Teil 3: Nach Náxos
Copyright puchheim = MartinPUC, Juni 2007


Bisweilen muss man es auf sich nehmen, aus einem schönen Traum herausgerissen zu werden. Dann läutet eben der Wecker, ruft die Pflicht, ruft möglicherweise eine besonders freudige Pflicht, verlockt etwa ein Treffen mit lieben Bekannten oder Freunden. In dem Vertrauen darauf, dass man wiederkehrt, geht man gerne, zieht halt weiter.

Dabei hat das Katzíki am Vorabend besonders gut gemundet, im Aposperítis, saß Dzak praktisch am Nebentisch, wurde aber gleich wieder entdeckt und von einem alten griechischen Bekannten mit ein paar Brocken Französisch in Beschlag genommen, strahlte der Familientisch neben dem Eingang zum inneren Gastraum besonders viel Gemütlichkeit und Ruhe aus; war der Morgen wieder so friedlich, das Bezahlen des Zimmers eine angenehme Überraschung (gerade hatte zudem eine Gruppe aus Italien per Anruf sämtliche Zimmer den ganzen kommenden August gebucht, Chrístos leicht verzweifelt, denn er brauchte noch zusätzliche Unterkünfte von anderswoher), wurde man von den Alten auf halb neun vertröstet, draußen auf der oberen Terrasse bei Nikítas, das sei die übliche Ankunftszeit der Skopelítis. Ist eh wurscht, denn irgendwann kommt sie bestimmt in Náxos an, da spielen eine Viertel- oder halbe Stunde bestimmt keine große Rolle. Spät kommt sie, doch sie kommt, die liebe Pópi, sperrt ihren Reiseladen auf und stellt den schon leicht Verzweifelten beiden Fremden endlich die Fahrkarten aus.

Und schon biegt etwas Kleineres Weißes um das Kap Panajías herum, etwas SEHR stark Schwankendes, das wird einem auch ohne Lesebrille klar. Klar, immer beim Kurven, denkt man bei sich, dann ist das ganz normal.
Von Äjiáli Amorgoú kommt es her, das Fleißige Lieschen der Kleinen Ostkykladen, wendet gemächlich und legt gleich bei Nikítas' Kafenío an, gerade noch rechtzeitig pfeift mich Unwissenden der britische Ehemann von meinem eiligen Gang zur großen Mole zurück und wünscht mir einen starken Magen.

Ja, viel größer als der alte, nur von seinen diversen Lackierungen noch zusammengehaltene Rostkübel Scopelítis/Skopelítis ist die neue wirklich nicht, das Nachfolgemodell.
Als ich gleich neben der Ladeklappe die Stufen hochsteige und mich zum Hauptaußendeck vorarbeite, überraschen mich die zahlreich anwesenden Franzosen wie Amerikaner, richtige Gruppen breiten sich da an Deck aus, haben sich auf den Sitzbänken der Länge nach hingestreckt, sodass kaum Platz für den Neuankömmling ist, und sie geben auch keinen Zentimeter frei, bleiben weiter liegen. Cool, echt abgebrüht! Auf Amorgós müssen sich zurzeit ganz schön viele Touristen tummeln!

Kaum hat das Schiffchen abgelegt, ändert sich die Ruheszene an Bord ganz dramatisch. Für mich an der leewärtigen Reling Sitzenden ändert sich zunächst nichts. Aber die entspannt Ruhenden sehen bald ein, dass sie es bei den immer stärker werdenden Schwankungen auf ihren Liegebänken nicht mehr aushalten werden. Der Wind kommt aus nördlichen Richtungen, die hohen Wellen auch, und es sind immerhin 7 bis 8 Beaufort, wie mir der Kapitän knapp erklärt. Auf der Skopelítis heißt das: Mega-Schiffsschaukel! Nur wenige hundert Meter vom Land entfernt geschieht etwas, das ich noch nie erlebt habe. Ein Schiff, das dermaßen stark von Luv nach Lee herumwackelt, dass ich meinen prall gefüllten Bücherrucksack festhalten muss, damit er nicht durch die sehr dünn bewehrte Reling in hohem Bogen aufs Meer hinausgeschleudert wird!
Die Mehrheit der Franzosen wie US-Amerikaner hangelt sich mit Entsetzen in den Gesichtern die Bänke entlang, die Stufen hinunter ins schützende Bootsinnere - das wäre nichts für mich, bei so einem Seegang, in dieser stickigen, aufgeheizten Salon-Atmosphäre auszuharren. Stattdessen lache ich ganz laut aus mir heraus, was Besseres fällt mir nicht ein in so einer abartigen Situation, und es erweist sich als sehr hilfreich. Denn zum ersten Mal nach langen Jahren werde ich, warum auch immer, einfach NICHT seekrank, Geschaukel hin, Geschaukel her. Ich kann es kaum fassen, rechne jederzeit mit einem Übelkeitsanfall aus allen wesentlichen Körperöffnungen, doch der bleibt schlichtweg aus.

