Unterwegs nach Límnos
(Samstag, 14. Mai 2004)

Copyright puchheim = MartinPUC, 2004, 2006


Wie sich herausstellt, bin ich doch zu früh aufgestanden, denn die „Mitilíni“ (Mytilene), das Prachtschiff der älteren Sektion der NEL–Flotte, ein wahrer Ausbund an Sauberkeit, unlängst ((inzwischen ein paar Jahre her)) ausgezeichnet als bestes Schiff der Ägäis, worauf sie verständlicherweise irre stolz sind, kommt mit deutlicher Verspätung an und legt erst um Viertel vor fünf ab. Aber das kann man nie genau wissen, auch wenn man am Vorabend noch einmal gefragt hätte.

Morgenschweiß auf dem langen Fußmarsch von den „Chios Rooms“ mit ihrer bläulichen nächtlichen Leuchtschrift hin zur Fähre. Es ist doch ein guter Kilometer, der wenige Schlaf drückt doppelt auf die Schultern, und meine knapp über 20 Kilo Gepäck sind nicht zu unterschätzen. Immer noch sind viele Leute auf den Beinen, mitten in der Nacht, verabschieden Verwandte und Bekannte. Oder lassen ihrer Neugier ganz einfach freien Lauf. Oder feiern im jugendlichen Überschwang. Autos brausen heran, Motorräder, Mopeds. Die reinste Lebensfreude.
Eine mitteleuropäisch aussehende Gruppe wartet einsteigbereit am überdachten Wartebereich. Eine Schweizer Gruppe, wie ich bald darauf an Bord feststelle (chrrr, chrr, krrr, krrr, arrch, arrch! Pardon, Eidgenossinnen und -genossen, nichts für ungut!).

Ich suche mir einen Platz im Pullmannsesselraum. Leider verströmt die Klimaanlage von der Decke herab zugige, geradezu eisige Luft. Das stört mich aber wenig, denn ich werde sowieso die meiste Zeit an Deck sein und Ausschau halten. Mehrere Verkäufer von chiostypischen Mastix–Produkten versuchen ihr Glück bei den Passagieren direkt an Bord, schleppen Körbe und Pakete von Waren in die Lounges. Die Clientèle zieht so früh am Morgen nicht so recht, kaum etwas lässt sich an den Mann / die Frau bringen.
Dann müssen die ausgesprochen Erfolglosen von Bord.

Richtung Mitilíni! Ganz nahe kommen wir der östlichen Inoússes–Insel und einem ihr noch vorgelagerten Eiland, und der Türkei. Dann fahren wir wieder mit größerer Entfernung zu Land. Nescafé mit Milch und Zucker. Es wird bereits eifrig staubgesaugt. Die Toiletten sind unglaublich sauber und gepflegt. Nur den Leuten auf den Pullmannsesseln wird es allmählich kalt. Sie rücken ihre Blusen– und Hemdkrägen zurecht, holen mitgebrachte Decken heraus.

Lesbos kommt in Sicht, einige Wolken darüber. Der größere weiße Ort, der uns von der Südostküste her entgegenstrahlt, ist Plomári, Heimat einiger der allerbesten Oúza der Welt – gäbe es da nicht die samiotischen „Ouzos“ (Frantzéskos, zum Beispiel), wären die Oúza von Lesbos wohl konkurrenzlos – soweit ich das bisher beurteilen kann, ich als Inselfahrer und normalerweise Festlandsvermeider. OK, der „Ouzo [Nr.] 12“ aus Attika ist auch eine noch relativ passable Alternative, notfalls. Und auch der Ouzo von Kavála, dort hergestellt (zwei oder drei unterschiedliche Marken), war wirklich nicht zu verachten, wie ich rückschauend sagen kann.

Das ist also der Ólimbos, fast 1.000 m hoch, der allerhöchste Berg von Lesbos, na, wenigstens gleich hoch mit einem im Norden. Hinter seiner Südfront verborgen liegt das Bergdorf Agiás(s)os, das mich schon lange interessiert (Wanderung über die Berge bis Plomari?).
Der Eingang zum Kólpos Jéras, dem kleineren, schmäleren der beiden Golfe der Insel, ist ziemlich versteckt, aber lässt sich gut erahnen, da ihm so etwas wie eine größere Bucht vorgelagert ist.

