Von Skála Sikamiás über Mytilíni nach Skála Eressoú
am letzten Septembertag 2005

Copyright puchheim = MartinPUC, 2005, 2007


Nachdem es mir im durchgrünten Skála Sikamiás recht gut gefallen hat, möchte ich gleich darauf in ein anderes, allerdings weit entferntes Skála, in der trockenen Hälfte von Lesbos, dem in einigen Landstrichen fast baumlosen Südwesten. Ein echtes Kontrastprogramm wird das werden.

So warte ich also um 7 Uhr morgens herum zusammen mit ein paar Schulkindern und einigen wenigen älteren Leuten am kleinen Platz vor den Tavernen von Skála Sikamiás auf den einzigen Bus, der mich an diesem Freitag im Herbst von hier wegbringen kann. Die duftenden Brotsäcke des Bäckers stehen schon bereit, sie werden aber privat abtransportiert. Man lauscht also der leisen Brandung des Meeres, wirft noch einmal einen Blick auf das Felsenkirchlein über dem Hafenwinzling, genießt die Morgenstille und die gute Luft.
Im Halbdunkel nähert sich das Busgefährt, wendet, und ich schiebe sogleich meinen großen Rucksack in eines der Gepäckfächer unten am Bus, der Fahrer pfeift mich jedoch sofort zurück. Ihm ist es lieber, wenn ich das Gepäckstück hinter seinem Sitz verstaue, drinnen im Passagierraum, wo es störend in den Mittelgang ragt.
Oben in Sikamiá (= Sikaminéa) steigen eine Menge Schulkinder zu, und in Klió ist der Bus schließlich übervoll.
Bald ist Mandamádhos erreicht, und bei dieser zweiten Durchfahrt sehe ich nun andere, ältere Straßenzüge und Gassen. Mühsam manövriert sich der Bus durch eine Engstelle mit einem Kafenío, bei den Stammgästen herrscht helle Aufregung. Zu guter Letzt sind wir an dem Platz angelangt, wo alle Schüler aussteigen und an dem zwei andere Busse warten. In einen davon steigen alle um, die in die Inselhauptstadt wollen.

Es wird eine schöne Fahrt durchs Olivenland im Morgenlicht. Irgendwann führt die Straße direkt am Meeresufer entlang, bevor sie im Ortszentrum von Paralía Thermís wieder landeinwärts abknickt, vorbei am alten Badehaus.
Kurz vor Mytilíni fahren wir auf einer Umgehungsstraße, biegen dann doch wieder auf die Küstenstraße ab, damit die ersten Leute beim Lidl aussteigen können. Es geht am Nordhafen vorbei hin zum Kastell und hinunter zum eigentlichen Hafen, dann vor zum Busbahnhof.

Das große Gepäck landet erneut auf dem Gepäckregal. Nun habe ich gut 4 Stunden Zeit für die Stadt, bevor der Bus nach Skála Eressoú um 13:15 Uhr losfährt.
Mein erster Weg führt mich zum Bougátsalokal an der Uferstraße Koundouriótou, es liegt etwa in der Mitte zwischen dem Theater und der Platía Sápfous, dem Sáppho–Platz am Nordende des Hafenbeckens, an dem auch alle städtischen Buslinien inklusive jener zum Flughafen vorbeikommen. Ich lasse mir die süße Speis und einen Nescafé schmecken – so ungesund würde ich daheim nicht frühstücken. Schon am Morgen ist hier kaum ein Tisch frei, trotz des Straßenlärms und dem Geknattere der wartenden Mopeds und Motorräder.

Bald merke ich, dass ich das Ablegen eines Schiffes von SAOS Lines verpasst habe, das nun schon ein Stück weiter draußen in den Küstengewässern angelangt ist. Es ist die Samothráki, und ich bilde mir ein, sie sieht zwei ehemaligen D.A.N.E.–Schiffen recht ähnlich, nämlich der Ialysós bzw. der Kámiros. Obwohl es sich um Veteranen handelt, die bald verboten sein werden, hat SAOS vielleicht für wenig Geld zugegriffen. Die eng beieinanderstehenden Schornsteine und die relativ bescheidene Länge und Breite wecken Erinnerungen an vergangene Patmos–Tage mit den nächtlichen Ankünften abwechselnd der beiden D.A.N.E.–Liner.
Gleich mache ich mich also auf zum Fährenhafen, schlendere ums Hafenbecken herum, an seiner Ostseite vorbei an etlichen Studentencafés, Banken, Schiffs– und Flugagenturen (wo ich etwas wehmütig die ausgehängten Fahrpläne studiere), Autovermietungen und dem Hotel Blue Sea. Zwei Flugzeuge donnern über mich hinweg, starten über der Stadt. Der etwa gleich große Hafen von Chios kommt mir in den Sinn.

