Teil 4: Neue Erfahrungen auf Náxos Copyright puchheim = MartinPUC, Juli 2011


Altes und Neues, eher, fast ein benediktinischer Spruch! Ja, wieder Gelegenheit, sowohl kulinarisch als auch wandermäßig das Beste aus den drei vor mir liegenden Tagen auf der Großkyklade rauszuholen.

Mein größeres Gepäckstück findet sich bald in einer ruhigen Ecke des Innenraums einer sehr empfehlenswerten Ufertaverne an der Paralía (der Ufermeile) von Náxos-Stadt eingezwängt, im Kalí Kardiá. Ging alles ganz problemlos.
Weitgehend entlastet und entspannt kann ich so hinterschlendern zu meiner seit einigen Jahren bevorzugten Bleibe beim Ágios-Geórgios-Strand, um mein telefonisch vorbestelltes Zimmer zu übernehmen (in meiner Unterkunft ist es wirklich angebracht, im Voraus zu reservieren, sonst landet man unweigerlich im Erdgeschoss). Manólis freut sich sehr, mich wiederzusehen, nachdem ihn meine Freunde aus München, absolute Náxos-Fans, kurz zuvor für länger beehrt hatten, in einem leider recht kühlen Mai 2011.

Zurück zu meinem Depot, im gleißenden Sonnenlicht, in glühender Mittagshitze. Ein herrliches Mahl wartet dort auf mich: diese äußerst pikante gebratene Náxos-Wurst zusammen mit den Überflieger-Kartoffeln und dem Gedicht von „Kalí-Kardhiá-Salat“, der üppigsten Salatvariante auf der Speisekarte. Zugegeben, nicht gerade ein dieser Sommerhitze angepasstes Essen, aber wenn es doch so gut schmeckt, zusammen mit dem Bíra F.!
Ein dickes Lob dem Koch, versteht sich.
Sie sind wirklich schön anzusehen, alle zusammen, wie sie um einen Tisch vor der Tavernenfront herumsitzen – der ganze mithelfende Familienclan ist vertreten, Alt und Jung, ganz liebe Leute, echte Naxioten.

Man sollte sich von den im Kalí Kardiá angepriesenen Billigangeboten nicht abschrecken lassen, die sollen nur Zeitgenossen anlocken, die sich mit einer Pizza oder einem preiswerten set meal zufriedengeben.
Am besten, man geht rein, guckt in die frisch bestückte Warmhaltetheke und nimmt das, was am besten aussieht und auf das der persönliche Gusto spontan am positivsten reagiert. Dann kann man gar nichts falsch machen, denn hier bekommt ein jeder, der sich etwas bemüht, leckerste Kost auf den Teller. Insofern tun mir die beiden Britinnen echt leid, die in gewohnter Manier nichts als einen Greek salad ordern, ahnungslos, was ihnen da für Köstlichkeiten durch die Lappen gehen. An meinem Nebentisch sieht’s schon anders aus, da hat ein junges griechisches Paar Platz genommen und stellt sich ganz individuell eine interessante Mahlzeit aus kleinen Fischen und Beilagen zusammen, ohne in irgendeine Speisekarte zu schauen. So soll es sein, in diesem bodenständigen und doch so feinen, verkannten Essenstempel.

Nach dem erteilten dicken Kompliment für den Koch bringe ich mein schwereres Gepäckstück in die Unterkunft, beäugt von Süßigkeiten schlemmenden Einheimischen aus den Sitzflächen der superguten Konditoreien dieser idealtypischen Feinschmecker-Metropole.
Dann sind zwei Stunden unkommentierter Nissiótika angesagt, übers Radio in meinem Zimmer. Dafür ist Náxos genau der richtige Ort.


Zum wunderschönen Moní Fotodhótis und weiter

Nicht nur die leiblichen Genüsse sind es, die mich an Náxo binden – obwohl ich mich später gerne wieder über sie auslassen werde.
Da ich kein Strand- und Badetyp bin, zieht es mich regelmäßig ins so großartige Inselinnere. Als Alleinreisender miete ich mir kein Auto, bevorzuge die öffentlichen Busse, die Anfang Juni schon häufiger verkehren als etwa Anfang Mai oder ab Mitte Oktober.

Man nimmt also, was geboten ist, ist froh, wenn so zwischen 9 und 10 oder auch 11 Uhr ein Inselbus am Platz vor der großen Mole auf große Fahrt bis Apíranthos oder Apóllona geht.
Meinem Zimmerwirt hab ich noch zugerufen: Wenn die anderen baden gehen, mach ich mich auf zu meinen Wanderungen in den Bergen! Dabei wird es ein heißer Tag werden, untrüglich kündigen sich die Vorzeichen des Südwinds an, es wird dunstiger, ein leichter Braunton beginnt den Himmel zu trüben. Machen wir uns also gefasst auf eine nordafrikanische Wetterlage. Tags darauf sollte er mit voller Wucht da sein, der gnadenlose Hitzebringer, der Sáharawind.

Nach Durchquerung der Tragéa-Ebene und Durchfahrt durchs quirlige Filóti folgt der Bus den Serpentinen zu Füßen des Zas-Berges. Man muss aufpassen, den ganz unvermittelt auftauchenden Abzweig zur Agía-Marína-Kapelle und nach Dhanakós nicht zu verpassen und rechtzeitig um einen Halt zu bitten. Normalerweise steigen dort ja nicht wenige Zas-Besteiger aus, diesmal sind es dagegen nur ein alleine wandernder Brite und meine Wenigkeit.

Auf dem Nebensträßchen geht es weiter auf Serpentinen. Doch halt, da kommt eine Einheimische auf einem Fußpfad herunter, eine der Haarnadelkurven abkürzend. Bei der bedanke ich mich für den indirekten Tipp, steige steil hoch und kürze nun mehrmals dermaßen ab, dass ich erst den tapferen Straßengeher aus GB einhole, danach hoffnungslos distanziere. Er hatte sich kurz mit „Oh – good idea!“ geäußert, es mir aber nicht nachgetan. Klar, es ist echt anstrengend und steil, wenn man die Straße verlässt.

