Kykladentour Oktober 2008
Teil 3: Herbsttage auf Náxos
Copyright puchheim = MartinPUC, Dezember 2008


Die Anreise

Abfahrt erst um sieben Uhr früh! Da ist noch viel Zeit zum Einpacken. Optimistischer könnte ich gar nicht sein. Zwar ist der Nordwind nicht wesentlich abgeflaut, aber na ja, wird schon werden, die Skopelítis wird das schon schaffen – knapp 5 Monate Entwöhnung von der Schaukelliese zeigen ihre mentale Wirkung.

Morgendämmerung über Amorgós. Die Anker werden eingeholt. Ruhig und lässig dreht das kleine Schiff in der Mitte der Bucht, dem Órmo Katapólon, bei, nimmt endlich volle Fahrt auf.
Wir passieren das Akrotíri Ajíou Ilía und erreichen die offene See. Geradlinig auf die Ostseite der steil hochragenden Insel Kéros zuzusteuern, das bedeutet, dem heftigen Nordwind seine Luvseite genügend voll auszusetzen, auch wenn es sich nicht um einen echten rechten Winkel handelt.
O ja, in der Tat. Die Wellen würden schon reichen, aber auch noch Luvseite vor dem tosenden Wind. Ausgeträumt all deine Hoffnungen, gutgläubiger Martin. Wir sind schließlich ohne Kiel unterwegs, und ohne jegliche Stabilisatoren.

Die Skopelítis macht ihrem schlechten Ruf bei hoher See alle Ehre, im allerschlechtesten Sinn. Gut, dass ich sowieso immer an Deck stehe. Drinnen, unten im Passagierraum, wäre es ein Martyrium – ein zunächst trockenes, allerdings, kurz vor der Speitüte.
Bei uns an Deck ist das anders.
Wir übergeben uns nicht, doch wir werden fürchterlich nass. Wir, das bedeutet: die drei Albaner, die sich herausgewagt haben, bevor die Tür unten zugeschoben wurde, und ich.

Wenn ich sage "nass", dann ist das so zu verstehen: es hat angeblich nur Windstärke 6, laut Wetterbericht, aber letztes Jahr, bei Windstärke 7–8 (das hat mir der Kapetánios versichert), von Donoússa her nach Koufoníssi, wurde ich NICHT nass, trotz der albtraumhaften Schaukelei. Heute dagegen, bei annoncierten 6 und geschätzten 7,5 Beaufort, werde ich klitschnass.
Das Schiffchen schaukelt abenteuerlich, und diesmal macht sich die Gischt besonders unangenehm (schwäbisch: ohahgnehm, alles voll nasaliert: ['õ:ã:gnẽ:m]) bemerkbar. Man kann nämlich nur noch in einem kleinem Sektor des ersten Oberdecks stehen, im Windschatten, und der ist vorne, gleich schräg hinter den vorderen Aufbauten, Fahrtrichtung links.
Windschatten bei diesem Wetter bedeutet leider keinen absoluten Schutz, denn die Gischt erwischt einen so oder so. Ungeachtet einer wohl existierenden (angeblich schützenden) Leeseite neigen wir Landratten dazu zu vergessen, dass eine starke Gischt nicht nur auch von leeseitig vorne, sondern darüber hinaus VON OBEN kommt, sozusagen in hohem Bogen quer übers Schiff.
Die vorsorglich angebrachte Leinenbespannung gegen die Sonneneinstrahlung hilft da gar nicht. Durch alle Spalten, und bald auch durch den Stoff an sich, tröpfelt sie ununterbrochen auf einen herab, die salzige Brühe.
Nein, sorry, das ist noch nicht alles. Von unten kommt es zusätzlich noch ganz hart. Ein paar Zentimeter tief schwappt der Salzwasserschwall unentwegt hin und her über die eisernen Planken, je nach Neigung des Beförderungsmittels, und das bedeutet, dass auch die Schuhe fortwährend ihren Teil von der Feuchte abkriegen, es sei denn, man kauert, sich affenartig an den aufstrebenden Eisenpfosten festklammernd, auf den total nassen Plastiksitzbänken.
Zu Eurer Beruhigung: Auf einer Blue–Star–Fähre könnte sich das nicht in dem geschilderten Ausmaß ereignen. Die Skopelítis, zweite Generation, dagegen ist immer noch ein SEHR KLEINES Schiff, sie hält sich trotzdem wacker, durchpflügt mit einem guten Tempo die aufgewühlte See, und es sind immerhin unvergessliche Sturmerlebnisse auf ihr – fürwahr, veramente! Im Nachhinein möchten wir die nicht missen! Noch im Himmel (oder in der Hölle) werden wir uns mit Schaudern daran erinnern, an diese stundenlang gestemmte Haltung: Beine breit, Füße fest auf dem Eisenboden, beide Hände in fester Umklammerung des nächsten Halts, alle möglichen physikalischen Kräfte an uns dauerhaft zehrend.
Erst ganz dicht vor Páno Koufoníssi werden wir erlöst.

Wo ist denn nun der alte Pfarrer zugestiegen? Auf Koufoníssi oder auf Schinoússa? Egal. Als es vor der Westküste von Náxo wieder stärker zu schaukeln beginnt, steht er mit ausgebreiteten Armen, wie der Gekreuzigte, vorne im Windschatten gegen die Holztüren des ständig zugesperrten vorderen Deckpassagierraums gelehnt, unterhält sich dabei noch mit einem Bekannten.
Ein letztes Geschüttle vor dem Hafen. Erst kurz vor dem Anlegen sind wir vor dem hohen Wellengang sicher. Elf Uhr vormittags, und wir sind angekommen.