Bei einer verlockend nach Ouzo duftenden kleinen örtlichen Brennerei mit Verkaufsladen überquere ich die Straße und gehe durch das Hafentor in den Passagierhafenbereich, vorüber am Zollgebäude, einem großen Parkplatz, dem runden Betonbau des städtischen Schwimmbades, jetzt wohl eher eine Sporthalle, vorbei schließlich am Kiosk, neben dem auf überdachten Bänken die ersten Beobachter dem noch sehr zaghaften Treiben zusehen.

Vor mir vertäut die Theófilos von NEL Lines, schon etwas angerostet. Ihre Flanken sind mit großflächigen roten Streifen bemalt, auf denen in weißen Lettern und mit grünem Logo ein ostasiatischer Elektronik– und Elektrokonzern namens LG in aller Gigantomanie für sich wirbt. Es tut meinem Auge weh. Dabei waren die NEL–Fähren mit ihrer dezenten blauen Beschriftung auf weißem Schiffsrumpf immer so hübsch anzusehen gewesen. Jetzt habe ich einen farblich missglückten Papagei vor mir, für gute Dollar auf bunt getrimmt.
Dumpfe, wummernde Eisenlaute aus dem Schiffsbauch. Dünne Rauchfahnen aus den Schornsteinen. Es riecht nach Schiffsdiesel. Etliche geparkte LKWs.

Eine lange Mole bildet die östliche Begrenzung des Hafens. Auf ihr einige Sitzbänke, ich nehme Platz. Von meiner Bank aus sehe ich das Kástro, darunter den Park, einen richtigen Wald. Unweit von mir der öffentliche Badebereich der Stadt. Noch näher einige Eisentreppen ins kühle Nass. Ein älteres Paar befindet sich bereits auf Fitnesstraining in den Fluten.

Zurück gehe ich durch eine Parallelstraße zur Hafenfront, einen Weg, der aufgerissen wurde, gerade keine Asphaltdecke hat. Unigebäude, eine Pension, ein geschlossenes Internet–Café, eine eher unschöne Gegend. Bei dem Straßenzwickel mit der Odhó Ermoú angelangt, schau ich kurz in die große Kirche rein. Ungewöhnlich die echten Fresken, neben den üblichen Ikonen. Von den Stufen der Kirche aus gucke ich durch den Durchgang des Kampaniles in einen Damenfrisiersalon. 7 oder 8 ebenso neugierige Augenpaare erwidern meine Blicke.

Ich wandere vor zum südlichen Ende des inneren Hafenbeckens. In einigen der Tavernen isst man bereits zu Mittag. Von den auffordernden Blicken der Türsteher unberührt, gehe ich auf die schmale, in den Hafen hineinragende Mole zu, die beiderseitig die ganz kleinen, hübsch bemalten Fischerboote beherbergt. Rechts davor eine Art Vergnügungspark mit italienischem Autoskooter, Hüpfburg und dergleichen mehr. Eigentlich ist hier nur abends Betrieb.
Dann betrete ich das Kafenío am Ende der Mole. Wieder verwunderte Blicke der Stammgäste, sie gelten dem einzigen Touristen weit und breit. Die freie Aussicht ist verhängt mit dicken, wenn auch durchsichtigen Plastikfolien, ein Windschutz, der eine ganz verschwommene optische Realität erzeugt. Die Männer spielen Karten, einige auch Távli. Ich setze mich auf die abgeteilte hintere Terrasse, die leider auf drei Seiten ebenfalls mit Windschutz versehen ist. Nur noch wenige der alten Stühle stehen hier zur Auswahl, ansonsten alles weißes Plastik. Einzig nach Süd hin ist diese Terrasse offen, nicht eingeplastikt, denn in der Südostecke wird meist gefischt. Ein Mann holt mit einem "Schmetterlingsnetz" am Stiel ganz schön viele kleinere Fische aus dem Wasser. Das erfordert schon Geschick, und genug Fisch ringsum. Später versucht es ein anderer mit einer Wurfleine, mit weniger Erfolg.