Es dauert nicht lange und ich erkenne rechts meiner Straße den sich nähernden und parallel laufenden Wanderweg von Filóti her, der kurz vor der Kapelle der Hl. Marína endet.
Ein schöner Platz, man kann unter einem großen Baum rasten, mit Blick auf das kleine Kirchlein und den nahen Einstieg auf den Weg rauf zum Zas.

Nur ein paar Meter weiter das Sträßchen lang zweigt nach links ein sehr schöner, gut befahrbarer Feldweg ab, der mich zu meinem ersten Etappenziel bringen soll.

Eine Herrlichkeit von Erdweg! Dieses Jahr wird er noch in der ersten Juni-Hälfte gesäumt von dem allerschönsten Pflanzenensemble, das man sich nur vorstellen kann. Der immer noch in voller gelber Blüte und in jugendlichem Grün dastehende Ginster ist garniert mit wundervollen blauen und roten Blumenbeigaben. Dahinter aufgegebene, früher bewirtschaftete Terrassen mit diversen Baum- und Straucharten. Alles zusammen zeugt von einer Lebensfreude und Üppigkeit, wie ich sie bei der griechischen Flora in einem heißen Juni kaum je zuvor gesehen habe. Ist eindeutig dem vorangegangenen kühlen Mai zu verdanken.

Einmal muss ich ein Gatter öffnen und wieder schließen, um weiterzukommen. Rechts unter mir ein glucksendes Bächlein, bald darauf biegt ein anderer Feldweg von der Hauptstrecke ab, hin zu einem Bauernhof. Noch ein kurzes Stück halblinks hinauf, dann Rechtsdrehung.
Nun sieht man es auf einmal, das prachtvoll restaurierte alte Wehrkloster inmitten seiner Eichen-Landschaft. Ganz große Baumexemplare stehen da herum, sie sind wunderschön anzusehen, passen perfekt in die Umgebung. Im Hintergrund die Makáres-Inseln und noch weiter draußen Dhonoússa. Hier ein Link zum entsprechenden Wanderbericht einer echten Kennerin der Gegend.

Links des Weges, nur mehr etwa 150 m vom Ziel entfernt, ein paar Häuser, doch (noch?) keine „geöffnete Taverne“, ist auch noch nicht Hochsaison. Hier irgendwo links beginnt sicher der Weiterweg für alle, die sich Apíranthos als Tagesziel auserkoren haben. Für mich geht es nun kurz steil bergab auf einem betonierten Straßenstück.
Der Eingang zum Klosterhof mit der gewaltigen Platane: Ein zinnenbewehrter steinerner Torbogen. Äußerst dezent, all diese Ockerfarben der Außenwände. Als schwarzes Loch präsentiert sich das geöffnete Portal der Klosterkirche.

Als ich eintrete, übersehe ich bei all der relativen Dunkelheit zunächst die Aufseherin, die bescheiden hinter einer kleinen Theke Platz genommen hat. Ein irre schön restauriertes Kircheninneres aus drei Schiffen mit einem Nebenraum umgibt mich. Die mystische Stimmung ist nach wie vor erhalten. Besonders beeindruckend die auf die ältesten Zierelemente vor dem Altarraum aufgemalten Farben und einige alte Säulenreste.

Unaufdringlich bietet mir nach einer Weile des Zuwartens die sehr bescheidene Frau aus dem nahen Dorf Dhanakós an, mir auf Griechisch die Geschichte von Kirche und Kloster zu erläutern. Sie spricht langsam und deutlich, sodass ich das meiste verstehe. Die Restaurierung der Anlage wurde, soweit ich mich erinnere, 2006 abgeschlossen.
Mein Trinkgeld nimmt sie nicht für sich, sondern gibt es, zusammen mit meinem Kerzengeld, gleich in den Opferstock. Das soll alles der Kirche zugutekommen. Dann hilft sie mir noch bei der Formulierung meines Eintrags im Besucherbuch. Wir einigen uns über die korrekte Kommasetzung (!). Ob sie wohl Volksschullehrerin ist oder war?

Draußen steig ich die seitlich angebrachte Treppe hoch, setz mich später auf einen Steinblock unter der weit ausladenden Platane im Innenhof, nebenan unter mir freigelegte Grundmauern und Zimmergrundrisse, über mir die Glocke im Baum.
Als eben angekommene Franzosen ihr Auto vor dem Eingang geparkt haben und durch den Torbogen hereinkommen, weiß ich, dass meine Zeit des Ruhens und Betrachtens ein Ende hat.

So wende ich mich draußen gleich nach links und komme nach nur wenigen Schritten zum Anfang des alten Pflasterweges hinunter ins Dorf. Ein Prachtstück von steinernem Serpentinenweg, jedem dringend zu empfehlen. Wenn es nur nicht so fürchterlich heiß wäre!
Doch die Schönheit dieses alten, mühsam zusammengeflickten Weges entschädigt mich für all die nunmehr schon hochsommerlichen Temperaturen.

In gut 25 min hab ich es geschafft, steige vom Wegende auf die Asphaltstraße direkt über Dhanakós runter.
Etwas nach links muss ich der leicht abfallenden Straße folgen, dann kann ich eine Abkürzung nehmen, komme an der örtlichen Volksschule vorbei (eine laut singende Lehrerinnenstimme schallt zu mir herab) und gelange in Kürze zu einem schattigen Platz mit parkenden Autos.
Eine erste, sogar geöffnete einfache Kafenío-Taverne (ohne Gäste) bietet sich für eine Rast an, ich kann mich aber nicht dazu durchringen, geh lieber weiter. Kein Mensch auf der Straße, absolute Mittagsruhe. Auch weiter unten im Dorf gelange ich zu einer Taverne, diese ist jedoch geschlossen.

