Zurück in den Norden von Lesbos:
Pétra, Mólyvos und Umgebung im Oktober 2005

Copyright puchheim = MartinPUC, 2005, 2007


DIE FAHRT NACH KALLONÍ

Wenn man zu Neuem aufbricht, fällt einem das Aufstehen in Skála Eressoú um 5 Uhr früh gar nicht so schwer. Erste Fühlungnahme mit dieser fast heiligen frühmorgendlichen Stille.

In stockdunkler Nacht gehe ich die paar Meter von meiner Pension Krinélos zu den großen, durch die schmale, auch tagsüber wenig befahrene Ortszufahrt geteilten beiden Parkplätzen vor. Der eine der beiden Busse steht schon in einer Ecke, hat hier übernachtet. Rätselraten, ob der andere, neuere Bus eintreffen wird, um die paar Wartenden nach Kalloní und weiter in die Inselhauptstadt zu bringen.

Es tauchen nur zwei weitere Touristenpärchen auf, die ebenso ratlos wie ich herumstehen, dann noch ein paar Einheimische. Kurz vor 6 kommt der Busfahrer in seinem PKW angeschlichen und parkt neben dem abgestellten Bus. Also doch dieser Bus. Nach längerem Palaver mit einem Bekannten öffnet er die Gepäckfächer, und einige hieven im Dunkeln schon mal ihre Habseligkeiten unten hinein. Erst kurz vor Abfahrt wird der Motor angelassen und die Innenraumbeleuchtung wirft etwas Licht hinaus in die Dunkelheit.

Abfahrt gegen 06:15 Uhr. Hinauf zur Platía von Eressós. Mehr Leute steigen unten beim Abzweig der Hauptstraße zu als da oben. Man sieht nicht viel, nächtens, aber wir werden relativ bald aus unserem Dämmerzustand herausgerissen, denn nach knapp 14 km, an der Abzweigung nach Sígri, erkennen wir schon an den Lichtern, wie sich der andere Bus von ebendiesem Ort her passgenau nähert. Wir müssen jetzt in den etwas stärker besetzten, moderneren Sígri–Bus umsteigen. Unser älteres Vehikel kehrt nach Eressó zurück. Der Tag dämmert allmählich heran, in Ándissa ist es bereits deutlich heller. Erst jetzt wird abkassiert bei den von Skala E. her Kommenden. Spätestens hinter Vatoússa, diesem schönen Dörfchen, ist unser Leoforío schon fast voll besetzt. Die meisten Zusteigenden höre ich beim Ticketkauf "Kalloní" sagen.
Eine Fahrt durch nach und nach grüner werdendes Land.
Oberhalb des Klosters Limónos wieder der traumhafte Blick auf die Anlage sowie die Ebene und Teile des Golfs von Kalloní. Hinter uns zwei Schulbusse.


KALLONÍ

Abzweig nach rechts und hinein nach Kalloní, wo bei einem großen Schulgebäude mit altmodischer Aufschrift die meisten, nicht nur die Schüler, aussteigen – so auch ich. Hier beginnt gleich der Hauptplatz des Ortes, eigentlich nur eine breitere Durchgangsstraße mit vielen Kafenía und Geschäften, die sich an ihrem südwärtigen Ende zur Ausfallstraße Richtung Skála Kallonís verengt. Nach Mitilíni geht es links ab.

Ich schleppe mich mit vollem Gepäck die eine Straßenseite entlang, auf der Suche nach der "Platía", finde aber keine. So nehme ich Platz in einem Kafenío neben einer winzigen Bäckerei. Der Wirt wirkt sehr aufgeweckt und frisch, spricht mich gleich in gutem Englisch an. Endlich ein Nes mit Milch. Später hol ich mir eine Tirópitta vom "foúrno", aus dem Bäckerladen. Noch einen zweiten Kaffee brauche ich heute, um meine Trägheit zu überwinden. Auf meine Frage nach einem Bus Richtung Pétra höre ich hier nur Vagheiten: So um 11 oder 12 Uhr rum, meint man. Eine einzige Touristin radelt gegen 9 Uhr an den in ihren Caféstühlen Entspannten vorbei. Ist ja noch früh. Dennoch ist bereits ein wenig Rummel, auf der Hauptgeschäftsstraße. Ein bestimmter riesiger Bau–Laster kommt wieder und wieder. Kalloní ist nicht gerade von besonderer Attraktivität, lerne ich schnell.

Den dritten Kafedáki, nun einen Ellinikó, bestelle ich in einem anderen Kafenío, in der kleinen Verbindungsstraße von der "Platía" zur großen Kurve der Ausfallstraße Richtung Mytilíni. Zunächst gehe ich kurz zur anderen Haltestelle gegenüber einem Elektronik– und Computerladen vor , wo ich eine genaue Busauskunft erhalte: kurz nach 10 bereits wird einer von der Hauptstadt her durchkommen. Geduldig warten bereits 6 oder 8 Leute.

An den Kafenío–Tischen jenseits der Straße vor einem Sportgelände oder Spielplatz sitzen mir gegenüber Rentner und von Alterskrankheiten Gezeichnete, die hier alles gut beobachten können, ein strategisch günstig gewähltes Plätzchen, denn hier kommt so ziemlich alles durch, so eng das Sträßchen auch sein mag. Ziemlich viele Alte und Untätige, in Kalloní. Gibt halt nicht viel Arbeit. Kaum hab ich den Rucksack umgeschnallt und die Haltestelle erreicht, kommt auch schon der Bus an. So früh am Morgen (10 Uhr – na ja, in der Münchner U–Bahn wär das anders) gibt es noch keine Platzprobleme, ein jeder kann sich setzen.


FAHRT NACH PÉTRA

Wir nähern uns der grünen Bergumrandung, lauter Kiefern, Ölbäume und andere Gewächse. Sehr kurvig ist diese Strecke, die Serpentinen ziehen sich eine ganze Weile hinauf durch den Wald oder Fast–Wald, vorbei an einem Militärlager und immer wieder hübschen, eigens angelegten Aussichtspunkten hinunter auf die Ebene, den Golf und hinüber auf die Bergwelt um dem Olymp (von Lesbos) herum. Ein recht idyllisches kleines Sträßchen, das die wohl beliebteste Urlauberecke der Insel erschließt.

In der Nähe des ersten Scheitelpunktes unserer Strecke ein Abzweig, eine wohl neu gebaute Straße mit Wegweiser nach Ajía Paraskjeví. Nach einigen weiteren Kilometern, es ging wieder etwas bergauf, zweigt eine andere Teerstraße nach Stípsi (Stýpsi) an den Hängen der Lepétymnos–Berge ab, die in ihrer ganzen – eher bescheidenen, zurückhaltenden – Pracht und Herrlichkeit vor uns liegen. Vorbei an der Zufahrt zum hübschen Dorf Lafiónas kurven wir schließlich hinunter in die Ebene von Pétra. Beim Militärlager (stratópedho) rechter Hand ist die Straße längst zur langen und breiten Geraden geworden. Von Mólivos/Mólyvos ist noch nichts zu sehen, eine markante Anhöhe verdeckt den Blick nach Nord. Rechts erkenne ich aber bald das Aussichts–Dörfchen Petrí auf den westlichen Ausläufern des Lepétymnos–Massivs (na ja, Massiv ist übertrieben, ist nicht so großartig wie etwa die Ortler–Gruppe in den Alpen, aber doch ganz respektabel und immerhin landschaftsprägend).
Allmählich werde ich unruhig, denn mein Bus scheint außen an Pétra vorbeizuziehen, doch der Schaffner beruhigt mich. Gerade noch rechtzeitig kurven wir vom nördlichen Ortsende her doch noch in den Ort ein, fahren die Tavernenzeile und den Ortsstrand bis hin zum Buswartehäuschen entlang. Auf dem Parkplatz dahinter wendet der Bus. Petra, aussteigen!


PÉTRA

Mein erster Eindruck: Verdammt viele Leute, total belebter Strand. Entblößte rostbraune bis blässlich–weiße Frauenbrüste recken sich gleich zu vielen Dutzenden den Ankommenden entgegen. Denn alle Strandliegen werden hier tagtäglich Richtung aufgehender, später mittäglicher Sonne gedreht, also erst einmal Richtung Buswartehäuschen an der Uferstraße.
Na, derart belebte Strände mag ich gar nicht. Erscheint mir wie Klein–Rimini in der Nachsaison.
Doch alles ist relativ, und Groß–Rimini weist auch nach Mitte August noch viel mehr Strandbesucher(innen) auf als Klein–Pétra Anfang Oktober. Viele viele Leute steigen Richtung Mólyvo zu.

Doch ich bin griechenlanderfahren genug, um die Ruhe hinter dem eher aufgesetzt wirkenden Strandleben zu erspüren. Und der Strand ist bei den Ufertamarisken im Ortsbereich auch nicht besonders breit, wirkt deshalb umso voller.
Es treibt mich gleich zur im Müller–Verlag–Lesbos–Buch empfohlenen Pension "Kostas". Direkt an der Nordflanke des Hotels Ilion führt ein Sträßchen hinein in eine wirklich idyllische Gartenzone. Es kurvt um eine erste, geschlossene Pension und Taverne herum. Neben gewaltigen, stark gestutzten Bäumen ein Kapellchen. Und gegenüber die Pension Kostas, ein an dem Haus angebrachtes Schild verrät es. Doch denkste – als ich einer Frau zurufe, ob hier noch was frei wäre, meint sie: ochi! Alle Zimmer besetzt. Und zwar von Albanerfamilien, wie ich später erfahre. Gastarbeitern, sozusagen. Deshalb die vielen Kinder.
Ich frag die Frau vor dem Haus aber gleich, ob es hier noch was anderes gebe, und sie deutet die Straße hinter.

