Im Südwesten von Lesbos:
Skála Eressoú und ein Abstecher nach Sígri

Copyright puchheim = MartinPUC, 2005, 2007


1) In Skála Eressoú und Umgebung

Auffallend wenig Gäste scheinen in meiner Pension Krinélos zu wohnen. Kein Handtuch, kein Badezeug ist zu sehen, nichts zum Trocknen oder Auslüften Ausgehängtes. Die Zimmerwirtin gibt auf meine Frage hin nur zu, dass es "wenige" sind. Es ist aber lediglich noch ein einziges weiteres Zimmer besetzt, einen Stock höher genau über mir, von einer sehr zurückgezogen urlaubenden jüngeren Frau, die ich ein einziges Mal von hinten zu Gesicht bekomme, als sie die Treppen hinuntersteigt.
Die drei Tage, die ich in diesem Haus wohne, habe ich das Gefühl, fast allein auf der Welt zu sein. Nur schräg halbrechts gegenüber, in einer vielleicht 200 m entfernten Häuserkette mit Touristenzimmern, sehe ich regelmäßig Leute vor ihren Zimmern Badetücher und Wäsche aufhängen und abholen. Sogar meine Sitznachbarin vom Herflug glaube ich einmal zu erkennen, sie hatte gleich ein teures Taxi nach Skala Eressoú genommen. Die Zeit in meiner Balkonecke ist eine äußerst einsame, bis auf den regelmäßigen Besuch einer bestimmten Hauskatze, die, kaum habe ich Platz genommen, aus dem Nichts auftaucht und mit rhythmisch tretenden Beinbewegungen um mich herumschnurrt, sich dann brav hinter meinem Stuhl auf dem Fensterbankl in die Sonne legt. Und auch die paar Schafe im Garten meiner Vermieter, die immer eng beieinanderstehen, erinnern mich ans Leben, an Gemeinschaft. Anderswo bin ich mit den Leuten immer bald ins Gespräch gekommen. Aber wenn gar keine da sind, ......

Die wichtigsten Sachen ausgepackt, in Schrank und Zimmer verteilt, und schon mache ich mich auf zu einem ersten Erkundungsgang durch den netten, mittels rechtwinklig aufeinandertreffender Straßenzüge gegliederten Neubauort.

Der führt mich (süd)ostwärts durch die volle Länge der hintersten von mehreren Parallelgassen, auf die Strandline bezogen. Vom Eck–Pandopolío eines Herrn Dhoukákis und einer Telefonzelle aus, an der Kreuzung mit der Richtung Meeresufer führenden kurzen "Hauptstraße", gehe ich vorbei am gassenwärtigen Eingang zu einem Gartenlokal (der einzigen Taverne, die nicht im Uferbereich angesiedelt ist, auch hier hat eine Deutsche eingeheiratet), dann an der Bäckerei, der Dorfkirche, schließlich hinauf zu dem fast konisch geformten, mit Kiefern bewachsenen Vígla–Aussichtshügel, ehemals Sitz der antiken Äolerstadt Eressós.

Wenn man sich einen der Pfade hochgearbeitet hat, genießt man einen herrlichen Überblick nach West und Nord, über die weite, relativ grüne Talebene des Hinterlandes, mit Gärten und einzelnen Häusern bestanden, und auf die Bergumrandung. Weiter hinten auch auf den kleinen Hafen und seine Zufahrtsstraße am Ufer. Vor allem aber auf den wirklich fantastischen Sand–Feinkies–Strand nach Nordwesten hin, vielleicht 100 m breit und 2 Kilometer lang. Ein wahres Glück für jeden Badeurlauber. Fraglos eine sehr schöne Gegend, dieses Fleckchen Erde. Ich freu mich, da zu sein.

Es sollen in vergangenen Jahrzehnten ja eher UrlauberINNEN gewesen sein, die hierher aus aller Herren Länder pilgerten, zum wahrscheinlichen Geburtsort der großen Dichterin Sáppho, die wie sie der reinen Frauenliebe huldigte.
Inzwischen hat sich ein echter Urlauber(innen)–Mix ergeben. Einige kleinere Pensionen und Hotels bieten Individual– wie Pauschaltouristen reichlich Zimmer an.
Das für meine Begriffe landschaftsentstellende, aus zahlreichen pastellfarbig angestrichenen, knallig neu wirkenden Einzelhäusern, davor ein nicht gerade kleiner Poolbereich mit Bar, zusammengesetzte Großhotel Aeolian Village westlich des Dorfes direkt hinter dem Strand beherbergt auch in der ersten Oktoberhälfte wohl noch wenigstens 150 – 200 (wenn es reicht) Pauschaltouristen aus ganz Europa. Seine Aufnahmekapazität ist groß. Na Mahlzeit, in der Hochsaison! Die Anlage wirkt auf mich fürchterlich steril, ohne jegliche Atmosphäre oder Heimeligkeit. Anfang Oktober geht es aber zahlenmäßig vergleichsweise gemütlich zu. Irgendwelche seichten griechischen Schlagermelodien aus der Hotelbar übertönen besonders abends Land und Strand in Hotelnähe, da werden sich die Schafe auf der Koppel direkt neben dem Großkomplex aber wundern. Einige der Hotelgäste sieht man wohl wegen ihrer AI–Buchung nicht so häufig im Ort selbst. Dennoch bewegt sich ständig ein kleiner Strom von Paaren vom Hotel aus ins Dorf und von dort zurück. Sie haben auf diesem Weg zwischendrin stets ein außergewöhnliches Erlebnis, wenn sie die Augen aufmachen, davon aber später.

