Teil 9: Zu Fuß nach Keratsíni
Copyright puchheim = MartinPUC, September 2008


Nach Piräus

Lustig, Donoússa so bald wiederzusehen! Dabei geht alles ganz schnell, rucki–zucki, schon ist sie wieder in Fahrt, die Blue Star Paros, an diesem 29. Mai. Bekannte Gesichter vor Nikítas' Kafenío entschwinden im Nu, auch das eine unsympathische.
Der zweite Morgenkaffee, von der Bar im Heckbereich. Eine gute Halbumrundung der Insel Náxos gegen den Uhrzeigersinn. Ab Apóllona pass ich besser auf, mustere die vorüberziehende Küste mit ihren zahllosen, tief eingeschnittenen Tälchen und Tälern. Für das Faneroménis–Kloster ist es bereits zu dunstig, oder verhindert eher das gleißende Vormittagslicht tiefere Einblicke ins Hinterland? Die Sonne sticht schmerzend herunter, trotz der morgendlichen Uhrzeit.
Wir nähern uns der vertrauten Stadt, dem Tempeltor.

Hundert Leute wenigstens haben wir bestimmt aufgenommen, es geht rüber nach Páros. Riesengroß die Bucht von Náoussa, inzwischen ist sie ganz schön verbaut, ein weißes Häusermeer glänzt zu uns heraus.
Anlegen vor der Windmühle in Parikiá. Eine Highspeed–Fähre von Hellenic Seaways kommt fast gleichzeitig mit uns an, muss weiter draußen eine Zeit lang warten.
Wie unendlich lange ich nicht mehr auf Páros war. Das letzte Mal hab ich die damals vom Tourismus verlassene Insel an einem sehr kühlen (kalendermäßig) frühen Apriltag in den Neunzigern aufgesucht, hab es wegen der niedrigen Temperaturen nicht lang dort ausgehalten und bin nach Kreta weitergeschippert.

Nach Paros breitet sich ein bunteres Völkchen an Bord aus, die ausgesprochenen Paros–Fans bereichern die Szene.
Irgendwo bei Sífnos oder Kíthnos begegnen sich die beiden Schwesterschiffe – kommt uns die Blue Star Naxos von Piräus her auf ihrem Weg nach Thíra entgegen. Tuuuuut!, oder eher: Tääääät! – Das Tuten dieser Schiffe tönt nicht gerade in vollem Bass, klingt eher ziemlich schmalbrüstig.
Man kommt allmählich in die träge Seefahrtstimmung, sitzt herum, ich ganz oben und vorne, mit Fahrtwind im Gesicht, wenn ich meinen Stuhl aus dem Windschatten der vorderen Schutzfensterfront rücke. Eine griechische Runde älterer Semester unterhält sich hinter mir, jüngere Touristinnen und –risten schlafen der Länge nach hingestreckt auf den wenigen dafür geeigneten Flächen. Mitten in dieser dösigen Stimmung taucht plötzlich die Prévelis von ANEK (früher von Rethimniakí, der ehemaligen Schifffahrtsgesellschaft der kretischen Provinz Réthimno) als Gegenverkehr auf; fuhr sie früher ausschließlich die Route Piräus – Réthimno, so verkehrt sie heutzutage auf der Hauptkykladenroute nach Sandoríni.
Ihr mächtiger, breiter frontaler Aufbau ist beeindruckend, ein hübsches Schiff mit seinen gelben und blauen Streifen auf weißem Grund. Und: kretische Küche! Na und wir, WIR haben das triste, fantasielose Goody's als Mittagslokal! Den Ort kulinarischer Enttäuschungen im Quadrat meide ich gern. Sandwiches aus der Bar tun es auch.

Jedes Mal frage ich mich aufs Neue, was für eine Insel das doch sein mag, in Fahrtrichtung links, etwa auf der Höhe von Kap Soúnio. Durch Kartenvergleiche ermittle ich es später immer als Ájios Jeórjios, doch ist es bei Weitem nicht auf jeder Karte verzeichnet.
Attikí rechts, ´Äjina links, Salamína vor uns. Kurz vor 15 Uhr laufen wir in den Piräus ein – geschafft!


