch eine ganze Menge ab– und weiterreisende Touristen (es ist Freitag), nicht wenige von ihnen sind RucksackträgerInnen. Alle drei wartenden Taxis sind in Bälde besetzt. Auch die Zusteigerzahl ist durchaus noch beachtlich, wenn die Freiluftdecks auch nicht annähernd gefüllt sind.
Wie üblich, dümpelt das Schiff wieder bis 11 Uhr herum, bevor es endlich mit großer Verspätung ablegt.
Nur die Ignoranten oder solche, denen ein gutes Gespräch wichtiger ist als der atemberaubende Berg– und Schluchtenblick, sitzen die kurze Fahrt über backbords, wo sie nur die Weite des Meeres mitbekommen.
Ich seh mir beim Vorbeifahren Sweetwater Beach wieder einmal ganz genau an: wirklich verdammt erdrutsch– und steinschlaggefährdet, so schön der Strand auch liegt, zu Füßen eines steilen Abhangs. Aber ein paar Freaks haben sich bereits dort drüben auf dem Kies niedergelassen und freuen sich über die Ruhe und Abgeschiedenheit.

Ja, Loutró, das inzwischen vielbesuchte. Es übt wie eh und je seinen Zauber aus, mich zieht es aber seit einigen Jahren in noch etwas ursprünglichere (und zumindest preisgünstigere) Örtchen, wenn es über die Umgebung auch durchaus nur sehr Positives zu berichten gibt: weitgehend straßenlos, wild, viele tolle (Weit–)Wanderwege und alte Steinpfade, schöne Wohnmöglichkeiten in ruhigen Nebenbuchten weiter westlich, Adler, Geier ..., wo findet man all das sonst? – eine echte Ausnahmegegend.

Anlegen, Vorbeimarsch an den ersten, teureren Unterkünften, bald wird es billiger. Am Hotel Porto Loutró prangt dann wieder ein Schild, das Doppelzimmer für 55 Euro anpreist – man könnte locker allenthalben auch welche um 25 oder 30 Euro bekommnen, anderswo im Ort.

Wieder muss ich feststellen, dass hier um Mitte Oktober nur mehr sehr wenig Tourismus stattfindet, denn trotz der üblichen Wandersleute, die bestimmt früher aufbrechen, ist kurz nach 11 hier traditionell noch breakfast time, zu der man das erste, von Ch. Sf. anlandende Schiff in Augenschein nimmt.
Auffallend diesmal nur der Sitzkreis einer Psychogruppe vor einer Taverne, ansonsten sucht man vergebens nach größeren Menschenansammlungen. Der letzte größere Schwung ist von Bord gegangen, als ich zustieg, sozusagen.

Hingewandert zur letzten Unterkunft im NE des Ortes. Bei Pávlos' Taverne halte ich im Vorbeigehen kurz Ausschau nach meiner Busbekanntschaft von Vrísses her, doch sie zeigt sich nicht, oben auf den Terrassen vor den Zimmern.
Auffallend: Das Krí–Krí gibt es nicht mehr, es wird gerade umgebaut und unter einem neuen Namen weitergeführt.
Zurück wie üblich in der schmalen, verwinkelten Gasse hinter der Uferzeile. Eine große Frauengestalt mit langem Haar in wallendem, leichtem Seidengewand; es ist eine ortsansässige Schmuckherstellerin, die ich noch kurz in ihrem Lädchen wirklich ganz ganz hinten im Ort verschwinden sehe.
Vorbei an der Bananenstaude. Die alten, einfacheren Rooms, wo mir die in die Jahre gekommene Besitzerin ein Zimmer anbietet. Die schönste Ecke des "inneren" Loutró, von hier bis vor zu Stelios' Laden unterhalb der Apartments Niki.
Ein kurzer Blick in den hübschen Laden, draußen das Obst und die Speiseeistruhe. Um die Ecke hinauf zu Pandelítsa's Rooms mit dem schönsten Ausblick, die neue Taverne unter den Zimmern ist nicht mehr in Betrieb (– es gibt aber auch wirklich mehr als genug andere im Örtchen). Das Treppchen an der schmalen Südflanke des Hauses hoch, rechts einbiegen in Pandelítsa's "Privatgasse", die herrliche, weiße. An der aufgehängten Wäsche sieht man, dass nur mehr zwei der Zimmer belegt sind. Wie gern ich hier immer gewohnt habe! Zuletzt kostete es schon 23 Euro für mich allein, jetzt wohl an die 30, nehme ich an. Aber jede Partei hat eine eigene Aussichtsterrasse vor ihrem Zimmer. Und was für eine Aussicht das ist! Hier hat schon so mancher Wiederkehrer Luftsprünge vollführt – endlich zurück in Loutró und auch noch bei Pandelítsa Manoussoudákis!

