Teil 2: Auf Rhodos:
Nach Jennádhi (= Gennádi)

Copyright puchheim = MartinPUC, Juni 2008


Unbestritten schön, die hervorstechenden Highlights auf der so kahlen Südroute nach Líndos. Der Rodíni-Park am Stadtrand von Rhodos-Town mit seinen exotischen Bäumen, aus der Sicht des Mitteleuropäers, fast direkt neben der Ausfallstraße. Der Tsambíka-Berg mit seiner Wallfahrtskirche für heiß ersehntes Mutterglück. Das hübsche neue Kloster der Panajá Tsambíkas rechts der Straße beim Anstieg vor Archángelos, der kurze Blick auf den goldenen Sand des Tsambíka-Strandes (voller Sonnenschirme), wenn man aufsteht im Bus und sich ein wenig reckt. Der Klotz des Profítis Ilías gleich südlich von Archángelos. Dann die lange Ebene von Más(s)ari mit dem endlos langen Strand von Charáki und Kálathos.
Schließlich der Anstieg auf die Höhe vor Líndos und die überwältige Überraschung des antiken Burgbergs, den man so plötzlich und derart nah vor Augen hat.
Zu guter Letzt der Stau neben und auf der Durchgangsstraße, wo KTEL-Überlandbusse park(ier)en und rangieren, wo die Ankömmlinge auf Gemeindebusse von Líndos umsteigen, um bequem die wenigen hundert Meter hinunterzugelangen in die Legende, in der so viele Stars einen Nebenwohnsitz gewählt haben.

Es ist befreiend, wenn diese Hürde endlich genommen ist und sich das Überlandvehikel irgendwie aus dem Knäuel löst und endlich wieder verselbständigt.
Endlich weg!, denkt man sich. Doch was! Auf den Hängen auch südlich des Endziels so vieler zeigen sich immer mehr Neubauobjekte einer bekannten rhodischen Maklerfirma. Die Erschließung schreitet fort, im Sauseschritt.

Noch vor der großen Kurve hinauf nach Péfki steigen einige Touristinnen zu, die zugehörige Neubausiedlung wirkt etwas verloren im kahlen Fels, nicht einmal ein Minimarket ist auszumachen.
In Péfki, der nadelbaumdurchsetzten, hangab fallenden Touristensiedlung, verlässt uns der letzte Schwung, und nun bin ich fast allein im Bus, ein treffendes Spiegelbild der rhodischen Lebensrealität mit ihrer Ausrichtung hin nach Nord, hin zur großen Stadt.
Ein noch mitreisender Einheimischer steckt sich nun ganz gemächlich den Blumenschmuck hinters Ohr, liefert einige Sprüche dazu, zum Amüsemang der Übriggebliebenen, und scherzt mit dem Fahrer. Jetzt wird's authentischer, Freunde.

Bis Lárdos hab ich ja alles schon mal geschildert (l'anno scorso, laaast jööööh). Die Einfahrt in Lárd(h)os wie Auffrischung der Erinnerung, ist einfach schön. Dicht an den Stühlen des Kafeníos O Tsambíkos schrammen wir zur Platía vor. Jetzt werden's noch weniger Mitreisende (um 1 oder 2 Leute) im Gefährt, richtig beunruhigend. Also auf in neue Gefilde!

Eine Küstenroute halt, ab und zu ein paar Häuser, eine Taverne, kurze Straßenabzweige zum Meer hin, ein paar Boote. Es ist nicht so, dass von nun an die Einsamkeit vorherrschend wird. Nein, eine eher aufgelockerte Einsamkeit, und ein Dauerblick den Küstenstrich nach Süd entlang, teleskopartig werden alle Bauten in der geradlinigen Draufschau kumuliert, zusammengeschoben auf weitere Entfernung, sodass das noch einige Kilometer weg gelegene Jennádhi (Gennádi) wie ein riesiges Häusermeer erscheint.

Unser Busfahrer wählt zunächst die falsche Einfahrt ins Dorf. Oben auf dem Schulhügel versperrt eine Barriere die Zufahrt. Also neuer Anlauf eine Abzweigung weiter, nun die Haupteinfahrt an der Kreuzung, wo's links auch zum Strand geht, also problemlos rechts hoch. Eine Art Allee, zumindest auf der westlichen Straßenseite säumen Bäume relativ stetig den Weg.
Endhalt vor einem hölzernen Buswartehäuschen, da, wo eine Nebengasse ins untere Dorf hineinführt, zu Füßen eines recht modernen Cafés, in dem außer den Wirtsleuten nur ein Gästepaar sitzt.

