Teil 3: Auf Rhodos: Erlebnis nordwestliche Südhälfte
Copyright puchheim = MartinPUC, Juni 2008


Hafenrunde und Stadt

Morgens so gegen 10 an der großen Mole des Hafens von Rhodos–Stadt. Ein dickes weißes Schiff liegt da, quer zu dem Kreuzfahrergebirge dahinter. Es ist die Symi, die klobiger wirkt und größer, als sie in Wahrheit ist. Ihr Aussichtsdeck ist gut gefüllt, man ist in Kürze startbereit für den Tagesausflug zur Heimatinsel. Östlich, an der langen, den Arkandía–Hafen abschließenden schmalen Außenmole, hat nicht nur ein britischer Kreuzer festgemacht, fast an ihrem Ende. In einiger Entfernung ist dort drüben zusätzlich die Protéfs (= Proteus) geparkt, der Hauptgrund für den Unmut der Tilioten, denn seit einiger Zeit wird Tílos nur mehr zweimal die Woche von der großen Diagóras angelaufen, auf ihrem Weg vom und zum Piräus. Ein seltener Fall von abgrundtief schlechter Anbindung, und die Situation muss sich möglichst bald bessern, denn es geht ums Geschäft, Tilos bräuchte einen möglichst täglichen Anschluss zur See nach Rhodos wie nach Kos.
Etwa eine knappe Seemeile draußen im freien Meer parkt noch etwas ganz Großes: ein waschechter US–amerikanischer Aircraft Carrier, der natürlich allgemeine Aufmerksamkeit erregt und mit seinen Aufbauten und Sendeantennen über die Mauer der Außenmole herüberspitzt.
Die Frage, ob das AUCH ein britischer Flugzeugträger sei, hat mir der noch längsseits seines Schiffes an Land stehende und diskutierende Kapitän der Symi beantwortet, der junge und sehr freundliche Hafenpolizist hatte mich auf ihn aufmerksam gemacht. Dieser Kapetánios ist es auch, der mir auf meine Frage, was denn mit der Protéfs los sei, antwortet, sie brauche eine Überholung, das könne schon noch ein paar Wochen dauern. [Wir alle wissen, dass sie seit Juni wieder in Dienst steht und Tílos wie Níssiros immerhin zweimal wöchentlich anläuft, und auch wieder Kastelórizo.]
Aber diesen Mai, an dessen siebtem Kalendertag ich auch noch die Sea Star im Piräus geparkt vorfand, sah es wirklich zappenduster aus mit den Verbindungen zu der kleinen Hochburg des gehobenen britischen Tourismus. [Inzwischen ist die Katamaran–Gesellschaft Dodekánisos Seaways eingesprungen, die einen ihrer beiden Katamarane über Chálki nach Tílos, Níssiros und Kos fahren lässt, von dort wieder den gleichen Kurs zurück nach Rhodos.]

Doch was sorge ich mich um Tílos, um Níssiros, um Megísti? Die drei will ich diesmal wieder auslassen, zugunsten anderer Inseln.
Eine dieser Inseln ist das Mauerblümchen RHODOS. Mauerblümchen deshalb, weil sie von vielen als ein Inbegriff des Massentourismus quasi zur persönlichen Strafe in ihrer Gesamtheit strikt gemieden wird, höchstens noch als Umsteigestation benutzt, komfortable DoZi möglichst für 20 Euro mit großem Frühstücksbüffet erwartet man dann freilich schon. Dass Rhodos es in sich hat, merkt man manchmal erst nach Jahren, nach Jahrzehnten des Reisens in Griechenland. Ich für meinen Teil könnte es so formulieren: Selten war das Risiko–Gewinn–Verhältnis so günstig, hat sich ein entschlossen durchgeführtes Wagnis so "rentiert", wie vorletzten und auch diesen Mai auf dieser anscheinend so "bekannten" Insel. Es hat gar keine Mühe gekostet, war überhaupt nicht langweilig, ganz anders als etwa das EM–Fußballspiel der Griechen gegen die Schweden, das sich gerade im Hintergrund dumpf–dösend und schlafbereit als grotesker Standfußball bemerkbar macht. Nein, es hat mir nichts als pure Freude bereitet, ich bin froh, einige Tage für Rhodos reserviert zu haben, mit der Option, später in diesem Urlaub noch einmal zurückzukehren.

