Nach Gávdos –
der Insel am Rande Europas im Libyschen Meer

Copyright puchheim = MartinPUC, Oktober 2004, August 2006


Das steinerne Gávdos, ganz untypisch nicht in der Ägäis, sondern Richtung Libyen gelegen, ist ein Ausreißer aus dem üblichen Schema.
Die etwa 25 Seemeilen (knapp 50 km) südlich von Kreta entfernte Insel war immer schon und ist nach wie vor wegen ihrer Abseitslage am Rand Europas, ihrer eigenartigen Stimmung, ihrer Entrücktheit nach Süden hin ein wirkliches Erlebnis – für den dafür Empfänglichen, der sich ein paar Tage Zeit nimmt.

Kreta, die übergroße Nachbarin, ist zu ausgedehnt und zu gebirgig, als dass für Nicht–Motorisierte alles auf ihm ohne Umstände erreichbar wäre. Da verhält es sich mit Gávdos doch ganz anders. Ein eigenes Vehikel ist nicht nötig, obwohl man dort wegen der (dennoch auf menschliches Maß bezogenen) relativ großen Ausdehnung auch stundenlange, weite Wanderungen unternehmen kann.

Die Zeit: Herbst 1989, vielleicht ein, zwei Jahre früher oder später. Tempus fugit – die Zeit vergeht, und wer soll sie so genau im Griff haben?

Sich durchfragen in Paleóchora. Niemand, nicht einmal die kleine Agentur an der Straße zum Sandstrand, weiß Genaueres – nur die Besatzung des „Χανιά /Chaniá“ (Name heute anders), einer wirklich wunderschön gelegenen alten Frühstückskneipe über dem Ostufer der Halbinsel im alten Teil des Ortes mit einer Tamariske und einem daran befestigten Weinfass auf der kleinen Terrasse, kennt sich aus – die haben, wie so viele in Paleóchora, noch Verwandte auf der Insel. In einem der Zimmer darüber, in der Pension „Klima“, habe ich bereits öfters gewohnt, nicht nur diesmal.
Dabei ist doch allgemein bekannt, dass es seit Jahren neben den größeren Linien–Booten zwei Groß–Kaikis pro Woche als Post– und Versorgungsboote gibt.

So etwa um acht erscheine ich also, an einem Tag tief in der zweiten Septemberhälfte, noch etwas lädiert vom Vorabend, am alten, kleinen Anleger nahe dem Ortszentrum und sehe zu, wie im zweiten Glied ein recht unscheinbares, wenn auch großes Kaiki, immerhin mit Steuerhaus, mit Säcken, Kisten und Schachteln jeglicher Art, so auch Zement, Unmengen von Tomaten, und frischem Brot beladen wird. Man steigt zunächst auf das erste vertäute Boot, um zum jenseits davon anliegenden Ziel zu gelangen. Fast schon eine Art Tarnung, nur für Eingeweihte, so scheint es.

Sie befrachten bereits die Planken des Bugteils vor dem Steuerhaus, und schon nehmen mit Brot und Obst bestückte Passagiere (– alte, erfahrene Gavdos– Hasen, so jung sie auch sein mögen –) zwischen den Transportgütern Platz – Sitzbänke gibt es nicht. Drinnen hinter dem Steuerrad haben ein paar bevorzugte Einheimische – oder bevorzugt seekrank Werdende – ein Plätzchen gefunden, gleich neben dem „Loch im Boden“ für die dringendsten Bedürfnisse. Oh – es scheint hier keine andere Toilette zu geben. Da kann ich nur hoffen, dass mir auf meiner Erstfahrt nicht speiübel wird.
Schließlich haben sich auch die notorisch Verspäteten eingefunden, und ich habe einen Nachbarn, einen jüngeren Deutschen, der sich zum zweiten Mal auf Gavdos–Exkursion begibt. Nach drei Stunden Fahrt teilen wir die Wasserflasche untereinander auf. Gavdopoúla, der flachere Nachbar unseres Reiseziels, wendet uns bereits seine Nordflanke zu. Bub erzählt begeistert von seinen Scherbenfunden in der weiten Gegend von Ágios Ioánnis, ein gutes Stück nördlich von Kastrí, dem Hauptort von Gavdos, der in der Ferne in Höhenlage erahnbar wird, und etwas oberhalb der Nord–Strände.

Nein, keine Delphine und auch keine fliegenden Fische, diesmal. Auch kein russisches U–Boot, das uns beim Auftauchen huckepack nimmt. Nur die verlorene Atombombe der Amerikaner tief unter uns auf dem Meeresgrund macht uns Sorgen – wenn sie sie nicht schon längst aufgespürt und heimlich entfernt haben.

