Teil 1: Nach Donoússa
Copyright puchheim = MartinPUC, Juni 2007


Mit einer Stunde Verspätung hebt die A-320 der Aegean Airlines in München Richtung Athen ab, wegen Überfüllung des Luftraums, heißt es. Mein Ziel: die Fähre um 17:30 ab Piräus nach Donoússa. Es wird knapp werden, trotz der neuen Metró-Verbindung vom Athener Flughafen nach Monastiráki und anschließender Weiterfahrt auf der Kifissiá-Piräus-Linie.

Um Zeit zu sparen, bekommen wir eine schnelle Route. Von Ljubljana aus geht es dicht an einer Vielzahl Kornaten-Inseln vor der dalmatinischen Küste vorbei direkt auf Bríndisi zu, weiter an der Westküste Korfus entlang, dann, auf der Höhe von Lefkádha, etwas linksab Richtung neuer Peloponnes-Brücke (in all ihrer Großartigkeit aus der Luft ganz deutlich zu erkennen, auf einem A-Fensterplatz) und südlich der Stadt ´Äjio über die/den NO-Peloponnes und die Méthana-Halbinsel, östlich vorbei an ´Äjina auf den Airport bei Spáta zu, mit Anflug von SW her. Besonders beeindruckend diesmal der Blick hinunter auf die Inselwinzlinge nordwestlich von Korfu: jedes Dörflein, jeder Weiler ist auszumachen; und natürlich auf die große Insel Korfu selbst in ihrer vollen Länge, der Flugabstand passt optimal, um wirklich alles zu sehen, auch die westlichen Strände mit ihren immer noch relativ einsamen Abschnitten.

Wir haben zwar Zeit gutgemacht, aber bei der Gepäckausgabe geht sie wieder verloren. Im 10-Minuten-Rhytmus erscheinen jeweils lediglich ein paar Koffer, bis endlich eine größere Ladung auf der Transportband auftaucht.
Mit Müh und Not erwische ich, über einen Brückengang auf einem Laufband hastend, gerade noch die letzte passende Metró, noch vor 4 Uhr nachmittags. Es ist doch ein ganz schönes Stück Weges, von der Gepäckausgabe bis zu diesen Zügen. Auf demselben neu angelegten kleinen Bahnhof fahren auch die Vorortzüge und ein Regionalzug ab. Die Metró verkehrt ab Flughafen nur alle 30 Minuten, und hätte ich meine versäumt, wäre es für diesen Tag nichts mehr mit der Schiffsfahrt in die Kykladen geworden, die Fähre weggewesen.
Nervend, wie die U-Bahn, über weite Strecken ganz oberirdisch, überall, an jeder Haltestelle, ein paar Minuten stoppt, zu dieser nachmittäglichen Zeit, ich schau lieber nicht auf die Uhr.

Das Umsteigen an der Endhaltestelle Monastiráki geht relativ schnell, ich habe Glück, dass bald ein Zug der Piräus-Linie kommt.
Anderthalb Stunden bin ich unterwegs, vom Airport bis zur Endstation vor den Schiffen. Der Piräus-Bus vom Flughafen her braucht häufig auch nicht länger (und kostet derzeit nur 3 Euro 20 statt der 6 Euro mit der Metró). Aber zu den Verkehrsstoßzeiten ist die Bahn doch die sicherere und schnellere Lösung, und in Kürze wird ja die S-Bahn-Verbindung vom Flughafen bis Piräus durchgehend vollendet sein, ein weiterer Zeitgewinn.
Zehn Minuten vor Abfahrt der Blue Star Paros besorge ich in der kleinen Fahrkartenagentur am Seitenausgang des Metro-Bahnhofs Piräus mein Ticket. Frage nach der Abfahrtsstelle der Fähre und man antwortet mir: Gleich gegenüber. Stimmt auch. In dem Kiosk schnell noch Mineralwasser gekauft, dann wagemutig über die breite, verkehrsreiche Uferstraße, der Weg über die Fußgängerbrücke wäre zu zeitaufwändig.
Schon befinde ich mich auf der Rolltreppe eines ganz modernen Schiffes. Mit mir sehr viele andere Passagiere, die Freiluftdecks sind alle gut gefüllt. Man schätzt die schnellen, wenn auch konventionellen Fährschiffe von Blue Star offenbar sehr.

