Teil 10: Ein Schlenker nach Kastel(l)órizo
Copyright puchheim = MartinPUC, Mai/Juni 2011


Als dreifacher Wiederholungstäter in Sachen Megísti seh ich dem erneuten Besuch der entlegenen Insel mit freudiger Erwartung entgegen. Immer wieder aufregend, eine Schiffspassage durch Gewässer, die gar nicht mehr zur Ägäis gehören und die immer dichter an südtürkische Gestade heranführt.
Ein „Routinier“ möchte vielleicht bemerken, die ca. 5 Stunden auf der Protéfs/Protéas lassen notgedrungen etwas Langeweile aufkommen.
Doch keineswegs ist das so, denn erstens reist eine sehr nette Exilgriechenfamilie aus Australien mit, deren englische Konversation man drinnen im Salóni mitverfolgen kann, zweitens fesseln mich die via Bordfernsehen in aller Ausführlichkeit und in Tabellenform übertragenen Schockberichte über die gerade anstehenden griechischen Lohn- und Rentenkürzungen (vom Typ „vorher – nachher“, ein echter Schock!) und drittens wird das Wetter immer schlechter, oder besser gesagt: der Seegang nimmt kontinuierlich an Intensität zu.

Zum Glück für mich zur Seekrankheit neigenden Ägäis-Fan ist die Protéfs um einiges größer als etwa die liebenswerte Kykladenschaukel namens Skopelítis, aber im Vergleich zu den richtig Großen der Branche immer noch ein kleineres Gefährt. Doch letztlich bin ich auf meine Tagesform angewiesen, wenn es ums Schlechtwerden auf Schiffsplanken geht. Heute bin ich tatsächlich in Topform!
Es wird eine lustige Schaukelpartie, man glaubt gar nicht, was der Mensch so alles aushält, wenn die Götter ihm wohlgesinnt sind. Phänomenal, das Rollen, diese Drehung, dieses Schwanken um die Längsachse. Dazu noch die Nick- und Gierachsenbewegungen – normalerweise ist mir das in dieser Intensität viel zu viel.
Alle heutigen Ankömmlinge auf Kastelórizo sollten noch zwei Tage später von mitfühlenden Insulanern auf ihre abenteuerliche Überfahrt angesprochen werden.

Nach der Ankunft parke ich mein Gepäck unter den Bögen der alten Fischhalle und trinke erst mal was. Dann mach ich mich die Uferpromenade entlang auf bis zum Café Remézzo, wo ich um die Ecke biege. Hinter der Kirche links stehen zwei kleine „Hotels“, und im ersten wird gerade gearbeitet. Dort finde ich fast gleichzeitig mit einer schick gekleideten Deutschen (die ich später im Radio-Café an den Computern wiederentdecken sollte) ein wunderschönes Studio, das mir der sehr freundliche Besitzer (ist es vielleicht der Konditor???) für 30 Euro pro Nacht überlässt.
Da die Deutsche wohl Wert auf einen sehr eingegrenzten Seeblick durch die lange Gasse legte, bekomme ich „nur“ eines der beiden Zimmer hintenraus – und das sollte eher ein Gewinn sein. Oasengleich präsentiert sich ein herrlich grüner Garten mit Vogelgezwitscher, einem riesigen Zitronenbaum und anderen Großgewächsen meinen entzückten Augen. Und ich blicke von meinem Balkon aus direkt rüber zur recht angestaubt und alt erscheinenden Kirche des Ágios Merkoúrios, einer Wohltat für die Seele. Darüber die jäh hochragende Steilstufe, die das Inselinnere hoch über dem unteren Siedlungsbereich gegen eine größere Erschließung abschirmt. Wahnsinn, was ich da aus reiner Neugier auf was Neues entdeckt habe! Unvergleichlich schöner als meine bisherigen Unterkünfte in Megísti.