Die andere, nordwärtige Seite, lässt mich ins Schwärmen geraten: Bis fast 2500 Meter hoch ansteigende Bergstöcke mit ihren Einschnitten, das großartige Naturpanorama der steil ins Meer abfallenden Weißen Berge Westkretas, einmal von viel weiter weg gesehen, und umso überwältigender.

Als wir uns der Insel der Kalypso schräg nähern, gibt sie als Erstes den Blick auf einen richtigen Canyon frei, äußerst beeindruckend aus dieser Perspektive dicht über dem Meeresspiegel. Ich traue meinen Augen nicht. Ein grandioser Anblick, vom vergleichsweise kleinen Boot aus!!! Ob sich diese Bucht zwischen steilen Felswänden erwandern lässt? Ob sie von Land aus überhaupt ins Auge fällt? ((Nein – in der Tat nicht so besonders wie von See aus! Und bei Ankunft von Chóra Sfakíon her sieht man sie überhaupt nicht, Seitenbemerkung)).

Die restlichen anderthalb Stunden verschwanken AUCH irgendwie, und Gott–sei–Dank hab ich immer noch keinen Drang zu Kleinerem verspürt – wohl wegen der Hitze und dem austrocknenden Fahrtwind. Strände kommen in Sicht, zuletzt ein Kap mit vorgelagertem Schiffswrack (es ist das vor Sarakíniko). Ein scharfer Bogen um die Ecke – und endlich zeigen sich uns die paar Häuser am Hafen – nur zwei oder drei sind es, insgesamt. Hinter uns im Dunst der Süden Kretas, ein gewaltiger Riegel gegen Nord. Vor uns die Ungewissheit, auf die wir so große Lust haben.

Eine längliche, damals noch nicht ausgebaute, schmale Mole, von Leuten bevölkert, landwirtschaftliche Fahrzeuge weiter hinten auf dem staubigen Platz vor oder zwischen den beiden Häusern, die den Hafenort ausmachen, eines davon mit skelettartig aufgesetztem zweitem Obergeschoss, auf Jahre, auf alle Zeit unfertig, Kombis aus Traktoren und kleineren Anhängern in Wartestellung auf der Platía.
Die Wartenden haben scheinbar gar kein großes Interesse für die eintreffenden Passagiere, eher für das, was sie von Kreta geordert haben. Begrüßen die Schiffsbesatzung und ankommende Verwandte. Sehen uns erst gar nicht – oder doch?

Natürlich hab ich den alten „Kreta–Müller“ mit von großzügigen Spendern geschenktem Gavdos–Kapitel gelesen (Fohrer selber wollte/konnte da wohl nicht hin), bin zumindest vorinformiert. So erkenne ich unschwer den Jórgos mit seiner Schirmmütze, der für Kórfos Beach zuständig ist und voller Selbstbewusstsein einer spärlichen Mehrheit vom Sarakíniko–Beach trotzt.

Es wundert mich etwas, dass eine Gruppe von Touristen ziemlich wortkarg wieder aufsteigt in den Hänger und auf die Flanken des Traktors – mit Gepäck, sie waren doch nicht bei uns an Bord!? Nun, das Bötchen sollte an diesem Nachmittag nicht mehr zurück nach P. fahren, wegen des Wetterberichts! Erst am folgenden Morgen vielleicht ... So wird es eng auf dem Traktorgespann. Und auch in der einfachen Unterkunft neben der hoch über dem Korfos–Strand platzierten schlichten Taverne.

Deshalb muss ich in einer Art angebauter Scheune, der „Apothíki“ (dem Lager für alte Möbelstücke und jeglichen kaputten Krempel), übernachten, mit nächtlichem Katzenbesuch, nachdem das sympathische Bedienerix–Paar aus dem nördlichen Deutschland von eben dieser Apothíki ins Zelt hinter dem Strand verbannt worden ist, bevor tags darauf eines der simplen Zimmer mit Pritsche u. Stuhl u. ohne Wasser frei wird – etwas Komfortableres ist ganz einfach nicht vorhanden!

Unvergessen bleibt die noch vollkommen sommerliche Nachtstimmung in jenem Herbst. Einschlafen bei geöffneter Tür, mit den sich im Wind wiegenden Büschen, ihrem Rascheln. Einmal einfach in die kleine Schlucht dahinter pinkeln und wieder auf die Pritsche.
Auch die Gemeinschafts–Dusche, für die man sich den Schlüssel holen musste, war eine Schau: es tröpfelte halt ein wenig, die Tropfen konnte man zählen – basta. Beim Duschen benötigte man den Seifenbehälter zum Wasserspeichern, um eine ausreichende Menge für einen kleinen Schwall zu erhalten. Es gab ja nur die eine, spärlich fließende Quelle etwas hinter dem Strand, da, wo der Wald die Hänge hinauf beginnt, neben der Kapelle. Der Wasserbehälter auf dem Dach über der Dusche musste täglich vom Wirt händisch nachgefüllt werden.

