Teil 2: Erneute Fühlungnahme mit Mílos
nach gut 20 Jahren

Copyright puchheim = MartinPUC, Juni 2010


Acht Uhr dreißig. Ich schleppe mich und mein Hab und Gut von Bord. Es geht nach rechts, etwas ostwärts, so weit bin ich per Google Earth informiert, und auch wo genau ich kurz darauf nach hinten in den Ort reingehen muss.

Etliche Cafés haben bereits geöffnet, ich passiere sie absichtsvoll, denn ich möchte zuerst meine Bleibe aufsuchen und mich von meinem Gepäck befreien.
Aha, der Hauptplatz am Fischer– und Jachthafen. Der Kiosk, der Taxistand. Rein in die Straße, die zu den hoch gelegenen Dörfern über dem Hafen führt. Nach etwa 200 Metern dann links ab in eine leicht schräg abbiegende Nebenstraße, die von vielen Unterkünften gesäumt ist, teils sehr blumenreichen, von Zierbüschen geradezu strotzenden.
Bald erreiche ich eine Umfahrung des Ortes, so bescheiden sie auch ist – sie wirkt wie eine Querstraße. Frag noch einmal sicherheitshalber nach dem Weg, aber es sind sowieso nur mehr ca. 300 Meter. Nach insgesamt vielleicht 10 Fußminuten vom Anleger aus stehe ich vor dem Eingang des kleinen Hotels Thalassítra am nördlichen Ortsrand von Adhámanta.

Ein Grüppchen gut aufgelegter Hotelgäste erwartet mich am Zugangstorbogen, bietet mir Kaffee an. Man spricht Englisch, es sind Engländer bzw. Amerikaner, eine Australogriechin und ein deutsches Paar, die hier inklusive Frühstück gebucht haben, das sie in dem netten kleinen Nebengebäude über den Hof einnehmen.
Vangélis, der Besitzer, ist zum Glück bereits anwesend. Ich bekomme ein hübsches, sehr geräumiges Zimmer mit Kochecke im oberen Stock des hinteren Gebäudes für 25 Euro die Nacht (ohne Frühstück). Mit hübschem, pflanzenumwuchertem Balkon und einem Durchblick auf den alten, auf dem Hügel angesiedelten Ortsteil der Hafensiedlung. Vor mir, in einigem Abstand, der Neubau (außen im alten Stil, innen sehr modern und elegant und deshalb auch deutlich teurer). Unweit östlich die schmale Inselhauptstraße, durchaus nicht unüberhörbar, aber auch nicht dauerhaft störend.

Heute ist Streiktag. Nicht einmal die Lebensmittelgeschäfte sind geöffnet, na ja: zusätzlich ein öffentlicher Feiertag. Auch tags darauf, Sonntag, hat kein Laden auf. (Wie anders ist das doch auf Inseln wie Kreta.) Der Kiosk wird zu meiner Getränkequelle, ich erstehe unter anderem einen untrinkbaren Wein–Fusel. Natürlich streiken auch die öffentlichen Busse. So entwickle ich mich in anderthalb Tagen zu einem Stammkunden diverser Taxifahrer und sammle alle möglichen Visitenkarten der fahrenden Gilde. Ihre Fahrpreise sind durchaus nicht überzogen. Nach Pollónia z.B. verlangen sie 12 Euro.


