Der Weg nach Psará
(Erlebt am 12. und frühen 13. Mai 2004)

Copyright puchheim = MartinPUC, Juni 2004, September 2006


Es war nicht ganz so einfach, die Haltestelle der KTEL–Attikís–Busse an der Straße etwa 50 Meter vor dem zum Flughafengebäude hinblickenden Haupteingang des Sofitel–Hotels am Athener Flughafen ausfindig zu machen. Sie war durch eine Baustelle verstellt, echt gut getarnt, sagenhaft gut, und überdies hielten dort auch ununterbrochen die Flughafen–Crew–Busse, sodass man glauben mochte, es handle sich um eine Art privaten Bedarfs–Busstopp.

Nach Entdeckung des Geldsparortes – ein Taxi nach Lávrio hätte etwa 40 Euro gekostet – hieß es nur noch warten und zittern. Denn die gerade noch passende 17:15–Uhr–Busabfahrt nach Markópoulo (auf der Flughafen–Website stimmten die Buszeiten keineswegs!) war zwar eine halbe Stunde eher als fälschlicherweise im Internet angekündigt, aber es gibt anscheinend keine einzige durchgehende Verbindung zu dem kleinen Industrie– und Hafenort mit hübschem Zentrum etwa 9 km nördlich des Kaps Soúnio, der nun Rafína hinsichtlich der Fährverbindungen in die nördliche Ägäis mit den Schiffen der SAOS–ANES LINES vollkommen abgelöst hat.

Im angenehmen Landstädtchen Markópoulo heißt es auf einen aus der fernen Mitte Athens kommenden Anschlussbus warten, und der hat kräftig Verspätung, wie so ziemlich alles, was sich im Entferntesten dem Flughafen entgegenstaut. Die Platía von M. ist eine der hübscheren Sorte, von der aus man sich bei Winden aus nördlicher Richtung sogar am Anblick der nach ATH eintrudelnden Flieger ergötzen kann.
Endlich trifft ein Bus ein, die Wartenden steigen zu, nur um gleich wieder vom Fahrer rausgeworfen zu werden, der meint, dieser Bus sei nicht mehr fahrtüchtig. Nach 1 Minute schon ist ein Alternativgefährt zur Stelle.

Nun fokussiert sich mein Problem auf eine simple Tatsache: die öffentlichen Busse halten halt oft und bei jedem Bedarf, und meiner hat lauter aus der Großstadt heimkehrende Pendler an Bord.

Trotz der Zitterpartie (– der sehr junge Schaffner tröstet mich damit, dass wir 10 min vor Schiffsabfahrt im Ortszentrum sein würden) beginne ich bald, die für mich sehr überraschende Schönheit Südost–Attikas abseits der großen Routen zu genießen. Die abwechslungsreiche Hügellandschaft, das viele Grün, die dicken, gelb blühenden, die Straße einengenden Ginstersträucher noch Mitte Mai, die wirklich hübschen, sauberen Dörfer, die netten Mitfahrer im Bus.

Trost spendet mir laufend der Gedanke an die Zufälle im griechischen Verkehrswesen, an bestimmt noch ein paar zusätzliche Großlaster mit Anhänger, die in letzter Minute daherkämen und die Abfahrt meiner Fähre um mindesten 20 – 30 min verzögerten.

Dann komme allerdings ich alleine in letzter Minute daher, nach einem 1,5–km–Fußmarsch und Durchfragen aus dem Ortszentrum Lavrios (mein Bus kommt mir unverschämterweise in Hafennähe noch einmal entgegen!), und unglücklicherweise ohne Ticket, was heutzutage einem Todesurteil gleichkommt, denn man wird dann garantiert nicht mitgenommen. Der entscheidende Mann lehnte folgerichtig ab, mich an Bord zu lassen.

Nun beginnt die levantinische Improvisier– und Problemlösungsdebatte. Ebendieser „Ablehner“ ruft einem im neuen Jeep wartenden Zuschauer etwas zu. Ich verstehe: Fahr ihn doch zur Ticketbude! Zu mir gewandt: Five minutes! Da werde gleich ich selber aktiv, Rucksack runter, auf den Boden, hin zu dem Jeeper mit Käppchen. „Können Sie mich zu der Ticketagentur fahren?“ Es entwickelt sich ein kurzes Gespräch in Stolperdeutsch, als der Herr erfährt, dass ich Deutscher sei. Jahrelang hätte er in Köln malocht, usw. Schließlich springe ich in den Wagen, und nach zwei Minuten sind wir an der ganz oben hinter dem riesigen, praktisch leeren Parkplatz platzierten, nicht unbedingt deutlich sichtbaren Ticketbude. Aha, deshalb hatte ich in der Agentur am Ortsrand niemanden angetroffen!
Die geistesgegenwärtige Dame am Schalter meint nur knapp: Wohin? Ich: Sta Psará, éna átomo. – EUR 18.60. Amen.
Zurück ans Schiff, den Rucksack aufgelesen, auf die Schulter gehievt, rauf auf die Kiste, heißen Dank an den braven Ex–Kölner, der wieder in stoischer Ruhe 2 m vorm Hafenbecken in seinem Neuwagen den Ablegevorgang studiert.