Abendessen auf der engen aber netten, überdachten Aussichtsterrasse über der Erdstraße mit den 3 oder 4 Tischen. Ich teile mir einen mit einem französischen Freundespaar, das sich gleich ganz unverblümt über die hier herrschenden hygienischen Verhältnisse und die extrem spartanischen Zimmer mokiert. Schon am nächsten Abend wohnen sie in einem der sehr raren komfortableren Zimmer am Sarakíniko–Beach und sind zufrieden, als ich sie zufällig treffe.

Allmählich ist Saisonende (Saison ist genau genommen nur von Juli bis September), man spürts auch am Essen beim Jórgo. Ab meinem zweiten oder dritten Tag bei ihm serviert er nur mehr ein einziges Gericht: Brisóla, Schweinekotelett, dazu Salat und Patátes, d. h. Pommes. Und Wein gibt es nur in besseren Flaschen, Minos oder so, alle aus dem Kühlfach, eisgekühlt, auch der Rote. Sind aber durchaus noch bezahlbar und gut, na ja, ein kalter Roter, wir sind ja nicht bei einem römischen Mittagessen ... – Anfang Oktober will er den Laden zusperren.

Ein sympathisches österreichisches Pärchen, Linzer, glaube ich mich zu erinnern, genießt hier täglich voller Dankbarkeit das Wenige Angebotene. Bei ihrer Abreise geben sie mit Tränen in den Augen dem jüngeren deutschen Bedienerpaar 5.000 Drachmen Trinkgeld, damals noch eine stolze Summe – etwa 30 DM.

Ja, urig wie auch sehr improvisiert war das schon, noch bis gut in die Neunzigerjahre hinein. Das machte den Reiz, das Besondere an Gavdos aus. Junge Leute waren begeistert. Für so manchen Verwöhnteren bedeutete es andererseits auch einfach „unhygienisch“ und „schnell wieder weg“.

Die erste Wanderung auf der Erosionspiste (deshalb gab es hier nur Traktoren, keine Pick–ups oder PKWs!) hinauf ins Hauptdorf Kastrí. Ziegen flüchten rechtzeitig zwischen die Kiefern und ins Wacholdergebüsch. Aufgelassene, mit Steinen übersäte Felder.

Kastrí eine kleine Überraschung. Wenige Häuser, doch hingezogen, so gut es geht, eine engständige Streusiedlung mit ein paar Nebenwegen. Zwei Lebensmittelläden an der ungeteerten Durchgangsstraße, der eine immer zu, zumindest wenn ich tagsüber, also nicht abends, vorbeikam. Der andere auch Kafenío, das Kolonialwarenangebot sehr beschränkt, nicht einmal Wein, den man sich besser aus einer Taverne am Hafen oder an einem der beiden Hauptstrände holte. Der Kafetzís nicht mehr so fit und aufgeweckt wie angeblich früher, seine Frau ebenfalls zurückhaltend freundlich. Tiléfono me metrití (mit Zähler) haben sie auch. Weiter geht’s nach Süden auf der Straße aus dem Dörfchen hinaus. Am Ortsende ein Alter mit Mütze und zerfurchtem Gesicht. Er fragt mit Gesten, ob ich denn keine Frau zum ... dabeihätte. Die ursprünglichen, grundsätzlichen Bedürfnisse des Lebens.

Ein Stück außerhalb der Siedlung passiere ich ein Gehöft an der Straße mit zwei nicht angeleinten Wachhunden davor – mein ständiger Schrecken. Auch diese Hürde hab ich überwunden, irgendwie.
Ab da wurde es dann spannend, exotischer. Vorbei am Abzweig nach Ámbelos, einem etwa 4 km entfernten Weiler im Südwesten. mit eingeheirateter Deutscher, die ich bei so mancher Bootsankunft am Hafen sehe – sich die Langeweile vertreiben. Man näherte sich auf wenige hundert Meter der Steilkante des Südabfalls der Insel ins Libysche Meer, es stand einem frei die Erdpiste zu verlassen, über spitzes Gestein der Aussichtskante zuzustreben, einige weitere Felsen im Meer so weit das Auge reicht, man dachte an den 200 km entfernten Muammar al Gaddhafi, das "enfant terrible", und man fühlte sich vor allem ganz weit weg von Europa. Ein bisschen wie auf Malta, frühmorgens bei den uralten neolithischen Monumenten von Haggar Quim (Hádschar Kím), wenn die Küstennebel die Klippen hochkriechen, die Waschküche sich entfaltet, ein wahrer Hexenzauber voller Mystik um den Steinkreis herum. Vergisst man nicht so schnell.
Auf Gavdos ist alles ein wenig prosaischer.