Die zwei Tage auf der Insel faulenze ich vielleicht etwas zu viel, halte mich sehr gerne an den Ufertischen des Café Remezzo auf, schaue dort stundenlang einfach zu, lasse mich von der bezaubernden australischen Verwandtschaft der Besitzersfamilie faszinieren. Barbara, die Mutter und Café-Betreiberin, ist ein echtes Unikum mit einer rauen, eher männlichen Stimme und einem ungebrochenen Optimismus. Der zeigt sich z.B., wenn es darum geht, ob denn nun auch die Schiffe nach Kastelórizo bestreikt würden, ist ja schließlich Generalstreik. „Kastelórizo no strike!!!“, tönt es einem dann lautstark in absoluter Gewissheit entgegen. Hier muss man sich einfach wohlfühlen. Sie konnte ja nicht wissen, dass wenige Monate später die Protéas nicht mehr dreimal die Woche nach Megísti kommen sollte, nein: gar nicht mehr, da ANES pleiteging.

Ohne die Rundwanderung oben auf dem Plateau und dann die Teerstraße vom Flugplatz zurück geht es natürlich nicht, das zumindest muss schon sein. So steige ich also die vielen Stufen hinauf, inmitten eines Blumenmeers, und schau, oben angelangt, mal wieder über die an einer Stelle ziemlich beschädigte Ummauerung des verlassenen Ágios-Geórgios-Klosters in den Innenhof. Ein beschaulicher Ort, den man gerne umrundet, sich irgendwo hinsetzt und seine Blicke über die zerklüftete Kalkplattenlandschaft schweifen lässt.
Dann erreicht man eine breite Piste, wandert etwas bergauf vorbei an neu geschobenen und ausgehobenen Geschützstellungen – die Geschütze befinden sich allerdings alle in der Kaserne über dem Hafenort.
Schon begucken mich die Wachsoldaten dort oben auf dem mit Sendemasten und Antennen bestückten Vígla. Auf dem schmalen Teersträßchen erreiche ich den Sattel, sehe bald darauf die diversen Kapellen und dann einen Teil der Flughafenpiste. Auf der Zufahrtsstraße zum „Airport“ geh ich nordwärts und blicke bald über die nördlichen Inselabhänge runter aufs Meer und rüber nach Tourkía.
Von der Straße nach Kastelórizo-Ort aus hat man einen schönen Tiefblick auf das im Kasernenhof geparkte Waffenarsenal – es würde im Bedarfsfall nicht ausreichen. Dann kommt man direkt am Kasernentor vorbei, wird misstrauisch gemustert. Von hier aus hat man die Wahl, die Abkürzung zu gehen, oder einfach weiter die Straße hinunter. Es ist nicht mehr weit in den Ort.

Auch ein Streifzug nach und durch Mandhráki, den recht tristen rückwärtigen Ort, steht auf meinem Programm. Erst den Steig vorbei am Lykischen Grab nehmen, dann runter zum Fußballplatz. Dann wieder das Sträßchen hoch Richtung oberer Inselhauptkirche.

Leider ist Leslie, die Amerikanerin und Fotografin, die sich auf dieser Höhe ein altes inseltypisches Haus von einem Maurer aus Léros so schön renovieren ließ, nicht mehr anwesend. Sie pflegt jetzt ihre Mutter in den Staaten. Such ist life.

Ein Treppenweg führt wieder hinunter in den Hafenbereich. Abwechselnd isst man in der einen oder anderen Taverne, nicht selten als einziger Gast, wenn es nicht gerade später Abend ist. Die Einheimischen haben sich in das einfache Ecklokal hinter dem alten Fischmarkt zurückgezogen, das von einem Jórgos, wo man besonders preiswert isst und auch die üblichen kleineren Stopfgerichte erhältlich sind. Vorne an der Uferfront wäre es vielen wohl schon zu teuer, und man kann ja schließlich auch zu Hause groß kochen, beim abendlichen Ausgehen dann eben nur einen Snack zu sich nehmen.