Die aktuellen Busfahrpläne, gültig bis Ende Mai 2008, hab ich mir vor Ort im Touristeninfopavillon besorgt. Das Internet (www.ando.gr/eot) hinkte diesbezüglich kläglich hinterher – bietet nur einen generalisierten Sommerfahrplan an, nichts zu machen.
RODA fährt die Nodroute jenseits von Soroní oder Kalavárdha auf echter Sparflamme, und so richtig schlimm wird es, wenn man sich entschließt, öffentlich (also per Linienbus) nach Émbona und gar weiter zu exkursieren. Abfahrt 04:45 Uhr ab Rhodos–Stadt, das ist etwas für Bergsteiger, für kühne Bezwinger des Attáviros (auf den inzwischen eine Straße raufführt). Das ist mir aber denn doch zu früh. Im Urlaub regelmäßig wenigstens bis 6:30 oder 7 Uhr schlafen, nach all den Stressmonaten, das möchte ich mir schon gönnen.
Der nächste Bus fährt dann, nach großer Lücke, um 13:30 Uhr – wow! Das Positive daran: Es bleibt viel Zeit fürs Ausschlafen, für den Hafenrundgang, für den Museumsbesuch, für die Stadt, fürs Kafenío! Und ist das nicht der wahre Urlaub?!

Also lasse ich es langsam angehen, gehe die Windmühlenmole bis zu ihrem Ende vor, schau mir Jachten an und sehe, wie ein Motorboot mit großer US–Flagge (also vom draußen vor Anker liegenden Flugzeugträger) in den Mandhráki–Hafen einläuft, unentschlossen suchen sie nach einem Landeplatz, finden keinen oder haben doch keine Lust auf Kontakt mit den Einheimischen, drehen wieder ab und verschwinden aus dem Hafen.
Ein Kaffee beim Stávro, Passanten beobachten, ein Bierchen bei den Alten vorne und schon drinnen gleich am Osteingang zum Neuen Markt, wieder einfach zuschauen.
Ein Dieb hat sich gerade ein Parfüm vom nächsten Stand geschnappt, zwei Mann aus dem Kafenío nehmen die Verfolgung auf, stellen den Übeltäter, der das Gestohlene sogleich herausrückt – die Angelegenheit braucht keine Polizei, man regelt das selbst. Mit einem Lächeln nimmt die Standlfrau das Entwendete entgegen, so als sei nichts gewesen, peanuts.
Eine Runde um das Oval, nur mehr eine einzige Fährenagentur befindet sich noch an der Außenseite (nördlich), der Reiseladen vorne zwischen den Nobelcafés wurde inzwischen einer der Gaststätten einverleibt.


Die Fahrt nach Émbona

So verstreichen die Stunden, irgendwann ist es dann Zeit. Beim Fahrkartenkauf weist man mich darauf hin, dass der letzte Bus von Émbona her bereits um 17 Uhr abgeht, und mein Langstreckentransporter hin zu den fernen Bergdörfern setzt sich gemächlich in Bewegung, kurvt durch das lebhafte Einkaufsviertel, biegt bei der Pädagogischen Akademie, am Südende der neustädtischen Hotelzone, zum Meer hin ab und gleitet an den dortigen Hotelriesen vorüber.

Am längsten dauert immer das vergleichsweise kurze Stück Fahrt bis Parad(h)íssi, dem ausgedehnten Dorf am Flughafen, Glied für Glied ist die lange Kette von Touristenorten der stadtnahen, quirligen Nordküste abzuklappern, mit vielen Stopps und etlichen Ampelhalten.

Jenseits dieser imaginären Grenze geht alles viel schneller.
Das Heizölkraftwerk bleibt rechts liegen. Bei dem Hotelkomplex unweit westlich steigt die letzte Urlauberfamilie aus.
Die Bergkette mit dem Profítis Ilías rückt näher, eine riesige grüne Wand. Schon durchqueren wir Soroní, und bald darauf Fánes. Spätestens ab Kalavárd(h)a, wo die Straße von Sálakos her auf die küstennahe Route einmündet, zeigen sich verstärkt die Oliven, und man beginnt zu ahnen, welch fruchtbares Agrar– und Gartenland sich von hier aus weit die Hänge hinaufzieht.