Auch Vatsianá entpuppt sich als kleine Streusiedlung. Steine, nichts als Steine. Aus ihnen sind die Häuser errichtet. Ockergelb, grau, steinfarben, kubisch. Mit Holzbalken dazwischen und Schafen und Hühnern vor dem Eingang. Beim ersten Besuch gab es noch das „südlichste Kafenío Europas“, von einem alten Ehepaar betrieben. Ich nahm es gerne an, als einziger Gast auf einen Frappé. Ein paar Jahre darauf war es zu, der Mann gestorben. Rückweg. Zurück über Kastrí, wieder in einigem Abstand am bescheiden dimensionierten Siemens–Sonnenkraftwerk vorbei.

Abgesehen von Besuchen zwischendurch am Saratschíniko–Strand begebe ich mich noch nicht ausgiebig an die Nordküste, sondern erst einmal an den südlichsten Strand Europas, bei Tripití gelegen, oder auch Alikí. Damals zumindest nur über den schmalen Wanderpfad von Vatsianá aus erreichbar. Von Kórfos aus geht es auf einem Pfad in Kehren durch Nadelwald steil hinauf, irgendwann kann man den Weg auch gut verlieren. Etwas vor dem Ortseingang von V. ist der Abzweig nach Südoost gut erkennbar. Ein zeitweise ziemlich jäher Abstieg, später. Es zieht sich ein wenig. Einmal komm ich sogar an einem Wasserloch vorbei, einer feuchten Stelle. Der Zauber des Südoststrandes ist inzwischen verflogen, ich weiß von den regelmäßigen Ausflugsbootsfahrten von Loutró, Kreta, her mit Picknick am Kiesstrand, veranstaltet von den Eignern des Hotels Porto Loutró. Alle Teilnehmer(innen) sind stets begeistert. Um die Ecke die bizarren Felsentore, ein weiterer Strand. Ein Eselreiter im Hintergrund.

Am Ende Europas. Was hört hier eigentlich auf? Was endet an dieser Stelle, an diesem Ort? Was würden wir hier sprichwörtlich zurücklassen, wenn die „Séllino“, das ehemalige US–Navy–Schnellboot, damals mit weißlichen, stinkenden Abgaswolken heckwärts und beidseitig, losstarten würde Richtung Cyrenaika und nordafrikanische Wüste und nicht mehr nach Soúja und Paleóchora zurückkehren?

Vielleicht ein Zivilisation, auf die wir alle stolz sein können, wenn wir ehrlich sind?
Die Homer hervorgebracht hat und den Odysseus, Aristoteles, den Plato, den Sokrates, Aischylos und Euripides. Galileo, Rogier van der Weyden, Theotokópoulo, Velázquez, Vermeer, Dürer, Vasari, Michelangelo Buonarroti, die Briten und den Britten, das Bukarester Bildungsbürgertum, Hans Hotter und Peter Pears, Turner, Blake, Shakespeare (den Unbekannten), Voltaire, Kant, Joseph Conrad, Peter Ustinov, Schiller(n), Goethe(n) – den Mineralienklauer, den Langfinger –, J. S. Bach und Glenn Gould und Thomas Bernhard, den weltoffenen Eremiten Robert Lax auf Patmos, den unvergleichlichen Mozart, Bruckner und Sergiu Celibidache (Sérdschu Tschelibidáke – klingt eigentlich kretisch, "Tschelibidákis", da haben wir's!), Alban Berg und seine Zivilisationskritik namens Lulu, die Fuge in all ihren Varianten, auch den weniger erkannten aber umso großartigeren von Bruckner in seinen späteren Symphonien, seinen Schüler und Bewunderer namens Gustav Mahler (am Wiener Konservatorium – für viele sind die beiden ein Gegensatz!), die Klarinette, Jörg Widmann, Haydn, Beethoven und ihre Streichquartette, Schubert und die in ihrer Stimmung ausgefeiltesten, traurigsten und nahegehendsten Klaviersonaten, Opernhäuser, Dieter Dorn und die Münchner Kammerspiele, jetzt Residenztheater, das Tanzquartier im Wiener „Museumsquartier“, den Kultur–Kaiser (den Joachim), den Kulturtourismus, meinen Schwager Gerhard, den Kultur–Philosophen, Krakau, Prag, Salzburg, Wien, Paris, London, Neuschwanstein, Versailles, die Eremitage, überhaupt ganz Petersburg, Dostojewski, Schostakowitsch, Prokoffiew, Dissidenten, Henze und I. Bachmann, Joyce und Yeats (Jäits), das Chanson, die Zarzuela – to mention just a few.
Oxford, Cambridge, Göttingen, Heidelberg, die Sorbonne, Padua, Bologna. Benedikt und Franziskus. Brecht und den „Don Giovanni“, dessen glühender Bewunderer er war. Augustiner, Jever, Beck’s, die unvergleichlichen Bamberger Gebräue, all die belgischen Starbiere dazu, die ich so gern im Vecchia Bruxelles in Venezia zu mir nehme, die wunderbaren englischen Real Ales, Guinness, Mythos und vor allem Alpha!!! Die unvergleichliche Weinauswahl, vom „Hock“, Mosel–Saar–Ruwer bis zum Samos(–Frangíkos–Ouzo?) und noch besseren Neusiedler–See–Süßwein, Ruster Ausbruch, Rosso di Montefalco, Wein–Piemont, die Langhe, Spaghetti, Gul(j)asch, Schnitzel, Owozni–Knedlik, Sauerkraut, steak-and-kidney pie! Hunderte verschiedener Brotsorten. Bioläden, ein soziales Sicherungssystem, Hochtechnologie, Airbus Industries. Eine Menge verkannter Genies ((– mich?, dich!)) Den Fußball in seiner wahren Heimat. Deutsche Newsgroups über Gott und die Welt, über Griechenland, mit englischem Namen und begabten Selbstdarstellern.
Auferstehungen und Requiems. Geniale Taube und brillante Hellhörige mit funkelnden Augen.