Runter aus der Privatgasse, durchs Gatter Richtung uralte, knorrige Oliven, dem E–4–Wanderweg folgend.
Die allerschönsten Ölbäume, die man sich denken kann, säumen diesen mit Felsen durchsetzten Erdweg. Einmündung in den südlichen Zweig, der, steigt man ihn hinab, zwischen Tavernen auf der schmalen Uferpromenade endet. Nun geht es steiler hoch. Ein Gatter wurde in den Weg gebaut, Einfriedung der Weidetiere, die oben auf der bezaubernd schönen, breiten Hochfläche des Kaps ihr beschauliches, bevorzugtes Leben führen, unter den paar weit ausladenden Bäumen Schutz vor der Sonne suchen. Die Ruinen eines Kastells, links des Weges, wenn man auf der Hochfläche angelangt ist. Der wunderschöne alte Pfad führt zunächst an einer aus losen Steinen errichteten Mauer entlang in Richtung Fínika, Phönix. Man fühlt sich irgendwie abgehoben – es ist so schön hier, und was für eine biblische Landschaft, mit all den weidenden Schafen bzw. Ziegen. Wie oft bin ich diese Strecke schon gelaufen, in beiden Richtungen. Man wird älter mit all den Jahren, die Zeit rinnt unbarmherzig dahin, die (Reise–)Ziele bleiben, nur unwesentlich verändert. Ich komme immer gerne zurück. Wenigstens für ein paar Stunden, für nur eine Stunde, wenn es nicht anders geht. Dann leben die Erinnerungen wieder auf. Es sind so viele.

An der Westkante der Hochfläche. Noch ein paar Meter Abstieg, auf einen Felsen abseits des Pfades hinauf, und es bietet sich ein Paradeblick auf die Bucht von Fínika (Phönix, Fínix), die einer einzigen Familie gehört, in die vor einigen Jahren eine deutsche Landsmännin eingeheiratet hat.
Man hat sich in all den Jahren einen gewissen Wohlstand erarbeitet, und so steht nun bereits ein zweites stattliches Haus im mitteleuropäischen Stil dort unten. Es hebt sich, auch wegen seiner Lage weiter hinten und weg vom Meeresufer, ganz deutlich vom Rest des Tourismusweilers von Sífis und Katína und ihren erwachsenen Kindern ab. Die restlichen fünf oder sechs Bauten des Ensembles um die Taverne sind im typisch kretischen "Rooms"–Stil erbaut: als längliche Blöcke, weiß gestrichen, mit Balkonen/Terrassen und Flachdach – viel heimeliger als die beiden neueren Gebäude (entschuldige bitte, liebe Landsmännin!). Vor den neuen Häusern stehen die Geländewagen, dank der neuen Erdpiste, die seit einigen Jahren hierher vorgeschoben ist.
In einem der südlichen Häuser regt sich Leben. Man sieht ein paar Leute auf den balkonartigen Umläufen nach Ost hinaus, auf der buchtabgewandten Seite.
Die Bucht vom Feinsten, wie schon immer, Paddelboote sind mietbar, ein Privatstrand ist vorhanden. Bei Bedarf Bootstransfer von und nach Loutró gewährleistet.

Ich habe leider keine Zeit, weiter hinunterzusteigen und dicht hinter den Häusern von Fínix weiterzuwandern zur nächsten Bucht, der von Lýkos, die ich so lieb gewonnen habe. So lasse ich noch einmal ausgiebig meinen Blick schweifen, nehme auch das "Bergdörfchen" Livanianá ins Visier und die Felslandschaft darüber. Das Käuzchen hab ich noch gut im Ohr, das vor etlichen Jahren noch die ganze Bucht von Fínika mit seinen regelmäßig aufeinanderfolgenden düsteren Huuuuuh–Rufen beschallte, bereits ab 3 Uhr nachmittags. Bestimmt kein Unglücksbote. Und den Sífis hab ich vor Augen, wie er abends seine Runde drehte, bis etwa hinauf zu meinem jetzigen Standpunkt, beide Arme nach hinten übers Gewehr gelegt, das quer auf dem Nacken auflag, ein Gekreuzigter quasi, voller Genugtuung seine Ländereien abschätzend. Ein regionaler Kapetánios. Nun lebt er wohl in Chaniá.

Ich habe Ausblick übers Meer und sehe doch kein sich nahendes Fährschiff, keine Daskalojánnis, keine Samariá. Letztere hatte ich eigentlich allmählich erwartet. Dennoch muss ich mich gleich auf den Rückweg nach Loutró machen, wundere mich, nicht das vertraute Brummen eines Schiffes zu vernehmen.