Ausflug in die Pláka

Zuerst lasse ich mich ich aber einmal hochfahren nach Pláka, durch die Inselhauptdörfer bzw. scharf an ihnen vorbei.
Das ist im ersten Abschnitt eine ziemliche Kurverei, und auch wieder bei der Einfahrt in das oberste Dorf. Mein junger Taxler ist sehr nett, erzählt etwas von einem Wanderweg hinauf auf den Kástro–Felsen. Die Pláka ist fast ausgestorben. Das Leben spielt sich eher in Triovássalos ab, wo sich die meisten Geschäfte befinden und man eine ziemlich langweilige Durchgangsstraße entlangschlittert.
Am späteren Nachmittag bin ich fast der einzige Esser in der Taverne Archondoúla, eher einem Ouzerí, allerdings mit vielen Tischen draußen. Der Tintenfisch ist nicht schlecht, der Salat weniger gut (Fabriksauce?), die Frau des Hauses freundlich, die Kinder garantieren eine kleine private Unterhaltungsshow. Unten in Adámanda (so nennen die Taxilenker den Hafenort, „Adámas“ scheint ziemlich unüblich zu sein) ist dennoch viel mehr Leben ...
Doch hier oben und im benachbarten Tripití ist es halt so kykladenschön, während die östlichen Außenviertel von Adámanda fast eine Zumutung für das schönheitsverwöhnte Auge darstellen.
Wandere also ein wenig durch die hübschen alten Pláka–Gassen. Entdecke gleich das kleine Restaurant Díporto in einer Nebengasse, das wie aufgegeben wirkt, noch geschlossen und nicht gerüstet für die Saison. Erstaunlich die Café–Konditorei an der Ecke des Platzes, wo die Autos halten und wo es hineingeht ins Gassengewirr. Es ist ein Hallenlokal, erinnert fast ein wenig an Kafenía in Plomári und anderswo auf Lesbos.

Schönere Aus– und Rundblicke als etwa von der Terrasse der Panajía Korfiátissa aus (natürlich auch nicht zu verachten) genießt man zweifelsohne von noch weiter oben.
Es fällt mir nicht schwer, den Weg hinauf zum Kástro zu finden. Vor einem halb leer stehenden alten Haus mit Garten und Riesenbaum sitzt eine junge Frau – ob es die/eine Lehrerin ist?
Es geht Stufen hinauf. Bei einem blauen Haus, das verdächtig nach aufgekauft aussieht, what a view!, biegt der Weg nach links ab, kurz darauf wieder nach rechts, führt an einem Kirchlein vorüber. Gräser und kleine Stauden überwuchern allmählich den Stufenweg, doch man benötigt keine Machete, um durchzukommen. Schon hat man die Mauern des Kástro vor Augen. Als ich kurz durch einen Mauerdurchschlupf vom Weg ab auf eine Freifläche trete, erspähe ich wieder einmal ein mir ganz unbekanntes Echsen– oder (großes) Eidechsentier, eine Art, die ich noch nie zuvor gesehen habe.

Neben dem Gipfelkirchlein, auf der Rundum–Aussichtsterrasse. Mehr kann man sich eigentlich nicht wünschen – höchstens, dass man bald wiederkehren kann (– und ich sollte nach gut acht Tagen wiederkehren!). Schaut mal auf eine Mílos–Landkarte, und Ihr könnt Euch vorstellen, wie erhebend so eine Rundsicht sein kann. Die ganze weite Binnenbucht mit ihrer Umrandung, die höheren Gipfel, die Dörfer da unten, nahe und ferne Strände, die Ägäis nach Nord, West und Ost hin mit all den Inseln, ein einlaufendes Schiff – echt abgehoben, auf dem Kástro–Hügel! Da wird es in der Abenddämmerung zugehen, werden all die Sonnenuntergangsfreaks eintreffen. Man möchte die Flügel ausbreiten und sich in die Lüfte, in die Abgründe schwingen, so frei, so entrückt fühlt man sich hier oben.

Kaum bin ich wieder unten auf dem Platz mit dem Busendhalt angelangt, taucht auch schon ein Taxi auf, das ich herbeiwinke. Auf der Fahrt zum Hafenort wird es ein wenig politisch. Ich erfahre, dass man gegenseitig voneinander abhängig ist. Wenn wir keine Devisen mehr bringen, kaufen sie uns keine Mercedes mehr ab. Lustig: ich sehr fast nur mehr japanische oder südkoreanische Automodelle bei den Taxlern … Aber auch dieser Lenker meint es ernst, hat mit seinem Lebensunterhalt zu kämpfen. Fast täglich gingen nun die Preise im Lebensmittelladen hoch, meint er – wo führe das bloß noch hin.


Kleine Skizze von Adámanda (Adámas) aus der Sicht eines Spaziergängers

Ganz so gesichtslos, wie ich ihn in Erinnerung hatte, präsentiert sich der Haupthafen von Mílos gewiss nicht. Eine regelrechte Überraschung ist der alte Ortsteil in Hügellage über dem Anleger. Ganz oben die Kirche mit getrennt stehendem Kambanarió und einem dodekanesisch anmutenden Fußbodenmosaik im Freien. Klar ist dieser Altstadtkern bereits mit Nachtbars durchsetzt, von denen im Mai noch nichts zu hören ist.