Irgendwann heißt es umkehren. Soll es nun sogar (bald?) eine Straße hierher geben, freien Zugang für alle? Ich werde sehen, sie vielleicht gehen, das nächste Mal. In dem Bewusstsein, wohin sie mich führt.

Wieder runter auf dem Geröllpfad durch den Forst, der irgendwann hinter dem Kórfos–Strand endet. Vorbei an der Quelle und den wenigen Zelten stapfe ich zum Kiesstrand vor und zu meiner Unterkunft hinauf. Ein bisschen anstrengend war es schon. Ich hab mich beim Aufstieg auch, wie mir vorhergesagt worden war, verlaufen, hab ungeduldig querfeldein abgekürzt, von Kreta her mehr als gewohnt. Hab es aber gut überstanden.

Abends wandere ich etwas vor Richtung der Wegkreuzung Karavé – Kastrí – Sarakíniko – Kórfos, bis kurz vor die Häuser, wo der kleine Hund zu bellen beginnt – eine andere Unterkunft, die von Pale aus buchbar ist.

Mir gegenüber ein Gutteil des nächtlichen westlichen Kretas, ein Koloss, ein Riesen–Wal, mit Lichtpunkten in seiner Flanke. Als halbstündige Nachtwanderung ist das Ganze unwiederbringlich schön in einer klaren Nacht – festgehaltene Augenblicke gesteigerten Erlebens in tiefer Ruhe, den Sand unter den Füßen. Man erkennt sogar die Scheinwerfer der Autos, die die Serpentinen von Chóra Sfakíon hinauf nach Anópoli fahren. Dazu die unglaublichen Pflanzendüfte und das Zikadengezirpe, und in ihrer Ruhe gestörte Ziegen hinter Wacholder. In absoluter Stille. Ein besonderes Glücksgefühl übermannt bzw. –fraut einen da ganz ungebremst.

Damit es nicht langweilig wird, schaut man täglich wenigstens einmal am Hafen vorbei. Hofft auf unvorhergesehene Schiffsankünfte, etwa von Fischkuttern, deren Besatzung es sich dann irgendwann draußen vor der neueren der beiden Kafenío–Tavernen bequem macht.
Meist wohnt jemand in den Zimmern nebenan, Leute, die man ebenfalls in der Taverne trifft.

Kommt aber tatsächlich eines der Linienboote aus Chóra Sfakíon oder Paleóchora an, trifft sich mit Ausnahme der ganz Alten fast gesamt Gavdos in Karavé schon eine Stunde vorher, das große Ereignis unausgesprochen vorzubereiten, oder erwartungsvoll zu diskutieren, im Vorhinein auszusitzen, es dann zu beobachten, Bestelltes abzuholen, Bekannte zu begrüßen und zu verabschieden. Und nicht zuletzt auch optisch Kontakt mit der weiten Welt aufzunehmen, ähnlich wie sich die Gastarbeiter der ersten Nachkriegsjahrzehnte gerne auf den Hauptbahnhöfen der Großstädte trafen, zufällig dann, wenn etwa der Akropolis– oder der Brennerexpress angesagt waren.
Die hübsche junge Deutsche, die sich öfters bei solchen Hafenereignissen zeigt, meist zusammen mit ihrem Angetrauten, ist eine hier Eingeheiratete aus dem Weiler Ámbelos, einer hübsch gelegenen Einöde, idyllisch anzuschaun, wenn man sich ihr, vorbei am zerschossenen Leuchtturm, auf der absolut unbefahrenen Staubstraße von Kastrí her genähert hat. Ob die Frau das noch lange ertragen wird? Ein paar Tage später sehe ich sie auf den Straßen Paleóchoras wieder, sie ist aus ihrer Inselenge für einige Zeit zu Freundinnen auf Kreta geflüchtet.