In Piräus

Mein erster Weg gilt einer von mir sehr geschätzten Unterkunft, blitzsauber, sehr ruhig und für die Großstadt preisgünstig, nur vielleicht 200 bis 250 m von der Anlegestelle der Kykladenfähren entfernt. Befremdend, die ellenlangen Diskussionen in Griechenland-Foren, wenn sich die Kenner gegenseitig vormachen, unter wenigstens 1 bis 2 km Entfernung vom Hafen ginge nichts, sei alles viel zu schmuddelig.

Nach der Dusche mach ich mich auf Hafenspaziergang. Von der Fußgängerbrücke über die verkehrsreiche Uferstraße aus schau ich zu, wie die (Blue Star) Itháki von Míkonos her eintrifft. Sie spuckt wahre Hundertschaften von Passagieren aus, einen nimmer enden wollenden Strom, überwiegend Touristen, sodass ich mir nicht vorstellen kann, dass da viele Zusteiger aus Tínos oder Síros darunter sind.
Wohltuend, zu den Schiffen vorzugehen, auf die breiten Piers hinaus, brackiges Hafenwasser zu schnuppern, ankommende Fähren mitzukriegen. Eine letzte Verbindung zu den Inseln stellt es für mich dar.
Mein Hotelwirt empfiehlt zum wiederholten Mal das Lokal Old Bakery als guten Speisentempel. Er meint es sicherlich gut, doch er täuscht sich gewaltig: Fades, mehr als durchschnittliches Essen mit ganz blassen Beilagen. Hier sieht man einmal, was es heißt, naxiotische Patátes aufgetischt zu bekommen, oder vielmehr keine. Was war das doch für ein Essen im Boulamátsis! Geschmackloses Holz hier in Piräus gegen höchst delikates, sortentypisches Gemüse, schmackhaftes Fleisch dort auf Naxos und Umgebung. Mir ist klar, warum in dieser Stätte der gastronomischen Unkultur nur drei Tische besetzt sind – mit lauter Ausländern. Nie mehr wieder, nehme ich mir vor. Lieber noch zwei Sandwiches weiter vorne in einer der Schnellgaststätten.

Wandere ein bisschen Richtung Zentrum der Stadt Piräus, über die Gounári–Straße rüber und geradeaus weiter. Hier im zweiten Glied liegt versteckt ein riesiger Supermarkt, in dem sie wohl alle einkaufen, doch auch er schließt zeitig. Übrig bleiben nachts nur kleine Ecklädchen mit minimalem Angebot und die Kioske an den Durchgangsstraßen.
Schade, dass mein Wohnviertel zu späterer Stunde so still wird, ja regelrecht ausgestorben wirkt. Nicht schlecht, um gut zu schlafen, aber der gute alte Piräus ist auch nicht mehr das, ist dahin ...

Ein Überbleibsel aus früheren Zeiten entdecke ich dann doch noch: das letzte wirklich alte, namenlose Kafenío in einer kurzen Passage an der Hafenfront, an der man rasch vorbeigeht, wenn man nicht weiß, was da drin auf einen wartet oder zufällig in die richtige Richtung guckt. Da zieht es mich rein, ich verspreche mir etwas von dem Laden.
Links, noch vor dem Eingang sitzt ein einsamer Alter. Ein Tisch drinnen ist mit einer Runde Deutscher besetzt, eine Karaffe Weißwein vor ihnen, hoch über ihnen der Fernseher, ein zweiter Tisch beherbergt zwei einfache, lebhaft miteinander diskutierende ausgesprochene Unterschichtler, und an meinem Nebentisch sitzt ein offensichtlich Obdachloser mit tief gebräunter Haut, der aber noch einen gefassten Eindruck macht. Die Deutschen zahlen und entfernen sich.
Einen Weißwein will ich bestellen, doch der Mann hinter der einfachen Theke druckst etwas rum, geniert sich – ich nehm ihn trotzdem, den áspro krassí. Der Wein kommt aus dem üblichen Kühlschrank mit Glasfront, doch er ist vollkommen ungekühlt. Mann o Mann, das ist heftig. Hat denn das Bier hier auch Zimmertemperatur? Ich reklamiere und bekomme zur Antwort, es ginge nicht anders. Aber dazu kann ich mich nicht durchringen, einen Weißen lauwarm zu trinken, ich lass ihn stehen, schau noch ein wenig zu, zahle dann, gehe und hoffe, dass der arme Typ am Nebentisch vielleicht die Chance nutzt. Das war er also, mein bleibender Eindruck vom allerletzten Refugium der wirklich einfachen Leute im Hafen von Piräus.
Jetzt ist es Zeit fürs Bett, morgen hab ich noch was vor.

