Kykladentour Oktober 2008
Teil 5: Momente auf Paros
Copyright puchheim = MartinPUC, Februar 2009


Begegnungen auf der Fähre

Nikos hat mein Gepäck in seinem Pick-up zur Fähre gebracht, ich bin zu Fuß auf einen letzten Nes ins To Kíma gegangen.
Die bulgarische Haushaltshilfe meiner Vermieterfamilie wird zum Saisonende mit demselben Schiff wie ich abreisen, ich hatte mich zuvor mehrmals mit ihr unterhalten. Sie ist jemand, den man als "ehrliche Haut" bezeichnen kann, schon im deutlich vorgerückten Alter und sich nicht so sicher, ob man sie für die nächste Saison wieder brauchen wird. Den Winter über wird sie ihr Glück in Athen versuchen, zunächst bei einer Freundin unterkommen.

Ganz pünktlich um Viertel vor acht macht die Náxos am großen Anleger von Dhonoússa fest. Ich helfe Eléni (so nenne ich die nette Bulgarin mal – sie hat sich tatsächlich einen griechischen Namen zugelegt) beim Verstauen ihres Koffers im Gepäckraum etwa auf mittlerer Höhe des Aufgangs aufs Schiff, seitlich des Absatzes zwischen den beiden Rolltreppen, entgegne auf ihre Befürchtung, das Gepäck könnte gestohlen werden, dieser Raum werde während der Fahrt zwischen den Zielhäfen stets verschlossen, sie müsse nur bei der Ankunft auf Naxos und Paros einen kurzen Blick auf ihr gutes Stück werfen und habe dann bis zum Piräus ihre Ruhe. Vom zweithöchsten Achterdeck aus beobachten wir das Ablegen und suchen uns schließlich einen Sitzplatz.
Mich hält es wie üblich nicht lange an meinem Platz, ich vertrete mir die Beine und guck in verschiedene Richtungen übers Meer, auf Schiffe, auf Náxos, später Paros und fernere Inseln.

Bald kommt es zu einer Unterhaltung mit einem offensichtlich auf Dhonoússa ansässigen Ausländer, der zusammen mit einer jüngeren Frau gleichzeitig mit mir zugestiegen war.
Es ist jener mysteriöse Typ mit dem Haus einen Kilometer außerhalb des Hafenortes, den der Franzose von Koufoníssi als "Engländer" bezeichnet hatte und über den man im Minimarket von Pópi bzw. Sofía immer noch rätselt, ob er nun Österreicher, Engländer oder sonst etwas sei.
Es handelt sich in Wahrheit um einen Holländer. Ich erfahre von ihm, dass er sich eine Zisterne eingerichtet habe, die Wasserversorgung auf der Insel sei nicht immer so einfach. Ja, und das Fahrrad, das ich bei meinem ersten Besuch auf Dhonoússa neben dem Feldweg zum Müllplatz auf Höhe seines unterhalb gelegenen Hauses geparkt gesehen hatte, gehöre ihm.
Diesen Franzosen von Koufoníssi kenne er auch, der sei von Beruf so etwas wie Landschaftsarchitekt, auf den ein Großteil der dortigen Baumpflanzungen zurückzuführen sei.

Der Eleni spendiere ich ein Sandwich von der Außenbar, was sie verlegen fragen lässt, warum ich das tue. Weil sie ein guter Mensch sei. Sie ist ganz gerührt und küsst mich auf die Wange. Mir ist es jetzt egal, was die Leute denken, ich hab nur gespürt, dass sogar der Typ an der Bar sein Gesicht leicht verzogen hat, als sich die Bulgarin neben mir ihr Sandwich aussuchte. Wer gibt sich schon mit einer alten bulgarischen Arbeitsuchenden ab? Ich glaube, die intelligente, sprachbegabte Frau (ihr Rumänisch und ihr Griechisch klingen überzeugend) hätte bis Piräus nur an ihrer mitgebrachten Wasserflasche genuckelt, um ihr sauer verdientes Geld zu sparen.

Als wir am nordöstlichen Paros vorüberschippern, erklärt uns ein griechischer Mitpassagier die ganze Gegend, in der er beheimatet ist. Jetzt gebe es dort leider kaum mehr Arbeit.