Nach weiteren 100 Metern stehe ich vor einer recht einfach aussehenden kleinen Pension mit leicht verwildertem Gemüsegarten hinter dem Zaun. Ich drücke die völlig lose herumwackelnde Klinke der Gittertür und sehe schon das alte Ehepaar, das auf mein Rufen hin aus dem Häuschen rechts herauskommt. Recht alte Leute, deshalb also ist nicht mehr alles so picobello. Doch der Platz strahlt auf mich einen gewissen Charme aus, und ich bleibe.
Erst einmal erkundige ich mich nach dem Preis. Die Frau ruft, aufgeregt gestikulierend über den unerwartet Ankommenden (man hatte jetzt, im Oktober, tatsächlich niemanden mehr erwartet, wollte bald zusperren), was mit "dhäkapändhä ävró!", und ich verstehe es haargenau, in allen wenigen, klaren Einzelsilben, war es doch auch noch laut gesprochen: 15 Euro. Hocherfreut willige ich ein. Die spätere Enttäuschung, bei meiner Abreise, sollte umso größer ausfallen. Fílippas (auch Fílippos, mit "o", wie man will), der wirklich liebe 78–Jährige, meint gleich, zwei Tage seien zu wenig, das rentiere sich nicht, auch für die Wirtsleute, und seine Frau Maria stimmt dem zu. Also sage ich 3 Tage. Er hat mich erfolgreich raufgehandelt. Am Ende sind dann 7 Tage zusammengekommen, so gut sollte es mir in der Gegend gefallen.

Ich bekomme eines der beiden Erdgeschoßzimmer (Hochdeutsch + CH: Erdgeschoss...) im zweistöckigen Gebäude um die Ecke vom Flachbau mit anderen, nicht aufgeräumten Zimmern herum. Oben wäre es mir lieber gewesen, denn die Aussicht vom Gemeinschaftsbalkon im 1. Stock ist nichts weniger als HIMMLISCH: über ein Gartenmeer, auf viel Grün und einzelne weidende Kühe mit ihrem matt glänzenden Fell, hinüber zur Kirche auf dem Felsen und auf die roten Dächer der Ortschaft, alles in gebührendem Abstand, und auf die großartige Bergumrandung und ein wenig Meer. Das ein paar Tage nach mir ankommende Uniassistentenpaar aus HH (oder Kiel? – jedenfalls Flughafen HH) hat es bestimmt sehr genossen. (Lauter Uni–Leute, zu dieser Jahreszeit!, denke ich bei mir.)

Mein schon ein wenig abgewohntes Zimmer (Typ: liebenswertes Griechenland) hat eine Küchenzeile, d. h. Klein–Kühlschrank und Kochplatten und Spülbecken, aber wenig Geschirr, auch kein Glas (nur einige angestaubte becherartige Tassen) oder Messer, z. B., und ein noch tolerabel sauberes Badezimmer mit Dusche/WC und riesigem, säuerlich duftendem Feigenbaum vor dem Klofenster mit leckem Moskitonetz dran (– Letzteres, nicht der Ficus). Das Zimmerlicht, eine mir aus ostmediterranen Breiten wohlbekannte Glühlampe ohne jeglichen Lampenschirm, ist leicht problematisch, flackert und erlischt ständig, bis ich es in der Fassung drückend und schraubend mit viel Gefühl endlich so hintariert habe, dass es tatsächlich auf Dauer meines Aufenthalts anblieb. Eine Großtat!
Fehlendes Kleingeschirr, wie etwa ein Glas oder Messer, kann aber von Maria angefordert werden. Ich hab es mir schließlich ganz nett gerichtet. draußen ein Plastiktisch und Plastikstühle für abendliche Betrachtungen, Karélia–Züge und Ouzogelage.
Aber in der Regel wurde ich abends, auch später am Abend, noch von Fílippa an seinen Tisch gerufen und wir unterhielten uns immer schön auf Griechisch über recht persönliche Dinge, den Ort, den Tourismus. Petra war früher, noch zu Lebzeiten von Fílippas' Vater, von Weingärten umringt, jetzt ist nichts mehr davon zu sehen.

Häufig war auch Pétros mit am Tisch, Peter (Piiihta) aus Groß–London, ein mir sehr sympathischer Pétra–Fan, der gerade die letzten Tage eines fünfeinhalbwöchigen Aufenthaltes als mein Zimmernachbar hier verbrachte. Der soeben in Rente gegangene Brite zeigt den üblichen Humor und eine große Offenheit und Toleranz gegenüber anderen Nationalitäten. Seit über 20 Jahren kommt er bereits, und das gleich mehrmals im Jahr, verdankt diesen alten Wirtsleuten sein Griechisch. Denn mit Englisch kann man denen nicht kommen – viel mehr als "room? – how much?" verstehen sie nicht. Aber wenn man etwas Griechisch spricht, wird man auch einmal zu (erkaltetem) Pastítsio eingeladen, öfters auf einen Kaffee oder Ouzo, kriegt auch mal eine ihrer eben abgeernteten wenigen Honigmelonen und darf bei der Kürbisernte mithelfen, die großen Oschis ein paar Meter weit schleppen, bis sie ihren Platz am Beetrand gefunden haben, wo sie in all ihrer Schwere und Plumpheit auf den Kochtopf warten.

Einen ersten großen Bogen mache ich von hinten her ins Dorf. Ich gehe den Weg Richtung Agía Marína, dem Ortsteil östlich des Kirchenfelsens. Bald komme ich zu einer alten Bäckerei, gegenüber Weideflächen, ein paar Pferde. Irgendwann münden die Seitengassen in die mit Schieferplatten gepflasterte schmale Hauptgasse, unweit der nur abends geöffneten Taverne Rigas mit ihrem gemütlichen Stübchen, der seitlichen Gartenterrasse und der bei Touristen so beliebten Dachterrasse. In der Gegend gibt es ortsauswärts noch eine neuere Taverne und einige Touristenhotels und –pensionen. Ortseinwärts hat man bald den Minimarket eines älteren Ehepaares erreicht, mit seinen recht hohen Preisen. Ein paar Schritte weiter liegt links in einem buschigen Garten eine Keramikwerkstatt, jeder ist eingeladen sie zu besuchen.
Nach Passieren einer neueren Pauschaltouristenunterkunft gelangt man bald zu der kleinen Kreuzung mit der Kapelle, den großen Bäumen, einer neueren großen Kafenío–Taverne mit größerer Außenfläche. Auf der anderen Seite ein Minimarket mit vielen Ouzosorten in der Fensterfront und Obst und Gemüse davor und dem guten "Bira Alpha" im Sortiment. Den Besitzer erwische ich einmal beim selbstvergessenen, intensiven Studieren eines Pornos mit großen Frauen–Zeichnungen – er schrickt richtig auf, als er mich vor sich stehend bemerkt. Schräg gegenüber das Häuschen mit einem Weingeschäft und direkt nebenan, in der anderen Haushälfte, einem Kafenío, in dem man auch sehr schlichte, nicht besonders wohlschmeckende Mahlzeiten bekommt; hier sind die Preise noch deutlich unter denen weiter vorne in Ufernähe, und ein Ouzo lohnt sich hier allemal. Mit dem alten Opa, seit einigen Jahren aufgrund eines Unfalls sehr stark gehbehindert und mit recht einfacher Gehhilfe ausgestattet, komme ich bei einem Besuch mit meinem Zimmerwirt einmal länger ins Gespräch. Er sitzt fast immer mit freundlichem Gesicht vor bzw. an einer Hausmauer gegenüber dem Kafenío seiner Tochter und schaut einfach zu, tagaus, tagein. Es ist wohl das Haus, über das auf dem "Treffpunkt", genauer dem "Griechenland–Forum" bei In–Greece.de schon einmal diskutiert wurde, ob es denn nun in Plomári oder in Pétra angesiedelt sei, wenn auf dem geposteten Foto damals auch eine ganz andere Straßenadresse zu erkennen war – für mich deshalb nach wie vor ein (wenn auch kleines) Fragezeichen.

Links am besagten großen Minimarket vorbei gehe ich auf die Südflanke des Kirchenfelsens zu. Eine regelrechte Steilwand begrenzt die Gasse rechter Hand, wenn man wie ich zum Meer vor geht. Links ein Schmuckgeschäft, eine andere Taverne, in der abends öfters ein Bouzoúkispieler auftritt. Zwar kein Trio mit Lyra, Laoúto und archaischem Dudelsack wie auf Kárpathos, aber wenigstens etwas, und die Kneipe ist abends voller Briten und Holländer.
Dann komme ich zum schön renovierten Archondikó (Herrenhaus) aus der Türkenzeit. Das Natursteinhaus mit seinen vorzimmerartig eingeschalten, mit schmalen Seitenfenstern versehenen Holzbalkonen ist auch von außen ein Juwel, nicht nur von innen. Als Museum kann es insbesondere vormittags besichtigt werden.

Wenige Schritte weiter treffe ich auf etwas, das mich zunächst schockiert. Die enge Parallelgasse zur Uferstraße wirkt wie ein Nippes–Basar. Sie ist oben von einer Laube fast überwuchert, was ja sehr schön wäre. Doch ist sie dermaßen mit Souvenirläden, kleinen Geschäftchen und Tavernchen vollgestopft, dass es eine Weile dauert, bis man sich an den Kommerz gewöhnt hat. Erst tags darauf sehe ich in Mólyvos das große, weitaus längere Vorbild dieser kurzen Trubelgasse. Doch hier, in Pétra, ist viel mehr los. Die Klein–Tavernen sind schon gut gefüllt, man sitzt eng und streift Ouzoflaschen, Postkartendrehständer und aufgehängte Fun–T–Shirts. Jetzt trauere ich doch wieder den kleinen Dörfern der Dodekánissa nach, oder den kretischen Bergdörfern. Aber das hier ist eben ein Touristenzentrum, und in den lesbi(oti)schen Bergorten findet man ja ebenfalls Ruhe und Gemütlichkeit.

Am Ende der Touri–Basargasse ein Kiosk, daneben der Eingang des im 1. Stock über einem modernen Café gelegenen Restaurants der bekannten Frauenkooperative. Und gegenüber das Eckkafenío namens Beba's Corner mit dem netten Besitzer Nikos und seinen zwei (etwas aufdringlich) kessen englischen Bedienerfrauen, die man erst später am Tag zu Gesicht bekommt. Hier sollte ich immer meinen Morgen–Filterkaffee trinken, aus dem Drückgefäß, reichliche Portion für 2 Euro, so früh, dass kaum ein anderer Tourist zu sehen war, die Tische von lauter Einheimischen besetzt waren, die das Lokal sehr zu schätzen scheinen. Nichtsdestotrotz kostet hier für einen Touristen ein Mythos, das im eisgekühlten Becherglas serviert wird, € 2.70, stolzer Preis.