Ein Morgenkaffee im nostalgischen Frühstücksraum meines Hotels. Ich krieg ihn gratis. Hab mein Zimmer ausgeräumt und darf mein Gepäck hier bis zum späteren Nachmittag abstellen.
Der unheimlich nette alte Herr des Hauses erklärt einer britischen Familie, wie sie am einfachsten auf die Inseln des Saronischen Golfs kommen. Dann plaudern sie ein wenig, und der alte Herr stellt irgendwann laut und lakonisch fest: Yes, it is so important to have friends, to have friends IN THIS WAR! Er tut also seine Auffassung vom Lebenskampf, vom "Krieg" eines Kleinunternehmers in Piräus unverblümt kund, das macht ihn mir sympathisch.

Zuerst zieht es mich wieder zu den Schiffen. Ich gehe vor zu den Anlegern des zentralen Hafenbereichs hinter der Platía Karaiskáki. Riesige Ungetüme von Highspeed–Katamaranen beherrschen die Szenerie. Ihre Höhe reicht fast an die von herkömmlichen Fährschiffen heran. Fast erschreckend modern ist er geworden, der Piräus. In den Lücken zwischen den Booten die armseligen Hobbyfischer, die sich einen guten Fang aus dem gewaltig trüben Wasser erhoffen.
Immer wieder brausen PKWs heran, mit neugierigen Insassen, die einen Überblick über das Geschehen gewinnen wollen. Ich fühle mich etwas verloren zwischen den riesigen Schiffsflanken der schnellen Wellenpeitscher.
Beschließe, einmal die Grenzen zu sprengen und einfach draufloszuwandern durch die Stadt.


Zu Fuß nach Keratsíni und Drapetsóna

Das wird eine irre Stadtwanderung, etwas, wie es mir nicht selten im Traum erscheint – fantastisch, unwirklich für mein bisheriges Bewusstsein, voller Überraschungen.
Auf alle Fälle so spannend für mich, wie schon lange nichts mehr.

Was für ein Wahnsinns–Verkehr, auf der Kónonos–Straße, die man überqueren muss. Gehe am Piräus–Bahnhof vorbei, schau kurz hinein. Das Kafenío ist verschwunden. Auf den Bahnsteigen sieht alles viel moderner aus als noch vor wenigen Jahren.

Draußen auf den Straßen bleibt alles beim Alten, tritt man in das schachbrettartig gegliederte Viertel nördlich des inneren Hafenbeckens ein. Geradeaus weiter durch die Mavromicháli–Straße. Im Nachhinein, nachträglich, suche ich die Namen aus einem Stadtplan. Denn sie bedeuten mir zum Zeitpunkt meiner Exkursion nichts, ich geh einfach drauflos. Ohne Kamera, aber mit offenen Augen.
Bald wird es mir einer/eine mit Kamera nachmachen, da bin ich ganz sicher, denn fantasielose Leute, solche ohne ein ausgeprägtes eigenes Vorstellungsvermögen, die nur auf inspirierende Anregungen anderer warten, gibt es wie Sand am Meer.
Trete ein ins Museum der ungeschminkten modernen Realität, die antiken Stätten sind kilometerweit entfernt, ihr könnt alles über sie im Cicerone, im Baedeker, bei engagierten Privatleuten mit toller, vielfältiger Homepage und aufklärerischem Bemühen nachlesen.

