Von Mírtos nach Móchlos
(am 23. Oktober 2006)

Copyright puchheim = MartinPUC, November 2006


In einer jener lauen Sommernächte möchte ich einmal in Mírtos sein! Nie schaffe ich es, denn ich liebe mehr die Sommer–NACHT, nicht so sehr den Sommer–TAG in südlichen Gefilden. Dabei vergesse ich allzu schnell, wie sehr der Meltémi oft für Kühlung sorgt, sodass einem ein heißer Juli– oder Augusttag gar nicht so backofenheiß vorkommt, denn etwas Wind aus der Ägäis gelangt selbst an die kretische Südküste – wenn nicht überall, so doch an vielen Stellen.
Da sein, wenn alle, die nicht, sämtliche Hautkrebswarnungen beachtend, eben noch in der Sonne brutzelten, ihren Nachmittagsschlaf herausgähnen, sich recken und strecken und allmählich aus ihren Zimmern runterstolpern in die abendlichen Gassen. Dann nimmt man erst einen Aperitif, auf den ägäischen Inseln wäre das ein köstlicher Ouzáki mit etwas gegrilltem Chthapódhi (Oktopus), teuer bezahlt; auf Kreta ist es ein Rakí (ohne chemische Zusatzstoffe, also ganz rein: καθαρό, sagen sie alle!) plus ein Tellerchen mit winzigen Oliven, etwas Gurke und Tomate oder nur Erdnüssen und dergleichen. In einer bestimmten Kneipe im Hafen von Chaniá wäre es reichhaltigere Kost zum Getränk: etwas Wurst, ein Fischchen, ein Stück Käse zusätzlich zu Oliven, Gurke, Tomate, ein paar Zahnstocher (in der Wurst, im Käse, im Fischchen, auf einer Gurken– oder Tomatenschnitte) und etwas Paximádhi (Zwieback, Greek style). Aber dafür zahlt man jetzt nicht selten schon extra, für so reichhaltige Mezé.

Es kann noch lange dauern, aber irgendwann ist die blaue Stunde da, in der sich der ganze Zauber eines südlichen Sommerabends entfaltet, man schreibt das im spätherbstlichen, winterkalten Mitteleuropa einfach so, aber wenn man sich in die Situation vor Ort versetzt, ist man doch überwältigt, und so richtig unbeschreiblich schön ist es einzig und allein live, eben im Urlaub.
Eine sanfte Brise vom Meer her streichelt die Haut, die etwas fleischig wirkenden, großen, dunkelgrünen Maulbeerblätter der Dorfalleebäume glänzen unter der Straßenbeleuchtung, an jedem Kiosk schaut besonders viel Kundschaft vorbei, die Wirte schüren den Grill vor dem Haus, in den großen Städten beginnt die Vólta, der ritualisierte Spaziergang, zusammen mit dem Autokorso, in Mírtos fangen die Kinder wieder an auf den Straßen herumzutoben, die Katzen jagen sich oder das kleine Hündchen, verstehen sich nicht selten auch mit dem Erzfeind. Touristinnen gschafteln durch die Gassen, solche ohne Handy hängen an den beiden innerörtlichen Telefonzellen herum: Auslandsgespräch, die Griechen würden das erst viel später tun, nach zehn, gäbe es nicht die Sondertarife und extrabillige Telefontarife auch von öffentlichen Fernsprechern aus, mit den Karten privater Telefongesellschaften. Jeder Kioskbesitzer kann Auskunft geben.
Am Strand hätte sich wieder die Yogagruppe niedergelassen, diesmal östlich der Taverne "Aktí", wo ich, meinen Retsína schlürfend, den Blick übers Meer schweifen lasse, nach West hin zum Sonnenuntergang, der aufkommende Wind kühlt, manche ziehen sich an, ein Österreicher lässt seine Daheimgebliebenen im Brustton der Überzeugung wissen, er halte es hier bei noch fünfundzwanzig Grad Abendtemperatur praktisch nicht aus, aber Wahnsinn, er hier, sie dort in der Kälte.

Es ist nun aber gegen Ende Oktober, dennoch sommerlich, trotz aller Unkenrufe im deutschsprachigen Internet, all das oben Gesagte ereignet sich, mit Ausnahme der Höchsttemperaturen, des Meltémi und des späten Sonnenuntergangs, nein der findet nun kurz nach sieben statt, nicht erst um zehn. Damals, in den frühen Achtzigerjahren, als die Sommerzeit noch Ende September endete, versank der rote Feuerball eine Stunde eher im Meer oder hinter einem fernen Kap. Deshalb meine Samos–Erinnerungen: um sechs Uhr abends stockdunkle Nacht, Ende Oktober.