Gegenüber der Bucht von Náoussa (Paros) bringt Eleni auf einmal ihre große Frage vor: Warum ich eigentlich Urlaub auf diesen so kahlen Kykladen mache? Sie habe früher einmal auf der Méthana–Halbinsel gearbeitet, dort sei es viel grüner gewesen: DORT solle ich mal urlauben! Ihr habe auch Dhonoússa nicht besonders gefallen. – Aber so seien sie halt, die Kykladen, das wisse jeder, der sie besucht, meine ich.


Endlich einmal wieder Parikiá!

Ist es nicht herrlich anzusehen, von See aus, das weiß schimmernde, weit hingestreckte, blaubekuppelte und palmendurchsetzte Parikiá?

Es war wohl Anfang April gewesen, vor sehr langer Zeit (Anfang der Neunzigerjahre, Ende der Achtziger?), als ich parischen Boden zuletzt betreten hatte. Wegen des kühlen, noch durchaus winterlichen Wetters bin ich damals bald nach Santorin und weiter nach Kreta geflohen.
Zuvor hatte ich Paros zu wärmeren Jahreszeiten besucht, allerdings nie im Sommer oder gar Hochsommer. Parikiá (jeder betonte es "Parikía") war damals, wie auch Náxos–Stadt, eine Hauptdrehscheibe des Kykladenverkehrs gewesen, und ständig konnte man ankommende und ablegende Fährschiffe bestaunen – quasi im Stundentakt, nicht selten halbstündlich. Das tat man üblicherweise von den Tischen des Hafencafés gleich bei der Windmühle mit ihrer Tourist Info aus.
Dieses Hafencafé hatte Kultstatus, es war meist zum Bersten gefüllt, drinnen wie draußen, und die Wirtsfamilie, insbesondere eine Tochter, war ganz besonders nett. An diesem Ort zu sitzen, zu verweilen und einfach nur zuzuschauen, das war für mich schon Grund genug gewesen, einen Abstecher nach Paros einzulegen.

Nach dem großen Aufräumen und Konzentrationsprozess bei den griechischen Fährgesellschaften sind Schiffsankünfte selbst auf Paros inzwischen zu einer Seltenheit, zu einem eher sporadischen Ereignis geworden. Zweimal täglich die Blue Star, ab und zu GA Ferries, und noch einige Highspeed–Fähren. Viel mehr spielt sich heute nicht mehr ab, an der einstigen Drehscheibe.
So ist es auch deutlich ruhiger geworden im Hafencafé, und wir haben zudem schon Ende Oktober.

Es ist meine erste Station, also Rucksack runter und drinnen mit Erlaubnis des Bedieners abgestellt. Alles wurde umgebaut. Im Inneren jetzt ein pseudokomfortabler Salon ohne Publikum, im Eingangsbereich eine billig wirkende Snacktheke. Von den einstigen Besitzern ist nichts mehr zu sehen.
Nur draußen sitzt man noch relativ gemütlich mit Blick in das Hafengelände, zum großen Anleger, auf das Zufahrtstor und die überdachten Wartezeilen der Passagiere, ganz nah. Landeinwärts gleich ein weiterer Jíros/Gyros–Snack, daneben die alte kleine Fahrkartenagentur (sie steht noch wie ein Fels in der Brandung), in die andere Richtung der Períptero, ein immer noch stattlicher Kiosk mit urigem Betreiber. Um die Ecke nach Nordost die erste große Platía mit Grünanlage, davor noch zwei Hotels, ein altes einfacheres und ein neueres teureres. Ich kann mir nicht helfen, aber ich fühle mich gleich zu Hause und freu mich, dass ich da bin. Na ja, der Getränkepreis rückt meine nostalgische Paros–Sicht gleich wieder zurecht. Ich bin gespannt, wie viel sie jetzt für ein vor Ort gesuchtes Zimmer verlangen werden.

