Eindrücke von Paleóchora und die Schiffsfahrt dorthin
gegen Ende Oktober 2004

Copyright MartinPUC, 2004


Die gegrillte sfakiotische Wurstspezialität wird mir im "Paralía" in Agía Rouméli in Spiralform und mit stoischer Gelassenheit serviert, zusammen mit Patátes. Dazu ein kleiner Salat. Als Abschiedsessen. Ich muss sagen: nicht schlecht. Bei der herrschenden Hitze bräuchte man einen Ratschí drauf, um das Fett schneller loszuwerden. Eine doch etwas reichhaltige Mahlzeit bei diesen Temperaturen.

Um 16 Uhr legt die "Samariá" ab, mit mehr Passagieren an Bord, als ich erwartet hatte. Auf zu neuen Ufern!

Erst einmal abwechslungsreiche Küsten entlangschippern. Dicht vorbei und herum um das hochragende Kap Kalotrivídi. Kiefernwälder entschwinden dem Auge, Fels macht sich breit.

An seiner Westseite, unmittelbar zu Füßen des Kaps, ein ganz hübscher, nicht gerade kleiner Strand namens Domáta, mehrere hundert Meter erstreckt er sich, als landwärtige Begrenzung eine Steilstufe, nicht sehr hoch, aber sehr ausgeprägt, eine Art dicker Kiesbank, wenn man das aus einiger Entfernung und ohne Fernglas so sagen kann.
In der hintersten Ecke, da, wo der E-4-Aufstieg aufs Kap beginnt, erkenne ich gerade noch einen zurückgelassenen Rucksack - offenbar ist da jemand auf Erkundungstour gegangen, sucht oder bereitet vielleicht irgendwo sein Nachtlager.
Im Hintergrund eine echte Großfurche, eine immer wieder überraschend weite Talung, "Kládos-Schlucht" genannt. Ein richtiges Monstrum an Breite und optischem Eindruck. Der Verlauf des E-4 ist leider nicht erkennbar, nicht nachverfolgbar, schade. Kiefernwälder, da hinten.

Ein relativ monotones, langes Hangstück folgt, es geht steil bergauf, bis zu den Gipfeln weiter landein.

Der kleine Strand (Sendóni), der später sichtbar wird, mit ein oder zwei weißen Häuschen, grenzt bereits an die andere markante Schlucht, die von Tripití, im Vergleich zur Kládos-Schlucht von See aus absolut unscheinbar, eng wirkt sie - allerdings auch geheimnisvoll, für einen vorbeiziehenden Seefahrer.
Westlich springt ein etwas ausgebauchter hoher Bergkegel ins Meer vor. Es ist das Kap Tripití, sein Gipfel der Profítis Ilías mit Kapelle. Eine Festung aus venezianischer Zeit mit türkischen Ausbauten ist da oben in Resten noch erhalten - seh ich aber nicht, vom Schiff aus.
Ítalo hat mir erzählte, er lege auf diesem Kap immer eine Übernachtung ein, wenn er Wandergruppen von Ag. Rouméli nach Soúgia führe. Er zieht diese Richtung vor, von Ost nach West, das Schwierigste zuerst, alleine schon dieser Aufstieg von Ag. R. aus! Als Abstieg wäre er zum Schluss eine Tortur.

Wieder ein kleiner Badestrand, kleine "Farángi" dahinter. Steile Hänge sind es, an diesem Küstenabschnitt.
Bald ist eine kleine Kirche erkennbar, in Ufernähe. Wald am Hang, wieder eine Schlucht.

Das letzte Stück vor Soúgia/ gesprochen: "Súja". Nicht ganz so steil wie zuvor geht es hier die Hänge hoch.