Man befindet sich, wenn man bei diesem Nikos Platz genommen hat, bereits auf der Platía, dem Hauptplatz des Ortes, direkt angrenzend an die Uferstraße mit Blick hinaus übers Meer.
Es treiben sich jetzt, am frühen Nachmittag, schon ganz schön viele Leute herum. Unmengen, geradezu, meist sind es Briten und Niederländer. Die wenigen Deutschsprachigen gehen richtig unter in dieser Menge zweier anderer Nationalitäten.
Den Hauptteil der Platía nehmen die vollständig überdachten Außenbereiche weiterer Kafenía bzw. einer Konditorei mit feinen Torten ein. Am nördlichen Platzende die Stühle und der kioskartige randliche Bau des "Rentnervereins" (so nenne ich diese Organisation einfach mal), wo es zu Spottpreisen (siehe ausgehängte Tafel) alles x–mal billiger gibt als für die Touristen in den benachbarten Geldausgeberstätten. Der Haken ist nur, dass diese Stühle für uns Touris off–limits sind, nur einheimische Pensionisten dürfen sich auf ihnen ausruhen. Mein Zimmerwirt grüßt mich des Öfteren von hier aus, bittet mich hinzu, ich werde aber wirklich nicht bedient, da ist man ganz strikt. Mit Bedauern erfahre ich von ihm, dass dieser beliebte Treff im Winter leider wegen der Kälte geschlossen ist; dann wüssten sie nicht mehr, wohin sie gehen sollen, denn fast alles in Pétra habe dann zu.
An der Uferzeile hinter dem Rentner–Café ein großer alter Kasten von Hotel. Es ist das wohl endgültig geschlossene, schäbig wirkende "Hotel Petra".

Ich gehe aber zurück zu Beba's Corner, nach Ost hinein in die natürlicher als die "Basargasse" wirkende Geschäftsgasse, in der auch die Post angesiedelt ist. Bald ist ein Platz mit riesigen Bäumen (Platanen?) erreicht, an dem, einige Stufen tiefer, die umzäunte einschiffige Ájios–Nikólaos–Kirche mit ihren wunderschönen byzantinischen Fresken liegt. Die schau ich mir gerne an. Geradeaus weiter gelange ich an die Nordflanke des Kirchenfelsens. Links ein weiterer Schmuck– und Keramikladen. Auf einem Stufenweg steigt man von hier aus hoch zum Gotteshaus der "süß küssenden Muttergottes". Die prächtige Aussicht von der Terrasse an der Nordseite der Kirche ist wesentlich schöner als der Innenraum.

Geht man ein Stück weiter hinter, kommt man, vorbei an stattlichen alten Häusern und hübschen Gärten mit Zierpflanzen, schließlich auf den Platz mit dem besonders preisgünstigen Kafenío, vor dem einen der lächelnde Opa begrüßt.

Ich wende mich aber schon vorher in eine Seitengasse nach links (Nord) und stehe bald vor einem Hotelbau mit Pool und Poolbar, rechts schließt sich eine aus mehreren Häusern bestehende Pension an. Fensterläden und Türen sind hübsch hellblau gestrichen. Zusammen mit der Grundfarbe Weiß wirkt das einfach schön. Neben dem Hauseingang des Hotels ein riesiger, üppiger Bananenstrauch, eine wahre Zierde, irgendwo auch eine hohe Dattelpalme. Um den Pool herum eng aneinandergestellte blaue Liegen mit Touristen drauf, die mich über die Mauer hinweg anblinzeln. Ein Schild hinter dem Tor kündigt einen "griechischen Abend mit Musik" an. Ich kann mir nicht helfen – trotz der Neubauten eine recht hübsch gestaltete Ecke. Eine Kinderschar beäugt mich aus dem Garten der Pension heraus, man scherzt ein bisschen miteinander.
Nach 50 m befinde ich mich auf der Uferstraße, gehe über die Fläche mit dem Denkmal nordwärts, vorbei an wartenden Taxis und dem ersten Autoverleih.

Der hier allmählich beginnende Badestrand ist gut besetzt. Kaum jemand schwimmt, die meisten rösten sich nur. Ich studiere den Busfahrplan auf der großen Tafel neben dem Wartehäuschen.
Bei den BUSSEN NACH MYTILÍNI sieht es im Herbst nicht so gut aus, das meiste ist überklebt, eben kein Sommerfahrplan mehr. Die Überklebungen sind leider teils unvollständig, sodass der Fremde ratlos dasteht. Den 15:00–Uhr–Bus gibt es aber nicht! Es gibt nur mehr zwei Fahrten pro Tag: eine früh um sieben und eine weitere um elf.

Sehr schön dagegen der LOKALE BUSFAHRPLAN: Tagtäglich (und ich habe mich erkundigt: bis zum Saisonende Mitte [15.] Oktober garantiert, die KTEL–Leute meinten, evtl. sogar bis 20. Oktober) fährt ein Bus siebenmal von Ánaxos über Pétra nach Mólyvos (– Skoutáros hatte keinen Busanschluss mehr, außer Schulbusse); zurück nur sechs Fahrten.
Bis Eftaloú, ganz in die Nähe der Therme mit den beiden Badehäusern, fährt derselbe Bus sechsmal von Mólyvos aus gleich weiter, und nach kleiner Pause (mittags eine sehr lange Pause – 12:30, dann erst wieder 15:50!) von Eftaloú wieder zurück bis Ánaxos. Der erste Bus von Pétra ging um 09:40, der letzte nach Eftaloú um 18:15, der letzte nach Mólyvos um 19:25.
Von Eftaloú aus ging der letzte Bus nach Ánaxos über Mólyvos und Pétra um 18:45 Uhr. Den sollte ich zweimal nehmen.
Von Pétra, Mólyvo und Eftaloú aus kostete jede lokale Fahrt den Einheitspreis von 1 Euro. Man bekommt auf Wunsch auch einen Zettel mit den Fahrzeiten des Lokalbusses (ist übrigens ein KTEL–Bus). Die jungen Busschaffnerinnen waren äußerst nett und höflich. Eine von ihnen begrüßte und verabschiedete sogar jeden einzelnen Fahrgast.

So fuhr ich also bald Richtung Eftaloú, guckte mir erstmals die hübsche, kurvige Strecke aus dem Busfenster an. Der Strand vor dem kleinen Hafen nördlich etwas außerhalb von Pétra ist deutlich weniger belebt. Am Hafenkai ein großes und einige kleinere Fischerboote, gelegentlich ein Ausflugsboot (das auch bis Skála Sikamiás fährt).
Nicht wenige Leute gehen die vielleicht 6 km bis Mólyvos oder zu ihren Unterkünften dazwischen sogar zu Fuß, die meist sehr breite neue Teerstraße entlang. Man sieht auch etliche Radler. Weite Blicke übers Meer sind hier inklusive. Irgendwo soll sogar ein umzäunter versteinerter Baum stehen, den ich trotz eifriger Suche nie gefunden habe.

In Eftaloú angekommen, bin ich glücklich, denn ich mag diese Ecke sehr, hab sie ja schon von Skála Sikamiás aus besucht, zusammen mit meinem neuen Bekannten, dem Uni–Prof aus NRW. Gleich steige ich wieder ums alte Badehäuschen herum, krieg wieder nasse Füße, wegen der Brandung. Auf dem Rückweg bleibt einem manchmal nur übrig, aufs Dach des Badehäuschens zu klettern und so dieses direkt an der Wasserlinie gelegene Hindernis zu überwinden, denn manchmal ist die Brandung einfach zu stark.

Von den 5 herrlichen Kieselstränden hab ich schon ausführlich berichtet, in meinem ersten Bericht, "Ankunft auf Lesbos ...". Nach dem Bad im Meer begebe ich mich erstmals in die Taverne Eftaloú, wo ich nur schnell was trinken kann, da ich den bald abfahrenden Bus zurück nach Petra nehmen will. Ich werde aber wiederkommen. Und Mólyvos sollte tags darauf dran sein.

Abends will ich das überall, in Reisebüchern wie in Fernsehberichten wärmstens empfohlene Restaurant der Frauenkooperative in Pétra ausprobieren. Ich komme als einer der ersten Gäste die Stufen hoch und nehme im Innenraum, nicht auf der Terrasse draußen, Platz, um auch den Betrieb hinter der Theke, wo die Speisen zubereitet werden, mitzubekommen. Die Terrasse ist sowieso nicht das Wahre, denn der Meerblick ist wieder durch diese dicken Plastikvorhänge verdeckt, ein gut gemeinter Windschutz. Gleich werde ich sehr freundlich begrüßt. Hätte mich übrigens auch an den netten Tisch auf einem Balkon setzen können.
Mein Essen imponiert mir dann leider gar nicht so. Die kleinen Fische haben sie heute nicht. Und ein derartig fades, abgestandenes, lieblos zubereitetes Jouvétsi hab ich noch nie vorgesetzt bekommen. Dazu zwei mickrige Scheiben Weißbrot. Sehnsüchtig denke ich an die Schiffsköche von GA Ferries oder L.A.N.E., die alle etwas viel Besseres serviert haben, bei denen war das Jouvétsi im Vergleich richtig köstlich. Auch der offene Wein schmeckt eher dürftig. Am Salat kann man ja nicht viel falsch machen.
Peter aus London hatte recht/Recht, hier hat sich wohl etwas Entscheidendes geändert, leider zum Schlechten. Deshalb empfiehlt er wärmstens "Niko's Restaurant" an der Uferstraße nördlich des Fußballplatzes – er hat schon mitbekommen, dass der Bürgermeister auch ausländische Delegationen dorthin zum Essen geleitete, wohl aus gutem Grund.
Nachts befreit sich mein Magen von der widrigen Kost aus dem Lokal der Frauenkooperative. Ich werde es bestimmt nicht mehr aufsuchen.

