Teil 5: Von Náxos über Sandoríni nach Iráklio
Copyright puchheim = MartinPUC, August 2011


Auf der Blue Star Naxos geht es diesen heißen Freitagnachmittag ganz mächtig zu. Die Massen drängen sich auf den Decks, Massen, wie ich sie im kühleren April oder Mai in dieser Zahl nie an Bord gesehen habe. Die überwiegende Mehrheit hat sich Santorin zum Ziel erkoren.
Ich hab wieder gleich hinter den Windschutzscheiben ganz vorne auf dem obersten Deck Platz gefunden, dort, wo man auch zur Helikopterlandefläche („Winch here“) rausgehen könnte, wäre da nicht dieses Strickgeflecht, das es einem verwehren soll.

Um diese Stricke kümmern sich die zahllos anwesenden jüngeren Touristen gar nicht – sie turnen drüber oder dazwischen durch, machen ihre Späßchen draußen im Fahrtwind, holen sich ein paar Stühle von drinnen nach. Zusammen mit einer russischen Familie wundere ich mich über das selbstbewusste, überlaute Auftreten der US-amerikanischen Studentengruppe um uns herum (mit dem Ableger da draußen jenseits der Scheiben). Man könnte meinen, das Schiff gehöre nur ihnen allein.
Einige junge Amerikanerinnen führen an vorderster, prominenter Stelle fast die ganze Fahrt über anspruchsvolle Pantomime vor, es geht ums Erraten bestimmter Begriffe, ein Gequieke und Geschrei der Sonderklasse umrahmt ihren Auftritt. Irgendwann möchte man sich die Ohren zuhalten. Positiv gesehen, ist es immerhin eine anspruchsvolle geistige Betätigung. Von den umliegenden Inseln und der ganzen Seefahrt kriegt die Clique aber kaum etwas mit.
Erst der weiße bzw. pastellbunte Häuserkranz hoch droben auf Sandorínis Calderarand zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich.

Eine lange Weile dauert es, bis ich, ziemlich am hinteren Ende der Ankömmlinge, endlich das Schiff verlassen kann. Hunderte und Aberhunderte von Menschen entströmen dem Schiffsbauch, und wiederum Aberhunderte warten bereits auf die Fahrt zurück nach Naxos, Paros und Piräus. Das Hafengelände ist verstopft, ich komme mir vor wie kurz nach der Sperrstunde auf dem Oktoberfest in München, wenn Zigtausende von Angetrunkenen zu den Ausgängen wogen – wehe dem, der sich ihnen entgegenstellt.

Flucht in die überdachte, ringsum offene Wartehalle im östlichen Hafenbereich. Mein Gepäck steht hier gut, Neuankömmlinge halten es für das Eigentum bereits hier Wartender. Gleich rüber in eines der Fahrkartenbüros, ich möchte die allererste der so um 18 Uhr herum nach Kreta abfahrenden Highspeed-Fähren nehmen, das ist die Flyingcat 4 von Hellenic Seaways. Vorsichtshalber frage ich nach den Preisen der beiden anderen Fähren, des Speedrunner III (abwechselnd fährt auch der Speedrunner II) und des Mega Jet. Inzwischen wurden die Preise untereinander angeglichen, also egal, dann wirklich die erste Fähre.

Wieder hole ich mir Erfrischungsgetränke und ein Eis bei der netten alten Dame in dem Souvenirgeschäft, wo alles so preisgünstig ist. Immer mehr Busse treffen ein, auch öffentliche, die Warteschlange vor und in der geschlossenen, d.h. allseits ummauerten, Wartehalle weiter vorne nimmt ungeahnte Ausmaße an.

Der Mega Jet zockelt von seinem Warteplatz in Ríva, Thirassiá, heran, legt bei meiner Wartehalle an. Die Massen strömen von der falschen Wartehalle herüber, gehen an Bord.
Dann kommt noch der Speedrunner III, der bei den Kreuzfahrtschiffen geparkt war, legt ebenfalls an, vor der anderen, der üblichen Halle. Eine Umkehrung der Verhältnisse!? Eigentlich hätte mein Schiffchen ja das erste sein sollen, doch es kommt erst zum Vorschein, als sich die beiden anderen bereits auf großer Fahrt befinden. Kein Wunder, es war ja zuvor über Íos und Páros bis Míkonos gedüst und hat auf dem Rückweg einige Verspätung eingefahren.