Ich kenne die grobe Richtung, will runter zum Fluss und zur Kirche, der Weg dorthin ist nicht schwer zu finden.
Fast ganz hin zur Kirche steige ich die Stufen hinab, lasse sie aber rechts liegen, nehme dann die Brücke über den Bach. Ein paradiesischer Flecken, dieser Talboden! Üppig gurgelt das Wasser inmitten all des Grüns. Riesige Platanen spenden kühlenden Schatten. Kann mir gut vorstellen, dass sich an dieser Stelle einst ein Heiligtum befunden hat.
Gleich bei der Brücke parken die örtlichen PKWs der Dörfler, die hier unten wohnen. Ein sehr idyllischer, stimmungsvoller Eingang ins Heimatdorf.

Nun geht es nach rechts, also grob westwärts, weiter auf einem breiten Feldweg. Irgendwo scheint es nach links oben hochzugehen, aber es ist nichts markiert oder beschildert, deshalb folge ich lieber der Erdstraße. An der Stelle, wo der Feldweg wieder nach unten zum Talgrund abbiegt, geh ich geradeaus weiter hin zu einem Gatter, dieses Stück wirkt wie die von Mauern eingefasste Einfahrt zu einem Privatgrundstück. Als ich, bereits jenseits des Gatters, schon fast wieder umkehren will, finde ich schließlich den Weiterweg. Gelegentlich zeigen kleine aufgemalte Pfeile die Richtung an.

Vielleicht hätte es weiter oben noch einen breiteren Einstieg in diesen Weg gegeben, ein angenehmer zu gehendes erstes Teilstück wenigstens, ich kann es nicht sagen.
Ich bin jedenfalls ziemlich irritiert über diesen zugewachsenen Dschungel und tu mich an etlichen Stellen schwer, die Richtung zu peilen. Aus der Gegenrichtung wäre der Weg etwas leichter auffindbar.

Das soll ein Wanderweg sein?! Hier hätte ich locker eine Machete gebrauchen können, so überwuchert sind weite Teile des Pfades! An Zecken mag ich gar nicht denken.
Aber immer wieder geht es doch weiter, nach kurzer Suche. Man kommt durchaus des Öfteren auf schöne, gut begehbare Passagen, die sich dann wieder mit totalem Wildwuchs, garniert mit Fragezeichen erzeugenden Verzweigungen, abwechseln. Das Ganze erweckt den Eindruck, als erschließe es lediglich die letzten, schon relativ weit vom Dorf entfernten versteckten Gemüsegärten. Ich glaube nicht, dass dieser Pfad stark begangen wird.

Zweimal gelange ich zu kleinen Bachläufen, auf leicht sumpfigen Passagen in tiefstem, fast gruseligem Schatten, morbider Schwüle weit weg von allem, wo sich jeweils Schwärme von Mücken aufhalten. Dann kommt mal wieder eine kurze Steilstrecke, gibt es erneut hübsche Ausblicke rüber zur anderen Talseite.

Gegen Ende der absolut schweißtreibenden Tortur, beim letzten Anstieg, weitet sich der Pfad und wird plötzlich wieder sehr gut begehbar. Eine Frau kommt mir entgegen, sie sucht nach einem stillen Örtchen fürs kleine Geschäft.
Ehe man sich’s versieht, steht man plötzlich draußen auf der Fläche vor der schlichten weißen Kapelle der Heiligen Marína.

Eine größere Wandergruppe, gut 15 Leute, lauter US-Amerikaner, hält sich gerade beim Kirchlein bzw. unter dem Schatten eines Baumes ein paar Meter weiter auf.
Als ich das Kapellchen umrunden will, treffe ich an der Rückseite auf zwei Griechen, die gerade die ausgebreiteten Reste eines Picknicks abbauen. Ich halte sie für Wanderer, die hier campiert und sich soeben eine Mahlzeit gegönnt haben. Sie entpuppen sich jedoch bald als die Wanderführer, die die Gruppe auf den Zas gebracht und nun verköstigt haben. Sie bieten mir Honig und Margarine an, die sie nicht mehr benötigen.
Man wartet geduldig auf einen Abholer-Bus (Hoffnung auf eine Mitfahrgelegenheit keimt in mir auf), der allerdings nicht auftaucht. So setzt sich die Gruppe schließlich in Bewegung, steigt auf dem hier beginnenden Wanderweg runter Richtung Filóti. Ein Wunder, dass die Amerikaner das fürchterliche, dürftige Englisch des einen der beiden Anführer verstehen.

Nun setz ich mich auf den Steinsims, der den Baum umrundet, trinke das mitgebrachte Wasser. Sogar ein Taxi kommt vorbei, bringt jemanden nach Dhanakós und hofft auf mich als Fuhre für die Rückfahrt. Aber ich winke ab. Es stehen auch noch zwei Autos weiterer Zas-Begeher herum, die hätten mich vielleicht mitnehmen können.
Im Auto ankommenden Franzosen weise ich den Weg auf den nahen Feldweg zum Kloster Fotodhótis.
Mir ist klar, dass ich den einen letzten Bus nach Náxos-Stadt erwischen muss, ich hab aber noch Zeit. Wie wäre es, wenn ich diese Zeit nutzen würde, die wenigen Kilometer auf der Panoramastraße nach Apíranthos zu wandern, eine besonders hübsche Aussichtsstrecke? Dann würde ich die zu erwartenden Massen in Filóti umgehen, die sich nach der Zas-Besteigung dort im Kafenío ausruhen, und hätte einen sicheren Sitzplatz im Bus.

Gedacht, getan! Die knapp 5 km schaff ich auch noch. Bin ganz scharf auf den Überblick über den Ostteil der Tragéa-Ebene, über das nahe Großdorf hin zu der sagenhaft gelegenen Gipfelkapelle auf diesem tollen schmalen Bergkegel, der so jäh emporragt. Unterhalb der Leitplanke weiden ein paar Kühe zwischen Oliven auf sehr schrägem Grund. Die wenigen an mir vorbeiziehenden Autos sind alle gut gefüllt, nehmen mich nicht mit.