Noch bevor sich die Heckklappe schließt, praktisch genau um 19:00 Uhr, kann ich feststellen, auf was für einem liebenswerten Auslaufmodell von Alt–Fähre ich mich da befinde. Das also ist die „Nissos Limnos“, die ich schon kannte – virtuell, aus dem Internet. Bei einem Rundgang finde ich bald heraus, dass es sich um die frühere „Milos Express“ handelt, deren Großfoto noch in einem der Büros im Schiffsinneren prangt, so als hätte sich nichts geändert. Aber das kennen wir ja schon. In den Kabinen der „Ierápetra“ z. B. pappen ja auch noch die ANEK–Aufkleber der ehemaligen „Talos“ – sehen aus wie neu (– letzte Überbleibsel nach der Übernahme).

Die Beurteilung der ehemaligen Milos Express (bei denen heißt das Schiff „Express Milos“), nun Nissos Limnos, durch Greek Island Hopping fällt nicht gerade schmeichelhaft aus („Avoid this boat.“ – also: lebensgefährlich; schade, dass die SAOS II angeblich verkauft wurde, dachte ich damals), aber es ist ein urgemütlicher Kahn, nur die Kombüse hat nichts Besonderes zu bieten, das „Self–Service–Restaurant“, wo man natürlich doch bedient wird, wird auch nur von ganz wenigen Leuten aufgesucht, denn es ist irre überteuert, eigentlich kriminell, wie die mich abzocken.

Ich glaube außer mir noch zwei Fremde, zwei etwas korpulente Frauen, zu erkennen, die sich auf Psará aber als so makellos Griechisch sprechend und engstens mit den Einheimischen befreundet herausstellen, dass ich sie zu den Griechen rechnen muss. Es sind wohl auch tatsächlich Griechinnen. Schon auf der Fähre also der einzige Touri! Wie schade, keine Kontakte.

Wir fahren zunächst um die Nordspitze der ehemaligen Verbannten–Insel Makroníssi herum, die Insel Kéa liegt südlich ausgebreitet vor uns, wir nehmen Kurs auf den Durchlass zwischen den kleinen Inseln vor der Südostspitze von Euböa (Évvia) und der Nordwestspitze von Ándros. Anders als im Internet bei www.gtp.gr angekündigt, gibt es keinen Stopp in Gávrio, Andros. Ich freue mich, denn so kommen wir bestimmt eine halbe Stunde eher auf Psará an, also gegen 01:00 Uhr.

Es ist wunderbar, eine unbekannte Schiffsroute zu fahren, so nah vorbei am unbekannten Euböa, an einer großen Kyklade, an vereinzelten Felsen im Meer. Bald nachdem wir die offene Ägäis erreicht haben, wird es dunkel. Nächster Stopp ist schon mein Reiseziel für heute.

Nach knapp sechs Stunden Fahrt schimmert mir backbord voraus eine Lichterkette entgegen. Das muss Psará sein. Im Meer verankert ein großes Licht, an dem wir vorbeimüssen. Die ersten Einheimischen packen ihre Sachen zusammen, verlassen das Wohnzimmer von Salóni.
Bevor die Klappe geöffnet wird, hab ich schon ein paar Leute nach Unterkünften gefragt. Einer verspricht mir zu helfen und einen Vermieter am Anleger zu fragen.

Die Frage fruchtet unglücklicherweise bei dem griesgrämigen Zimmervermieter offenbar gar nicht, denn mein Helfer beschleunigt unvermittelt seinen Schritt und rast davon, zuerst will ich ihm noch folgen, dann ruft er mir Hartnäckigem aber erregt, geradezu beschwörend zu, er könne mir nicht weiterhelfen.

Bald erkenne ich, dass auf Psará Mitte Mai um 1 Uhr nachts ausnahmslos alles dicht ist, kein Mensch mehr auf den Straßen, nur ein paar Hunde und Katzen. Die Angekommenen haben sich in Windeseile in ihre Häuser verzogen. Der nächtlich stille Ort wirkt auf mich sehr groß.