Wunderbar wohltuend sind sie, die Morgenspaziergänge durch die stillen hinteren Gassen von Pétra. All die blühenden Büsche, die Jasminsträucher, die verschwenderisch grünenden Gartenanlagen. Das hübsche Pflaster, die alten Herrenhäuser, die Felsenkirche da droben, das herrliche Licht und die heilsame Meeresluft, die alles durchweht. Auf so etwas kann ich süchtig werden.
Selbst an der Platía vorne und am Meeresufer ist es jetzt richtig gemütlich. Mein Filterkaffee tut gut. Es kommt der erste Fischhändler. Alle Einheimischen springen auf, begutachten den mitgebrachten Fang, kaufen schließlich. Nicht immer gibt es die beliebten "Sardhéles" zu kaufen, die Sardinen aus dem Golf von Kalloní. Aber wenn es sie gibt, werden sie lautstark angepriesen: "Sardhéles Kallonís!!!". So als ob es sich um eine von weit her importierte ganz besondere Spezialität handelte.
Ein anderer Einheimischer radelt jeden Morgen mit einem großen, dicken Fisch in der Kiste auf dem Fahrradgepäckträger herum, zeigt ihn indirekt und stolz allen Zuschauern. Der jünger wirkende, vielleicht gut fünfzigjährige nette Typ mit der Schiffermütze setzt sich wieder an meinen Nebentisch, sucht etwas schüchtern Kontakt zu dem Fremden, will sich einfach ein bisschen unterhalten, nicht nur mit all den bestbekannten Gesichtern von hier.

Die Kiosk–Frau wacht allmählich aus ihrem Dämmerzustand auf. Der erste Engländer bereitet sich auf den Heimflug vor, indem er 7 Stangen Zigaretten ersteht (– ja, wirklich!), da muss die Frau gleich aufwendig ihr Regal nachfüllen – sie ist allerdings bestens gerüstet, denn hier machen besonders viele Briten Urlaub, bei denen zu Hause die Stange Zigaretten jedenfalls mehr als das Doppelte kostet. Nun erscheinen die ersten Touristenpaare. Hier lebende Ausländer machen Einkäufe, grüßen nach allen Seiten. Ich hole mir meine Milópitta aus der Bäckerei in der Touri–Basargasse, sie kostet 1 Euro 40.

An diesem späteren Vormittag gehe ich zu "Homerus" (der sympathische Besitzer ist wohl der Bruder des Besitzers vom Hotel Ilion) vor und miete mir zum zweiten Mal auf dieser Reise ein Mountainbike. Nur 5 Euro kostet es für 1 Tag, das ist sehr günstig, im Vergleich, ich hab später 8 Euro in Petra dafür bezahlt – bei "Number 1". Ab dem zweiten Leihtag ließ sich die Summe aber auf ein erträgliches Maß herunterhandeln.

Auf dem Mountainbike exkursiere ich gleich nach Mólyvos, immer auf der Hauptstraße, die nicht besonders stark befahren ist, eher spärlich. Beim Hafen von Pétra kommt mir eine mich anlächelnde Radlerin entgegen, sie bergab, ich bergauf. Nicht schlimm das Bergauf, ich hab ja 27 Gänge. Als ich bei einer Parkfläche oben an der ersten großen Kurve den Hauptzahnkranz wechseln will, springt gleich die Kette raus. Ich schieb des Rad auf den Parkplatz, schmolle und mach mir erstmals (von öfters, auch beim ersten "Number–1–Rad" von der Konkurrenz) die Finger richtig schön schmutzig. Schalte dann nur noch einmal die Hauptkränze, diesmal ganz vorsichtig. Ansonsten benutze ich nur noch den rechten Schalter, den für die 7 Ritzel. Da passiert bei keinem Leihrad auf Lesbos was, ist nun mein Fazit. Wenn man die Hauptkränze schaltet, passiert dagegen unheimlich häufig was.


MÓLYVOS

Der erste Blick auf Mólivos von Süd her ist eine echte Augenweide, ja eine Offenbarung. Ich verstehe nicht, warum in Reisekatalogen und –führern meist eine derart einengende Aufnahme vom Hafen aus in Richtung Hügel mit Häusern präsentiert wird. Die Ansicht von einigen Stellen der Straße von Pétra her ist unvergleichlich freier, großartiger, entgrenzender. Wirklich überwältigend, wie es da um den Hügel herum thront, das beeindruckende, von einem Kástro gekrönte Städtchen, zu seinen Füßen eine weite Baumlandschaft, links und im Hintergrund das Meer, rechts das Lepétymnos–Gebirge.

Nun rolle ich hangabwärts, schaue ständig nach besagtem eingefriedeten versteinertem Baum aus, den ich jedoch einfach nicht entdecke. Die Straße verengt sich kurz vor meinem Ziel. Erste Hotelanlagen im Grünen beiderseits.
Über einen Bachlauf bei einer Kapelle geht es auf zwei voneinander getrennten Fahrspuren auf jeweils eigener Brücke.
Gleich hinter der Einbahnstraße, die von Eftaloú her einmündet, liegt rechter Hand die Bushaltestelle, noch zwei– oder dreihundert Meter vor dem eigentlichen Ort, dahinter ein Wäldchen mit großem Autoparkplatz zwischen den Bäumen.

Gleich geht es auf hübsch mit Schieferplatten gepflasterter Nebenstraße links hinunter zum Ortsstrand mit einigen Hotels – da geh ich jetzt noch nicht runter. Rechter Hand ein beliebt wirkendes Café. Daneben ein Fahrradverleih. Ich schiebe aber dann doch oben geradeaus weiter. Erst einmal vorbei am "1912", das schon einige Gäste hat. Von außen beobachte ich, wie junge Griechen bedienen; von der Engländerin ist nichts zu sehen. Ein kleinerer Parkplatz mit Mauerbrüstung über dem unteren Ortsteil. Hohe Stützmauern hügelwärts. Durch Baumkronen schaut man hinab auf einen Treppenweg, der auf diese höher gelegene Straße zum Hafen hin heraufführt.

Einige Gassen biegen bergauf in den Ort hinein. Vorüber an einem weiteren Fahrradverleih, an Souvenirläden und Cafés schiebe ich mein Rad nordwärts, rolle dann hinunter zum Hafen. Es wimmelt dort nur so von Restaurants und Cafés. Nichts als Touristengeschäft pur. Dabei sind um diese Mittagsstunde nur sehr wenige Gäste an den Tischen auszumachen. Die vielen Lokale wirken auf mich richtig erdrückend, das ist mir denn doch zu viel. Erinnert mich an Portofino am Ligurischen Meer, es sind aber eher noch mehr Betriebe hier. Wenn ich müsste, würde ich mich am ehesten in das hinterste Lokal am kleinen Hafenbecken setzen, das nun geschlossen ist, wohl erst abends öffnet. Ich glaube es wurde an anderer Stelle von "Apollo" (es ist nicht der Gott, oder doch? ;–)) gelobt. Sieht recht nett aus und ist alles andere als überdimensioniert.

In der öffentlichen Toilette hinter dem Häfchen versuche ich meine ölverschmierten Hände sauber zu kriegen. Aber was dermaßen fahrradkettenschmierig ist, braucht schon Waschmittel, um richtig sauber zu werden. Meine paar Tempos und ein dünner Wasserstrahl ohne Seife reichen da nicht aus.

Etwas enttäuscht über das Klein–Rimini–Riccione verlasse ich das Hafenviertel und frage mich nach der bekannten Hauptgasse hoch in den Ort durch. In der Kafenío–Bar an ihrem unteren Ende gibt man mir bereitwillig Auskunft, gleich dies sei die "Agorá". Sie ist schön gepflastert, und ich schiebe schwitzend mein Rad auf ihr bis fast zum Kástro hoch – mit einigen Irrläufen ins Gassengewirr. Die hübsche, wenn auch sehr kommerzielle, mit einer Laube überdeckte Gasse wirkt ziemlich ausgestorben – abends ist bestimmt viel mehr Leben hier. Nur in den Tavernen weit unten sitzen einige vereinzelte Gäste und blicken von den Terrassen in die Weite des Meeres und auf das südliche Lesbos. Bald beginne ich Abstecher zu machen, muss mein Rad über Treppenstufen hochhieven, verirre mich in Sackgassen. Schöne Häuser, je weiter ich hochkomme, desto schöner wirken sie, haben Gärten, Aussichtsterrassen, herrliche Friese und Verzierungen an ihren Fassaden.

Auf halber Höhe eine winzige Eck–Bäckerei, in der die Milópitta (warme Apfelpastete) sogar für lediglich 1 Euro zu haben ist – die wohl billigste bisher, in Pétra (1.40) und Skala Eressoú (1.70) ist sie deutlich teurer. Nur in Skala Sikamiás (= Sikaminéas) hat sie höchstens 1.20 gekostet. Dies als kleines Preisbarometer.

Nun besteht der Weg nur noch aus Treppenabsätzen. Bald hab ich die Plackerei mit dem Mountainbike satt, parke es linksab auf einem Platz am Rand der Siedlung und steige die letzten 250 Meter zu Fuß zum Kástro, der Burgruine, hoch. Rein geh ich nicht, denn das Schönste dort oben ist der unbeschreibliche Rundblick. Auf einem Pfad umrunde ich die Burgmauern halb, hin zur Süd– und Südostseite, kehre dann um und schau mir das Café zu Füßen des Kástro an. Die etwas höheren Preise sind angesichts des Panoramablicks wirklich gerechtfertigt. Von der Telefonkabine neben der Burg ruf ich zu Hause an, hab das Gefühl, als Adler hoch über dem Meer zu schweben und teile meine Begeisterung auch mit.

Vor dem Kástro befindet sich ein Parkplatz, eine Teerstraße führt herauf. Ich steige meinen Stufenweg hinab, sperre mein Rad auf, verlasse den Ort nach Nordost hin, bald bin ich auf einer Straße ohne jeglichen Verkehr (außer ein paar spazierenden Skandinaviern, die hier oben in aller Stille wohnen), umfahre das hübsche Kiefernwäldchen hinter der Burg. Auf einigen Kurven geht es hinab zur Straße nach Eftaloú.

