Zwei (nicht ganz freiwillige) herbstliche Wochen auf Kreta
Teil 1: Pitsídhia

Copyright puchheim = MartinPUC, November 2011– Januar 2012


Hab lange hin und her überlegt vor dieser Reise. Einen günstigen Flug mit Condor nach HER gebucht. Rückflug ab ATH mit Aegean, denn Ende Oktober wäre es von den Inseln zurück nach MUC mit einer Charterfluggesellschaft quasi unbezahlbar gewesen.
Sollte ich nach einer Übernachtung in Iráklio gleich tags darauf, samstags, mit der guten alten Prévelis nach Kárpathos fahren? Oder weiter bis Rhódos? Jedenfalls in den Dodekanes.
Oder sollte ich doch, was sich anböte, wenigstens einige Tage bis eine Woche auf Kreta verbringen, den angeblich dreitägigen Schiffsstreik (kommenden Mo. – Mi.) dort überdauern und freitags darauf mit der Prévelis in die Kykladen schippern?
Die Höllenmaschine von Flyingcat 4, die übrigens den Streik nicht mitmachte (zu viele package tours von der Sorte „2 Tage Santorin“ werden auf sie gebucht, und das bringt Geld, das man sich nicht entgehen lässt, Streikethik hin oder her), wollte ich nach niederschmetternder Erfahrung diesen Juni unbedingt vermeiden, obwohl sie täglich wenigstens nach Thíra geschossen wäre – ohne Rücksicht auf Verluste in Form total seekranker Passagiere.
Dankbar, überhaupt wieder auf Urlaub weggekommen zu sein, entscheide ich mich zunächst für Kreta. Wenn nicht mittwochs, so werde ich doch wenigsten nächsten Freitag von Iráklio aus nach Santorin oder Mílos kommen – denke ich. Ich konnte noch nicht ahnen, dass ich in die wüsteste und längste Streikperiode geraten würde, die innerhalb meines Erlebnisbereichs je in Griechenland ablief.

Vom Flieger aus hatte ich wieder so schöne Blicke auf Inseln werfen können. Mílos und ganz Kímolos waren in meinem Blickfeld gewesen, völlig frei und unverschleiert, mit haarscharfen Konturen. Große Vorfreude kam da auf ... Vielleicht sollte ich ... ?

Nach der morgendlichen Landung auf Kreta schaffe ich locker den Mittagsbus von der Busstation am Chaniá–Tor nach Mátala.
In Iráklio hatte ich zuvor eine hübsche kleine Stadtviertelwanderung unternommen, vom Chaniá–Tor aus quer durch ein recht ursprünglich gebliebenes Wohnviertel, hatte, bei der lauten Uferstraße gegenüber dem Naturhistorischen Museum angekommen, den Anblick des Meeres mit der Dhía–Insel genossen, in der Sonne gesessen, Leute beobachtet. Eine erste Erkundung bei Paleológos Travel in der 25.–August–Straße ergab nichts Gutes. Man wisse nichts Genaues, könne jeweils erst einen Tag vor der betreffenden Schiffsabfahrt Auskunft geben, wegen der Streiks. Ich solle doch anrufen.


Pitsídhia und drumherum

Unbeschreiblich, dieses Großpanorama aus Hügelland, Ebene und Bergen (im Osten das Dhíkti–Gebirge, im Süden die Asteroússia–Kette, nach West und später Nord hin der Psilorítis) auf dem kurvenreichen Weg südlich von Ajía Varvára hinunter nach Ágii Dhéka (= „die heiligen Zehn“, also: die 10 Heiligen, nicht etwa eine weibliche Singularform – falls das jemand noch nicht wissen sollte).
Ab Míres, wo ich umsteigen musste, bin ich fast der einzige Fahrgast im Bus. Die Landschaft wird immer schöner, grüner, olivenreicher, im wahrsten Sinne großartiger, als ich Richtung Asteroússia–Berge über die weite Ebene schaue, oder von Festós aus rüber zum Psilorítis und seinen Vorbergen, auf den Klotz des Kédhros und ein Stück weit hinein ins Amári–Becken zwischen diesem Einzelgänger–Berg und dem Ida–Massiv.