Wir gleiten an allen möglichen Schiffen vorbei. GA Ferries haben nun ihren Anstrich radikal geändert, der Schiffskörper unterhalb der Aufbauten ist jetzt von vorne nach hinten in drei unterschiedlichen Blautönen bemalt, der Rest weiß, der rote Schriftzug ist geblieben, und die dunkelblaue obere und untere Schornsteinumrandung. Sieht insgesamt viel schlechter und uneleganter aus als je zuvor. Richtig stümperhaft, designerisch betrachtet.
Alle Kreta-Fähren sind versammelt. Weiter draußen auch alle schnittig geformten Schnellfähren von NEL Lines (eine von ihnen jettet jetzt sogar nach Réthymno und zurück), sie haben noch mehr davon als man denkt, zumindest tragen sie noch alle die NEL-Aufschrift.

Etwa eine halbe Stunde nach Verlassen der Hafeneinfahrt kommt uns seitlich, von Mílos, Sífnos und Sérifos her, der "Speedrunner" entgegen, der Katamaran-Flitzer. Mehr und mehr Leute positionieren sich nun auf den Achterdecks, bereiten sich allmählich auf den Sonnenuntergang vor, der kurz hinter der Passage zwischen Kíthnos und Sérifos erfolgt, noch vor Páros, unserer ersten Destination.

Längst bin ich enttäuscht von diesem blitzend modernen Kahn. In dem "Schiffs-MacDonald's" namens Goody's frage ich, ob es noch ein weiteres, "echtes" Bord-Restaurant gibt. Nein, gibt es nicht. Hier stopft man Fast Food in sich hinein, ausschließlich. Wie auch auf den Schwesterschiffen Naxos und Itháki. Ich beobachte Leute, wie sie Spaghetti mit Soße aus einem Pappkarton kratzen. Na denn Mahlzeit! Damit hatte ich nicht gerechnet, aber viele Griechen schätzen es vielleicht, Geld zu sparen beim Essen.

Paros kurz nach der blauen Stunde. Erinnerungen. Ein schöner Anblick, dieses Parikiá, und querab die Lichter von Andíparos, dem kleineren Trabanten.

Aber Naxos-Stadt ist doch viel schöner, in meinen Augen. Dort ist es stockdunkel, als wir einlaufen.
Kurz zuvor hat sich mir ein jüngerer Mann genähert, der wissen will, woher ich bin und wohin ich reise. Er ist aus Afghanistan, lebte seit einiger Zeit im Zentrum Athens nahe dem Omónia-Platz und hat jetzt eine schlecht bezahlte Arbeit in einem Steinbruch oder steinverarbeitenden Kleinbetrieb auf X. gefunden, erklärt er mir. Ja, er sei illegal hier, er liebe viel Geld, dabei sei die Bezahlung immer derart schlecht für Leute wie ihn. Da man beim Kauf der Schiffstickets immer seinen Namen angeben muss, ist etwas Schmiergeld nötig, gesteht er, damit es nicht auffällt, dass man ganz ohne Visum reist. Meine Einladung auf ein Bier lehnt der arme Kerl ab, Alkohol mache ihn krank, er trinke nie Alkohol. Ob das jetzt schon die Insel X. sei? Wann sie denn käme? Ich muss ihn auf irgendwann viel später vertrösten. Bin wieder nachdenklich geworden und nehme mein Glück wahr, so im Vergleich.

Nach dem Ablegen ein längeres Stück Dunkelheit, gegenüber leuchten undefinierbare Inseln mit ihren Küstenorten herüber: es muss sich um Mykonos, später um Ikaría handeln. Bergdörfer strahlen von Naxos' Ostflanke herunter, Straßenlaternengirlanden führen zu kleinen Küstenorten hinab.

Weit beuge ich mich über die Reling vor, aber lange ist nichts von Donoússa zu erkennen, kein einziges Licht. Es sind jetzt deutlich weniger Leute an Bord, die meisten mit Ziel Amorgós. Mit einem erklärten Amorgós-Fan, einem Deutschen, unterhalte ich mich etwas. Er und seine Frau werden von ihrem Zimmervermieter aus Katápola mitten in der Nacht in Äjiáli abgeholt, nur dort legt unser Schiff an, bevor es zum Endhafen auf Astipálea weiterfährt, dort kurz nach 5 Uhr morgens dieselbe Route zurückfährt. Eine mühevolle Abholtour für den Vermieter, der sich einige Nachtstunden um die Ohren schlagen müssen wird. Letzte Saison hätten sie insgesamt 10.000 Gäste gehabt, auf der ganzen Insel, und das sei eine Menge, alle waren sie ziemlich erschöpft, im Oktober, höre ich.