Doch die Ortschaft ist in erster Linie geprägt durch ihre Hafenatmosphäre, garniert mit etlichen Jachten und Fischerbooten. An der Hafenfront ab der großen Mole, dem Hauptanleger, ostwärts eine Reihe von Cafés, Tavernen und Schiffsagenturen. In der wichtigsten Schiffsagentur läuft ständig marinetraffic.com auf einem Flachbildschirm, auf dem die aktuelle Position aller Fähren mit dem Namen jedes einzelnen Schiffes im weiteren Umkreis angezeigt wird, sodass sich jeder Reisewillige selbst ein Bild machen kann.
Zu meiner Reisezeit Anfang Mai sehe ich nur relativ wenige Fremde herumflanieren, als Zuschauer von den Kafenío–Sesseln aus fungieren eher die Einheimischen.

Gönnt man sich einen Nes oder einen Filterkaffee in einem der beiden direkt nebeneinander angesiedelten Kaffeehäuser westlich gegenüber dem Kiosk, sollte man sich nicht über eher hochpreisige Rechnungen wundern. 2 Euro 90 ist nicht wenig, finde ich, trotz des beigefügten Industrieplätzchens.
Die abendliche Vólta spielt sich natürlich ausschließlich auf der Hafenpromenade ab.
Man isst hier übrigens keineswegs schlechter als oben in der Pláka, diesbezüglichen Behauptungen sollte man nicht unbedingt Glauben schenken.

Weiter ostwärts passiert man erst einmal ein größeres Hotel, das wie im Umbau begriffen aussah, unten noch einmal zwei Cafés, gegenüber der große Kinderspielplatz. Anschließend wird es ziemlich eintönig, wenn nicht fad. Zwar zieren Tamarisken die schmalen Strandbereiche entlang der uferparallelen Hauptstraße, aber schön kann man das alles nicht mehr bezeichnen. Schön und sehr empfehlenswert ist lediglich noch eines der in einer kleinen Reihe von Gaststätten über dem Ufer platzierten Lokale. Im Mai war nur dieses eine Lokal richtig gut besucht, und genau dieses würde ich auch empfehlen. Wenn man Ortsansässige oder Taxifahrer fragt, bekommt man den Tipp auch.
Geht man in die andere Richtung spazieren, vom großen Anleger westwärts, versteckt sich zunächst ein winziges, inzwischen von Sträuchern überwuchertes öffentliches Thermalbadehaus in der Steilwand der Uferpromenade – alles dicht, vielleicht später im Jahr geöffnet?
Um eine leichte Kurve herum gelangt man zur ruhigen „Hotelzone“ (eine fast übertriebene Bezeichnung) am Westende der Ortschaft. Dort herrschte gähnende Leere, auch auf dem zugehörigen Strand.
Ein Stück weiter westlich geht man an einem alten, auf Land gesetzten Schiff vorüber, das in der Saison als Strandbar dient. Der Feldweg führt zu einem weiteren Strand, über dem ein kleiner umfriedeter französischer Soldatenfriedhof liegt.
Wenn man weiterwandert, kann man weglos zum nahen Leuchtturm auf dem Bombárdha–Kap hochsteigen, was ich auch getan habe, und den ein– und auslaufenden Schiffen zusehen. Ein sehr stiller, friedlicher Ort.

Zurück an der Platía beim wichtigsten Kiosk und mit dem Taxistandort. Hier ein Lebensmittelgeschäft, in einer Gasse dahinter noch ein kleineres mit zusätzlich Souvenirs. In einem Eckhaus der Bäcker– und Konditorladen mit nicht gerade zum Schwärmen verleitender Qualität – leider.
In nördliche Richtung die Ausfallstraße zu den Hügeldörfern, an ihrem Beginn noch einige Geschäfte und Banken. Vielleicht 300 m weiter draußen linker Hand ein Laden mit inseltypischen Produkten, darunter auch recht teurer Mílos–Wein. Dieser Laden steht allerdings zum Verkauf, wie das Schild verrät, er rentiert sich wohl nicht, in dieser Abseitslage.