Schon haben wir das lesbi(oti)sche Kap Maléas erreicht (– gibt’s doch auch an der Spitze des östlichsten der drei südlichen Peloponnes–Finger, markiert seit dem Altertum das Westende der Ägäis, Außenposten des griechischen Heimatmeeres, nicht wahr?). Eine Militärstation thront darüber, mit griechischer Flagge am Fels. Hinter einigen weiteren Felsen mit einer warnenden Blinklichtkette beginnt bereits die lange Start– und Landepiste (o diádromos) des Flughafens nahe der äußersten Südostspitze der Insel, etwa 8 oder 9 km von Mitilíni, der Hauptstadt entfernt. Das Terminal ist gut zu sehen, auch die davor geparkten Autos. Aegean Airlines ist soeben von Südost her gelandet und rollt aus, wendet dann offenbar auf derselben Landebahn und rollt zurück.

In Kürze hat die „Mitilíni“ ihren Mutterhafen erreicht und läuft nach Einfahrt in den Vorhafen in den Innenhafen ein, dreht und legt beim LKW–Parkplatz, dem Kiosk und einem Rundbau von Sporthalle (?) an. Etwa acht (oder achteinhalb?) Uhr vormittags ist es inzwischen. Das Schiff ist bei seinem wichtigsten Zwischenziel auf seinem Weg von Piräus her nach Saloníki angekommen und wird jetzt noch gründlicher als bisher mindestens eine Stunde lang gereinigt, während aus seinem Bauch Unmengen von LKWs rollen und neue Gefährte in ihm Platz finden.

Ehrlich gesagt finde ich diesen Ort auf den ersten (ERSTEN) Blick nicht so schön und offen wie Chios–Stadt. Er wirkt sehr ruhig und ländlich – die Morgenstunde mag schuld daran sein. Das Kástro auf grünem Hügel über dem Hafen wirkt auf mich an jenem Morgen wie ein grün eingefasstes Grab. Auch die Berge über der Stadt haben nicht die Großartigkeit derer von Chios.
Die vielgelobte Kirchenkuppel auf der westlichen Hafenseite gibt der Szene noch etwas betonter Provinzielles, Tristes. Eine recht melancholische Atmosphäre, für meine Begriffe. Das ist der erste Eindruck. Wer weiß – lasst mich in zwei, drei Jahren von Mitilíni schwärmen?! ((Ironie des Schicksals: jetzt schwärme ich tatsächlich davon!))

Nach einer guten Stunde legen wir dann doch ab.

Ich wundere mich über eine Durchsage etwa 10 Minuten nach dem Ablegen, doch bitte seinen Sitzplatz beizubehalten, denn es finde sogleich noch eine zusätzliche Ticketkontrolle statt. Die nehmen’s aber genau!
Für mich etwas unangenehm, denn ich habe, wie ich bald bemerken muss, ganz oben auf dem Starkwindoberdeck, wo man sich die Ohren schützend zuhalten musste, um den HNO–Arztbesuch zu vermeiden, oder auch weiter unten direkt hinter der Brücke, wo vor mir im Windschatten ein Schlafsackmensch noch dahinträumte, im Fahrtwind vor den Inousses–Inseln offenbar mein Ticket verloren, es wurde sozusagen aus dem Bauchschlitz meiner Fliesjacke mit aller äolischen Blasgewalt ins Meer befördert!
Wow!

Ein ungutes Gefühl, echt blöd (voll krass, im Newspeak, hier echt bedeutungsschwanger). Soll ich mich beim Empfang melden oder geschickt verstecken? Ich lasse es darauf ankommen und nehme windgeschützte Stellung ein paar Meter hinter dem linken Eingang zur Brücke, mit Prachtaussicht auf das von der Sonne morgendlich zaghaft angestrahlte östliche Lesbos und die Millionen von Olivenbäumen – das beste Öl, das wir derzeit zu Hause haben ist von Lesbos, ehrlich gesagt ((((fast)))) noch besser als das beste kretische, das wir je hatten. Die Griechen sind doch keine Deutschen, die kontrollieren nicht wie ehemals deutsche Zöllner bei Schmuggelverdacht!
Meine Rechnung sollte voll aufgehen. Das menschliche Hellas. Die Sorgen lösen sich im Nichts auf.

Als uns ein Schiff von Gerássimos Agoúdimos (GA Ferries) begegnet, fühlt sich der NEL–Kapitän keineswegs zu einem Begrüßungssignal verpflichtet, auch nicht sein Gegenüber. Man schätzt sich gegenseitig nicht besonders, nehme ich an.