Noch eine Erwähnung, wenigstens. Es gibt in Mólyvos tatsächlich noch ein hübsches Einheimischen–Kafenío. Man kommt am ehesten daran vorbei, wenn man von der Burg über die Kirche unmittelbar darunter und weiter Richtung Fußballplatz südostwärts auf einer Hauptgasse heruntersteigt. Hat sogar eine Aussichtsterrasse. An Wochenenden sitzen besonders viele ältere Männer an den Tischen, bestellen kleine Ouzoflaschen mit einer Portion kleiner Fische. Die stets verbissen und unglücklich dreinschauende Bulgarin, die hier alles machen muss, Bedienung plus Küche, verlangt für ein Gläschen Ouzo (ohne Mezé) 2 Euro 50 von mir, zeigt mir zur Sicherheit noch die Karte. Ich bin entsetzt und weiß, dass die Einheimischen wohl für ihr viel größeres Karafáki eher noch weniger zahlen als ich für mein kleines Glas. Was wohl die ortsansässige Ausländerin an einem der Tische für ihren Ouzáki mit Mezé bezahlt?


ABSTECHER NACH EFTALOÚ

Unterhalb des Kastro–Hügels mündet neben einem anderen Kiefernwald eine Erdpiste ein. Weiter östlich liegt der Fußballplatz, wo gerade ein Spiel unter glühender Mittagssonne abgeht. Die Gegend wird richtig ländlich, wunderschön, so unmittelbar am östlichen Ortsende von Mólyvos. Einige verstreute Pensionen und kleine Hotels garnieren eine Weidelandschaft, die von Pferden, Kühen, Schafen gesprenkelt ist – besonders hübsch anzusehen unter den letzten Strahlen der Abendsonne. Busmitfahrer nennen einfach den Namen ihrer Pension, wenn sie hier aussteigen wollen. Ich radle an einem seine eigenen Erzeugnisse zum Kauf anbietenden Bauernhof, dann an dem bereits zugesperrten Café einer weiteren Frauenkooperative vorbei.

Links eine turmartige Erhebung auf einem Felsen, wohl die Ruine eines Ausguckturmes, daneben ein Militärposten. Auf der letzten Höhe, bevor es zu den ersten großen Hotelanlagen von Eftaloú hinuntergeht, zweigt der Feldweg hin zur Hangstraße an der Nordflanke der Lepétymnos–Berge ab. Es ist der Weg, den auch das Eseltrekking nimmt, das hier angeboten wird, denn das Zuhause der geschundenen Tiere befindet sich unweit des (schon längst geschlossenen, für diese Saison) Campingplatzes an diesem Feldweg.

Die "Pizzeria" des Hotels Eftaloú hat gerade die letzten Tage geöffnet, wenig später sollte sie geschlossen sein. Ich rolle zum schmalen ersten Strand hinunter, dahinter eine weitere Hotelanlage.
Wieder ein Militärposten, diesmal ein aufgelassener, alles im Verfall. Nur 7 Meilen gegenüber die türkische Küste, von der Siedlungen und Ferienanlagen herübergrüßen.

Nach Überwindung des letzten kleinen Anstiegs gelange ich zu einem weiteren, etwas schöneren Strand direkt neben der Straße. Eine kleinere Pension und das Hotel Mólivos II sind hier angesiedelt. Auf Feldwegen kommt man von hier in eine traumhaft schöne Landschaft. Ich finde mich bald vor der Endhaltestelle des Lokalbusses und der Taverne Eftaloú wieder, fahre noch vor bis zum Einstieg zu den Thermen–Badehäuschen, wo ich mein Rad abstelle.
Ein weiteres herrliches Bad im Meer. Ein Kaffee in der wenig beliebten Taverne direkt neben dem Kloster, nur mal eben kucken, was los ist, wo bald darauf Kurse von SKR Bonn beginnen werden. Zufällig lerne ich eine deutsche Kursleiterin kennen, eine etwas esoterisch wirkende und doch auch fest auf dem Boden der Tatsachen stehende, ein jeepähnliches modisches Auto fahrende Frau. Von ihr erfahre ich, dass alle 9 Zimmer in dem ehemaligen Klösterchen belegt sind. Und dass es ansonsten 35 Euro kostet, so ein Zimmer, für einen allein eher 30.

Nun ist meine Neugier befriedigt, und meinen Appetit werde ich endlich in der hübschen Taverne an der Busendhaltestelle stillen. Das Fischgericht schmeckte vorzüglich. Ein hübsches Plätzchen obendrein, mit irre vielen Katzen und gewaltigem Katzennachwuchs.

Heute bin ich nicht auf den Bus angewiesen, deshalb wandere ich den Feldweg an der Westseite der Taverne ganz hinter, bis er in ein trockenes Bachbett übergeht. Hohe Bäume. Ich sammle Mandeln vom Boden auf. Das Haus eines Bildhauers, stark verdrehte Figuren davor, sie wirken wie aus Holz. Wunderbarer Abstecher, nur 5 min dauert er.

Soll ich von meinem letzten Aufenthalt in Eftaloú erzählen? Von dem, was mich bewegt hat? Es ist einmal mehr ein Schiff vorbeigezogen. Sein Name war "Vitséntsos Kornáros" (– das ist der Poet aus der Gegend von Sitía, der den "Erotókritos" verfasst hat, ein kretisches Langgedicht). Es kam von Rhodos her, eigentlich Piräus, via Milos und Kreta. Beheimatet ist es in Ost–Kreta. Sein Ziel war Alexandhroúpoli ganz oben in Griechenland, ganz im Nordosten, nahe der türkischen Grenze. Weiter kann man nicht fahren, als Schiff in der Ägäis. Es hat mich sehr ergriffen, weil es mich an etwas erinnerte, was ich über alles mag. Weil ich in Gedanken immer dort bin, gegenüber dem Dschébl el Áchtar in Libyen, dort wo eigentlich schon Afrika ist, obwohl noch Europa. Aber der Sand, der gelbe Staub in der Herbstluft, ist derselbe, wenn der Südwind weht und alle Kopfschmerzen oder "Zustände" kriegen, zu beiden Seiten der Libyschen See.


SONNENUNTERGANG IN MÓLYVOS

Dann schwitze ich zurück nach Mólyvos. Angekommen, nehme ich die hübsche Stichstraße hinunter zum Ortsstrand. Südlich vom Hotel Olive Press der zugehörige Swimmingpool, man kann außen auf einer Erdpiste vorbeiwandern, oder auch über den Strand. Eine völlig ruhige, fast schon abgelegene Gegend, und so nah am Geschehen. Der strafende Blick eines Pool–Gastes trifft mich, den Eindringling. Der Ortsstrand auf der Nordseite des Hotels ist schöner als ich dachte, hat schattige, große Tamarisken, Umkleidekabinen, Dusche und WC, alles kostenlos. Einen passionierten Schwimmer seh ich weit draußen im Meer. Bald ist er zurück. Seine Frau hat ihn erwartet.
Hinter genau diesem Strand steht, fast unscheinbar, das Hotel Mólyvos I. Ich sehe nur wenige Gäste auf den Balkonen. So ruhig wie es jetzt hier ist, würde es sogar mir gefallen!

Ich schiebe das Rad weiter, auf der sich nun immer stärker verengenden Gasse, die dann zum Treppenweg wird, hinauf zur Straße Richtung Hafen.
Ich bleibe aber da unten, schiebe das Bike durch den Eingang zur Terrasse des Sunset, stelle es gleich rechts in einer Nische ab.
Eine lange Tischreihe ist für eine Abendgesellschaft gedeckt. Es bleiben aber noch genügend Einzeltische übrig, von denen aus sich die untergehende Sonne beobachten lässt. Ich krieg einen in der vordersten Reihe. Etwa 6 oder 7 Tische sind besetzt; Holländer, Deutsche. Neben mir unterhalten sich bei einer Flasche Wasser zwei junge Bayerinnen. Ich will nicht stören. Krieg mein Amstel mit ganz viel Kartoffelchips und Erdnüssen für 2 Euro 60.
Helios versinkt im Meer. Das schönere Spektakel beginnt erst jetzt, die den Himmel durchdringenden Farbspiele.

Da ich Beleuchtungsloser noch bei einigermaßen Resthelligkeit in Pétra ankommen will, fahr ich bald los, käme nach 25 min in meiner hübschen Pension an, wenn ich nicht noch in einem der wenigen noch etwas urigeren Kafenía einkehren würde, vor dem Strandbereich zwischen Hafenstrand und eigentlichem Ortsstrand, da, wo mehrere Läden zum Einkaufen verleiten.
Hier versorge ich mich auch mit Getränken und Knabberzeug fürs Zimmer. Nach der Dusche und einem Plausch mit Fílippa drehe ich noch einige Runden durch den Ort und gebe erst um halb neun herum mein Rad zurück. Was für ein schöner Tag das war!


EINE AUSFLUGSPALETTE VON PÉTRA AUS

ÁNAXOS

Öfters unternehme ich kurze, schnelle spätnachmittägliche Radausflüge nach Ánaxos, dem weit auseinandergezogenen Streudorf hinter einem langen, schönen Kieselstrand südwestlich von Pétra. Einfach sich bewegen, den Fahrtwind um die Ohren, die Landschaft in sich aufnehmen, ein Genuss!
Die erste Hälfte der Strecke dorthin gehört zum Wundervollsten, was dieser Landstrich zu bieten hat, vorausgesetzt, man hat sich vorher schon zur Genüge in Pétra umgesehen und das kleine Sträßchen ausfindig gemacht, das hinten im Ort, noch ein Stück hinter der Südseite des Kirchenfelsens, 150 m südlich der Kreuzung mit dem einfachen Kafenío (im selben Häuschen das Weingeschäft), dem größeren Minimarket und der Kapelle am Rand des Areals der großen neuen Kafenío–Taverne mit etlichen Tischen im Freien beginnt, gleich jenseits der kleinen Brücke (– uff, das war lang!).
Von Bäumen und Gärten gesäumt, bedeutet das vielleicht 1,5 km lange Sträßchen Erholung pur, meist auf seiner linken Seite sind kleinere und größere Gartenpensionen eingestreut, erst einmal ein Hotel mit Pool, vor einer Gartenmauer fertig abgepackte Säckchen mit frisch geerntetem eigenen Gemüse, Tomaten und anderem, jede Tüte für 1 Euro, den man einfach hinlegt, wenn die Hausfrau gerade nicht daheim sein sollte.
Wie ich diese Nebenroute geliebt habe! Man kommt zu einer Wegkreuzung, an der der Wegweiser nach Ánaxos zu stark verdreht ist oder bewusst für Autofahrer hingestellt, die rasch nach links durch hübsche Olivenhaine ganz unvermittelt auf die Überlandstraße gelangen wollen. Unbedingt geradeaus weiterfahren, denn da vorne kommen noch ein nettes Kapellchen und rechts des Wegs hübsche Garten– und Weideflächen. Kurz darauf mündet diese Nebenstrecke in die "Uferstraße", und zwar dort, wo sie das Ufer schon verlassen und zur Steigung geworden ist, direkt bei einer neuen Hotelanlage. Fährt man nach links bergauf, erreicht man nach wenigen hundert Metern die groß ausgebaute Einkreuzung auf die Überlandstraße, etwa 500 m vor dem Ortsbeginn von Ánaxos.