Auf etwa 10 km Länge geht es bald dicht an der Küstenlinie entlang west– bzw. südwestwärts. Ein geradezu einsamer, bis auf den heutigen Tag relativ unberührter, bezaubernder Landstrich erstreckt sich da am Meer entlang, landein von niedrigen Höhen begrenzt. Kaum zu glauben, dass es so etwas auf Rhodos noch gibt! Wie entlegen muss dieser Küstenabschnitt noch vor 20 oder 25 Jahren gewesen sein. Irgendwo am Straßenrand ein Haus mit bayerischer und griechischer Flagge, da hat sich jemand aus meiner Heimat angesiedelt, ist wohl anzunehmen. Kurz darauf eine Taverne, einige Kilometer weiter noch eine große weiter unten, mit riesigem Freigelände. Ungefähr hier geht es auf einem Nebensträßchen den guten Kilometer hinauf zu den Ruinen von Kámiros.
Der Zauber der Einsamkeit lässt uns für eine weitere Viertelstunde nicht los, ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus – dabei bin ich die Strecke in umgekehrter Richtung schon einmal gefahren, eines frühen Morgens – nach dem Übersetzen von der Insel Chálki.
Ein kurzer Schlenker von der Hauptstraße weg führt uns mitten durch das Dörfchen Mand(h)rikó. Nun geht es steil bergan, wieder zurück auf die Hauptstraße, noch ein Stückchen bergauf. Die gesichtete ausländische Radfahrerin ist nicht zu beneiden!

Doch bald senkt sich die Straße wieder in eine Ebene hinab, und schon erzählen sich die griechischen Mitreisenden, dass das Boot BESTIMMT schon weg sei, denn die Verspätung betrüge bereits 20 Minuten. Doch das sollten alle ja allmählich wissen: das Boot wartet praktisch immer, denn sein Zweck ist es schließlich, auf möglichst viele Passagiere zu warten, im Besonderen die aus Rhodos–Stadt per Bus anreisenden.

Es handelt sich um das Nachmittagsboot nach Chálki, und das heißt, wir laufen in der sehr kleinen Küstensiedlung Kámiros Skála ein, die sich da, geschützt vom Akrotíri Kopriá, in eine bescheidene, aber gut geschützte Bucht duckt.
Unser Busfahrer fährt bis auf 250 m an den Anleger heran, wendet aber noch oberhalb und entlässt die wenigen Passagiere mit Ziel knochentrockenem, wasserlosem Inselriegel mit den schön renovierten Häuschen und mit je nach Jahreszeit recht vielen urlaubenden Briten, Schwyzern und ein paar Deutschen drin. Man hetzt sich ab, schnell bei der Kleinfähre zu sein, die aber immer noch keine Anstalten macht abzulegen.
Zwei größere Fischtavernen über dem Miniaturhafen buhlen bereits um überwiegend griechisches Publikum, die rechts (östlich) liegende, wenn man seewärts blickt, ist ziemlich gut besucht.

Von nun an geht es wirklich steil bergauf, auf Serpentinen durch einen hübschen lichten Wald. Jetzt wird alles richtig großartig, mein Herz hüpft vor Freude, ich bin absolut positiv überrascht über eine derartige landschaftliche Schönheit. Erst jetzt sind stellenweise Chálki und die ihm vorgelagerten kleineren Inseln, die größte von ihnen Alimiá, wirklich gut zu sehen.
Direkt unterhalb unserer Bergstrecke taucht der hübsch gelegene Ort Kritinía auf, zu dem wir abbiegen. Es ist ein gar nicht so kleines Dorf, in dem aber lediglich eine ältere Frau aussteigt, die zuvor lange mit dem Fahrer herumgeschimpft hat, dass es an Wochenenden (zumindest sonntags) keine Busverbindung zur großen Stadt gebe, die sie hier aber dringend bräuchten, denn nicht alle hätten ein Auto, und wie solle sie ohne Privatwagen ihre Krankenhausbesuche machen!?

