Teil 8: Zwischen den Bergen:
am Ausgang der großen Ebene

Copyright puchheim = MartinPUC, Januar 2008


Südlich die Asteroússia–Kette gegen die Libysche See, im Norden die Hügelzone vor dem gewaltigen, überlangen Psilorítis-Gebirgsmassiv, das sind die wirklichen Begrenzungswälle für jemand, der sich im exzentrischen westlichen Meeresvorland der Messará–Ebene herumtreibt, und so breit ist das ja auch wieder nicht. Ich befinde mich also am Westende des zentralkretisches Tieflands, da, wo es hügelig wird, wo ein paar Schwellen das plane Gelände stören und zergliedern.

Auf einem ausufernden Hügelsporn liegt gerade noch Pitsídhia. Wenn man Richtung Kommós–Strand wandert, geht es also erst einmal leicht bergab.
Es ist nach wie vor ein bezaubernder Landstrich, ein sandiges, dünenartiges Becken, das in aller Großzügigkeit den Eindruck ausgedehnter Weite bietet, bestanden mit niedrigen Weinstöcken, früher am Boden dahinkriechend, heute eher, gleichsam gebändigt, auf Drähten wuchernd, mit einigen Tamarisken– und Feigenbaumriesen, durchsetzt mit nur wenigen, notdürftig zusammengezimmerten Hütten sowie ein paar Schafpferchen, durch das (das Becken) man sich dem glitzernden Meer am großen Knick von Kreta nähert, den Blick auf die nahen Zwieback–Inseln mit ihrem steilen Bergkegel gerichtet.
Oben auf den Hängen, im Hintergrund, verrät die lose Bebauung von der stetig weitergehender Erschließung, die jedoch noch keinen Grad erreicht hat, der einem die Freude am Wiederkommen nehmen könnte.


Erster Abend

Ein Spätnachmittag im Oktober. Erste Anzeichen von Abenddämmerung, die Beleuchtung noch stark genug. Ein besonderes Glücksgefühl überkommt mich, als ich aus dem Ort hinuntersteige, das erste Stückchen fast schluchtartig, herunter von der Hauptstraße unweit östlich des lobenswerten Bäckers und Konditors Zouridákis (einer wahren Leuchte seiner Zunft!), vorüber an zwei Pivathäusern von Fremden, Gärtchen umrunden sie, gleich mündet die asphaltierte Piste ein in das andere, von der Dorfschule her kommende Teersträßchen, auf dem sich die Autotouristen auf Nebenwegen dem südlichen Ende von Kommós nähern, um ganz dort unten ausgebremst zu werden auf einer Autoabstellfläche über dem Strand.

Die nordwestliche Flanke des Ortsausgangs von Pitsídia bildet ein wenige Meter überhöht gelegene große Schafweide, die einige Olivenbäume zieren. Darüber die letzten Hanghäuser. Alte Agavenreste sind mit den Jahren verschwunden. Abgestorben, die Pracht. Anderswo entsteht etwas Neues, wieder ein fleischiger, stacheliger Riesenblätterkranz mit langem Stichel an der Spitze, ein Großkranz, aus dem ein phallusartiger Stängel Ehrfurcht gebietend in die Höhe wächst, viele Meter, weit überweibshoch (und auch übermanns!), sich an seinem Ende zu der typischen, beiderseits waagrecht verzweigten, sich nach oben verjüngenden Krone auswächst, um nachher sang– und klanglos zu verwelken; am längsten überdauert das weit ausladende, fleischige schmale, aber so lange Blattrund in Bodennähe, längst verrottet ist der Stängel dort oben, die unmittelbare Nähe zu Mutter Erde zahlt sich aus.

Meine kurze "Schlucht" weitet sich mit einem Mal zur Schüssel, eine Erlösung, eine Befreiung für Seele und Geist. Sogleich erfährt man die Belohnung für die oft wiederholte Rückkehr. Sie wird nur getrübt von einer die ganze Fahrbahn querenden und bedeckenden tiefen Pfütze, einem Überbleibsel all der Unwetter der letzten Tage, die keineswegs ganz vorüber sind. Auf dem schmalen Bankett, einem matschigen Streifen von wildem Rasen, lässt es sich dem Nass mit Mühe und gerade noch ausweichen, zahlreiche Trittspuren in der Feuchte belegen es.

Rechts könnte ich gleich abbiegen und auf durchfeuchtetem, sandigem Pfad weiterstapfen, mir ist der feste Untergrund der kleinen Nebenstraße aber lieber, zumal einem hier nur in Abständen Fahrzeuge entgegenkommen. Überholt wird man kaum noch, gegen Abend, es müsste sich schon um einen Schafbesitzer handeln, der nach seinen Tieren sieht, oder höchstens noch um einen verirrten Touristen oder gar einen Genießer, der bewusst erst zu dieser beschaulichen abendlichen Stunde anrückt.
Ab und zu begegnen mir vom Strand zurückkehrende einzelne Pitsidianerinnen und –aner aus ferneren Landen, die letzten ihrer Gattung für dieses Jahr.

Zwei fast zu richtigen Heimen ausgebaute Notgebilde tauchen auf, eines rechts, eines links neben meinem Weg, eines mit Dachziegeln an den Seiten gegen winterliche Wetterauswüchse abgeschottet, das andere eben ein besserer Verschlag, ein Provisorium von Sommerhäuschen aus Holz, Glas und Bambus mit größerem Vorgarten. Ob da wohl Überwinterer hausen, letzte, annähernd sesshaft gewordene Nomaden früherer Jahrzehnte?

Aaaah, ella, Garganourátschi, Charálambe, wie Du mir gefällst, heute Abend! Σεβντάδες και Πεισμάτικα. Klingt durchaus mitreißend!
Dazu ein Gläschen Rakí von meinem Zimmerwirt in Pitsídhia, gerade einmal fünf Wochen alt, das würzige Getränk aus kretischem Trester. (Fast noch besser das scharfe Mitbringsel aus Frangokástelo, von den Brüdern des Babis & Popi. Jedes selbst hergestellte Gebräu schmeckt anders auf dieser Insel, viele sehr interessant. Aber am allerbesten ist natürlich der "Babiniótis", das mühsam erstellte Geisteswerk, etwas für das sprachliche Weiterkommen; davon mehr im Schlusskapitel dieser Reise. Der kommt definitiv aus Athína.)

Fast verlassen der lange Strand, eine Idylle, letzte Sonnenanbeter und Wasserlinien–Abgeher packen zusammen, bücken sich ein letztes Mal nach einer Muschel, streben ihren Autos oder Unterkünften zu.
Nahe seinem Nordende hab ich ihn betreten, wie immer, den Sandigen, auf dem das Weitergehen schwerfällt. Lediglich zwei Autos waren dort noch geparkt. Eine Stimmung wie im Traum. Zelte unter den Bäumen da oben, wo ich vorbeimuss, auf meiner Idealgeraden hin zum Felskap, hinter dem sich Kalamáki verbirgt.
Christine B., die Künstlerin und Kunsterzieherin aus Berlin unweit von Onkel Tom's Hütte (Berlin–Kenner?), würde jetzt voller Ruhe gegen die Sonne meditieren oder irgendwelche T'ai–Chi–Übungen vollführen. Ich erinnere mich. Sie ist aber nicht anwesend, keiner aktiviert seine geistigen Kräfte, keiner. In der fernen Bundeshauptstadt regiert stattdessen der Tango, Schweiß, Fußgerutsche.

Friedlich und sanft wiegt sich das Meer, keine Gefahr für den die Felsklippen Passierenden, nach 200 Metern ist es geschafft. (Für diesmal, aber o Gott, es gibt ein nächstes, ein übernächstes Mal .....!)

Merkwürdig, dieses große Schiff da draußen, so nah der Küste, mit seinen Aufbauten wirkt es wie ein "excavator", aber alle behaupten, es sei ein Fischer. Meine Skepsis: vielleicht ein erster Vorbote des Hafenausbaus, der eine Fahrrinne nach Timbáki baggern soll? Wahrscheinlich hab ich mich getäuscht. Das Schiff bleibt aber die ganze Zeit hier, und über meine Abreise hinaus. Und nichts tut sich auf ihm, es herrscht nach außen hin scheinbar Untätigkeit, gerade so, als kuriere man an Bord eine Epidemie aus.

Ich hatte mir vorgenommen, den Kósta und die Sofía in ihrem Kneipchen an der Uferstraße zu besuchen, aber erst einmal einen Umweg gehen an der Strandstraße vor bis zum nordwärtigen Ende des ruhigen Ortes. Einige hundert Meter weiter sogar, auf einem Pfad auf eine Felsenhöhe über dem Meer.

Der Rückweg führt mich zu Jánnis, im "zweiten Glied", und da wollte ich erst tags darauf vorbeikommen, aber irgendwie drifte ich rein, nicht eigentlich rein, sondern an einen der wenigen Tische auf der schmalen Terrasse unter der Markise da draußen. Ich bin noch rechtzeitig gekommen, nehme strategisch günstig direkt neben dem Eingang zum Innenraum (= zur Küche) Platz.
U., die Busbekanntschaft, taucht auf, ihre Leute in einer Kneipe an der Platía haben sie versetzt, sie setzt sich schließlich an meinen Tisch bei Jánnis, und das Ritual nimmt seinen Lauf.