Sou(m)bouljá in Pitsídhia nimmt mich freundlich in Empfang, gibt mir ein viel schöneres, ruhiges Zimmer mit Balkon hintenraus, für deutlich weniger Geld als zuletzt im Juni. Ich muss also nicht unbedingt zu Jodi abwandern – wäre mir auch schwergefallen!

Um es gleich vorwegzunehmen: Das so nette, unschlagbar preisgünstige und kommunikative Kneipchen von Jánnis neben dem Lädchen der alten Evanthía hat seinen Besitzer bereits wieder gewechselt (!). Absolut schade. Es wird nun von einem Bulgaren oder Albaner oder ??? geführt und hat kaum noch Gäste, öffnet auch eher sporadisch. Man kann heutzutage kaum noch Tipps geben, scheint es, denn alles ist zehnmal schneller im Wandel als je zuvor.

Die Hauptklientel hier in Pitsídhia besteht Mitte Oktober 2011 aus eher älteren Semestern, meist Paaren oder Kleingruppen von Bekannten, die man abends auf ein (paar) Bierchen vor dem Kafenío von Dhimókritos am Dorfplatz sitzen sieht. Das Abendessen hat man vorher in Mike’s Taverne in einer Seitengasse eingenommen. Dieses Lokal ist, neben der Pizzeria Bodikós (wo zu spät Gekommene echt Schlange stehen, selbst Mitte Oktober), immer noch zum Bersten voll.

Eines kühlen Abends ist Musik am Hauptplatz angesagt. Bouzoúki–Night mit Gesang.
Eher abstoßend auf mich wirkt der Versuch einiger deutschsprachiger Paare, zu den beliebtesten griechischen Volksliedern das linkische Tanzbein zu schwingen. Beispielsweise Foxtrott zu „Várka sto Jaló“ und dergleichen. Ehrlich, kein Witz!
Ojemine …. (= O–jé–mi–neee!). Ich schäme mich in den Boden hinein, aber die Einheimischen sind nach jahrzehntelanger Erfahrung mit deutschzüngigen Siedlern und Gästen so abgebrüht, dass sie nicht einmal mit der Wimper zucken. Und die Tänzer biegen noch jeden Rhythmus so zurecht, dass es sich auf deutsche Weise darauf tanzen lässt. Eine echte Schau! Grausam gefühllos, keine Ahnung von griechischen Volksliedern, sowieso.
Ich fühle mich bei all den Bouzoúki–Klängen von der Platía weg in eine ausgesprochene Touristentaverne versetzt. Doch der echt lieben, immer gut gelaunten Sabía von der einfachen Essensstätte am Südostende des Platzes macht das nichts aus. Sie singt begeistert mit, wirkt so ansteckend und motivierend auf ihren kleinsten Familienzuwachs, dass die Kleine auf ihrem Arm plötzlich zu strahlen und zu tanzen beginnt. Die netteste Omi von Pitsídhia, auf alle Fälle.
Dennoch, nun verstehe ich, warum ein langjähriger Berliner Dauergast dieses Ortes in die Sfakiá abgewandert ist.

Bald wird es mir echt zu kalt, hier im südlichen Mittelkreta. Tagsüber geht es ja noch, manche baden weiterhin im Meer oder sonnen sich wenigstens in Mátala oder am Kommós–Strand, man kann als Wanderer noch gut im Hemd herumlaufen. Doch abends und nachtsüber wird es fast unerträglich kühl. Eines Nachts setzt ein zehnstündiger Dauerregen ein. Hab ich so etwas je in GR erlebt? Ich glaube, nein. Starkregen von einstündiger Dauer sehr wohl, Schichtfluten, die Wege fast wegspülten, ja. Doch dieses permanente Regnen bis tief in den Vormittag hinein: Ungute neue Sitten, uaaah!

Aber wie das eben so ist, wendet sich das Wetterblatt auch wieder ganz plötzlich, und von einer halben Stunde auf die andere herrscht erneut eitel Sonnenschein, spaziert die eine Familie um elf in Badeschlappen ganz entspannt und fast nackt bei halbwegs sommerlichen Temperaturen zum Zouridákis, um sich leckeres Brot und Gebäck fürs Frühstück zu holen.