Dieses hafennahe Viertel ist eine Hochburg der Metallwaren, ganz raffinierter, nicht auf den INSELN erhältlicher. Überall Geschäfte, die auf so etwas spezialisiert sind. Rohre aller Durchmesser, Messgeräte, Kugellager, metallurgische Feinwaren.
Bald lockt mich das große, etwas heruntergekommene graue Gebäude von PAPASTRATOS. Ich verbinde es mit Zigaretten, Ássos Fíltro, usw. Der rechteckige Komplex hat von außen den Charme eines überalterten Parkhauses, gewährt keinerlei Einblicke, wirkt absolut tot und steril. Ich hatte, ehrlich gesagt, nicht mit einer Zigarettenfabrik oder zumindest einem Zigarettenauslieferungslager in der Nähe des Hafens von Piräus gerechnet. Östlich eine Straße ins Niemandsland, echt abgefuckt mit all den verwilderten Bauten. Mein Trottoir zerbrochen, voller Hundekot, nichts für Fußgänger. Jenseits der Mauer, oder des Zauns, ein tristes Terrain. Ein Blick geradeaus verspricht Berge.
Dreh um die Ecke rum auf die nördliche Seite des Zigarettenbaus, in die Straße, die nach der Firma benannt ist: Odhós Papastrátou. Bieg dann nach links ab, um irgendeine Spur von Menschlichkeit an dem Gebäude auszumachen, und siehe da: Hier, an der Westseite, befindet sich die LKW–Zufahrt, und ich krieg sogar einen dieser Laster mit. Ein Dritte–Welt–Feeling, ausstattungsmäßig, wenn man all das sieht, was sich hier am Ein– und Auslass abspielt. Sehr einfach, jedenfalls.
Auf der anderen Straßenseite in der Nähe wieder hochspezialisierte Ausstatter allen nur erdenklichen eisernen und metallenen Werkzeugs. Halte mich jetzt nach West.

Und dann: Schiffsausrüster und Reparaturwerkstätten für alle möglichen größeren Schiffsteile, Antriebe, Wellen, für die man nicht gerade eine Werft benötigt. Großartig, all die Schaufenster zu begutachten.
Noch schöner, einen kurzen, neugierigen Blick in die Eingänge zu den geradezu pittoresken Werkstätten zu werfen. Dunkle, nur mit schwachen Funzeln erleuchtete Höhlen großer Tiefe und Ausdehnung, am Eingang quer geparkte Mopeds, Kisten, Schrott, einmal ein scharfer Hund, der den Passanten beinahe anfiele, riefe ihn nicht in letzter Sekunde der Hausherr zurück. [Ich frage mich: Stimmt das eigentlich: "Ein Bild, speziell ein Foto, sagt mehr als tausend Worte." ???]

Bin ein wenig Zickzack gegangen, treffe auf einmal auf eine Straße, die von einer Bahnstrecke gesäumt ist, auf einen Bahnübergang, jenseits gleich ein Supermarkt, diesseits ein Friseursalon. Ein tolles Viertel. Man weiß nie, was als Nächstes kommt.

Jenseits der Bahnstrecke hört es fast schlagartig auf mit den Werkstätten, nun beginnen die reinen Wohnviertel. Nordwärts, am fernen Ende der schnurgeraden Straßenschluchten, ein Berghang, die Häuser ziehen sich auf ihn hoch. Irgendwo ein großes Kasernengelände mit martialischem Erkennungsschild. Ich zickzacke in westlicher Richtung weiter durch kleine Alleen mit einfachen Häusern in zusammenhängender Bauweise. Die Straßenbäumchen tragen nicht selten Mandarinen oder kleine Orangen und befinden sich mitten auf den schmalen Gehsteigen, was ein Ausweichen auf die Straße erfordert. Mein Ziel ist die möglichst höchste Kuppe des Viertels mit vielleicht etwas Aussicht.