Es ist schon amüsant, als Unbeteiligter so einer Yoga–Gruppe zuzusehen, die da unweit links von einem ihre unglaublich lange Übungsstunde auf den oktobermüden Badekieseln des östlichen Strandbereichs von Mírtos abexerziert. Vormittags am West–, abends am Oststrand.
Erst zwei Frauen, die noch ein Sonnenbad nahmen, auf dem Strand eingeschlafen sind, der Wind spielt mit ihrem leichten Gewand, ihren Haaren. Sie werden später Teil der Gruppe; mit wärmerer Kleidung übergestreift, funktionieren perfekt – wie zu Hause im Büro.
Einer hat das Kommando.
Die Tanzgruppen – kretischer Volkstanz – späte Achtziger–, frühe Neunzigerjahre, waren ja noch ganz zivil, man bildete einen Kreis, es kam auf die Schrittfolge an, am Ende fühlte man sich den Kretern näher, hatte etwas Kretisches dazugelernt, war dem Land sozusagen entgegengekommen, die Dörfler freuten sich.
Nun aber ereignen sich aberwitzige Körperstellungen, tritt einem der Kommandierende sanft ins Kreuz, wenn man nicht gleich die richtige Linie gefunden hat, den korrekt durchgedrückten Rücken. Es sieht aus wie die Triumphpose eines römischer Gladiators, aber der Yoga–Betreuer macht es doch eher schüchtern, man sieht ihm an, dass er es wenigstens bei ein paar Leuten machen MUSS, um nach 40 Minuten haltungsmäßigen Extremtrainings den Eindruck von Omnipräsenz zu erwecken, dabei lag er selber Sekunden zuvor noch gekrümmt auf dem Bauch und streckte die Beine hoch, ad maiorem Dei gloriam (zur besonderen Ehre des sich zurückziehenden Sonnengottes), oder nur der Atemtechnik wegen? Man spürt bestimmt die Kieselsteine unter der Schaumstoffrolle!
Ein Teilnehmer ist bereits unkonzentriert, wirft seit längerem Seitenblicke, schlechtes Zeichen!

Als es vorüber ist, frage ich eine an mir vorbeiziehende Ausgeübte gleich auf Deutsch, um welche Art Yoga es sich handele. "Weiß nicht.", ist die kurze Antwort. Aber ganz billig war's wohl nicht.
Mein Hatha–VHS–Yoga damals: interessant! Es wurde einem schwindelig, wenn man schnell Luft einsog, mehrmals hintereinander. Eine Droge, geradezu. Ich hab also nichts gegen Yoga, wirklich, das wäre doch zu billig, nichts gegen Körpererfahrung. Für den Zuschauer ist die halt manchmal unschlagbar komisch.

Das Chthapódhi–stifádho, der Oktopuseintopf in Rotweinsauce, schmeckt mir sehr gut, obwohl fast jeder Fisch hier aus der Gefriertruhe kommt (Sternchen oder Fußnote auf der Speisekarte), mit Ausnahme der "Gópes". Tags darauf sollte mir ein grausames Rindfleisch–Dosengemüse–Tontopfgericht serviert werden, mit Erbsen–Karotten–Gemüse, wie früher bei uns im "Nudelsalat", hier am Ufer; dieser Eintopf schmeckte echt fürchterlich. Möglicherweise war sogar noch das Rindfleisch aus der Dose. Meines bescheidenen Erachtens war der sagenumwobene Lidl, Filiale Ierápetra, beteiligt an diesem Gericht, eher einem Verdikt. Ist eben bald zu Ende mit der Saison, da hat man nicht mehr alles auf Lager, in bestimmten Tavernen. Anderswo auf Kreta und in GR hab ich Derartiges aber noch nie erlebt.
Einmal muss man ja wieder was ausprobieren, aber in der Taverne des "Hotel Mirtos" wäre so etwas nicht passiert; man hätte sich höchstens über die bescheidenen Portionen geärgert, aber die sind eben auf die Überflussmenschen zugemessen, die eher abspecken als zunehmen müssen. Doch an 25 Euro für mich alleine pro Nacht muss ich mich, ehrlich gesagt, auch noch gewöhnen, hab ich in der Sfakiá im Mai doch für nur 15 Euro gewohnt (nicht in Chóra Sfakíon oder Loutró!!!), ohne Fernseher im Zimmer, zugegeben, den hab ich hier aber nie eingeschaltet. Frühstück in Mirtos kostet übrigens extra.
Das kann aber unsere Engländer nicht erschüttern, diese Hochpreisnation, für sie ist es ein Spottpreis, und die preisbewussten Holländer wohnen eh billiger, kommen meist nur zum Essen und Draußensitzen zum "Hotel".
Man muss es halt ab und zu wieder gesehen haben, die nächsten Male ist man anderswo. Denn leicht erschüttert ist man allemal.

