Teil 10: Piräus, ein wenig Athen und
viel Flughafen bis zum Heimflug

Copyright puchheim = MartinPUC, Oktober 2007


Zunächst versuche ich Mineralwasser fürs Hotelzimmer (das ich erst suchen muss) zu erstehen. Gar nicht so einfach, hier im Hafengelände direkt neben der Metró–Endstation, der einzige hier um halb zwölf Uhr nachts noch anwesende Kioskbesitzer räumt bereits auf und will schließen. Mit Müh und Not und etwas unwillig verkauft er mir noch das Gewünschte, während die Polizeistreife nebenan mehrere Osteuropäer besonders kritisch ins Visier nimmt.

Das ganze Karree, das tagsüber so überaus lebendig ist, wirkt zu dieser nächtlichen Stunde, immerhin erst VOR Mitternacht, bereits vollkommen leblos. Wenn ich da an frühere Jahrzehnte denke, was für ein Unterschied – Pireá, wie hast Du Dich gewandelt!! Die Teuerung im Zug der Euroeinführung, die Arbeit, das Diktat Dutzender von Fernsehprogrammen verhindern nun auch in einer griechischen Großstadt ein merkliches nächtliches Treiben sonntagnachts, die kommende Arbeitswoche dräut. Ich traue meinen Augen nicht. Keine einzige Taverne hier in der Nähe hat noch geöffnet, auf den ersten Blick.

Zuversichtlich begebe ich mich auf Zimmersuche, bin entschlossen, ganz in der Nähe etwas Zufriedenstellendes zu finden.
Nach rechts ab in die Navarínou–Straße, wo sich bald ein gewisses Hafenviertel–Gefühl einstellt, doch es ist alles geschlossen, gerade deshalb etwas trostlos, die Gegend – keineswegs gefährlich, kein Vergleich zur verwinkelten Altstadt von Genua etwa, in der man sich nachts zu Recht fürchtet, nicht nur am Karsamstag, wenn ganz unvermittelt in der Dunkelheit eine Büßerprozession mit vermummten Spitzkapuzenträgern à la Ku–Klux–Klan Gebete murmelnd um die Ecke biegt und man regelrecht erschaudert.

Bereits an der ersten Kreuzung (oder war es die zweite? – ganz nahe jedenfalls) wende ich mich nach rechts, wieder zum Hafenrund hin, und da präsentiert sich ein von außen einfach wirkendes kleines Hotel namens Iónion auf der linken Straßenseite. Na mal sehen, es gibt ja bei Nichtgefallen noch mehrere andere Unterkünfte in der Nähe.
Erst ein steiles Treppchen hoch, dann empfängt mich der in die Jahre gekommene "Portier" und teilt mir gleich mein Zimmer zu, für 40 Euro, selbstverständlich mit eigenem Bad, meint er. Skeptisch bin ich schon.
Die Tür aufgesperrt, zeigt sich ein ganz hübsches, absolut sauberes Zimmer, eine kleine Stufe höher ein ebenso sauberes integriertes Badezimmer (Dusche, WC), mit überreichlich Warm– und Kaltwasser und eigenem Fenster zum Lüften.
Man kann den Infos des Vorspanns so mancher Michael–Müller–Reiseführer über Zwischen–Üs im Piräus ganz offensichtlich wirklich trauen, und ich verstehe die endlosen Diskussionen im Internet über halbwegs akzeptable Unterkünfte im Piräus nicht, lauter Ungläubige oder Leute mit dicken Brieftaschen, die unbedingt noch viel mehr hinblättern wollen und einen deutlich weiteren Weg zum Schiff in Kauf nehmen. Wenn ich mal auf ein Frühschiff angewiesen sein sollte, komm ich bestimmt wieder in dieses Hotel, das nur eine Gehminute vom Hafen entfernt liegt.

Nun ist es natürlich verdammt spät, nach all den Aufregungen meiner Rückreise von Kárpathos her über Rhodos. Aber Lust auf eine Bissen zwischen den Zähnen und einen geziemenden Schlaftrunk hätte ich schon noch. Deshalb mach ich mich nach der Dusche noch einmal auf den Weg in die Nacht hinaus.