In den Gässchen des Ortes – mit Ausnahme der Tavernenzeile über dem Meer – fühle ich mich recht wohl, die haben einen Touch von Mastichári, Kos, oder ein wenig von Georgioúpoli, West–Kreta, eher noch intimer, obwohl das eine große Hotel außerhalb schon viel zerstört hat.
Lädchen, kleinere Boutiquen, das von Frauen betriebene Reisebüro Sáppho Travel. Ein kleiner Kiosk in einer Parallelgasse zur Strandlinie mit sehr nettem Betreiber, der einem armen Alten auch einmal etwas unentgeltlich überlässt, ein größerer in Ladenform in der Hauptstichstraße vom Parkplatz Richtung Meer. Dort auch ein Obst– und Gemüseladen. Ein Metzger. Mehrere Minimarkets. Eine Auto–, Motorrad–, Roller– und Mountainbike–Vermietung (Manólis, glaub ich – oder Níkos? Immer dieselben Namen!). Ein Spirituosengeschäft (Ouzo). Ein paar Kafenía, eigentlich nur zwei ältere, in einem davon wurde ich sehr abweisend behandelt. Für alle, die wirklich sparen müssen, eine vergleichsweise billige Psistaría, in der sich vor allem Einheimische aufhalten, Fleisch oder Jíros mit Patátes mampfend.

Einige In–Plätze, z B. ein etwas ausgefalleneres Café, das sich mit einer Abendveranstaltung auch mal um das Kennenlernen der unterschiedlichen anwesenden Nationälitäten kümmert, an einem der beiden quadratischen Plätze hinter dem Meeresufer, oder auch die Terrasse des Frauenhotels Sappho, die jetzt, zum Saisonende, nur mehr als Bar betrieben wird, Restaurant schon geschlossen.

Ganz nett anzusehen das Klein–Café mit Uferterrasse und hellblau gestrichenen Tischen einer schöne Torten anbietenden Österreicherin. Als ich endlich ein Stück haben will, finde ich ein Schild vor der Tür, auf dem sie sich in korrektem Englisch bei allen Gästen bedankt und für dieses Jahr verabschiedet. Mist! Ich Trottel. Man sollte immer gleich zugreifen – außer bei Weintrauben am Weinstock, wenn man später gerne Wein trinkt.

Warum nur bläut mir meine Zimmerwirtin gar so schnell ein, einen bestimmtem Weg aus dem Haus zum Ufer hin zu gehen? Antwort: Weil der zur Taverne Karavojánnos (also nicht etwa "–jánnis"!) führt, und die gehört ihr und ihrem Mann, und ein paar andere Familienmitgliedern arbeiten in der Küche und als Bedienungen mit.
Da diese neben dem Hotel Sappho am Meeresufer gelegene Taverne auch im Müller–Buch von Th. Schröder empfohlen wird, probier ich sie abends gleich aus.

Wieder ist alles mit diesen blöden dicken Kunststoffvorhängen verhängt, alles andere als ungetrübte Sicht auf die untergehende Sonne, auf die Insel Psará und das größere Chíos. Ich hasse es; denn es weht auch kein besonders störender oder kalter Wind, vor dem man uns wenige Gäste schützen müsste.
Ich hab den Eindruck, nur etwas bessergestellte Aeolian–Village–Hotelgäste um mich herum zu sehen. Der eine längere Tisch mit lauter Griechen, die Fisch bestellen und jede Menge Beilagen, kriegt's bestimmt um die Hälfte billiger. Denn hier lässt man sich die etwas ausgefallenere Speisekarte, die auch durch einen türkischen Einschlag – z. B. Jog(h)urt–Soßen, wie wir sie ja von zu Hause, von jedem Türken um die Ecke zur Genüge kennen – geprägt ist, teuer bezahlen.
Ich setze meine Brille auf und muss die Karte lange studieren, bis ich mir ein preiswertes Menü (ohne Vor– und Nachspeise, ohne Apéritif und ohne Kaffee danach) aus 1 Schweinekotelett (chiriní brisóla), einer Beilage aus grünen Bohnen (fasolákia) und 1 Amstel–Bier zusammengestellt habe. Der halbe Liter Kronkorken–Retsina, den ich lieber gehabt hätte, ist mir mit 5 Euro zu teuer.
Natürlich habe ich damit alle Spezialitätenköche des Hauses ausgebremst, aber ich muss eben auf mein finanzielles Tagesquantum achten. Dafür berappe ich dann, zusammen mit der Brotgebühr und bestimmt noch einer zusätzlichen Gedeckstrafzahlung, 14 Euro 20. Plus Trinkgeld. Es hat sehr gut geschmeckt, war für meinen Geschmack aber hochgradig überteuert.