Erschütterndes gäbe es auch über abendliche Gespräche zu berichten, Ernüchterndes über die deutsche Wirtschaftsrealität, die allmächtige, stetig weiter um sich greifende Mafia in unserem Heimatland, aber das lasse ich lieber, denn es macht echt Angst.

Ich steh lieber früh auf, freu mich über den Blick vom Balkon Richtung Meeresnacht, die frische Morgenluft, das Dunkel ist noch keineswegs verflogen. Im Kafenío gegenüber der Taverne "Katerina" ist schon Leben um halb sieben, ein Alter und die junge Stellvertreterin der Wirtin halten die Stellung; sie sagt mir, der Bus komme später als ich glaube, erst so gegen halb acht. Trotzdem pilgere ich raus zum Dorfrand, zum Bus–Wartehäuschen, bei dem sich nach und nach mehr Dorfbewohner und Schüler(innen) einfinden.

Um sieben zieht unser Bus in die Gegenrichtung vorbei, fährt erst an die Provinzgrenze, erfahre ich. Hahahaaa! 7 Uhr ab Mírtos: eine Vorstellung, die nichts mit der Realität zu tun hat, wenigstens mit der Ierápetra–wärtigen. Gut 25 min später trifft der hochmoderne Transporter, halb gefüllt mit Schulkindern und alten Dörflerinnen, wieder in Mírtos ein.
Ganz bedrückt trauere ich der großen Stadt entgegen, denn ich bin dem Leid der hinter mir sitzenden alten Griechin ausgesetzt; schluchzend erzählt sie ihrer gleichaltrigen Bekannten vom Schicksal ihres Mannes, der offenbar verstorben ist, was solle jetzt aus ihr werden, man ist betroffen. Die Schulkinder juckt das gar nicht.

An den Straßenrändern zu beiden Seiten unserer Route die aufgereihten Osteuropäer(innen), die Tagelöhner, die man zunächst für Pendler hält, die auf den Bus warten. Nein, sie lassen jeden Bus vorbeifahren, hoffen vielmehr, meist vergebens, auf einen Bauern, der sie für einen Tag abholt, zufällig gerade sie auswählt, auf seinen Pick–up springen lässt, zu seinen Treibhäusern kutschiert, wo sie sich für einen Hungerlohn einen abschwitzen. Jeden frühen Morgen dasselbe Spektakel, bis nach Ierápetra hinein, bis an die große Kurve beim Supermarkt, dort, wo viele aus dem Bus steigen, die in die Innenstadt wollen.

Nicht weit hinter der großen Kurve steigen die allermeisten Schüler aus, strömen zu ihrem Schulzentrum in einem westlichen Außenviertel der Stadt. Vorbei am Krankenhaus kürzt der Busfahrer Richtung dem nahen Busbahnhof ab.

Wenigstens diesmal hab ich Zeit für ein kleines Frühstück am Tisch inmitten Wartender und von älteren Zuschauern im heimeligen Bus–Kafenío. Der Stationsvorsteher ist immer dann gefordert, wenn Busse ankommen oder kurz vor der Abfahrt stehen, denn dann muss er auch noch auf das bei ihm aufgegebene Gepäck schauen, oft eigenhändig mit zugreifen, während die Schlange am Fahrkartenschalter länger wird. Da zwischen acht und halb neun besonders viele Busse starten, ist der Stress außergewöhnlich hoch. Am Ende ist dann Funkkontakt zwischen der Ticketbude und dem abfahrbereiten Busfahrer nötig, wenn jemand gerade noch mitkommen muss.

Ich genieße die kurze Fahrt, diesmal andersherum, nordwärts, durch die hübsche Wespentaille Kretas mit ihrer besonders auf der Ostseite imposanten Bergumrandung.
Schon sind wir in Pachiá Ámmos, aussteigen! Der Anschluss klappt perfekt, diesen Montagmorgen, fünf Minuten später sitze ich bereits im Fernbus aus Iráklio nach Sitía.

Fast unnötig zu sagen: eine Traumstrecke, wieder einmal. Herrlich die Annäherung an die Berge, zum Dorf Kavoússi, links ein kleinerer, vor uns ein mächtigerer Bergkegel, der sich abhebt vom restlichen Gebirge, den "Bergen von Sitía".