Fündig werde ich jedoch nicht, in meinem Viertel. Nur in einem einzigen Restaurant , an einer Hauptverkehrsader von Athen her gelegen, sehe ich noch Licht, das reizt mich aber nicht, ich würde viel lieber draußen sitzen können. Also geh ich die Possidhónos entlang, wende mich nach rechts in die Aktí Miaoúli.
Insgesamt drei Kioske entdecke ich hier als Lichtblicke. Der eine, an der Hafenseite, bietet einen einzigen bestimmten Imbiss, unweit dahinter, durch einen Zaun getrennt, die Schemen der vertäuten Fährschiffe und Katamarane; die anderen beiden, an der häuserwärtigen Seite, offerieren immerhin etliche Getränke – die merk ich mir, such aber vorerst weiter.
Such freilich vergebens, denn fündig wird man schon, aber es handelt sich um lediglich zwei noch geöffnete Cafés, aus dem einen lächeln Thailänderinnen aufmunternd auf mich Passanten ein (en masse!), und das andere ist verräuchert und auch nicht gerade vertrauenerweckend.
Da verzichte ich lieber und besorge mir nur was zu trinken an einem der Kioske, in dem eine recht nette jüngere Frau sitzt, eine ganz neue, mir unbekannte Biersorte fürs Hotelzimmer.
Die Reste von Pistazienpackungen usw. stehen mir noch zur Verfügung, und schließlich möchte ich auch nicht zu lange aufbleiben. Ein überlanger Tag war das, und etwas stressig obendrein.

Als ich aufwache, prasselt der Regen in Strömen gegen mein Fenster und aufs Pflaster. Ein irrer Regen, ein Wasserfall eher.
Der Frühstücksraum des Iónion ist eine echte Schau. Hier entfaltet sich der Charme vergangener Jahrzehnte, ein richtiger Bartresen empfängt den Eindringling aus dem Treppenhaus, kitschige Bilder zieren die Wände, die Fensterfront gibt den Blick frei auf etwas desolate Piräushausfassaden, insgesamt eine ganz authentische, etwas altmodische Atmosphäre, die vor allem so gar nichts mit sterilen modernen Hotels zu tun hat.
Natürlich war Frühstück nicht inklusive, aber mir reicht ein Nés.

Durch den strömenden Regen geh ich vor zur alten Metró–Station und breche auf nach Athína.
Als wie vielfältig die nur scheinbar gleichförmigen südwestlichen Außenviertel der Stadt sich doch entpuppen. Nicht selten geht es von der betreffenden Metróstation hügelaufwärts, durch recht gepflegte Straßenzüge. Auch die Bahnhöfe selbst wurden aufgepäppelt, zeigen sich renoviert und von ihrer besten Seite. Thissío. Gleich kommt Monastiráki, und da steig ich aus.

Mit meinen ganzen schweren Sachen arbeite ich mich hinauf in die große Halle, oben befindet sich nun auch ein eigener Eingang zur Flughafen–Metró, die zu dieser Zeit noch hier startete (– irgendwann dürfte die Verbindung bis Piräus fertiggestellt und ein Umsteigen nicht mehr erforderlich sein).
Zum Flughafen will ich aber erst später. Erst einmal möchte ich gerne noch das Viertel um den Avissinías–Platz besuchen und hoffe, dass ein dort befindliches altes Kafenío geöffnet hat.
Viele Passanten suchen Zuflucht vor dem Regen in der Metró–Eingangshalle. Draußen schießen immer mehr indisch, pakistanisch oder so ähnliche wirkende Typen wie Pilze aus dem Boden, alle mit einem Sortiment von Taschenschirmen in ihren Händen, das üblicherweise bei Regen urplötzlich zum Kauf angeboten wird. Auch noch einen Schirm tragen? Ich schleppe schon genug, lehne dankend ab. Nass zu werden stört mich nicht so, und es gibt schließlich einige Arkadenpassagen in der Odhós Ermoú Richtung West.

An diesem Pfingstmontag haben nicht alle Geschäfte geöffnet, doch ein recht interessantes, typisches Stadtviertel ist es, in das ich da gerade eindringe. Ginge ich nur ein Stück weiter, würden etwas abseits die ersten Rembétika–Schuppen auftauchen, mich zu nächtlichem Musikgenuss aufforden. Bald erreiche ich den Zugang zum Avissinías–Markt, wasserfallartiger Regen nach wie vor, der Markt an sich nicht sehr lebendig, und einiges davon hat zu. Ich frage nach dem Kafenío und erhalte zur Antwort, es sei heute geschlossen. Pech gehabt, Miná!
Vorne an der Ecke zur Ermoú–Straße setze ich mich in ein hübsch aussehendes anderes Kafenío, in dem bereits zwei Tische mit Viertlern besetzt sind und hole mein Frühstück nach.
So feucht habe ich Athen noch nie erlebt, es herrscht eine ganz eigenartige Stimmung, eine melancholische, irgendwie. Passt eigentlich gar nicht, so ein starker Dauerregen. Obwohl er dringend nötig war.
Ein scharf gewürztes Wurstsandwich zum Frühstück, na ja. Dazu Milchkaffee. Was soll's.
Das Viertel könnte mir schon gefallen, nur muss ich allmählich zusehen, zum Flughafen zu kommen, lieber etwas zu früh als zu spät.