Nach diesem preislichen Trauma bin ich vorläufig geheilt von der Tavernenzeile in Skala Eressoú. Die um mich herum Sitzenden sehe ich meist auch die günstigeren Gerichte speisen und Wein glasweise trinken, nur 1 Paar gönnt sich Fisch – ohne Rücksicht auf Verluste. Als Leuteanlocker die schmausenden, schwelgenden Griechen, die von allem reichlich bekommen? Waren es nahe Verwandte? Oder eben andere einheimische Abzocker auf Höflichkeitsbesuch, die sich ein derartiges Dinner problemlos leisten können.
Von nun an trage ich ein großes, dickes Fragezeichen gegenüber Matt Barrett und seiner englischen Lesbos–Website mit mir herum. Der hatte gemeint, er habe hier in praktisch jeder Taverne gut und preiswert gespeist. Nicht gerade wasserdicht, so ein Statement. Ob das wohl auf Sífnos (das er auch ausführlich behandelt) ebenso zutrifft? Ich kann es mir jetzt vorstellen.

Nun sieht mich auch Herr Dhoukákis zweimal täglich, und der Gemüseladen in seiner Nähe wenigstens einmal. Besonders schmackhaft ist seine Wurst nach Art von Lefkádha. Dazu Brot (hat er auch im Lebensmittelgeschäft), Käse, herrliche reife Tomaten, mal ne Birne, mal weiße Trauben, Rotwein aus Neméa, herrlich süffig und preislich noch unter dem Kronkorken–Retsina im "Karavojánnos". Als Nachspeise ein paar Riegel Schokolade, vor dem Essen einen Ouzáki – ich kann nicht klagen. Auf meiner Balkonecke lässt es sich vortrefflich speisen und Wein süffeln, und die Treterkatze kriegt auch was ab, also noch dazu ein gutes Werk getan. Nur die ab und zu frontal unter mir auftauchende, einen schnurgeraden Weg zwischen Gärten zu mir her abschreitende Wirtin wird sich über die über die Balkonbrüstung im ersten Stock ragenden Korken und Ouzoflaschenhälse und die zufällig herabregnenden Brotbrösel geärgert haben, wo sie doch so gut und preiswert kocht, in ihrer Taverne. Und ihr Mann auch, der besonders oft im Garten unter mir hantiert, während ich genüsslich schmatzend in die Wurst beiße, mein Glas hebe und freundlich grüßend auf ihn herabblicke.

Die hohen Essenspreise (ein Bier ist immerhin noch für 2 Euro zu haben, oder im Minimarket für ca. 85 Cent) verleiden mir die Schönheit dieses Fleckchens Erde aber keineswegs.
Hübsch die Wanderung am Strand, oder auf dem Sträßchen Richtung Hotel Aeolian Village.

Man kommt zu einem Fluss, davor ein Tamariskenwäldchen mit einigen Zelten von Wildcampern und von der Gemeinde ostentativ aufgestellten Abfallbehältern. Auf dem Damm am Fluss hinter Büschen die Hinterlassenschaften der menschlichen Verdauung, garniert mit vielen Tempos. Leider ist das Wasser stark verschmutzt, aber das hohe Schilf ist beeindruckend. Und spätestens wenn man von der Brücke aus zufällig runterguckt ins Süßwasser, wundert man sich über die vielen kleinen schwarzen Steine, die über die Wasseroberfläche herausragen. Bis man dann andere gepanzerte Tierchen mit dunklen Köpfchen entdeckt, die sich zufällig auf Felsen im Fluss sonnen, sich begatten oder sich in aller Trägheit was anderes einfallen lassen. Mein Lebtag hab ich nicht so viele Schildkröten auf einer Stelle gesehen wie hier. Es sind Hunderte, möchte man sagen. Die meisten von ihnen hängen ganz stoisch schräg im Wasser, nur Kopf und Knopfaugen sind deutlicher zu sehen. Ein Rest von Natur in einem arg verschmutzten Flussabschnitt inmitten des Tourismus. Fast jeder Passant bleibt hier eine Weile stehen und freut sich.

Jenseits der Brücke wird der Strand noch weitläufiger und einsamer, bis auf das Stück direkt vor dem Großhotel, wo auch wieder, wie weiter ortswärts mehrere andere, eine Strandbar angesiedelt ist. Gegenüber diesem Hotel wurde unmittelbar hinter dem eigentlichen Strandbereich ein größerer, wirklich respektabler Palmenwald angepflanzt, der einmal, wenn die Bäume hochgewachsen sind, ein durchaus exotisches Flair vermitteln wird.
Neben dem Hotel eine umzäunte Fläche mit alten, zum Verkauf angebotenen Ackergeräten, der hintere und westliche Teil des Areals dient nachts als ausgedehnte Schafkoppel. Die auf der Westseite der Anlage wohnenden Hotelgäste werden somit vom Glockengebimmel in den Schlaf gewiegt – falls die Musik der Hotelbar den Glöckchenklang nicht überdröhnt.
Großartig zu beobachten, wie sich abends, kurz vor Einbruch der Dämmerung, vom Berg über dem Kap am Strandende herunter über das felsige Terrain eine Schafherde ergießt, die sich in mehrere Stränge aufspaltet, getrieben vom Hirten und seinen Hunden. Eine hübsche Mischung aus weißlichen und schwarzen Tieren. Althergebrachtes gegen Klatschneues, direkt nebeneinander.
Die Schafherde kommt immer fast genau den alten Wanderweg herunter, der, mit weißen Kreuzen auf den Felsen markiert, schon von unten aus gut einsehbar ist. Vom Dorf aus, zumindest wenn man etwas höhersteigt, ist im Westen hinter dieser Bergkuppe ein kleines Kirchlein auf entfernterer Bergeshöh auszumachen, zu dem der steinige Pfad führt. Es ist eine von zwei Profítis–Ilías–Kirchen in dieser Gegend (– die andere liegt, gut zu sehen, auf einem Felsen im Hinterland westlich der Straße nach Eressós – auf Lesbos gibt es in der Tat etliche solcher "Felsenkirchen").