Am westlichen Kai des Außenhafens liegt ein weiterer großer Pott namens Sea Witch, wie es scheint aus Malta ("Valletta" ist als Heimathafen am Heck verzeichnet), von der Gesellschaft "m.c.c.l.". Roter Rumpf mit oben umlaufendem weißem Streifen. Was will denn der hier in Mytilíni? Des Rätsels Lösung erfahre ich an meinem letzten Urlaubstag, als ich ein Mitglied der Besatzung frage. Das Schiff fährt für die NEL, vielleicht ist es nur vorübergehend gechartert.

Der kleine Teller Jouvétsi mit minimal Fleisch drin kostet in meinem Aussichtskafenío stolze 5 Euro, ziemlich gesalzen, dieser Preis. Dafür ist das Amstel noch bezahlbar, beim nächsten Besuch wird es sogar ausgesprochen billig (1.20).
Eine Runde griechischer Arbeiter schlemmt ungebremst. Dazu gehören auch mehrere Karafákia Ouzo (die kleinen Flaschen).

Es kommen einfach keine weiteren großen Fähren. Endlich ein türkisches Tragflächenboot, das im Zollbereich anlegt und keine Passagiere außer der Besatzung mit sich führt. Ich habe seine Aufbauten schon jenseits der Hafenmole entlangziehen sehen. Kurz darauf legt ein größeres, mehrstöckiges türkisches Ausflugsboot an, das eine Unmenge Leute ausspuckt – alles Türken, wie ich die Männer hinter meinem Aussichtsplatz sagen höre. Das alles lässt sich vom "Fanári" (= Leuchtturm) aus gut beobachten, so heißt das Lokälchen, nur die Plastikvorhänge trüben das Bild, aber die haben Schlitze, und die Südseite der hinteren Terrasse ist ja frei von dem Gehänge.
Von Mytilíni aus kann man für nur 15 Euro hin und zurück ins türkische Aývalik übersetzen, ein Büro zur Buchung des Trips liegt direkt neben dem Bougátsalokal.

Im Anschluss an meine Mahlzeit sozusagen inmitten des Hafenbeckens durchquere ich das um zwei Seiten der städtischen Bibliothek herum angelegte schattige Kafenío des recht gesichtslosen "Parks" zwischen Theater und dem Beginn der Odhós Ermoú und gehe diese Straße noch ein Stück nordwärts.
Links eine winzige Jíros–Grillstube mit zwei Tischen im Freien, ein moderner Buchladen mit hübschen Bildbänden, ein äußerst beliebtes Sacharoplastío (= Konditorei), vor dem sie Schlange stehen. In der niedrigen Häuserzeile vor der Front der Kuppelkirche des Heiligen Therápon ein Fischgeschäft mit reichlich Auswahl, daneben ein kleines Kafenío. Auf der anderen Straßenseite irgendwo ein anderes, ein aufgegebenes Großkafenío. Durch die mit Sprüngen versehenen Scheiben der Tür blicke ich in die Wunderwelt einer zwei Stockwerke hohen alten Halle mit einer Menge Tische und Stühle, Leuchtern, Wandverzierungen. Es war einmal. Die Fassade der Therápon–Kirche empfinde ich nun als äußerst gekonnt konstruiert, eine Art fantastischer Architektur, wohltuend gerundete Formen und Schnörkel, besonders in der Dämmerung wirkt alles wie ein Traumgebilde.