Kavoús(s)i, ein kleines, hübsches Dorf, der Großteil seiner weißen Häuser und die Kirche bergwärts auf einem Hügel über der Straße, ein Hinweisschild auf eine Unterkunft, Durchblick zur Stichstraße runter zum Thólos–Strand, die Taverne, schon sind wir durch und ich dreh mich noch einmal um nach dem netten, noch vergleichsweise niedrig liegenden Ort, der auch aus der Distanz gefällt.
Erinnerungen kommen auf an eine Wanderung aus der Dorfmitte heraus, auf dem recht steilen Pfad hinauf nach Thriptí, inmitten von Frühlingsgewächsen, der Golf unter uns leicht verschleiert, aber von außerordentlicher Schönheit.

Die Route führt nun ständig an Bergflanken entlang, auf der anderen Seite wird die Aussicht auf den Mirabélou–Golf immer schöner, erreicht ihren Höhepunkt in Plátanos, wo man sich in zwei Lokalitäten am Straßenrand stärken kann, vielleicht kurz in das Kirchlein schaut, vorher und anschließend bestimmt die Kamera zückt, für eine Panoramaaufnahme.

Gleich wird der große Tagebau (Kalk, Gips?) sichtbar, bei dem schon das erste Teersträßchen nach Móchlos abbiegt, hinunter an die Küste. In weit geschwungenen Kurven windet sich die Hauptstraße mühsam ostwärts, mit vielen Umwegen in alle möglichen Himmelsrichtungen.

Wir kurven nach Süd, umfahren das große Tal, über dem Lástros angesiedelt ist, auf einem talwärts vorspringenden Hügelrücken thront es im Schatten es auf drei Seiten umgebender Berge. Ein großes "U" wird ausgefahren.

Dann biegen wir nach Ost ein, gelangen bald nach Sfáka, einem weiteren hübschen Dorf, dessen Großteil bergwärts angesiedelt ist, unten an der Durchgangsstraße nur zwei Kafenía und ein kurzes Stück Bebauung, beiderseits des Asphalts. Sfáka, mein vorläufiges Ziel. Ein Bushäuschen, eine Seitenstraße mit Geschäften, eine weitere, schmalere nach Nord hinaus, Richtung Móchlos.

Ich halte mich nicht lange hier auf, biege nordwärts ab. Es ist noch so früh am Morgen, dass ich glaube, mir nicht die Mühe machen zu müssen, die komplizierte Streckenführung des Wanderpfades hinunter durch Oliven und Bachtäler aufzuspüren, ich hoffe insgeheim auf eine Mitfahrgelegenheit.
Doch nach wenigen Schritten überkommt mich das bekannte Gefühl, hier weitergehen zu WOLLEN, wenigstens für eine längere Weile. Denn ich finde mich in einem ausgesprochenen Paradies wieder.
Als ich die große Baustoff– und Steinhandlung hinter mir gelassen habe, das grüne Dorfende erreicht, komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus: Grün, Grün, Grün, nichts als Olivenbäume und andere Arten, Sträucher, eine herrliche Bergkulisse, ein großartiger Rückblick auf Sfáka, Weiß in Grün gegen die Berge, die rote Kirchenkuppel dort oben, wie aus dem Bilderbuch, eine Stille, wie man sie sich nur wünschen kann, angenehmste Temperaturen, morgendlicher Schatten, ein bisschen Hundegebell von abgelegenen Bauernhäusern und das Gefühl, sich einfach wohl zu fühlen, ohne besonderes Zutun, in einem Landstrich wie diesem, auf meinem schmalen Sträßchen ganz ohne Verkehr.
Eine derartige Üppigkeit tut gut, ist echter Balsam für einen, der bereits den vierten Tag in der "Schuttgesteinslandschaft" von Mírtos sein Domizil genommen hat. Die Naturfarbe Grün, wie nötig sie gelegentlich ist für unsere Psyche! (Obwohl ich doch auch karge Gegenden, Inseln so mag.)
Wie froh ich bin, kein Taxi genommen zu haben wie letztes Mal, vor Jahren, von Sfáka aus, übrigens auf derselben Ausflugstour von Mírtos her. Um diese Stunde ist es zu Fuß unübertrefflich, und ich hab es richtig gemacht.

Feldwege zweigen ab, es wird kurviger, ein erster Wagen taucht von unten her auf. Linker Hand eine hübsche Kapelle direkt an meiner Straße. Bald trete ich ein ins Reich der Morgensonne. Ostwärts rückt der Nachbarort Tourlotí in mein Blickfeld, schon weit oben in Aussichtslage, einige Kilometer entfernt. Noch weiter hinten erscheint das Dorf Mirsíni oben auf halber Höhe. Nachdem ich eine weitere Kapelle, etwas rechtsab, passiert habe und mir westlich aus erstaunlicher Ferne Móchlos mit vorgelagtertem Inselwinzling entgegenprangt, wünsche ich mir doch ein Auto, das meine Tour beschleunigen würde. Kurz darauf werde ich erhört, denn das zweite Agrotikó von oben, von Sfáka her, erbarmt sich meiner, das alte Paar hält unaufgefordert an, und ich weiß, was ich zu tun habe: rauf auf die Ladefläche!