Die Serpentinen nehmen kein Ende, doch bald, jenseits eines Taleinschnitts, schimmert das Bergdorf Émbonas herüber, überragt von dem im seinem oberen Bereich kahlen Klotz des At(t)áviros, dem höchsten Berg der Insel – es sind nur etwas über 1200 m, aber es sieht eher wie 1500 m aus, so mächtig thront es da, das für rhodische Verhältnisse beeindruckende Bergmassiv.
Breit und klotzig liegt er vor uns, der Atáviros. Je näher wir dem Zielort kommen, desto stärker fallen die grünenden Weingärten am Westabhang des Gebirges vor und über dem bekannten Weindorf ins Auge.

Als wir in den Ort einfahren und der Lenker einen ersten Halt einlegt, juckt es mich, mal einfach so zu fragen, ob denn Émbonas tatsächlich die Endstation sei, wie es seit Jahren alle offiziellen Busfahrpläne, auch jene im Internet, verkünden. Es wundert mich, dass einige wenige Leute sitzen bleiben, gar nicht ihre sieben Sachen zusammenpacken, für den nächsten Halt, etwa auf dem nahen Dorfplatz.
Und schau mal einer an: meine Zweifel sind berechtigt, denn ich bekomme zur Antwort, nein keineswegs sei das schon das Ende der Strecke. Der Bus kehre zwar in etwa 45 min wieder hierher zurück, lege aber zuvor noch einen gewaltigen Schwenker ein, bis hin nach Monólithos. Der Witz aber ist: der Bus kehrt von dort aus wieder nach Émbona zurück, sodass die anderen Bergdörfer also durchaus einen nachmittäglichen Busanschluss nach Rhodos–Stadt haben (!), denn um 17:00 Uhr geht es ab E. nach dorthin weiter. Kein Mensch sagt einem das in den Auskunftsstätten der Stadt, und der offizielle Busfahrplan verschweigt es geflissentlich – ganz im Interesse der Autoverleiher.


Gebirgsumrundung und Abstecher zu den Aussichtsbalkonen von Rhodos

Nur mehr vier Leutchen sind es im Bus, und ich bin einer davon. Trotz allmählich bedrückend gut gefüllter Blase will ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.
Quer durch die Ortschaft geht es weiter, schließlich passieren wir die kleine Weinfabrik am nordöstlichen Ortsrand.
Nach etwa 1 km nehmen wir die Abzweigung nach Ost, und ich ahne bereits, dass da etwas selten Schönes auf mich zukommen wird.
Eine Vorahnung wie diese war kein großes Kunststück, keine Zauberei, hab ich mir doch im Mai 2006 das grüne Herz der Insel mit Fernblick auf die Ostflanke des Atáviros schon einmal ansatzweise erwandert, auf dem Rückweg vom Kloster Thárri hin zum Örtchen Láerma und weiter Richtung Lárd(h)os – siehe unter "Dodekanes – Rhodische Einsamkeit" bei meinen Reiseberichten auf dieser Website. Und ich hab damals unterwegs gut aufgepasst, Ausschau gehalten, kombiniert, mir was für die Zukunft eingeprägt.

Es ist eine prächtige, gut ausgebaute Teerstraße, die ganz um den hohen Bergstock herumführt. Man bekommt, noch an der Nordseite, zuallererst einen Eindruck von den Nebengipfeln da oben, der Hauptgipfel ist nicht einsehbar, denn man ist schlichtweg zu dicht dran. Was aber später, sozusagen ums Eck herum, noch viel stärker ins Blickfeld rückt, das ist das weite, grüne Becken nach Osten hin, das ist der allumfassende Überblick über den Mittelteil der Insel, stellenweise bis hinüber zur Ostküste.
Das Kloster Artamíti finde ich nicht, es scheint sich dicht unterhalb unserer Straße im Wald zu verbergen, mag sein, dass ich vor lauter Staunen nicht aufgepasst habe, darüber hinweggeschaut.
Mit Sicherheit aber zeigt sich ein Gutteil des Ortes Láerma als größerer weißer, vielleicht 7 km Luftlinie entfernter Häuserhaufen, und weiter südlich noch Profilía, so scheint es (– beide Ortschaften verbindet übrigens ein wohl noch immer ungeteerter breiter Feldweg).
Solch ein Überblick wirkt auf mich immer belebend, befreiend.