Gleich hinter meiner Unterkunft eine ländliche Idylle. Tierlaute von allen Seiten, die den gelegentlichen Lärmpegel in einigem Abstand vorbeifahrender Autos vergessen lassen.
Gar nicht weit vom Thalassítra entfernt, bei der Telefonkabine rechtsab, nach 200 m wieder rechts, beginnt der kurvige Feldweg hinauf nach Tripití, den ich aus Zeitmangel nicht gehe, sondern nur etwa 500 m weit ausprobiere. Bin ja erst einmal nur 2 Tage da. Die Freunde von mir, die ich später auf Mílos treffen sollte, sind ihn aber gegangen und waren sehr angetan von der kleinen Wanderung.

Mein „Zimmerservice“ ist sehr aufmerksam. Die nette Balkanesin putzt wirklich täglich, macht das Bett, bringt, wenn sie Handtücher auf dem Boden vorfindet, auch gleich neue. Ich genieße die Größe meiner Bleibe, den hübschen Balkon zur Bucht hin, auch die Sitzmöglichkeit auf der Terrasse vor meiner Eingangstür, von der aus ich nicht nur den Hof unter mir und das Frühstücksgebäude gegenüber, sondern auch das Umland nach Nord, Nordwest und Ost hin überblicke, Felder und Gemüsebeete spotte, und kleine Außenhäuschen neben den landwirtschaftlichen Flächen, Ziegen, 1 Kuh, mal ein Pferd, und die Hundeschar (hinter einem Zaun) unweit nördlich kläffen höre, wenn wieder ein Bauer an ihr vorbeitrottet. Mílos ist im Mai insgesamt gesehen eine recht ruhige Insel.


Per Taxi nach Pollónia

Wenn schon kein Bus fährt, schau ich nicht lange aufs Geld und leiste mir ein Taxi. Nach Pollónia soll es gehen, und wir fahren untenherum, das heißt ostwärts an der Bucht entlang aus Adhámanda hinaus, nehmen dann die Abzweigung landeinwärts und gelangen so bald auf die von Pláka und Triovássalos herkommende Route in den Inselnordosten.

Wiederum hab ich einen jüngeren Fahrer, einen sehr gesprächigen dazu, und das kann nur von Vorteil sein. So erhalte ich Infos zu all den kleinen Buchten der Nordküste entlang unseres Weges, schließlich auch zu den Ausgrabungen von Filakopí.
Bei der Einfahrt in die Siedlung Pollónia empfiehlt er noch eine Taverne an unserer Zufahrtsstraße, also noch gut oberhalb der „Hafenmeile“. Nebenbei schlägt er ein Fotoalbum auf und sorgt schon mal vor für künftige Geschäfte. Es gebe da zu Füßen des höchsten Inselberges eine Stelle mit einem Wasserfall, zu dem er mich gerne einmal bringen würde. Wir fahren dann die ganze Tavernenzeile durch, der ortsbekannte Taxler grüßt nach allen Seiten aus dem Fenster und entlässt mich bei der kleinen Mole, wo die kleinere Autofähre Panagía Faneroménis aus Kímolos andockt. Ich solle mir unbedingt das Kirchlein gleich oben hinter der Mauer ansehen, und die Strände dahinter.

Gleich bin ich fasziniert von der neuen Umgebung, in der ich mich wiederfinde. Was für ein sagenhaftes Panorama!
Die schaukelnden bunten Fischerboote bilden nur den freundlichen Abschluss einer grandiosen Kulisse, die sich über den Horizont ausbreitet. Links gegenüber eine mit weißen Häusern bestellte Landzunge, an ihrem Ende eine markante Kapelle. Ein blaues, leicht gewelltes Meer, und so unglaublich nah das von Bergen und ihren hügeligen Ausläufern wogende Kímolos, die Nachbarinsel. Einige kleinere Inselfetzen, und dann gleich, nur etwas weiter östlich, das steiler, d.h. senkrecht hochragende, relativ große unbewohnte Políegos. Das alles zusammengenommen empfinde ich als eine echte Augenweide. So schön hätte ich mir diese Ecke nie im Leben vorgestellt. Sollte ich in kommenden Jahren wiederkommen, würde ich auf alle Fälle ein paar Tage in Pollónia verbringen, auch einmal hinüberspitzen nach Kímolo, dauert ja nur eine halbe Stunde mit dem lokalen Boot.