Dicht an der türkischen Küste geht es in einem Halbkreis um das östliche und nördliche Lésvos herum. An der engsten Stelle passieren wir eine griechische Inselgruppe, auf der Gegenseite die entsprechende türkische. Wieder muss ich mir die irgendwie standardisierten, stramm in Reihen übereinanderstehenden Feriensiedlungen, optische Grausamkeiten, über dem türkischen Ufer ansehen, reichlich fantasielos und die ganze ägäische Küste lang des öfteren anzutreffen. Mehr Einfallsreichtum bitte, kleinasiatische Brüder und Schwestern!

Klar, gleich kommt das Nordwestkap von Lésvos, unmittelbar davor der kleine Küstenort Skála Sikaminéas, den viele meiner Bekannten so mögen. Witzig: Sogar die paar Häuser von Loutrá Eftalóu sind von See her gut zu sehen, auch das türkische Bad in dem kleinen weißen Kuppelbau, all das wurde neulich so schön in einer ansonsten viel zu gerafften, erschreckend unzureichenden Fernsehdoku mit einigen Falschbehauptungen über Samos, Chios und Lesbos dargestellt.

((Folgenden Passus bitte nicht ganz ernst nehmen:))
Was dann ins Visier der vorbeidriftenden Fernpassagiere rückt, entzückt mich nicht so sehr wie wahrscheinlich viele andere. Erst die Rückseite, dann die Nordflanke von Míthimna/Mólivos, das recht isoliert und kahl und exponiert auf einem Sporn über dem Meer liegt, vielleicht 4 oder 5 km von meinem Reling–Posten entfernt. Die einstige Künstlerkolonie hat seit den Neunzigerjahren einen Grad der touristischen Entwicklung erreicht, der sie des allerletzten griechischen Kafeníos beraubte – Bars und Kneipen sind jetzt die Knüller. Ich kann nur hoffen, dass sich inzwischen wieder ein Pseudo–Kafenío etabliert hat. Scha(n)de, Scha(n)de! Ich gönne es allen passionierten Mólivos–Fans, dort ihren Urlaub zu verbringen (denn sie haben bestimmt viel Schönes für sich gefunden), aber da würden mich, nach all dem, was ich jetzt gelesen und erfahren habe, außer auf eine kurze Erkundungstour keine zehn Pferde hinbringen. Ich bin wirklich auf etwas ganz anderes aus. Entschuldigt Freunde, aber ehrlich währt am längsten, glaub ich.
((Bereits im Herbst 2005 haben mich mehr als zehn Pferde hingebracht, bzw. ein Drahtesel, und es hat mir recht gut dort gefallen!))

Auch dieses auf Hochglanz polierte Highlight der modernen Tourismusindustrie entschwindet schließlich, zusammen mit anderen Küsten– und Binnenorten, unseren Blicken. Selbst die im Vergleich bescheidenere Türkei tritt nun zunehmend in den Hintergrund.

Zeit, das sehr gute Self–Service–Restaurant der „Mitilíni“ zu besuchen. Bestimmt keine Enttäuschung. Trinkgeld auf das Tablett, für die völlig, absolut unterbezahlten Abräumer. Man wundert sich nur, wie knapp bemessen (auch, neben diesen Löhnen) die Essenszeiten auf den Fähren immer sind. Und ganz landesuntypisch geht es meist schon um 12 Uhr mittags los mit dem Essen (– es sei denn, genau dann wird gerade angelegt und aufgeladen), und eine gnädige Schlussdurchsage 40 Minuten später läutet bereits die Endrunde ein.
Wenn es bei der EM so schnell ginge, wäre so mancher Verzweiflungstat vorgebeugt! Aber auf diese rapide Weise haben es der sympathische Otto Rehagel und sein griechisches Nationalteam ins Viertelfinale geschafft – mit viel Dramatik und super gemimter theatralischer Schmerzensdarstellung, so nebenbei bemerkt. Nur gut, dass diesmal kein Schiff auf Grund gelaufen ist, vor lauter Kickerbegeisterung der Brückenbesatzung.

Ist eh alles gut, denn als ich wieder auf das zugige oberste Deck hinter dem Vordermast mit dem Radar hochsteige, bläst es mich nicht nur fast um (gut, das Ticket ist sowieso schon weg, blowing in the wind), sondern ich flieg auch fast „aus den Socken“, denn eine Spur backbord voraus erstreckt sich westlich im Mittagsdunst die ferne Erscheinung nur einer einzigen Möglichkeit: Ágios Efstrátios / Ái Stráti. Und bei meiner Treu („by my troth“, in the Shakespearean), ich brauche die Augen gar nicht zuzukneifen, um mir darüber klar zu sein, dass ich den ersten jungfräulichen Anblick von Limnos vor dem Bug dank meiner kulinarischen Genusssucht bereits versäumt habe.