Der Weg zu der einen Kapelle auf einem Berggipfel über dem Meer reizt mich, und er ist auch nicht schwierig und keineswegs weit. Man ist nach etwa 35 min dort, vom Strandende westlich des Aeolian Village aus gerechnet. Der Einstieg befindet sich direkt neben der verfallenen hölzernen Strandbar am Zaun, einer nicht gerade idyllischen Stelle in der Nähe eines fast ausgetrockneten Tümpels beim Strand. Da das Gatter mit einem Draht ziemlich zugeflochten ist, steigt man am besten über das bereits heruntergeknickte Maschendrahtgeflecht daneben.
Jenseits des Scheitelpunktes des ersten Berges (eher eines Hügels) geht man bald an einer Tierkoppel vorüber, wo das Gipfelkapellchen schon sichtbar wird, weiß herunterstrahlt. An manchen Stellen des Wegs treffen Windböen vom nahen Meer her mit voller Wucht auf den Wanderer. Karges Land umgibt einen, kaum ein Baum schmückt es. Kurz vor Erreichen des zweiten Gipfels rechtsab endlich doch noch ein Schatten spendender einzelner Baum, Getränkedosen um ihn herum in der ansonsten unberührten Natur.

Die Gipfelkirche des Propheten Elias bietet Schutz unter einem Vordach mit Tisch und Sitzbänken. Nicht wenige Besucher haben hier ihre Namen eingeritzt. Seitlich der Kirche ein Nebenraum mit allerlei Gerümpel. Es ist offensichtlich auch ein kleiner Wallfahrtsort, einmal im Jahr, ansonsten nur Wanderziel.
Ein schöner Ausblick, der von einer westlich gegenüberliegenden, oben abgeflachten Hügelzunge, auf der gerade eine Schafherde weidet, etwas begrenzt wird. Unterhalb eine Bucht. Jenseits erahnt man die Stelle, wo Sígri liegen muss, zwischen Hügelausläufern und einer vorgelagerten Insel (– nur auszumachen mit aufgeschlagener Landkarte). Besser sieht man, wenn man die paar Schritte zum eigentlichen Gipfelpunkt hochgeht. Von dem aus bemerke ich einen weiteren Wanderer sich nähern. Er ist Engländer. Später, als ich schon auf dem Rückweg bin, kommen noch zwei Paare, eine einzelne Frau. Wie gesagt, eine leichte Wanderung.

Wieder unten angelangt, guck ich mir die Aushöhlungen am Kap an, über dem Strandende. Dann tipple ich zum Ort zurück. Ich sehe nur vereinzelt Leute am Strand, niemanden im Wasser.
Im Büro von Sappho Travel sitzen zwei Frauen vor Flachbildschirmen mit Unmengen von Icons drauf. Ein Tourist erkundigt sich nach etwas. Eine friedliche Stimmung im Ort. Zeit zum Einkaufen und Balkonessen. Erst einmal Wasser und einen Schluck Roten, und eine Packung "Tasty Naturals Mixed Nuts– Αμύγδαλα και Σταφίδα" (ich esse hier am Notebook gerade die letzte Packung) – geschälte und von ihrer Haut befreite Mandeln mit Rosinen.

Beim netten Bootshafen etwas östlich der Siedlung seh ich mir die Kapelle an, sitze draußen auf der Steinbank gegen ihre Wand gelehnt. Ein Paar kommt vorbei, steigt dann einen markierten Pfad den Hang hoch. Ganz oben eine Ruine, wohl ein ehemaliges Kastell.

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, auch von hier loszugehen, in den Südosten zu wandern, mir die Strände von Chroúsos und vielleicht auch Tavári anzuschaun. Aber mir ist nicht so zum Baden, und nach West, nach Sígri will ich unbedingt, hab aber nur zweieinhalb Tage hier.
Leider muss die angekündigte Bootsfahrt zum Strand von Chroúsos wegen hohen Wellengangs und stärkerem Wind draußen auf See ausfallen. Hätte mir eh nichts genützt, denn, wie hieß es so schön auf dem Plakätchen, ausnahmsweise einmal: "WOMEN ONLY" – die wollen sich nicht von Männeraugen beim Baden und Sonnen beobachten lassen, die extra hierher von weit angereisten Damen. Dennoch, ich denke, zumindest in den USA wäre so ein geschlechtsdiskriminierendes [ ;-)) ] Angebot höchstwahrscheinlich verboten worden.


