Teil 8: Ein paar Tage Kálimnos
Copyright puchheim = MartinPUC, Februar/März 2011


Den morgendlichen Gang zum Frühstück draußen vor dem alten Teil der Villa Melína verzögere ich um eine gute halbe Stunde, da ich A(n)dóni, den Eigner, mit einem jüngeren und einem älteren Griechen zusammensitzen sehe und die angeregt miteinander parlierende Privatrunde ungern stören will. Sie gucken immer wieder zu mir auf meinen Balkon hinter, irgendwann werde ich per Zuruf aufgefordert, doch endlich zu Ihnen kommen.

Der jüngere Tischgenosse entpuppt sich als deutscher Dodekanesreisender, der ältere als ein alter Freund der Familie, der als Grieche selber längere Zeit in Deutschland verbracht hat und nun auf Kurzbesuch vorbeischaut. Sein Deutsch ist fast makellos.
Auch diesmal erscheinen noch weitere Nationalitäten zum Frühstücksbuffet – leider sind wir so spät dran, dass alles schon ziemlich „ausgemistet“ ist. Aber mit Andóni als Tischgenosse ist jedes Frühstück ein Genuss.
Irgendwann nimmt mich der nette Kerl zur Seite und fordert mich auf, am Abend seine Familie zu einem „Jazzkonzert“ (eine gewagte Behauptung) zu begleiten, er habe gerade noch eine Karte übrig und würde mich gerne einladen. Wahnsinn!, da sag ich nicht Nein.

Anschließend erfolgt meine Wiedersehensfeier mit der Stadt Póthia. Diesem lebendigen, schönen Hafenort, der sich weit das Tal hinauf ergießt und der im Bereich seiner langen Geschäftsstraßen von Jahr zu Jahr sauberer, „cleaner“ und wieder ein Stück moderner wirkt. Alte Bausubstanz und idyllische Ecken sind freilich noch zuhauf vorhanden. Wenn man in die oberen Viertel eindringt, fühlt man sich als Fremder fast fehl am Platz, so ursprünglich und intim erscheinen sie einem.

Bald fällt mir auf, dass an der Stelle, wo sich bisher das Lokal des alten Grigóri befand, also an der Einmündung der Straße aus dem Inselinneren und –norden in die Uferpromenade am Hafen, gleich neben der Nationalbank, sich nun ein neueres, gepflegteres Restaurant trotz all des Verkehrslärms etabliert hat. Als ich dort zum ersten Mal esse, erklärt mir der Wirt bereitwillig, wo ich den alten Grigóri nun finde: Er ist an die mittlere Uferpromenade weitergezogen, hat das letzte einfache Kafenío hinten bei dem prachtvollen italienischen Gebäude der Inselverwaltung übernommen, sich zwar verkleinert, aber durchaus noch nicht aufgegeben.
Wenn ich schon da bin, probier ich gleich mal das neue Restaurant aus. Ein Volltreffer! Echt leckere Kost zu nicht überzogenen Preisen. Andónis sagt mir später, für ihn gebe es kein besseres Speiselokal auf der Insel als dieses.

Beim Grigóri schau ich dann am frühen Abend vorbei. Wenige Alte sind zugegen, konsumieren an den paar einfachen Tischen draußen kaum mehr als einen Kafedáki oder eine Limo.
Es ist schön, den Wirt noch gesund und munter zu erleben. Drinnen im recht beengten Innenraum entdecke ich in einer Schüssel die von mir so geschätzten Tintenfischbeine, so arg verdorrt und zusammengeschrumpelt sie auch aussehen mögen.

Grigóris Hauptsorge ist – nach dem Tod seines Bruders – nun die eigene Gesundheit. Regelmäßig verzehrt er frische Gartenkräuter und ernährt sich sehr bewusst, um im Alter weiterhin fit zu bleiben. Seinen Humor hat er sich erhalten, sein Englisch reicht mühelos für die Kommunikation mit des Griechischen unkundigen Touristen.
Ich liebe es zu sitzen und einfach zuzuschauen, die Passanten vorbeiziehen, den Straßenverkehr in einiger Entfernung vorbeirollen zu lassen, dahinter das eine oder andere Boot anlanden oder ablegen zu sehen, den Trubel und das Stimmengewirr in mir aufzunehmen. Diese Stadt ist mir seit Langem ans Herz gewachsen. Ich mache noch einen Schlenker zum Fährhafen. Was fürs Zimmer einkaufen, die Gässchen hochsteigen, zurück in der Villa. Vereinbare eine Uhrzeit, zu der wir zu dem Konzert aufbrechen.


Das Konzert

Der eigentliche Aufbruch gestaltet sich zu einem ersten Kennenlernen der Großfamilie von Andóni und seiner Frau Themelína. Während Andónis natürlich mit seinem Moped nachkommt, spaziere ich zusammen mit der Frau, der Tochter und anderen Verwandten durch verwinkelte Straßen hügelabwärts, um schließlich beim versteckt gelegenen städtischen Theater (στο Θεατράκι του Δήμου) zu landen. Das Töchterchen unterhielt sich mit mir in astreinem Deutsch – sie haben es alle nicht verlernt, scheinen mit einem Bein noch in Aachen zu stehen.