Jánnis freut sich riesig, mich wiederzusehen, er freut sich bestimmt über ganz viele, die ihn erneut und wiederholt beehren. Sein Krankenhausaufenthalt war gar nicht so lang, wie es einige "besonders gut Informierte" im Internet hinausposaunt hatten. Den Motorradunfall hat er ganz gut weggesteckt, sich zu Hause auskuriert. Ich bin kein langjähriger alter Bekannter (hab ihn jahrelang gar nicht wahrgenommen!), aber doch ein Bekannter von früher, der offenbar einen guten Eindruck bei ihm hinterlassen hat.
Gekonnt und ganz dezent, mit einem unwahrscheinlichen Gespür für Speisenabfolgen, tischt er uns auf, seine berühmten Tellerchen (– ich warne aber schon einmal alle vor einem Besuch an einem der allerletzten Tage der Saison, da wird man vollgestopft mit Essen, das ist dann keine Freude mehr, Jánnis wie verwandelt). Bei Jánnis heißt es ja bekanntlich: eat? Und wenn man das bejaht hat, möge man um Gottes willen bloß nicht eine Speisekarte verlangen! Dann wäre man echt dumm. Es entginge einem alles, all das Besondere, die ganze unvorhersehbare Abfolge von Tellerchen, Tellern und Getränken (white or red? – άσπρο η κόκκινο;). It turned out a gorgeous meal, quite a feast. Als Hauptgang inmitten all der Köstlichkeiten erbat ich mir etwas mit Fleisch, und er tischte mir eine dicke Reissuppe mit einem gewaltigen Hühnerbein auf. Das süße kleine Dessert ein Fest fürs Auge, dazu Rakí und ein Kaffee. Auch Früchte schafft er herbei, je nachdem.

Noch eine Verpflichtung verspüre ich in mir. Ich muss beim Kóstas vorbeischaun.

Nach dem Fest bei Jánnis eine heitere Stunde bei Kósta, Sofía und ihren Freunden. Es ist nur ein Katzensprung, auf dem mich U. begleitet, höchstens 100 m quer, von hinten rein in Kostas' Kafenío–Tavernchen, an dem verblassten, längst nicht mehr erleuchteten runden Amstel–Reklameschild vorbei.

Die anwesende fröhliche Runde ist hocherfreut darüber, dass "Nachschub" eintrifft, neue, von früher bekannte Gäste. Man befindet sich längst in der Zuprostphase, Fasswein ist das Medium der Heiterkeit. Wir werden herzlich willkommen geheißen, mit "Evíva"–Rufen und hochgehaltenen Gläsern. Eine durchaus weltliche Szene, nichts Vergeistigtes.

Dass ich immer wieder gerne zurückkehre, das hat Geschichte, das bedeutet stundenlanges Zusehen, auch guten Wein, kretisches Hausgebräu.
Hierherzukommen bedeutet auch, ursprünglichem Kreta zu begegnen, nicht nur wegen der schwarzen Kleidung des Hauswirts und seinem Netzkopftuch.
Die Dinge sind hier wesentlich einfacher als anderswo an der Uferpromenade von Kalamáki. Der ganze Laden wurde zudem nicht modernisiert. Nichts von Ajía Galíni. Und kein Beschiss, vielmehr Freigebigkeit. Aber diese Grundeinstellung trifft wohl (hoffentlich) auf ganz Kalamáki zu, diese im Grunde überall spürbare Entspanntheit und Gutmütigkeit.
Beim Kosta jedenfalls habe ich noch nie zu viel bezahlt. Das ergab sich einfach so, ohne jegliche Anstrengung, sich abzugeizen.

Erbauend die nächtliche Strandwanderung ums Kap, über den Sand, an Tamarisken vorüber, den Feldweg hinauf zur schmalen Teerstraße und weiter nach Pitsídia. Schon einmal den neuen Pferch mit den Wachhunden (da drinnen) neben der Staubstraße kennengelernt. Das nächste Mal werden sie mich bereits wiedererkennen.

Gedanken an Poetischeres, wenn Thárri und das Transzendentale schon so fern sind:

Κόρη και νίος επαίζανε, σ’ώριο περιβολάκι
κι απού το παίξε–γέλασε κι απ’ το πολύ κανάκιο
αποκομήθει ο νίος γλυκά, στση [sic!] λυγερής τσ’ αγκάλες

Ein altes Motiv, stark dialektal gefärbt: das Mädchen und der Junge, verliebt und unbekümmert außerhalb der Zeit, innehaltend im Weltgeschehen. Vom vielen Herumspielen, Lachen und Liebkosen schläft er in ihren weichen, schlanken Armen ein, draußen im Garten.
(Charálambos Garganourákis singt das sehr schön auf seiner CD Μάνα Κρήτη. Ein kurzer Stoff für ein langes Lied mit vielen Schnörkeln und Verzierungen, ein echtes Traditional.)

Zeitlos in der reg(en)losen kretischen Nacht ziehe ich meines Weges, allein durch einen Rest Natur inmitten des Sandes und der Weinkulturen, unter einem weiten Sternenhimmel ohne Käuzchenruf meiner wärmenden Bleibe zu.


Zweiter Tag

Ein einziges älteres Berliner Paar aus Wedding bildet die restliche Touristenbesatzung des Ácropol, wie ich anlässlich des Frühstücks draußen vor der Gaststube feststelle. Ganz nette Leute, die gut mit sich selbst auskommen, aber auch auf den neuen Gast eingehen.
In wenigen Tagen soll noch einmal eine größere Gruppe aus Deutschland hier Quartier nehmen, heißt es.

Noch ein Kaffee bei Jody, oben fast auf der Kuppe, nahe der oberen Bushaltestelle an der Durchgangsstraße von Pitsídhia.
Die jüngere schwäbische, offenbar auf Kreta ansässige Clique ist wieder da, mit ihrem Hund und den üblichen Bierflaschen auf dem Frühstückstisch. Als sie gegangen sind, ins Auto gestiegen, neigen sich zwei Kreter einander zu und erzählen sich, dass diese Deutschen regelmäßig Bier schon am frühen Morgen zu sich nehmen. Jody, die hier eingeheiratete Amerikanerin und mehrfache Mutter kretischer Kinder, nimmt das alles gelassen hin.

Hab keine Eile. Der Bus ist vorbeigefahren. Dann eben später zu Fuß – vielleicht werde ich mitgenommen. Ein Schlenker durchs Dorf, seine beschaulichen Gassen, zur Platía hin all die winzigen Läden mit alten Weiblein und Männlein in entspannter Warteposition.
Morgendlich ausgestorbene Platía. Dhimókritos (oder heißt er doch Dhimosthénis?) hat erst abends auf, sein Kafenío am Straßenrand ist geschlossen.
Komme nahe bei Souridátschi, dem Bäcker und Kondítor, wieder das Bankett hochgeklettert, aus dem Dorfinneren heraus. Auf der anderen Straßenseite der nur scheinbar scharfe Kampfhund, neuerdings dort angebunden, er bellt, möchte etwas Gesellschaft, gestreichelt werden, macht aber auf Macho.

Ich gehe einfach die Straße weiter, dorfauswärts, leicht bergauf. Erste Ausblicke nach rechts über das Becken zu meinen Füßen auf die zentralen Berge. Vorbei an der exponiert unweit der Straße gelegenen Aussichtstaverne, weiter hinten das Nebenhaus mit Zimmervermietung. An der Straße lockt originell ausgestelltes ehemaliges "Fahrzeug" Besucher an. Hangaufwärts gegenüber zwei in den Fels gebaute Pensionen.

Ein Stück weiter schöne Aussicht hin zum Meer. Zum zweiten Mal sehe ich das nahe dem Strand vor Kalamáki vertäute große Schiff. Seltsame Aufbauten ragen mir aus der Ferne entgegen. Fragezeichen (?). Vorbote des Hafenausbaus in Timbáki? Schon hab ich den Campingplatz erreicht, der ist leer, zu dieser Zeit, direkt hier der Abzweig hinunter zum Kommós–Strand. Hier auch die etwas seltsame Taverne, gegenüber, other side of the road.

Nun ist die Kuppe überschritten, und von nun an geht es bergab, links voller Einblick in das
"Valley" von Mátala. Rechtsab die Straße zu den beiden Tavernen hoch über dem Kommós–Strand, abendliche Aussichtsposten der allerfeinsten Art – nicht nur auf den Strand, das Meer, sondern auf eine dahinter hochragende Bergkulisse, die es in sich hat.
Ein paar Schritte gehe ich den Seitenweg, vorbei an einer Einzäunung mit Tieren, ein Wachhund komplettiert die Szene. Ein anderer Wanderer kommt mir aus der Nebenstraße entgegen.
Zurück auf die Hauptstraße. Kein Autostopp mehr, nein, jetzt gehe ich aus freien Stücken da hinunter, will mich bewegen, um mich blicken in die Landschaft, fühle mich wohl dabei, nur wenige Autos ziehen an mir vorüber. Es ist überhaupt nicht weit, und ich habe Zeit.