Die erste richtige westliche Seitenstraße nach dem Kirchenbau (und nach einer Sackgasse mit Geschäften) der Odhós Ermoú ist die Odhós Alkäou (= Alkaíou), deren kurze östliche Fortsetzung bis zum Hafen reicht. Im längeren westlichen Stück befindet sich die gleichnamige Pension Alkaíou, die auch im Lesbos–Führer von Thomas Schröder (Müller–Verlag) erwähnt ist. Sie besteht aus zwei getrennten, etwa 300 m voneinander entfernten Häusern in derselben Gasse.
Ich schau mir mal das Haupthaus an, das näher an der Ermoú–Straße liegt als die Dépendance, denn ich brauche ja eine Bleibe für die letzte Nacht vor dem Rückflug. Ein von einem kleinen Garten mit Tischen und Sitzgelegenheiten umgebenes renoviertes Herrenhaus. Unterhalb der Treppe ins Haus das Büro, in dem der freundliche Besitzer penibel alle Daten der Gäste inklusive Passnummer in den PC eingibt. Nur 25 Euro kostet es hier für eine Einzelperson wie mich. Genauso viel wollte die Frau in Salina's Garden, wo es weit weniger gepflegt aussah. Es sind nicht etwa "eher einfache Zimmer", wie es im Müller–Buch noch heißt, vielmehr sehr gut ausgestattete, eindeutig unterbezahlte Komfortzimmer mit neuen, modischen Eisenbetten, hervorragenden Matratzen, Fernseher, Föhn, schönem Badezimmer und sogar einer Schale mit Bonbons auf dem Tisch. In Heraklion, Kreta hätte ich dafür das Doppelte bezahlt, in Athen das Dreifache. Ein echtes Schnäppchen für das Gebotene in sehr günstiger Lage und weg vom Lärm der Uferstraße – mitten in der Inselmetropole. Mit etwas Lärm der Zulieferer einiger Läden sowie der Müllabfuhr muss frühmorgens aber doch gerechnet werden, so habe ich es später erlebt.
Ich nehme also eine Karte mit. Der Besitzer versichert mir, es sei nicht nötig, zu dieser Jahreszeit vorzubestellen, er habe immer was frei. So getröstet gehe ich Richtung Busbahnhof.

Die Reise beginnt zur heißesten Tageszeit. Der Bus schiebt sich am großen Park vorbei durch belebte Straßen an die westliche Stadtgrenze, hinauf auf die Höhen. Eine ähnlich enge Ausfallstraße wie die von Póthia, Kálymnos, (dort) nach Ost hinaus. Ein großer Steinbruch, ein Militärposten. Dann die ersten Oliven, während wir zum Golf von Jéras (= Géras) hinunterkurven. Leider hat der Busfahrer die Sonnenblende so weit heruntergezogen, haben die Mitreisenden die seitlichen Vorhänge fast alle zugezogen, sodass ich Mühe habe, die herrlichen Ausblicke zu genießen.
Die alte, schwarz gekleidete einfache Frau neben mir kauert auf ihrem Sitz, lehnt sich Halt suchend gegen das Fenster, ist unruhig. Sie scheint Schmerzen zu haben. Ich frage, und sie deutet auf ihren Kopf.

Ein paar km nach der Abzweigung Richtung Pýrgi (Pírji) geht es in nordwestlicher Richtung am Golf von Jéras entlang. Einige Hotelanlagen zwischen Straße und Meer. An einem Ort gibt es heiße Quellen. Den mit Kleidungsstücken behängten Ölbaum des Heiligen Therápon an der Straße bemerke ich leider nicht, denn die Vorhänge gegen die heiße Mittagssonne sind wirklich nötig.
Nach wie vor eine Olivenlandschaft. Wir passieren den Abzweig Richtung Plomári. Links ist bereits das Ólimbos–Massiv zu sehen, bald auch sein höchster Gipfel, ein anderer "Profítis Ilías". Eine schöne, weite Landschaftsfurche, die wir da durchfahren. Ein anderer Abzweig, hinauf nach Ajiássos, dem Wallfahrtsort zu Füßen des lesbi(oti)schen Olymp. Der Ort Lámbou Mýli, hübsch anzusehen.