Zunächst geh ich ins erste Hotel von der Windmühle am Hafen aus, unmittelbar neben einem Grillrestaurant, es ist das einfachere, in dem ich vor Jahren schon einmal genächtigt hatte.
Unten am Empfang sitzt niemand, ich steige die Treppe in höhere Stockwerke hoch, bis ich eine Frau putzen sehe, die mich wieder runterschickt. Die junge Dame, die dann auftaucht, weist mich erst einmal zurecht, ich hätte geduldig neben dem Empfang warten sollen. Keine sehr freundliche Atmosphäre, das merkt man gleich. Der EZ–Preis beträgt noch Ende Oktober 30 Euro aufwärts, ich lehne das ab. Wie viel ich mir denn vorstellte? Als mir "20 Euro" über die Lippen kommen, wird die Frau noch unfreundlicher. Ich werde mir anderswo was suchen – dabei war das wohl das billigste Hotel am Platz. Sie hätte mir ein Zimmer ohne Aussicht ganz unten gegeben. Wenn ich da an Naxos zurückdenke: Weniger als 20 Euro für zweieinhalb Zimmer mit großem Balkon!
Im teurer wirkenden Hotel ganz nahe um eine Ecke rum, am Anfang der Prómbona–Straße an einem großen Platz gelegen, ist alles belegt.

So wende ich mich der meeresnahen Altstadt zu, gehe in südlicher Richtung über die Platía Mavrojénous, wo ich alle Hotels geschlossen vorfinde.

Die Erinnerung an früher steigt in mir hoch, als ich über eine kleine Brücke das betonierte Flussbett überquere und eine schlichte Zimmervermietung passiere, weiter hinten noch einmal einige Stufen hochsteigen muss. Links oberhalb thront das erste Altstadtkafenío mit immerhin einem Touristen davor. Ich gehe nach rechts weiter und gelange bald zu einem Naturkosmetika– und Souvenirgeschäft, das in denselben Farben gehalten ist wie das Café gegenüber mit den Sitzbänken und Tischen unter einem weit ausladenden Baum (der gerade seine blau klecksenden Früchte abwirft, deshalb die Netze in den Ästen) beim Zusammenfluss zweier Gassen, nach dem es auch benannt ist: Dístrato. Hier lege ich einen Frappé–Stopp ein, schau mir zu spät die Karte an. 4 Euro 50 für einen Frappé mit Eis – Donnerwetter! Die liebe Schweizerin namens Michaela verlangt schließlich nur 2 Euro – Nachsaisonpreis (?).

Ich durchstreife daraufhin alle möglichen Gassen. Einige Privatpensionen gäbe es schon, doch mal passt mir die Lage nicht, mal das triste Aussehen, und nirgends sehe ich irgendein Lebenszeichen von Gästen.

Ich kehre um und gehe ins Hotel Kapetán Manólis rein, von der Haupt(shopping)gasse aus. Im dunklen Empfangsbereich, schlicht genug, um mich nicht abzuschrecken, läuft der Fernseher – wohl um zu signalisieren, dass hier wirklich jemand anwesend ist. Nach einigem Rufen erscheint ein älterer Herr mit Basketballmütze: Jannis, der Bruder von Manólis, wie er mir später in einem Kafenío verdeutlicht.
Ein paar Schritte, und wir befinden uns in einem hübschen, locker durchgrünten Innenhof, auf den die Zimmer aus zwei Stockwerken hinausgehen. Ich werde in ein Quartier im EG geführt. Es ist recht eng, das Bad ganz hinten und fensterlos, wie in allen anderen EG–Zimmern auch, nur ein einziges Fenster neben der Eingangstür. Kleiner Fernseher vorhanden und großer Ventilator an der Decke.
Da ich nicht bereit bin, 30 Euro zu zahlen, krieg ich das vom Komfort her abgespeckte Zimmer daneben (ohne Fernseher) für 25 Euro. Draußen stehen noch ein Tisch und zwei Stühle bereit, eigentlich ganz gemütlich. Alles sehr sauber, auch das Bad, als DZ allerdings sehr beengend, für einen allein geht es noch.
Jannis hatte mir versichert, hier auf Paros sei halt alles etwas teurer, so sei das eben. Ich bin schließlich froh, bei der Kürze meines Aufenthalts nicht noch länger suchen zu müssen, hole mein großes Gepäckstück aus dem Hafencafé, packe die wichtigsten Sachen aus dem Rucksack und entleere meinen Tagesrucksack bis aufs Nötigste. Setz mich dann draußen an meinen Tisch und beginne die Idylle zu schätzen. An einer Wand gegenüber kann man durch ein Fenster sogar in eine alte Kapelle blicken.