Nun die beiden Kapellen, eine davon recht groß, gegenüber, auf der anderen Straßenseite eine aus Bruchsteinen neu gebaute Windmühle. Kurz dahinter ist der Sattel erklommen, der den Blick freigibt auf die östlichen Abhänge und übers Meer und die vorgelagerten bzw. die weiter draußen befindlichen Inseln – eine ausnehmend schöne Stelle, die geradezu zum Verweilen einlädt! Dann all die hübschen weißen Kapellen, da unten in der Landschaft verteilt. Wenigstens eine sieht so uralt aus.

Am Ortsanfang von Apíranthos rechts unten eine größere Baustelle. Die ersten Häuser. Vorbei an einem Minimarket an einer abrupten Kurve, ich frag den Besitzer, ob der Bus auch hier hält, er verweist mich auf weiter vorne. Über mir türmt sich das große Dorf bergwärts. Hab immer noch Zeit und geh deshalb noch weiter. Eine Holländerin mit ihrer Tochter sucht verzweifelt nach ihrem Auto, hat sich im Ort verlaufen. Oben auf dem Platz gleich außerhalb des Ortskerns steht es, und ich treffe die beiden glücklichen Finderinnen dort wieder.
In einem anderen Minimarket an der unteren Ausfallstraße verkaufen sie Busfahrkarten, dort würde der Bus auch halten.

Ich warte lieber oben, wo die meisten Autos parken und auch die Haupthaltestelle der öffentlichen Busse liegt, nur etwa 50 m vom Bustouristenzugang ins Dorf entfernt. Von hier aus sieht man das Überlandgefährt aus Richtung Apóllona schon von Weitem herankurven und steht, wenn man die Straße überquert, direkt über dem Beginn des hübschen Wanderweges zur Ioánnis-Theológos-Kirche und weiter zur Agía Kiriakí und den alten Schmirgel-Minen, und für Ausdauernde bis hinunter zum Strand von Azalá nördlich des Kaps Stavrós.
Ein Café hat hier am Ortsrand geöffnet, einige Wartende wissen es zu schätzen.

Mit etwa 15 min Verspätung trifft der Bus endlich ein und, welch Wunder, der kleine ältere Herr (zumindest früher der Schaffner) grüßt mich sogar, er erinnert sich an mich, weil ich ihn früher mal gefragt habe, wie viele Einwohner die Makáres-Inseln noch hätten (er hat mir eine falsche Antwort gegeben, gewusst haben es nur die Leute auf Dhonoússa: niemand wohnt mehr auf den Makáres).

Und, nochmals o Wunder, in Filóti wird der Bus ausnahmsweise NICHT ganz voll, die Amerikaner sind bereits von der Bildfläche verschwunden.


Wanderung auf den Mavrovoúni westlich von Kóronos, etc.

Nun ist der Sáharawind so richtig angekommen, mit ihm die noch größere Hitze. Der Ágios-Geórgios-Strand füllt sich bereits am späteren Vormittag.

Da bin ich aber schon wieder auf Achse, sitze im Bus, hab meinen Wanderstab dabei. Apíranthos liegt bereits hinter mir, ich recke meinen Hals, die tief unten liegende Halbinsel des Kaps Stavrós bei Moutsoúna zu bewundern und gleichzeitig meinen Ausstiegspunkt nicht zu verpassen.
Gerade noch hab ich einer Mitfahrenden eine Frage beantwortet, da höre ich mich schon „Stássi sto Stavró, parakaló!“ rufen, denn wir sind angekommen bei der Kapelle am Sattel von Stavró(s), am bekannten Stavró Keramotís, dem Aussichtspunkt und Abzweig zum Dörfchen Keramotí.

Draußen steh ich im Wind, fast ganz alleine. Nur fast, denn neben mir und ganz nah der Kapelle steht ein Feuerwehrauto geparkt. Drinnen zwei gelangweilte Feuerwehrleute auf Strafposten, höchste Geduld ist gefordert, gilt es doch permanent und stundenlang die Berge und Täler zu überwachen, jegliches ausbrechende Buschfeuer gleich im Keim zu ersticken. Der heiße Südwind ist gefürchtet.
Richtig heiß ist er in diesen Höhen eigentlich gar nicht mehr, der Wind, es herrscht zu dieser Tageszeit eher eine angenehme kühlere Gegenströmung, so ist jeder Wandersmann quasi gerettet und freut sich, die Hitze im Küstenbereich und in mittleren Höhen hinter sich gelassen zu haben.

Ein besonders anstrengendes Unterfangen wird das bestimmt nicht werden. Die Besteigung des zweithöchsten Inselgipfels (der Mavrovoúni hat 999 m, der Zas hat nur 2 Höhenmeter mehr) ist eher ein Spaziergang, wenn gutes Schuhwerk auch von großem Vorteil ist. Also grad richtig für einen relativ heißen Tag, ich werde mich leistungsmäßig gewiss nicht übernehmen.

Links der Straße in Richtung Kóronos steige ich in den teils stark zerrachelten, mit Steinen übersäten Wanderpfad ein, der erst parallel zur Straße verläuft, bis er nordwärts abbiegt. Nach wenigen Minuten ist ein Feldweg erreicht, man ignoriert den Abzweig nach links, dann einen nach rechts, geht den Hauptweg in nördlicher Richtung weiter. Ein Spaziergang auf Feldwegen, eben.

Kurz vor einem Sendeturm rechts des Weges und einem Bauerngehöft links, eher einer ersten Ziegenstallung, kommt mir ein Hirte mit seinem Hund entgegen, bei dem ich mich noch einmal nach dem richtigen Weg erkunde, denn ich hasse es, dauernd auf die Karte zu gucken. Eine besonders sandige Stelle hier, man kriegt einige Körner in die Augen geweht. Tief unten, von Bergen eingerahmt, das Dorf Keramotí.

Ein alter Steinbruch, links eine zweite, leere Ziegenstallung mit geöffnetem Hofgatter – hoffentlich keine Hunde!!!
Eine weite Kurve bergauf. Schon liegt die Südostflanke des „Schwarzen Berges“ vor mir. Wahnsinnsgegend mit ebensolchen Ausblicken. Ganz alleine wandere ich nun dahin, keine Menschenseele ist zu sehen.