Eine kurze Schilderung eines langen, anstrengenden Weges war das. Einige Leute sind auf der Strecke umgekommen, auf dem Teilstück hinter Tripití in Richtung Ag. Rouméli. Sind vom Weg abgekommen, in der Hitze herumgestiegen, haben ihre letzte Kraft aufgebraucht, sind schließlich verdurstet. Jetzt soll alles besser markiert sein. Etliche der gelb-schwarz geringelten Markierungsstangen sind wahrscheinlich schon wieder demoliert (?) - ich kenne den Weg aber nicht aus eigener Erfahrung.
Nachdenken an die ausdrückliche Warnung des einen Paares in Lýkos/Líkkos: NICHT so problemlos, das Stück gleich hinter oder vor Agía R., aber nicht nur da, mehrere steile Geröllhänge, teils kaum erkennbare Pfade, man kriegt es mit der Angst zu tun - echt schwierig (!), meinten sie.
((Viele Leute haben den Weg auch bewältigt, geübte Bergwanderer, Langstreckengeher mit schwerem Gepäck.))

Was für eine ausgesprochen schöne Annäherung an Soúgia ist das wieder, dieses Mal! Von der Meerseite her erscheint mir der Ort wirklich jedes Mal viel hübscher und grüner als in seinem Zentrum selbst, wo er mich immer noch nicht so sehr begeistert. Ich weine vergangenen Zeiten, den älteren Leuten und ihrer Preisethik nach, der alten Maria mit ihren ein, zwei einfachen und doch so perfekt gelungenen Gerichten. Als ich einmal mit einem Walkman anrückte, wollte sie ihn mir abkaufen - sie wollte auf dem Stand der Zeit sein (- aha, dämmerte es mir, Soúgia öffnet sich mit aller Verve dem Fortschritt). Seit Jahren hat die Tochter übernommen und saniert, modernisiert. Das liebenswerte Alte ist kaputt, dauerhaft und auf abrupte, brutale Weise ausgelöscht. Aber wer das nicht kannte, liebt Sougia möglicherweise, beim ersten Eintreffen. Wenn nicht, vergleicht er/sie - und hasst es vielleicht recht bald. Ein durchaus ruhiges Örtchen dennoch, jetzt, nachdem sich Paleóchora noch dazu so verändert hat. Die Wiederkehrerinnenszene, die griechischen Boys warten schon auf die mitteleuropäischen Damen aus den österreichischen und bundesdeutschen Büros, die sich vierzehntägig erneuern. Auch nur eine Teil-Clientèle, der Rest sind ganz normale Leute, klar.
Aber im Vergleich zur Stille und Nähe, auch anderen Mitreisenden gegenüber, von Loutró, oder Phönix oder Lýkos und natürlich auch der abendlichen oder morgendlichen Terrasse des "Stávris" in Chóra Sfakíon, ist Soúgia schon viel, VIEL, V I E L weiter entfernt, ein deutlicher Schritt zu mehr Anonymität oder auch Professionalität, wenn man so will. So hab ICH zumindest es halt mehrmals erlebt, andere haben vielleicht ganz unterschiedliche, gegensätzliche Eindrücke mitgenommen, und die mögen mir bitte verzeihen.

Meine im früher üblichen Dreitagerhythmus (bei Zwei- oder Dreiwochenreisen [dann auch noch Plakiás, Agía Galíni, Mátala, Pitsídia], westliche Südküste plus Chaniá, Standardprogramm) zusammen mit mir weitergereisten neuen Bekanntschaften, Wanderfreunde, GesprächspartnerInnen aus der Sfakiá, etwa aus Loutró, haben sich in Soúgia zu meiner steten Enttäuschung im Lauf von spätestens zwei Tagen immer ganz eindeutig "vertrivialisiert", wenn ich das aus meiner, sicher ganz persönlichen Erfahrung, so sagen darf. Jegliche Intimität, durch die Kleinheit und positive Enge jener Winzorte bedingt, löste sich fast schlagartig in Soúgia auf – dabei ist es ja auch bestimmt nicht groß. Seither sind mir dieser Ort und seine Atmosphäre ziemlich suspekt. Er ist mir auch immer deutlich weniger authentisch vorgekommen als etwa Paleóchora, immerhin ein echtes, perennierendes, "ganzjährig geöffnetes" kretisches Dorf, keine Saisonsiedlung wie Soúgia, das im Winter dichtmacht.