Was ich vor mir sehe, treibt mir wirklich die Tränen in die Augen. Sofort sag ich zu mir: „Das ist MEINE („meine“) Insel!!!“ Die liegt ganz breit vor mir, in aller Großzügigkeit breitet sie sich vor meinen Augen aus, entspannend weit, eine Befreiung für den eingeengten Gesichtssinn des Großstadt–Arbeit(nehm)ers, hat alles, was man sich erwarten kann, optisch. Moderate Höhenzüge, ein großes Vorgebirge in der Mitte (das einzigartige Naturschutzgebiet der Fakós–Halbinsel), weit ausladende niedrigere Arme, aus meiner flachen Schiffs–Perspektive. Ein Versprechen vielfältiger Entdeckungen. Ich bin auf Anhieb überwältigt. Voller Dankbarkeit, so etwas erleben zu dürfen. Mein Notebook seufzt verständnisvoll, als ich diese Zeilen unmittelbar vor zwei EM–Fußballspielen abends zu Hause formuliere. Der lebt, fühlt mit, dieser störrische PC! Élla gaidoúri–mou! Nie habe ich dich der prallen Sonne ausgesetzt, gell?, nicht so wie die erbarmungslosen Bauern von Anópoli in der kretischen Sfakiá ihre armen Eselchen.

As we are drawing closer to the isle, the first coastal resorts are coming into view. Die ersten erkennbaren Küstenbadeorte. Thános geht ja noch, entpuppt sich später, auf einer Wanderung, als äußerst hübscher Ort oberhalb der Ebene zum Strand hin (ich hab wohl von Deck aus nur die Häuser hinter dem Strand gesehen), aber Platí hat leider zu viele moderne Gebäude – enttäuschend. Leiser Zweifel kommt in mir auf. ((Er ist unbegründet.))

Wo wird die Hafenbucht von Mírina/Mýrina sein? Hoffentlich nicht die von Platí – nein. Die nächste ist es aber. Und auch von der bin ich erst einmal etwas enttäuscht, denn viele der Häuser sehen recht neu aus, so ganz anders als man es weiter südlich gewohnt ist. Eine große Hotelanlage zieht sich in Reihen den südöstlichen Hang hoch (es waren aber kaum Touristen da). Und ich hatte mir einen noch altertümlicheren Hafenort vorgestellt, gewünscht – ich Träumer. Jedenfalls: die Bucht in ihrer Rundheit, mit der neuen weißen Kapelle auf dem Kap gegenüber ist schön (abends sogar zauberhaft). Es gibt mehr ältere Häuser als man zunächst zu sehen glaubt. Der Rest ist Überraschung, die ich noch auf mich zukommen lassen muss.

Die zackige „Bergkette“ über dem Hafen, der Burgberg, ist auf den ersten Blick doch etwas zahmer, weniger wild, als ich es mir von Fotos her vorgestellt hatte. Ich bin einer kleinen Täuschung aufgesessen und muss meine Voreinstellungen erst einmal zurechtrücken.

Wie das Gehirn sich die Dinge zurechtschiebt, echt erstaunlich. In Realität sind die Breitseiten auf den Bücher– oder Internetfotos die Schmalseiten, und umgekehrt. Was ist erst randlich ausgeblendet, was bewusst ins Zentrum gerückt? – Traue nie einem Bild, einem Foto! Auch wenn der X. oder Z.. oder „die Institution“ ein super Fotograf ist. Ein Bild sagt im Zweifelsfall in all seiner verblüffenden Schönheit mehr objektiv Falsches, Gelenktes, Gesteuertes, subjektiv Gewolltes oder Ungewolltes, Hinverwinkeltes, geschickt Hingetrimmtes als tausend (allerdings) wohlmeinende Worte es je vermögen. Selbst so oft erlebt! So oft.
Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte, wird einer sagen, je nach GUTEM WILLEN des betreffenden Tätigen, ob Schreibers oder Fotografen – das ist es. Dem mehr oder weniger guten Willen des „Providers“ sind die Leser, Betrachter vollkommen, auf bedauerlichste, erbärmliche Weise ausgeliefert.