Die Sfakiá dagegen ist ziemlich weit, die immer noch urigere, die ich am Vortag verlassen habe, doch auch hier fühle ich mich heimisch und gut aufgehoben, bei allen Unterschieden zum urtümlicheren Kreta anderswo. Es liegt wohl an der Weite dieser Landschaft, die einen unbeschreiblichen Zauber auf mich ausübt, trotz aller Verbauung dort unten. Doch sind es lediglich ein paar, nur wenige Schritte, und man hat den Bauboom hinter sich gelassen, findet sich im spitzsteinigen Kalkland wieder, oben auf den Klippen – wenn man will. Dann ist alles auf einmal vollkommen anders, weit weg, abgelegenes, unwegsames Terrain mit den irrsten Ausblicken der ganzen Großinsel, des Kontinents Kreta.
Ist schon wieder lange her, aber ich bin die Ziegenpfade gegangen, Tritt für Tritt auf scharfkantigem Fels balancierend, von der Steilstufe zum Kommós–Strand her quer durch all die Unwegsamkeit, mit mühsamem, steilem Abstieg nach Mátala, der nicht leicht zu finden ist, und auch jenseits der Bucht von Mátala, südwärts – einsamer geht's kaum.

Heute rollt nur gelegentlich was an mir vorbei, staunen mich PKW–Insassen nur in großen zeitlichen Abständen an. Ich hab fast freie Bahn auf dem Asphalt. Bevor ich die nördliche Steilflanke der Talung von Mátala gemächlich hinuntersinke, nehme ich noch ein bereits schwitzendes, ziemlich entblößtes Touristenpaar auf der nahe der Kuppe einmündenden, die Hotels im hinteren Talbereich erschließenden Seitenstraße wahr. Sie gehören zu den wenigen noch anwesenden Urlaubsgästen. All diese kleineren und größeren in die Landschaft gestellten, meist sich entlang der unteren Asphaltstraße in Abständen aufreihenden Unterkünfte wirken recht verlassen. Hotelschilder auf weißgekalkten Wänden machen auf sich aufmerksam, Ziersträucher in satten Farben fallen über Mauern, klettern Wände empor. Vereinzelt nur stehen die kleinen Mietautos am Straßenrand und in Hotelhöfen. Am Rand der eigentlichen Ortschaft öffnet gerade eine Auto– und Zweiradvermietung, aber ganz bedächtig. Halb elf ist noch viel zu früh fürs Geschäft.
Busgesellschaften werden erst gut nach Mittag erwartet, so erlebe ich beim Durchschreiten der kurzen Hauptgeschäftsstraße mit dem "Großhotel" keine Touristeninvasion, sondern eher gemütliches Dorfleben.
Schau kurz links zu den Ausgrabungen hinter, auf der Hotelgasse mit ihrem ganz familiär, also anheimelnd wirkenden Nächtigungsangebot. In den Vorgärten sitzen Mitglieder der Eignerfamilien, eine von ihnen bereitet etwas sehr exotisch Aussehendes für den Mittags– oder Abendtisch, ich halte es für irgendein Meeresgetier, es handelt sich aber um eine rötlich weiße Gemüseart aus dicklichen Stängeln, die mir ganz neu ist.

Vor dem südlichen Amphitheater von Felseinrahmung rechts das Ausgrabungsfeld mit seinem Netz römischer Grundmauern. Gegenüber überdachte Autostellplätze im Überfluss, die meisten bestimmten Unterkünften zugehörig. Mittendrin ist einer dieser Stellplätze mit einem Zelt besetzt, in dem es sich ein Langzeitbewohner so gemütlich wie eben möglich macht. Oberhalb, in den Felswänden, immer wieder schwarze Löcher ehemals bewohnter Höhlen. In der Südostecke der Einstieg in den Erdweg hinüber zum Red Beach.
Es ließe sich einiges erwandern hier, in dieser Hinsicht sollte man Mátala nicht unterschätzen.

Ohne die zur Saison übliche nachmittägliche Überfüllung wirkt die Ortschaft richtig friedlich, an manchen Ecken geradezu heimelig.
Das meiste Tavernenleben spielt sich heute im parkplatznahen Gebiet um den Strand herum ab, weiter zum Ortsinneren hin herrscht gähnende Leere. Nur vor der Zouridákis–Konditorei hat sich eine Tourirunde niedergelassen, auf Süßigkeiten und Kaffee.
Auf der hinteren Platía bei der Basargasse füllt sich nur eine einzige Taverne nach und nach, ansonsten liegt viel Ruhe über der Szenerie.

Endlich ist der alte Ortskern erreicht, linker Hand und hangauf die Reste des winzigen alten Dorfes mit seinen weißen Häuschen und der muffigen Höhlenkirche, ein Rückzugsbereich aus all dem Kommerz. Doch ganz unvermittelt schließt sich die linke, südliche Klippe entlang der unorganische Wildwuchs von Kneipen an, die meisten vollkommen verlassen, zugesperrt und mit einem echten Touch von aufgegebener Wildweststadt.
Eine ganz eigenartige Atmosphäre, wenn man so am linken Ufer entlanggeht. Rechts die Bucht mit Blick auf den durchlöcherten Fels gegenüber und die letzten Ausläufer des Strandes unterhalb der Restaurants, links dieser wahre Verhau teils abenteuerlich anmutender Kneipenbauten mit ihrem ausgeprägt provisorischen Eigenbau–Charakter. Man durchschreitet das Wildwestviertel fast schon tunnelartig in seinem untersten Bereich, passiert auf Tuchfühlung Tresen, Stehtische, Barhocker, bauchige Fässer, angenagelte Speisekarten, ein einsames, gelangweiltes griechisches Lockvogelpaar, Begrenzungsgeländer an der Wasserseite, und es geht immer weiter, vorbei an einer richtigen Höhle, in der die örtlichen Fischer Nützliches verstaut haben, unten eine große Spalte, in die das Meerwasser hallend hineingluckst.

Wenige Meter tiefer liegen die paar Fischerboote vertäut, zeigt sich manchmal ein bärtiger, wuschelig silberhaariger alter Fischersmann mit großer Mátala–Vergangenheit auf Bootsplanken, Erinnerungen an früher wachrufend. Dann ein paar Meter schmale Wegplattform, schließlich der stairway to heaven, das ebenso schmale Treppchen zu den beiden auch in der Nebensaison beliebtesten Essensplätzen der linken Großklippe.
Sowohl die wenige Schritte links gelegene Psarotavérna als auch das geradeaus bzw. etwas rechts positionierte Sunset lohnen einen Besuch, aber mein Weg führt stets ins Sunset, denn ich liebe seine großartige Lage am Ende des Kliffs und der Bucht wie seine netten alten Besitzer.

Von einem der Tische der westlichen Terrasse halte ich Ausschau über die Köpfe eines tschechischen Paares am Nachbartisch hinweg übers Meer zu den westlichen Bergen und hinüber nach Ajía Galíni. Hier an dieser Stelle zu verweilen, das heißt für mich wiedergekommen zu sein an die mittlere Südküste. Es ist ein Ausnahmeplatz, der mich magisch anlockt, nie enttäuscht hat.

Die Tschechen bezahlen, entfernen sich, Holländer kommen. Irgendwann sitzen zwei mir auf Anhieb sympathische Leute am Nebentisch: M. und Cl. aus Berlin. Während ich meinen Ausnahmefisch (größen– wie qualitätsmäßig) serviert bekomme, entwickelt sich eine schöne Unterhaltung mit den beiden. Sie haben noch lange Zeit, werden am Schluss mitbekommen, wie praktisch alles in Kamilári (wo sie im Ambeliótissa wohnen), Kalamáki und Pistsídia dichtmacht (so schrieben sie mir zumindest). Einige längere Autoexkursionen im westlichen Kreta sind geplant. Bald sollte ich ihnen auch meinen dicken Müller–Reiseführer überlassen, den ich doch gar nicht mehr so dringend benötige, am ehesten noch zum Nachschlagen einiger geschichtlicher Daten und Fakten.
Bevor wir auseinandergehen, verabreden wir uns für den übernächsten Abend bei Jánnis, dem verkannten Starkoch in Kalamáki.

Beim Zurückschlendern zum Ortsausgang ist noch eine kurze Einkehr in dem bekannten österreichischen Kneipchen am hinteren Hauptplatz fällig, denn das Gösser–Schild lacht mich verlockend an. Doch leider nix Gösser, nur mehr Mythos, nicht gerade preiswert; die Dame räumt bereits zwecks Schließung zum Saisonende auf, ein Grieche baut irgendwas ab.

Kurz nach meinem Aufbruch treffe ich auf den inzwischen ziemlich lädierten Scotty, der, begleitet von zwei kleinen Hunden, einen Stapel auserwählter Kunstwerke aus eigener Produktion auf einem Wägelchen hinter sich herzieht. Sie werden kurz darauf unter einem Baum neben der örtlichen Buchhandlung zur Schau gestellt, zugegeben nichts für meinen Geschmack, aber ich hoffe für den Maler, dass er eines seiner abstrakten Bilder verkaufen kann. Wenig Hoffnung, allerdings, denn die Qualität lässt schon sehr zu wünschen übrig. Aber wir tun uns bestimmt nur schwer, diese ganz persönlichen Farb– und Strichkompositionen zu verstehen, schnell hingeworfene Eindrücke und Geistesblitze eines in sich Gekehrten.