Im Vorübergleiten zur See erscheint der Ort aber fraglos schön, völlig durchgrünt, tolle Bergumrandung, ein langer Kiesstrand, an seinem Ostende hinter Felsen die Nacktbader, beim Anlegen geradezu als Geheimtipp, mit den die Ankömmlinge empfangenden lokalen Spezis. Einige hundert Meter östlich vom Anleger (gut westlich der Touristensiedlung) wartet schon ein Linienbus - vielleicht stimmt das Gerücht ja, dass auch von hier sogar noch im späten Oktober ein Bus die Samariáwanderer spätnachmittags nach Chaniá zurückbringt. Die Leute, die hier das Schiff verlassen, sind auch keine Unsympathen, so ist es nicht.

Einblicke nach Lissós, der Bucht und antiken Siedlung etwas westlich, schönes Wanderziel oder Zwischenstation auf dem E-4 nach Paleóchora oder von dort her. Es hat damals einige Zeit gedauert, bis ich den Weiterweg nach Soúgia gefunden habe, bei all dem Weggewirr zwischen Ruinen. Einen Abstecher zum Strand hab ich natürlich auch eingelegt.

Im weiteren Verlauf der Küstenschifffahrt tun sich große, weite Erinnerungen auf, an diesen Weg von West nach Ost zu Fuß. An die Überwindung des großen Vorgebirges oder Kaps, auf Pfadserpentinen, die Nacktbadenden an kleinen Strandfetzen davor, an den großen, unbeschreiblich schönen und ursprünglichen Dünenstrand, Strand mit lauter Kleindünen, Sträuchern, kaum ein Mensch, im Herbst.
Jetzt knallen einem mehrere große Gebäude entgegen, von der Landspitze, die einst so entlegen schien, auf staubiger Piste erreichbar, in etwa 45 min, von Paleóchora her. Die Straße sieht nunmehr asphaltiert aus. Der Fortschritt, der die Originelleres ersehnenden Individualreisenden längst nach Indonesien treibt, nach Sri Lanka, nach Vietnam. Wenigstens in die rätselhaften, "unterentwickelten" Tropen. Kretas westliche Südküste – zu guten Teilen bereits eine Legende aus früheren Zeiten! Herrlich, gerade noch dazugehört zu haben!

Die Halbinsel von Paleóchora breitet sich riegelartig vor dem Bug der "Samariá" aus. Vor Tagen hatte ich die weißen Häuser schon auf der äußersten Landspitze am Ostrand der Bucht von Agía Rouméli, in einiger Höhe über dem Meer, am Horizont erkannt.

Wo werden wir landen? Etwa im neuen Hafen an der Südspitze? Oder, hoffentlich, am alten, recht kleinen, menschlich dimensionierten Anleger? Ja, das zumindest ist der Fall.


Die eiserne Klappe wird ganz schräg angelandet, mitten an einer äußeren Ecke der Mole, es reicht spielend für alle Autos, sie kommen problemlos vom Schiff, das schließlich auch hier vertäut wird und hier die Nacht verbringt.

Einige Zimmeranbieter warten bereits auf uns Ankömmlinge. Ich winke ab, murmle Ausflüchte. Ein Radfahrer frägt auch, relativ zurückhaltend, ob ich ein Zimmer brauche. Ich antworte: "´Ächo! - Páo sto Lissó!" Witzig. Ich hab den netten Manóli nicht erkannt, den radelnden Besitzer meiner angestrebten Unterkunft! Er lacht und ist zufrieden.

So schleppe ich mich mit meiner schweren Last ans nördliche Dorfende, wo sich unweit des Bus-Kafeníos, noch vor dem ocker gestrichenen charmanten ehemaligen "Hotel-Hochhaus", auf der gegenüberliegenden Straßenseite das "Lissós", ein Hotel der alten, einfachen Sorte, befindet. "A small family hotel", nennt es sich, und ist es auch. Das merkt man spätestens, wenn einem die Zimmertür zugefallen ist, nach Besuch von Dusche (durchs kleine Fenster Blick auf den fernen Burgberg!) oder Toilette auf der wunderschönen Terrasse über dem erstaunlich üppigen Garten. Dann bleibt nichts anderes, als zur stets präsenten Oma runterzulatschen, ins Erdgeschoss/Erdgeschoß (Austria), vorbei am Gemeinschaftskühlschrank und einer großmaßstäbigen Landkarte Westkretas als Wandschmuck, und im Fast-Adamskostüm um einen Ersatzschlüssel zu bitten, den die Jajá auch gleich zu suchen beginnt (- sigá-sigá, allerdings, nicht táka-táka, was auch nicht zu einer Jajá passen würde). Und glücklicherweise hat man den Erstschlüssel wirklich nicht innen stecken lassen, dann lässt sich die hoch antiquierte Zimmertür auch problemlos aufsperren, mit dem Ersatz.