Ganz abrupt endet hier die Ölbaumlandschaft, um ausgedehnten, ja riesigen hellgrünen Kiefernwäldern zu weichen. So etwas hatte ich mir nicht vorgestellt, die Mitte von Lesbos (und nicht nur die höheren Bergregionen) ein einziger, wunderschöner Kiefernwald! Wie herrlich es da wohl duften muss, nach dem Harz der Bäume. Die breite Neubaustrecke durchschneidet den Forst. Überall zweigen Waldwege ab, auf Rastplätzen stehen zahlreiche Bienenstöcke, ab und zu ein Feuerwehrauto zwecks schneller Einsatzbereitschaft im brandgefährdeten Kieferngebiet.

Nach vielleicht 8 bis 10 km Kiefernwald senkt sich die Straße hinab zur Ebene des größeren Golfs von Kalloní. Die Kiefern ziehen sich nach Nord und Süd zurück. Eine offene Landschaft erfreut nun das Auge. Weiden, steppenartiges Land, vereinzelt Bäume. weit reicht der Blick nach Süden, im Dunst verschiedene Küstensiedlungen am Golf. Südlich sowie jenseits des Meerbusens wieder höheres Bergland.
Bald fahren wir an den Salinen von Kalloní entlang, seichten, rechteckigen großen Meerwasserbecken zur Salzgewinnung. In ihnen staken pinkfarbene Flamingos herum, und einige graue Fischreiher – so was Tolles kenne ich nur von Limnos her – halt, einen einzigen Reihervogel (oder zwei) habe ich auch auf der Kykladeninsel Anáfi gesehen, an einem Tümpel bei der östlichen Inselengstelle vor dem hohen Marmormonolithen mit der Kirche auf einer seiner beiden Spitzen. Jedenfalls ein herrlicher Anblick, leider nicht aus der Nähe. Im Hintergrund ein hoch aufgeschichteter Salzberg. Das war wieder ein unerwartetes Ereignis.

Der Vorort Arísvi, dann das größere Kalloní. Es wird wieder eng. Die wichtigste Haltestelle ausgerechnet an der engsten Stelle. Es steigen viele Leute zu. Für die Bewohner des Inselwestens scheint Kalloní so etwas wie das Einkaufszentrum zu sein für alles, was man nicht von einem fliegenden Händler erstehen kann.
Bei meinem nächsten Lesbos–Besuch werde ich mir in Skála Kallonís, dem Ort direkt am Golf, wo so viele Niederländer urlauben und wo es eine sooo gute Ouzéri geben soll, ein Fahrrad mieten und die Randzonen des Golfs ein wenig in Augenschein nehmen – wenigstens einen halben Tag lang.

Am Nordende von Kalloní zweigen wir nach Dáfia ab. Geradeaus ginge es nach Pétra und Mólyvos, den wohl bekanntesten Ferienorten auf der Insel. Nach rechts (Nord) hin erhasche ich hinter dem Dorf eine kurze Ansicht des Klosters der Panajía Mirsiniotíssis.
Nur wenige km weiter liegt links unter uns ganz nah das berühmte Kloster Moní Limónos, eine ganz weit gestreute Anlage mit dem Hauptkomplex und einer Unmenge kleiner Kirchen und Häuschen in unmittelbarer Nähe. Viele davon sind mit mehreren Kuppeln bestückt. Eine "heilige" Landschaft, eines der religiösen Zentren der Insel – und in diesem Fall ganz Griechenlands, nicht zuletzt wegen der wertvollen Bibliothek mit alten Handschriften und Büchern. Man könnte es deshalb bedeutungsmäßig fast schon mit dem Johanneskloster von Pátmos vergleichen. Leider hält der Bus hier nicht und wartet eine oder zwei Stunden auf mich. Ich verschiebe den Klosterbesuch auf unbestimmte Zeit.