Von nun an geht es schnell. Engere Kurven. Noch eine Kapelle, rechts am Straßenrand. Unten dreht die Straße westwärts.
Wir nähern uns der Streusiedlung um den ehemaligen Club Méditerranée. Die ersten Unterkünfte, Apartmenthäuser, einzeln stehende Häuschen einer größeren Anlage, aber durchaus noch klein, sehr menschlich dimensioniert. Eine winzige Schlucht wird kurz durchquert. Später links eine Taverne, vor der Minischlucht schon lag rechts ein geschlossenes Kafenío, wir braus(t)en vorbei. Wein wird hier unten angebaut, gar nicht wenig.

Die paar Kilometer bis zum Zielort ziehen sich, die Gegend wirkt nicht gerade sehr belebt. Wo nur sind die Touristen?

Bestimmt noch im Bett, räume ich ein. Als ich absteige, hat mich das nette alte Ehepaar im roten Pick–up bis vor den Ortseingang von Móchlos gefahren, sie kehren wieder um, hätten gar nicht so weit fahren müssen. Philoxenía, Gastfreundschaft, im besten Sinn, denke ich, als ich von der Verzweigung der oben um den Ort herumführenden, total unbelebten "Umgehungs–" hinunter zur ebenso verlassenen Uferstraße trotte, vorbei an einem geparkten öffentlichen Kleinbus, wohl für die Schulkinder.

Móchlos Im letzten Oktoberdrittel. Nichts für Melancholiker! Denn die würden ganz schön bestärkt in ihrer Grundhaltung. An einem Haus klopfen (nachsaisonal, bereits wieder) die Albaner herum, die Bauarbeiter.
Ich bitte alle Leser, mich nicht für einen Masochisten zu halten, komme ich doch häufig spät im Jahr oder ziemlich früh an Orte, die dann einen verlassenen Eindruck machen, kurz zuvor noch recht belebt waren bzw. vier Wochen später schon ganz respektabel touristisch durchsetzt wären. Das nehme ich eben in Kauf, bevor ich die Massen ertragen muss. Dabei bin ich, wie es scheint, hier in Móchlos nur eine einzige Woche zu spät gekommen, um wenigstens einen geschätzten, wenn auch noch persönlich unbekannten Münchner Peter anzutreffen, zusammen mit einem anderen Peter, dem aus OÖ mit lieber weiblicher Begleitung.

Am lebhaftesten ist es diesen Vormittag noch vor dem Café (das eigentlich schon geschlossen hat) gleich beim Ortsanfang, unweit des (zugesperrten) Büros der deutschen Frau, die hier das meiste organisieren kann, inklusive Mietfahrzeuge. Dort hat sich eine "Blase" jüngerer Einheimischer auf einen Schwatz versammelt, mustert mich beiläufig.
Fast scheue ich mich weiterzuschreiben. Denn ich verletze bestimmt die Gefühle aller Móchlos–Fans, wenn ich so unbeteiligt fortfahre.

Hab ja guten Willen gezeigt, Optimismus, Leute auf Balkonen zu sichten erwartet, die sich den Schlaf aus ihren Augen reiben – aber leider nichts, rien de rien, niente, nada, τίποτα! Keine Handtücher, keine trocknenden Badesachen, keine Wäsche auf Balkongeländern, die eine Belegung durch Touristen verrieten. Keine abgestellten Autos mit großen Werbetexten für Autovermieter auf beiden Vordertüren, oder auch nur einer klitzekleinen Plakette irgendwo am Heck. Unglaublich, aber nichts. Da muss sich Χαράλαμπος Γαργανουράκης schon ins Zeug legen, um wenigstens im Nachhinein für Stimmung zu sorgen, beim Eintippen zu Hause am Notebook!

Als ich bei nächster Gelegenheit ein paar Schritte hochgehe in eine Parallelgasse zum Ufer, recken zwei Männer weiter hinten in einer senkrecht auf meine mündenden Seitengasse die Hälse, einer meint laut: "Schau mal, ein Touri!", dann entwirren sie weiter irgendwelche Netze oder Ähnliches. Eine Stimmung wie an einem Ende Italiens, am Beginn des istrischen Teils von Slowenien z. B., noch zu Zeiten des "eigenständigen jugoslawischen Wegs" im Kommunismus, dem Grenzübergang außerhalb von Muggia, wirkt wie ganz weit weg, möglicherweise irgendwo in Mexiko, in der Mittagssonne dösende Zöllner, SEHR ländlich.