2) Mountainbike–Fahrt nach Sígri und zurück

Ja, wandern lässt es sich ganz gut, von Skála Eressoú aus. Aber auch mountainbiken!
Schon am Vorabend meiner Exkursion schau ich beim Manoli/Niko vorbei und kündige mein Vorhaben an. Er ist tags darauf um halb zehn schon da, wäre es auch früher am Morgen gewesen, denn er scheint mit seinem Büro geradezu verwachsen. Häufig fehlt er zwar auf seinem Stuhl, befindet sich aber nur hinten im Bad, wo er sich wieder mal nass rasiert. Ein recht sympathischer Mensch jedenfalls, der mich davor warnt, so weit zu fahren. Es hätte zwar schon welche gegeben, die es bis Sígri und zurück geschafft hätten, das sei aber eine kleine Minderheit gewesen. Ich sage: mal sehen, tha dhoúmä. Für 6 Euro miete ich also für 1 Tag erstmals in diesem Urlaub ein Bike, das laut Aufschrift aus Skála Kallonís stammt – dort verbringen bekanntlich zahlreiche fahrradbegeisterte Holländer ihre Ferien. Ist zwar wie hier üblich etwas angerostet, verrichtet seinen Dienst aber recht zufriedenstellend.

Erst geht es auf einen Kaffee hinauf ins Dorf Eressós.
Die fast schnurgerade Ausfallstraße zum Dorf hin ist gesäumt von Häuschen, auch größeren und kleineren Pensionen, Gärten, viel Grün. Ein paar Feldwege verlocken zum Risiko, zu Erkundungstouren, v. a. die nach Ost hinausgehenden. Standhaft trete ich nordwärts in die Pedale. Der Alleeteil kommt, ganz hübsch. Dann die leichte, aber stetige Steigung.

Am Dorfeingang links ein geöffnetes Kafenío mit nett aussehender, schwarz gekleideter Wirtin. Auf der anderen Straßenseite ein geschlossenes neueres, beide gleich bei der Abzweigung nach Ándissa hinauf. Nun wird es echt steil. Kurz vor der Platía biege ich rechts ab und durchradle das Gassenlabyrinth, bis ich am nordwärtigen Dorfende angelangt bin. Irgendwie lande ich anschließend auf dem Dorfplatz und zwänge mich zwischen Tischen hindurch zum letzten freien Schattenplätzchen im größten Kafenío. Sie sind Touristen gewohnt hier, ich stelle keine Sensation dar. Der junge Kafetzís erklärt mir, wie ich die Straße nach Sígri finde, es sei aber WEIT, makriá und SCHWIERIG, dhískola. Ich rolle also wieder bergab, biege unten rechts auf den länglichen Parkplatz ein, aus dem heraus sich eine Gasse steil hochwindet. Ich frage mich durch. Wieder oben angekommen, dämmert mir, dass ich von der Platía aus mit weniger Schweiß die Stelle erreicht hätte, wo der Feldweg beginnt. Ach, manche Griechen.

An der Müllkippe vorbei zieht sich der breite Feldweg um die Berge der nordwestlichen Begrenzung der Ebene zu Füßen von Eressós. Der Blick auf Bergausläufer (und den anderen Profíti Ilía) und Ebene ist grandios. Ein leichtes Gefälle, eine leichte Steigung, dann geht es wieder etwas bergab, vorbei an einer nett grüßenden Jagdgesellschaft mit Hund und Flinten. Die armen Wildkaninchen.

Bei einem großen Gebäude mit Schafstall oberhalb der Piste beginnt eine lang gezogene Steigung auf "Waschbrett"– Untergrund (die Spuren der Planierraupe) und immer auch Geröll – Schwitzen und rhythmisches Rumpeln in einem, und Umfahren größerer Brocken. Jetzt weiß ich, was das bedeutet, nebenbei auch noch um enge Serpentinen zu kurven, den Schwerpunkt richtig zu verlagern. Meine Autolosigkeit zu Hause und mein Angewiesensein aufs Radfahren kommen mir hier wirklich zu Hilfe, was die Ausdauer anbelangt. Einmal muss ich pausieren, da bin ich aber praktisch schon ganz oben am "Pass" angelangt (– na ja, sooooo hoch sind hier die Hügel und auch Berge nicht), kurz hinter dem ersten Hund an der Tonne am Straßenrand, wo man schon auf die westliche Talfurche eines ganz anderen Landstrichs hinunterblickt.
O Gott, denke ich, das sieht ja noch weit aus. Ganz im Hintergrund der Szenerie kündigt sich schon die nächste Steilstrecke an.

In zahllosen Kurven geht es nun, erst wieder vorbei an einem Schafstall mit Koppel, auf der Geröllpiste mehrere Kilometer eine lange Strecke bergab ––– richtig, ich hab gleich an den Rückweg gedacht – Horror, der mich da erwartet!
Unten angelangt, überquert man einen kleinen Bach, der nur wenig Wasser führt. Wenn ich gesucht hätte, wäre ich bestimmt auch hier auf viele Schildkröten gestoßen. Besonders im Mündungsbereich ins Meer, doch den Umweg bin ich nicht gefahren. Schilf, andere Wasserpflanzen. Eine weite Ebene breitet sich hier aus, seewärts wie landeinwärts. Hübsche dunkle Gräser in großen Büscheln, durchsetzt mit herrlichen Feigenbäumen. Eine entlegene Traumlandschaft. Nordöstlich ein paar verstreute Gehöfte mit Zufahrt.
Wer weiß, der vielleicht 1 km entfernte Strand namens Tsichlióndas wäre wohl auch einen Besuch wert gewesen (– das nächste Mal, von Sígri aus, zur Not zu Fuß!). Ein weißes Haus (mit geschlossener Taverne?) liegt in Sichtweite meerwärts, ein Feldweg führt hin. Ich nehme mir keine Zeit für Abstecher, muss meine Kräfte sammeln, darf mich nicht vorzeitig verausgaben.
Noch vor der Kapelle links an der Straße rechter Hand ein kleiner Hund, an eine Tonne gebunden. Er will mit mir spielen. Den merke ich mir, der kriegt nachher was Feines zum Fressen.