Ein abzweigender Feldweg, der sich gleich darauf selbst wieder verzweigt – zwei Wege führen nach Láerma, allerdings auf schlechten, unasphaltierten Pisten. Einfahrt in den stillen Ort Ágios Isíd(h)oros.
Ich sitze und staune. Wieder eines jener Enden der Welt. Vollkommene Nachmittagsruhe. Ein urtümliches Dörfchen fürwahr. Aus dem unbelebten zentralen Kafenío an der Durchgangsstraße tritt ein Mann heraus, nimmt die aussteigende Frau in Empfang. Fünfzig Meter weiter gleich noch ein Halt. Der Busfahrer hat einem Bekannten eine Autobatterie mitgebracht, offenbar eine gebrauchte, beteuert, sie funktioniere auf der Stelle, der Käufer lässt sich davon überzeugen.
Im Vorüberfahren erkenne ich das Haus mit den Gemeindeunterkünften (es ist nicht zu übersehen), hoffentlich guten.
Wie gerne würde ich hierher wiederkommen, eines Tages.

Nach West biegt sie nun, die Atáviros–Tangente. An den Hängen tauchen erneut Weingärten auf, unterhalb der Straße wieder Waldflecken. Einmündung auf die Hauptstrecke nach West und Südwest.

Sián(n)a, am Nordostfuß des Akramítis–Gebirges gelegen, gewährt einen überwältigenden Überblick nach Ost und Süd, unendlich weit übers Land, zur südlichen Westküste und zum gar nicht fernen Stausee von Apolakkiá und weit darüber hinaus auf die letzten Höhen vor Kattaviá. Ich traue meinen Augen nicht. Ist das möglich, so etwas auserwählt Schönes auf Rhodos? Langsam bewegt sich mein Bus durch den Aussichtsbalkon der Insel, etwas Unbekanntes, höchst Überraschendes tut sich auf, und ich öffne mich im Gleichschritt, geh aus mir heraus und freue mich.

Warum freue ich mich so aus dem Busfenster heraus in Siána? Der Sinn des Daseins: nicht nur das, was ich normalerweise vollbringe, eine Existenz zwischen (auch notwendigen – gib dem Kaiser, was des Kaisers ist) Deckungsbeitragsrechnungen und Terminen. Andererseits hochgradige ästhetische und das Innerste berührende Erlebnisse zu Hause und in der Fremde. Wie sehr ich allen meinen Mitmenschen wünsche, dass ihnen das Schicksal trotz aller Widrigkeiten irgendwann ermögliche, einen Zustand zu erreichen, der sie verstehen und wahrnehmen lässt, was Pláton im Symposion (211 d) auf den Punkt brachte:
"Wenn es etwas gibt, wofür es sich zu leben lohnt, dann ist es die Betrachtung des Schönen."
In jeder Beziehung, meine ich. Musik, Dichtung, Literatur, Malerei, Landschaften, Architektur, unbekannte Stadtviertel, ein funkelndes Glas Wein und die Verkostung seines neu entdeckten Inhalts, die Welt um uns herum, Menschen und Einblicke ins Transzendentale, um Freude zu gewinnen (nicht Spaß) und, alles in allem, als Summe all dessen letztendlich die Furcht vor dem Tod zu verlieren. Das Schöne zu betrachten gibt ungeahnte Kraft und öffnet die Augen.
Betrachten heißt, denke ich, genau hinschauen, sei es für einen kurzen, seelenöffnenden Moment oder für lange – einerlei. Hauptsache, das Bild kommt wieder, taucht erneut auf in der Erinnerung, prägt sich ein, stellt einen Anker dar. Noch eine Stufe besser natürlich, das Schöne zu betrachten, während man es selbst erzeugt. Einem Sergio Azzolini zuzuhören, dem Fagottkünstler mit dem Münchner Kammerorchester als Begleitung, bei der Interpretation von ihm selbst arrangierten Konzerten von J.S. oder C.P.E. Bach, das ist schon was Überirdisches. Man stelle sich vor, der Künstler selber zu sein.