Wer jetzt noch gern was anderes sehen möchte, fährt, noch bevor es hinuntergeht in den Ort, gegenüber einem Fabrikgelände mit Baumaterialien gleich wieder rechts ab Richtung Meer. Dort steil unten hängen einige Hotels am Hang, ganz unten ist sogar ein kleiner Hafen versteckt. Und der Feldweg, der hinter den Hotels oben am Hang wieder ansteigt, führt garantiert bis Ánaxos weiter – oder? Mal ausprobieren! Der Blick reicht hier schon bis Mólyvos, und er ist ganz schön großartig.

Auf der Hauptstraße zurück, rollt man nun mit Karacho bergab nach Ánaxos hinein. Wäre man nicht so schnell, böte es sich an, gleich nach rechts auf eine ruhige, ziemlich geflickte und löchrige, stellenweise nur halbwegs geteerte Straße im Zickzack Richtung nördlichem Strandende abzubiegen, auf der man dann eben später zurückfährt, ab und zu eine Touristenunterkunft passiert, wieder Weideflächen, Gärten, eine eher weite, nicht so eingeengte und zugebaute Gegend wie unweit südwestlich.

Die eigentliche Ortsmitte liegt für mich an der Durchgangsstraße, beim alten Kafenío (linker Hand) mit einem Lebensmittelladen daneben; gegenüber ein größeres, neueres, eher eine Taverne.
Erst einmal den Ort ausmessen, durchfahren bis zum Ortsschild am Südwestende, wo es nach Skoutáros und Skalochóri weiterginge.
Der Lokalbus, den ich so oft nehme, steht unweit des Ortsendes an der Durchgangsstraße, wartet auf seinen nächsten Einsatz, der ihn bestimmt erst einmal zum Strand hinunterführt, zum Leuteaufsammeln.
Irgendeine Stichstraße nehme ich schließlich zum Meer hin. Ich hab, nahe dem Kafenío mit Pandopolío, eine interessante erwischt, die mich kurvig und um erstaunlich viele Ecken herum zwischen Gärten und vielen, ziemlich unbewohnt aussehenden Unterkünften, einmal auch vorbei an einer (geschlossenen) Kneipe, in der es sogar irisches "Murphy's"–Stoutbier (schmeckt mir besser als "Guinness"!) aus Cork zu geben scheint, wenn man dem Schild glauben darf, ans Südwestende des langen und recht breiten Ortsstrandes führt.

Ein langer Strand, wie gesagt, in seiner ganzen Länge wohl breiter als der von Pétra, nicht überfüllt mit Leuten, sie verteilen sich gut, unmittelbar dahinter die übliche Tavernenlandschaft, fast alle Lokale leer. Aber es kommt eben auf die Tageszeit an. Jedenfalls sind auch hier nicht mehr allzu viele Gäste. Der Blick auf Mólyvos ist schön, hier sieht man es, nicht so von Pétra aus.
Der Ort Ánaxos scheint mir insgesamt jedoch weit weniger reizvoll als etwa Pétra. Eine neu gebaute Streusiedlung ist es, und von der kann man sich nicht zu viel Flair erwarten. Als Ausgangsbasis für Tagestrips ist sie dennoch gut geeignet.

Sehr gemütlich fand ich den Aufenthalt in dem älteren Kafenío oben an der Durchgangsstraße.
Warum ich nur so lange nicht bedient werde? Zwei Tische draußen voll, plus ich, doch kein Wirt, keine Bedienung in Sicht. Auch im Lebensmittelgeschäft nicht. Des Rätsels Lösung: die noch recht junge Dorfärztin untersucht die alten Leute drinnen im Kafenío. Und da möchte natürlich jeder zusehen, welche phänomenalen Werte bei jener und jenem bei der Blutdruckmessung herauskommen. Das spannendste Ereignis der Woche. Als ich meine Nase in den Raum stecke, meinen sie lachend, ich solle mir doch auch den Druck messen lassen. Ich treibe Sport, fahre dauernd mit dem Rad herum, sage ich, ich brauch das nicht. Da lacht auch die Ärztin. Bald amüsieren sich alle draußen Sitzenden köstlich über einen Fischhändler, der mit seinem Agrotikó (Bauernlaster) herangebraust ist – d. h. ganz gemächlich sich von Pétra her genähert hat. Kaum ist er ausgestiegen, brüllt er schon, der sehr einfach gekleidete Mann mit seinen billigen, abgewetzten Schuhen und mit seinem Blick ins Nirgendwo "Träääkstä, träääkstä!!!! (Lauft, lauft!). Ihr versäumt was Besonderes!!!" Dabei wirkt er ganz ruhig und gelassen. Aber keiner hat so recht Lust, was zu kaufen. Um es gleich vorwegzunehmen: am Ende ging JEDER mit einer Tüte Fisch auf seinen Platz zurück. So geschickt stellte er sich an, der Fischverkäufer mit seinen Sardinen aus Kalloní, seinen kleinen, begehrten Marídhes und den größeren, teureren Sorten, alles auf Eis und in Styroporkisten gelagert.
Die kleinen Fische nur 3 Euro das Kilo! – Da sagt man uns ständig, wie teuer in GR Fisch sei, und in den Tavernen verlangen sie entsprechend viel Geld ..... Der Händler verdient bestimmt nicht viel daran, aber er ist wenigstens sein eigener Herr, kann tun und lassen was er will, ist sozusagen frei, nicht geknechtet, und sein Job macht ihm auch noch Freude.

Dann kommt der Obst– und Gemüsehändler, ein viel bedächtigerer Typ. Er redet ein bisschen mit den Leuten, lässt den Motor wieder an und rollt langsam Richtung Dorfausgang. Nach 3 min kommt er zurück, meint, ein Kaffee wäre jetzt eigentlich das Richtige, dann erst führe er weiter nach Skoutáros. Das liegt nur 4 km südlich, aber das hiesige Kafenío scheint ihm besser zu behagen als die dortigen.


AMBÉLIA–STRAND UND SKOUTÁROS

Unweit des südlichen Ortsendes von Ánaxos biegt von der großen Straße ein kleiner Feldweg meerwärts ab. Der Wegweiser sagt "A(m)bélia" oder "Ampélia" (= Weingärten), und man kürzt hier im Vergleich zur Piste von Skoutáros hinunter ein großes Wegstück ab.
Das Ganze könnte man ohne Übertreibung auch als schöne Wanderung bezeichnen – wenn man denselben Weg zurückgeht, denn die etwa 4 Straßenkilometer von Skoutáros bergab sind nicht gerade erquicklich, zu Fuß, die breite Asphaltpiste zieht sich unangenehm in die Länge.

Der Feldweg ist überwiegend gut befahrbar, Oliven zu beiden Seiten, eingezäunte Tierweiden dazwischen, ab und zu ein Häuschen, ein Bauernfahrzeug am Wegrand. Leider gar keine Weingärten mehr. Bald geht's bergauf, die Steigung ist aber nicht sehr lang. Danach fahre ich meist bergab, an der linken Flanke einer baumbestandenen Talung entlang.
Der von links her steil einmündende Feldweg ist nicht der ins Dorf hoch. Vielleicht gehört er aber zu einer Wanderroute, denn kurz darauf überhole ich eine Gruppe Briten auf Schusters Rappen, die dasselbe Ziel wie ich haben. Nach einer leichten Steigung, Blümchen am Wegesrand, ist die Stelle erreicht, an der eine mickrige, schmale Betonpiste linksab nach Skoutáros hochführt, das sich auch bald zeigt.
Ich rolle aber weiter. Beim nächsten Abzweig kann ich – angesichts des nach aufwärts zeigenden Wegweisers – in ihrem Pick–up daherkommende Einheimische nach dem Weg fragen; es ist tatsächlich die erst ein kurzes Stück bergauf führende Piste nach links, nicht der verlockend abwärts verlaufende Weg nach rechts, wo auch schon vereinzelte Häuser durch die Bäume hervorlugen.
Kurz durch einen Tunnel aus Mischwald fahren, dann ein extremes Gefälle direkt auf den schönen, zu einem Bad herausfordernden, gut 500 m langen Kieselstrand hinab, wo die Straße abrupt endet. Ich fürchte mich ein wenig, bremse mich dennoch hinunter, den Schwerpunkt weit nach hinten verlagert.

Ein verlassenes Haus steht gleich rechts hinter dem Strand. Ein paar hundert Meter nordöstlich die Ufertaverne, dahinter wieder einige Häuschen und Gärten mit hochgewachsenen Bäumen.
Während ich mich an der einzigen schattigen Stelle an meinem Strandende, dicht an den großen Felsen angelehnt, ausruhe und das große Fischerkaíki mit der winzigen, es begleitenden Barke daneben draußen vor der Küste fixiere, rattert ein grüßender Mopedfahrer das Steilstück herunter. Es muss "Nikos" (oder "Jórgos"?) sein, für dessen Fischtaverne schon weit vor dem Strand Schilder werben. Er sperrt also jetzt, so um halb zwölf rum auf. Auch noch im Oktober – es handelt sich also keineswegs nur um eine "Sommertaverne", wie es bei Thomas Schröder ("Lesbos", 3. Auflage 2003) zu lesen ist. Die jetzt eintreffenden wandernden Briten werden dankbare Gäste sein, lassen sich erst einmal am Nordende des Strandes nieder.

Ich bin noch nicht sonderlich hungrig, deshalb mache ich mich auf den beschwerlichen Weg hinauf nach Skoutáros. Sehr steile zwei oder zweieinhalb km sind das! Da heißt es öfters schieben. Der Weg mündet nahe des westlichen Ortsendes in die Durchgangsstraße ein. Ich bin froh, dass das erst einmal geschafft ist.