Bei der Weiterfahrt auf den Kurven hoch Richtung Fília zieht meine schmerzgeplagte Nachbarin eine Tüte hervor und übergibt sich leise, sehr dezent und ohne große Belästigung. Die arme Frau. In Fília steigt sie auf wackligen Beinen aus. Hier wird der Bus schon deutlich leerer.
Kurz darauf ist Skalochóri erreicht, wo eine weitere Straße von Pétra her einmündet. Ein größeres Dorf mit den typischen Natursteinhäusern mit rotem Walmdach, an den vier Ecken des Dachs jeweils ein kleiner hochgestellter Ziegel in der Form einer rundum geflügelten Frauenbüste, die, abergläubisch wie man hier und überall in GR ist, die bösen Geister abweisen soll.
Auf Serpentinen geht es bald darauf hinab ins Talbecken unterhalb von Vatoússa. Kurz bevor wir in den Ort hochfahren, ein Halt zum Tanken. Neben der Tankstelle wird hinter dem Haus selbst gezogenes Gemüse verkauft. Einige Fahrgäste steigen aus, um kiloweise schöne Tomaten zu erwerben. Das Dorf selbst wirkt, soweit ich es aus dem Busfenster beurteilen kann, sehr hübsch und besuchenswert. Die Kafenía würden mich reizen, die abendlichen Dorfszenen. Wir streifen es aber nur randlich. Am Dorfrand wartet schon ein Anschlussbus zu entlegeneren Dörfchen bis hin nach Chídhira. Einige steigen um, auch die nette Frau, von der ich erfahren habe, wohin der Anschlussbus fährt.

Das nächste Dorf hinter Vatoússa ist Ándissa, und spätestens ab hier dünnen die Bäume sehr stark aus, das Land wird zur bergigen Steppe. Etwa 7 oder 8 km unterhalb des Dorfes liegen einige kleinere Küstensiedlungen, so auch das Badeörtchen Gavvathás (auf asphaltierter Nebenstraße erreichbar), und natürlich die Ruinen von Alt–Ándissa, wie viele antike Stätten auf Lesbos höchstwahrscheinlich eine äolische Gründung. Außerdem lässt sich von hier aus auch Lápsarna erreichen (ca. 9 km), ein weiterer winziger Badeort im herbstlichen Abseits.

Etwa 2 km hinter Ándissa gabelt sich die Straße. Nach rechts sind es noch etwa 17 km bis Sígri, dem isoliert gelegenen Hafenort mit Fährenanschluss der SAOS Lines. Halblinks führt die Straße oberhalb eines Flusstals mit Gebüsch nach Eressós hinab, das nach etwa 9 km erreicht ist. Auf den Höhen bei der Gabelung etliche Windkraftwerke. Außerhalb des großen Berghangdorfes Eressós der Abzweig zum Kloster Pitharíou, ein Feldweg.

Eressós. Der Bus fährt die steile Straße zur Platía hoch, wo er wendet. Ein neues und mindestens zwei alte Kafenía umrunden den Platz. Nur im neuen sitzt eine Gruppe Touristen. Viele schaulustige Männer haben im größeren der alten Kaffeehäuser Platz genommen. Der Bus zurück von Mytilíni, das ist schon was.
Nachdem der Fahrer einige Falschparker herumkommandiert hat, die den Bus beim Wenden behindern, geht es weiter, nur noch 3,5 km sind es bis zum Küstenort Skála Eressoú. Der Alleeteil dieser Straße erstreckt sich über höchstens 1,5 km.
Nur knapp 1 km südlich des alten Dorfes Eressós biegt eine asphaltierte Straße nach Mesótopos ab und weiter zum Golf von Kalloní, die kürzere Alternative.

Nur mehr 4 oder 5 Leute sind es, die auf dem großen, ungeteerten Parkplatz vor dem Ortskern von Skála Eressoú aus dem Bus steigen. Kein einziger Zimmervermieter hat sich die Mühe gemacht, auf Touristenfang herzukommen.

Ich weiß aber schon, wo ich hinwill, fackle nicht lange, überquere die Straße und den anderen Parkplatz und sehe in seiner Ecke schon das Hinweisschild auf die nur 50 m entfernte Pension Krinelos (wie sie betont wird, weiß ich nicht, wohl nicht auf der ersten Silbe).
Zu dieser geheiligten frühnachmittäglichen Ruhezeit muss ich länger rufen, bis mich jemand hört. Der verschlafen aussehende Besitzer kommt schließlich raus, holt seine Frau. Ich entschuldige mich ob der Störung zur Ruhestunde und bekomme ein relativ kleines Zimmer mit Bad und durchgehendem Balkon davor für 20 Euro. Endlich mal wieder auf Normalpreisniveau, denke ich. Aber zu früh gefreut, mein Lieber!

Copyright puchheim = MartinPUC 2005, 2007



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