Nein, nicht "ländlich", das wäre gelogen. Móchlos sieht man immer noch etwas Weltmännisches an, eben NICHT Ländliches, seine Offenheit Fremden gegenüber. Die sind inzwischen einfach nur abgereist, das ist es, δυστυχώς, che peccato. Als ich das letzte Mal hier vorbeikam, waren, auch im Herbst, Unmengen englischzüngiger junger Archäologen und –loginnen anwesend, die Grabungen auf der kleinen Insel gegenüber tätigten. Da war noch Leben in der Bude!

Heute ist einzig öffentliches Leben in der Tatsache, dass zwei Minimärkte geöffnet haben, und zwei Tavernen. Die von "Sophía" ist mittags zu. In einem der Minimärkte kauf ich mir ein Wasser, warte, bis die Wirtin der Taverne ohne Gäste auf der anderen Straßenseite herübergekommen ist, zu ihrem Lebensmittelgeschäft, nachdem sie mich erspäht hat.

Kurz zuvor bin ich westwärts ein wenig rausgewandert, auf einer Erdpiste auf die westliche Nachbarbucht zu, die wie eine Baustelle wirkte, und nicht so schön, vor der hohen Erdwand eines steilen Kaps. Eine ziemlich desolate Szenerie ist es. Von dem Baum bei dem Plätzchen vor der letzten westlichen Taverne von Móchlos aus hatte ich noch erstaunliche Ausblicke auf den Nordteil des Mirabélou–Golfes, die große Spinalónga–Insel im Visier.
Vorher stand ich beim Haus eines Franzosen, der sich da hinten träge bemerkbar machte, in der fast schon mittäglichen Vormittagsfrühe.
Time for a pee through a roadside fence, nothing else happening. Alles so lähmend still. Eine weitere schuttartige Gegend, gegen West.

Nun bin ich echt demotiviert, hab nicht mal Lust auf ein Mittagessen. Im Nachhinein erfahre ich von Peter aus Linz, wie gut man im Restaurant "Ta Kochýlia" (die Muscheln, Muschelschalen) essen kann, es ist die vorletzte an dem "Spitz", der zur Insel hinüberragt; dort waren auch ein paar Leute zusammengesessen, eher Griechen als Ausländer.

Ein Mietwagen mit zwei älteren Leuten trifft ein. Kleiner Ortsbummel; 10 min später ist das Paar wieder im Auto, fährt ab. War ihnen auch zu entvölkert, hier.

Zwei Leute haben sich ins Wasser gegenüber der kleinen, sehr nahen Insel mit ihren minoischen Mauerfundamenten gewagt, genießen ihr Bad, schwimmen ohne Anzeichen von Frösteln.

Noch eine Runde drehe ich durchs Dorf, dann verlasse ich es Richtung Ost. Beinahe wäre ich ja mit vollem Gepäck gekommen, um hierher umzusiedeln. Nun bin ich doch froh, dass ich es nicht in die Tat umgesetzt habe, denn einfach zu viel hat schon geschlossen, zu allein würde ich mich fühlen.
Aber zöge ich einmal hierher, würde ich den Jánni Alexandrídhi kennenlernen wollen, den Wanderführer mit seinen recht verlockenden Routenzusammenstellungen, wie ich sie aus dem Internet kenne.

Vorbei an einem Ausgrabungsgelände mit Erklärtafel und den "ausgewaschenen Felsbuchten", wie es Fohrer treffend formuliert, geht es nun in immer größerem Abstand zum Meer auf der Asphaltstraße zurück. Das Weitergehen wirkt befreiend, die beklemmende Stimmung verfliegt, in einem schönen, nicht einengenden Küstenstreifen.

Etwas wegversetzt von der Straße eine leicht knallig rot bemalte Gartenpension, ein Gästepaar schaut immerhin herunter vom Balkon. Meerwärts, aus einer anderen Unterkunft heraus, geht ein Tourist seine Abfälle entsorgen. Woanders wird ein Grundstück besichtigt. Also doch ein paar Leute, außerhalb.

Ganz dicht an die Straße gebaut ein niedriges Einheimischenhaus, plötzlich erscheint eine nicht mehr so junge Frau und spricht Französisch ins Zimmer hinein.
Eindrücke ansammeln, aufnehmen.
Irgendwann geh ich an einem Grundstück mit sich länger hinterziehendem Haus vorbei, vor dem der rote Pick–up geparkt ist, mit dem ich die halbe Strecke runtergefahren wurde.