Da zieh ich gleich zu Fuß los Richtung Mátala, freu mich über die herrliche Aussicht von meinem für teures Geld angelegten Gehweg aus (neben dem Radweg!), wundere mich über die kilometerlangen teuren betonierten Einfassungen, über die sinnlosen Lichtmasten auf freier Strecke, die Verkehrsinseln, den Kreisverkehr in der Prärie (Motto: Wohin mit den Geldern? – Antwort: Dahin!). In weitem Abstand voneinander überholt mich ein englisches Joggerpaar. Für einige doch von Vorteil, so ein Trottoir.

Es ist immer noch schön, dieses Kreta, trotz allem. Auch wenn selbst der große „Minimarkt“ an der Durchgangsstraße von Pitsídhia, unweit von Jodi’s Café, nun zum Verkauf steht, weil allmählich noch der letzte Touri größere Einkäufe beim Lidl tätigt (hier: am östlichen Ortsrand von Míres), die Laufkundschaft immer mehr weggebrochen ist, nur autolose und ältere Leute noch in die kleinen Läden gehen. Sparen ist angesagt.
Im alten Kafenío auf der anderen Durchgangsstraßenseite, gegenüber dem glücklosen Super– oder Minimarkt, klagt der Besitzer besagten Ladens anderen Dörflern sein Leid, die wiederum von Ihrem klagen, lauthals schreien, damit es ja keinem entgeht: den ständigen Teuerungen, den Rentenkürzungen, der Benachteiligung der „kleinen Leute“, ihrer eigenen Ohnmacht angesichts all des Niedergangs im Land.
An einem anderen Terrassentisch des zumeist nur vormittags und frühabends geöffneten Lokals (mit Zimmervermietung) veranstaltet ein ansässiger Brite gerade seinen Abschiedstrunk im britisch–kretischen Freundeskreis. Hier ist es ja besonders preisgünstig. Der Taxifahrer zecht in Maßen mit, dann geht es ab nach Chaniá, zum fernen Flughafen auf der Akrotíri–Halbinsel. Sie kommen später nur noch kurz zurück, die vergessene Sonnenbrille abzuholen, die der ägyptisch oder auch pakistanisch anmutende Hilfskellner bereitwillig reicht, während die alte Wirtin mit schwarzem Kopftuch aufmerksam allen Gesprächen lauscht.

Nur wenige hundert Meter unterhalb der Kuppe zwischen Pitsídhia und Mátala biege ich nordwärts ab, einmal die beiden Aussichtstavernen über dem Kommós–Strand zu sehen.
Rechter Hand ein Schafs– und Ziegenpferch, linker Hand oben ein Gehöft, neben dem Haus steht ein kläffender Schäferhund bereit – hoffentlich nicht zum Angriff!
Nein, er stürzt die 150 m Zufahrt nicht auf mich herab, das Herrchen ist anwesend, der aufgepickte Stock wird nicht benötigt. Eine, zwei Kurven, dann ist das Ende der Asphaltstraße erreicht. Schilder. Eine staubige Parkfläche, etwas weiter westwärts beginnen die Felsen, die löcherigen, arg spitzigen Kalkklippen, über die ich vor langer Zeit einmal mühsam bis Mátala rübergestiegen bin, mit traumhaften Ausblicken bis zu den Weißen Bergen.
Eher bescheiden wirken sie in ihrem nun geschlossenen Zustand, diese beiden nebeneinanderliegenden Fischtavernen mit Vorgärten und dem Wahnsinnsblick nach Nord Richtung Kalamáki und Agía Galíni und natürlich auf die Bergwelt.
Ich klettere etwas hinunter, umgehe die Tavernen auf einem Trampelpfad über Felsen am Steilabfall, schaue hinab auf die Strandkneipe am Südende des Kommós Beach, wo sie gerade die Türme von Müll neben dem Container zu beseitigen suchen, der Pick–up steht bereit. ((Streik der Müllabfuhr!))
What a view!, was für ein grandioses Panorama! Ich verstehe jeden, der sich in diese Gegend verliebt hat. Unten am Strand noch relativ wenige Sonnenhungrige und Badefreudige. Der Tag beginnt schließlich erst so gegen halb elf. Man trifft dann so zwischen Mittag und zwei am Sandstrand ein.