Auf diese Weise lande ich schließlich an einer breiteren Durchgangsstraße, die allerdings nicht stark befahren ist: Es ist die Straße des 25. März. Auf ihr treibt es mich immer höher hinauf, mal sehen.
Eine größere Kreuzung. Es geht wieder bergab. Ich laufe eine nicht enden wollende Friedhofsmauer entlang. Westlich kleinere Grünanlagen und ein etwas stärker aufgelockertes Viertel.
Wie nur komme ich, neugierig geworden, als Besucher rein in diesen Friedhof? Nirgends ein Eingangstor. An der NW–Ecke ein Blumenstand, vielleicht irgendwo auch ein verstecktes Zugangstürchen, doch ich finde keines.
So drehe ich nach rechts, ostwärts in die den Friedhof nördlich begrenzende Straße hinein. Auch eine ruhige Wohnstraße mit Grünanlage vor der Friedhofsmauer, aber keinem öffentlichen Zugang. Also an der NE–Ecke wieder rechts. Bald geb ich's auf, denn der Eingang ist sicherlich an der Südseite.

Statt mir einen Großstadtfriedhof zu Gemüte zu führen, bieg ich in eines der recht urigen, in west–östlicher Richtung verlaufenden kurzen Nebengässchen ein. Sogleich fällt mir eine Reihe sehr einfacher grauer Steinhäuser auf, die im ersten Stock eine die ganze Fassade entlanglaufende Galerie haben, von der aus alle Wohnungen erreichbar sind. So ein Haus hab ich bereits weiter unten und näher an Piräus gesichtet. Dieser Haustyp wirkt auf mich ganz ungewohnt für Athen, eher ländlich bzw. kleinstädtisch, oder wie eine schnell errichtete Notunterkunft. Ob es sich wohl um Relikte aus den Zeiten der großen Flüchtlingsströme aus Kleinasien handelt? Jedenfalls werden sie auch heute noch von ärmeren Bevölkerungsschichten bewohnt, ihre Kinder lärmen durch die Gassen.
Ich bin froh, in ein derartiges Viertel eingedrungen zu sein und ahne, dass es nicht mehr zur eigentlichen Stadt Piräus gehört. Man erkennt es an der Aufschrift an den Müllcontainern, die den Schriftzug ΚΕΡΑΤΣΙΝΙ (Keratsíni) tragen.
Und plötzlich stehe ich an einer Ecke zur im rechten Winkel zu meiner Gehrichtung verlaufenden Eleftheríou–Venizélou–Straße. Erinnerung an Kreta, Motivationsschub!

Nun dreh ich wieder nordwärts und laufe die Venizélos–Straße lang. Links ein altes, sehr einfaches Kafenío – ich geh doch nicht rein. Ein kleines Lebensmittellädchen. Dann werden es beidseitig immer mehr Geschäfte. Kurz vor der Einmündung in die lebhafte Dhimokratías–Straße wieder ein hübsches Hallenkafenío der älteren Sorte. Da mach ich eine Trinkpause. Drinnen empfangen mich aufmerksame Blicke der Stammgäste, natürlich lauter Männer. Ich drücke mich in eine Ecke mit Blick auf Straße UND Innenraum des Lokals und krieg mein Getränk serviert. Man scheint sich sehr über den unerwarteten Fremden zu wundern, denn ausländische Touristen verirren sich wohl selten hierher. Ich suhle mich in meinem Entdeckerglück.

