Zwei (nicht ganz freiwillige) herbstliche Wochen auf Kreta
Teil 5: Von der Sfakiá nach Piräus

Copyright puchheim = MartinPUC, März 2012


Meine letzte Nacht auf Kreta auf dieser Herbstreise werde ich in Iráklio verbringen. Wenn alles nach Plan geht, wird die Prévelis morgen Freitag um 07:10 Uhr früh vom Hafen der Inselhauptstadt aus Richtung Kykladen und Piräus in See stechen. Ich rechne fest damit, dass sie kommt – und natürlich dass sie verspätet sein wird.

Es reicht, den Mittagsbus von Chóra Sfakíon aus mit Umsteigen in Vrísses zu nehmen.
In Iráklio angekommen, lenke ich meine Schritte baldmöglichst wieder in die Chándakos–Straße zur Pension Hellas. Zu meiner großen Enttäuschung klebt ein Zettel an der Eingangstür, der besagt, dass hier endgültig Feierabend ist. Im Waschsalon des ehemaligen Hotelbetreibers erfahre ich von einer viel zu hohen Miete und weiß Bescheid. Wieder eine saubere Billigunterkunft weniger in der Stadt!

Im näheren Umkreis gibt es zum Glück eine andere preisgünstige Unterkunft, das Réa. Kein Vergleich mit der schönen Aussicht des Hellas, doch ansonsten kann man nicht klagen: Sehr saubere und auch gepflegte Zimmer, wahlweise mit oder ohne eigenes Bad. Und das eigene Bad kann man sich hier durchaus noch gut leisten. Allerdings muss ich erst einmal den Besitzer anrufen, von der Rezeption im unverschlossenen Eingangsbereich aus. Nach 5 min ist er da, mein Zimmer ist sehr zufriedenstellend.

Auf einen Kaffee zum Bembo–Brunnen am oberen Ende der Marktgasse. Es ist ein ausgesprochen empfehlenswerter Ort, der kleine Pavillon sehr hübsch anzusehen, und das ganze Mobiliar entspricht dem eines traditionellen Freiluft-Kafenío(n)s. Ich denke, das Geschäft wird in städtischem Auftrag betrieben, denn der Preis für einen Ellinikó ist vergleichsweise bescheiden, was besonders viele Einheimische anlockt.

Lustig: In der 25.-August-Straße sehe ich staunend zwei dieser in Mode gekommenen Knabberfisch-Läden. Sie liegen sich irgendwie schräg gegenüber, sollen auf jeder Straßenseite dieser Fußgängerzone Interessenten ansprechen.
Die Etablissements nennen sich wohl auch Fish Spas (Plural) und sind nicht zuletzt für Schuppenflechte-Geplagte ideal. Besonders freundliche, geradezu strahlende junge Damen (beaming like a Christmas turkey!) locken die Kundschaft ins Geschäft. Man steckt z.B. seine Füße ins Wasserbecken, und die kleinen Fischchen knabbern sogleich begierig Schuppen und Hautwülste vollkommen ab. Entspannte Gesichter und nackte, in Aquarien versenkte Beine nicht weniger gerade in Behandlung Befindlicher schimmern als geschickt platzierte Ausstellungsobjekte durch die Glasflächen der Schaufenster.
Ich zähle mich übrigens zu denjenigen, die das Ganze für nicht gerade hygienisch einwandfrei halten.
Kann gut sein, dass die beiden Läden inzwischen wieder von der Bildfläche verschwunden sind. Dafür hat, wie ich gerade bei Bettináki las, soeben einer in Chóra Sfakíon eröffnet – wow! Na ja, da werden immerhin heimische Meeresprodukte vermarktet.
Ähnlich schnell breiten sich momentan Coffee Shops amerikanischer Herkunft in kretischen und griechischen Städten aus. Wann wird es endlich einen in der urigen Sfakiá geben? Aber so etwas werden sie wohl mit aller Macht verhindern wollen, nehm ich mal an, denn das wäre eine echte Konkurrenz.

Phänomenal, diese beeindruckenden Neuerungen im Stadtbild Heraklions/Iráklios! Kreta hat in Sachen Moderne wirklich aufgeholt, befindet sich sogar auf der Überholspur.