Wandere den ganzen Strandbogen hinter, südostwärts. Einige Franzosen vom „Tauchzentrum“ oben hinter dem Strand ziehen an einem Boot herum. Zwei Leute schwimmen im Meer.
Auf einem Fußpfad oberhalb des Strand–Endes erreiche ich bald weitere hübsche sandige Kleinbuchten, mache eine kurze Schattenrast in einem aufgelassenen Bootshaus und geh anschließend einen Feldweg weiter hoch und wieder landeinwärts. Doch auf ihm würde ich die markante rötliche Landzunge mit dem kleinen Bergkegel nicht erreichen, und es ist viel zu heiß, schon jetzt hochsommerlich, und das am 2. Mai. Und es sollte auch ganze zwei Wochen lang so bleiben.
So stapfe ich den Weg zurück, nehme wieder den Fußpfad gleich oberhalb der Sandstrände. Nur einige wenige Insider und Ortskundige aalen sich auf dem Sand und spüren den Frieden, der auf sie einwirkt. Ja, es müssen nicht unbedingt die fast schattenlosen Buchten an der Südküste sein, und nicht jeder mag vielleicht Schwefelgeruch beim Schwimmen, so toll es auch sein mag, all diese knallfarbigen Steilwände schwimmenderweise entlangzugleiten. Pollónia hat auch seine Reize – nicht gerade wenige!

Unterhalb der Kirche am scharfen Knick zu den Stränden angekommen, steige ich die Stufen hoch und gelange durch ein kleines eisernes Tor und einen schmalen Durchgangskanal auf die großzügig angelegte, mit einem niedrigen Mäuerchen umgebene weitläufige erhöhte Fläche, auf der das Kirchlein der Heiligen Paraskjeví thront. Es ist der ideale Aussichtsplatz für weniger Ambitionierte, für Leute, die nicht immer gleich den nächsten Hügel erklimmen wollen.

Was mich hier ganz besonders beeindruckt, ist das schmale Kriegerdenkmal, das auf der Kímolos–Seite der Hochterrasse aufgestellt ist.
Nirgends noch habe ich je eine derart humanistische und weltgewandte Inschrift wie diese hier entziffert. Sinngemäß:
„Dem Andenken an all jene gewidmet, die für die Freiheit aller ((nur erdenklichen)) Völker gestorben sind.“
Donnerwetter, möchte man da sagen. Wenn alle Leute hier so denken, dann müssen es gute sein!

Aber nun zu den leiblichen Genüssen.
Ich entscheide mich für die „alteingesessene Fischtaverne O Kapetán Nikólas“, weil ich die Typen am Familientisch in ihrer Mittagspause ganz nett und urig finde.
Aus dem recht breiten Angebot bestell ich die kleinen Fische, man verspricht mir eine große Portion, und ich denke an die gehäuften Teller mit frittierten Marídhes und dergleichen Überfluss. Nun will ich gar keine Maximalgrößen verspeisen, schon die üblichen Normalangebote bei den „Small Fish“ überfordern meinen Verdauungstrakt. Die Winzigkeit, die dann aber serviert wird, entspringt wohl dem Mitleid mit jenen Touristen, die sowieso immer mindestens die Hälfte ihres Essens stehen lassen (– es damit den Griechen gleichtun …). 12 – 15 derartig klein dimensionierte Meeresflitzer sind für mich Zappelfritzen aber denn doch zu wenig, Leute! Ihr hättet es wissen sollen.

Beim folgenden Dorfspaziergang dämmert mir, warum sich immer mehr Essensgäste bei einem anderen Fischlokal einfinden, das zuvor quasi leer stand. Es ist das gleich an der Straße nicht weit von dem Buswartehäuschen, Richtung dem anderen Badestrand situierte, dem westlichen mit den vielen Tamarisken. Dort scheint eine Gourmetküche beheimatet, nach den vielen griechischen Sonntagsgästen zu urteilen, die immer mehr werden. Ich sag’s ja: Man sollte immer wenigstens 2 – 3 Tage bleiben, dann erst beginnt man sich auszukennen.