Als ich mich anschicke, Essen einkaufen zu gehen, kommt mein Vermieter vom anderen Eingang in das Gartenparadies her mit einer großen Reine Essens reinspaziert, fragt mich ohne zu zögern, ob ich was davon abhaben wolle und verschwindet in seinem Privatbereich. Kurz darauf taucht er wieder auf und serviert mir eine Portion des vegetarischen Gerichtes, einer Art Briám. Das finde ich echt nett von ihm.

Es wird ein heißer Tag werden, der Wind hat sich gelegt. Stadtspaziergang die Market Street und ihre südliche Fortsetzung entlang, zur Zeit der Mittagsruhe haben fast alle Geschäfte geschlossen.
Ein Schlenker hoch zur Ágios–Konstandínos–Kirche. Auf dem Weg dorthin komme ich an einer relativ belebten Musikbar vorbei. Als ich vor dem Kirchlein ankomme, habe ich die Lösung für das Klappergeräusch gefunden, das mich schon 50 m zuvor irritierte: Zwei Alte spielen seelenruhig Távli draußen unter der überdachten Säulenvorhalle, die, wie das ganze Kirchlein, zurzeit ziemlich ungepflegt wirkt. Ich gehe um die Kirche herum zur Aussichtsplattform beim ehemaligen Aphrodíti–Tempel, dem Platz für Sonnenuntergangsfreaks, wo man etwa 15 m hoch über der südlichen Uferpromenade steht und an Baumwipfeln vorbei über die Bucht schaut.

Zurück über schmale Gässchen zur Market Street. Die Wohnviertel werden an deren Ende aufgelockerter, in Seitenstraßen befinden sich neuere Unterkünfte mit Gärten. An einer Weggabelung kurz vor der Umgehungsstraße der bescheidene Laden einer jüngeren Frau, in dem ich meine Einkäufe tätige. Einheimische sitzen auf den Stufen ihrer Häuser, nehmen kaum von mir Notiz. Ein paar hundert Meter weiter ein größerer Schulkomplex.

Später lasse ich mich nieder vor einem einfacher wirkenden Kafenío in der ersten Häuserzeile beim Fährengelände zwischen Windmühlenplatz und Prómbona–Straße, direkt neben einer Autovermietung. Aus der anwesenden Männerrunde heraus begrüßt mich mein Zimmervermieter. Ich übernehme seine Rechnung, um mich für das Mittagessen zu revanchieren. Als es um meinen (griechischen) Namen geht, stellt man fest, dass es auf Paros ein ziemlich großes Ágios–Minás–Kloster gibt. Ich denke aber, es liegt heute ganz verlassen da, hat keine Mönche mehr.
Jánnis stellt mir noch seinen deutlich älter wirkenden Bruder Manólis vor, der gerade des Weges kommt. Nach ihm also ist das Hotel wohl benannt.
Auch in diesem sehr einfachen Uferlokal liegen die Getränkepreise deutlich über jenen auf Naxos.

Nun schlendere ich die Uferpromenade nordwärts entlang. Fischerkähne, Kutter, Ausflugs– und Privatboote säumen die Kais.
Sehr heimelig, das Ganze. Nur das Café vor dem teureren Hotel am Beginn der Prómbona–Straße verströmt einen Anflug von Großstadtatmosphäre, der Rest der Uferpromenade wirkt auf mich ausgesprochen kleinstädtisch und wohltuend provinziell.
Hinter dem kleinen Ágios–Nikólaos–Kirchlein an der großen Grünanlage haben sich im Baumschatten einige Bauern postiert, die ihr Gemüse feilbieten. Jenseits der Einmündung einer breiten Straße das bescheidene Inselkrankenhaus. Es folgen Geschäfte, ein Supermarkt, dann die Freifläche des antiken Friedhofs mit einer Unmenge von Sarkophagen und anderen Originalen. Dann beginnt allmählich das Hotelviertel, ab und zu garniert mit einer Taverne.

Die meerwärtige Seite: Mehrere Molen ragen in die Bucht hinaus. Das Leben auf den älteren Booten stellt sich recht schlicht dar. Die Uferszenerie hat, zusammen mit den ausgebreiteten oder gestapelten Netzen, den Schiffsleinen, mit den Löchern auf den breiten Gehsteigen, einer ins Wasser abfallenden Rampe, den Hundestreunern und ihren Hinterlassenschaften etwas leicht Heruntergekommenes, und gleichzeitig etwas zeitlich und räumlich Entrücktes. Man fühlt sich in diesem Abschnitt weit weg von der Stadt, den einfachen Fischersleuten umso näher.

