Teil 5: Auf der Ártemis von Mílos nach Náxos
Copyright puchheim = MartinPUC, Januar 2011


Ich freu mich deshalb so sehr auf die Tour, weil ich diese Route in dieser Richtung zum ersten Mal fahre. Umgekehrt bin ich vor Urzeiten einmal von Folégandros nach Mílos geschippert, damals noch auf der Erjína (Ergína), die noch früher Kímolos (Express) hieß.
Alles andere als eine direkte Verbindung wird das werden. Vielmehr ein echter Zickzackkurs. A day at sea!

Als ich um halb sieben Uhr früh am Anleger eintreffe, bietet sich mir ein prachtvoller Anblick. Neben der Ártemis, oder besser gesagt: im rechten Winkel zu ihr, ist die alte Ájios Jeórjios (Ágios Geórgios) von Ventouris Sea Lines vertäut, die stattliche alte Dame unter den Westkykladenfahrern, die erst um 11 Uhr Richtung Piräus in See stechen wird.
Meine Ártemis ist kein besonders großes, auch nicht hochmodernes, aber nach meinem Geschmack hübsches, schnittig aussehendes Schiff, das in Síros zu Hause ist und von Montag auf Dienstag in der Regel hier in der Bucht von Mílos übernachtet.

Ein kleines Häufchen motivierter Frühaufsteher in Aufbruchstimmung findet sich ein, mich auf meiner Reise zu begleiten. Und kurz vor Abfahrt tauchen gerade noch meine beiden Reisegefährten auf, um mich winkend zu verabschieden – sie bleiben gerne noch länger auf einer Insel, die sie immer mehr schätzen und lieben lernen werden. Ich glaube, sie haben noch am flach abfallenden Achivadholímni–Strand gebadet, als ich meinen Kálimnos-Besuch schon hinter mich gebracht hatte und bereits die legendären Stufen auf das Hochplateau über Megísti (Kastelórizo) hinaufgestiegen war. Ja, derart Schönes sollte mir noch bevorstehen. Andererseits: Warum sollte man nicht bleiben, wenn es einem so gut auf einer bestimmten Insel gefällt?

Langsam entfernt sich das Schiff vom Kai – auf zu neuen Taten! Es wird eine ruhige Fahrt werden.
Ein letztes Mal die Mílos–Bucht in aller Morgenfrühe, so herrlich anzusehen wie kurz darauf das Hinausgleiten ins offene Meer. Ums Akrotíri Lakídha herum, um noch ein Kap, bald zeigen sich die weißen Bimssteine von Sarakíniko in ihren vollen Küstenlänge. Wieder versäume ich die Basaltorgeln der Glaroníssia, die sind diesmal einfach nicht zu sehen (damals in der Gegenrichtung hatte ich sie erkannt), es nähert sich der klobige Mönchsfelsen, der die Bucht nördlich von Pollónia bewacht, und die ganze Pracht des Ortes selber. Man weiß gar nicht, wo man hinschauen soll: Sich vielleicht Kímolos zuwenden, das nahe Políegos fixieren, oder dem nordöstlichen Mílos letzte sehnsüchtige Blicke widmen?

Nun sind ja 17 Euro (Normalpreis, kein Super–Spar–Winter–Vorausbuchungstarif, den es gar nicht gibt) für das gebotene Tagesprogramm auf See wirklich nicht die Welt, doch was ich gleich drinnen erleben sollte, haut mich fast um. Ich möchte einen Morgenkaffee an der Theke abholen, und man bittet mich, doch auf den bequemen Polsterbänken Platz zu nehmen. Dann kommt einer von zwei echten Obern, sozusagen im Frack, um mir auf einem Tablett mein heißes Getränk plus einen warmen Snack in formvollendeter Höflichkeit zu kredenzen. Als ich auf den Kassenbon blicke, trau ich meinen Augen kaum, denn so wenig hab ich trotz der Bedienung bisher noch nie auf einer Fähre für ein Frühstück bezahlt. Kaum zu glauben, da langen sie auf der Níssos Kálimnos und insbesondere der Protéfs (Proteus, Protéas) unvergleichlich kräftiger zu, und auf diesen Schiffen muss man sich alles selber abholen. Es sind auf der Ártemis jedenfalls Preise, die auf den griechischen Durchschnitts(gering)verdiener zugeschnitten sind, nicht etwa auf den mitreisenden Touristen. Alle Achtung!