Es wird flacher und linker Hand, also talseitig, erscheint ein weiteres Gehöft, dieses hat jedoch keinerlei Umzäunung.
Ich hab’s ja geahnt, was seh ich da unten, vielleicht knapp 300 m von mir entfernt? Jaáah! Drei Hunde auf einmal – o Graus!
Ich habe maximal 30 Sekunden, mich wieder auf das Schlimmste gefasst zu machen, Horror! Umklammere meinen Wanderstab, fahre ihn etwas weiter aus, greif mir noch einen Stein vom Weg.
Es handelt sich um drei Collies, die da laut bellend auf mich zustürzen. Zwei ausgewachsene und einen etwas jüngeren. Ich wehre ihren Anführer laut griechisch schreiend mit dem Teleskopstab ab, schwenke diesen dann in die Höhe, mich größer zu machen, was die Viecher beeindruckt, obwohl sie bereits dabei sind, mich in gewohnter Hütehundmanier zu umzingeln, was ich wiederum zu verhindern suche, mit dem Rücken zur bergwärtigen Steilstufe des Feldwegs gewandt.
Endlich hat es der zum (großen) Glück in Hausnähe anwesende Schäfer geschnallt und ruft nach seinen Hunden, doch die hören zunächst nicht auf ihn. Die Abwehr bleibt also meine eigene Leistung. Ich schaffe es, unter Anrufung aller Schutzheiligen. Immer wieder muss mir so etwas passieren! Schließlich geben es die Hunde auf mir nachzustellen, folgen ihrem Herrchen und ziehen sich wenigstens etwas zurück. Wären es, wie so oft, Deutsche Schäferhunde gewesen, wäre ich vielleicht nicht so glimpflich davongekommen.
Ende der Angst, aber gleichzeitig aufkommende Gewissheit, dass ich auf dem Rückweg hier noch einmal vorbeimuss.
Ist halt klassisches Herdenland, hier oben. Notgedrungen auch Land der Hirtenhunde. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten, wenn man nicht gerade auf den viel begangenen Zas, sondern auf weniger bekannte Berge steigt.

In leichtem Anstieg und mit schönem Talblick nähere ich mich, geradlinig auf dem Feldweg die Südflanke entlang, der Gipfelzone des Mavrovoúni. Ja, die Felsen dort oben sind echt dunkel gefärbt, deshalb der Name. Doch die Flanken des Berges sind bis tief talwärts voller grünster Büsche, es sind (in dieser starkwindigen Höhe erst schwach blühende) Ginstersträucher über und über, nirgends ist ein Durchlass erkennbar. Nur die oberste Region ist frei von jeglichem Gebüsch.

Vor einem ummauerten Herdenpferch mit größerem Lesesteinhaus endet der breite Feldweg. Links entlang führt ein schlechterer schmaler Weg weiter. Ein Stück vor dem Pferch steht sinnlos in die Landschaft hingestellt ein Tor mit Pfosten und nicht viel mehr auf beiden Seiten. Rechts, also nach Nord hin, beginnt bereits die nicht mehr ginsterbestandene Gipfelzone meines Wanderzieles, die sich von West her sehr leicht besteigen, eher erwandern lässt. Niedrige Pflanzenpolster, eingestreute Felsflächen mit Flechten drauf, erst ganz oben Felsentürme, alles aber in bescheidenen Dimensionen.

Auf der wiesenartigen Hochfläche ganz oben diverse Blumenarten. Auch Hinterlassenschaften irgendwelcher Hirtenarbeiten. Auf dem obersten Fels eine Betonsäule, da muss ich noch rauf. Vorsichtig erklimme ich den höchsten Punkt. Oben angelangt, muss ich mich an der Säule festklammern, da mich der Starkwind sonst aus dem Gleichgewicht bringen würde. Ein irres Gefühl, in diesem Wind hoch über allem zu stehen!

Der Rundblick ist atemberaubend. Dutzende von Bergbuckeln erheben sich über das grüne Land bis hin zum Zas und darüber hinaus – was für eine gebirgige Insel Náxos doch ist. Östlich zeigt sich jetzt auch das ansonsten versteckte Skadhó, im Norden natürlich Komiakí (= Koronídha). Im Hintergrund überall das Meer. Die näheren Inseln tadellos zu sichten, die ferneren leider nicht, wegen der staubigen Luft aus der nordafrikanischen Wüste. Dennoch ein Fest fürs Auge. Ein Raubvogel zieht seine Kreise.

Es treibt mich nach dem bescheidenen „Abstieg“ aus der Gipfelzone noch weiter, so nehme ich den immer schlechter werdenden, bald nicht mehr befahrbaren Weg um den nächsten Buckel herum hin zu einem Sattel, westlich davon wieder ein hoher Gipfel.
Auf der kleinen Fläche über einem nach NW hin abfallenden Tal finden sich mehrere Mitáta, Lesesteinhütten für Hirten mit jeweils ummauertem Bezirk. Für Leute mit Schlafsack sichere Unterkünfte für die Nacht.

Stiege man ins Tälchen hinab, träfe man mit etwas Glück auf eine angeblich nicht leicht zu findende Höhle. Dieses kleine Abenteuer möchte ich mir aber nicht mehr antun. Nach gebührendem Staunen in die Runde kehre ich um, bewundere Schritt für Schritt diese herrliche Landschaft und diese einzigartige Abgehobenheit. Dabei sind die nächsten Wohnstätten wirklich nicht weit entfernt.
Auf die erste Wohnstätte freu ich mich ganz besonders!

Einen Umweg querfeldein möchte ich trotz aller Gefahr nicht nehmen. Früher, meist auf Kreta, bin ich häufig durchs Gestrüpp gestiegen, Berghänge hinauf und hinunter, bis ich wieder auf einen Weg getroffen bin (oder auch nicht), hab mir dabei schon am ersten oder zweiten Reisetag Hosen total verschmutzt in kürzlich verbranntem oder angesengtem Terrain.
Heute stelle ich mich dem Schicksal, ist ja schon einmal gut gegangen.