Derweilen sitzt Manólis Sfinarolákis (-látschis) auf einen Kafedátschi vor dem Bus-Kafenío. Später gesellt man sich vielleicht dazu, oder begegnet ihm unten, vor Betreten des Hauses, und erfährt von baldiger Veränderung: Seit Jahren schon hatte er Umbaupläne, und diesen Winter setzt er sie endlich und entschieden in die Tat um. Eine der letzten Bastionen althergebrachter Gemütlichkeit und eines ganz eigenen Flairs in P. wird also geschleift.
Die Wohnstätte weniger betuchter Touristen oder solcher, die eine unvergleichliche Atmosphäre ganz bewusst aufsuchen, dafür den totalen Zimmerkomfort liebend gerne opfern (obwohl die Matratzen zum Besten gehören, was ich je geboten bekam), wird den inzwischen im Ort vorherrschenden luxuriöseren Verhältnissen angepasst. Ich bin gespannt, was bleiben wird. Schöne Grüße an alle Stammkunden: Sie möchten doch das nächste Mal noch jemanden mitbringen, Partner, Freund oder Freundin, Mamma, Brüder, Schwestern, heimlich Geliebte - zu zweit könne man sich die gestiegenen Preise locker leisten, meint Manólis in aller Offenheit. Ein EZ für 20 Euro gibt's dann jedenfalls nicht mehr, meinte er, auch nicht in der VS und NS. Er ist zuversichtlich, dass sich die Großinvestition mit Umbau (Verkleinerung) der Terrasse und stark vergrößerten Zimmern lohnen wird.
Da kann man nur hoffen, das "traditional and friendly environment" auch im kommenden Jahr wenigstens irgendwie wiederzufinden, wenn man nicht gleich ausbleibt.

Nur wenig Zeit habe ich noch, vor Einbruch der Finsternis meine Ortsrunde zu drehen. Aber drehen will ich sie, und ich werde viel mitbekommen vom War-einmal und vom Ist-jetzt, im Vergleich.

Am Nordende der Uferpromenade auf der Ostseite hat noch das Café vor den eigentlichen Restaurants geöffnet, es wird bald schließen, ein Touristen-Paar plaudert mit der Besitzerin. Vor dem Oriental Bay sehe ich an den Balkonen, dass drei oder vier Zimmer belegt sind.
Zurück und rauf am Ostufer entlang nach Süd, ein paar Tavernen und Pizzerien haben noch auf und auch Gäste, weiter nach West, zur "Kreuzung", deren Kafenía noch nicht so stark frequentiert sind, dann wieder in die Gassen, vor der fast dodekanesartig wirkenden Kirche mit ihrem Zuckerbäckerglockenturm links ab und schließlich die neue Uferstraße Richtung Hafen entlang - Schande! Knallbunte Mietautos parken unterhalb des legendären Frühstückslokals (heißt nun „Almyrída“) mit der Tamariske auf seiner Kleinterrasse, wo auch ich immer gerne gesessen und (im ersten Stock) öfters und gerne Quartier genommen hatte, und wo man sich noch 1999 dem Plätschern der Wellen hingab, und das nun abends geschlossen ist, da sich kein Mensch den Anblick der Asphaltpiste antun will, und auch nicht die potenziellen Raser, die ab und zu vorbeiröhren, trotz Verbots. Aus dem Nachbarhaus scheue Blicke einer sehr deutsch aussehenden Frau, der Wirtin? Ihre Kneipenkonkurrenten, gleich nebenan (andere Seite), haben sehr wohl geöffnet. Da war und ist mir die alte Tamariskenkneipe aber viel lieber, im Vergleich.