Es sich richten auf Náxos

In Ágios–Geórgios–Strandviertel liegt sie, meine Stammunterkunft. Als ich dort auftauche, ist Adonía (sie selbst spricht ihren Namen ganz ohne "n" vor dem "d" aus) gerade beim Aufräumen, zum Glück noch nicht fortgegangen. Ich krieg eine geräumige "2–Zi.–Wohnung" für ein Spottgeld (18 Euro) im ersten Stock mit Strand– und Meerblick, wenn er auch nur ausschnittsweise stattfinden kann, der Blick. Mein favorisierter zweiter Stock ist noch voll von lauter deutschen Stammgästen belegt, die natürlich Wert auf eine tolle Aussicht legen.
Schade, diesmal ist es nichts mit zusätzlichem Blick auf den großen Schiffsanleger im Hafen. Hier geht ohne Voranmeldung leider kaum mehr was, so beliebt sind der zweite und dritte Stock (mit der Irrsinns–Privatterrasse und dem vollkommenen Rundumblick – ein Wahnsinn!) dieses Hauses.

Auf der Insel hat man bereits zwei Gänge zurückgeschaltet, das wundert mich nicht. Ist doch schön, wenn der Tourismus nicht mehr überbordet, wenn sich das Leben der Ortsansässigen allmählich wieder als das ihnen eigene erkennen lässt. Abends sind die moderneren Cafés an der Paralía (= der Hafenpromenade, in diesem naxiotischen Fall) dennoch teils bis zum Bersten mit Kundschaft gefüllt, überwiegend einheimischer.

Im Limanáki, einem der "Tintenfischlokale", das ich besonders mag, ist es deutlich ruhiger geworden. Es kommt ganz darauf an, ob sich zwei oder drei Touristenclans dazu durchringen, eben mal hier Platz zu nehmen und sich eine der Fischspezialitäten munden zu lassen oder eben weiterzuschlendern. Mal wirkt es dann etwas belebt, mal recht ausgestorben, trotz der eisernen lokalen Reserve. Die ist auch nebenan vor Ort, die eiserne Reserve von männlicher griechischer, meist älterer Stammkundschaft: bei Valetta. Man kennt sich, als Nachbarlokale, und beäugt sich auch permanent, kommuniziert miteinander. Der krasse Unterschied ist der, dass der eine Pacht bezahlt, während die andere ihre Gaststätte besitzt. Die monatliche Steuer, die an die Gemeinde abzuführen ist, ist erstaunlich hoch (ich möchte hier nicht ins Detail gehen).
Manólis, der Bedienerix, ist in Urlaub, das Riesenbaby von Bekanntem serviert nun, aber auch mit dem Chef meiner Hafenkneipe komm ich gut zurecht. Er hat sechs Jahre in Ulm gearbeitet, fuhr dann zur See und ist ganz froh, letztlich hier Fuß gefasst zu haben. Und alles hat er gern getan, das betont er, deshalb sei er ein zufriedener Mensch. Das erzählt er mir alles auf Griechisch. Ja, man schlägt allmählich Wurzeln, selbst als nur sporadisch vorbeikommender Touri mit Schwerpunkt Kreta und Kárpathos.
Jetzt geht's mir wieder ganz gut, ich fühl mich wohl auf Naxo!


Exkursion nach Agía Ánna und Máragas

Große Überraschung (und deshalb auch der überspitzte Begriff "Exkursion"): Seit etwa einer Woche fahren überhaupt keine Busse mehr zu den Hauptstränden südlich von Naxos–Stadt!
Der Typ an der winzigen Buszentrale am Platz vor der großen Mole bemüht sich mir klarzumachen, dass man sich nun wieder an den Bedürfnissen der Insulaner orientiere, die Touristenzeit sei vorbei. Deshalb habe man so ca. um den 16. Oktober herum die Hauptlinie zu den Stränden eingestellt.
Die Fahrradverleihe sind aber noch geöffnet, ich sehe tatsächlich so manche unfreiwillige Strampler, die lieber in die Pedale treten, als sich einen Roller oder einen Mietwagen zu nehmen.
Genau gesagt sehe ich die an der Ausfallstraße jenseits des Ágios–Geórgios–Stadtstrandes, schon hinter dem Flísvos–Surfclub, nachdem ich den staubigen Dünenweg verlassen habe und auf der Landstraße weitergehe.
Abwegig, nie hätte ich gedacht, dass ich da mal langlaufen müsse, mangels einer Busverbindung.

Um es kurz zu machen, ich gehe beim Campingplatz geradeaus weiter, bald parallel zur Start–und–Landebahn des Inselflugplatzes.
Lustig: Als Autofahrer muss man echt aufpassen, die Kurve vor der Flughafenzufahrt zu kriegen und nicht, statt auf der Hauptstraße weiterzukurven, in das abgesperrte Zugangstor des kleinen Airports reinzuknallen. Zugesperrt, weil der eine Flieger pro Tag das Kraut nicht gerade fett macht.
Eine Gegend mit viel Schilf, geschätzte 7 bis 9 Meter hoch ragt es in den Himmel.

Vor einer Kurve mit einem Haus links der Straße biege ich rechts in einen von hohem Schilf eingerahmten Feldweg ein, in der Hoffnung abzukürzen, aber leider endet der idyllische Weg (it's like walking through a cave!) im Nichts, vor einem wiederum von Schilf eingerahmten Feld. Wunderschön, so ein Irrweg.
Also weiter auf der Straße. Abzweig nach rechts, ich will ja nicht hinter dem Pláka–Strand oder in Ágios Arsénios enden.
Vorbei an einem echten Bauernhof, ein paar Kühe stehen herum, auf kahler Erde. Es ist nicht mehr weit bis Agía Ánna.

Dort angekommen, wende ich mich gleich nach links und gehe in südlicher Richtung nach Mára(n)gas vor.
Noch immer endet die Asphaltdecke der ansonsten völlig plangewalzten Straße noch vor der ersten Taverne von Máragas, es wurde tatsächlich nicht weitergeteert (Stand: 23. Oktober 2008).