Dicht beieinander an die Hauswand gedrückt verfolgen die drei Hundegetüme aus der Entfernung aufmerksam meine Schritte, als ich mich ihrem Gehöft nähere. Ich selbst verfolge das Verhalten der Tiere genauso angestrengt von meinem Weg aus.
Nun sind Gott sei Dank gleich zwei Schäfer in ihrer Nähe, man hat sich wohl auf meine Wiederkehr eingestellt, arbeitet zwar an irgendetwas, hat zugleich aber ein wachsames Auge auf die Hütehundmeute. Man ruft sie zum Stillhalten. Nur der Leithund kann nicht umhin, wenigstens wieder loszubellen. Na, Bellen ist besser als Losstürzen. Meine Stoßgebete wurden also erhört.
Ich lass den großen Stein wieder fallen, als ich um die Ecke gebogen bin und mich erneut dem alten Steinbruch nähere. Geschafft!!!

Laut meiner guten Karte gibt es keine direkte Abkürzung nach Kóronos. Es macht mir nichts aus, die paar Kilometer denselben Weg zurückzuwandern, den ich hochgegangen bin.
Zwei Minuten nachdem ich meine Hand etwas nördlich der Kapelle von Stavrós ausgestreckt habe, hält ein französischer Tourist mit Gattin an und nimmt mich mit. Es soll nach Kóronos gehen. Ein Sohn dieses Paares hat eine Deutsche geheiratet, die französischen Eltern kommen oft nach Deutschland. Na, da hab ich ja gute Karten.
Mein Fahrer schießt nach erfolgreich bestandener Serpentinenkurverei erst einmal an dem Ort vorbei, die Zufahrt ist ja wirklich nicht beschildert. Ich hab nicht aufgepasst, muss ihn sozusagen zurückpfeifen. Wir wenden und parken oben neben dem Buswartehäuschen. Dann geht erst einmal jeder seines Weges.

Für mich ist es eine Wiederkehr, das dritte Mal und auch Mahl in dem hübschen, steil den Hang hinuntergebauten wasserreichen Ort mit dem, bei klarerem Wetter, Superblick zur Insel Ikaría.

Da ich den Weg kenne, bin ich gut vor meinen netten Transporteuren, die erst ein wenig das Dorf erkunden, unten bei der Quelle und den beiden Tavernen angelangt.
In der ersten, sehr quellennahen, sitzen bereits eine Menge Ausflügler, neben deutschsprachigen vor allem Franzosen und eine größere amerikanische Studentengruppe. Vor der hinteren, dem Dorfplatz näheren Taverne ein langer Tisch mit griechischen Essern. Die Verteilung Touristen/Griechen ist also eindeutig abgesteckt.

Zielsicher steuere ich auf die Ecke unweit des Eingangs zum Innenraum des ersten Lokals zu, wo am Nebentisch ein deutsches Paar direkt aus meiner Wohngegend bei München sitzt. Sie sind von Naxos begeistert, wohnen in einer ziemlich luxuriösen Unterkunft nahe dem Hauptplatz von Náxos-Stadt (dem Platz wo sich das Scirocco befindet).

Meine Portion Paidákia ist auffallend klein bemessen. Eine Unmenge Erbsen häuft sich auf dem Teller, das macht mich ziemlich wütend, weil ich sie für Büchsensprösslinge oder zumindest tiefgefroren halte und mich verarscht fühle. Das gereichte Brot ist supergut, Kompliment an die Wirtin, die erst einmal bedauert, dass ich die guten Erbsen stehen gelassen habe, mir dann noch Brot mitgeben will. Alles sei hier aus ihrer eigenen Produktion (möglicherweise auch die Erbsen?). Ich trinke mindestens eine große Karaffe Quellwasser.

Ein gutmütiger, leicht intelligenzgeminderter Dorfmensch setzt sich in meine Nähe, will mit mir ins Gespräch kommen, steckt sich eine Zigarette an. Dem Wirt (der übrigens sehr gut Deutsch versteht) ist das sichtlich peinlich. Aber mir macht es nichts aus, ich finde den durchdringenden, in die Seele bohrenden Blick aus den klaren Augen sehr nahegehend – die alten Griechen hätten ihn vielleicht als ein Zeichen von Heiligkeit, von Gottberührtheit gedeutet. Doch ein Wirt der Jetztzeit achtet logischerweise eher auf sein Geschäft, ist bemüht, alles Peinliche von seinen Gästen fernzuhalten.

Hochsteigen ans obere Dorfende. Vor einem kleinen Lokal ganz oben nahe dem Bushalteplatz verabschiedet sich gerade eine schwäbische Paréa.
Mein Bus kommt wieder von Apóllona her, mit der üblichen Verspätung. Er fährt offensichtlich jedes Mal etwas später von dort los.

Was mir an dieser Rückfahrt besonders gefällt? In erster Linie, dass der Bus ausnahmsweise mal eine andere Route nimmt. Er biegt am Stavró Keramotís nämlich inseleinwärts ab und nimmt die pittoreske Route über Moní nach Chalkí. Weiß der Teufel, warum.

So komme ich also endlich einmal an dem engen Talkessel vorbei, über dem sich, etwas erhöht und eingezwängt in eine grandiose Bergwelt, das aus meiner näheren Sicht recht hübsch gelegene Dörfchen Keramotí erhebt. Ein bestimmt interessanter Wanderweg führt vom Dorf aus auf mittlerer Höhe der Flanke des Kóronos-Gebirges bis zum Stausee im Hinterland des Klosters Faneroménis, auf einem Feldweg ginge es weiter zur westlichen Küstenstraße.
Die Kafenío-Gäste in Moní staunen nicht schlecht, wie geschickt der große Leoforío die fast 360-Grad-Wendung in dieser engen Haarnadelkurve mitten in ihrem Dorf meistert, etwas außerhalb noch einmal dasselbe Manöver. Die Hayn-Sinfonie „The Miracle - Das Wunder“ in D-Dur, die ich zufällig gerade höre, passt perfekt dazu – Harnoncourt und das Concertgebouw Orchester legen sich mächtig ins Zeug.