Enttäuscht gehe ich weiter hinaus, auf der mittleren Teerstraße, hin zum großen "neuen" Hafen (den es schon Jahre gibt) , zuvor frage ich eine einheimische Alte, die reglos unter einem Baum neben der Autobahn kauert, nach den alten ANENDYK-Schiffen (Sfakiá, Sofía). Sie glaubt eines davon gesehen zu haben, ganz hinten im Außenhafen. Und Recht hat sie. Friedlich sind alle altbekannten Küstentransporter der westlichen Südküste nebeneinander bzw. hintereinander bzw. um die Ecke des sehr weitläufigen Hafenbeckens geparkt, auch der Elafoníssi-Kreuzer und andere maritime Vehikel.

Sogar zum Burgberg hinauf wurde schon geteert. Und erst recht an der Westseite der Südspitze der Halbinsel, unmittelbar nördlich der Hafenzufahrt, wo eine Art Sportgelände mit riesigen Parkflächen (für Autos!) aufgezogen wurde. New York City wäre inzwischen stolz auf so etwas - woher nur das Geld nehmen? Nur die Streetballspieler vermisse ich noch.

Wenige hundert Meter weiter, um eine Kurve, liegt das Aussichtslokal neben der neuen Prachtstraße, hoch über dem langen Sandstrand. Einige späte Gäste erwarten den Sonnenuntergang, bei einem Gläschen.
Auf einem Balkon der ersten Pension zu Füßen des Burgbergs träumt eine junge, blonde Fremde mit verklärter Miene dem Ereignis der "setting sun" entgegen. Ich hätte sie gerne mal in eine ländlichere Gegend mit demselben, eher ungebremsten Naturereignis weiterempfohlen.

Das Denkmal des Briten auf dem Esel, schwarzes Blech, vor dem Strand, bei dem aus Naturstein gemauerten Rondell. Weiter gehe ich die westliche Uferstraße nicht, sie war noch nie was Besonderes, trotz des hübschen Tamariskenwäldchens.

Beim immer noch existenten Kiosk drehe ich also nach Ost, die "Stichstraße" (so der Traditions-Fohrer) Richtung Kreuzung hinein. Gleich hinter dem Kiosk ein Ungetüm von protzigem Großrestaurant. Noch schlimmer aber das überdimensionierte Supermarktmonstrum daneben, palastartig ausgebaut, das diese Ecke der Stadt nun wirklich brutal verschandelt. Dabei hatten die großen Hotels daneben, hinter der Strandstraße, bisher schon völlig ausgereicht, für die effektive Verschandelung.
Aber wartet nur: bald wird der Wohltäter namens LIDL seinen Einzug halten, prophezeie ich (wie abartig erschienen mir doch diese LIDL-Tüten im Canale della Giudecca in Venezia, das zugehörige Geschäft in die Häuserfront am Ufer integriert, und alle kamen von weither, aus allen Teilen der Lagunenstadt), und sie werden kommen, die Wirte wie die Privatleute aus Koundoúra, Kándanos, Azojirés (dem östlichen und dem westlichen), ja bis von Kastélli her! Zum LIDL, Paleóchora - manch lallende Urlauberzunge wird eher einen "Li'l" hervorbringen und den beliebten Weißen des Großunternehmens im Studio kritiklos in sich hineinschlürfen (der wird in einer Test-Gazette ganz vorne rangieren, garantiert - wegen dem guten Geschmack, den die Massen so schätzen!).