Zurück nach Monastiráki durch Pfützen und Nässe.
Ein letzter Blick die Athinás–Straße hinauf Richtung recht ferne Markthallen und Stadtzentrum. Hinein in die Untergrundhölle, die neu und tadellos ausgebaute. Man muss doch ganz schön lange laufen, bis man am Bahnsteig angekommen ist. Hauptsache, es wird bald wieder ein Zug bereitgestellt. Jeder Wagen hat große Gepäckständer, auf denen nach ein paar Stationen manchmal mehr jüngere Fahrgäste sitzen als Gepäckstücke lagern. Irgendwann tauchen wir wieder ins Tageslicht ein, verlassen die unterirdische Galerie.
Eine griechische Familie umzingelt mich – Besucher aus dem Norden. Die Kinder erfahren Wissenswertes über die Stadt und den sich nähernden Airport.

Wieder die lange Strecke bis ins Terminal. Ich bin sehr früh dran, und Air Berlin hat Schalter Nummer 1, ganz rechts am Südende der Check–in–Halle. Die lange Warterei nervt ein wenig, aber etwa 2 Std. vor dem geplanten Abflug erhalte ich schließlich meine Bordkarte.

Zeit, sich in der Ladenpassage umzusehen, endlich einmal den gut bestückten CD–Laden aufzusuchen. Da führen sie tatsächlich Unmengen griechischer Volksmusik, auch der wirklich urigen Sorte, man hat nur Schwierigkeiten, sich einen Überblick zu verschaffen, so groß ist das Angebot. Eine CD nehme ich noch mit, schnuppere anschließend etwas frische Luft, der Regen hört allmählich auf. Natürlich ist noch ein leckeres Sandwich fällig, das zu erstaunlich sozialen Preisen angeboten wird, für einen Flughafen, na ja, ich bin ja noch nicht zu den Gates reingegangen, da drinnen kostet es schon mehr.

Das mit dem Gate, meinem Gate, ist so eine Sache, denn als ich mich in die betreffende Eingangszone begebe, werde ich zurückgewiesen, mein Flug ginge nicht von dem auf der Boarding Card aufgedruckten Gate ab.
Also zurück zum Check–in, wo die anwesende Dame von nichts weiß, auch allen anderen Fluggästen noch Karten mit dem "falschen" Gate ausgibt. Da ich hartnäckig bleibe, wird umständlich hin und her telefoniert, bis schließlich feststeht, dass wir wirklich von einem ganz anderen Flugsteig aus abfliegen. Die armen Leute, die sich nun auf ihre aufgedruckte Nummer verlassen!
Das neue, gültige Gate erfordert einen überlangen Fußmarsch weg vom eigentlichen Terminal, einen unterirdischen, kilometerlangen Gang unter dem betonierten Vorfeld weit hinaus bis zu einer wirklich randlichen Zone, wo wie ein Alibi noch ein kleineres Rund von Miniterminal eine Ecke des Airports ziert. Nichts für Fußlahme, die wären mit einem Taxi besser dran! Es ist in der Tat fast eine Zumutung, Fluggästen derart weite Wege aufzubürden.

Später stellt sich dann heraus, warum das Ganze. Denn die Air Berlin hat eine gute Stunde Verspätung und wird als erklärter Billigflieger wohl auch entsprechend behandelt.
Es dauert lange, bis nach und nach die im Flughafen herumirrenden Fehlgeleiteten von der Änderung ihres Abfluggates erfahren und dieses letztendlich auch gefunden haben, die Lautsprecherdurchsagen haben auf sich warten lassen. Insofern kam die Flugverspätung gerade recht.

Nach dem Start erlebe ich erstmals einen wirklichen Billigflieger, bei dem man für alle Getränke bezahlen muss. Wie schön war da doch der Herflug mit Aegean Airlines gewesen, wo für etwa denselben (bescheidenen) Flugpreis sogar ein sehr schmackhaftes warmes Essen, ein vorzügliches Moussaká, serviert worden war und nur die kleine Flasche Wein dazu etwas kostete. Und jetzt die Knickrigkeit von Air Berlin. Dabei verlangt diese Fluggesellschaft nicht selten irre hohe Flugpreise, wenn man bestimmte Termine bucht oder nicht gerade 1 Jahr im Voraus – und dann dieser Service.
Kein Wunder, wenn immer mehr Leute dazu übergehen, ihren GR–Flug mit griechischen Fluggesellschaften zu absolvieren, bei denen es häufig bedeutet weniger kostet als bei den deutschen Charterern, bei weitaus mehr Flexibilität hinsichtlich der Auswahl der Flugtage.
Ein Stück Griechenland schon beim Abheben zu Hause, auch nicht schlecht!

Copyright puchheim = MartinPUC, Oktober 2007


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