Bei einem weiteren, diesmal baulichen Wunder etwas unterhalb von Moní schließt sich der Kreis für mich. Denn bis hierher, zur ehrwürdigen Uralt-Kirche der Panagía Dhrossianí aus dem 6. Jahrhundert, „einer der besterhaltenen frühchristlichen Kirchen Südosteuropas“, wie einer meiner Reiseführer sagt, bin ich von Chalkí aus schon zu Fuß vorgedrungen, nur um sie verschlossen vorzufinden. Mein Bitten bei den Schlüsselbewahrern im nahe gelegenen Haus inmitten der Oliven hatte damals keinen Erfolg – Saisonende!, hieß es, ein Nachteil des Reisens Mitte Oktober.

Als wir in Chalkí einrollen, auf die Hauptstrecke einbiegen, befinde ich mich endgültig wieder in einem mir (einigermaßen) bekannten Landstrich, und deshalb hör ich jetzt auf mit diesem Unterkapitel: ftáni ja símera!, Schluss für heute!


Ein griechisches Kneipchen weit draußen vor der Stadt

Routine muss nicht unbedingt etwas Negatives bedeuten. Gerne habe ich die letzten Jahre einem Tintenfisch-Tavernchen in einer Reihe ähnlich ausgerichteter Lokalitäten an der Paralía von Náxos-Stadt die Treue gehalten.

Heuer (dieses Jahr) wurde mein Blut durch die schroffe, abkanzelnde, beleidigende Art der knödeldicken Tochter des Hauses ganz schön in Wallung gebracht, es dauerte eine Weile, bis ich wieder von meiner Palme runterkam. Der nette schlanke Vater mit seiner Armprothese entschädigte mich später mittels eines Bíra Fix, aber die Wunde blieb doch erhalten.
Selbst bei nur in Abständen wiederkehrenden touristischen Stammgästen sollte man etwas besser aufpassen, sie nicht dermaßen plump zu vergraulen. Dabei hatte ich nur, bei einem Spaziergang am abendlichen Winzgrill vorbeikommend, die Äußerung gewagt, das sei aber ein schöner Oktopus, ich hätte gerne eine Portion davon. Das Frauenungeheuer von Zwanzigjähriger fühlte sich daraufhin bemüßigt, mich barsch auf einen Platz zu verweisen und mich schroff zu ermahnen, gefälligst am Tisch zu bestellen. O Mann, o Frau! In welchem Ton.
In einer anderen, besser geführten griechischen Taverne oder gar in Amerika war sie wohl noch nie. Woher also wissen, wie man mit einem zahlenden Gast umgeht – zumal es ihr vollkommen an natürlicher Freundlichkeit mangelt? Die zu dem Zeitpunkt gegen die Deutschen und die Merkel im Zusammenhang mit der allseits erwarteten Rettung des bankrotten griechischen Staates aufgeheizte Stimmung mag wohl ein Übriges zu ihrem forschen Verhalten beigetragen haben. Sie hatte, wie es schien, die offiziellen, im Fernsehen laufend propagierten Antipathien verinnerlicht und es mir gezeigt, mich abserviert.

Schon abends zuvor, nach Rückkunft des Busses aus dem Inselinneren, hatte ich erstmals einen kleinen köstlichen Happen in diesem ganz anderen Kneipchen zu mir genommen, mich dort nicht nur wie früher mit einem Getränk begnügt.
Ist ja so schön, sich ganz nahe bei den ankommenden Fähren aufzuhalten, die Schlangen der diszipliniert im langen Wartegebäude mehrfach aufgereihten Abreisenden zu scannen, immer wieder aufs Neue die Hafenpolizistinnen und ihre männlichen Kollegen das Türchen auf- und zusperren zu sehen, das die Manovrierfläche am Ende der großen Hafenmole mit der für sie so supergünstig gelegenen Kaffeeabholstätte verbindet.

Weit draußen vor der Stadt kommt man sich da vor, einige hundert Meter ist man hinaus ins Meer gestiefelt, eine Telefonzelle vor der Eingangswand und Toiletten um die Ecke sind geboten, drinnen in der Umzäunung ist es gastfreundlicher als man meinen möchte. Ganz besonders, wenn die Frau des Hauses da ist, die ganz ausgezeichnet Englisch, nicht nur Griechisch spricht. Schon letztes Jahr hab ich sie deshalb für eine Engländerin gehalten, war motiviert, in diesem halb britischen Lokal einzukehren.
Heuer hab ich dann die Ohren gespitzt, genauer zugehört und die griechischen Gäste dauernd so etwas wie „Florence“ (mit nasaliertem o-Laut) oder so ähnlich sagen hören, wenn sie nachbestellen oder zahlen wollten. Man kommt so bald auf den richtigen Namen „Laurence“ und erfährt von der waschechten Französin selbst, dass sie hier eingeheiratet hat. Den sehr sympathischen griechischen Gatten sehe ich etwas später. Auch der tatkräftige Schwiegervater hilft am Grill aus, wenn es nicht ein angestellter netter Ausländer tut.

Als ich erstmals einen Teller frisch gegrillter Oktopus-Scheibchen geordert habe, meint einer in der griechischen Runde am Nachbartisch: „Die Deutschen essen Chtapódhi, wir Griechen trinken einen Kafedháki.“ Ich hab verstanden. Der Frust hat alle erfasst, sie können oder wollen sich nichts Größeres mehr leisten. Das wird von einigen ganz unverblümt verkündet.