Ich stelle den schweren Rucksack hier einfach ab und mach mich auf ins Dorfinnere. Ein sehr kurzes steileres Stück, und schon ist der Hauptplatz erreicht. Links ein anders Café, und vor mir, etwas überhöht, ein Supermarkt, links ein Obst- und Gemüseladen. Ich geh die Straße hinter, kehr wieder um und nehm den Weg nach Ost, der nun in der Tat ins Zentrum führt.
Rechts ein ältereres Tavernchen, ein ausländisches Frauenpaar ist hier eingekehrt, unterhält sich mit zwei Ortsansässigen, weiter die Gasse vor links eine echte Dorftaverne mit größerem Speisenangebot auf Schautafeln, doch ohne Esser.
Ab hier wird es uriger, ja geradezu urig. Ein herrliches griechisches, ursprüngliches Dorfambiente entfaltet sich vor mir: enge Gassen mit Winkeln, Vorsprüngen, Nischen, weiße Häuschen, phantasievolle Formen, nette Balkönchen, Ziersträucher, Düfte, Stimmung, gute Atmosphäre, ein verzweigtes kleines Straßenlabyrinth, eine echte Überraschung.
Gennádi ist ein wirklich hübscher Ort, daran gibt es keinen Zweifel.

Sanft steigt meine Gasse an, links um eine Ecke die überhöht gelegene Dorfkirche, am hinteren, nordwärtigen Siedlungsende. Gleich unterhalb eine hübsche Pension, aus der Stimmen zu mir dringen, ich bin geneigt nachzufragen, was es hier kostet, tu's aber doch nicht. Der Reiz dieser Unterkunft ist ihre Lage vor einem üppig grünen, dicht bewaldeten und begrünten Flecken, eine idyllische Situation, in der es sich gut urlauben ließe. Ein kleines Paradies, sozusagen.
Hinter diesem Urlauberhaus beginnt ein reizvoller Steinplattenweg. Er ist umsäumt von viel Grün, die Idylle setzt sich ihn entlang fort, doch - ich ahne es - endet er am Friedhof, etwas abseits vom Dorf, d. h. höchstens 5 Minuten Fußmarsch, wenn man sich nicht beeilt. Dort hinten öffnet sich der Blick auf wieder kargeres, öderes Hinterland. Ich kehre um.

Zurück im bergenden Gassengewirr, ein wohliges Gefühl. Ein Schlenker in Parallelgassen, ein Häuschen wird auf Deutsch zur Vermietung angeboten, Telefonnummer Jermanía.
Bald ist die Hauptgasse wieder erreicht, und ich möchte gerne da einkehren, wo ich die beiden Frauen gesehen habe, die nun verschwunden sind. Niemand außer einem alten, einfachen Mann, der seine Souvláki soeben aufgegessen hat, ist präsent. Ich warte 10 Minuten, bis der langhaarige Wirt anrückt. Er meint, seine Frau sei beim Arzt, komme aber sicher bald zurück, um mich zu bekochen, sigá-sigá. Ich setzte also meinen Streifzug durchs Dorf fort.

Steig höher, neben dem größeren Supermarkt. Oben aufgelockerte Bebauung. Aussichtspension. Häuser, von denen einige zum Wohnen verlocken könnten. Über die westliche Randstraße gelange ich wieder zum Dorfplatz zurück. Ein Getränkelaster ist angekommen. Der Abladevorgang und der Transport der Kisten die vielleicht 30 Meter hinauf zum Supermarkt stehen von nun an im Mittelpunkt der Dorfaufmerksamkeit, für fast eine Stunde. Eben ein Dorf, so ist das halt.

Nach der Ankunft in meiner Kafenío-Taverne bietet mir die zurückgekehrte Wirtin zwei Gerichte an: einen großen Souvlákispieß mit Schweine- und einen mit Hühnerfleisch. Ich nehme den Chirinó und einen kleinen Salat.
Laufend beobachte ich das Geschehen in der Apotheke gegenüber, die ständig von Patienten aufgesucht wird und offenbar auch als Schuhgeschäft dazuverdient.