Abgrundtief enttäuschend andererseits, wie sehr das große Stammkapital der Stadt aus Sparzwängen vernachlässigt wird: das berühmte Archäologische Museum.
Auf meinem Erkundungsgang dorthin stelle ich gleich fest, wie falsch alle Beteuerungen bezüglich der baldigen Wiedereröffnung des Museums (noch im Jahr 2011) waren. Ein einziges Schild beim ehemaligen Eingang weist den Besucher die Westflanke entlang, ein ziemlich unscheinbares weiteres Schildchen schließlich um die Ecke herum zum recht versteckten Behelfseingang einer stark abgespeckten Notausstellung einiger ausgewählter minoischer Exponate.
Gelangweilte Kassenleute unterhalten sich mit einem gelangweilten Aufseher, kein Mensch steht Schlange oder nähert sich der Kasse, alles ist in Trägheit versunken. Dieser Zustand dauert jetzt schon Jahre an, und nichts Neues an Räumlichkeiten wurde fertiggestellt.
Den Abend verbringe ich weiterhin wie gewohnt mit der üblichen Stadtrunde – nur dass ich in einem sehr guten Straßenrestaurant in Ufernähe esse, von der Víronos–Straße ein paar Schritte gleich nach dem kioskartigen Getränkeladen die Seitengasse meerwärts hinunter. Es war wohl das zweite Lokal von oben her gesehen, gleich anschließend an das erste. Zwar coole Atmosphäre, im Freien zu eng stehende Tische, aber beste Küche.
Lange kann ich mich nicht mehr herumtreiben, denn ich muss früh aufstehen. Die Prévelis legt angeblich um etwa 07:15 Uhr Richtung Anáfi ab, doch mit Verspätung ist zu rechnen. Dennoch ist man in so einem Fall doch gerne rechtzeitig am Hafen.

So trotte ich denn frühmorgens schwer beladen (und ganz ohne Rollenkoffer!) Richtung Fährhafen, lege am Hafenkai neben diesem einen (verfluchten) Katamaran eine kurze Rast ein.
Eine schöne, wenn auch schon etwas lebhaftere Morgenstimmung im Hafen. Die Passagiere meines Langstreckenfahrers von Schiff trudeln allmählich ein, werden von Verwandten in Autos hergefahren.
Erstmals strebe ich sozusagen ganz offiziell bis zum östlichen Ende des noch frei zugänglichen Hafenbereichs, passiere dabei die beiden großen Piräusfähren, die nach frühmorgendlicher Ankunft immer noch mit Ausladen beschäftigt sind. Ganz hinten steht seit Jahren das relativ neue Passagierterminal. Es ist, strategisch günstig gelegen, der Mittler zwischen dem östlich anschließenden Kreuzfahrt– und dem westlichen Fährengelände.

In der vorderen Halle sind die meisten Sitzplätze belegt. Übermüdete Mitmenschen hängen schräg auf den Kunststoffsitzen, lehnen sich an den Partner oder ihr Gepäck.
Die größere, hintere Halle dagegen ist leer, obwohl durchaus zugänglich. Nur zwei ältere Griechen haben sich auf ein wichtiges Gespräch in sie zurückgezogen.
In günstiger Lage am Übergang zwischen beiden Wartehallen die modernen Schalter von Minoan Lines, zu dieser Stunde nicht besetzt. Die Konkurrenz aus Westkreta, nämlich ANEK, wurde demonstrativ in das Tiefparterre rechts vom Eingang verbannt, typisch für die bekannte Rivalität, bei der man den jeweiligen Heimvorteil mit aller Macht ausnutzt.
Doch auch die ANEK–Schalter bleiben weiterhin unbesetzt. Ich frage mich, warum nur, denn ich brauche noch ein Ticket.

An der Theke des kleinen Café–Ecks herrscht dagegen Hochbetrieb, die einzige bedienende Frau ist fürchterlich gestresst, muss aber wohl ein ganze Stunde lang in diesem Tempo durchhalten, bis sich die Lage etwas entspannt. Dann krieg auch ich endlich meinen großen Nes.

An einer PC–Säule drückt ein Jugendlicher auf Tasten herum, stellt die Verbindung mit marinetraffic.com her. Gleich sieht man, dass unser Schiff sich erst ganz gemächlich Chersónissos nähert, der Weg ist noch weit. Da bin ich also insgesamt gut zweieinhalb Stunden zu früh hier eingetroffen.