Auffallend allerdings der neue Holzplankensteg die Straße entlang, wie ein Gehsteig – ein echtes Kuriosum, ein Unding, was soll das???
Nun – es handelt sich einfach um die Fortsetzung und sinnlose Komplementierung der Queräste dieser neuen Holzkonstruktion hinein in das Wacholderwäldchen und über den Dünensand bei der Kirche Ágios Nikólaos. Da hat irgendein Spezialist mit einem Draht zu den Politikern einmal westeuropäische Plankenwege durch die Dünen gesehen, und endlich werden sie hier in Griechenland nachgebaut, mit EU–Fördermitteln. Schade nur, dass überall dort, wo ein Knick erforderlich war, nun große Lücken klaffen, denn die geeigneten Holzteile waren nicht vorhanden, müssen nachbestellt werden. Für den folgsamen Fußgänger bedeutet das: hüpfen, springen, Absturzgefahr!
Wieder so eine angebliche Schutzmaßnahme für einen kleinen, übrig gebliebenen Flecken Naturlandschaft, obwohl doch jeder weiß und überdeutlich sieht, dass die meisten Leute nach wie vor quer durch den Sand stapfen – man beachte die unzähligen Fußspuren.
Auf etwas Trinkbares bleib ich ein Weilchen im Parádiso, der Taverne an der Straße, auf seiner Freifläche, zusätzlich könnte man, jenseits der Straße, unter den beiden Tamarisken über dem Strand Platz nehmen.
Dann zahl ich beim Opa und der Enkelin und sehe zu, dass ich in die Chóra zurückkomme.

Zu diesem Zweck gehe ich einfach die Straße hinter den Strandtavernen von Ajía Ánna weiter Richtung Ájios Prokópios. Ich wandle vorüber an verlassenen Unterkünften, hie und da noch ein Geschäft, eine geöffnete Taverne ohne Gäste. Der Strand ist stellenweise richtig hübsch, ich hätte ihn ganz für mich alleine, gänzlich unbeobachtet, denn es gibt niemanden mehr, der von den Balkonen oder Terrassen auf mich heruntergucken könnte. Ziemlich ausgestorben, das immer noch im Wachsen begriffene Touristenzentrum.
Nun heißt es aufpassen, nicht zu früh nach rechts abzubiegen. Gut, dass ich mich an eine frühere Busfahrt aus der anderen Richtung, von der Chóra (Náxos–Stadt) her erinnere und mir die Fahrstrecke gemerkt habe.
Nun also querdurch, die im rechten Winkel zum Strand abbiegende schmale Hauptstraße (in Anführungszeichen) entlang. Nichts los, in Ágios Prokopiooos. Jetzt machen sich sogar schon Wachhunde bemerkbar.

Endlich bin ich fast durch, die Straße steigt ein wenig an, vereinzelte Pensionen und neu gebaute größere Anlagen säumen meinen Weg. Richtung Stelídha–Hügel (der vom Ág.–Geórgios–Stadtstrand aus gut zu sehen ist) wurde wirklich viel gebaut. Hoffen wir, dass die Osteuropäer kommen, oder andere neue Interessenten!
Vorbei an der letzten, ziemlich protzigen, nagelneuen Hotelanlage. Nun wieder ein Wäldchen. Es beschützt einen großen, flachen See mit sumpfigen Rändern, jenseits dieses Gewässers liegt der Flugplatz.

Meine Straße trifft auf die breitere Autostraße von West her, von den neuen Hotelanlagen. Die stiefle ich ostwärts. Interessant, wie nahe man dem See kommt. Seine Randgebiete sind leider ziemlich verschmutzt, deshalb halten es nur relativ wenige Wasservögel hier aus.
Bald rückt meerseitig ein größerer Strand näher, der letzte Ausläufer der Bucht des Heiligen Georg.
Eine Ampel deutet auf die Ein– und Ausflugschneise des Flugplatzes hin. Wenn der eine Olympic–Flieger am Tag kommt bzw. abhebt, wird, je nach Windrichtung, der Autoverkehr angehalten. Voll einsehbar, die vielleicht 1000 Meter lange Asphaltpiste. Nichts für größere Touristenjets.
Nun rechts der Campingplatz mit Pool – sieht ebenfalls sehr verlassen aus.

Ich biege nach links ab, stadtwärts, und wandere wieder an Feldern mit teils hoher Schilfbegrenzung entlang.
Links ein Surf–Center, rechts einige Pensionen und der Blick ins Hinterland. Ich bin froh, als endlich wieder der Abzweig in den staubigen Feldweg kommt, auf seinem Sand gelangt man im Nu zum Flísvos, wo ein großes abendliches Self–Service–Gelage angekündigt ist. Zu viel des Guten!
Abends und tags darauf durchzieht ein andauernder rhythmischer Trommelschlag (das allseits bekannte: bumm – bumm: bumm, bumm, bumm!) mein Wohnviertel – ich denke zuerst, da sei irgendwo ein Aufmarsch, aber hier übt nur jemand für baldiges Größeres.


Zur Panagía Dhros(s)ianí

In Chalkí steige ich aus dem Bus, im Zentrum der Insel, gleich bei der Kirche und beim Kiosk. Schau mir ein wenig die alten Häuser Richtung Dorfplatz an. Man geht nur 50 bis 200 Meter weg von der Durchgangsstraße, und so viele alte Häuser sind es gar nicht mehr, einige haben ihre oberen Stockwerke verloren, die hübsch mit Schnörkeln und Spiralen verzierten steinernen Balkonträger ragen ohne Balkone drauf in die Gasse hinein.
Eine Bäckerei verköstigt mich. Auf den Stühlen der örtlichen Kafenío–Taverne kein Fremder. Nur eine weitere Mittouristin spaziert wie ich im Ort herum.
Die Pírji (Pyrgoi) kenn ich bereits, sie stehen nicht auf meiner Besichtigungsliste, sind eh schon zum Wohnhaus ausgebaut, eine um sich greifende Mode.