So genieße ich perverserweise den äußerst wackligen Anblick der immer näher kommenden kleineren Inseln zwischen Donoússa und dem östlichen Naxos, die eine von ihnen erstaunlich hoch aus den Fluten ragend.
Und es dauert eine lange Weile, bis sich der Windschatten des im Vergleich gewaltig großen Naxos bemerkbar macht und der Schwankungsgrad unseres verwegen südwestwärts gleitenden Schicksalsträgers deutlich abnimmt, in gleichem Maße wie Wind und Wellen in seiner Flanke.
Doch schon ein Stück vor Epáno Koufoníssi ist es so weit: die Schiffsschaukel beruhigt sich, und alles ist wieder gut.

Die ersten östlichen Ausläufer einer insgesamt flachen Insel, die sich nach ihrer Mitte hin nur leicht hochwölbt. Es geht an wunderschönen Buchten vorbei, eingefasst von ocker- bis rötlichfarbenen Erd- und Gesteinswänden. Wassertöne von Hellblau bis Türkis erhöhen für den Ankömmling die Vorfreude auf einen Sprung ins kühlende Nass.
Ab und zu ein weißes Haus in der Küsteneinsamkeit, über den Klippen, aber so richtig viele werden es erst in der Umgebung des Hafenortes. Ich wundere mich, welche Unmenge in den vielleicht 13 oder 15 Jahren hinzugekommen ist, die ich hier nicht mehr vorbeigeschippert bin. Eine deutlich stärkere Bebauung als etwa auf Donoússa. So wohl fühle ich mich bei dem Anblick nicht, denn ich stelle mir die Massen vor, die hier ab Juli einfallen.
Ein Trost das wuchtig emporragende Kéros im Süden, praktisch unbewohnt, sowie das südwestlich anschließende Káto Koufoníssi, auf dem auch kaum Häuser auffallen.

Als wir anlegen ein kleines Chaos an Gütern, etliche Topfpflanzen darunter, auf der Mole, immer noch einer Baustelle, nebenan wird wohl eine Marina errichtet. Rasend schnell wird aus- und eingeladen. Ein skandinavisches Paar kommt an Bord, jeder eine bereits angetrunkene Weinflasche in der Hand. Sie schmusen und saufen sich bis Naxos durch, holen unten an der Schiffsbar unentwegt Nachschub in Form von Bierdosen - ist ja egal, was man da durcheinanderpichelt. Es ist niemand ausgestiegen, im Brennpunkt des Tourismus steht zu dieser Jahreszeit eindeutig das größere Amorgós. Und von dort fährt fast jeder direkt nach Naxos zurück.

Entlanggleiten an den steileren Hängen von Káto Koufoníssi, ganz dicht fahren wir vorüber. Schon taucht die Ostseite von Schinoússa auf, schon sind wir da, diese Inselchen sind alle nur einen Katzensprung voneinander entfernt. Auf der höchsten erkennbaren Erhebung des ebenfalls relativ flach gewölbten Schinoússa ein Mast, eine echte Landmarke, lange zu sehen.
Wir biegen nach Süd, direkt westlich gegenüber schon Irakliá, und machen dann einen scharfen Haken Richtung Nord, hinein in die kleine, U-förmige Hafenbucht mit einigen Häusern, darunter der ersten Taverne mit Zimmervermietung. Ein Grüppchen etwas skurril aussehender Engländer mit Wanderstöcken beobachtet aus einiger Distanz das An- und Ablegen unserer Skopelítis. Ein paar Einheimische steigen aufs Schiff, darunter Kinder, die sich auf die Seefahrt freuen.

Nach nur 10 min Fahrt ist die sehr enge Hafenbucht von Irakliá erreicht, der dahinter in lockerer Bebauung emporsteigende Ort Ágios Geórgios (Ájios Jeórjios) war lange nicht zu sehen, eine wirklich geschützte Bucht ist das. Einladend weiß die Häuser mit ihren bunten Balkonen, eine große Ruhe liegt über dem Ort, nur 2 Urlaubsgäste schauen zu, wie das Schiff weiter ent- bzw. beladen wird, ein Taucher mit Harpune schwimmt hinter dem Heck herum, schindet Eindruck. Die beiden Transporter von hiesigen Unterkünften sind umsonst gekommen.