Im Saal werden mir weitere Verwandte vorgestellt. Neben mir kommt ein etwa 13–jähriger Junge zu sitzen, dessen Intelligenz und Sprachgewandtheit mich sogleich in den Bann zieht. Er will sich unbedingt auf Englisch mit mir unterhalten, gibt mir keine Chance, mein Griechisch zu üben, lobt die Englischlehrer seines Gymnasiums (!), als ich ihm ein Kompliment zu seinem guten Englisch mache. Das Auslandsstudium hat er schon geplant, es wird wohl in London stattfinden. Dem Konzert fiebert er geradezu entgegen, da er selber Gitarre spielen lernt und ihm der heutige Gitarren–Star von seinem Musiklehrer wärmstens empfohlen wurde. Das Bübchen war in seiner Vorfreude unter den Ersten im Saal, um sich einen guten Platz in den vorderen Reihen zu sichern. Bei der ersten Gelegenheit flüstere ich Andóni meine Begeisterung über dieses vielversprechende junge Mitglied seiner Sippe ins Ohr.

Wie üblich, dauert es länger, bis sich der Saal gefüllt hat, das gesellschaftliche Ereignis wird schon vor seinem Beginn ausgiebig zelebriert. Endlich gehen die Spots an, die Musikerformation tritt auf die Bühne – erst einmal zu dritt, ohne Sängerin. Auf meiner Eintrittskarte steht als Name der Band Ανοικτές Θάλασσες (Offene Meere). Sie besteht aus: 1. Jánnis Jakoumákis, klassische Gitarre, der wohl aus Rhodos stammt; 2. Vangélis Kondópoulos, elektrischer Kontrabass; 3. Dimítris Panajoúlias, Kroustá (kleine Handtrommel); und schließlich 4. Matína (ohne „r“!) Mástora, Gesang, m. W. aus Athen.
Sie spielen schon eine Art Jazz, jedoch auf eine ganz spezielle, griechische Weise, mit deutlichen Anflügen des Ausbrechens hin zur Volksmusik. Es sind echte Profis, nichts Zweitklassiges wird da geboten.

Als die junge, langhaarige, bildhübsche Sängerin nach einigen Stücken auf die Bühne tritt, werden die Verstärker auf viel Hall eingestellt – ohne das geht es in GR wohl nicht. Aber keine Angst, das Ganze entartet keineswegs bereits nach wenigen Takten zu einer breiigen, gnadenlos verhallten Klangsuppe à la mittlerer Karajan.
Ist schon der Gitarrist ein Könner seines Fachs, das Kontrabass–Instrument ein Anblick für die Götter, da es vollkommen des gewohnten bauchigen Korpus entbehrt und sozusagen auf sein wesentliches mittleres Gerüst reduziert ist, so läuft es einem bei diesem Gesang bald kalt den Rücken runter, denn diese Sängerin hat eine überirdisch schöne Stimme.
Der Hall verstärkt die langen, schmachtenden Töne, die Stimme ist fest und zart zugleich, ein ganz besonderer Mix. Das Ergebnis ist alles andere als Kitsch – man muss es gehört haben!
Im zweiten Teil des pausenlosen Konzertes mit lockerer Fluktuation der Gäste driftet der „Jazz“ immer weiter hin zur Folk Music ab, sodass der ganze Saal in bester Stimmung bei bekannten griechischen Liedern mitsingen kann. Die Band geht wirklich voll auf das Publikum ein – so soll es sein!

Nun bin ich Andóni echt dankbar für die Einladung. Leider wird der Hotelier nach einiger Zeit unruhig, verlässt den Saal. Es hat sich für eine spätere Stunde noch ein Gast für die Villa Melína angekündigt, und als Andónis zurück ist, ist dieser Gast von Níssiros her angekommen. Der Sohn der Familie hat der Deutschen prompt das falsche Zimmer gegeben, trotz eindeutiger Anweisungen. So ist die Frau in einem besonders hübschen Teil im ersten Stock gleich zu Beginn der neueren Bauten hinter der eigentlichen Villa zu wohnen gekommen, in einem herrlichen Appartement ohne Fehl und Tadel. Da ich der Dame wegen meiner Internet–Aktivitäten ein Begriff bin, solle ich sie doch gleich begrüßen. So opfere ich das letzte Drittel des tollen Konzerts, finde besagtes Zimmer aber verlassen. Umsonst also, das Opfer. Eine langer nächtlicher Abstecher an die gut besetzte Hafenfront beschließt diesen erlebnisreichen 14. Mai.
Tags darauf lernt man sich dann in fröhlicher Frühstücksrunde kennen. Eine gemeinsame Wanderung wird vereinbart.