Ich wende mich von Scotty's Malereien ab und der Buchhandlung zu. Von den Drehständern lasse ich mich nicht einfangen, ich begebe mich gleich ins Ladeninnere. Griechisches und zweisprachig Griechisches und Englisches begutachten, dann die deutsche Abteilung und die Reiseführer.
Das neueste Werk von Arn S. (er hat immerhin ein Häuschen in Léndas) nehm ich mit, es handelt rückblickend von der Hippie–Zeit in Mátala und besteht im Wesentlichen aus Wiederholungen derselben Fakten und Vermutungen aus verschiedenen Blickwinkeln, aber es soll ein Geschenk werden für jemanden, der die Gegend liebt oder zumindest einmal geliebt hat, sodass es seine Wirkung wohl nicht verfehlen wird.
Von den mindestens vier dargebotenen Krimis von Klaus E. erstehe ich keinen, Ag. Galíni steht mir nicht so nahe und nach deutschen Krimis steht mir nicht der Sinn, so lass ich sie eben liegen – mögen andere zugreifen, echte aficionados. Aber immerhin, hier sind auch deutschsprachige Kreta–Autoren im Angebot.

Dann fußele ich wieder zurück nach Pitsídia, lasse mich auch von M. + Cl., die mich einholen, nicht zum Mitfahren bewegen.

Am frühen Abend lass ich es einen Pitsídia–Bummel werden, lande schließlich an einem der Tischchen vor D.'s Kafenío am Anfang der Platía.
Dim. (der Wirt mit den ausgeprägten Hängebacken) und seine Frau sind all die Abende anwesend, zusätzlich ein paar ältere Griechen und so ziemlich alle Deutschen, die hier zeitweise beheimatet sind und/oder sich ein Häuschen im Ort bzw. in der Gegend gekauft haben. Es scheint ihr frühabendlicher Treffpunkt zu sein, eine von mehreren Stationen in die Nacht hinein.
So kommt man ins Gespräch, ins Plaudern, erfährt was über Grundstückspreise – früher eher geschenkt, heutzutage ganz schön hoch –, die Lust am Eigentum auch in fremden Landen, zweckmäßiges Bauen (die nun bei ausländischen Bauherren hier in Mode kommenden stark angewinkelten Dächer: Berücksichtigung des aufkommenden Klimawandels – als Rechtfertigung für die Ignorierung des Landestypischen?), schöne Renten, Glücksfälle im Leben. Und wo man besonders große, leckere Koteletts etc. serviert bekommt.
Stentorstimmen (sogar paarweise), Normallaute, Schwachtönende, alles da – alleine unter den Deutschsprachigen, geschweige denn unter den Einheimischen. Überlaut hört sich echt lustig an, auf die Dauer kommen einem dann Zweifel. Oder haben die sich nur geschickt und ungeniert an die selbstbewussten griechischen Stimmen angepasst?

Doch beim D(h)imo ist es immer gut aushaltbar, da draußen zu sitzen auf dem schmalen, gestuften Band zwischen Kneipe und Straße, die Klotür in der Außenwand neben dem ersten Tisch, schmal wie eh und je, Reminiszenzen an ganz früher (!), hier hat sich nicht viel geändert, eigentlich gar nichts. Nur sind die mir wirklich sympathischen Deutschen grade nicht anwesend, leider, ti kríma.
Dorfgespräche mit Vorübergehenden, Balkone mischen sich ein, Wirtshausgäste. Einige Autos nehmen den Umweg im Bogen quer durchs Dorf, nicht außen geradeaus vorüber, mitzubekommen, was sich auf dem Hauptplatz abspielt. Erschwertes Durchkommen, falls man, gar nicht so selten, an einer Engstelle auf einen frisch auf die Gasse gekippten Sandberg trifft; die Bauherren in den Nebengassen wollen bedient werden.

All die Dorfläden an der Hauptgasse, dieser Idylle von leicht gewundenem Weiß. Die übrig gebliebenen Krämerlädchen. Ein Ouzéri, gerade gut besucht von jüngeren Zechern.

Der Anfangssatz (Kopfsatz) der Siebten von Mahler. Berlin oder München sind mir letztlich doch lieber zum Dauerleben.
Barenboim und Boulez Ostern 2007 in Berlin: ein ohne Übertreibung fantastisches Mahler–Ereignis! Das meiste im Kulturkaufhaus Dussmann (vollkommen abgehoben) über Kopfhörer gehört, aber ich durfte auch in der Philharmonie miterleben, insgesamt viel zu wenig. Der Kopfsatz der "7." nun also auf CD, als Mitbringsel von der Spree und als Schreibansporn, Schreiben über etwas ganz anderes.
Unter den Linden spaziert, sprachlos vor Staunen, die Prachtstraße gequert, weiter weg vom Stofftier–Kommerz beim Brandenburger Tor. Die Komische Oper und die Bayerische Staatsvertretung in derselben Straße, Zufall? – lieber in die Oper gegangen: Schostakowitsch. Von der Staatsoper unter den Linden rüber zum Maxim–Gorki–Theater und dem Park davor, ein friedvolles und äußerst bewegendes Morgenerlebnis im "alten Deutschland" und noch dazu starke Erinnerungen an Paris, irgendwie. Weiter zur Rückseite der altehrwürdigen Humboldt–Universität und den Arkadencafés der Bahntrasse Nähe S–Bahnhof Friedrichstraße, den trügerischen neuen Frieden kaum ausgehalten, all die Gedanken an früher und all die Schicksale, die sich da abspielten. Die zentrale Museumsinsel mit ihren Herrlichkeiten und Brechts Wohnstätte nicht weit.
Acht Tage Berlin, ach ja, für mich etwas Weltbewegendes, nicht nur was Musik und Museen betrifft.
Auf Schnorrer beim Kadewe hereingefallen: Bier statt Bockwurst, die Schufte. Der Versuchung Knut widerstanden, nicht so meine Begleitung. Die kalte Innenarchitektur des Sony Centers als abschreckend empfunden, da waren wir uns einig.
Die abendliche bläuliche Glasfensterstimmung im eckigen Kirchenbau neben der Gedächtniskirche in uns aufgesogen.
Die herrliche Parkstadt Dahlem mit der verstreut liegenden Uni, der heimelige Obstgarten vor der Mensa, das alte Köpenick mit seinen bescheidenen Ostpreisen besucht.
Das so hübsch hergerichtete Nobel–Kreuzberg Richtung Tempelhof und sein ebenso pittoreskes türkisches Gegenstück erkundet. Üppiges Sonntagsbrunch bei Kuchen Kaiser am Oranienplatz. Den Kreuzberg erklommen (!), am Flughafenzaun von Tempelhof gehangen, nach Passieren der Polizeikaserne, Nobelkreuzberg noch im Kopf.
Bis (Alt–)Rixdorf vorgedrungen, auf Anraten einer Bedienung eines netten, österreichisch angehauchten Cafés in der Bergmannstraße, gegenüber der (zeitweise?) aufgelassenen Markthalle.
An die Außengrenzen der Stadt ge–essbahnt, auch Potsdams Schlösser und Parks genossen, den Ortskern dagegen als aufgemotzt empfunden. Mich in die U–Bahn verliebt, trotz der irre langen Umsteigetunnels und –wege. Aufrichtige Türken und ebenso echte Berliner Gewächse von Museumsaufsichtspersonen und Garderobenfrauen schätzen gelernt. Mich in die ganze Stadt verliebt, um ehrlich zu sein.

Zum Abschluss eine Flussfahrt auf der Spree–Athen. Welch ein Zufall! Womit wir wieder in Griechenland angekommen wären. Aber der Berliner Philharmonie–Mahler klingt mir noch im Ohr. Genauso wie die Dussmann–Orgien, in einem supergut mit selbst ausgefallenen Aufnahmen bestückten Kellergeschoss der Friedrichstraße.

Kostas ehemaliges Kafenio in Pitsídia ist mir nach dem Umbau zu neu und der Moderne zu angepasst, deshalb geh ich dran vorbei und leg mich gleich schlafen.

Doch hör: was für verlockende Klänge tönen da von draußen rein, als ich mich bereits zu Bett begeben habe! Unweit meiner Unterkunft erklingen Lyra und Laoúto so klar, so schön, so erfrischend, dass mich nichts mehr unter meinem Leintuch hält. Es ist nicht Berlin, auch nicht Mariss Jansons in München, es ist Kreta, das mir von seinem Besten anbietet, mich aufs Neue hinauslockt in die Nacht.
In der Taverne 50 m straßenaufwärts Richtung Kuppe spielt man einer kleinen verbliebenen touristischen Gästeschar auf. Vater und Sohn. Sohn die Lyra, Vater das Laoúto, doch der teils auch singende Sohn ist diese abendliche Weile der Star. Jánnis Charalambákis übertrifft sich selbst, spielt völlig gelöst und poetisch, fantasievoll, auch in den leisesten Tönen.
Auf der CD (Αφιέρωμα = Widmung, Opfergabe), die ich ihnen abkaufe, nachdem sie meine Frage, ob es denn eine gebe, bejaht haben, kommt er leider nicht so gut heraus wie diese eine Nachtstunde.
Ich freue mich, nun als nachträglich hinzugekommener Gast teilnehmen zu dürfen an diesem spontanen, belebenden nächtlichen Auftritt.
Óppa! ((nicht: Oooopa!))