Eine lange Reihe von Tamarisken kündigt den örtlichen Strand an. Vor mir balanciert eine junge englische Mutter mit Kinderschar und Kinderbuggy auf einem Mäuerchen, bis sie endlich am Strand angelangt sind. Übrigens einem sehr sandigen Strand, und das noch fast mitten in der Stadt. Eine einzige Badenixe trocknet sich auf dem seitlichen Beton.
Dort, wo die Strandtamarisken beginnen, findet sich jenseits der Uferstraße die erste für mich zum Abendessen infrage kommende Taverne, das Apostólis. Zur Nachmittagszeit sieht man nirgends viele Esser, in keiner der noch folgenden Tavernen. Die meisten haben gar keine Gäste oder sind sowieso schon geschlossen. Nahe dem nördlichen Stadtrand die Einfahrt in den ersten Campingplatz. Ich schau mir das nun leere, baumbestandene Gelände ein wenig an.

Nehme auf dem Rückweg eine Seitengasse landeinwärts, um in einem größeren Bogen wieder zum Ortszentrum zurückzugelangen. Rechts, gegenüber den nun verlassenen daliegenden Pensionen, zieht sich ein kleiner Schilfgürtel entlang, Erinnerung an frühere, jungfräulichere Zeiten. Das Bergland (eine Art lang gezogener Tafelberg, von meinem Blickwinkel aus) hinter der Stadt rückt Schritt für Schritt näher, bis ich in die Parallelstraße zur Uferpromenade nach rechts einbiege.
Unmengen von Unterkünften säumen meinen Weg, eine größere Sprachenschule, einige Geschäfte. Die Stichstraßen, die nach Süd hin diese kleinere Verkehrsader rechtwinklig verlassen, weisen vielleicht günstigere Übernachtungsmöglichkeiten auf, es würde sich wohl lohnen, sich hier nach einem Zimmer durchzufragen. Doch für meine eine und einzige Nacht hab ich bereits eine hübsche, sehr zentrale Bleibe.
Ganz lebhaft wird es wieder an der Einmündung in die große Nikoláou–Stélla–Straße, dort, wo die Hauptstraße Richtung Náoussa anfängt, wo die Umgehungsstraße südwärts das Ortszentrum zu umgürten beginnt, wo der äußerste Spitz des für griechische Verhältnisse ausgedehnten Nadelbaumparks um die berühmte Kirchenanlage der Panajía/Panajá Ekatondapilianí in die x–förmige Straßenkreuzung hineinsticht.

Irgendwann an diesem Tag bin ich dann auch reingegangen in den beruhigenden Innenhof vor der ockerfarbenen, ungekalktenVorzeigekirche. Tagesausflügler ruhen sich im Schatten der Kreuzgänge aus. Drinnen in der Kirche bin ich allein, auch im angrenzenden Baptisterium. Eine große Mystik habe ich persönlich in den Räumen nicht verspürt, kein Vergleich zum Kloster des Heiligen Sávvas über Póthia auf Kálimnos. Und doch ist es ein Ort der spirituellen Einkehr, der großen Ruhe inmitten der Stadt, eine Wallfahrtsstätte noch dazu.


Mit dem Bus ins Inselinnere

Náoussa oder ein stilleres Dorf? Der bescheidene Busbahnhof mit seiner Ticketverkaufsbude und den neuen Fahrkartenautomaten befindet sich nun etwa 100 m südwestlich des Fährhafens, direkt an der Uferstraße. Warum nicht die Zeit nutzen und eine den Tag abrundende Busexkursion unternehmen?
Ich entscheide mich für das Bergdorf Léfkes, von dem aus ich in jüngeren Jahren den höchsten parischen Gipfel erwandert habe, den der Ájii Pándhes (Ágioi Pándes – eine Pluralform, viele Verlage tun sich schwer damit).
Es stehen also Fahrkartenautomaten bereit, die Moderne hat Einzug gehalten, ich kaufe aber lieber am Ticketschalter, wo man auch noch nach dem letzten Bus zurück fragen kann.