Ganz nah am Kastro–Berg liegt der Fährhafen. LKWs und Anhänger sind am Rand des Parkplatzes abgestellt, Sattelschlepper eilen aufs Schiff und wieder herunter, neue Hänger einzuklinken und herzuschaffen. Ruhig sieht der Hafenpolizist neben seinem Dienstwagen dem aktiveren Kollegen beim Schiff zu.
Bergwärts ein Aussichtskafenío, oben an und über den Felsen hängt girlandenhaft Mauerwerk, umringt den ganzen Hügel. Bei der Ausfahrt zur Stadt ein signifikanter Uhrturm – das Uhrwerk funktioniert tadellos, dahinter wiegen sich schon einige Fischkutter und kleinere Boote an der Kaimauer, mittendrin eine kleinere Fähre, die „Aiólis“, bereit, in einer Stunde, um 15:00 Uhr, nach Ágios Efstrátios aufzubrechen.

An einem länglichen Platz mit Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen etliche Cafés, auch eine Taverne hinten in der Ecke, etwa in der Mitte das angeblich preisgünstige Hotel Lemnos, von dessen Balkonen ein paar Leute neugierig auf die Schiffsankömmlinge runterstarren. Sieht auf den ersten Blick noch nicht so urig aus, hier.
Dann, nach einer kurzen Linkskurve, kommt ein kleinerer Platz, es ist die eigentliche Platía, eine kleinere Grünanlage mit Sitzbänken schließt sie zum inneren Fischerhafen mit den Fischtavernen hin ab. Eine NEL–Agentur, ein Autoverleih, ein Souvenirladen (Lebensmittel), ein großer Minimarkt. Die zwei Kafenía, das immer gut frequentierte, ältere „Aegéo“ und ein anderes, ein Internetplatz mit wenigen schickeren, jüngeren Leuten aber viel weniger Atmosphäre. Beide haben große Aussichtsterrassen auf das Straßengeschehen, unter Markisen. Zwei Períptera (Kioske) zieren das Plätzchen, einer dicht an der Seitenfront des „Aegéo“. Zwischen den Kaffehauskonkurrenten der Beginn der Marktgasse, der „Agorá“, die sich lange hinterzieht, gesäumt von einer Fülle von Geschäften und Schnellimbisslokalen.

Bei meinem Eintreffen hat der erste Barbier rechts seinen altmodisch-idyllischen Laden mit großem Schaufenster gerade noch geöffnet, vor der großen Nachmittagspause. Er hilft mir auch weiter, eine Pensionsadresse aus dem Lonely–Planet–Buch zu lokalisieren, sie ist aber weit hinten, meint er. Als ich am Ende der Gasse, bei der kleinen Brücke, angelangt bin, helfen mir dort wohnende Einheimische, die wissen, dass meine Adresse zurzeit geschlossen hat und mich im Auto zu der ihnen bekannten „Pansion Poseidon“ eines netten älteren Ehepaares beim Romäikós–Strand hinterfahren. Die bauen zwar gerade einige Zimmer um, aber ich bekomme für 20 Euro eine nette, tadellose Bleibe mit Bad, Kochnische, Fernseher und großem Balkon.
Dieser Preis ist für Mírina wirklich gut. Trotz der nicht berauschenden unmittelbaren Umgebung (Stil: Wohnblöcke und größere Privathäuser einer italienischen Kleinstadt), kann ich die Zimmer wirklich empfehlen. Denn gleich um die Ecke, nach 50 m, wirds wieder viel schöner. Einen Fußmarsch von 20 min vor zum Hafen muss man jedoch in Kauf nehmen – geht auch ein Stück direkt am Strand entlang und dann, vor der Nordseite des Kástro–Hügels, eine der schmalen Gassen rein, wenn man will. Eine Ruhepause in einem der Aussichtsrestaurants am Meer ist jederzeit möglich.

So hab ich nun erstmals Fuß gefasst auf dieser so wunderbaren, teils paradiesisch schönen, völlig verkannten Insel, wie das benachbarte Samothráki ein Eckpfeiler Griechenlands vor den türkischen Dardanellen, der Wasserstraße nach Istanbul und zum Schwarzen Meer. Und wie Samothráki ein Hort antiker Kabirenverehrung, jener Gottheiten, deren Namen nun Schiffe und Berge tragen und die mit ihrem obskuren phönizischen oder phrygischen Ursprung vielleicht älter sind als die Olympier – als Zeus, Apoll, Poseidon, Aphrodite, Hera und Konsorten.

Copyright puchheim = MartinPUC, 2004, 2006

Auf der Insel Límnos



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