Wieder zurück an der Hauptstraße, überquere ich den Pseudo–Kreisverkehr, diese dringend benötigte Schikane für alle Busse und längeren Fahrzeuge, und spaziere auf der schmalen alten Straße ins valley hinunter. Genauer gesagt: Geradewegs auf die sich an diesem Nebensträßchen fast das ganze Tal locker hinterziehende Hotelzone des äußeren Mátala zu.
Erst einmal geht’s an einer gut verdeckten Müllkippe vorbei. Dann die grüne Pflanzenumzäunung des sehr hübschen ersten Hotels, in dem lauter Franzosen zu wohnen scheinen. Ein ausgesucht schöner Platz, etwa 20–25 Gehminuten vom Ortskern entfernt, und nicht viel weiter von Pitsídhia und auch dem Kommós–Strand. Zentral und ruhig gelegen für alle Zu–Fuß–GeherInnen, die nicht unbedingt auf ein Strandhotel geeicht sind.
Es folgen noch etliche Hotelchen und Hotels, keines von ihnen zu hoch gebaut, dennoch einige wenige Hässlichkeiten, manches zu monoton. Dazwischen eine Großwäscherei, immer noch klein genug.
Irgendwann mündet das Sträßchen in die Straße ein. Bald beeindruckt mich eine einstöckige, längliche Unterkunft mit rot gestrichenen Fensterläden und Türjalousien und integriertem Tavernchen. Die Frau ist hier wohl eine Österreicherin. Irgendeine Aufschrift deutet darauf hin. Fast hätte ich die Straße überquert, um mich dort niederzulassen.
Knapp 10 min später stehe ich in der kleinen Kapelle mit den hübschen Ikonen auf der Ikonostase und der dezenten griechischen Kirchenmusikbeschallung mitten in Mátala. Aus dem modernen Café lugen ungläubige Augenpaare herüber. Die zugehörigen átoma (Personen) saugen am Strohhalm ihres Frappé. Hier hält sich die Schickeria auf. Dieser Teil des Ortes gibt mir ansonsten wenig, nur das Kirchlein und die Buchhandlung weiß ich zu schätzen.
Richtung linker Klippenseite wird es für mich wieder interessanter. Das letzte Tavernchen rechts, ein einfaches Lokal. Dann ein Wegstück ohne Lokale, wenigstens strandwärts. Dann die Kneipenzone unten zu Füßen der Klippen, die ich immer schnell durchquere. Schön ist hier nur die Höhle mit dem Fischerboot oder–zeugs davor, bevor man die Stufen hochsteigt zu den beiden äußersten Tavernen und zu Spíros’ einfachem Häuschen am Klippenrand.

Im Iliovassílema angekommen, setze ich mich erst ganz vor, an den ersten Tisch der hinteren, dem Meer unmittelbar zugewandten Terrasse. Noch zu früh zum Essen, ich trinke erst einmal was gegen den Durst.
Spíros wuselt herum, auf der Suche nach dem kleinsten seiner Hundeschar, der nur Minuten zuvor bei mir vorbeischnüffelte.
Als ich später an meinen Stammtisch nahe dem Eingang zur Küche weiterziehe, entdecke ich gleich einen Aushang von Herbert Vogel, dem Webmaster von Kreta–Impressionen, der hier zusammen mit seiner Frau für seine Seite wirbt. Er sei erst vor wenigen Tagen hier gewesen, sagt man mir. Man kennt ihn natürlich.