Hügel, eine relativ stark gegliederte Landschaft vor den höheren Bergen. Vor mir im Osten diese tolle senkrechte Felswand über dem Meer, die auf so vielen Fotos dieser Gegend prangt. Kein Zweifel, es wäre hier gut auszuhalten, wenn man sich einmal durchgerungen hat, ins Abseits herunterzuziehen. Das Abseits schützt auch ein wenig vor allzu großer Erschließung. Na , die Strände sind anderswo natürlich besser. Ist halt etwas ganz Eigenes, Móchlos. Man muss ihm eine Chance geben, von einer Stunde Aufenthalt lassen sich nicht viele Schlüsse ziehen. Man müsste wenigstens abends noch einmal vorbeikommen, wenn alle Ausflügler zurückgekehrt wären.

Nun passiere ich die Kurve, wo es weiterginge ins östliche Hinterland; ich wende mich aber bergwärts, stapfe munter den Asphalt hoch. Ein paar PKWs überholen mich nun schon, aber keiner mehr nimmt mich mit. So geht man eben zeitlos weiter, genießt es irgendwie, Zeit ist noch genug.

An einer Aussichtskurve ebnet ein Raupenfahrzeug Land ein, ein Paar stoppt an der nächsten Kapelle, nur die Frau steigt aus für ein Foto. Dann fahren sie wieder unbeteiligt an mir vorüber.
Den letzten Blick auf Móchlos werfen, in den Oliven eintauchen, an Radprofis denken, die sich das gewiss nicht selten antun, den ganzen Weg bergauf, und zwei Münchner sind meines Wissens auch darunter.

Nun fühle ich mich wieder ganz glücklich und zufrieden, im Baumland, und als die Kuppe vor dem Dorf Sfáka erreicht ist, stehe ich erneut staunend da: all das herrliche Grün, das die Besserwisser dem kretischen Osten generell absprechen, und eine umwerfend schöne Bergumrandung, besonders hübsch der hohe Kegel im SW und der mehrgipflige Bergzug rechts davon, im W.
Gleich am Ortsanfang schneidet ein alter Mann ganz gelassen Zweige von einem Straßenbaum, wohl als Blattfutter für seine Tiere. Ruhe liegt über dem Dorf. Eine solche Beschaulichkeit würde ich mir bei uns zu Hause wünschen, geht halt leider nicht, wir müssen schaffen fürs BIP und BSP! Trotzdem, tut gut, so eine Dorfatmosphäre weg von der Durchgangsstraße mitzuerleben.

Bei einer Taverne dicht unterhalb der Hauptstraße, in der schon einige Familienmitglieder herumstehen, gelange ich allmählich wieder in den etwas geschäftigeren Ortsteil, den in der Mitte, an der Straße nach Sitía, die um Mittag herum auch nur sehr spärlich befahren ist.
Ich wende mich nach links und gehe auf die beiden gegenüberliegenden Kafenía zu. Von dem nördlichen, sonnenbeschienenen her fuchtelt und winkt mir schon die an sich recht nette Besitzerin entgegen – macht sie bei jedem Ankömmling. Ich winke und lächle zurück, nehme heute aber erstmals bei der Konkurrenz auf der Schattenseite Platz, wo mich ein paar Alte empfangen, die freundliche Wirtin ist schon in die Jahre gekommen. Bald taucht auch mein "Zweigeschneider" vom Ortseingang auf, er scheint der Ehemann von Kalliópi, der Wirtin hier, zu sein.

Der Bus, so erfahre ich, komme entweder in 5 min, oder, wenn er schon durch sei, in einer guten Stunde. Ich entscheide mich gleich für den in 1 Stunde, denn ich will mich etwas ausruhen und etwas vom Ortstypischen kosten, zumal ich die anderen Gäste leckere Mezédhes essen sehe.
Ich krieg dann auch bald meine Oliven, selbstgemachten Käse, Paximádhia und ein großes Glas Weißwein Marke Eigenbau, den ich so köstlich finde, dass ich gerne davon nachbestelle, auch vom guten Wasser aus der Leitung, worauf gleich dieselbe Essensportion und später noch Selbstgebackenes dazugereicht wird.
Drüben in der anderen Lokalität treffen zwei Touristenpaare ein, eines von ihnen Griechen; die dortige Wirtin bemüht sich sehr um alle, holt Orangen und dergleichen. Die Wirtinnen hüben wie drüben verstehen sich übrigens gut untereinander, man hält trotz der scheinbaren Konkurrenz zusammen, als Dörfler. Hier lässt es sich auch gut aushalten, ich sollte einmal nach einem Zimmer fragen, denke ich; denn gerade solche Dörfer wären es, die mich ins Herz Kretas brächten, nicht unbedingt meine Touriorte am Meer. Aber wo ich doch so gerne am Meer bin, meinen Bronchien Gutes zu tun, und eben gerade wegen diesem Meer, dem mir rätselhaften, ungewohnten! Nur: hier weht doch ÜBERALL eine gesunde Meeresbrise, anders als in Mitteleuropa, hier ist das Meer immer nur ein paar Kilometer entfernt, nicht Hunderte von Kilometern.