Nach der Erholungspause sind es nur wenige Schritte vor bis zu einem großen, länglichen Platz mit viel Grün und viel Atmosphäre am Zusammenschluss der Dhimokratías– mit der Papanikóli–Straße, einem Platz, der sich nach West hin immer stärker weitet. Bin ich hier noch in Athen – im weitesten Sinn? Ich hab seine Grenzen tatsächlich weit überschritten und treffe ständig auf ganz Eigenständiges.
Jetzt, am Freitagmittag, ist hier der Mittelpunkt des Viertellebens, für jeden interessierten Beobachter eine Schau. Ich lasse mich auf einer der öffentlichen Bänke nieder und schau 20 Minuten lang einfach zu, besorg mir noch eine Limo aus dem Kiosk. Um mich herum plaudern sich ausruhende Viertler miteinander, ein Dicker hat sein Vorzeigemotorrad abgestellt und lässt sich bewundern. Eines der randlichen Cafés füllt sich immer mehr mit Schülern, die es zu ihrem quirligen Treffpunkt erkoren haben. Man merkt, dass sich das Wochenende rasant nähert.
Von drei von mir zum Namen dieses Platzes befragten Passanten äußert der erste "Platía Tamboúria" (so, "Tamboúria", heißt dieser Teil der Stadt), der zweite weiß es nicht genau, vermutet aber "Platía Keratsínis", und der dritte, vierteltypisch eher links orientiert, erinnert sich an die Bezeichnung "Platía Laoú" (Platz des Volkes). Ein entsprechendes Schild ist nirgends auszumachen. Nach Nord hin steigen die Gassen allmählich wieder an, der die Stadt begrenzende Berghang ist nun recht deutlich erkennbar.
Ich denke, hier werde ich beim nächsten Besuch weitermachen, mir noch mehr der randlichen Viertel ansehen, zusätzlich noch die Hafenzone von Keratsíni.

Für heute aber mache ich mich in einem weiteren langen Bogen auf den allmählichen Rückweg zum Hafen von Piräus.
Erst einmal noch einige hundert Meter westwärts, dann im rechten Winkel mühsam den nächsten Hügel hinauf, wo ich ganz oben auf einen weiteren hübschen Platz gelange, aber noch immer ganz ohne Aussicht aufs Meer. Hier, wie überall in diesem Viertel, stehen (noch?) zahlreiche kommunistische Wahlplakate herum, es handelt sich also bestimmt nicht um ein Quartier reicher Bürger. Das diesem Platz zugehörige Kafenío ist wieder von der alten, gemütlichen Sorte, wenn auch zwei blonde Schönheiten aus dem Ausland hinter der Theke die Getränke abfüllen. Ich setz mich draußen, jenseits der Straße, auf das große Freiluftareal des Cafés, ein netter Kellner bringt mir das Bestellte. In welch anderer als der von mir bis zu diesem Zeitpunkt als typisch angesehenen Athener Welt ich nun angekommen bin! Weit weg von aller Großstadthektik. Ab und zu kommt ein Bus vorbei – gut zu wissen für künftige Unternehmungen. Als ich weitergehe, treffe ich bald wieder auf einen kleineren quadratischen Platz mit zwei Gaststätten, später passiere ich eine große Kirche mit Opferstock, letzterer direkt an der Straße. An einer Ecke ist ein Eis fällig.

Nun neigt sich das Terrain wieder nach unten, fällt Richtung Piräus ab. Doch Piräus ist noch weit, erst einmal kommt die eigene Stadtgemeinde ΔΡΑΠΕΤΣΩΝΑ (Dhrapetsóna), bestens ersichtlich an den Müllcontainern, wiederum. Nach relativ steilem Abstieg, teils auf einer Treppe, finde ich mich an einer breiten, unästhetischen Straße wieder, an der sich Schulgebäude oder irgendwas anderes Öffentliches ausbreiten.
Ein Mann fragt mich ungeniert, was ich hier mache. Ich erkläre ihm, ich sei auf Stadtspaziergang, mein Flug nach Deutschland ginge erst um sieben Uhr abends. Das sei sehr gesund, durch die Stadt zu laufen, meint er, aber gut, dass ich eine Mütze trüge gegen die Sonnenglut. Dieser Mann ist es auch, der mich darüber aufklärt, dass ich mich hier nicht in Piräus oder Athen befände, sondern eben in der eigenen Gemeinde Drapetsóna.