An der Kreuzung noch einmal nach rechts, Reste alter Kafenía, allmählich besser bis gut gefüllt, die Tische und Stühle draußen. Der Tschírios Lambakátschis, der "Schlürfer", ist nun verstorben, und die neu erstellte, seit einigen Jahren bereits übergebene, düstere "Grotte" seines ehemals schönen, gepflegten Lokals alten Stils mit dem beliebten "Käik" (Kuchen) entlässt irgendwelche neue Musik aus ihren leblosen Grüften. In dem Teilstück Richtung Kirche begutachte ich die Live-Moderatorin von "Radio Paleóchora" (oder wie auch immer es exakt heißen mag), wie sie in völliger Einsamkeit hinter ihrem Mikro klemmt, Kopfhörer auf, in einem engen Stübchen mit Schaufenster und zur Straße hin geöffneter Tür. Der Papa (?) sitzt auf einem Stuhl draußen und bewacht sie. Unweit daneben ein altes Kafenío, das mit dem großen Fernseher - Fußball! Und apénandi, gegenüber, Speiselokale, ein Zigarettenladen, die Hafenpolizei, und KEIN Internetcafé mehr. Auch das des Deutschen, von Andreas, finde ich nicht mehr. War ja zuletzt weiter vorne (nördlicher) angesiedelt, über einer Kneipe unweit der Kreuzung. Ganz nah bei der Kirche eine Art Frauentreff - etwa 12 Weiblichkeiten diskutieren drinnen angeregt, um einen Tisch versammelt.

Hinauf geht es nun, bei einbrechender Dunkelheit, auf die Hochfläche des ruinösen Kástro mit der wirklich schönen Aussicht über Ort, Berge und Meer. Die letzten beiden Freundinnen ziehen ab, haben es genossen. Zu meinen Füßen sauber ausgegrabene antike Grundmauern en masse, Rechtecke. Weiter hinten das Funkfeuer für die allgemeine Luftfahrt.

Die Stimmung ist irgendwie gekippt, hier, sagt mir mein Gefühl. Positiveres kriegt man wohl erst nach zwei, drei Tagen mit, dann tut's und geht's einem bestimmt besser, an diesem altbeliebten Platz.

Runter und die mittlere , die "alte" Altstadtstraße östlich des Burghügels noch einmal hinter bis zum totenstillen, wie gesagt geschlossenen ehemaligen "Chaniá". Ein älterer Herr macht mich auf dem Weg an, wirbt für das super Fischlokal an der neuen Asphaltstraße am Ostufer, sein Hund kann sich gar nicht mehr beruhigen vor lauter Gebelle.

Traurig kehre ich um, lass mich wieder ankläffen, gehe weiter zentrumwärts. Es ist halt schon fast Saisonende. Aber damals, vor Jahren, im November, hatte es mir noch viel besser gefallen.

Eine Milópita beim Bäcker in der Parallelgasse hinter der Hauptgasse ist fällig. Sie ist erkaltet und zäh, aber billig. Enttäuschend. Der Boss sitzt vor seinem Geschäft und ruht sich von der Tagesarbeit aus, diskutiert mit Freunden. War bestimmt zu spät am Abend, aber was soll ich machen? Bin spät angekommen.

Kreuz und quer erkunde ich nun die Nebengässchen der Nord- und Westseite des Burgviertels. Eine Frau am PC mit Flachbildschirm im Souterrain, ein Auto direkt vor dem Fenster geparkt, lieblos, aber Griechen können gut damit leben. Um eine Ecke herum ein Hotel mittendrin, aus einem der Fenster guckt jemand, ein finnische Miniaturfahne neben sich. Eine Reiseleiterin, gerade pausierend?

Inzwischen ist das Mittelstück der sowieso nicht sehr stark befahrenen Hauptdurchgangsstraße wieder abendlich abgesperrt worden. Das Sperrschild ist unübersehbar. Ich wandere durch den Trubel, der an diesem 24. Oktober überraschend ausgeprägt ist. Noch einige Hundert Touristen, zumindest Urlauber, sind noch anwesend, zeigen sich, gemischt mit Einheimischen, gerade jetzt, am Abend, auf den Tavernen- und vor allem Kafeníastühlen massiert den Passanten. Einige Frauen blicken mir konzentriert nach. Endlich ein alleinstehender Mann!? Endlich!!

Ich flüchte mich wieder ins Buskafenío, bestelle Mezé zum Bier, man ist etwas verwundert. Wie viel hat sich in diesem Kafenío im Lauf von nur 5 Jahren geändert!