Als ich wieder die Hauptstraße langgehe, hat der Ortspfarrer gerade sein Museum zugesperrt und strebt dem Privatleben zu.
Ich selber strebe vor zum Gymnasiumskomplex, passiere ihn und wende mich bei der Straßenverzweigung nach links. In einer langen Geraden erstreckt sich die Nebenstraße nordostwärts aus dem Ort hinaus, man tritt ein in eine durchgrünte Olivenlandschaft.
Nach gut 500 Metern rechts das Dörfchen Kalóxilos, es versteckt sich hinter seinen Oliven. Hier beginnt übrigens ein Wanderweg, der ebenfalls zu meinem Ziel führt. Auf der unbefahrenen Straße ist es auch nicht weiter, und man sieht besser in die Talsenke zur Linken hinein.
Kurz hinter einer Reparaturwerkstatt mit aufmerksamem jungem Schäferhund wieder das Hinweisschild auf eine nahe byzantinische Kirche (eine ganz andere als die, zu der ich will). Ihre ungekalkte Steinfassade schimmert durch das Olivengehölz. Ich werde sie mir auf dem Rückweg ansehen.
Nun wird es kurviger, die Straße windet sich nach Nord auf das Dorf Moní zu, die Ausblicke werden unverstellter und grandioser. Unten im Tal einige weitere, sehr alt aussehende Kapellen – ob eine davon wohl die von mir anvisierte ist?
Rechts geht es zu einem Holzschnitzer hoch, wie eine Werbetafel verrät. Halblinks vor mir die paar Berggipfel, hinter denen sich das hübsche kleine Becken von Kinídharos verbirgt.

Eine Linkskurve, eine alte Steinbrücke quert ein Bachtal. Erste Gärten kündigen das nahe Dorf an. Ein wirklich schönes, auch im Herbst noch grün wirkendes Kulturland, durch das ich wandere – und überall Bäume.
Rechts oberhalb der Straße arbeiten zwei ältere Leute in den Oliven. Noch eine Rechtskurve, und ich stehe vor dem großen Schild, das auf das Heiligtum der Panajía Dhrosianí verweist. Die Häuser der Ortschaft Moní oben am Berghang zeigen sich bereits.
Das Kirchengelände schließt sich an das Olivengrundstück der beiden Alten an.

Es ist ein Ehrfurcht gebietendes, steinaltes Kirchlein mit flachem, offenem Glockenturm über dem Haupteingang an seiner südlichen Längsseite. Außer seiner Hauptapsis weist der Bau noch fünf oder sechs kleinere, uralte Kapellenanbauten auf, die ihm einen ungewohnten Grundriss verleihen. Die echte Besonderheit von Kirche hat einen Nachteil: sie ist verriegelt, zugesperrt.
Noch immer wartet eine standhafte Schar kleiner Katzenkinder am Zugangsweg auf die nun gänzlich ausbleibenden Touristenbusse. Und ich hab partout nichts zum Füttern mitgebracht.
So schleiche ich dreimal um das architektonische wie kulturhistorische Juwelchen herum, werfe einen Blick auf den kleinen Friedhof und befolge schließlich den in einem Reiseführer erteilten Rat, eine Kirchenglocke zu läuten.

Doch nichts tut sich, keine Bewirtschafterin des Priesters erscheint auf der Bildfläche, und keine Bauersfrau von der Olivenernte.
So bleibt mir nichts übrig, als ein Stück den Wanderpfad hinterzugehen, bis ich auf Höhe der schuftenden alten Leute angelangt bin. Gleich faucht mich die Frau an, dass sie nicht mehr aufsperrten, die Saison sei seit Mitte Oktober vorbei, und damit basta. Na sehr kategorisch, sage ich zu mir, wo bleibt da die griechische Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit? Nur gut, dass ich nicht von der Südhalbkugel her angereist bin, dann würde ich mich wirklich ärgern.
Naxos und seine Tourismusverantwortlichen scheinen nicht sehr erpicht auf Touristen außerhalb der vorgegebenen Saison zu sein, das merkt man allenthalben. Andererseits: wenn mehr Touristen bis Ende Oktober kämen, würden die Gegebenheiten bestimmt angepasst.

Zurück geht es immer schneller als auf dem Hinweg, und so hab ich die vielleicht 3 km bis kurz vor Chalkí bald abgewandert, kann mich nun in den Olivenhain schlagen, rechts des Weges, in dem schon die schwarzen Plastiknetze ausgebreitet wurden, herunterpurzelnde schwarze Früchte aufzufangen bzw. den bald erscheinenden Erntearbeitern behilflich zu sein.
Das unverputzte byzantinische Kirchlein in Kreuzkuppelform, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, ist noch geöffnet, ganz unbewacht und hat in seinem Inneren sehr hübsche alte Fresken zu bieten. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht wenige Touristen fälschlicherweise für das der Panagía Drossianí halten und nach der Besichtigung zufrieden von dannen ziehen.

Der junge Schäferhund muss wieder von seinem Herrn zurückgehalten werden, als ich an der Werkstatt vorbeitrotte.
Zwei Bauern recken an der Einkreuzung der Straße nach Kalóxilo aus ihrem Garten heraus die Hälse Richtung dort vorne. Was bedeutet denn dieser Menschenauflauf am Ortseingang von Chalkí?
Ach, alle verfügbaren Schülerinnen und Schüler, es sind Hunderte, wurden aufgeboten, ihren Parademarsch vor dem großen Nationalfeiertag am 28. Oktober einzuüben.
Für die herumhängenden Jugendlichen ein Grund, die Sau herauszulassen, wenn sie sich nicht gerade in die Phalanx der unglaublich linkisch Marschierenden einreihen müssen. Da komme ich gerade gelegen. Man bombardiert den daherwandernden Malákka mit kleinen Steinchen und frisch abgefallenen Oliven, während er sich vorbeizwängt und versucht, seinen Lachanfall im Zaum zu halten. Besonders belustigend die verzweifelt Gleichschritt einfordernden, überall verteilten Lehrkräfte – vergebliche Liebesmüh (Love's Labour's Lost), das mit dem Gleichschritt.