Ein zu Nachtzeiten rätselhaftes Meer, man fühlt sich desorientiert, fragt sich, woher denn all die Lichter aus der Ferne gegen Nordost und Ost stammen, bis man endlich nach eingehender Konsultation der Karte die Lösung findet, vielleicht nur eine Notlösung. Nachts ergeben sich so viele Fragen, auf diesem Stück Ägäis.

Ziemlich schwache Lichter, sie erinnern mich an Anáfi, sind auch auf einmal da, zu beiden Seiten einer bescheidenen Mole. Schnell legen wir an, das geht bei Blue Star immer sehr geschwind.
Zwei Paare, ein einzelner Herr, eine allein reisende Frau und ich verlassen die Fähre. Ruckzuck, und schon ist sie wieder weg.

Umarmungen, die beiden Paare sind Wiederkehrer, hier bereits bekannt, wohl auch die einzelne jüngere Frau mit Rucksack. Ein paar Autos setzen sich in Bewegung.

Alleine stehe ich da, doch schon spricht mich eher beiläufig eine ältere Dame an, offensichlich die Mutter des Anlegehelfers vor Ort, der die kleine Agentur für Fahrkarten der Blue-Star-Fähren betreibt. Ihm bzw. seiner Familie gehört auch die Taverne Iliovasílema, er nennt sich Chrístos Sigállas, ist vielleicht 28 und ein ganz netter Kerl. Rooms vermieten sie auch, und ich werde einen davon beziehen.

Zu meiner großen Verwunderung geht es im Pick-up erst einmal hinten um das ganze Dorf herum, ich frage gleich, ob sich die Unterkunft etwa weit außerhalb des Ortes befinde. Nein, gewiss nicht! Aber da das Auto nicht die 250 Meter Sandstrand fahren kann und eine der wenigen Ortsstraßen auch aufgerissen wurde, muss es einen Umweg von etwa 3 bis 4 km nehmen, hinter den letzten Häusern vorbei und über einen kleinen Sattel, östlich in weitem Bogen auf guter Asphaltstraße hoch über der Küstensiedlung, bis endlich eine betonierte Stichpiste wieder zum Meeresufer hinabführt, unterhalb des kleinen Friedhofs ein weiterer, schlecht betonierter Abzweig steil bergan, alles wurde aufgerissen und dilettantisch wieder zugeschüttet, wegen der neuen Wasserversorgung oder auch Kanalisation, scheint es. Wunden, die sich bestimmt lange halten werden.

Im rechten Winkel zum Wohnhaus von Chrístos und seiner Mutter meine Bleibe, angebaut an einen anderen Haustrakt mit ebenfalls vermietbaren Zimmern, einige von ihnen gerade von Arbeitern belegt. Davor eine Art Hof mit Bäumen und Treppenstufen, direkt vor meinem Trakt eine leicht staubige Parkfläche für Fahrzeuge, etwa 100 m schräg links wäre die noch nicht geöffnete Taverne, dicht über den Steilhang zum Meer gebaut, in einem Raum des Hauses auch die Ticketagentur von Chrístos. Ein Blue-Star-Ferries-Schild prangt, von Weitem sichtbar, an der Fassade.

Mein geräumiges Zimmer gefällt mir auf Anhieb. Es ist schlicht und sehr dezent eingerichtet, braucht keinen Fernseher, keine Klimaanlage. Das Bad erstaunlich groß, durch sein Fenster duften mir die Wildkräuter der nahen Hänge entgegen, und morgens habe ich aus diesem meinem Bad Bergblick.
Vorne hinaus ein geräumiger Balkon, eine Art langer, überdachter Terrasse für alle 3 Zimmer (2 davon größere Appartements) auf meiner Ebene, ganz vorne ein toller Ausblick auf den gegenüberliegenden alten Teil des Dorfes, hinunter auf den sehr nahen Friedhof, den Strand und hinaus übers Meer auf die Inselfetzen der Makáres, auf Strongilí, im Hintergrund die Ostseite des mächtig hochgewölbten Naxos.

Copyright puchheim = MartinPUC, Juni 2007

Auf Donoússa



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