Während ich nach einem Zuständigen herumsuche, kommt eine sehr nette und freundliche junge Hafenbeamtin auf mich zu. Sie hat bemerkt, wie da einer verunsichert nach einem geöffneten Schalter Ausschau hielt. Ach, da draußen, weit weg vom Passagierterminal, befindet sich ein weiterer, längst aufgesperrter ANEK–Schalter in dem Gebäude unmittelbar vor dem Hafenbecken! Wie lieb und herzlich doch manche KreterInnen sind.

Der stattliche, würdevolle ältere Herr, der meine Fahrkarte ausstellt, ist total verblüfft von meinen Griechischkenntnissen und lobt mich in aller Kürze geradezu überschwänglich. Er ist es offenbar nicht gewohnt, von einem Touri in fehlerfreiem Griechisch angesprochen zu werden. Dabei ist es doch kein Kunststück, sich einige der wichtigsten Sätze und Wendungen anzueignen und zumindest diese auch richtig auszusprechen und zu intonieren. Aber man sieht halt immer wieder, wie viele Leute es gibt, die sich mit so exotischen Sprachen wie dem Griechischen schwertun.

Während ich so weiterwarte, ergießt sich plötzlich aus dem hinteren Wartesaal eine Menge wohlhabend aussehender, gut gekleideter Deutschsprachiger. Es sind Passagiere des Kreuzfahrers Deutschland, eines Schiffs, das hinlänglich aus einer beliebten Fernsehserie bekannt ist. Auf ihrer Zwischenstation in Iráklio werden sie nun zumindest Knossós besuchen, es vielleicht bis Festós und Mátala schaffen. Man hört natürlich auch andere Stimmen, solche, die davon reden, es sich diesen Tag lieber in Eigeninitiative gemütlich zu machen. Seltsam und fast unwirklich, so eine Prozession gut ausgeruhter, makellos gekleideter Fremder zwischen all den übermüdeten, einfacher angezogenen Wartenden.

Vielleicht um Viertel vor neun trifft die Prévelis endlich ein, dreht unendlich langsam bei und wird schließlich an den Pollern festgezurrt. Ist inzwischen äußerlich schon eine gut überpinselte „Rostlaube“, es sei zugegeben. Eine der allerletzten ihrer Art. Dennoch sehr liebenswert und allseits geschätzt.
Schätzen kann man sie wirklich, die sagenhaften Verbindungen, die zurzeit nur dieses eine Schiff bietet. Wie sonst käme man von Kreta ohne Umsteigen direkt nach Anáfi oder Mílos? Oder in die andere Richtung nach Kássos, Kárpathos, Chálki und Rhodos? Um wie viel günstiger als mit einem der Schnellboote ist doch die (einfache) Fahrt nach Sandoríni. Nur 15 gegen fast 50 Euro.

Meine kretischen Nachbarn an der Reling wundern sich, als wir so ganz nah an der kargen Ostseite der Dhía–Insel vorbeiziehen, ihrer steinernen Küste in diversen Braun- und Ockertönen. Schließlich vermutet einer richtig, unser nächstes Ziel heiße ja Anáfi, nicht gleich Sandoríni – deshalb der andere Kurs. Etwa vier Stunden werden wir dorthin unterwegs sein.

Auf dem Schiff rumlaufen, mal steuerbord(s), mal backbord(s) das Meer abscannen. Meist auf dem obersten zugänglichen Deck. Keine großen Ereignisse.
Rechtzeitig die vor dem Self–Service–Restaurant ausgehängte Karte studieren. Leider ist alles teurer geworden, es gibt auch keinen preisgünstigen Wein mehr. Man muss jetzt tiefer in die Tasche greifen. Deshalb essen viele Griechen, als es so weit ist, auch die einfachsten Spaghetti, verzichten sogar auf eine Salatbeilage. Nur die LKW–Fahrer greifen stärker zu und lassen es sich schmecken.
Mir reicht angesichts dieser Preise ein Mineralwasser als Getränk, vom mitgebrachten Wein trinke ich nach dem Essen. Jedenfalls ist die Küche an Bord nicht schlecht.