SKOUTÁROS ist einer jener Orte, an denen man in der Regel unten vorüberfährt, höchstens die eine Aussichtstaverne in Anspruch nimmt, die ich am westlichen Ortsausgang gerade noch zu erkennen glaube. Ob die wohl noch aufhat?
Es geht in dem recht ausgedehnten Dorf immer bergauf, will man es genauer inspizieren, und das ist nicht jedermanns Sache. Eine kleinere Taverne sehe ich noch an einem unteren Platz, die Platía sei aber oben bei der Kirche, sagt mir eine Frau. Da schiebe ich hoch.
Eine bescheidene Platía, eine Ecke hinter der Kirche, mit einem einzigen Kafenío, vor dem nur eine Handvoll älterer Männer sitzt. Weiter schiebe ich, keine Lust auf Kreuzverhör, diesmal. Außerdem bin ich noch nicht richtig ausgepowert. In den höheren Ortsbereichen lauter Gassen mit recht ärmlichen Häusern, nicht wenige ganz verlassen. Der Ort hat eine ausgeprägte Abwanderung erlebt. Auf dem Weg bergab treffe ich in einer der Hauptgassen auf ein mittäglich geschlossenes schmales Modegeschäft mit dem Charme der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Kein Wunder, denn die meisten kaufen eh beim fliegenden Händler, der mit LKW und Flüstertüte drauf regelmäßig um die Ecke biegt. Bei dem ist es billiger. Schadet nicht, auch einmal mit dieser Art lesbi(oti)scher Realität konfrontiert zu werden.

Ohne einzukehren rolle ich ostwärts aus dem Dorf hinaus. Die Straße kurvt dann nach Nord, immer bergab, kilometerweit einfach nur Rollen. Ein Wanderpaar auf dem Asphalt. Vielleicht kommt es von Ost, von einem der Feldwege hinter dem Ájios–Aléxandhros–Kirchlein her? Na, Radeln ist hier viel angebrachter als Wandern, auf dieser Überlandstraße.
Jetzt ist eine Pause im netten Kafenío in Ánaxo angesagt.


NACH LAFIÓNA(S)

Die auch im Schröder–Buch beschriebene Wanderung beginnt bei der kleinen Brücke ein Stück hinter dem Kirchenfelsen (dann nach rechts ab) von Pétra. Man überquert die Brücke aber nicht, sondern geht nach links (ostwärts) bis zu einem Haus, wo man auf den Feldweg nach rechts (Süd) einbiegt. Die herrliche Strecke wandert man zwischen mit alten Oliven bestandenen Feldern und einzelnen Gehöften bis zur Umgehungsstraße (nach Ánaxos) vor und überquert diese.
Drüberhalb geht es gleich weiter, auf einem weiteren Feldweg, der kurz auf die Hauptstraße Kalloní – Pétra zu, linker Hand am gemeindlichen Bau– und Müllfahrzeughof vorbei– und rechter Hand zu einem Gehöft führt, bei dem man wieder nach rechts (Süd) abbiegt. Die übliche frustrierte Katze, die vergeblich auf Fütterung vor dem Haus wartet, aber niemand ist da. Saisonende bedeutet hungernde Katzen.
Der Feldweg ist wunderschön, still und olivenhaingesäumt. Das Sonnenlicht bricht sich in den silbrigen Blättern.

Ratlos ist man erst bei der nächsten Weggabelung, wo einem wirklich weder Schilder noch Thomas Schröder weiterhelfen. Warum so ungenau, Geschätzter? Genau hier wäre Dein Rat gefragt. Oder vertraust Du auf den gesunden Menschenverstand, denn es sieht so aus, als ob beide Wege ins Dorf hinaufführten? Ohne Garantie, meinerseits. Denn ich bin nicht den geradeaus gegangen, das widersprach meinem Gefühl – dem ich schon so oft später recht/Recht geben durfte.
Der Weg nach rechts ist zumindest AUCH schön begehbar, einsam und wegen seiner grünen Vielfalt und späteren Ausblicke sehr empfehlenswert. Ich würde ihn wieder nehmen. Er trifft nach einigen Kilometern bergauf, die man sich im Zweifelsfall immer links hält, denn es gehen noch andere Wege geradeaus bzw. nach rechtsab, auf eine hangparallele Piste, die aus dem Dorf Lafiónas heraus nach West führt. Hat man die Einmündung auf diese Piste erreicht, schon vorher sieht man die Ortschaft linksab östlich am Hang oben gut, wende man sich unbedingt nach links, zum Dorf hin, denn nach rechts geht es NICHT zum ehemaligen Kloster des Hl Aléxandros am hinteren Ende des Berges – aber wohl zu einem anderen Kirchlein (des Propheten Elias?).

Vorbei an einem wasserreichen Brunnenbecken geht man die Gasse hinauf zum bis gut Mittag geöffneten, anschließend aber lange pausierenden einzigen Dorf– und Aussichtskafenío. Im spitzen Winkel geht man zurück und eine andere Straße höher, die einmal nach links kurvt, dann wieder nach rechts. Unweit des rechter Hand gelegenen Lebensmittelgeschäfts (hat bis knapp 13 Uhr auf, dann ebenfalls lange Mittagspause) biegt man nach links ab und arbeitet sich durch eine schmale Gasse bis zu den Felsen unterhalb des Parkplatzes hoch, die man auf einem Pfad im Zickzack hinaufsteigt (sind nur ein paar Meter) – alternativ geht man die längere Straße hoch. Auf dem Parkplatz gleich vorne zwei Sitzbänke, auf denen sich das sagenhafte Panorama über die Dächer und hinunter über die Ebene von Pétra so richtig genießen lässt.

Eines der verfallenen Häuschen unter mir wird gerade restauriert, erst einmal die Baumkrone darüber zurechtgestutzt, auf dem steilen Dach ein paar Arbeiter. Ob es wohl von einem wohlhabenden Ausländer aufgekauft wurde, wie das so oft hier geschieht? Hinter mir zwei unschlüssige Rollertouristen. Sie wartet schließlich, während er die Strecke nach hinten erkundet.

Die Strecke gehe ich zu Fuß, und er kommt mir auf seinem Töff entgegen. Es ist der Weg oberhalb des Dorfes zur Kirche des Heiligen Alexander, angeblich des ersten Bischofs von Míthimna, mit kärglichen Resten eines Klosters aus dem 4. Jh. (nach Christus). Wegen des unscheinbaren Kirchenbezirks lohnt sich der Weg meines Erachtens bestimmt nicht. Wenn man nicht gerade Fachgelehrter ist, wird man ob des Gebotenen ziemlich enttäuscht sein und sich ärgern, dafür etwa anderthalb Stunden Fußweg (inkl. kurzer Besichtigung) geopfert zu haben (insgesamt, hin und zurück). Es ist eher was für notorische Fußgeher, die es nicht lassen können. Mit Mountainbike wäre es eine sehr leichte Angelegenheit, ist man erst einmal oben in Lafióna. Der Rundkurs um den vollständig bewaldeten Berg herum ist auch problemlos mit Roller zu machen.
Durch ein hölzernes Gatter betritt man schließlich das Gelände. Der vor dem Kirchlein abgestellte Sarkophag dient allem Anschein nach als Viehtränke. Unter einem hohen Laubbaum ein Tisch mit Bänken zum Rasten.
Auf dem Rückweg komme ich, da ich auch den Rundkurs gehe, an der Südseite des Berges an einem Hof vorbei, wo soeben eine Kuh auf einen Kleinlaster gestemmt wurde. Das arme Tier wird nun auf dem holprigen Weg mit zitternden Beinen abtransportiert.
Zurück in Lafióna, treffe ich eine angesichts des geschlossenen Kafenío enttäuschte Engländerin, die von weit auf schwierig zu findenden Pfaden hergewandert ist. Ich gehe denselben Weg nach Pétra zurück.

NACH PETRÍ UND STÝPSI

Das von unten, der Ebene her niedlich anzusehende Hangdörfchen Petrí ist auch zu Fuß auf der Teerstraße und dann evtl. auf einem Wanderweg nach spätestens 50 min zu erreichen.

Es geht aber auch per Taxi. Für die 2,5 Straßenkilometer verlangt die vereinigte Taxi–Mafia mit Sitz in Pétra von einem Touristen volle 5 Euro. Dieses Geld gebe ich einmal abends aus, irre später, nach dem Essen, in stockdunkler Nacht auf Anraten des Tavernenwirts (– "du hast doch eine Taschenlampe mit?" –) auf einem Wanderpfad ganz unten aus dem Dorf hinaus und merke bald, dass mich der Weg nach Mólyvos, nicht nach Pétra führen würde. Ohne meine starke Taschenlampe wäre ich völlig aufgeschmissen gewesen. Ich tu also das Beste, kehre um ins Dorf zurück und stapfe die Teerstraße nach Pétra hinunter. So etwas (auf überwachsenen Wanderpfaden) sollte man besser bei Tageslicht unternehmen, um gewisse Abzweigungen nicht zu übersehen. Könnte schlimm enden, wenn man alleine unterwegs ist, noch dazu mit gepflegten Halbschuhen, nicht den üblichen Wanderschuhen.

In der Taverne To Petrí zu essen lohnt sich wirklich – nicht nur wegen der großartigen Aussicht von einigen der Tische –, denn hier werden etliche Hausmannskost–Spezialitäten geboten, z. B. einige Gefüllte–Teigtaschen–Gerichte. Wenn dann eine Busladung Niederländer "einfällt", muss man das ganz gelassen nehmen, kann nur hoffen, schon bestellt zu haben – da hatte ich Glück.