Richtung Sangrí und zurück zur Chóra

Am Kiosk erkundige ich mich nach dem nächsten Bus nach Naxos–Stadt, der geht erst nach Schulschluss. Ich überlege nicht lange und stiefle drauflos, immer das Landsträßchen lang durch die Tragéa–Ebene.
Meine Road–Editions–Landkarte (1:50.000) lügt mich ein wenig an, ich nehm sie schon seit Jahren nicht mehr ganz ernst. Besonders aus Chalkí heraus findet sich eine etwas abenteuerliche Straßenführung auf ihr. Die in Rot eingetragene angebliche Hauptroute zurück nach Náxos–Stadt möchte ich ebenfalls anzweifeln. Ist nicht mehr das allerneueste Modell, meine Ausgabe, gut (vielmehr: schlecht), und die Anávas(s)i–Karte, die Konkurrenz, hätte auch noch einen besseren Maßstab. Aber bisher hat es mir gereicht, ich brauchte nichts Besseres, fand mich ganz gut selbst zurecht.

Die Straßenidylle, meine Idylle. Ganz am Anfang, zwischen üppigen Bäumen vor einer engen Brücke, begegnet mir eine bemerkenswerte Paarung Mutter/Tochter, wohl Berlin (meine Feststellung erhärtet sich, als ich sie später in der Stadt wiedersehe), auf einem (einzigen) Motorrad – die ältliche Mutter (Quasi–Initial–Grufti!) am Lenker.

Gar nicht so weit nach Áno Sangrí, höchstens fünfeinhalb fußschnelle Kilometerchen in frischester Luft, doch etwas eintönig, wenn man die Straße geht, trotz der kleinen Kapellchen am Wegesrand. Großartige Seitenblicke zwar, zugegeben, die Tragéa ist nicht breit, und man hat all ihre Siedlungen im Blick, aber hier verkehren gerade unverschämt viele Beton– und Steinlaster, Baufahrzeuge, und ich lerne ihre Fahrer wegen vielfacher Wiederbegegnungen oberflächlich kennen – sie weichen kavalierhaft aus, ich schwanke dennoch in ihrer Windschleppe. Bei dem Weiler mit der Tankstelle zweigen sie alle nach links ab, nehmen vielleicht Kurs auf die Westküste, nach Pirgáki usw. Bauzeit, diese Nachsaison.

Beeindruckend, die mich umgebende Hochebene. Monoton ist nur das Asphaltlaufen, wo ich doch so sehr auf Polyphonie abfahre.
Ich brauche eine neue Aufnahme der Matthäus–Passion! Mit zwei getrennten Chören und guten Sängern. Möglichst mit dem Freiburger Barockorchester als Orchesterbegleitung (– ach Gott, war ihr Monteverdi–Orféo, die erste eigentliche Oper überhaupt, im Münchner Prinzregententheater gut!).
"Mache dich, mein Herze, rein": diese Arie ist wohl das Schönste, das die Oratorienkunst je geschaffen hat – J.S.B., halt Bach, Vater Johann Sebastian. Bin letztes Jahr fast gestorben, explodiert, als ich die M.–Passion (auch mit Schwaben, aber nicht diesen) live gehört habe, im Prinzregententheater.

Hier ist er, der Abzweig. Angekommen. Und es geht weiter. Nach Áno Sangrí ist es noch knapp einen Kilometer.
Eingezäunte Hunde, einer links, einer weiter straßenabwärts rechts, begrüßen mich kläffenderweise.
Dann lasse ich mich hinunterfallen ins Dorf. Das Gemeindehaus, erhaben und waldumgeben über der Durchgangsstraße.
Alles zu, bis auf eine Essensstätte um die Ecke herum, nach links, schon wieder leicht bergab.
Dort wird zwar gebaut, aber als ich nach der Taverne frage, antwortet mir sogleich der Wirt, recht jugendlich wirkend, trotz seiner gut 40 Lenze, er lasse augenblicklich alles fallen, ruhen, und er habe noch guten Fisch auf Lager. Ich lehne (für diesmal) dankend ab.

Zurück, vorbei an den Hinweisschildern auf nicht nur den Tempel der Dhímitra. Nein, hier scheinen ganz andere Stätten von Bedeutung.
Passiere wieder den aufgebrachten Hund vor dem kleinen Häuschen, der Zu–Fuß–Besucher nicht so gewohnt ist.
An der Einkreuzung auf die Überlandstraße sitzt immer noch der Dörfler, der mich schon gut vorher begrüßt hat.
Wir warten alle auf den Bus, der von Chalkí her kommen muss.

Er kömmt/kommt auch, auf einmal ist er da. Er pop(p)t sozusagen up wie eine Sprechblase, wie eine plötzliche Antwort auf das lange Warten.
Was ich nicht erwartet hatte: seine irre Überladung mit Schülerinnen und Schülern. Die Typen, die mich mit Oliven und Steinchen beworfen hatten, tauchen jetzt, eingedosten Sardinen gleich, als wüst zusammengestauchte Busladung auf, je nach Temperament nach Luft schnappend oder souverän die eingeengte Situation beherrschend und immer noch scherzend.

Wir quälen uns die Serpentinen nach Galanádho hinunter, trotzen der Fliehkraft. Der junge Busfahrer kann gerade noch sein Lenkrad frei bedienen. Unterwegs tönt uns von rechts des Weges eine laut mit Musik berieselte Weide entgegen: ein wohl erfolgreiches Experiment.
Bei einem Möbelhaus steigt noch eine junge Frau zu, wie jeden Tag.
Viele steigen bei der großen Kirche neben dem bescheidenen Ortskrankenhaus von Naxos–Stadt aus.
Was mich wundert, ist, dass einige Schüler(innen) am Endhalt, dem Praktorío am Hafen, sitzen bleiben. Der Bus fährt weiter, offenbar Richtung Galíni und Engarés. Ungeahnte Möglichkeiten, per Schulbus! Wenigstens one–way.