Die Garídhes–Nudeln schmecken wieder vorzüglich, ich greife in die Vollen, trief, trief, eine neue Lage Servietten wird unaufgefordert rechtzeitig nachgereicht. Auch alles andere schmeckt lecker. Süßspeise bzw. Apfel/Melone und Rakí kostenlos, wie immer. Aussicht über die Wellen großartig. Kontakt zu eintreffenden Mittouristen diesmal ebenfalls höchst gelungen, nicht nur an diesem Tag.
Ein nettes deutsches Paar, Pauschalreisende, entpuppt sich als echte Inselkenner – auch aller möglichen anderen ägäischen Inseln. Dann taucht noch ein sympathisches Wiener Paar auf. Superunterhaltung, zusätzlich noch mit einem dritten Tisch. Ich weiß schon, warum ich gerne hierherkomme. Lasse den Bus sausen.
Die Wiener bringen mich schließlich nach Pitsídhia, auf ihrem Rückweg nach Léndas, das sie sehr mögen. Vorher hab ich ihnen in der Zouridákis–Filiale in Mátala noch die superguten Kalitsoúnia empfohlen, ähnlich gute findet man nur selten anderswo. Ich glaub, die haben da was richtig gutes Neues entdeckt.
Ich sollte die beiden weit weg von Mátala auf dieser Reise bald noch einmal wiedersehen.

Zu Kalamáki nur so viel: Kóstas hat den Verlust eines Großteils seiner Schafherde durch Diebstahl einigermaßen überwunden und hat nun einen jüngeren Deutschen, der in etwa wie das Idealbild eines Sokrates aussieht, als nächtlichen Bewacher seiner Rest–Herde angestellt. Der arme Typ muss da draußen schlafen.

Es ist an der Zeit, einmal wieder im östlichen Nachbarort Pitsídhias vorbeizuschauen, den ich seit einigen Jahren vernachlässigt habe. Ein Spaziergang durch die Oliven nach Sívas ist angesagt.

War immer eine ganz hübsche Strecke, erst auf einer Dorfstraße mitten durchs östliche Neubaugebiet von Pitsídhia, dann einen Feldweg hügelan, hinein in die wohltuende Ölbaumszenerie.
Bald muss ich feststellen, dass im Mittelteil der kleinen Wanderung die großen alten Olivenbäume fast zur Gänze fehlen. Ein beträchtlicher Teil von ihnen wurde gefällt, weggeschnitten, um neu gepflanzten, kleinwüchsigeren Sorten Platz zu machen. Der ganze Landschaftscharakter hat sich dadurch geändert. Das harmonische Gesamtbild ist schwer beschädigt, doch den Bauern wird das ziemlich egal sein – Hauptsache, sie haben es bei der Ernte leichter und die Erträge fallen höher aus. Wieder ein Abschied von etwas so Schönem! Beim Ortsfriedhof unterhalb von Sívas angelangt, springt mir die recht breit asphaltierte „Umgehungsstraße“ (ein ehemaliger Feldweg) ins Auge. Sie führt westlich um den Ort herum, macht es einigen Olivenbauern leichter, zu ihren Höfen zu gelangen.

Auf dem älteren Asphaltsträßchen steig ich vom Friedhof aus hoch ins Dorf. Rechter Hand oberhalb gleich das große Grundstück mit Hausburg eines Deutschen, das Auto mit entsprechendem Kennzeichen im Hof. Sívas wird ja zunehmend beliebter unter deutschen und anderen Hausaufkäufern, ähnlich wie Pitsídhia. Wie dort agiert auch hier ein rühriger kretischer Häusermakler, der sozusagen am laufenden Band zerfallende Häuser samt Grundstücken aufkauft, um sie im alten, traditionellen Stil zu restaurieren und quasi schlüsselfertig zu veräußern. Er macht das wirklich sehr geschickt und mit viel Gespür für Schönheit. Sogar die angepflanzten Ziersträucher „stimmen“. Ich sehe keinen Anlass zu Kritik. Besonders der westliche Teil des Dorfes ist seit Jahren mit solchen Verkaufsobjekten durchsetzt. Eine Wohltat im Vergleich zu manchen Wagnissen Marke Eigenbau (siehe insbesondere Pitsídhia!).