Irgendwann trifft meine Straße auf die 25.–März–Straße, auf der ich vor gut zwei Stunden schon hochgewandert bin, aber eben weiter oben. Es ist eine nicht sehr belebte Magistrale, in ihrem Südteil echt uninteressant, die auf das äußere Ende des Hafens von Piräus zuführt, vorher aber endet. Ein vereinzeltes Straßenmädchen offeriert seine Dienste am Rand eines gesichtslosen Neubauviertels.

Jenseits der Ethnikís–Andistássis–Straße trete ich in ein sehr ruhiges, einfaches Viertel ein, das in einiger Höhe über dem äußeren Hafenbecken des Piräus thront.
Vorbei an der Endhaltestelle einer Buslinie gehe ich durch eine Schneise in einem vom Meer her gut durchlüfteten Wohnbezirk vor bis zu einer Straße im Abseits, dicht an der Steilstufe hin zum Hafenbecken gelegen. Überbleibsel von Obdachlosen in Form von Unterlagen für Übernachtungen, stellenweise Nischen mit Müll, auf der landeinwärtigen Straßenseite einige Lagerhäuser oder Werkstätten mit geräumigen Höfen.
Doch was von meinem Standpunkt aus schön ist, das ist die Übersicht über den äußeren Piräus, den Außenhafen, nenne ich ihn jetzt mal. Man freut sich richtig, wieder an einem Brennpunkt des Geschehens angelangt zu sein.

Unter mir die Blue Star 2, rechts daneben, einige hundert Meter weiter, eine Kallísti–Fähre. Ab hier geht es also Richtung Rhodos bzw. Samos.
Links, weiter Richtung Innenhafen, das riesige Gebirge der Hafenverwaltung. Weiter vorne, um eine Ecke rum, lägen bereits einige NEL–Fähren, anschließend kämen die Liegeplätze der Kreta–Fährschiffe.
Lang wandere ich meine Nebenstraße entlang, schließlich muss ich einen Haken schlagen weg vom Hafen und der Uferstraße unter mir.
Bei der ersten Gelegenheit wende ich mich nach rechts, wieder ostwärts, und gehe quasi durch eine Wohnanlage, an deren Ende sich ein Aussichtsrestaurant befindet. Ab und zu Reste älterer, viel niedrigerer Wohnsubstanz. Hier wohnt es sich bestimmt bevorzugt, obwohl es keine bevorzugte Wohngegend ist. Diese gute Luft im Vergleich zu der im restlichen, inneren Großraum Athen kompensiert vieles.

Ich steig einen Weg am Rand eines ziemlich verkommenen Parks mit ehemaligem, schon überwachsenem Fußballfeld hinunter, neben dem Weg Spuren menschlicher Wohnnutzung – wieder von Obdachlosen, doch keiner ist zu sehen. Scharf links und wieder rechts. Nun befinde ich mich am Rand eines recht gesitteten Wohnviertels. Breite Nebenstraßen erschließen es rechtwinklig.
Meine Straße erstreckt sich vor zur Grenze zwischen D(h)rapetsóna und Piräus, sozusagen über der NW–Ecke des inneren nördlichen Hafenbeckens.
Ganz vorne ein sich zuspitzender Garten, garniert von den Tischen eines offensichtlich recht beliebten Lokals, in dem sich bereits viele jüngere Leute auf einen Frappé eingefunden haben.
Vorne eine Ampel. Geht man etwas nach rechts, gelangt man zu einer Treppe über eine Bahnstrecke, die (die Bahnstrecke) beim eigentlichen, nun sehr verlassen wirkenden Piräus–Endbahnhof endet, wohl eher für bescheidenen Güterverkehr, obwohl das Bahnhofsgebäude wie das eines alten mitteleuropäischen Dorfbahnhofs aussieht. An diesem Endteil der Strecke wird gerade gebaut.
Mein Treppenweg endet weiter unten an einer mir bekannten Ecke der Straßenumrandung des Hafens von Piräus.