Abends eine große Runde durch die Stadt.
Was mir auffällt: das Scirocco ist vollgepackt mit Briten. Die feiern den letzten geöffneten Abend (Freitag, 24. Oktober) ab. Tags darauf ist alles mit Blumenkästen und Sperrseilen verstellt und abgedichtet: Schluss für dieses Jahr!
Ich genieße mein Essen im Boulamátsi.


Wiedersehen mit Apóllona(s)

Erst nach Passieren des Großdorfes Apíranthos habe ich den Eindruck, allmählich in einem entlegenen Teil der Insel angekommen zu sein.
Eine Panoramastrecke, zweifelsohne, und von den Panoramen habe ich in früheren Berichten (unter "Quer durch die Ägäis") ausgiebig geschwärmt.
Als ich den gutmütigen alten Schaffner frage, ob denn noch jemand auf den drei Makáres–Inseln da draußen lebe, erklärt er mir, ja, noch etwa 5 oder 6 Leute (– auf Dhonoússa erfahre ich später, das sei Quatsch, dort lebe keine Menschenseele mehr).

Ganz einsam liegt sie da in freier Natur, die Wegkreuzung von Stavrós Keramotís. Wie eine Einladung, sich irgendwohin zu wenden, auf gut Glück.
Auf großzügigen Serpentinen kurven wir nach Kóronos ein, rollen dicht oberhalb des sich hangabwärts erstreckenden, ursprünglich gebliebenen Ortes vorbei. Eine Trauergesellschaft steht um ein Auto herum gruppiert.
Weit außerhalb der zugehörige Friedhof an der Straße, schon fast halbwegs Richtung Skadhó.
Skadhó, wie verlassen es wirkt. Letztes Jahr im Mai sind wir durchgewandert, haben zur nachmittäglichen Ruhezeit keine Menschenseele zu Gesicht bekommen.
Souverän schlüpft unser Bus durch die Engstelle.

Unser nächstes Ziel ist Koronídha, nicht Mési, wir nehmen also die längere Strecke. Auf dem Busfahrplan am Hafen heißt Koroníd(h)a übrigens Komiáki.
Vor einer der beiden Kafenío–Tavernen an der Durchgangsstraße, die das untere Ortsende gerade noch durchschneidet, ist die Haltestelle. Hier steigen die allerletzten Fahrgäste außer mir aus, darunter auch ein Tourist nicht gleich bestimmbarer Nationalität, den ich später wiedertreffen sollte. Ein paar Sachen werden ausgeladen. Der Busfahrer scheint hier wirklich bekannt zu sein, ganz nette, intime Plauderszenen spielen sich ab, bevor es weitergeht.
Am Ortsausgang der Friedhof mit einem sehr urig aussehenden alten Kirchlein.

Wir fahren bald kilometerweit auf nun sehr schmaler Teerstraße rechts oberhalb einer sich nord– und meerwärts erstreckenden tiefen Talung, gleiten mehr und mehr in sie hinab.
Nach der Einmündung der Straße von Més(s)i her werden die Haarnadelkurven geradezu abenteuerlich, gerät das Steuern zum Wagnis.
Die Kurven ziehen und ziehen sich, Apóllonas ist längst sichtbar. Was mir die Monotonie der Herumkurverei etwas durchbricht, ist der Anblick eines sich langsam dem nördlichsten Inselkap aus Ost nähernden GA–Fährschiffes, das wohl von Patmos her eintrifft. Muss die Daliána sein, meint der Schaffner nach Rücksprache mit dem Fahrer (– glaub ich aber nicht ganz). Gelegentlich führen die auch noch nach Amorgó, aber man könne nie wissen. Jedenfalls ist das Schiff deutlich verspätet.

Endlich haben wir die linke Talseite erreicht und rollen erhöht über ihr und schließlich vorbei am Abzweig der neuen, viel breiteren Straße, die in einigem Abstand die nördliche Westküste entlang nach Naxos–Stadt zurückführt, geradlinig in die Küstenortschaft ein. Die spärliche Bebauung verdichtet sich zum Ortskern. Unser Bus schiebt sich die letzten Meter hinunter zur Tavernenzeile beim Sandstrand, hinten bei der kleinen Mole noch ein Stückchen um die Ecke, wo sich ein kleiner Park– und Buswendeplatz befindet. Hier steige ich aus, werde instruiert, wann der letzte Bus zurückfährt und erfahre, dass sie gleich wieder hoch nach Koronídha führen.

Vor mir eine höhere Schutzmauer über den einige Meter zum Wasser hinunterfallenden Felsen. Alles um mich herum ist nass, denn die Wellen werden vom Nordwind mit voller Wucht gegen die Küste getrieben und produzieren gewaltige Gischtfahnen, die stellenweise sämtliche Hindernisse überwinden.
Wie gut, dass sich der strandnahe Ortsteil auf der Ostseite des kleinen Vorgebirges in Schutzlage gegen die unangenehmen Nordwinde befindet, sodass die Tavernenbesucher nichts zu befürchten haben.
Nachdem ich aus dem Busfenster die wenigen noch geöffneten Essensstätten gepeilt hatte, selber aber keinen Hunger verspüre, nehme ich erst einmal ganz hinten im letzten Café gleich gegenüber der Fischermole Platz und lasse mir vom Wirt einen Frappé bringen.
Andere Touristen sind momentan keine zu sehen, die (wenigen) treffen erst später in ihren Autos ein.
Wenn ich nach SO blicke, sehe ich am Buchtende einen weiteren, vielleicht einen halben Kilometer langen Strand, immerhin mit Bäumen, dahinter ein älterer Hotelkasten. Nach Ost hin schließt ein höheres Kap die Bucht ab.