Diesmal geh ich, oben angelangt, etwas nach links, um mich von weit vorne, also vom Nordende her, der Dorfmitte zu nähern. Der kurze, leichte Nieselregen hat gerade aufgehört. Deshalb bekommt die erste alte Dame, die aus ihrem Garten lugt, von mir zu hören: „Ich bin zusammen mit der Sonne angekommen, Großmütterchen!“ Sie schenkt mir ihr Lächeln.
Besagter Makler hat sein Haus in Sívas, gleich an der Hauptzufahrtsstraße, nun vollendet, wie ich beim Vorübergehen sehe. Da hab ich bereits zwei weitere deutsche Autos passiert. Sívas, nicht zu Unrecht ein Kultort unter Landsleuten. Irgendwie doch schöner als sein westlicher Nachbar! Zu dieser Einsicht komme ich jedesmal, wenn ich den direkten Vergleich habe.

Im nördlichen Vorfeld des Hauptplatzes hat sich neben einem kleinen Laden ein für mich neues Kafenío etabliert. Sieht gut aus, mit einem alten Dörfler davor, dem einzigen Gast.
Von der SW–Ecke der Platía ist das winzige, so beliebte Kafenío von Jánnis und Katína längst verschwunden, die beiden haben sich auf ihr Altenteil zurückgezogen.
Doch es gibt weiterhin das andere, immer noch sehr hübsche und altertümliche Café, das mit einem Teil der Bestuhlung direkt neben den „Terrassentischen“ der Taverne Váfis, hinter den parkenden Autos und vor den üppig belaubten Bäumen.
Dort hat sich auch immer Kóstas von der ehemaligen Villa Kunterbunt (heißt nun Villa Cóstas–Pópi) aufgehalten, er ist nicht anwesend, aber ich glaube seinen Sohn unter der griechischen Clique zu erkennen, er wird es wohl auch gewesen sein. Ich selbst bin zu dieser Stunde der einzige anwesende Tourist. Gleich beim Eingang des Kaffeehauses hab ich Platz genommen, gerade noch vor dem gelegentlichen leichten Sprühregen geschützt. Die Preise sind wie früher, kaum zu glauben, so günstig. Die bedienende Griechin äußerst nett und bescheiden. Schön, eine Weile dem Geschehen, den Passanten und vorbeifahrenden Autos zuzusehen.

Wandere hinter zum Hotel Shívas, das jetzt nicht mehr so schreiend bunt angemalt ist wie jahrelang zuvor. Eine Frau jätet Unkraut vor dem Eingang und sogar jenseits der Straße, gibt sich mir gegenüber sehr freundlich.
Ich biege auf den Weg in die Oliven ein, etwa 150 m vor der „Villa“. Geh dann steil rechts hinauf zu Christinas Grundstück, wo sich nichts verändert hat. Nur die Nachbarn sind da, bevölkern ihr kleines Häuschen.
Ein paar sehnsüchtige Blicke Richtung der nahen „Villa“ werfe ich natürlich schon, doch ich möchte nicht zu Besuch kommen, nur um ihnen mitzuteilen, ich wohne in Pitsídhia. Das schaffe ich einfach nicht. Aber ich hab die mehrfachen Aufenthalte bei ihnen immer sehr genossen. Wunderbare Erinnerungen steigen in mir hoch. Ist schon wieder so lange her.
Ein traumhaftes Eck, zweifellos! Und eine I–A–Umgebung, nichts als Oliven, dazwischen ein paar Agaven, dahinter das freie Land Richtung Lístaros und die südlichen, vielfältig gegliederten Bergriegel.

Noch eine Runde durch den idyllischen Ostteil des Dorfes, der sich gut von Hunden bewacht zeigt. Einige Häuser sehen arg mitgenommen aus. Gucke in die Messará hinunter.
Dann hoch in den Westteil, den schönen mit den vielen hübsch restaurierten Kretahäusern ohne Verputz. An dessen Nordende wieder hinab zum Friedhof und zum Feldweg nach Pitsídhia. Unterwegs kommen mir zwei fröhliche deutsche Urlauberinnen entgegen.

Sehr angenehm, in Abständen die guten Erinnerungen an Sívas aufzufrischen. Es wäre an der Zeit für mich, hier wieder einmal Quartier zu nehmen.

Copyright puchheim = MartinPUC, November 2011– Januar 2012

Ierápetra: Besser als sein Ruf!



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