Mein Bus wird weiterfahren bis Dhriós (Dryós, Δρυός) an der südlichen Ostküste. Er nimmt die Bergroute quer durch die nördliche Inselhälfte, und das gefällt mir. Die Fahrt geht über Maráthi, von wo aus ein Sträßchen zum Kloster des Ájios Minás abzweigt (– das möchte ich irgendwann einmal raufgehen). Bei Matzóro drehen wir südwärts, machen anschließend einen Schlenker durch das nette Dörfchen Kóstos. An der scharfen Kurve der Überlandstraße noch am Ortsrand von Léfkes ist die Haltestelle.

Es geht zu Fuß weiter ins Ortszentrum hinein, immer mit Blick auf die stattliche Kirche auf einem Hügelsporn gegenüber und deutlich weiter unten. Ich befinde mich auf einem ausgedehnten Aussichtsbalkon von Dorfstraße! Schon bei der Herfahrt hatte ich die Ausblicke nach Náxos hinüber geschätzt, nun kann ich sie in vollen Zügen auskosten. Náxos– Stadt ist bei der herrschenden klaren Witterung näher, als ich dachte.
Ich komme an zwei einladenden Speiselokalen vorbei, aber es ist nicht Essenszeit. Der eine große Bau rechts des Weges zum Zentrum gibt mir Rätsel auf: Ein Altenheim? Ein zurzeit verlassenes Tagungszentrum?
Der Hauptplatz des neueren Ortsteils wird hangab von einer Grünanlage mit hohen Bäumen abgeschlossen. Alle Geschäfte sind noch geschlossen. Mein Weg dreht nach links, zum alten Ortskern hin.

Man durchschreitet ein altes Tor und geht auf leicht abfallender Gasse weiter. Hier fahren zum Glück keine Autos, es ist alles sehr friedlich. Ich fühle mich ziemlich einsam hier oben, werde am Schluss nicht mehr als zwei Touristenpaare gesichtet haben, komme bei dieser melancholischen Atmosphäre nicht so recht in Stimmung, trotz all der wirklich pittoresken Häuschen, die mich umgeben. Und eines richtig schönen Uralt–Kafeníos kurz, aber immerhin noch vor der unteren Platía. Der zweite Ortsplatz, zu dem ich runtersteige, ist eine wahre Idylle, die beherrscht wird von einem weiteren Kafenío in einem Häuschen nach Art der Häuser der Insel Sími im Dodekanes: Dreiecksgiebel mit ovalem Guckfensterchen und friesartigen Zierleisten, gelber Fassadenanstrich, ein paar Tische davor. Auf der anderen Platzseite und erhöht die zugehörige Terrasse mit Baumschatten. Ich sehe aber nur ein einziges Gastpaar.
Immer springen mir Hinweisschilder auf den alten Byzantinischen Weg ins Auge, der sich noch bis nach Pródhromos hinab gehen lässt.
Ich wende mich nach links, will bei der großen Ortskirche herauskommen. Schmale Gassen mit viel Verfall, auch einer völlig dem Ruin preisgegebenen kleinen Kirche, ziehen sich hinter zu dem großen Platz vor der geradezu gewaltigen Hauptkirche. Durch ein kleines Tor gehe ich rechts an der Kirche vorbei, will auf einer Wiesenfläche übers Land gucken und übers Meer, das passt einem ziemlich scharfen Hund aber gar nicht, sodass ich in das Friedhofsgelände hinter der Kirche flüchte. Gehe einmal um das Gotteshaus herum und steuere auf das schmucke kleine Kafenío zu, aus dem Frauenstimmen und ein Kleinkindstimmchen tönen – so typisch für die abseits gelegenen Ortschaften, wo kaum ein Fremder vorbeischaut. Na ja, Léfkes ist zur Saison bestimmt besser besucht, aber jetzt .....
Ein Ousáki genehmige ich mir, die Mesé lehne ich ausnahmsweise einmal ab, denn das Mittagessen hält noch gut vor. Ein Viertelstündchen in betrachtender Stille. Eine einfach gekleidete junge Dorflehrerin taucht auf.

In etwa denselben Weg, den ich gekommen bin, gehe ich auch wieder zurück. An der oberen Platía öffnen allmählich die Geschäfte. Ein bisschen mehr Leben entfaltet sich, noch zaghaft.
Vor einem Frondistírio warte ich auf den Bus zurück zur Chóra. Missmutige Nachhilfeschüler verlassen den Bau. Die ältere Dame von Paukerin gibt mir noch Tipps zur Ankunftszeit des Busses. Die Abenddämmerung bricht herein. Als wir in Paros–Stadt einrollen, ist es bereits Nacht.