Als Tavernenwirtin am Saratschíniko betätigt sich eine hier hängen gebliebene junge Österreicherin zusammen mit ihrem griechischen Mann. Sie freut sich aufrichtig, als ich ihr die mitgebrachte Freytag & Berndt – Kretakarte aus dem Wiener Verlag zeige, zu jener Zeit die beste – inzwischen längst durch wesentlich genauere hoffnungslos ausgebootet. Von ihr erfahre ich, dass es 3 oder gar 4 hier verheiratete Ausländerinnen gibt. Heiratsfähige Griechinnen hätten auf der Insel absoluten Seltenheitswert. Das kommt romantisch veranlagten Aussteigerinnen aus Mitteleuropa verständlicherweise sehr entgegen.

Sarakíniko in der Nebensaison. Nur zwei Tavernen sind geöffnet, gelegentlich drei. Nur eine Hand voll Gäste haben sie insgesamt. Eine beruhigende Weitständigkeit und Weitläufigkeit bietet sich dem Besucher. Man nähert sich auf extrem sandiger Piste zwischen Nadelbäumen. ((Heute: Asphalt.)) Besonders nachts ratternde Dieselgeneratoren in kleinen Betonhäuschen verunzieren das unmittelbare Hinterland des großen Strandes. Lockerer Wacholderwald auf Sanddünen, dahinter, dazwischen die Müllhalden der Insel. Vom Wind verweht hat sich einiges davon in der Landschaft festgekrallt. Der Strand sieht ganz nett aus. Das nahe Schiffswrack ziemlich gefährlich.

Irgendwann versuche ich eine Strandwanderung nach West, erst auf einem Feldweg, bei einem allein stehenden verschlossenen Haus eine Abzweigung in die erwünschte Richtung.

Sand überall, Strandpflanzen, dann mehr und mehr Felsen dazwischen, direkt an der Uferlinie, kleine Pfützen mit trocknendem Meersalz. An vielen Stellen Teerklumpen, leider. Überreste von Strandsiedlern, Stangengehäuse ohne Planen, Plastikschlappen, verkohlte Feuerstellen, Abfall. Die Überbleibsel vergangener Sommer.
Weiter draußen das relativ flache Gavdopoúla, gänzlich unbewohnt, Heim seltener Schnecken.

Es ist schon spannend für mich, erstmals die Strände entlang nach Unbekannt–Nordwest vorzudringen. Insgeheim hoffe ich den Canyon zu erreichen, der vom Boot aus so großartig wirkte. But it’s a looooong way to Tipperary.

Oben liegt eine Kapelle (Ágios Ioánnis?). Es wird sehr eng am Meeresufer, ich muss gewagt auf Felsen balancieren, um nicht ins Wasser zu fallen. Scheint der einzige gangbare Weg zu sein. Mit großem Rucksack möchte ich das wirklich nicht machen. Als Belohnung öffnet sich der nächste hübsche Strand mit Hinterland dem Blick des Wanderers. Bald kommt eine Piste durch eine Art Talung von Südost her zum Meer herunter. Der Weg zieht sich, wie so oft.
Nun nähere ich mich einem felsigen Kap, davor ein anderer Strand. Querfeldein geht es im rechten Winkel weiter, bis um die Ecke ein weiterer kleinerer, später dann ein großer, tief drunten gelegener, von Klippen eingefasster Sandstrand erreicht ist. Ob das der „Canyon“ ist, der von See aus so großartig wirkte? Ich glaub es zunächst nicht, kommt mir zu mickrig vor.
Ich will noch weiter Richtung Ámbelos gehen, aber zugewickelte Gatter, versperrte Tore, Zäune verderben mir schließlich die Lust dazu. Beschluss, mich ein andermal vom Weiler A. her durchzuarbeiten.
Keinem Menschen bin ich seit Sarakíniko bisher begegnet, kaum zu glauben.