Bei meiner zweiten Anwesenheit, ich hab gerade ein Bier bestellt, leider gibt es das nur in kleinen Dosen, komme ich ins Gespräch mit einem Herrn gegenüber. Er stammt aus Páros, genauer: aus Písso Livádhi, hat dort eine Taverne mit Zimmern, fragt, ob ich schon mal in dem Ort war. Er scheint oft auf Náxo zu sein, denn ich hab ihn bisher regelmäßig als Gast im To Stéki tou Vallétta an der Paralía gesichtet. Ich bleibe vorsichtig, versuch mich nicht auf ein längeres politisches Gespräch einzulassen. Aber nun ist der Kontakt geknüpft, auch andere beteiligen sich an der kleinen Unterhaltung.
Die herrschende Meinung kann ich unterstützen, von einem auf nunmehr 500 Euro heruntergekürzten Durchschnittslohn kann keiner mehr leben! Früher seien es wenigstens 700 Euro gewesen. Mir ist klar, dass ich es mit einigen ärmeren Leuten zu tun habe, den Tavernenbesitzer ausgenommen.
Mir ist auch bewusst, dass man offensichtlich die 40 Prozent besser verdienende Staatsdiener und Kommunalbeamte, Hafenbedienstete, Hafenpolizisten (!) etc. bei dieser Durchschnittsberechnung ganz gekonnt außen vor gelassen hat. Später sollte ich erfahren, wie gut die eigentlich verdienen und wie viele Zulagen, bis hin zum bezahlten Urlaub am Meer für die ganze Familie, denen bisher zustanden. Deren Netto übersteigt manch ein deutsches Nettogehalt um einiges.

Ein Stück Käse wird mir vom parischen Tavernenbesitzer spendiert. Er schmeckt vorzüglich. Woher der sei? „Aus Komiakí!“, tönt es stolz aus der Grillecke. Das echte naxiotische Bergland, denke ich bei mir, da, wo die Herden weiden und die Hunde auf einen losstürzen.
Die meisten einheimischen Abendgäste bestellen Ouzo, dazu erhalten sie als echte Stammgäste kostenlos drei bis vier Scheibchen Oktopus. Macht bei vier Ouzo bereits 12 bis 16 Scheiben, sodass sich die Bestellung eines teuren Tellers des gegrillten Kraken schon erübrigt. Wieder mal gekonnt gespart!

Laurence benimmt sich äußerst freundlich und zuvorkommend all ihren Gästen gegenüber. Sie weist auf tags darauf Gebotenes hin, aber nur wenn sie merkt oder zu hören bekommt, dass es einem geschmeckt hat, zeigt auf die im Hintergrund der Außenfläche angebrachte Kreidetafel mit den Gerichten.
Ihr frisch zubereiteter Oktopussalat ist ein Gedicht. Die große, in Spendierlaune um ein Fischexemplar ergänzte Portion Gópes vom Grill für nur 8 aufgerundete Euro, gereicht mit angeröstetem Öl-Brot (auf das mir ausnahmsweise nicht schlecht wird!), schmeckt einfach klasse. Einfache und doch sehr gute Kost, so wie ich sie mag. Ich komme gerne wieder. Allerdings in der Hoffnung, dass sie irgendwann auch mal Flaschenbier anbieten, nicht nur relativ teure kleine Wegwerfdosen.

Oder werde ich bis dahin wieder etwas Besseres, Verlockenderes ausfindig gemacht haben?


Eine nächtliche Runde beim Boulamátsi(s) und die mögliche Konsequenz

Nach dem Abendessen auf dem Balkon des Boulamátsis setz ich mich zwei Meter weiter mit den später angekommenen Bekannten von Irakliá, den Rheinhessen, zusammen.
Man lässt sich den Rosé und den Weißen auf den Aussichtsplätzen munden, die Zigarre glimmt im Halbdunkel. Man tauscht Erlebnisse auf den Inseln aus.
Die beiden sind von Hahn her nach Kos geflogen, müssen von dort wieder zurück. Kennen zwar Kreta nicht, dafür viele andere Eilande.

Als wir so fachsimpeln, wird eine einzelne Frau zwei Tische weiter hellhörig. Bald ergänzt die Frankfurterin, die mal mit einem Griechen verheiratet war und tadellos Griechisch spricht, unsere Tischrunde. Sie ist inselerfahren, doch unschlüssig, ob sie es einmal mit Irakliá versuchen soll. Wir ermuntern sie dazu. Schade, dass ich tags darauf Richtung Sandoríni und Kríti aufbrechen muss.
Über diese Frau werde ich wieder auf eine interessante Unterkunftsalternative aufmerksam, die Zimmer am Kástro-Hügel der alten Dhéspina, das Stammquartier unserer neuen Bekanntschaft.

Am folgenden Morgen spaziere ich gleich einmal hin, die bärtige Dhéspina verabschiedet gerade ein gar nicht mehr so junges Paar, ich darf über ein leicht verstecktes, gewundenes enges Treppenhaus rauf auf die obere Terrasse und mich umsehen.
Ach, wie schön!!! Genau das, was ich als in den ersten Stock meiner bisherigen Bleibe Verbannter immer vermisse: Der Totalüberblick von hoch oben über den ganzen Hafen!
Ich glaube, das wird Folgen haben, ich bin gewillt, nächstes Mal hierher überzuwechseln. Klar, so viel Komfort wie beim lieben Manólis krieg ich bei der Dhéspina bei Weitem nicht geboten. Den Charme bei ihr macht eher das Gefühl aus, zusammen mit (wenn der Zufall nachhilft, auch etwas älteren) Backpackern aus aller Welt in einem traditionellen Haus mit schlichten Zimmern untergekommen zu sein. Die vielen Kontaktmöglichkeiten würde ich der blitzsauberen Deutschen-Hochburg meines Manólis, in der es etwas anonymer zugeht, gerne einmal vorziehen. Vielleicht nur aus Nostalgie? Jedenfalls aus Lust auf diese traumhafte Aussicht von der Gemeinschaftsterrasse!

Mit der Mittags-Blue-Star-Náxos also nach Thíra! Kostete diesen Juni 16,50 Euro, Deckplatz.

Copyright puchheim = MartinPUC, Juli 2011

Von Náxos über Sandoríni nach Iráklio



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