Ungefähr 5 km südwestlich von Siánna ist das ebenso schöne, in einen oberen und einen unteren Ortsteil gegliederte Dorf namens Monólithos angesiedelt, nicht in ganz so luftiger Höhe wie sein Nachbar, aber von ganz eigenem Reiz, das Tor zum rhodischen Süden für alle, die aus dem westlichen Norden anreisen.
Der Akramítis–Bergriegel im Norden, die Weite im Süden. Was zählen da die ausfindig gemachten Einkehrlokale oder Unterkünfte? Es gibt sie, nur so viel.

Wir drehen um, noch im oberen Dorf, machen ohne Aufenthalt kehrt. Das außer mir übrig gebliebene Ehepaar, Exilgriechen, stellt sich ganz dumm, sie wollten nach Émbona, nicht hierher, der Busfahrer klärt sie auf, verlangt aber großzügigerweise nicht weitere 5 oder 6 Euro für die Strecke hin und zurück vom und zum Weinort.

Zurück, noch einmal der fantastische Siánna–Blick (wieder mit zwei "n" – grober Fehler!)
Neues auf der Fahrt die Westseite des Attáviros–Massivs entlang: Die Straße hinauf zum Gipfel ist nun bis zum "Ágios Ioánnis" fertiggestellt, also wirklich ganz hoch, allerdings noch nicht geteert – ich hab es von Einwohnern von Émbona. Ich werde die Strecke mal hoch– und runterlatschen, nehm ich mir vor. Der steile Wanderpfad aus dem Dorf heraus ist nichts für meine Knie – beim Abstieg.

Diese hübschen Reben, da oben. Sind gar nicht so viele wie ich erwartet hatte, aber immerhin. Das Gros wächst wohl weiter weg um Émbona herum (?). Am Dorfplatz von Émbona steig ich aus. Ich hab noch gut 30 Minuten bis zum nächsten Bus, dem zurück nach Rhodos–Stadt.
Fast spitz zulaufend stößt eine Taverne zur Straßenecke vor, an der die Ausläufer der eigentlichen Platía beginnen. An einer ihrer Fensterscheiben prangt ein Werbeaufkleber der Alpinschule Innsbruck – von hier aus werden also schätzungsweise die geführten abenteuerlichen Aufstiege ins wilde Gebirge unternommen. Eine kleine Freiterrasse schließt mein ziemlich großes Restaurant zum Platz hin ab, hier mach ich mirs bequem und bestelle schnell noch einen örtlichen Roten. Mehr Freisitze reihen sich um die Ecke herum vor der Breitseite des Lokals entlang einer hier einmündenden Dorfgasse auf, deren Westende lauter Cafés und Tavernen säumen. Zu wenig Zeit für den Ort, klar. Dieses Manko werde ich bald ausgleichen. Einige wenige Touristen in ihren Mietautos zahlen allmählich und brechen in Richtung ihrer Feriendomizile auf.


Zurück in die große Stadt

Kurz vor fünf taucht aus der "falschen" Richtung ein ausgedienter, dennoch recht moderner deutscher Stadtbus auf. Er muss erst wenden, bevor die fünf wartenden Leutchen einsteigen können.
Aus Sálakos oder einem umgebenden Ort muss der Leoforío gekommen sein, der die letzten Stadtreisenden in Émbona abholt. Etwas merkwürdig für einen Überlandbus sind die Sitze im ehemaligen "Stadtbus" arrangiert, viele Fenster sind per aufgeklebter Punktfolie gegen das unmittelbare Sonnenlicht geschützt. Doch ich finde eines mit freier Sicht und Blick zum Inselinneren.
Toll (moderner: Suuupi!), wir fahren erst einmal auf einer mir noch gänzlich unbekannten Strecke zurück. Gut, bis zur Abzweigung der Straße um den At(t)áviros herum kenn ich die Route. Dann aber durchqueren wir waldreiches Neuland und kurven zielgerichtet auf das Profítis–Ilías–Gebirge zu. Am westlichen Gebirgsrand stoßen wir schließlich auf die Straße von Apóllona her. Waldwege führen hinauf auf die Höhen, später ein asphaltiertes Nebensträßchen.