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Dreimal hab ich die Insel bisher besucht, das erste Mal war alles noch ungeteert, geradezu ein Traum von Ursprünglichkeit, tief zerrachelte Erosionspisten als „Straßen“, die drei Inseldörfer – Kastrí, Ámbelos (eher ein paar Häuser) und Vatsianá – verstaubt und wahrlich aus einer anderen Welt. Margaritas Mann in der zweiten Hafenkneipe in Karavé (dem Hafenweiler), der „Piratenbar“, war noch am Leben und sehr geschäftstüchtig, wenn auch zu bescheidenen Preisen. Die meisten jüngeren Mittouristen waren noch auf kleine Abenteuer aus, nicht auf 5–Sterne–Hotels wie heute, waren mit Wenigem zufrieden, dankbar für einen Typen wie Margaritas Mann mit dem Holzbein, der ein kleines Schatzinselfeeling gewährleistete.

Das zweite Mal, vielleicht zwei Jahre später, kam ich mit der „Séllino“ an, die von Paleóchora aus über Soúgia dahinlärmte und –qualmte, wo außer mir noch ein paar Leute, zustiegen. Unvergesslich die schneeweißen Rauchwolken beim Start, die beiderseits des Hecks aus den Auspuffslöchern aufstiegen und das ganze Schnellboot einschließlich der hustenden „Aufsassen“ einnebelten. Schnell ging es schon, aber soooo schnell wie der Kírios Lambakákis mit dem Schlürfgang und dem Spitzbauch in seinem Kafenío an der Großkreuzung von Pale einst vorausgesagt hatte („only one hour and 15 minutes“), nun auch wieder nicht. Sagen wir wohlwollend: daran war der Zwischenstopp schuld. Jedenfalls superbequem im Vergleich zur Kaikifahrt mit permanenter Gefahr, seekrank zu werden.

Viele der Passagiere machen nur einen Tagesausflug, sitzen die paar Stunden in wenig inspirierenden Karavé herum oder begeben sich wagemutig auf eine Traktortour ((heute: Bustour)) nach Sarakíniko, kehren am Spätnachmittag wieder zum Schiff und an die Südwestküste Kritis zurück. Unter den wenigen Übrigbleibenden einige Rucksackler–Pärchen, ein mittelaltes englisches Ehepaar und meine Wenigkeit. Letztere drei nehmen gleich Wohnsitz in den Zimmern am Hafen, in den neueren Rooms, zur Enttäuschung der netten alten Margaríta schräg gegenüber.

Ganz so ursprünglich ist es seit etwa 2 – 3 Jahren nicht mehr auf Europas südlichster (bewohnter – es gibt noch ein paar Felseilande weiter südlich) Insel, wie mir mein dritter Abstecher von Chóra Sfakíon her vor wenigen Jahren, schon nach der Millenniumsfeier, klarmachte. Der Kapitän, Theóphilos Tsirindánis (R.I.P – requiescat in pace), hatte zunächst offensichtlich verschlafen, übernahm dann aber souverän das Steuer, und die „Sophia“ erreichte nach etwa zweieinviertel Stunden Fahrt das Eiland.

Die EU hat kräftig bezuschusst, der Anleger ist sichtlich verbreitert und bietet jetzt auch den größeren Autofähren der ANENDYK eine Anlandemöglichkeit. Einiges ist überbreit asphaltiert, und sogar einen „neuen“ K.T.E.L.–Bus mit sehr nettem Fahrer gibt es nun: Ein älteres Modell, der Bus, versteht sich, aus Chaniá, Kreta, importiert. Aber der Fahrer war sogar bereit, gegen ein geringes Entgelt Sonderfahrten anzubieten.

Unterkunft ist weiterhin vorhanden schon am Hafenweiler Karavé, ferner etwa 300 m darüber, etwas zurückversetzt von der Straße, dann am Sarakíniko–Strand, am Kórfos–Strand u. direkt darüber, sowie kurz vor Korfos eine Abzweigung hoch zu einem Weiler mit relativ neuen Häusern (Schild: „Metóchi“).

Hinzu kamen neuerdings die Unterkünfte der Gemeinde im „Hauptort“ Kastrí und eine am Busendhalt westlich vom Sarakíniko Beach.

Es empfiehlt sich, einen Vorrat an Obst u. evtl. frisches Brot (für wenigstens 1, 2 Tage) mitzunehmen. Ich erinnere mich an das stets gereichte alte, verhärtende bzw. verschlabbernde Weißbrot, das aufgebraucht werden musste, auch wenn frischer Nachschub aus Paleóchora oder der Sfakiá schon eingetroffen war. Die Insel hat längst keinen Bäcker mehr. Ansonsten reichen die paar Tavernen aus, im Herbst und Winter die eine, immer geöffnete, im Hafenweiler. In den landein gelegenen Dörfern ab Kastrí gibt es meines Wissens nun gar keine Essens– und Einkaufsmöglichkeiten mehr. Also bei Wanderungen immer Proviant mitnehmen.