Hinterschlendern ins Viertel Pelekoúda, der Landzunge mit den vielen Pensionen und Unterkünften. Eine Vermieterin unterhält sich entspannt mit ihren Gästen. Es gibt aber nicht sehr viele im Ort, im Juli–August mag es anders aussehen.
Mal sehen, wie ich zu Andreas’ Rooms komme, die möchte ich wenigstens von außen besichtigen.
Auf die Schilder ist Verlass, im rechten Winkel geht es den Hügel hoch, oben nach links. Aus dem Garten eines anderen Hauses ruft mir ein kleiner Junge zu, wohin ich denn ginge. Ich ginge spazieren und käme bald wieder, meine ich.
Die von mir gesuchte Unterkunft liegt tatsächlich wunderschön in Höhenlage – nur zehn bis fünfzehn Fußminuten von der Tavernenzeile am Hafen, je nach Gangart, und dennoch hoch über allem, und sogar ziemlich isoliert, also nicht eingeengt durch irgendwelche Nachbarn. Das wäre was für mich.
Vor dem Haus der Besitzer mit seiner deutschen Frau, sie beladen gerade ihren PKW. Ich möchte mich nicht aufdrängen, hab ja schon gesehen, dass es mir hier gefallen würde. Geh also weiter, auf dem Feldweg wieder hügelab hin zu einem Strand im Abseits, mit Blick auf eine steil aufragende Felswand und den Inselklumpen namens Kalójeros (Mönch). Auf dem Feld neben meinem Weg ein Landvermesser, man plant wohl neue Bauten. Steige den Wall zum Strand hin hoch, blicke auf eine wenig attraktive Steinfläche vor dem Wasser. Nichts zum Baden, auf dieser Westseite. Noch einmal geht es an den beiden Vermietern vorbei. 150 m weiter fährt die junge Mama mit dem kleinen Jungen, der mir wieder zuruft und zuwinkt, und dem ich zurückrufe: Siehst Du, hier bin ich wieder!, im Auto aus ihrem Grundstück heraus – so schließt sich der Kreis.

Auf der Strandstraße angekommen, wende ich mich nach Nord, Richtung Spitze der Landzunge. Unglaublich viele, teils prächtige, verschwenderisch blumengeschmückte Unterkünfte böten sich hier an. Ganz vorne, gegenüber dem Kirchlein des Heiligen Nikólaos, eine Art Gemeindezentrum in einem Garten. Gleich geht es rauf auf eine ausgedehnte Klippenlandschaft. Ich passiere den Leuchtturm. Wieder eine Überraschung: dieser Steilabfall von vielleicht 15 Metern, diese irren Felsplatten zum Meer hin, eine richtige, sanft abgeflachte Felsbadeküste da unten, natürlich nur an bestimmten Stellen badegeeignet. Weiter vorne führen Stufen hinunter.
Und oben, in einem Abstand von 50 bis 100 Metern, wieder viele Unterkünfte, an denen noch poliert wird für die beginnende Saison.

Ich kehre zurück zur Tavernenzeile. An ihrem westlichen Beginn eine unscheinbare Bäckerei–Konditorei mit bescheidenem Café. Einige Tische stehen sogar jenseits der Straße über dem Meer. Da lasse ich mich nieder. Mein doppelter griechischer Kaffee kostet nur 1 Euro 50, inklusive einem Kuchenstück (!). Das lasse ich mir gefallen – was für ein Gegensatz zur Hafenfront von Adhámanda!
Als ein Taxi auftaucht, bitte ich den Fahrer, sich noch einige Minuten zu gedulden.

Auf der Rückfahrt stellt sich heraus, dass der Mercedes–Fahrer einen kretischen Namen hat und auch aus Kreta stammt. Er lebt jedoch schon länger auf Mílos. Von ihm erfahre ich, dass auch Wandergruppen hierher kämen, zum Beispiel Wikinger Reisen. Man wandere beispielsweise die nördlichen Strände ab.
Na ja, denke ich mir: Die eigentliche Wanderinsel ist doch Sífnos. Aber Mílos bietet vor allem in seiner Westhälfte noch vieles zum Entdecken, auch zu Fuß, keine Frage. Und einen kleinen Teil davon sollte ich auf dieser Reise auch noch kennenlernen. Doch das konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht so richtig erahnen – dass ich noch einmal nach Mílos zurückkommen würde.

Copyright puchheim = MartinPUC, Juni 2010

Sífnos – eine ganze Woche



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