Kurzer Abstieg auf dem von mir selten begangenen Südast, hinein ins südliche Viertel von Loutró. Weiter unten ist die übliche Strecke durch abgesägtes Geäst und Bauschutt blockiert, so gehe ich die Alternative zu den oberen Bereichen des Blue House hin, treffe auf ein paar Hausgäste, die sich gerade zum Essen begeben und lande gleich links neben der Haustaverne mit ihrem vielfältigen Angebot, das ich jetzt nicht nutzen kann und will.

Warten beim Kassenhäuschen am südlichen Ortsrand. Erst etwa 10 Minuten vor Ankunft des Schiffes kommt die junge Kassenfrau.
Vorher schindet sich eine Mannschaft des Blue House noch damit ab, ein Rollgestell für einen Bootsrumpf mühsam durch die Tavernengasse zum Schiffsanleger hinzuschieben, viele Stühle müssen beiseitegeräumt werden, aber es gelingt.

Was kommt denn da um die Ecke geflitzt? Ein unerwarteter Meeresgleiter: die gute alte, schnelle Sélino! Die kann nicht einmal Fahrzeuge mitnehmen, aber es besteht wohl kein so großer Bedarf mehr, um Mittag herum nach Mitte Oktober.
Das Anlegemanöver gestaltet sich deutlich langwieriger als bei den anderen beiden Fährschiffen, den großen mit Frontklappe, bei denen es ruck–zuck geht. Die recht schmale Sélino dreht erst bei und wird seitlich festgezurrt. Vorne wird endlich die kleine Passagierlandebrücke heruntergeklappt, und vier hilfreiche Hände stützen die Aussteigenden, die aber erst vom Schiff gelassen werden, als die Unmenge von Gepäckstücken einer aus West her später nachkommenden Wandergruppe ausgeladen ist – der Zimmerwirt ist schon da, sie abzuholen, per Handkarren oder Boot.

Etwa 15 Leute besteigen das Schiff. Ab geht's – was für ein Lärmer, dieser Kahn! Gleich steigt ein Maschinist den engen Durchstieg zum Schiffsmotor runter, um ihn durch Schmieren zu besänftigen. Altes Kreta.

Und wo legt sie an, die Schnelle, in "Chóra Sfatschú", wie man hier sagt? Extravagant, wie sie ist, natürlich im neuen Hafen, mindestens einen guten Kilometer vom Ort entfernt, und auch noch an der Mole ganz hinten. Da freuen sich alle Rollenkofferschieber und Rucksackträger ganz besonders!

Ich genieße ein vorzügliches Essen im Restaurant Samariá, wirklich sauberes, völlig unschmieriges Essen, alles frisch, trotz Auslage in den Blechreinen. Dann noch einen Cappuccino weiter vorne, bei der netten Frau mit dem ausgebauten Kiosk über dem Strand, und hochpreisig.

Da noch viel Zeit bis zu meinem Bustermin ist, schau ich anschließend noch einmal zur Burgruine über einem Wäldchen hoch, die als Wasserreservoir genutzt wird. Nur etwa 150 Meter weiter, direkt an der Zufahrtsstraße, thront eine wenig beliebte Taverne, deren Terrasse einen tollen Blick über den neuen Hafen bietet. Wie üblich, sind keine Gäste da, nur die etwas muffige Haustochter mit ihrer Mutter, die mir mein Getränk an den einzigen Tisch da hinten bringt.
Nun kann ich eine Stunde lang träumen, runterschauen in den Hafen, und darüber hinaus, über die Tetrapoden am Kaiende nach Gávdhos, das mir diesmal verwehrt blieb. Im Hintergrund, mit einer eigenen Zugangsrampe, die alte Kapelle ein paar Meter über der breiten Hafenvorfläche – wie sehr hab ich diesen Winkel einmal geschätzt, bin gerne hinspaziert, als er noch nicht so modern aussah. Irgendwo neben dieser Kapelle konnte man hochklettern und gelangte auf den alten Pfad nach Osten, den man hier gar nicht mehr vermutet.

Das mit dem Bus ist dann ein wenig verwirrend. Alle Einheimischen warten am eigentlichen Buswende– und Halteplatz der KTEL–Busse bei dem Wartehäuschen gleich neben dem öffentlichen PKW–Parkplatz. Sowohl das Gefährt aus Chaniá als auch das nach Frangokástelo weiterfahrende halten aber dann etwa 100 m weiter oben, am Parkplatz der Touristenbusse. Man winkt uns heran, immerhin.

So treffe ich meine Landsmännin, die in einem andern Haus des Komplexes von Babis & Popi wohnt, wieder. Es hat ihr sehr gut gefallen in der Provinzhauptstadt – viel zu wenig Zeit, meint sie, viel zu viele Fotomotive – und es handelt sich bei ihr um eine wirklich talentierte Bildkünstlerin.

Copyright puchheim = MartinPUC, November 2007

Wanderung zur Polýrizos–Bucht



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