Bei meinem Frühstücksaufenthalt im Salóni fällt mir die Frauengruppe auf, die ich schon von der Fahrt Sífnos–Mílos her kenne. Es sind die Amerikanerinnen, verstärkt durch verwandte Norwegerinnen, und ich komme mit ihnen ins Gespräch.
Enttäuschend war für sie, wie schon erwähnt, die Unterkunft in Pollónia, ansonsten hat ihnen Mílos gut gefallen, aber nun freuen sie sich auf Sandoríni (Santorin), wo sie sich gleich im Hafen ein Auto mieten werden um die letzten Tage ihrer GR–Reise auf der Insel zu verbringen.
Ich biete Ihnen bis zu ihrer Ankunft meine gute Santorinkarte an und beantworte ihre Fragen.

Wir schippern nun die Südküste von Kímolos entlang, kommen den Stränden von Alikí immer näher. Ich frage mich, ob wir das Inselchen Ájios Efstáthios südlich umfahren, oder westlich daran vorbeiziehen – Letzteres wird es werden. Allmählich zeigen sich Häuserreihen der über der Ostküste gelegenen Chóra, doch der Hafenort offenbart sich erst, als wir gegen acht Uhr in die kleine, heimelige Bucht von Psáthi einbiegen.

Viel kann man um diese Tageszeit von einer kleinen Insel eh nicht erwarten, aber am Anleger von Psáthi tut sich praktisch nichts, vielleicht wurde allenfalls ein Paket ausgeladen, Aus– oder Zusteiger sind Fehlanzeige. Der ganze Ort scheint noch nicht erwacht zu sein. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie ruhig das Touristenleben an diesem 11. Mai auf einer verschlafenen Insel wie Kímolos verlaufen würde, verließe man nur das Schiff und begäbe sich auf Zimmersuche. Für jeden zu empfehlen, der sein Griechisch in unverdorbener einheimischer Umgebung intensiv trainieren möchte!

Zu Políegos, an dem wir ebenfalls sehr dicht vorbeifahren, werde ich von einer der netten US–Frauen gefragt, ob man dort denn etwas unternehmen dürfe, oder ob das Eiland nicht eine Art geschützter Naturpark sei. Unbewohnt, schon, ob aber geschützt, kann ich nicht sagen. Hermann Richter lässt sich, wenn er mit seinen Wandergruppen in der Gegend ist, jedenfalls auch nach Políegos übersetzen.

Nicht die Spur von Delfinen zu sehen, heute – schade! Nichts zu machen. Kurs auf Folégandros. Knapp anderthalb Stunden wird es dauern, bis wir dort sind. Das südliche Sífnos wird jetzt auch wieder sichtbar, ich denke zurück, wie ich erst vor einigen Tagen von dort Folégandros und Síkinos in der Ferne ausgemacht habe.

Vorbeifahrt am nördlichen Folégandhros. Die Feldterrassen unterhalb von Áno Meriá. Wie verlassen das Land doch wirkt. Grünbraune Kargheit. Gleich vor uns das nahe Síkinos.
Die äußerste Häuserreihe der Chóra von Folégandhros, die am Steilklippenrand, ist von Deck aus gut erkennbar.
Da sind sie wieder, die vor der Hafeneinfahrt verstreuten spitzigen Felsbrocken, aber die Kykladenfahrer auf der Brücke der Ártemis sind erfahrene Seeleute und kennen sich in ihren heimischen Gewässern aus. Souverän wird beigedreht und auf den Anleger von Karavostássis zugehalten.
Einige steigen aus, neue Passagiere kommen aufs Schiff: Skandinavier und ein paar Leute englischer Zunge und bestimmt auch ein oder zwei deutsche oder österreichische Paare.

Kaum hat sich das Schiff aus der Hafenbucht hinausmanövriert, gleitet es schon an dem etwas größeren Inselchen Kardhiótissa vorüber, das die Meerenge zwischen Folégandhros und Síkinos bewacht. Bald ist die karge, menschenverlassene Südseite von Síkinos erreicht.

Einen langen Taleinschnitt hinauf ist sogar das Iróo(n), eine der Inselsehenswürdigkeiten, sehr gut und unverstellt mit bloßem Auge zu sehen. Mit Tele sowieso kein Problem.

Die Bucht von Aloprónia, in die wir einlaufen. Absolut verschlafen, der halbkreisförmig hinter dem Strand angeordnete kleine Hafenort. Ein einziger Zimmervermieter ist am Anleger zugegen, um vier Neuankömmlinge aufzunehmen und zu seiner Unterkunft im östlichen Buchtbereich zu chauffieren. Ein herbeigeeilter Fremder sieht zu, wie die Neuen ins Auto steigen. Sonst niemand, außer den Taue–Festmachern und –Lösern. Die Hänge hoch weitere Bauten.
Teile der beiden im hohen Inselinneren gelegenen Hauptorte zeigen sich erst nach dem Ablegen von weiter draußen im Meer in ihrem ausgreifenden Weiß.