Dritter Tag

Von Pitsídhia nach Kamilári rüberspazieren, heißt es heute.
Zunächst mache ich einen Kurzbesuch bei Kósta selig, dem Ex–Kafetzí. Auf Anhieb finde ich die Grabstätte nicht mehr, eine zufällig anwesende Alte führt mich hin. Draußen rauscht der Durchgangsverkehr vorüber, drinnen macht sich dennoch eine marmorne Stille breit, bunte Blumenkränze aus Plastik umringen die Grabkreuze, Öllämpchen flackern hinter Scheiben, Fotos regen die Erinnerung der Besucher an. Ich denke an so manche Grabbeigaben, die nicht, wie bei uns, auf Särge runtergeworfen werden, sondern oben auf der Marmorplatte deponiert. Auf dem hoch über der Hafenbucht von Kárpathos–Stadt gelegenen Aussichtsfriedhof sind mir schon Ouzo–Fläschchen und Zigarettenpackungen ins Auge gesprungen, wohlgemeinte Geschenke, um den geliebten Verstorbenen ihre allseits bekannten kleinen Süchte nicht vorzuenthalten, da drüben jenseits des Hades.

Gleich gegenüber, von der Nordseite der Straße, zweigt landeinwärts ein Feldweg ab. Den geht auch meine Alte, bis sie rechts hinter einem Zaun verschwindet. Hier muss es sein, vielleicht auf einem der links, also westlich des Weges aufgereihten Grundstücke mit ihren Hallen und Verschlägen, hier brennt der Mann meiner Vermieterin gerade seinen guten Rakí. Schade, dass ich das erst bei meiner Abreise erfahre.

So stapfe ich also vorbei, lasse mich durch die falschen Nebenwege nicht beirren, erinnere mich an den richtigen Wegverlauf, der durch die Oliven nach Ost und Nordost dreht. Die Erdpiste senkt sich, ich weiche Pfützen und noch regenfeuchten Erdstellen aus und gelange zu einer Barriere bei einem Bachübergang. Hier muss ich über die Wiese und durch das Gebüsch streifen, denn Gummistiefel hab ich nicht mit, um das viele angestaute Regenwasser zu durchwaten. Es hatte einige Tage zuvor immer wieder und richtig ausgiebig geregnet.

Bald steigt der Feldweg wieder an, an einer Bruchsteinmauer entlang, schon komme ich ins Schwitzen, bis oben auf der Höhe das Grundstück mit den tadellos aussehenden Neubauten, weiteren mietbaren Gästeunterkünften, erreicht ist. Einige Urlauber grüßen. Sie haben sich nicht das schlechteste Plätzchen ausgesucht. Nur: für einen normalen PKW ist es schwierig,, das irre steile, arg erodierte und zerpflügte Stück Steigung unbeschadet hinauf– und vor allem wieder ohne Auspuffschaden herunterzukommen auf das Asphaltsträßchen vor dem südlichen Ortszugang von Kamilári.

Besagtes Straßenstück stellt eine ideale Aussichtsplattform nach Ost, Süd und Nordost dar, man geht hoch über der Umgebung dahin, hat tiefe Einblicke Richtung Ebene und Berge, ein richtiger Genuss, hier etwas Zeit zu haben, nicht einfach im Auto mit 50 Sachen durchzuflitzen.
Rechts taucht der gleich unterhalb der Straße entlangziehende Ortsfriedhof auf. An einer Ecke das Buswartehäuschen mit einem Werbeplakat für einen Lyraspieler – aha, wo ein Wartehäuschen, da auch ein Bus! Leider nur am frühen Morgen und am frühen Nachmittag, wenn die Schüler abgeholt und zurückgebracht und die Alten auf Umwegen über Sívas und Pómbia nach Míres und zurück gekarrt werden. Zu Füßen des Abhangs Neubauten von Zweitwohnsitzen im Grünen, es werden wirklich von Jahr zu Jahr mehr. Überall Oliven, die die Weite füllen. Die Gegend hat ihre Schönheit noch nicht eingebüßt.

Kamilári: das Hügeldorf und Hangdorf zugleich. Nach West hin fallen ein paar Häuser, wie auch die Straße nach Kalamáki bzw. Timbáki, steil in eine talartige Mulde hinab, nach Nord der Anstieg auf das höchste Dorfplateau, dann ein jäher Abfall, wie auch nach Ost. Vorgelagert, gleich rechts über der alten und hübschen, wenn auch sehr schlichten Pension Psilorítis, der Kástro–Hügel mit tollem Rundblick bis hin zum der Unterkunft namengebenden Bergstock.

Also wieder über die Dorfplatía, an den beiden hintereinandergestaffelten Kirchen vorüber, dem ersten griechischen Kaffeehaus, dann dem ersten, von jüngeren Fremden betriebenen Café, auf der anderen Straßenseite ein wunderschönes Häuserensemble. Noch ein paar Schritte, und das Milonás steht rechts an der Ecke vor mir – doch es ist keine abendliche Essenszeit und deshalb ist das Tavernchen auch nicht wie gewöhnlich bis zum Bersten gefüllt, vielmehr ganz leer.
Da ginge es also hinunter, ganz schön steil, zu den Studios Ambeliótissa und vielen anderen, eher komfortableren Bleiben, aber auch zur Pizzeria, der heißgeliebten Abwechslung im griechischen Tavernenalltag.

Weiter zur zweiten kleinen Platía, der mit den beiden Lebensmittelläden. Im alten erstehe ich ein Mineralwasser, die alte Dame hat kaum mehr Kundschaft, seit ihr genau gegenüber der Minimarket eröffnet hat. Daneben das Akrópolis mit seiner feinen Küche und der gemütlichen Terrasse.
Über dem alten Laden türmt sich der Sifojánnis, bei dem ich auch schon gewohnt habe. Ein Gast quartiert sich dort gerade ein, stört sozusagen den über der ganzen Ortschaft liegenden tiefen Frieden.

Ich setz mich kurz auf ein Bänkchen, den Abschluss der Autoabstellfläche über einer hier bergab stürzenden, nur im Zehnminutentakt befahrenen Dorfstraße.
Kaum hab ich Platz genommen, besucht mich ein armes Katzl (eine Katze). Der Tiger schabt ungeduldig und erwartungsvoll auf dem Staub herum, bis er schließlich zum Sprung aufs Bänkchen ansetzt und sanft in meinen Schoß steigt. So ziehe ich mir tausenderlei Katzenseuchen zu, Dutzende von Flöhen, Abermillionen von Milben, die ich bisher wie durch ein Wunder alle überlebt habe (!) – kratzkratz. Meine Linke ruht auf dem Katzenfell, das zu schnurren beginnt. Wir schnurren dann minutenlang gemeinsam und sind uns vollkommen einig. Klar, dass der Tiger zu fressen will, deshalb wohl die Schau. Aber g'fallen tut's mir schon.
Auf einmal ein Ruck, das Schnurren hat ein Ende und das Katzl fliegt durch die Luft. Die große Heuschrecke da unten hat keine Chance, ist bereits zwischen den Klauen des Räubers eingeklemmt. Armes Katzl, musst einen Heuschreck fressen, hast sonst nichts!

Danach geh ich ein wenig kreuz und quer durch den obersten Ortsteil. Vieles wurde renoviert, wird zum Kauf angeboten. All die hübschen Ziersträucher, die sich die Häuser hochranken.
Hinauf zum Aussichtsposten, zum Óvgora!

Obwohl etwas unterhalb und westlich schon ein betonierter Neubau steht, oben noch als Skelett, unten bereits bewohnt, ist das Óvgora immer noch die absolute Krönung von Kamilári. Es zieht mich immer dort hinauf, auf ein paar Minuten Sitzen auf seiner westlichen oder nördlichen Begrenzungsmauer. Die Ausblicke sind geradezu berauschend schön, die Berge so nah, alles überragend die Gipfel des Psilorítis, äußerst imposant der Südabfall des gewaltigen, heute rostbraunen Gebirgsmassivs. Dann das überwölkte Meer im Westen. Kretaseligkeit pur, die sich hier mit am besten entfaltet.
Freilich ist nicht zu übersehen, wie sehr der Häuserableger außerhalb des Dorfes nördlich unter mir gewachsen ist, es wird mehr und mehr, die Oliven müssen weichen.

Ich wandere westlich aus dem Dorf hinaus, steige hinunter, passiere das Kelári (die "Vorratskammer") Richtung Abzweig nach Kalamáki. Am Nordhang gegenüber der Taverne brennen sie über der Straße noch Unmengen Rakí.

Meine Anhalterversuche sind nach zwei verpassten Chancen bald erfolgreich. Ein junges Paar aus Bulgarien nimmt mich mit, unterhält sich freundlich mit mir (nicht auf Bulgarisch!). Der männliche Part hat einen Job am Bau. Kurz vor dem Dorfplatz von Kalamáki steige ich aus.