Unser Weg folgt dem Gebirgsfuß und dreht nach Nordost. Unterhalb der Waldzone breitet sich üppiges Gartenland aus, durchsetzt von Oliven, Weinreben, anderen Baumarten und Kulturgewächsen.
Neben der Straße ein Stand, hundert Meter weiter hinein erst das Häuschen, am Gartenende. Das freundliche Ehepaar bietet alles Mögliche an, Trinkbares, Honig, Landprodukte. Unser Fahrer hält auf einen kleinen Plausch, es eilt ja nicht.
Kurz darauf erreichen wir das südliche Ortsende von Sálakos. Wiederum ein hübsches Dorf, gleich rechts fällt ein stattliches, von viel Grün umgebenes Haus mit Zimmervermietung auf. Für das leibliche Wohl sorgen einige Essensmöglichkeiten in der Ortsmitte. Immerhin vier Busse von und nach Rhodos–Stadt gibt es, diesen Mai, der letzte jeweils so gegen 16 Uhr, sodass man nicht einmal auf einen zu mietenden fahrbaren Untersatz angewiesen wäre, schlüge man hier im Paradies seine Zelte auf.

Von nun an geht's bergab, bis wir nach Durchfahren der Ortschaft Kalavárd(h)a wieder die küstennahe Straße erreichen.
Doch was geschieht denn da? Nicht nach Ost biegt er ab, der Verwegene, nein, nach West!
Na ja, lassen wir uns überraschen – man ist den Ereignissen eh ausgeliefert, als Busmitfahrer.
Noch einmal dreieinhalb Kilometer dicht die Küste entlang. Bei der einen Großtaverne steigt ein Englisch sprechendes Paar zu, das dorthin will, wohin unser Abstecher führt. Auf kurvenreicher, geteerter Piste biegen wir ab hinauf zu den Fundamenten der alten Stadt Kámiros. Niemand erwartet unser Gefährt dort oben, der Besichtigungstourismus ist zu dieser spätnachmittäglichen Stunde im Prinzip bereits zum Erliegen gekommen. Es wird also gleich wieder gewendet. Klar, dass es auf dem weiteren Rückweg noch die eine oder andere Überraschung gibt, z. B. den Abzweig nach Theológos, vorbei an den Ruinen eines Apollo–Tempels. Aber im Wesentlichen ist die Sache gelaufen für mich, und ich freu mich auf die Dusche und später noch ein Bierchen beim Stávro.

Zwecklos, griechische Businsassen, die ab Soroní wieder zahlreicher geworden sind, nach dieser oder jener vermuteten Insel dort drüben zu befragen. Selbst jüngere, studentisch aussehende Zeitgenossen antworten darauf in der Regel: "Ich weiß nicht. Ich weiß es wirklich überhaupt nicht." Hier zu leben in einer derartigen orientierungsmäßigen Ahnungslosigkeit – das verstehe ich einfach nicht, in diesem Punkt unterscheide ich mich stark von der Mentalität und dem Wissensbedürfnis vieler Einheimischer. Immer wieder ein Verwirrspiel, ob das nur ein Ausläufer der Türkei ist, oder doch schon Sími, usw.

Noch einmal nach Émbona

Weil es mir so gut gefallen hat und ich Émbona noch etwas schuldig geblieben bin, sitze ich am darauf folgenden Nachmittag wieder im selben Bus. Etwa zwei Stündchen werde ich Zeit haben, mir den Ort ein wenig genauer anzusehen.

Eine beschauliche Runde ist es, die ich in dem Bergdorf drehe. Erst einmal treffe ich auf zwei, auf einer Mauer kauernde alte Mütterchen mit Kopftuch am Ostende des oberen Dorfes, die ich nach dem Einstieg in den Pfad zum Gipfel des At(t)áviros frage – den würde ich unschwer finden, meinen sie, so genau wüssten sie es nicht, und es gäbe doch jetzt eine Straße rauf, da benötige niemand mehr den monopáti.

Gerade die oberen Viertel hin zu den Abhängen des Gebirges wirken auf mich sehr freundlich, hell und klar, die Bewohner natürlich und nett, in entspannter Samstagnachmittagstimmung, der eine oder andere Zitronenbaum vor dem Haus, Inseln und türkische Krakenarme im Blickfeld, eine herrliche Lage zu wohnen und zu leben.