Abend und Morgen in Parikiá

Beim abendlichen Herumbummeln nach der Dusche fällt mir die große Touristengruppe auf, die es sich in dem Grillrestaurant vor dem alten Hotel in Hafennähe bequem gemacht hat. Die Tische sind klein, die Atmosphäre ist eher die eines Schnellrestaurants, aber das, was sich auf dem Spieß dreht, sieht überzeugend aus. Nur Fisch gibt es keinen, deshalb muss ich weitersuchen.
Eigentlich nicht suchen, denn als ich zum Stadtstrand (Livádhia) vorspaziert bin, entschließe ich mich bald für das Apostólis, das mir schon nachmittags aufgefallen ist. Jetzt weist es die mit Abstand meisten und insbesondere einheimischen Besucher aller (vergleichsweise ausgestorbenen) Tavernen der Umgebung auf – für mich ein gutes Zeichen. Im Müller–Kykladenführer ist die Gaststätte gar nicht erwähnt, ich nehme an, da hat sich in den letzten Jahren ein Besitzer– und Namenswechsel vollzogen. Meine Wahl scheint jedenfalls der derzeitige Überflieger beim Normalpublikum von Parikiá/Parikía zu sein.
Das Tintenfischbein vom Grill schmeckt sehr gut, auch die Chórta und der Rote–Bete–Salat sind fein. Vom Nachbartisch locken kleine Fische herüber, machen einen guten Eindruck. Die Preise halten sich sehr in Grenzen. Hohe Qualität und guter Preis, so gewinnt man Kundschaft.
Es war ein langer Tag, und ich ziehe mich nach dem Essen bald in mein Zimmer zurück. Ein wenig vermisse ich diese kleineren Inseln, wo man so ungezwungen mit netten Tischnachbarn ins Gespräch kommt, weil man sich tagsüber ständig über den Weg läuft. Das ist hier doch anders.
Am Morgen gibt es erst wieder einen Kaffee plus Kuchen bei Michaela. Ich frage nach einer seit Langem Inselansässigen, die sie natürlich kennt, mit der sie gleich einen Kontakt herstellen will, aber ich lehne ab, hab ja keine Zeit mehr. Dann packe ich meine Sachen zusammen und deponiere den Rucksack wieder in der Hafenkneipe.
Nun bin ich frei für eine letzte Runde durch den Ort.

Ich weiß nicht, aber irgendwie ist es doch ganz heimelig und gemütlich hier, ich kann mir nicht helfen, muss es zugeben. Paros ist nicht zuletzt ein kleines, eher bescheidenes Stück meiner Griechenland–Vergangenheit, das ich auch jetzt noch mag. Auch wenn sich auf der Nachbarinsel Naxos insgesamt mehr Geld sparen lässt – und Náxos ist bestimmt wunderschön und wohl deutlich urtümlicher als Páros, für meine Begriffe. Trotzdem: Man muss auch mal wieder auf Páros vorbeischaun!
Als ich in einem einfachen Kafenío, ebenfalls unweit des "alten Hotels", gleich um die Ecke, einen Nes bestelle, weiß ich schließlich, dass man auch auf dieser Insel mit weniger Geld auskommen kann – wenn man einmal weiß, wohin man gehen muss. Der riesige Hund eines Gastes schaut mich traurig an, nimmt meinen kleinen Abschiedsschmerz vorweg.
Mein Blue–Star–Ticket hab ich bereits in der Tasche, kurz vor elf wird das Schiff ablegen.
Also auf zu einem letzten Getränk ins Hafencafé!

Diverse mittel– und nordeuropäische Nationalitäten haben sich hier versammelt, man frühstückt noch ausgiebigst, leistet sich noch was. Schließlich geht es in Kürze weiter zum Piräus, und für viele von dort gleich zum Rückflug in ihr Heimatland.

Ich fange an zu sinnieren, dass ich wieder einer Insel zu wenig Zeit gewidmet habe. Das war echt nur eine Schnuppertour – eine, die mir Lust auf ein Wiederkommen gemacht hat, trotz aller Extrakosten.

Copyright puchheim = MartinPUC, Februar 2009

Am Südwestrand des Großraums Athen



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