Meinen ersten Kontakt mit Petrí habe ich aber schon vorher, per Mountainbike. Da radle ich erst einmal außen vorbei, die kurvige Teerstraße weiter, ohne den wirklich gut getarnten Beginn des Feldweges zu erahnen, der mir vielleicht ein gutes Stück Weges erspart hätte.
So passiere ich ein verlassen wirkendes Militärlager, strample auf einen bewaldeten Berghang zu.
Es geht leider permanent bergauf, eine sehr schlauchende Strecke. Dafür sind die Ausblicke sehr schön. Als Erstes fällt mir der Ort Lafiónas gegenüber auf. Später weitet sich der Blick ins Tal hinunter und auf Höhen. Leider ist der Golf von Kalloní nur zu erahnen, es ist einfach zu dunstig, und von Südost her blendet dennoch die Sonne. Endlich bin ich an der Einmündung auf die Hauptstraße vom Tal herauf angekommen. Kurze Pause. Stýpsi kann nicht mehr weit sein, doch mir bleibt weiterhin nichts erspart – bergauf, bergauf. Nun ist eine Baustelle am Straßenrand erreicht: Neue Häuser, unten eine neue Straße.

Die ersten Häuschen grüßen vom westlichen Dorfrand her. In sanfterer Steigung geht es hinein in das balkonartig am Hang gelegene, recht große Dorf. Was für ein Ausblick nach Süden sich von hier aus böte, wäre es nur ein klarerer Tag, oder wenigstens Spätnachmittag.
Vor der eigentlichen Ortsmitte liegt ein Platz mit Taverne an der Durchgangsstraße. Ab hier ist die Straße beidseitig bebaut. Ein hübscher Ort, etwas Verfall, aber insgesamt sehr lebendig. Vor den Kafenía sehe machen es sich bereits viele Männer miteinander palavernd gemütlich.
Ich fahre erst einmal die ganze Länge durch den Ort, eine kleinere Steigung hoch und die hier recht dürftige schmale Teerstraße (ohne Wegweiser) bis über das östliche Ortsende hinaus. Bei einer Kuhweide halte ich und bemerke auch den unbeschilderten Feldweg, der von oben herabkommt. Ist wohl der, den ich vor Petrí hätte nehmen sollen, ganz dicht bei dem Militärlager, leider mit wirklich kaum erkennbaren Wegbeginn, da dort Schafe lagern, Geröll sich auftürmt. Aber wer weiß, vielleicht irre ich mich auch, und es gibt gar keinen solchen Weg.
Nun genieße ich die nach Ost hin bessere Aussicht auf die nächsten beiden, schon tiefer gelegenen Dörfer an der Hangstraße, die südlich mit Richtung Ost ums Lepétymnos–Gebirge herumläuft. Ein paar hundert Meter weiter muss eine Piste einmünden, die über den Westabhang der Berge auf die andere, nördliche Hangstraße treffen sollte. Ein weiterer Feldweg windet sich um ein Wäldchen herum ins Tal hinunter.
Ich kehre zurück ins Dorf, erst durch das stille östliche Viertel. Die Häuser fallen den Hang hinab, um die Ecke herum ein randlicher, ganz eigener Ortsteil.

Bei der Gefällstrecke beginnt wieder die Kafenía– und Ladenzeile. Etwas skeptisch werde ich hier schon beäugt. Es sind meist ältere Lokale mit Charme, aber ich such erst einmal das eine Tavernchen, das mir ein Internet–Bekannter (Arion) beschrieben hat: Es muss das Melvoúrni sein, nach der australischen Großstadt Melbourne benannt. Der Besitzer heißt laut Aufschrift "Christo". Unscheinbar und geschlossen liegt es da, das Haus macht in der Mitte einen Knick, sodass sich eine kleine vorgelagerte Terrasse geradezu anbietet, gegenüber ein Obst–, Gemüse– und Lebensmittelladen, hinter dem gleich Treppen in den unteren Ortsteil führen. Die freundliche, hübsche schwarzhaarige Frau dort meint, das Lokal sei erst abends geöffnet. Pech gehabt! Keine Kleine–Teller–Vielfalt mit leckeren Gerichten zum Ausprobieren. Sechs Stunden möchte ich nicht warten, bis ich vielleicht als einziger Frühabendgast ganz alleine hier bewirtet werde.

Rückschauend bereue ich es, nicht hinunter– bzw. hinaufgestiegen zu sein in die vielen Gassen, in denen sich das stillere Ortsleben abspielt. Ich müsste auch hierher wiederkommen. In Stípsi muss man lange bleiben, mit den Leuten ins Gespräch kommen, am besten den Abend erleben, wenn sich die Hauptgasse mit den Abendaktiven füllt. Stýpsi ist schon ein urigeres Dorf, nicht besonders stark vom Tourismus geprägt, geschweige denn entstellt, und doch nicht allzu weit von den Touristenunterkünften entfernt.

Ein Kinderspiel geradezu, nun den ganzen Weg zurückzurollen, vielleicht 6 oder 7 km immer nur bergab – höchste Wonne.
Jetzt will ich aber (– es war erstmals –) doch nach Petrí reinradeln und einen mittäglichen Happen in der so berühmten Taverne zu mir nehmen.
Am Parkplatz draußen stehen einige Autos mit ausländischen Nummernschildern. Auch hier haben sich wohl Fremde angesiedelt, und es werden immer mehr. Das Örtchen gefällt mir, ich schieb das Rad ein bisschen darin herum, bevor ich es vor der Taverne abstelle. An einigen Ecken werden alte Häuser renoviert.

Auf der überdachten Tavernenterrasse sitzt gleich links an der Hauswand die Wirtin an einem der Tische und formt Teigtäschchen für den Abend. Da kommt eine Gemüsefüllung hinein. Die Oma schaut von weiter weg zu. Der Mann ist stolz auf seine Gattin, erklärt einem englischen Paar, was da fabriziert wird. Sie starren die geschickten Hände der Meisterköchin wie gebannt an, bestellen dann noch eine Kleinigkeit zum Essen, noch einen Tee dazu.
Man merkt gleich, dass hier frisch gekocht und nicht nur das Übliche zubereitet wird, so klein der Innenraum mit Theke und Küche auch sein mag.

Ich such mir eine Art "pie" aus, eine mit Zucchini gefüllte Pastete, die mir zusammen mit dem köstlichen offenen Weißwein und ein paar Brotschnitten hervorragend mundet.
Die ruhige Mittagsszenerie gefällt mir gut. Alles sehr intim und persönlich.

Nach dem Mahl schiebe ich nordwärts aus dem Dörfchen raus, auf einem herrlichen Feldweg in wunderschöner Landschaft, stelle das Rad einfach neben dem Weg ab und geh zu Fuß weiter. Eine Vielfalt an Büschen und Pflanzen, auch Blumen, tut sich dem staunenden Passanten in dieser Idylle auf. Das nächste Mal werde ich wenigstens den langen Feldweg Richtung Mólyvos durchwandern, wenn ich mir nicht gleich das englische Wanderbuch über Nord–Lesbos kaufe. Nur ein wohl holländisches Wanderpaar begegnet mir. Sie sind den steilen Weg an dem Gehöft vorbei heraufgekommen, der bald in meinen Feldweg einmündet. Da radle ich schließlich hinunter, muss absteigen, so steil und teils arg zerrachelt wird es. Der Bauer ist gerade angekommen, hantiert mit seinen Maultieren und Kühen herum, den Hund neben sich. Er lacht mich an und meint, dieser Weg sei für die Bauern angelegt, nicht für Touristen mit Fahrrad. An einer Kreuzung weitere Feldwege, auf dem einen gelangt man bestimmt ganz hinunter in die Ebene. Ich fahre ein kurzes Stück nach links und komme so wieder zur besser befahrbaren Teerstraße nach Pétra.

NACH SKÁLA SIKAMIÁS (= SKÁLA SIKAMINÉAS)

Der Weg ist auf der bequemen Teerstraße über Mólyvos knapp 20 km lang (einfache Strecke) und ab Eftaloú, wie schon in vorhergehenden Berichten erwähnt, auf dem recht breiten Feldweg ganz gut zu radeln/fahren. ((Wann da wohl geteert werden wird? Bestimmt bald.)) Ab dem Ende der Teerstraße sind es ja nur mehr 10 km, allerdings bergauf, bergab, die letzten paar km dann relativ flach. Etwa in der Mitte der noch asphaltlosen Piste eine Kafenío–Taverne mit Essensangebot, die zumindest bis zum absoluten Saisonende (Mitte bis Ende Oktober) geöffnet ist. Da die Besitzer aber dort wohnen und auch viele einheimische Besucher vorbeikommen, wird wohl auch im Winterhalbjahr geöffnet sein.
Das hübsche Ziel ist die Mühe wert – und auch der Weg. Details in meinem ersten Lesbos–Bericht ("Ankunft auf Lesbos Ende September 2005").


ZUM SCHLUSS

Richtig wohlgefühlt habe ich mich, in Pétra und Umgebung. Zwar hab ich das „Restaurant Nikos“ nie ausprobiert, aber zumindest zweimal im Rigas hinten gegessen. Was die mittelalte Dame namens Maria an den Töpfen und ihre junge Aushilfe dort serviert haben, war gute griechische Hausmannskost. Schön fand ich das Stübchen im EG, wo man auch die mitreißende Musik von CDs mitbekam, die von der Bedienerin aufgelegt wurden, und insbesondere den sehenswerten Stammtisch einiger Ortsansässiger aus nächster Nähe beobachten konnte.

Was mich sehr enttäuschte, war das Abstreiten des vorher vereinbarten Zimmerpreises bei meinen lieben alten Vermietern, als es ans Zahlen ging. Er betrug schließlich 25 Euro, statt 15. Seltsam, wo wir doch so gut miteinander ausgekommen sind, der Fílippas, seine Maria und ich. Ein jeder möge sich also auf 25 Euro einstellen – das zahlen auch Paare, umso schlimmer fand ich es, dass es nicht einmal einen Abschlag für die Nutzung eines DZ als EZ gab, der ja eigentlich üblich ist. Meine Enttäuschung war aber in erster Linie privater Natur, weil ich so ein Verhalten unter Freunden nicht verstehen kann, auch wenn die Freundschaft noch nicht so lange währte.

Ja, ausflüge(l)n ließe es sich ansonsten von Pétra aus noch viel mehr, wollte man die kleinen Wanderpfade und all die Feldwege mit einbeziehen. Aber all diese kleinen Geheimnisse lassen sich nur nach und nach entdecken, und jeder weiß es doch längst: ein einziger Urlaub auf Lesbos regt nur den Appetit auf weitere an! So gesehen ist das Wiederkommen ein Muss.

Copyright puchheim = MartinPUC 2005, 2007



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