Unbedingt muss ich noch hinter zum Campingplatz spazieren, egal wie dunkel. Alles ist nun schön und breit geteert, nur der alte Friedhof gleich beim Hotel Oriental Bay, die riesigen Olivenbäume und die in der Dunkelheit bellenden Hunde vermitteln noch ein Gefühl von kleinem Abendabenteuer. Fahrräder ohne Licht kommen mir entgegen, eine deutsche Familie, vom Camping? Autos brausen an mir vorüber, potenzielle Tavernenbesucher. Die Kurve mit der Brücke, die ich gar nicht so richtig sehen kann. Eine geschlossene Taverne links an der Straße, dann ein Gehöft mit Hinweisschildern auf zu vermietende Zimmer, irgendwann die kleinen Bungalows rechts, dann links die Büsche mit dem Campingareal dahinter, anschließend die Zufahrt zum Platz, endlich die Camping-Taverne, nun auch nicht mehr so urig, durchaus gediegen, aber eine Dartsscheibe an der Wand, immerhin. Einige wenige (griechische) Stimmen dringen aus dem Inneren des Lokals zu mir heraus in die Nacht. Parkende Autos. Die breite Teerstraße geht weiter, ich kehre um.

Soll das schon alles gewesen sein? Nein. Ich gehe die Trubelgasse zurück, biege in die Stichstraße zum Sandstrand ein und lasse mich gegenüber einem (relativ gesehen, kleineren) Supermarkt an einem Tisch einer einfachen, aber ziemlich großen Schnellimbiss-Eckkneipe nieder. Eine Seitengasse führt an dieser Ecke irgendwohin hinter. Das große Glas Schíma-Rotwein ist köstlich, ein gleich großes Glas Wasser dazu hab ich geordert, 50 Cent verlangt die sympathische Wirtin für das Viertel Wein. Um mich herum schmausende Einheimische, ganze Familien, die sich solche Preise noch leisten wollen, einige davon vielleicht auch gerade noch können. Jetzt bin ich wieder ein bisschen versöhnt mit Paleóchora. Richtig schön, bei diesen Leuten, nebenbei Passanten beobachten, und Kunden des Supermarkts - der Mann aus meinem Schnellimbiss holt laufend neue Mýthoi, neue "Mythen", aus dem Kühlschrank des Großladens gegenüber - nicht wegen mir!

Ein letzter Gang durch die Kafenío-Meile, es wurden wieder mehr alte Stühle durch bequemere Segeltuchsessel und andere Sitzgelegenheiten ersetzt. Vor 5 Jahren hatte ich den gegenteiligen Eindruck.
Nach meinen Erfahrungen mit der Stille kleinerer Orte fällt es mir nicht leicht, diese "Großstadt" zu akzeptieren.

Spätabendlicher Terrassengenuss in meiner Unterkunft. Alleine mit einer großen Mineralwasserflasche. Geräusche aus dem anschließenden Zimmer, alle schlafen wohl schon, hier, oder sind noch unterwegs. Schräg unter mir hat eine sympathische Familie das große Appartement gemietet, im Garten. Sie wirken sehr zufrieden und glücklich.

Um den Circa-7-Uhr-Bus (er geht etwas später) zu erwischen, stehe ich früh auf. Noch einen Kaffee im Bus-Café. Wieder Beschiss (zwei Euro etwa) beim Kaufen der Fahrkarte (eine Spezialität in Paleóchora, und eine noch ausgeprägtere in Sitía!). Ich hab noch halb geschlafen. Die Löhne der KTEL-Beschäftigten sind bescheiden.

Trotz der Unmengen zusteigender Schüler bekomme ich noch einen Sitzplatz. Einige Leute müssen stehen. Aber nur bis Kándanos, wo sich die Schülerscharen in verschiedene Schulen verteilen. Die heftigen, lauten Diskussionen über Fußballer, die letzten Partien und andere wichtige Dinge brechen sozusagen schlagartig ab.

Wach ich oder bin ich noch im Halbschlaf? Dämmerung, nicht enden wollend. Ach sooo: die dunkel getönten Busfenster, es will einfach nicht Tag werden, in diesem neuen Luxusbus.

Ist ja alles in (Un)Ordnung, man sitzt in einem modernen Linienbus mit Nach- und Vorteilen.
Man fährt an "Kakodítschi" vorbei und denkt sich: Auch früher gab es schon ein paar Leute, die sich geprellt fühlten! Der Ortsname, meine ich.

Saisonende in Keratókambos/Kastrí




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