Es geht nun am Hang entlang. An einer Stelle bemerke ich gerade noch den ersten versteinerten Baumbrocken nur ein paar Meter weg von der Straße, und Hinweisschilder, wohl auf seine Existenz oder den nahen "versteinerten Wald" = "petrified forest". Irgendwo auch eine Wegmarkierung bergauf, für Wanderer.

Die letzte große, vor allem wieder lange Steigung vor Sígri, kilometerlang, wie es sich gehört (– ich freu mich auf die Rückfahrt, jedes Ding hat zwei Seiten). Einmal schiebe ich ein bisschen. Abgesehen von zwei Bauernlastern, überholt mich nur ein Mietwagen mit Touristen in Richtung Sígri, der sich im etwas verschärften Schritttempo vorarbeitet. Es geht aber ganz gut, gibt wirklich schlimmere Wege für PKWs, Herbert von "Kreta–Impressionen" wird's bestätigen, der fährt/fuhr solche Wege auf dem Motorrad (jetzt eher mit dem Jeep). Die Insassen wundern sich über mich, hätten auch lächeln können, nicht so grimmig dreinzublicken brauchen. Aber vielleicht war mein Gesicht zu verbissen, so permanent bergauf, und wie man in den Wald reinruft, .......

Nun endlich schaue ich von oben herab auf die hübsche Gegend zwischen Kap Sarátsina und dem immer noch verborgenen Zielort, einige sandig wirkende Strände in kleinen Buchten, eine geschwungene Abfolge von Badestränden, die längliche, leicht gekrümmte Insel Megaloníssi. Beim langen Abwärtsrollen begegnen mir die ersten britischen Paare auf ihrem Weg zu den etwas entfernteren baum– und schattenlosen Beaches. Die ganze Gegend hier ist ratzekahl, dennoch auf ihre eigene Art reizvoll. Und ziemlich fest in britischer Hand. Drei oder dreieinhalb Dutzend Fünfuhrteefixe sind bestimmt noch hier.
Als ich oberhalb eines größeren Gehöfts oder Häuserkomplexes, vor dem zwei Lastwagen die Straße verstopfen, um die Kurve rolle, zeigt sich schließlich ein Teil von Sígri, alles weiß, mit roten Dächern und in Hanglage. Jenseits weitere Strände.

Die letzte Kurve, schon geht es hinab zum ersten, recht schmalen Ortsstrand neben der Straße, immer noch ein Stückchen außerhalb, an dem es sogar Tamarisken gegen die gnadenlose Sonne gibt, in deren Schatten es sich einige Leute gemütlich gemacht haben. Landwärts Schilf, ein Bach, vereinzelte Häuser. Sieht nicht schlecht aus, für meine Begriffe, und überhaupt nicht überlaufen.

In den Ort hinein geht es wieder leicht aufwärts. Ich komme zu einem kleinen Platz mit Souvenirlädchen und Minimarket, fahre weiter, bis linker Hand eine verlockende Terrassentaverne grüßt, die ich irgendwann mal ausprobieren möchte. Als ich zurückradle, wird sie voller verspätet zu Mittag essender Urlauber sein.
In einem stetigen leichten Bogen nach rechts zieht sich meine Straße bis zum Hafen vor. In dieser Gegend sind die meisten Lokale angesiedelt und ein weiterer Minimarket.
Natürlich seh ich mir den Hafen genau an.

Außerhalb des inneren Hafenbeckens erst liegt, geschützt von der vorgelagerten Insel, die betonierte Fläche mit der Anlegestelle für die größeren Fähren von SAOS, einer auf der ganz eigenartigen, so bergigen Insel Samothráki beheimateten Schifffahrtsgesellschaft. Mehrmals wöchentlich legen hier, häufig zu unchristlichen Zeiten, nämlich spätnachts, Fährschiffe an. Sie verbinden Sígri mit dem ostattischen Hafen Lávrio (– keineswegs mit Rafína, wie es noch auf den meisten Landkarten verzeichnet ist, sogar der neuen Lesbos–Karte von Road Editions – das ist schlichtweg falsch, ein sich hartnäckig haltendes Märchen), von dem aus der Athener Flughafen per Bus erreichbar ist. Aber auch mit Alexandhroúpoli im östlichen Thrakien nahe der türkischen Festlandsgrenze, sowie mit der herrlichen, völlig verkannten Insel Límnos, ihrer ganz anders gearteten, hochgebirgigen Nachbarin Samothráki und nicht zuletzt mit dem relativ nahen Psará, einer sehr überschaubaren Insel westlich von Chíos. Zumindest im Sommer auch mit dem einsamen Ágios Efstrátios, auch Ái Stráti genannt, im Zentrum der Nordägäis (– falls es im Herbst nicht mehr dorthin geht: einfach in Mýrina auf Límnos aussteigen, von dort gibt es fast täglich (so um 15 Uhr rum) ein kleineres Schiff nach Ágios Efstrátios, ich bin selbst schon damit gefahren). Ja – diese Verbindungen gibt es tatsächlich, sie wurden, falls sie wirklich einmal eingestellt wurden, vor einigen Jahren wiederaufgenommen. Im Mai 2004 war ich an Bord eines Schiffes von Lávrio nach Psará, das als nächste Station Sígri auf Lesbos anlief. Aber dennoch, aufpassen: von Jahr zu Jahr ändert sich wieder etwas mit all diesen Verbindungen.
Wie schön, wenn ich Zeit hätte, auch hier ein paar Tage zu verbringen. Es würde mich nicht stören, nachts aus den Federn zu kriechen, um eine der Fähren an– und ablegen zu sehen. Das gehört doch einfach dazu zu einem Griechenlandurlaub.