Zurück in Piräus

Das Straßenchaos hat mich kurz wieder, ich muss es durchqueren, um (als Fußgänger) durch einen Seiteneingang in das Hafengelände zu gelangen. Nun kann ich ausgiebig alle vertäuten Fähren bestaunen, erst die schönen, riesigen Kretaschiffe von ANEK und Minoan, dann das vergleichsweise kleine L.A.N.E.–Schiff, das frühabends nach Milos, Santorin, Iráklio, Sitía, Kássos, Kárpathos, Chálki und Rhodos ablegen wird. Nun kleinere Seefahrzeuge, bis man vorne, um den rechten Winkel herum angelangt ist bei den großen Kykladenfähren. Hierher hätte ich auch den kostenlosen Hafenbus nehmen können, der in Abständen vorbeifährt. Die Sea Star aus Tilos ist übrigens nicht mehr hier geparkt. Die Kykladenschiffe werden bereits beladen.

Es geht inzwischen auf halb vier Uhr nachmittags zu, und ich möchte noch einen Bissen zu mir nehmen, bevor ich meine Sachen aus dem nahen Hotel hole. In einer Parallelgasse meines Hotels liegt das von mir aufgesuchte Tavernchen unweit einer Fischhandlung, mit den vielen S/W–Hafenfotos früheren Zeiten an den Wänden und einer restlichen Männerrunde. Ich hab ja nicht ahnen können, dass sie bald verspätete Mittagspause machen würden, doch um meinetwillen muss die enttäuschte Osteuropäerin noch leckere Kalamarákia brutzeln, sie kriegt anschließend ein dickes Lob von mir. Die Rechnung fällt dann halb so hoch aus wie auf der kleinen Speisekarte angegeben, denn der Wirt mag mich und erkennt mich wieder und belohnt meine griechischen Sprachkenntnisse auf seine Weise, bevor er bis abends zusperrt.

Ins Hotel also, die dort abgestellten Sachen abholen. Dann die 200 m vor zur Bushaltestelle an der lauten Hafenstraße gleich beim Karaiskáki–Platz, aber eben nicht an diesem selbst, sondern draußen an der Straße. Fahrkarten gibt es am 20 m entfernten Kiosk am Rand der kleinen Grünanlage. Eine wohlmeinende junge Griechin, ebenfalls zum Flughafen unterwegs, macht jeden Fremden darauf aufmerksam, wo genau sich die Airport–Haltestelle befindet und wie man zu Fahrkarten kommt.

Dann die gute Stunde Hektik durch den Verkehr. Auf dem Flughafen wasche ich mich noch einmal gründlich. Vom Aegean–Schalter schicken sie mich zu Lufthansa, denn mit denen fliege ich zurück. Klappt alles wunderbar.

Ein Geplänkel der Aufsichtsleute mit einem betrunkenen, verkommenen Deutschen im Flughafen muss ich noch mitbekommen. Sie schmeißen ihn schließlich aus dem Terminal raus. Doch am Ende sitzt er im selben Gate wie ich und randaliert weiter. Eine absolut sprachkundige Griechin des Personals übernimmt den Fall, ganz ruhig und geduldig. Der Herr, dessen "Handgepäck" größtenteils von den mit Schutzhandschuhen bewehrten Durchleuchtungsleuten in den Abfallkorb entsorgt werden muss, sitzt letztendlich auf einem Fensterplatz ganz alleine in der letzten Reihe des Jets nach München, mir genau gegenüber.

Das Essen in der LH–Maschine ist von erbärmlicher Qualität, abgrundtief schlecht, eine Schande für die Airline, ganz anders als bei Aegean, das sage ich nach wiederholten, vergleichsweise positiven persönlichen Erfahrungen mit der griechischen Airline. Nur der Rotwein bei Lufthansa ist wirklich gut, immerhin.
In anstrengender Beobachtung aus Himmelhöh endet ein längerer Griechenlandurlaub, an dessen Ende noch ein echter Überraschungstag im Großraum Athen stand. So gefällt es mir, so mag ich's!

Copyright puchheim = MartinPUC, September 2008


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