Mein roter Katamaran mit der überdimensionierten VODAFONE-Aufschrift legt seitwärts an, mangels einer Heckladeklappe. Aus zwei Ausgängen entströmen in aller Vorsicht und Langsamkeit, jedem Einzelnen muss geholfen werden, wieder einige Hundertschaften dem stark schwankenden Boot, von denen eine Handvoll sich auf dem Kai ein letztes Mal übergibt, quasi als Abschied von dieser Höllenmaschine.
Na, das kann ja heiter werden!
Einige Touristinnen, Tagesausflüglerinnen von Kreta her, setzen sich mit Leidensmiene noch einmal auf den Asphalt, als das Tor der Halle geöffnet wird, weigern sich sozusagen zunächst wieder einzusteigen, Freundinnen spenden Trost.

Ich war ja schon von Santorin aus auf demselben Katamaran bei ruhiger See nach Paros gefahren, hatte mich nur über die verschmutzten Fenster und die Unmöglichkeit, ein Freideck zu betreten, geärgert. Was mich nun erwartet, ist für mich der Super-GAU.

Es wird ein übles Abenteuer auf See, eine, trotz aller Catamaran-Stabilitätstheorien, Extremschwankerei übers Kretische Meer. Zunächst jubeln einige Kreta-Jungs noch bei jedem Stoß, der das Schiff fast umwirft, später verstummen sie vollkommen. Mittlerweile wurden längst Spucktüten verteilt, die ersten Passagiere liegen leichenblass in ihren Sitzen.
Nach etwa einer Stunde wird das Hin- und Hergewerfe dann noch schlimmer, kurze Seen stören zunehmend die eh schon fatal hohen Wellen. Ich habe bisher tapfer gekämpft, der kalte Schweiß steht seit geraumer Zeit auf meiner Stirn, ich kralle mich an meinem Sitz fest, lange kann ich mich nicht mehr zurückhalten, nun bin ich dran.

Auf dem Weg zur Toilette, eher eine Hüpfpartie, schaffe ich es zum großen Glück für alle Umsitzenden noch, nebenbei meine Speisereste punktgenau in den mitgeführten Plastikbeutel zu befördern – Zufall! Und ich finde mit viel Glück eine der 4 oder 5 Herrentoiletten gerade noch frei vor, also „gerettet“, sozusagen.
Schweißtriefend erlebte ich darin die schlimmsten 40 Minuten oder so meiner bisherigen Seefahrten in GR. Details gibt es hier keine weiteren. Ein armes seefestes Besatzungsmitglied war jedenfalls im Dauereinsatz bei der Toilettenreinigung, sein Arbeitskollege saß kampfunfähig mit Tüte am Boden, zahlreiche Elendsgestalten hielten sich mit letzten Kräften kreidebleich und tütenbestückt irgendwo fest, ein paar rollten auf den Gängen vor den Klos herum. Eine einzige Besatzungsfrau war noch in der Lage, laufend Brechtüten auszuteilen.

Wer das miterlebt hat, plädiert wohl dafür, dass der Flyingcat 4 bei derartigem Seegang nicht mehr auslaufen darf. Mit bis zu 40 Knoten durch ein derartiges Inferno zu brettern, ist schon echte Körperverletzung aller Insassen, würde ich jetzt mal sagen. Das Boot ist zu klein und instabil für solche Unternehmungen.
Natürlich wollte man die Touristen, die man von Kreta aus auf einem Tagestrip zu anderen Inseln geschippert hatte, auch wieder zurücktransportieren, irgendwie.
Könnte gut sein, dass der größere Speedrunner und der relativ langsame Mega Jet an diesem Abend ähnliche Probleme hatten. Sie wurden übrigens beide trotz des hohen Seegangs von unserem Flyingcat überholt!

Kommentar einer jungen amerikanischen Mitfahrerin nach Ankunft in Iráklio: „It was a real horror trip, and one should tell people!“ Was ich hiermit mache.

Alles Gute bei Eurem nächsten Trip bei hoher See zwischen Santoríni und Iráklio (oder mittwochs zusätzlich auch Réthimno). Ich empfehle, genau nach den Seewettervorhersagen zu fragen oder generell lieber samstagvormittags die gute alte Prévelis zu nehmen. Die braucht zwar viel länger, kommt aber auch besser mit derartigem Seegang zurecht.

Schlussbemerkung: Die Fortsetzung dieser Reise findet Ihr unter „Kreta Juni 2011“.

Copyright puchheim = MartinPUC, August 2011

Einige Tage auf Kreta


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