In den Bus steige ich nicht, ohne mir vorher noch eine 0,5–l–Plastikflasche des leckeren Rebensaftes aus Sfáka gesichert zu haben, den ich gerne und für wenig Geld mitbekomme.
Schön war's, nicht nur wegen des guten Tröpfchens.

Auf der Rückfahrt wird der KTEL–Bus genau zwischen Kavoúsi und Pachiá Ámmos von einer Polizeistreife gestoppt. Zwei aufmerksame Augenpaare scannen alle Businsassen und nehmen einen von ihnen mit nach draußen.
Mit derartigen Stichproben in öffentlichen Bussen versucht man die Quote beim Aufspüren illegal anwesender Arbeitskräfte zu erhöhen. Der Aufgespürte entpuppt sich allerdings als "Legalisierter", im Rahmen einer staatlich veranlassten Aktion erhielt vor Jahren ein Teil der schon länger in GR lebenden Tagelöhner vom Balkan und aus Osteuropa ja Aufenthaltspapiere. Fünf Minuten später können wir weiterfahren.
Etwas Ähnliches hab ich im Mai 2004 in Thrakien erlebt, nur wenige Meter vom Évros weg, dem Grenzfluss an der griechisch–türkischen Grenze (der so auffällig nach "Europa" klingt), nahe der hübschen Stadt Didimóticho.
Nur einen Unterschied zu heute gab es: damals hielten die Kontrolleure einzig MICH für einen illegal zugereisten Bulgaren auf der Fahrt Richtung Alexandroúpoli, bis ich ihnen meinen deutschen Pass mit ein paar hundert Euro drin entgegenstreckte. Kein Bestechungsversuch, nein! Aber das zufällig im Pass aufbewahrte Geld überzeugte wohl durch seine für einen Bulgaren der ärmeren Sorte unübliche Menge.
Ja, vieles ist jetzt anders geworden, seit Griechenland in der EU ist, spätestens seit es in die Eurozone aufgenommen wurde und sich strikt(er) an EU–Vorschriften halten muss.

Trotz der kleinen Verspätung klappt das Umsteigen in Pachiá Ámmos in den Bus nach Ierápetra wieder problemlos, kaum 10 min muss ich warten.
Die Chá–Schlucht beeindruckt mich wieder, diese gewaltige, hohe und doch schmale Kluft, wie von einer Riesenaxt in den Berg gehauen, weiter weg das kleine weiße, unscheinbare Dorf Monastiráki in grüner Umgebung; die alte graue Bischofskirche von Episkopí und ihr mit uralten Farbmustern hübsch umrandeter massiger, aber flacher Turm; schließlich der Busbahnhof und das Gewusel und Gewurle drum herum.

Manchmal sage ich mir, Kreta ist einfach unschlagbar in all dem, was es zu bieten hat, in all seiner Fülle und Großartigkeit, die sich so oft in kleinen, liebevollen Gesten offenbaren. In der Vor– und Nachsaison kommt vielleicht sogar mehr von alledem zum Vorschein als in der Hoch–Zeit des Jahrestourismus, denn dann hat man einfach mehr Muße und vieles zeigt sich unverhüllter, weniger zugedeckt vom Kommerz, von der Stimmung in übervollen Bussen und Lokalen und von abgelenkter Aufmerksamkeit.

Am späten Nachmittag sauge ich bereits wieder die Salzluft des Grenzmeeres am Südrand Europas ein, lasse mich nieder auf ein entspannendes Getränk, blicke in die Runde, über die Wellen und hin zum letzten Vorgebirge im Westen mit meinen Neuentdeckungen der vergangenen Tage dahinter.
Es ist schon ein Geschenk des Schicksals, eine großzügig gewährte Zuteilung der Nornen, hier zu sein, während andere es sich aus verschiedenen Gründen nicht leisten können, darauf verzichten müssen.

Copyright puchheim = MartinPUC, November 2006

Paleóchora wurde es schließlich.



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