Wandertag

Keine besonders lange Route haben wir uns vorgenommen, nur den „Italienischen Pfad“ aus der Stadt hinaus auf die östliche Bergumrandung und hinüber ins Tal von Vathí. Die klassische Tour, wenn man wenigstens irgendeine Wanderung auf Kálimno absolvieren möchte – und bestimmt nicht die schlechteste, da landschaftlich sehr reizvoll. Der An– und Abstieg haben es aber für weniger Geübte durchaus in sich.
Da ich den Weg von früher her bereits kenne und geschildert habe, hier nur einiges Weniges. Die wohl einmal neu aufzustellenden dunkelbraunen Telefonmasten liegen nach Jahren immer noch ungenutzt direkt am Weg kurz vor Beginn des Abstiegs herum und warten frustriert auf ihre Bestimmung.
Einige Stellen beim Runterwandern hoch über Plátanos sind so geröllig, dass man leicht ausrutscht.
Die Aussicht erst über die Stadt Póthia und später über die ausgedehnte, relativ grüne Talung und die östlichen Berge der Insel ist nach wie vor vom Feinsten. Das ebene Zwischenstück auf der Höhe gefällt mir auch sehr, obwohl es sich auf dem grob gepflasterten Weg mit teils spitzen Steinen nicht besonders gut geht.
Will man nicht die Standardroute Richtung Rína, der Hafensiedlung mit ihren schlauchartigen Bucht, gehen, sondern Richtung Dorfplatz von Plátanos, bedarf es erst einiger Suche nach dem richtigen Weg, wenn man unten im Tal angekommen ist.
Nach etwas Herumirren laufen wir letztendlich glücklich auf der Platía des Dörfchens Plátanos ein. Leider kein Markt heute, also keine guten Loukoumádhes. Zumindest die Einkehr in der Taverne unweit der riesigen Platanen bietet sich an. Ein bisschen schlemmen.

Dann geht es weiter zu Fuß auf engem Sträßchen zwischen durch Steinmauern geschützten Gärten und Obstplantagen bis Rína, dem Hafen von Vathí. Ein bisschen rumwandern, bis hinter zu den Süßwasserfischen, dann eine Erfrischung im Café. Klar haben wir die Pension von Manóli auch gesehen, es schienen wieder nicht viele Gäste dort zu sein.

Den Bus zurück nach Póthia steuert Jánnis, ein Bruder von Andónis’ Frau, der mich nicht vergessen hat. Man erkennt sich gegenseitig wieder.


Spaziergang im Glück

Immer wieder gerne durchstreife ich vom Ostende des Fischerhafens aus das östliche Hangviertel von Póthia.

Erst ein Umweg vom Uferkai aus die Mole meerwärts entlang, frisch gefangener Fisch wird ausgeladen, das Café für die Schuppentierbändiger macht einen anheimelnden Eindruck. Eine sehr authentische Ecke! So urig wie Radio Megalónisos, Réthimno, samstags zwischen 6 und 7 Uhr (OEZ) abends, übers Internet schön zu empfangen.

Dann heißt es die Uferstraße zu queren. Eintritt ins Viertel Ágios Stéfanos mit seiner auffallend hellen bekuppelten Kirche, der Namengeberin mit vielfach durchbrochenem Kampanile – diesmal nicht frei stehend. Eine Gruppe älterer Frauen auf einen Plausch auf dem Platz, eine spricht mich auf Französisch an.
Immer geht es aufwärts oder bergab, selten eben dahin. Alles reihenförmig in die Höhe gestaffelt. Pflasterähnliches, sieht aus wie in Mustern bemalter Beton, manchmal blau oder weiß gestrichene Treppenstufen. Dezente Farbtöne der Häuser, weniger Grelles, eine bunte Mischung, doch auch Weiß mit aufgemalten blauen Rahmenbalken. Unten nicht selten Naturstein, oben verputzt. Ab und zu hübsch gemauerte Säulchenbalkone und eiserne spiralige Treppchen, und Zierbüsche in voller Blüte. Enge Straßen, Kindergeschrei, vereinzelt Radiolärm, das Klopfen von Bauarbeitern, dahinschlürfende Sandalen, das Tappen von Fußtritten. Schmiedeeisernes, Drahtgitter. Eine Palme hängt über den Weg herein. Einmal durchquere ich eine Fußballpartie in der Gasse. Wie nah doch der karge Fels hinter den letzten bergwärtigen Häuserreihen emporragt – so viele kleine Durchblicke. Anflug von Abendgold auf Häusern und Stein am späten Nachmittag.
Unten das weite, molenumarmte Hafenbecken, am Kai fast nichts als kleine Fischerboote. Oben die eine oder andere Kapelle im Fels, noch fast in der Stadt.

Am frühen Abend reicht mir Themelína einen Teller selbstgemachter Dolmádhes. Sie schmecken so fein, wie man es nur von einer Superköchin erwarten kann. Eine echt nette Geste von der ansonsten recht zurückhaltenden Gattin eines absolut sozial eingestellten Philanthropen.

Morgen also per Schnellboot nach Rhódos! Insgesamt 4 Nächte auf Kálimno sollen diesmal genügen.

Copyright puchheim = MartinPUC, Februar/März 2011

Zwischenstation Rhódos



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