Als ich gesättigt wieder hinaustrete an die frische Luft, den Fahrtwind um die Ohren, schält sich die Insel Anáfi bereits als gelber Klotz aus dem Meereshintergrund heraus. Je näher wir ihm kommen, desto großartiger und schöner wirkt die Erscheinung. Ganz fantastisch die östliche Verlängerung des Eilands, die obere Hälfte seiner Schwanzflosse, der jäh ansteigende, riesige Marmormonolith mit den beiden Gipfeln.
Fast gelb wirkt der Fels, und kräftig gleißend. Richtig einladend für den Ankommenden. Sehr belebend, macht Lust darauf, hier einfach auszusteigen!

Vom Hafenort ist praktisch nichts zu sehen, so schräg aus Westsüdwest steuern wir auf ihn zu. Nur die knallweißen, total neu aussehenden randlichen Häuserzeilen des westlichen Endes der Chóra stechen hervor. Bis zuletzt bleibt das Tal mit der Straße dort hinauf verborgen. Selbst beim Anlegen an der Mole ist nichts davon zu sehen, auch nichts von Ágios Nikólaos, der kleinen Hafensiedlung. Vielleicht liegt es daran, dass wir mit der Heckseite an der westlichen Flanke des Anlegers festgemacht haben, aber ich glaube eher, die Mole liegt einfach zu weit westlich, als dass etwas mehr von der Chóra und ihrer Zufahrtsstraße erkennbar wäre.

Lust hätte ich schon, ein zweites Mal an Land zu gehen, doch mein Urlaub ist fast zu Ende, die letzten anderthalb Tage werde ich in Piräus und Umgebung verbringen. Wenigstens ein einziges Touristenpaar, das wohl über Iráklio, Kreta angereist ist, verlässt das Schiff. Die beiden werden gleich von einem Einheimischen mit Bauernlaster begrüßt, offensichtliche Wiederkehrer, zu dieser Jahreszeit mit den kühlen Abenden und Nächten.

Wir steuern auf Sandoríni zu, legen in Athinió an. Dann wird Kurs auf Folégandhros genommen.
Einmal wieder dicht an der Südseite von Thirassía vorbeischippern, auch noch seine Westseite im Blick haben – nicht gerade ein alltägliches Vergnügen.

Die ganze Westküste von Folégandhros fahren wir anschließend entlang, ungewohnte Perspektiven tun sich auf.
Als der Kanal von Pollónia zwischen Mílos und Kímolos erreicht ist, bricht allmählich die Nacht herein. Dunkle Schemen von Küste und Bergen zu beiden Seiten.

Es ist definitiv Nacht, als wir in die große Bucht von Mílos einlaufen. Und schweinisch kalt. Alles andere als Urlaubswetter. Kein Vergleich zur Südküste Kretas, doch auch dort zeigt sich ein kühlerer Oktober als in anderen Jahren. Beim Beobachten des Andockens und Ablegens friere ich richtig. Zeit, sich in den Salóni zurückzuziehen.
Nonstop steuert unser Schiff nun auf Piräus zu. Die Reise zieht sich ganz schön hin, es handelt sich schließlich um ein eher langsames Schiff.

Aber ich hatte nun bekommen, was ich als streikbedingten Ersatz für den Besuch zweier oder dreier Kikládhes wollte: Zum Abschluss die südlichen Kykladen durchqueren, sie zumindest berühren. Nicht einfach mit der Nachtfähre von Kreta nach Piräus schippern. Insbesondere die Annäherung an Anáfi habe ich in all ihren Facetten noch ganz präsent im Gedächtnis. Schon deshalb hat sich die Fahrt gelohnt.

Nach Ankunft in Piräus finde ich problemlos ein Zimmer in meiner Stammunterkunft. 35 Euro sind ein fairer Preis für das Gebotene. Das alte, einfache Kafenío, das ich so schätze, ist nicht weit entfernt und bietet mir wieder einmal einen schönen Tagesausklang mit einer gewissen Inselatmosphäre und darüber hinaus ein „Aussichtsfenster“ auf die quirlige Hafenstraße. Einige der Gäste machen einen ziemlich verzweifelten Eindruck. Das ist wirklich auffällig.
Bin gespannt, was der morgige Tag so alles bringen wird.

Copyright puchheim = MartinPUC, März 2012


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