Auf die verlockende Terrassentaverne weiter hinten im Ort hab ich verzichtet, weil ich das unscheinbare, in der engen Durchgangsgasse gegenüber einem Minimarket kurz vor dem Platz am Hafen gelegene, wie eine griechische Taverne aussehende italienische Lokal ausprobieren möchte, von dem ich nur Gutes gelesen habe.
Matt Barrett empfiehlt es wärmstens auf seiner Lesbos–Seite, und er hat diesmal absolut recht damit. Auszug (Matt Barrett):

" 'Una Faccia – Una Razza' is an Italian restaurant owned by Serena Gardelli and Gerrardo D'Ambrosio, from Rome ((Serena)) and Naples ((Gerrardo)) by way of Guadaloupe. The name means one face – one race and the restaurant contains many of the same foods you will find in the traditional Greek restaurants only seasoned Italian style. Of course most people will come for their many different pastas, lasagna, grilled meat and fish, but be sure to sample some of their appetisers like marinated gavros and grilled pepper salad. To find the restaurant take a left up the main street from the harbor and it is on the left. The specials are always special so be sure to ask. Did I mention the incredible sandwiches they have at lunch? Kids love them." ((please see http://www.lesvos.com/restaurants.html))

Der kleine Salat war wirklich gut gewürzt (und nicht gerade billig), und die King Prawns (ihr Geld wert), eine gelblichbraune große Variante der italienischen Scampi (oder griech. Garídhes), schmeckten einfach wunderbar, zusammen mit einem Glas köstlichen italienischen Weißweins (und einer Megatonne Wasser, erschöpfter Radler, der ich war). Es war ein Gedicht! Und abends sitzen da hoffentlich mehr Leute als nur ich und ein altes britisches Ehepaar. Mittags waren "alle", wie gesagt, da hinten, Geld sparen .....

So gestärkt schwinge ich mich aufs Rad, erstaunte Blicke der mountainbikeungewohnten, fast ausschließlich britischen Mittouristen in Kauf nehmend, und such erst einmal das leider noch geschlossene Souvenirlädchen auf, wo es das englische Bändchen zu Sígri zu kaufen geben soll, das mir Serena zum Anlesen hingelegt hatte. Darin sind sogar die lokalen Schildkrötenarten beschrieben, nicht nur die Strände und der Ort selbst.

Dann suche ich die Straße hinauf zum Neubau des prächtigen (geologischen, wohlgemerkt) Museums hoch über dem Ort, mit seinem brandneu angelegten "Geopark" daneben, in dem Leute voll auf ihre Kosten kommen, die die versteinerten Bäume nicht an ihren Originalplätzen, also in situ im weiter landein gelegenen eigenen Großpark bewundern können. Nur noch in einer Gegend der USA soll es eine ähnlich reiche Fundstätte solcher Versteinerungen geben.
Schon am äußeren Eingang zum Gelände mehrere Prachtexemplare von versteinerten Baumstümpfen, ein wirklich ungewohnter Anblick. Bei Vulkanausbrüchen wurden sie zugedeckt und letztlich perfekt konserviert. Lesbos ist eine Vulkaninsel, auch wenn man es zunächst nicht gleich erkennt, am ehesten noch an den heißen Quellen, den Thermen.

In der wichtigsten Museumsabteilung, gleich rechts vom Haupteingang des Museumsgebäudes, eine große Schau von Versteinerungen aller möglichen Baumarten, nicht nur klotzige Baumstümpfe mit gut erkennbarer Rinde, sondern auch Querschnitte durch sie mit feinen Jahresringen, viele versteinerte Blattfunde, alle bestens und im Detail erhalten. Die Funde kommen teils auch von anderen griechischen Inseln und von der Chalkidhikí. In einem weiteren Raum Minerale und alle möglichen Gesteine und eine große Übersicht zur Plattentektonik des ägäischen Raumes. Die Stoff– und Websachen weiter hinten im Museum interessieren mich dagegen nicht so besonders.

Jetzt möchte ich nur wissen, warum man noch zusätzlich in das für Nichtmotorisierte schwer erreichbare andere Freilichtmuseum, den sogenannten "Versteinerten Wald", fahren soll. Denn schon hier liegen die Baumstümpfe im Dutzend in einem Hof hinter dem Haupthaus oder sind im angeschlossenen Geopark zu bewundern, der noch nicht ganz vollendet, aber schon begehbar ist.
Zum Abschluss kaufe ich mir im Museumsladen noch für 30 Euro ein Buch mit tollen Farbfotografien von alten Kafenía und einem vorsintflutlichen Frisörladen auf der Insel. Ein schönes Andenken an Lesbos. Es ist vom Verlag der kretischen Universität, Heraklion, herausgegeben. (Ein zweisprachig, griechisch und englisch betextetes Buch. Der englische Titel: 39 Coffee Houses and a Barber's Shop; Crete University Press, 3rd edition, Heraklion 2001, photographs by Jelly Hadjidimitríou; ISBN 960–524–044–0.)