Ein Neuankömmling im Anzug gesellt sich bald zu mir, will sich unterhalten. Er heißt Sávvas und ist der Bruder des jetzigen Bürgermeisters. In bescheidenem Englisch erklärt er mir, dass er bis vor Kurzem einer der Busfahrer von hier nach Rhódos-Stadt und zurück gewesen sei, nun in Rente. Ich versuche auf Griechisch gegenzusteuern, denn ich verstehe ihn schlecht, in Griechisch ginge es wirklich besser.
Auf einen PASOK-Werbezettel von der Bürgermeisterwahl vom vergangenen 11. November (2007), "ΠΑΣΟΚ - ΕΚΛΟΓΗ ΑΝΑΔΕΙΞΗΣ ΠΡΟΕΔΡΟΥ 11 Νοεμβρίου 2007", weiter unten, in gebührendem Abstand, respektvoll, wenn auch nicht ganz passend: "ΠΑΠΑΝΔΡΕΟΥ ΓΙΩΡΓΙΟΣ του Ανδρέα", schreibt er mir genauestens alle Busabfahrtszeiten von Rhodos nach Gennádi und umgekehrt auf und kommentiert alles überreichlich und vor allem wiederholt.
Heute, an diesem Tag (aber nur zweimal die Woche) hätte ich auch die Möglichkeit, nachmittags per Bus weiterzufahren bis nach Kattaviá, dem südlichsten Dorf der Insel, wie alle anderen des Südens aber der Großgemeinde zugehörig, deren Amtssitz in Gennádi sei. Stolz zählt er mehrmals alle Dörfer auf, die von seinem Hauptort aus gesteuert werden. Ein wenig nervt das jetzt allmählich. Klar, er ist ein ganz netter Kerl, aber auch ein kleiner Wichtigtuer, wie sich auch später herausstellt.
Würde ich hier wohnen?, meint er. Die Pensionsbesitzerin von dort hinten, wo es mir so gut gefalle, sei eine Verwandte von ihm. Er geht ins Haus gegenüber, sein Haus, und ruft an. Doch die Frau ist nach Athen gereist, zu einem Elternteil, gerade nicht da. So gibt er von sich aus auf, mir ein Zimmer zu vermitteln.

Zeit für einen Abstecher zum Ortsstrand. Mein Rucksack ist noch da, beim Bushäuschen. Ich schlendere die Allee zur Überlandstraße hinunter, vorbei an einer übergroßen Pension, wie es scheint ganz ohne Gäste.
Noch einmal 300 m sind es vielleicht, nach der Kreuzung, bis ich am stillen Strandbereich angelangt bin. Es nieselt leicht, und es herrscht die schiere Öde, in den drei Fischtavernen isst kein Mensch. Hier am Strand regiert Trostlosigkeit/Tristezza/Saudade pur. Vor Mitte Mai eingetrudelt, Kleiner: selber schuld!

Als ich um etwa halb zwei in den Bus zurück nach Rhodos-Stadt steige, wuselt Sávvas eifrig herum. Der Buslenker weigert sich, Schüler mitzunehmen, das sei kein Schulbus. Heiße, hartnäckige Verhandlungen. Am Ende steigen die Schüler doch ein, und Sávvas gibt seine Kommentare ab, grüßt mich, freut sich, dass ich ihn fast in seiner alten Rolle sehe. Na ja, das Problem eines jeden in Rente Geschickten/Gegangenen. Doch hier handelt es sich immerhin um den Bruder des Bürgermeisters! Der noch amtierende Busfahrer wird allmählich ungehalten, wimmelt ihn ab.
Such is life.
Das einprägsamste Ereignis auf der Rückfahrt ist der Schlenker in die großen Dörfer Μάσαρη (Mássari) und Μαλώνα (Malóna). Erstaunlich groß die Plätze, zahlreich das zuschauende Publikum. Archánes leuchtet, weit hingebreitet.

Nach der Ankunft in der Stadt schleppe ich meine Sachen zum Platz der jüdischen Märtyrer und biege dort die paar Meter hangaufwärts zu meiner lieben Eléni und ihrer gleichnamigen Pension ab.
Als sie hört, dass ich diesmal ausnahmsweisae drei Nächte bleibe, wird es gleich billiger als das letzte Mal. Und: Ich darf wieder einmal im oberen Stockwerk wohnen. Wieder dieser wunderbare Blick auf das Gemäuer, das Haus gegenüber mit dem großen Feigenbaum im Hof. Wieder dieser so geliebte Aufenthalt unter dem Tonnengewölbe der Freiterrasse mit Zitronenbaumblick hintenraus.

Jennádhi war schön, aber diese Altstadtlage ist auf ihre Weise mindestens genauso reizvoll.

Endlich Zeit, erst zum Hafen, dann zu Stávro bzw. seinem netten Kompagnon zu spazieren, auf eine Portion kleiner Fische. Ja, ich bin echt wieder zu Hause - ich fühle mich zumindest voll und ganz "at home", ich bin sooo zufrieden. Leise röhren die Jets in ihrem Landeanflug über die Stadt.

Copyright puchheim = MartinPUC, Juni 2008

Auf Rhodos: Erlebnis nordwestliche Südhälfte



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