Mein erster Weg führt mich um die nördlichsten, schäbig und verlassen wirkenden Häuser der Ortschaft herum ein Stück nach West.
Man kommt auf eine kleine, landeinwärts steil ansteigende Straße. Die verlasse ich aber gleich wieder nach rechts auf einem Feldweg, der mich durch eine hübsche wiesenhafte und bambusumstandene abgeerntete Feldfläche hoch über dem nächsten, nicht sehr anziehenden Strand zu einem Häuschen bringt, das einen mit Hecken umstandenen Garten bewacht. Ein echt idyllisches Plätzchen. Ich möchte aber nicht hier eindringen und gehe die gut 50 m zur steilen Ortsstraße zurück.
Oben angelangt, stehen links Flora's Apartments, auch schon wettergegerbt und nicht mehr so ganz neu aussehend. Alles sehr unbewohnt. Nach wenigen Metern ist die gute, breite Straße Richtung Westküste erreicht, ich gehe vielleicht 100 m nach links auf ihr, schon taucht das Hinweisschild auf eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Insel Naxos auf: den Koúros von Apóllona.

Wenn man die Stufen hochgestiegen ist, steht man auf einem antiken Steinbruch, aus dem das Riesending von gut 10 m Länge herausgemeißelt wurde.
Der Jüngling oder junge Krieger (Apoll?, Diónysos?) ist längst nicht ganz vollendet, liegt als unfertiger Felsklotz vor einem hingebreitet. Seine Wirkung auf mich Besucher ist enorm, er beeindruckt mich heute viel stärker als damals, als ich ihn das erste Mal vor Augen hatte.
Ich steige den Pfad links weiter hoch, klettere ein wenig auf die Felsen hinter dem Haupt des Kolosses, blicke von oben herab auf seine archaisch strengen steinernen Züge, den mächtigen Bart, den Riss im Gesicht, den abgewinkelten, gegen den Himmel ragenden rechten Armstumpf, die munter blühenden Blümchen in den Ritzen der Figur.
Fast eine halbe Stunde verweile ich an diesem Platz, spaziere wiederholt um den massigen Körper herum. Etwa 2.500 Jahre Alter werden ihm zugeschrieben.

Zurück zur Nordseite von Flóras Apartments. Dort gehe ich ein schmales Gässchen zur Hauptortsdurchfahrt hinunter. Ein Wasserrinnsal begleitet mich. Hühner, staubige Flächen, ein paar Ziersträucher. Ein langweiliges Stück Land im Windschatten einer Häuserzeile steht zum Verkauf. Ich begegne einer Mutter mit Kleinkind, erhalte ein Lächeln geschenkt.

Auf der Straße gehe ich an Unterkünften vorüber, alles leblos. Kurz vor dem Hafen wird ein Haus rechts in einer Reihe von höheren, älteren Bauten gerade auf Vordermann gebracht. Ein Deutscher schmirgelt an einer aufgebockten Holztür herum, eine andere Deutsche hat ein paar Worte mit ihm gewechselt, verzieht sich die Gasse zum Kiesstrand hinunter. Ein Auto mit sächsischem Kennzeichen parkt in der Nähe. Aha, da haben Landsleute ihren Traum verwirklicht.
Na, dann schau ich mal zum großen Strand mit dem Hotel hinter. Das ist nicht so leicht, denn diese Strandgasse wurde auf ihre ganze Länge hin aufgerissen, man klettert über Erdhaufen, alles macht einen etwas tristen Eindruck, halb zerstörte Sitzbänke über der Bucht, und in der Häuserfront ist alles zugesperrt. Der Strand, Kiesel, nicht gerade eine Schönheit, viel angespültes Treibgut. Leider ist der längliche Hotelkasten dahinter schon etwas abgewohnt, nur ein Zimmer macht einen bewohnten Eindruck. Aber klar, an einem derart abgelegenen Ort kann man nicht viel Tourismus erwarten, und schon gar nicht gegen Ende Oktober.

Ein Feldweg führt als von riesenhohem Schilf umstandene Allee östlich des Hotels ins Hinterland, ein trockengefallenes Bachbett entlang. Ich fühle mich wie im Innern einer gotischen Kathedrale mit das Licht abtönenden bunten Glasfenstern. Klar, etwas ungepflegter ist es hier schon, es ist Bauernland und noch dazu Land am Flussbett.

Links oben wären zwei ganz hübsche Häuser, ich dreh aber nach rechts und gehe auf einem anderen Weg zurück zum Hotel, zu seiner Westseite und stapfe wieder durch das Erdreich der Straßenbaustelle. Ein wenig um die Kirche rum, eine Pause auf einem von zwei Stühlen vor einem Privathaus über der Uferpromenade. Die beiden Fischtavernen buhlen um die ersten eintreffenden Gäste.
Ein kleiner Kombi erscheint auf der Bildfläche, parkt genau vor mir ein, Sicht ade, und ob da jetzt jedes Fahrzeug weiterhin durchkommt, an dieser leichten Kurve?

Ich zieh mich wieder in mein Café ganz hinten am Nordende der Uferstraße zurück, bald darauf trifft die vielköpfige Schar vom eingeparkten Kombi im selben Lokal ein. Es sind dieselben Sachsen, die schon einmal die Terrasse des Boulamátsis in der Chora bevölkerten, als ich auch dort aß. Allmählich krieg ich den Eindruck, dass Oktober auf Naxos Sachsenzeit ist.
Der Wirt kommt von seiner Mittagspause zurück, ich esse eine Kleinigkeit und blicke auf die Bucht, die ausgeprägten Wellen und über die Tavernenzeile. Die Sachsen an einem der Nebentische sind sehr unterhaltsame und dankbare Gäste.