Die Rückfahrt wird etwas anstrengender. Die steilsten Stellen schiebe ich das Rad hoch. Der (erste) Hund an der Tonne bekommt die ganzen Garnelenreste und noch einiges dazu und hüpft vor Freude; auch seinen angealgten Wasserbehälter fülle ich mit frischem Wasser aus meiner 1,5–Liter–Flasche ein wenig nach.
Einmal schiebe ich mindestens anderthalb km lang. Denn der Weise schaltet bloß nicht vom mittleren der drei großen Zahnkränze auf den kleineren. Da springen nämlich gerne die Ketten heraus, was mir in Petra und Umgebung öfter passieren sollte, als mir lieb war. Mit Ausnahme des mittleren sind typischerweise alle Hauptzahnkränze lesbi(oti)scher Mountainbikes stark angerostet. Den anderen Schalthebel kann man ruhig ganz durch, über alle sieben Ritzel, betätigen.
Kurz vor der Höhe, wo sich der Blick auf die Ebene von Eressós weitet, beobachte ich, wie ein Bauer mit Baumzweigen vom Pick–up seine Schafe füttert. Bestimmte Blätter lieben sie ja genauso wie die Katsíkes (Ziegen).

Schweißüberströmt und total durchgeschwitzt nehme ich in dem Kafenío am unteren Ortsende von Eressós Platz, bei der netten Frau. Einige mir bereits bekannte einheimische Gesichter aus Skala E. sitzen um einen der Tische herum. Ich errege Aufmerksamkeit. Man stuft mich gleich als Deutschen ein, so verrückt sind nur die, oder vielleicht noch die Holländer. In dieser Gegend überanstrengt man sich nicht unbedingt aus freien Stücken, so wie ich Blödmann, man gibt eher brav und gesittet in den Lokalen sein Geld aus, unten in Skala.


3) Wieder zurück in Skála Eressoú

Noch eine kleine Abendwanderung vor zum großen Strand. Eine Touristin kümmert sich um die wohlgenährte bettelnde Strandkatze beim ersten Brettersteig über den Sand. Bald wird die Sonne untergehen. Ein Schiff nähert sich von Psará her – so früh, nicht um 3 Uhr morgens??? In der ersten Taverne sehe ich das junge Besitzerpaar abwechselnd mit einem langen Fernrohr den Horizont absuchen. Da zieht es mich hin und ich frage, was das wohl für ein Schiff sei. Das sei doch die SAOS–Fähre kurz vor der Ankunft in Sígri, meinen sie. Und das weiter hinten, am Horizont? Das sei eine "sinéfia", eine Wolke, meint er – und er sollte Recht behalten. Wenn ich mal wiederkomme, esse ich bei denen, die waren mir sehr sympathisch – nicht nur wegen ihrer Schiffsleidenschaft.

Ich nehme dann doch noch einmal ein (zugegeben köstliches) Bohnengericht in der Taverne meiner Zimmervermieter ein. Aber nur Bohnen und Brot, und 1 Glas offenen Wein. Damit komme ich auch wieder auf gut 7 Euro, ein Klacks im Vergleich zu einem vollen Essen, denke ich bei mir. Es ist nur mehr EIN weiterer Tisch mit Fremden besetzt.

An diesem Abend sitze ich eine Zeit lang ganz alleine über dem östlichen Ufer auf dem Weg zum örtlichen Hafen, auf der verlassenen, aber noch überdachten und bestuhlten Terrasse des längst zugesperrten hintersten Cafés (heißt irgendwas mit "Mill", glaube ich mich zu erinnern), das einen Platz mit Telefonzelle abschließt, schon etwas außerhalb der durchgehenden Ortsbebauung. Der Sonnenuntergang ist vorüber. Keine Sicht mehr auf Chios und auf Psará.

In der Dunkelheit sitze ich und schaue aufs Meer. Unter meinen Füßen, unterhalb der Planken der ins Wasser hineingebauten Plattform tost die Brandung, ich bekommne immer wieder einmal Spritzer ab. Dieser typische Waschmittelgeruch des aufgewühlten Meeres, wie gut er mir tut, meiner Seele. Meine Blicke gehen zu den vorgelagerten schwarzen Felsen, und hinauf in den Himmel, der gerade in Griechenland so verschwenderisch seine Sternenvielfalt preisgibt.

Nach einiger Zeit kommt ein gewaltiges Wetterleuchten fast über den ganzen Horizont hinweg auf, überall zuckt und blitzt es, insbesondere nach West und Nordwest hin, wie das unregelmäßig mal schnell hier mal flugs dort aufscheinende Blitzlichtgewitter von Presseleuten, die jemanden umringen. Kein Donner ist zu hören, es leuchtet auch über das Kap am westlichen Strandende herüber. Das geht stundenlang so. Es müssen infernalische Unwetter herunterkommen, irgendwo in weiter griechischer Ferne.

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