Auffällig ist sie nicht besonders, die Hauptkirche des Ortes, und so niedrig gebaut, dass man sie von Weitem nicht unbedingt erkennt. Ich werfe unter den Argusaugen benachbarter Hausbewohnerinnen einen kurzen Blick hinein ins Kircheninnere. Ausländische Kirchenbesucher scheinen in dieser Bergidylle eine Seltenheit zu sein.

Nur ein paar Schritte weiter liegen sich zwei Tavernen gegenüber, es folgt ein Metzgerladen. Die Tavernenteile stellen eine Einheit dar, gehören derselben Familie, wie wohl auch das Fleischergeschäft, die wohl häufig ganze abendliche Busladungen in Empfang nimmt und verköstigt. Ich weiß jetzt nicht, ob das immer noch die früher im (nicht mehr neu aufgelegten) Dodekanés–Führer aus dem MM–Verlag erwähnte Wirtsfamilie ist – gegessen hab ich jedenfalls bei ihnen. Ein paar Einheimische spielen Karten, betrachten den Ort als Kafenío–Ersatz. Ein deutsches Paar hat schüchtern draußen Platz genommen, ich aber geh rein in die gute Stube, die übliche längliche Halle, bemerke Gemüse putzende Frauen im Hintergrund, tippe auf Chórta und frage gleich in der Küche danach. Die Chorta werden leider nicht rechtzeitig fertig sein, doch sie haben noch einen Rest in der Küche, den ich als Beilage bekomme.
Nicht einmal Lust auf einen offenen Lokalwein hab ich, ziehe einen Flaschenretsina vor, was zu einem kurzen Gesprächsthema wird. Ich kenne doch die Flaschenerzeugnisse, beispielsweise der Kellerei Emery, möchte sie nicht schon zum Mittagessen einfach so in mich hineinschlürfen.
Ein weiteres, junges Touristenpaar setzt sich an den Nebentisch. Na ja, viele Besucher sind es nicht gerade, diesen Samstagnachmittag. Aber wenigstens der Dorf–Papás kommt hereinspaziert auf einen Kafed(h)áki.
Interessant die Aussichtsfensterfront am Ende des Gastraums.
Noch ein bisschen streife ich herum, in den Gassen. Ziemlich ruhig hier, keine Frage. Línd(h)os und die großen Strände sind wesentlich beliebter bei den ausflügelnden Touristen.
Zwei größere Weinboutiquen finde ich an der Durchgangsstraße. Es scheint doch mehrere Weinkellereien zu geben in Émbona, nach den Flaschenetiketten zu urteilen.
Die übrigen Tavernen und Cafés gähnend leer.
Gegenüber dem Bushaltepunkt hat sich ein seltsamer Kauz mit einer kleinen Kiste Fisch zu seinen Füßen aufgebaut. Bekannte trinken mit ihm, prosten sich gegenseitig zu, feiern den Fang oder irgendetwas anderes.
Nicht gerade eine prickelnde Atmosphäre, da kenn ich Besseres. Ist ja auch Zufall, was wann gerade abläuft in einem bestimmten Ort. Doch die Gegend ist zweifelsohne wunderschön.

Abends unter dem Tonnengewölbe von Eléni, oben im ersten Stock, auf dieser von historisch beeindruckendem Gemäuer überdachten, bescheidenen Aussichtsterrasse im jüdischen Viertel von Rhodos–Altstadt. Meine getrocknete Wäsche hab ich vom Ständer genommen, trinke was und betrachte.
Da taucht endlich einmal jemand anderer aus den Zimmern auf. Eine nette Hamburgerin, halb Italienerin, gesellt sich zu mir. Sie unterrichtet an einer Sprachenschule, hat nur 1 Woche Auszeit genommen bzw. nehmen können. Wir führen ein längeres Gespräch. Schade, dass ich sie tags darauf nicht mehr treffen werde. Sie muss auch bald abreisen, ich aber bereits um drei Uhr nachts, diese Nacht, frühzeitig ins Bett, das Schiff nach Kárpathos nicht zu verschlafen.

Copyright puchheim = MartinPUC, Juni 2008
Eine Woche in Diafáni Karpáthou



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