Wir verlassen das bergige Eiland und nehmen Kurs nach Nordwest. Ein steifer Fahrtwind, aber keine große Schaukelei, da wir gegen den Wind und die Dünung anfahren. Im Süden ist Íos gut zu erkennen, nach Nord und NW hin Naxos bzw. Paros.

Vom Schiff aus wird einem klar, wie gut nun alle Buchten der schmalen Süd- und der langen südlichen Westküste von Naxos durch küstennahe Feldwege erschlossen sind. Ohne große Probleme gelangt man jetzt auch in die entlegeneren Teile des Inselsüdens. Dahinter das stark gegliederte durchgrünte Binnenland der sich bis fast 1000 m auftürmenden Großinsel (- für griechische Begriffe).
Die erste größere Küstensiedlung ist Agiassós, nach wenigen Kilometern folgt schon Pirgáki. Auf dem anschließenden großen Kap ein richtiger Zedernwald, zu seinen Füßen wunderschöne kleine Buchten mit idealen Traumstränden, dahinter eine Hotelruine bzw. ein unvollendeter Rohbau. Gerade diese Gegend gefällt mir sehr, ein kleines Refugium im Vergleich zu weiter nördlich. Mir fallen die kleinen, gerade geschlüpften Sandvipern ein, die mir dort vor vielen Jahren über den Weg krochen - echt giftige Viecher!

Dann der endlos lange Strand der Bucht von Kastráki. Als nördlicher Abschluss das markante Kap von Mikrí Vígla (= kleiner Wachturm), darauf im Vordergrund ein paar dunkelgraue Hüttenkuben, dahinter die ersten Hotelanlagen, die sich ganz schön weit landeinwärts ausbreiten, der Ort ist in der Tat stark gewachsen.

Von jetzt an fahren wir mit größerem Abstand zur Küste, denn es gilt das nicht mehr weit entfernte Kap von Ágios Prokópios zu umschiffen, die am weitesten nach West ins Meer hinausragende Landspitze der Insel Naxos.
Auf dem Weg dorthin passieren wir in einer Entfernung von vielleicht 3 Kilometern den Orkós-Strand, der schließlich in die Legende des Pláka-Strandes mit seinen niedrigen Sanddünen übergeht. Auffallend die lockere Bebauung hinter den Dünen, auch da hat sich viel geändert.
Mit zugekniffenen Augen mache ich gerade noch das Kapellchen des Ágios Nikólaos auf dem gleichnamigen Kap zwischen Mára(n)gas und dem größeren Ort Agía Ánna aus. Langsam drehen wir um das breite Kap von Ágios Prokópios mit seinen vielen neu gebauten Häusern herum auf Naxos-Stadt, die "Chóra", zu. Recht groß wirkt sie, überragt vom Kástro-Viertel, ein weißes Kloster thront hoch über dem Ort, ähnlich wie über Parikiá, dem Hauptort der Nachbarinsel Paros.

Aber wir kriegen nichts geschenkt. Als die Skopelítis (nord)ostwärts dreht, bekommt sie wieder voll die hohe Dünung mit und beginnt erneut fürchterlich zu schwanken. Ein letzter Ansturm der Elemente gegen unsere Nussschale! Glücklicherweise nähern wir uns bereits dem Hafen, der lange, wellenbrechende Bruchsteindamm vor der großen Mole bietet sich dem Betrachter dar, einige Ausflugs- und stattliche Fischerboote liegen im Hafen vertäut.
Und hier ist sie: die kleinere Mole, seit eh und je Anlegeplatz nicht nur der großen Ausflugsboote und -katamarane, sondern auch des tüchtigen Express Scopelitis, wie sich der Stolz der Kleinen Ostkykladen auf Englisch nennt. Direkt an der Molenspitze wird die Heckklappe heruntergelassen und das Schiff vertäut. Es ist etwa 13 Uhr, und um drei läuft das Boot in die Gegenrichtung auf Heimatkurs aus, mit dem Endziel Katápola auf Amorgós. Dreimal die Woche wird im Mai Donoússa angesteuert, es lassen sich von dort also auch Tagesausflüge nach Naxos unternehmen, obwohl etwa 2 Stunden Aufenthalt nicht die Welt sind, aber immerhin.

Eine längere Seefahrt mit so vielen sensorischen wie optischen Erlebnissen macht letztendlich hungrig. Gleich gegenüber der kleinen Mole befindet sich ein Reihe von urigeren Lokalen, und weil ich den Namen To Smyrneïkó für besonders urig halte und er mich an Smýrna, die alte Hauptstadt der Nordostägäis erinnert, lege ich dort meinen Rucksack ab und platziere mich an einem der schattigeren Tische unter dem Sonnendach an der Uferstraße.

Copyright puchheim = MartinPUC, Juni 2007

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