Nun werden die Amerikanerinnen/Norwegerinnen leider die hübsche Bucht des so nahen, bergigen Íos verpassen, diesen tollen erstmaligen Anblick, denn unser Schiffchen steuert geradewegs auf Santoríni zu.
Der weiße Fleck in der Ferne mitten in der Durchfahrt zwischen Ía und Thirassiá wird nach und nach größer – endlich so groß, dass ich ihn an seiner Form identifizieren kann. Es ist die Ierápetra der ANEK mit ihren beiden seitlichen gelb–blauen Schornsteinen, die, von Rhodos und Kárpathos herkommend, Kurs auf Mílos nimmt. Wie riesig ihre breite Front doch im Vergleich zur Ártemis wirkt. Eine schöne Begegnung!

Beim Einlaufen in die Caldera von Santoríni strömen fast alle Mitreisenden auf die Backbordseite, auf der Suche nach dem optimalen Fotografierstandpunkt, bereits Ía und die buntere Hafensiedlung zu dessen Füßen entlocken den Scharen etliche Aaaaaahs und Oooooohs. Ich habe Mühe, meine Schützlinge auf die vielfarbigen erstarrten Lavamassen hinzuweisen, die wir in nur etwa 50 m Entfernung in Form der Insel Néa Ka(i)méni passieren, doch auch ein irres Naturphänomen, allerdings nur von Steuerbord aus zu sehen, und nur wenn man sich seine Umsicht bewahrt und sich nicht nur von den Calderarandsiedlungen blenden lässt.

Ein kurzer Abschied. Nur 10 min später beobachte ich vom obersten Aussichtsdeck aus, wie die Aktivste der Kleingruppe bereits in den angemieteten Leihwagen steigt und die anderen Damen hereinbittet. Ja, wenn man wenig Zeit hat, muss man rationell handeln, sich schnell entscheiden, dann bleibt mehr Zeit für Besichtigungen. Und sie sind doch so scharf auf die Red Beach unterhalb von Akrotíri!

Abfahrt Richtung Nord. Wieder zeigen sich die oberen beiden Dörfer von Síkinos, laden zu einem längeren Aufenthalt ein. Es geht aber haarscharf an dieser Insel vorbei, später, erst einmal das Buchterlebnis von Íos. Ja, man bekäme richtig Lust auszusteigen, wenn man sich nicht auf zumindest vergleichbar Schönes andernorts festgelegt hätte.

Noch schönheitstrunken von der Íos–Berührung lassen wir Síkinos links und Irakliá rechts liegen und paradieren die Westküste, die Badestrände von Náxos entlang, leider zu weit draußen, um sich über Details und neu Hinzugekommenes auslassen zu können.

Kurz vor vier Uhr nachmittags betrete ich die mir vertrauten Gefilde der Chóra, also von Náxos–Stadt. Schleppe gleich alles Gepäck hinter zum Ag.–Geórgios–Strandviertel, zu meinem geliebten Hotelchen. Finde die Tür allerdings verschlossen, immer noch Mittagsruhe, nur eine Telefonnummer hängt aus. Manólis nimmt den Anruf entgegen und taucht 20 min später mit seinem Moped auf. Gerettet!
Ich krieg für 2 Tage ein hübsches Balkonzimmer und mach mich bald wieder auf die Socken. Einkaufen. Stadtbummel. Was ich echt super an meinem Zimmer finde, ist das funktionierende Radio, über das ich mich stundenlang an Nissiótika–Klängen berausche, bei einem gepflegten Ouzochen.

Ein erster Stadtbummel füllt locker den frühen Abend aus. Am Schluss sitzt man in einem der Lokälchen an der Paralía. Später Dusche und Musik im Zimmer, dann raus ins Kástro. Abenddämmerung, stille, schmale Gassen und Winkel, die kleine katholische Kathedrale. Am Schluss entweder ein Fischgericht, bevorzugt gegrillter Chtapódhi, im Stammkneipchen oder ein „richtiges Essen“ 1 Stock drüber, im, genau: Boulamátsi.

Copyright puchheim = MartinPUC, Januar 2011

Knapp zwei Tage auf Náxos



zurück zur Startseite