Mein Wirt behauptet steif und fest, die Insel Ikaría befinde sich da draußen schräg halblinks (also Richtung NW) vom Nordkap unserer Insel – ich weiß, dass es eher halbrechts ist (also NO), aber was soll ich da noch sagen. Dennoch ein netter Kerl.
Nun heißt es noch ein Stündchen warten auf den Bus. Ich will die beiden Angler auf der Mole etwas fragen, sie kennen sich aber nicht aus hier. So vertrete ich mir noch ein wenig die Beine, bewundere die mächtigen Wellen.

Auf einmal trifft ein Wanderer am Buswendeplatz ein, der mir bekannt vorkommt. Es ist der andere Tourist, der den Bus oben in Koronídha verlassen hatte. Er ist den alten Wanderweg heruntergestiegen, der sei nun bestens instand gehalten und wirklich empfehlenswert, meint der Deutsche von irgendwo aus dem Norden unserer Republik.

Als der Bus eintrifft, kommt er nicht durch die durch den geparkten Kombi geschaffene sächsische Engstelle. Einer aus der Runde springt auf und eilt zum Auto.

Die beiden Busprofis setzen sich noch ein Weilchen ins Café, bevor es nach Naxos-Stadt zurückgeht.
Der Wanderer und ich steigen gemeinsam in den Leoforío.


Stadterlebnisse

Abends durchs Kástro–Viertel streifen, hinauf zur katholischen Kathedrale. Randlich des abgeschirmten Bezirks hocken sie wieder, die hungrigen Katzen. Tags darauf werde ich ihnen was vorbeibringen: ich hab Katzendosenfutter im Minimarket entdeckt und mache davon Gebrauch.

Sonntagmorgen. Habe ein wenig dem katholischen Gottesdienst gelauscht, ein paar Blicke vom Hauptportal aus in den Kirchenraum hineingeworfen. Ist ganz gut gefüllt, das Kirchlein. Es wird konzelebriert, also mehrere Priester am Altar. Im Eingangsbereich des Archäologischen Museums unterhält sich eine Amerikanerin mit dem Aufsichtsbeamten.

Sehr hübsch herausgeputzt, die Pension Ánixis gleich außerhalb des Nordostrandes des Venezianerquartiers. Man könnte gut hier wohnen, nicht jedoch so spät im Oktober, da ist sie wohl bereits geschlossen.

Später kaufe ich Katzenfutter und schütte die große Dose in mehreren Portionen an geschützten Stellen des Bra(n)doúna–Platzes nahe dem Tordurchgang zum Kastroviertel aus, eine Portion bringe ich noch ein Stückchen rein ins ehemalige Nobelviertel, zu der Stelle, wo immer ein paar Sofatiger in einem verwilderten Gartenfleck gleich rechts an der Kazantzákis–Straße kauern.
Als die Fütterung vorüber ist, steig ich hinunter zur Pandánassa–Kirche. Die orthodoxe Liturgie ist gerade aus, auf dem Hof der Kirche wird geweihtes Brot gereicht. Eine an der Zeremonie teilnehmende Touristin steht mit verklärtem Blick im Abseits. Vor dem kleinen Eisentor zur bergwärtigen Gasse wartet ein Fischer (!) mit seinem Karren und frischem Fang auf die Kirchenbesucher, verspricht sich ein gutes Geschäft.

Heute sind besonders viele gut gekleidete Leute mit Kind und Kegel auf den Beinen. Ich verbringe eine Zeit im Limanáki und schaue zu.
Auf einmal kommen gewaltige Schülerscharen auf der Paralía dahermarschiert. Schon am Vorabend hatte ich sie in der dreieckigen Grünanlage nördlich des Rathauses und nahe meines Wohnviertels üben sehen. Nun tauchen sie von Nord her auf. Man versucht Gleichschritt zu halten, das klappt aber nur bei einigen wenigen. Und wenn es mal durcheinandergeht, hat man natürlich keinerlei Anhaltspunkte mehr, wie es richtig wäre. Trommelträger schlagen trotzdem den Rhythmus. Die Passanten betätigen sich als Zuschauer.

Zwei Tage sind es noch bis zum Nationalfeiertag kommenden Dienstag, doch schon heute findet die Schülerparade statt. Am Feiertag selbst werde ich auf Donoússa sein und bin schon gespannt, wie die Leute dort den großen Tag begehen werden. Die Parade ist eher zum Lachen. Am lustigsten sind die dicken Kindermopse, diese kugeligen kleinen griechischen Jungs, die in dem Zug mithopsen und ihre Pfunde wackeln lassen und sich dabei entweder ganz wichtig vorkommen oder sich vollkommen gelangweilt geben. Viele Eltern aber sind stolz auf ihre Kleinen, die sich da so öffentlich präsentieren. Aber richtig ernst nimmt den Umzug niemand, geht alles ganz locker vonstatten.
Die Parade nimmt kein Ende. Das müssen alle Schüler der ganzen Insel sein! Wäre jetzt interessant, die eigentliche große Feiertagsparade mit Militär und Geistlichkeit mitzuerleben (– wenn es sie überhaupt gibt).

Die Essensportionen im Boulamátsis werden unerträglich groß, eine Art von Barbarei, so etwas kann man nicht mehr alleine in sich hineinzwingen. Ich bin froh, als wenigstens die Musik abgestellt wird, die gegen den laufenden Fernseher ankämpft.

Wie irre wenig Schiffe doch inzwischen in Naxos ankommen, im Vergleich zu früher!

Wie unheimlich ruhig es doch in meiner Unterkunft zugeht, obwohl das ganze Stockwerk über mir belegt ist. Gespenstisch ruhig. Etwas mehr Leben bitte, liebe Landsleute!

Montags noch einmal im Limanáki. Der Kapitän der Skopelítis (für diesen Tag) zecht hier in einer kleinen Paréa ganz schön, bevor er auf sein Schiff steigt. Er wird dennoch tapfer gegen die Wellen ansteuern.

Copyright puchheim = MartinPUC, Dezember 2008

Donoússa gegen Ende Oktober



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