Die meisten Überzeugungstäter, also Freiwilligimmerwiederkehrer, befinden sich bereits in ihren heimatlichen Büros, Werkstätten, Praxen, Hörsälen, Labors, Großraumverkaufshallen, Krämerläden. Das Geschehen vor Ort dreht sich um Übriggebliebene, um aus freien Stücken so (nicht: zu!) spät Gekommene, um Restgeschäfte und die Abklingphase einer nicht gerade üppigen Saison.
Dabei stimmen die Temperaturen absolut, allemal für Individuen, die gegen die Sommerhitze aufbegehren, man kann/könnte baden, wenn man will/woll(er)te, auch wenn die Brandung nicht selten schwillt und bollert(e). Nur: seit die Kundigen künden, dass höchstens noch der September akzeptabel ist dort unten, lassen sich eben mehr Leute abhalten und nicht ein auf den Oktober, weil sie internetexpertengläubig sind und ihre Konfession nicht ums V., nicht um 40 Lotto–Euro–Millionen wechseln werden – einmal katholisch, immer katholisch, so to speak.
Ach, das Gros der hier Fehlenden schwankt jetzt bestimmt auf der Skopelítis dem Untergang entgegen, hoffentlich einer gerade noch sich auftuenden Rettung auf Donoússa, auf Koufoníssi, letztendlich in Katápola, Amorgós – ein Prost! auf die Verbrüderung mit unseren gallischen Nachbarn!
Dabei wäre der Weg zur kretischen Freiheit, zu mehr individueller Erlebnisfähigkeit und einstimmungsmäßig auch –gelegenheit so kurz und so direkt! Na, und den anderen fehlt halt das Geld, inzwischen. Und die wieder anderen lächeln, ignoranterweise, oder eben mit der Souveränität ihrer persönlichen anderweitigen Ländererfahrungen, längst über die bekloppten Griechenlandheinis. Jedem das Seine, suum cuique, in the Latin, chacun son goût, in the French.

Aber zur Sache, Schätzchen!

Das seltsame, das geradezu geheimnisvolle, scheinbar völlig untätige, leblose Schiff da draußen, so nah der Küste, gibt mir nach wie vor zu denken. Ich lasse mich nicht mit der lapidaren Bemerkung abspeisen: "Ein Fischer". Verdenke mich möglicherweise, gestatte mir aber einen Verdacht. Aber einen derart großen, übergroßen "Fischer" gibt es in den hiesigen Gewässern eigentlich nicht. Ob er nicht doch was mit dem geplanten neuen Containerhafen in Timbáki zu tun hat, bei all seiner auffallenden Gemütsruhe?
Ob er irgendetwas misst, ergründet, auskundschaftet?
Ob er? – Irrtum?

Zickzack, zigzag, zigzagare (Italienisch, wenn es stimmt, aber es steht so im Wörterbuch, einem italienischen) durch die Siedlung am Meer. Vor Manólis, Kóstas, Theo, Spíros, Thanássis, Pandeleímon, Jórgos oder irgendeinem anderen Wirt, Hirt, Autohäuptling oder Vermieter, Zimmeranbieter verschone ich Euch Werteste heut', ganz ohne das übliche Brimborího.
Ich erwähne lediglich, Leut', ein einfaches Kafenío – an der Paralía, der verkehrsberuhigten, asphaltierten Uferpromenade, Bíra, Limo, Orangeade, in dem ich einkehre – sieh da, habe die Ehre! Aber noch kein Wok und keine sonstigen Anzeichen für ostasiatische Invasoren, noch ist nichts verloren.

Tamarisken umfangen mich in der Einsamkeit, Leere und loneliness bis zum Exzess, aber ich wehre mich nicht, seh ich doch schieben, hin und her die verblieben, her und hin: die Väter (schieben die Kindertrolleys), später, ihre Kids, mit Gewinn, die jeunesse – arbeitsmüde, nichts, sonst, im Sinn.
Nach dem fünften Mal hin und her gerät die Übung zur Meditation, doch das wusst ich schon (von früher). Keine Jogging–Entspannung kommt dieser gleich, obschon: es ist ein Log–in, quasi, dass all die Spannung entweich', wie durch Ventilation vom Meer her, von dort rüber.

Ein paar Verlorene im Sand, Verwegenere überwinden furchtlos die felsigen, glitschigen Strandplatten auf einen "dip" in den Fluten. Strandliegen, Sonnenschirme – Symbole der Großzügigkeit gegenüber den Gästen, den runden: auch im Herbst 2007 kosten sie nichts, niente, die strandlichen Stunden – selbst mitzubringen, im Ernst: nur die Plastikente. Sommerlich gewiss auch nichts, kosten sie, das kalamakische Strandgut.

Doch sommerlich, in der Glut, fühl ich mich nicht wohl, studier deshalb die herbstliche "Karte", oral tradition, möchte man sagen, Leute, aus berufenem bulgarischem Munde, und warte, probier, kühl und mit Mut, was gütlich gezaubert noch, heute nicht sonderlich gut, doch letztendlich sakrisch kalamakisch und ernstlich bemüht, mittags zählt eh nicht, Gäste zu mästen bleibt eher der Abendstunde.

Schon zieh ich weiter, trauere dem ausgegangenen Jahrgangswein nicht nach, kommendes Jahr wird es geben Ersatz, mein Spatz, eben nicht mehr rar. Mach ma mal luki–fein daaa nach dem Wein aus Lóchriaaa!
Doch Lóchriaaa ist grad noch Réthimnooo, und oooh, heißahoo, doch, ich rat', g'wiss: a Loch noch im Bauch werd ich füll'n müss', traraa, mit dem Saft afar from Iráklioo und doch, hátschi!, mitten in Kalamátschi.

Abend in Pisídhia, alle da, Dhimo an der Platía der Staaa (Star), doch wooo sind die Bäalihnaa? Alle in ihrem Kiez, zu Haus und froh: Prenzl– wie Kreuzberg, Kalle wie Klaus!
Go to bed, sleep well. Wäit till näkßt jiiiaaa, gell – aus!


Another day in eternity, say: fourth day (Ahab's Jagd längst vorbei)

Ein Freitag in der westlichen Messará, das heißt doch ..., na was?
Das heißt, dass am folgenden Samstag/Sonnabend Markttag ist – in Míres, immer noch beeindruckend, schon plant man den Abstecher, auf lässige zwei oder drei Stündchen.
Und heute, wie jeden Freitag seit Urzeiten, ist Marktplag in Tibátschi (von ausländischen Traditionalisten auch "Tympákion" genannt, o Graus!).

Die kleine Urlauberschar steigt etwas nach neun oben auf der Kuppe von Psychídia in den KTEL–Bus. "Das Bus" (in the Greek) spuckt uns aus unten an der Schnellstraß', wie es muss, unterhalb des Hügels von Festós und einer bekannten Olivenpflückerecke (– lang ist's her, aber schön war's doch, oder, ja, die Jugendjahre!?).
Zwanzig elende Straßenminuten sind mit Seiten– bzw. Rückblicken auf vergangene Jahrtausende kaum wettzumachen, doch gemeinsam ist alles besser zu ertragen. Man ist geneigt, das relativ kurze Stück Straßenstress bis zum Abzweig nach Vóri (stoús Vórous) vorzugehen, but you see:

Without my walking stick
I'd grow insane
I can't look my best,
I feel undressed –
Without my cane.
(Leon Redbone, On the Track, Warner Bros. Records, BS 2888, 1975)

Wir raten abwechselnd, ob wir logischerweise auf die andere Straßenseite überwechseln sollen, trotz irre eingeengter Warteposition, oder hier drüben, auf der falschen Seite, verharren, im oder neben dem schattigen Bushäusl. Die Gruppe splittet sich auf.
Der Buslenker hat dafür kein Verständnis, er bedient ganz klar nur die eine, objektiv ganz falsche Seite, für Linksverkehrler natürlich die richtige: überraschenderweise schießt der Bus von Míres her plötzlich auf die Gegenfahrbahn und kommt vor dem Bushäusl zu einem abrupten Halt.

Die enge Ortsdurchfahrt von Vóri ein Kunststück für den Lenker, er ist es immerhin gewohnt.
Wer sich für Vóri nicht, noch nie, ein Stündchen Zeit genommen hat, ist selber schuld. Ganz zu schweigen von dem bezaubernden Landstrich dahinter, bergwärts.

Wenn man in den Ort Timbáki einfährt, merkt man selbst an Freitagen zunächst nichts vom Markt. Denn der ist von der Hauptstraße zur Gänze verbannt worden in eine rechtwinklig davon abgehende Gasse und biegt an deren Ende noch recht weit nach rechts, also Süd ab.
Aber ein bisschen knisternder ist die Stimmung doch, und an dem Punkt, wo die Haupt– und Durchgangsstraße mit all ihren kleineren Geschäften nur mehr durch zwei Häuserzeilen von dem westlich gelegenen Quadrat des schattigen Dorfplatzes getrennt ist und nach Ost die erste Marktgasse sichtbar wird, herrscht doch fast volksfestartiges Treiben, bietet der auströpfelnde Gemüsemarkt wenigstens noch Kisten von Kartoffeln oder Säcke mit Zwiebeln feil.
In dieses Marktgeschehen tauchen wir einzeln gleich ein, nachdem wir bei einer Apotheke noch schnell die Rückfahrtszeiten ausgekundschaftet haben.