Doch gerade an der Ufermeile ist es besonders interessant zu sitzen und zu schauen. So herrlich in allen möglichen Farben bemalte Kaíkis, so nette Fischersleute, von denen ein paar ganz gut Deutsch sprechen. In der Nähe des Radio-Cafés esse ich in der kleinen Taverne bei der netten Wirtin, ihr Mann ist Fischer. Auch dem Tavernchen ein kurzes Stück weiter südlich erweise ich die Ehre.
Und nicht zuletzt dem Little Paris, das nun weg vom Uferkai an den größeren Platz kurz vor den teureren Hotels umgezogen ist. Zwar steht die alte Margó noch zusammen mit anderen in der Küche, und auch der alte Jórgos hilft weiterhin kräftig mit, aber betrieben wird der Laden nun von beider Tochter. Die ist zwar sehr sympathisch, das Essen kann aber leider nicht mehr so ganz mithalten. Selbst der bei Jórgos bestellte Loútzos, dieser längliche Seehecht, ist nicht mehr von der Frische, wie ich sie von früher her kenne. Für mich echt schade. Nichtsdestotrotz füllt sich das Lokal an den Abenden mit einer eben angekommenen griechischen Reisegruppe aus Athen, die wohl auch in den Zimmern von Jórgos Quartier genommen hat.

Im Radio-Café geht es immer besonders cool zu, aus meiner Sicht ein bisschen untypisch für Kastelórizo. An mehreren bereitgestellten Notebooks sitzen schweigende Touristinnen und –isten, sodass ich lieber draußen Platz nehme, wo es eher zu einem Schwatz mit dem sehr netten Wirt kommt. Wer die letzten Strahlen der Abendsonne genießen will, ist hier richtig.

Ein Künstlerpaar ist mir besonders aufgefallen, man trifft es häufig im Radio-Café an. Sie wirken nicht gerade reich und bewohnen ein Zelt, das über die Terrasse des Hotels Megísti, dann weiter auf einem Fußpfad durch die Oliven, erreichbar ist. Ihr Ausstellungsraum ist ein großes Tonnengewölbe, wohl eine frühere Kapelle, direkt am Meer unweit ihres Zeltes, ein Gewölbe das, wie sie mir sagten, zuvor als Öllager genutzt worden war. Ein echt idyllischer Platz, wenn auch die Gemälde der Deutschen schon sehr zu wünschen übrig lassen, während die Skulpturen des Griechen von geradezu erstklassiger Qualität sind – einige von ihnen stehen in der Landschaft verteilt. Ich möchte den beiden eine kleine Freude bereiten und stelle ein Geschenkpaket zusammen, platziere es vor ihrem Zelt, schreib was auf Griechisch dazu.

Irgendwann werden wieder diese Wimpelreihen einige Straßenteile entlang aufgespannt. Der Inselhauptheilige hat tags darauf sein Fest. Deshalb also wurden die zwei großen Kirchen einigermaßen schön hergerichtet. Und aus der Protéas, die ich zurück nach Rhodos nehme, steigt der Bischof dieser Region, wird von zwei einfachen Priestern willkommen geheißen und im Auto abtransportiert. Der Dhespótis wird diesmal also am Inselfest teilnehmen. Zwei Tage darauf sehe ich ihn zufällig wieder, als er mit der Dhodekánisos Express aus Kastelórizo zurückkommt.

Es waren auch für mich nur zwei Tage auf der Insel, doch ich habe sie sehr genossen.

Abends Rückfahrt auf der Protéas. Wieder diese erstaunliche Lichtinsel mit Dauerlicht mitten im Meer nicht mehr allzu weit von Rhódos. Ob es wohl ein Leitlicht für die Schifffahrt ist?
Spätabends Ankunft im neuen Fährhafen. Ich nehme eines der wenigen Taxis bis zum Stadttor in der Nähe meiner Altstadt-Unterkunft und freue mich auf meine anschließende Nachtrunde.

Copyright puchheim = MartinPUC, Mai/Juni 2011

Zum Schluss noch einmal Rhódos



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