Was also tun? Ich schleiche durch Seitengassen. Klopfe bei einem Privathaus, wo ich noch Licht sehe. Eine Frau streift sich den Bademantel über und öffnet. Sie telefoniert sogar für mich mit dem Besitzer des Xenónas bei der großen Kirche ganz hinten und oben im Ort. Das war aber leider der, der schon am Anleger nicht mit einem Fremdenproblem belästigt sein wollte (!). Er hätte mich diesmal um ein Haar akzeptiert, wenn die Frau nicht auf seine Frage: „Zahlt er auch gut?“ ganz in meinem Sinn geantwortet hätte: „Für eine Nacht ja, dann sucht er sich was Billigeres.“ Gekriegt hätte ich ein Zimmer (40 Euro) nur, wenn ich länger geblieben wäre. Ab einer Woche hätte ich nur mehr 35 Euro zahlen müssen! Ich wollte aber höchstens drei Tage bleiben. Totale Ablehnung. Ich gehe wieder in die Nacht hinaus.

Irgendwo hinten entdecke ich das Büro der Hafenpolizei, das um halb zwei noch besetzt ist. Ich gerate an einen ganz netten, hilfsbereiten Einzelkämpfer, der sämtliche Zimmervermieter anruft. Drei davon heben noch ab, aber keiner hat Lust sich die Mühe aufzuhalsen, mitten in der Nacht noch einen Fremden aufzunehmen.

Psarioten, aufgepasst: Nun weiß ich, woran ich bin. Das soll Griechenland sein??? Das gastfreundliche Hellas mit seiner Improvisationskunst bei Ausnahmefällen? Nicht die Spur von Gastfreundschaft, diesmal.
Oder ist das schon typisch für den NORDEN – früh ins Bett, Sitten wie in einer deutschen/österreichischen/Schweizer Kleinstadt? Am frühen Morgen dann wieder an die Arbeit!? Jeder für sich gegen alle anderen.

Dankend verabschiede ich mich, finde mich schnell in mein Schicksal (– ich hatte es mir schon vorher so ausgemalt) und sehe mir vorne an der Hafenfront mögliche Übernachtungsplätze an.
Heute wüsste ich: Steig einfach hoch zur ersten Kirche mit ihrer Ummauerung, dem Windschutz, der rückstrahlenden, gespeicherten Wärme. Doch beim ersten Mal benehme ich mich unsicher, suche mir eine nur relativ windgeschützte Ecke vor einem Kafenío mit Segeltuchstühlen für die Übernachtung, breite meine Sachen auf anderen Stühlen aus, ziehe noch zusätzlich den Anorak an und versuche einzudösen.

Bin auch eingeschüchtert vom Dauergebell der Dorfhunde, deren Rhythmus ich total durcheinandergebracht habe. Dabei sehen die alle so putzig aus, wie ich tags darauf feststelle. Eine besondere Rasse, die Schnauze wird an ungewohnter Stelle wieder breiter, haben alle einen lieben Charakter, keine Gefahr also.

Könnte allerdings sein, dass die Hunde nicht nur wegen mir stundenlang einen solchen Zirkus veranstalten.
Denn die kleine Inselfähre draußen am Anleger beschallt bis etwa drei Uhr morgens den Ort mit lebhafter griechischer Musik. Eine Privatfeier, ich höre drei, vier unterschiedliche Stimmen. Wie sich herausstellt, ist die Musikquelle ein Bauernlaster im Bauch der „Panagía Psarianí“, dessen Musikanlage voll aufgedreht ist, während die Heckklappe des Schiffes voll geöffnet bleibt. Ein– oder zweimal rast der Pick–up vom Schiff runter und an mir vorbei, wahrscheinlich Alkoholnachschub holen. Niemand fühlt sich hier offensichtlich lärmbelästigt. Auch ich stelle bald fest: mit Musik geht alles besser, auch das Dösen, denn schlafen kann ich sowieso nicht! Die Hunde haben ihre Kräfte verbraucht und lassen das Bellen.

Eine ulkige Erfahrung, so eine Nacht sto ípäthro, im Freien! Der Pick–up zieht sich zurück. Es wird still. Gegen halb vier erst fange ich zu frösteln an. Gut, dass gleich nebenan eine Hausruine steht, davor Bäume. Kleine Geschäfte lassen sich da allemal verrichten.

Das Frösteln wird unterbrochen durch meine Aufmerksamkeit den Geräuschen der Nacht gegenüber. Es sind die Katzen, die jetzt aktiv werden, auf Bäume klettern, sich anjaulen, um meinen Tisch schleichen.

Bleierne Müdigkeit, vielleicht nicke ich des öfteren ein, der Durchblick ist weg ......

So funny – wie wird es wohl morgen weitergehen?

Copyright puchheim = MartinPUC, Juni 2004, September 2006

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