Man könnte leicht die Krise bekommen, wenn auf Gavdos relativ wenig los ist, also zumindest in den Nebenmonaten (bis Juni und ab Oktober). Melancholisch kann es dort schon werden. Am Nebentisch werden zumindest unten am Hafen von Karavé einige Bau(gast)arbeiter oder angelandete Fischer sitzen. Bei nur wenig Besuchern sind die Zufallsbekanntschaften umso interessanter. Eine Frau aus Milano, ein Ehepaar aus Britain, einige Franzosen, die seit einigen Jahren ortsansässigen Russen, usw.

Einige der Strände sind recht schön, doch mit Teerklumpen und –klümpchen (die Tankerrouten führen an Gavdos vorbei) ist auf manchen leider schon grundsätzlich zu rechnen, insbesondere am Sarakíniko–Strand u. weiter westlich. Übernachten unter Bäumen in einer Dünenlandschaft mit Wacholdersträuchen bietet sich an. Idyllisch und ökonomisch. Trotz etlicher Zimmer, die trotz größten Wassermangels errichtet wurden. Der Korfos–Strand: das Kiesreservoir für Bauvorhaben.

Problematisch sind ab etwa Mitte Oktober die Schiffsverbindungen nach Gavdos.
Die bequeme und kürzere Strecke von Chóra Sfakion aus (Sa., So. im Hochsommer auch Fr. und sogar Do., so um 10 Uhr rum), noch kürzlich mit dem leider sehr überraschend und viel zu jung verstorbenen Inselbürgermeister Theóphilos Tsirintánis als Schiffskapitän, gibt es dann m. W. nicht mehr. Es geht im Winterhalbjahr nur mehr von Paleóchora aus. Gelegentlich kommt als willkommene Abwechslung im trägen Inselalltag während der Saison noch ein sehr schnell fahrendes Ausflugsboot von Agía Galíni herüber, aber das nur bei Touristen–Bedarf dort.
Man kann immer bei gtp.gr im Web nachsehen (PAL – GVD). Zumindest 2 Fahrten wöchentlich, auch wegen der Versorgung mit Lebensmitteln und Post ab "Paleochóra" (wie es amtlich heißt), sollte es bei akzeptablem Wetter auch im Winterhalbjahr geben – auch wenn das nicht im Internet explizit wird. Bei Schlechtwetter werden diese Überfahrten verlegt oder fallen ganz aus.

Quartiere sind kein Problem. Da wird man auch meist bekocht, wenn auch, wie gesagt, frisches Brot immer erst serviert wird, nachdem das alte aufgebraucht ist. Das bedeutet: fast immer altes. Gleich am winzigen Hafen gibt es ein relativ empfehlenswertes Quartier: von See aus gesehen halbrechts, mit Taverne, ist besser als die Zimmer der alten Margarita (ebenfalls mit Terrassen–Taverne) halblinks – von See aus gesehen. Nichts gegen die wirklich liebe alte Dame, aber etwas versifft ist es halt inzwischen bei ihr, jetzt, da der berühmte Holzbein–Gatte seit Jahren tot ist und sie gealtert. Deshalb besser rechts halten und links nur was trinken.

Wohnt man hier am winzigen Hafen von Karavé, kriegt man alles Wichtige mit, besonders das Allerwichtigste: die Schiffsankünfte. Ruhiger und sicherlich idyllischer ist es natürlich am Sarakíniko–Strand oder weiter landein.

Spätestens ab Mitte Oktober wird es recht einsam. Die paar Einwohner haben dann kaum noch Gäste – es sei denn, eine Schweizer oder niederländische Wandergruppe hat sich angesagt.

Am Hafen treffen sich dann hauptsächlich die Arbeiter, Maurer usw., und die wollen ja auch essen. Ansonsten war bisher das Essensangebot etwas eingeschränkt, und es gab auch keinen üblichen Minimarkt, nur in der Hafentaverne ein äußerst bescheidenes Lebensmittelangebot à la abgespecktem Krämerladen. Es empfiehlt sich also, den Lieblingswein aus Kreta (flaschenweise) mitzubringen.

Zu viel Komfort zu erwarten auf Gavdos, das wäre grundfalsch, und es wird noch ein paar Jährchen dauern, bis es so weit ist mit den üblichen Annehmlichkeiten. Genau das macht ja auch den gesteigerten Reiz dieser Insel aus – einmal zwei oder drei oder vier Gänge zurückzuschalten.

Ach, motorisierte Zweiräder sind inzwischen schon mietbar, und ein paar Autos. Gávdos holt auf!


Copyright puchheim = MartinPUC, Oktober 2004, August 2006



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