Sagenhaft, für Selbstkocher, dieser Markt. Es ist von allem geboten, und zusätzlich zum Gewohnten erhält man hier noch ein paar Abarten von Gemüsen, die man vielleicht noch nie gesehen hat. Eine wahre Freude, an diesem Ort für die Küche einzukaufen. Es ist auch Honig zu haben oder Ratschí, oder irgendeine grobkulinarische Spezialität.
Um die Ecke rum befindet sich dann der Kleider–, Lederwaren und Schuhmarkt, plus dem üblichen sonstigen Marktkrempel. Seh ich mir alles kurz an, ich bin aber gar nicht so in Stöberstimmung.
An besagter Ecke interessiert mich schon seit Jahren eher ein von Kleinständen umgebenes, äußerst belebtes und geschäftiges Kafenío, das wegen einer Stufe etwas erhaben im Zentrum der Aktivitäten thront, vor dem auch zwei Tischchen platziert sind, alles natürlich restlos besetzt und belegt, denn wer würde sich nicht eine derart geeignete Zuschauerstation sichern wollen?

Fühlt man sich im allgemeinen Geschiebe und Gedränge trotz aller Erlebnisfetzchen und tausenderlei Kurzeindrücke doch irgendwie abgelenkt vom Ganzen, geht einem als stiller Beobachter viel mehr auf von allem, was sich da abspielt. Nur mit Mühe, und weil grade zwei ältere Herren ihren Tisch verlassen, schnappe ich mir meine Sitzgelegenheit, leider drinnen im Gastraum, aber nahe eines der beiden Ausgänge.
Es ist die Hölle los, ein Gutteil der Bauernschaft aus den umgebenden Dörfern scheint sich an meinem Wahlort versammelt zu haben.
Es wird ziemlich erdverbunden, kernig und hemmungslos geschwatzt, gegessen und gezecht, nicht wenige Karafátschia oder Retsínes müssen dran glauben, trotz der frühen Stunde. Die Wirtsleute hantieren eifrig hinter ihrer Theke herum, am Rande einer beginnenden Hektik angelangt, zaubern alle möglichen Imbisse hervor, unterstützt durch die etwas pummelige Bedienung, ein Mädchen vom Lande. Draußen auf dem bescheidenen Grill vor der Tür brutzeln Souvlákia vor sich hin.

Es dauert ein Weilchen, bis ich mich bemerkbar machen kann, indem ich zum Wirt an die Theke trete und eine Suppe bestelle.
Die stellt sich später als eine hemmungslos geschmacklose, wenn auch nahrhafte Weiße–Bohnen–Brühe heraus, Pfeffer und Salz verbessern ihren Zustand kaum. Hätt ich doch lieber einen Teller irgendwelcher Mezé nehmen sollen. Eben ein Treff der Marktteilnehmer, es geht mehr um Kommunikation als um I–a–Geschmack. Trotzdem ein ganz hübsches, wirklich uriges Kneipchen, in das sich kaum je ein Tourist zu verirren scheint.

Timbáki ist kein Fall für absolute Ästhetiker, ganz bestimmt nicht. Aber nur wenige Schritte weg von der Geschäftsstraße taucht man ein in ein Meer der Ruhe, in beschauliches Südländertum.
Vorbei an dem einzigen mir bekannten, sehr unaufdringlich wirkenden Ortshotel, etwa 30 m in einer südwestlichen Seitenstraße gelegen, irgendwie gut getarnt, möchte man meinen, gleich daneben eine Art Holzlager in einer "Garage" im EG, gehe ich durch die lange, stille Gasse meerwärts, lasse mir den Blumenschmuck der niedrigen bis dreistöckigen gelblichen und weißlichen Häuser gefallen, freu mich über das Grün und die paar Zier– und Fruchtbäume in kleinen Gärten, nehme all die frühnachmittägliche Entspanntheit in mir auf. Rechtwinklig abzweigende Nebengassen gewähren Einblicke, doch an dem Bild dieses mittäglichen Friedens ändert sich nichts.
Drei halbwüchsige Fußballer auf der Gasse, wieder ein Straßeneck, in der Nähe ein großer Kasten von Schule. Weiter zieht es mich Richtung Meer.

Schon tauchen die ersten kleineren Stallungen mit Federvieh und umfriedete, landwirtschaftlich genutzte Grundstücke auf, ich trete ein in einen regelrechten Wald, ein paar Eukalyptusbäume sind wohl auch dabei, aber im Wesentlichen handelt es sich um Olivenhaine bzw. –Wald. Angebundene Wachhunde bellen mich an, sind es nicht gewohnt, einen Fremden zu sehen. Weiter draußen die ersten Treibhäuser. Längst ist die Straße zum Feldweg mutiert, es ist ganz schön heiß geworden, die Sonne sengt herunter, ganz plötzlich steh ich vor dem Flugplatzzaun.

Ich wende mich nach rechts, nordwestwärts, der Weg, immer den Zaun des abgesperrten Militärgeländes entlang, entartet zu einer dürftigen Piste.
Am Wegrand türmen sich abgeschlagene Äste und Laubzweige zu kleinen Hügeln, ich befinde mich nun wirklich im Abseits. Zu meiner Linken, jenseits des Zauns, schmutzig gelbe Häuschen, manchmal lang gezogen, manchmal mit aufgesetztem erstem Stock, dann wirken sie wie ein Ausguck, wie Wachttürme.
Ein System von Asphaltstraßen durchzieht den Fliegerhorst. Ab und zu flitzt ein PKW mit Kontrollpersonal in gebührendem Abstand zu der einen von zwei Start– und Landebahnen vorüber, doch mein Gesamteindruck ist eher eine Flughafenidylle ohne jeglichen Betrieb, eine gesteigerte Schläfrigkeit und Leblosigkeit über allem, ein permanentes Vor–sich–hin–Dösen unter ermüdender südlicher Sonne und, auf der meerwärtigen Seite, dem einlullenden Wellenschlag der Brandung.

Das würde dann also wenigstens ein Teil des geplanten Hafengeländes für Schiffsriesen aus Ostasien, die ihre Containerfracht für Süd– und Südosteuropa hierherschippern sollen, wo sie umverteilt werden würde. Dann wäre es vorbei mit dem Frieden, und etwas mehr Geschäftigkeit würde auch in dieser Ecke einziehen, obwohl ich denen glaube, die voraussagen, dass gar nicht so viel Personal benötigt wird, derartige Containerhäfen zu betreiben.

Weiter nordwestlich werden es mehr große Gewächshäuser. Aus dem letzten von ihnen dringt Musik heraus, die Arbeiter haben das Radio eines draußen, auf der ortszugewandten Seite abgestellten Kleinlasters ganz laut aufgedreht, um etwas Unterhaltung zu haben. Oder soll durch die Beschallung etwa das Wachstum der Tomaten angeregt werden?
Würde ich von hier aus in meiner Richtung weitergehen, geriete ich auf ganz unbekanntes Terrain. Zwar führt noch eine Piste in das nächste lockere Ölbaumwäldchen, endet aber nach vielleicht 70 Metern. Da ich nicht vorhabe, heute nach Kókkinos Pírgos zu gelangen, wende ich mich nach Ost, auf dem einzigen sich anbietenden Staubweg.

Die Oliven geraten nun immer größer, ein alter Baumbestand, ein fast heiliger Hain, der mir von zwei früheren Erkundungsgängen bereits ein wenig vertraut ist. Eine richtig heimelige Ecke von Timbáki, fern jeglicher Hektik, vollkommen verschieden von der quirligen Ortsmitte, dieser unendlich lang erscheinenden Geschäftsstraße.
Nein, hier ist es friedlich, große eingezäunte Grundstücke gliedern den Wald, dazwischen freie Landstücke, ebenso baumbestanden, hie und da eine Ziege, ein Schaf, ein Hund, Hühner. Dann die ersten weißen Häuschen, erst einmal ein etwas ausgelagerter Hof, bevor die zusammenhängende Ortsbebauung einsetzt und man wieder auf Asphalt schreitet und von irgendeinem alten Mütterchen aus dem Vorgarten begrüßt wird.

Es erfordert nur ein wenig Zickzackkurs und Aufmerksamkeit, und schon hat man den großen Kirchplatz erreicht, wiederum einen Hort der Ruhe, trotz seiner Nachbarschaft zur nahen Ortsplatía. Ringsum wurden Autos hingeparkt; bestimmt auch welche von Marktbesuchern. Inmitten des ebenen Platzes erhebt sich die große orthodoxe Kirche, randlich daneben eine kleinere, flache, bestimmt ein örtliches Heiligtum, aber leider verschlossen. Der ganze Platz umringt von einem Baumkranz.

Über ein kurzes verbindendes Straßenstück erreiche ich nach fünfzig Metern den zentralen Ortsplatz, der erfüllt ist vom Gemurmel der zahlreichen Anwesenden, von Kinderschreien und Gesprächsfetzen.
Die baumgeschmückte Platía ist auf drei Seiten von Cafés und Imbissläden umstanden, östlich führt ein Nebensträßchen mit einem größeren Schreibwarengeschäft begrenzend an ihr vorbei.
Sowohl ringsum als auch in ihrer Mitte ist die Platía vollgestopft mit Kaffeehaustischen und –stühlen, meist des modernen, bequemeren, dick gepolsterten Typs, der leider nur den Nachteil hat, dass er ubiquitär ist, also auch in Puerto Pollensa, in Antibes oder in Grado vorkommt.
Ich lass mich in einem der letzten Kafenía mit traditioneller griechischer Bestuhlung nieder, die gefällt mir einfach besser, weil sie sich mühelos ins Ortsbild einfügt. Es ist das Kafenío, vor dem ich bei meinem letzten Besuch mit einer lieben Freundin eine Stunde verbracht habe, in der sie mir von ihren ersten Kretaabenteuern erzählte, harten Zeiten, aber man hat schließlich doch eine Arbeit gefunden, damit es weitergehen konnte.

Lange verweile ich auf dem Platz, trinke was, lese, schaue zu. Das einfachere Marktgehervolk hat sich allmählich verzogen, an seine Stelle sind die alten Herren, die eh immer Zeit haben, die besseren Familien und die örtlichen Honoratioren getreten, die sich nun allen zur Schau stellen, sich gegenseitig begrüßen, zu einem Schwätzchen hierhin und dorthin gesellen, ab und zu ausländische Eindringlinge beäugen.

Es wird Zeit, sich auf den Nachhauseweg zu machen. Mit einiger Verzögerung taucht der Bus von Agía Galíni her auf, der mich und einige andere zurückbringt nach Festós bzw. Míres, wo es sich den Gegenbus von Iráklio nach Mátala besser abwarten lässt (je nachdem natürlich, wie viel Wartezeit gerade noch ist). Ich steige aber nach Rücksprache mit dem Schaffner schon unterhalb von Festós aus und versuche weiterzutrampen, was mir bald gelingt.

Zurück in Pitsídhia, nehm ich ein abgespecktes kleines Nachmittagsmahl an einem von zwei oder drei Tischen ein, die das Terrassentavernchen Márkos nun auch direkt auf dem Dorfplatz stehen hat. Ein erstaunlich leckeres Essen. Noch eine kleine Dorfrunde. Dann heißt es sich allmählich für den Abend in Kalamáki fertig zu machen.

Ich gehe den gewohnten Weg, auf der schmalen Straße bis kurz vor den Kommós–Strand, dann den Feldweg rechts an Weinreben auf Dünensand vorüber bis zum nördlichen Autostellplatz, um von dort über die Dünen mit ihrer Tamariskenkrone zum Strand bis zur Wasserlinie hinunterzusteigen.
Gerade herrscht wieder eine stärkere Brandung, also mal sehen, ob das Felskap, das mich von Kalamáki trennt, einigermaßen unbeschadet passierbar sein wird.

Fast menschenleer zeigt sich mir die Umgebung im Abendlicht. Ich bin froh, als ich ein älteres Ehepaar von Süden her auf die Felsen zustapfen sehe. Denen stapfe ich einfach dicht hinterher, werde auf ihr Verhalten achten, um schon mal den Wellengang einschätzen zu können.
Die Brandung züngelt gefährlich nahe an die ersten Felsen heran, zwischen denen sich normalerweise die Nacktbader sonnen. Eine Querung der etwa 50 riskanteren Meter wird nicht leicht werden, auch wenn man sich weiter rechts hält, bewusst schon über größere Felsbrocken klettert, den hier schmalen Strand meidet.

Es sei gewagt, denkt sich mein Paar, und ich folge ihnen. Die nächste Brandungswelle ist eine ganz mächtige, so mächtig, wie wir sie nicht erwartet hatten.
Ein seltsames Gefühl, so vollkommen überraschend, wenn es einem plötzlich die Füße wegzieht, man ins Wanken gerät, sich bis zum Bauchnabel im Wasser fühlt und im Stürzen begriffen ist, wissend, dass man dann noch fortgezogen werden und auf einen Felsen aufknallen wird.
Ich tu einen Aufschrei, der Mann dicht vor mir nimmt ihn wahr und stützt mich ganz uneigennützig – weil er mich für seine Frau hält, die aber weiter im Abseits klettert. Hätte er mich nicht gestützt, weiß ich nicht, was aus mir geworden wäre, und auch aus ihm (ohne gegenseitige Stütze) – Fischfutter?
Das mit "bis zum Nabel im Wasser" stimmte tatsächlich fast; das macht sich mit langer Hose nicht so toll, man trägt dann eben einen nassen Lappen. Zwei Kilo Sand in den patschnassen Wanderschuhen als marine Beigabe.
Wir verabschieden uns nach glücklicher Überwindung der Gefahrenzone höflich voneinander – drei Poseidons Dreizack gerade noch Entronnene.

Was also tun? Umkehren, noch einmal da durch, oder oben rüber zurück nach Pitsídia und sich neu einkleiden? Dann würde ich meine sympathischen neuen Berliner Bekannten versetzen, das will ich auf keinen Fall.
Es ist ja nicht kalt, nicht einmal kühl, ich werde schon antrocknen, vielleicht sogar mitteltrocken, in ein paar Stunden. Übers Essen vergisst man bestimmt die widrigen Umstände!

Bei der ersten möglichen Abzweigung begebe ich mich in das vor den Blicken der Fischesser schützende Halbdunkel, drücke mich schließlich an einen freien Tisch draußen beim Jánni und beginne mit der Trocknungsphase.
Da kommen sie schon, M. und Cl., meine Paréa für heute Abend. Jánnis dirigiert uns an den größeren Tisch ganz hinten in der Ecke seiner ebenerdigen, schmalen Essensterrasse. Mehr Platz für das, was da kommen mag!
Wenn man mal sitzt, fallen Missstände wie nasse Lappen statt Hose oder kiloschwere, sandbepackte feuchte Schuhe nicht mehr besonders auf – den anderen. Sie nehmen meine Leidensgeschichte amüsiert zur Kenntnis, doch dann kommt der begnadete Wirt und zeigt sich übergroßzügig, so schweifen auch meine Gedanken ab und hin zu den unmittelbar zu bewältigenden Aufgaben.

Wie anders ist es doch, zu mehreren beim Jánnis zu dinieren! Noch dazu am letzten Wochenende der Herbstsaison, Ende Oktober.
Die etwas trockene bis offen herzliche Freundlichkeit ist dieselbe wie früher. Hinzu kommt eine gewisse Bestimmtheit, eine (verkappte wilde) Entschlossenheit, die Freundesclique zu befriedigen, Großzügigkeit zu beweisen, den lieben Gästen ein unvergessliches Essenserlebnis zu bereiten.
Am Saisonende muss darüber hinaus auch noch alles raus, umso üppiger der Schmaus.

Es beginnt unscheinbar, mit den üblichen köstlichen kalten Vorspeisentellern, alles rein vegetarisch, darunter wieder die legendäre Knoblauchpaste. Nur der Serviertakt stört mich diesmal – pardon, Janni.
Wir fühlen uns nach fünf Minuten bereits wie einem "Feuerwerk" ausgesetzt. Statt am Himmel explodierender Sternenpilze hagelt es von nun an Tellerchen auf unseren Tisch, und Schüsseln. Nach zehn Vorspeisentellern kommt die gewaltige Salatschüssel, mit allem, was das Haus zu bieten hat. Die stellen wir bereits zur Seite, bieten sie dem Nachbartisch an, werden sie Gott sei's gedankt auch los, denn die Landsleute da drüben befinden sich noch im nichts ahnenden Wartestadium. Das eigentliche "Hauptgericht" ist meiner Erinnerung entfleucht, denn wir müssen nun trinken, um weitere Bissen überhaupt noch einschieben zu können, also fließt der gute Weißwein Karaffe um Karaffe. Jedenfalls etwas sehr Feines mit Fleisch, es wird dankend angenommen, als Abwechslung im Gemüsegarten, und es ist auch so extragut scharf gewürzt.

Kaum ist eine halbe Stunde vergangen, schütteln wir schon unsere Häupter, wenn Jánnis wieder und wieder zielstrebig aus dem Kücheneingang herauskommt und arglistig, tellerbewehrt (!), lächelnd auf uns zusteuert. Würde ich ihn nicht als warmherzige Seele kennen, könnte ich einwenden: What a mischievous smile (– irgendetwas zwischen schelmisch und bösartig, so ein Lächeln)! Er hat heute die Absicht, uns regelrecht zu Tode zu füttern, so eine erbarmungslose Servierhektik entfaltet er.
Das muss für die Ewigkeit festgehalten werden, so bannt Cl. es lachend auf seinen Fotochip.
Das Ganze nimmt barbarische, oder sagen wir besser: heidnische, unchristliche (meinetwegen: bairisch–katholische – man kann ja anschließend beichten!) Ausmaße an, eine uns aufgedrängte Fressorgie. Man beachte: Janni muss seine Vorräte loswerden und schenkt sie ihm angenehmen Leuten!
Trotz Abwinken unsererseits erinnere ich mich auch an Nachspeisen. Etwas später an gerne angenommenen Kaffee. Dazu noch eine große Menge Rakí, die uns wohl rettet.

Nass geworden, vorher? Ich denke gar nicht mehr dran, ich bemühe mich zu verdauen. Die Rechnung: ein Witz für das Gebotene.

Zum Schluss Jannis' Versicherung, er werde den Laden noch ein paar Tage geöffnet halten, so lange, bis meine Berliner abreisten. Aber daran konnte er sich nicht ganz halten, denn die blieben noch eine ganze Weile übers Saisonende hinaus.

Ein Abschied mit vollem Bauch – nicht das Wahre. Die Brandung wenigstens hatte sich beruhigt, der Weg durch das Dunkel war frei.

Copyright puchheim = MartinPUC, Januar 2008

Beim Heiligen Miná




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