Teil 5: Kurs Sandoríni
Copyright puchheim = MartinPUC, Juli 2008


Auf der Vitséntzos Kornáros fahre ich ganz besonders gerne, denn ich liebe es, ein Schiff an Deck vollständig zu umrunden, was bei diesem ohne Mühe möglich ist.
So etwa acht Meter unter der Kommandobrücke steht man dann, hat die Möglichkeit, noch ein paar Schritte vorzugehen zur letzten Brüstung über dem ausnehmend spitz zulaufenden Bug, zwei seitliche Aufbauten vorne bieten etwas Schutz vor der gleißenden Sonne. Wenn man sich umwendet, zwinkert einem der Mann am Steuer entgegen. Ich nicke zum gerade Diensthabenden hinauf, sein fast ikonenhaftes dunkles Gesicht mit dem grauem Schnauzer nickt bedächtig und würdevoll zu mir herunter. Sie tragen nicht unbedingt Uniform, da oben, aber sie versehen gewissenhaft ihren Dienst.

In weit ausholendem Bogen werden die Untiefen vor Diafáni umschifft, erst dann heißt es Kurs Süd. Langsam nehme ich Abschied von der vorüberziehenden Ostseite von Kárpathos, immer habe ich dabei das Gefühl, dass die vergleichsweise isoliert gelegene Insel etwas ganz Eigenständiges und Besonderes ist, ein Glücksfall für den Entdeckungsreisenden.
Engere und weitere Buchten, oben Spóa, unten Ájios Nikólaos. Bald sind wir über die Hälfte der Küstenlänge hinaus.
Schon 45 min nach dem Ablegen eröffnet sich die Bucht von Pigádhia, nachdem wir das Akrotíri Vrondí umfahren haben. Nach weniger als einer Stunde ab Diafáni haben wir wieder festgemacht.

Ich genieße das Panorama zu den Bergdörfern hin und über das Hafenrund. So lange wird aus– und eingeladen, dass ich ein Paar, das vorhin das Schiff verlassen hatte, beim Beziehen seines Balkonzimmers in einer hafennahen Pension beobachten kann. Sie machen es sich bequem und gucken beim Auslaufen der Fähre zu. Nicht nur eine Menge Schaulustiger hatte sich auf der Mole versammelt, auch ziemlich viele neue Passagiere breiten sich um mich herum auf dem Achterdeck aus. Für Stunden beherrscht von nun an eine größere französische Gruppe die Szene, sie entfalten ihre Karten, zeigen ihre Bücher, ihre Emotionen beim Anblick des südlichen Kárpathos, von Kássos und nicht zuletzt ihre Haut.

Erst auf Höhe des Akrotíri Kastéllos, der südlichsten Spitze der Insel, dicht beim Airport, überholen wir endlich die deutsche Jacht, die eine gute halbe Stunde vor uns in Pigádhia auslief und Anstalten macht, südlich an Kássos vorbeizuziehen, während wir erst zwischen beiden Inseln fahren, dann die Nordseite von Kássos entlang.

Wieder hat man die Wahl, sich den hohen Buckeln von Kássos zuzuwenden, dem steinernen Blauwal, oder der ferneren Westküste des südlichen Kárpathos, von wo die steil aufragende, ins Meer vorspringende Akropolis von Arkás(s)a und etwas weiter nördlich das Kap von Finíki herüberscheinen, im Hintergrund die hohen Berge.

Ohne Kollision ist es erneut gelungen, den tückischen kleinen Felsen mit dem winzigen Leuchtfeuer zu passieren, den potenziellen Schiffsaufschlitzer.
Die ersten Bauernhäuser an der Bergflanke werden sichtbar, dort, wo der Feldweg endet.
Das weiße Kirchlein des Ájios Ioánnis über der Küste. Die Müllkippe. Die erste, weit außerhalb der beiden Hafenorte im östlichen Hinterland gelegene Pension.
Längst sind die Häuseragglomerationen von Ájia Marína oben und der Küstenorte Emborió und Frí (Fry) ganz gut zu sehen, darüber noch der Kleinort Panajiá.

Alle Neugierigen suchen sich ihren Platz an der Reling achtern, um das An– und Ablegen voll im Blick zu haben. Leider knallt ihnen eine unbarmherzige Sonnenglut voll ins Gesicht.
Ein großer Menschenauflauf, einige Lkws und Privatautos, aber Touristen sehe ich weder aus– noch zusteigen. Hübsch wie immer, die Siedlung mit den blauen Kirchenkuppeln und den strahlend weißen Häuschen.

Die letzten kleinen Strandbuchten westlich des Flugplatzes, jenseits der Berge läge das Ájios–Jeórjios–Kloster (Chadión). Kurs Westsüdwest auf Ostkreta zu.
Mittagessen an Bord, die zerklüftete kretische Küste taucht aus dem Mittagsdunst. Das übliche Rätselraten, wo denn nun der Golf von Sitía beginnt – von See aus nicht so einfach!
Gegen zwei Uhr nachmittags ist der ostkretische Hafen erreicht, ein gute halbe Stunde bleiben wir hier liegen. Es juckt mich gar nicht so in den Beinen, an Land zu gehen, ich hab was anderes vor – Kreta vielleicht wieder im Herbst.

In einigem Abstand geht es nun weiter die kretische östliche Nordküste entlang, doch nahe genug, um z.B. Móchlos gut auszumachen, oder das eine oder andere Berghangdorf darüber.
Noch vor vier Uhr nachmittags ist der weite Mirabéllou–Golf erreicht, und wir zielen hin auf die an seiner Westflanke gleißende lebendige und quirlige Einheimischen– wie Touristenstadt Ájios Nikólaos.

Wie klein doch der Anleger hier ausfällt, im Vergleich zu Kás(s)os. Da das Café direkt am Schiffsanleger im Umbau begriffen ist und weit und breit nichts Vergleichbares zu sichten ist, muss ich diesmal auf mein schnelles Getränk auf kretischem Boden verzichten und bleibe an Bord.
Ein langer Lkw–Stau auf der schmaler werdenden Mole zur Stadt hin. Doch irgendwann ist das Einladen geschafft, und zum zweiten Mal steche ich von hier aus in See, in die Kretische See, Richtung Piräus – werde allerdings bereits in Thíra das Schiff verlassen. Als ich frage, wann wir denn auf Santorin ankämen, krieg ich zur Antwort: Am Abend. Abend? Um acht? Um neun? So gegen neun.

Es wird eine längere Schiffspassage, gefühlt zumindest, als man es sich vorgestellt hat. Irgendwie fehlen mir nun die Franzosen, die soeben auf Kríti ausgestiegen sind.
Trotz des beständigen Nordnordwestkurses bleibt Kreta noch mindestens anderthalb Stunden sichtbar, bis backbords ein größerer Fels wenigstens den Anschein einer Insel erweckt. Auf der Seekarte im Treppenhaus drinnen ist er ganz prominent verzeichnet – wenn ich mich nicht täusche als "Ei" (Avgó).
Dann durchqueren wir offenes, inselloses Meer.
Erst nach etwa vier Stunden Fahrt lässt sich die Insel Anáfi erahnen und die vor uns liegende Südseite von Thíra, nachdem sich westlich wieder ein unbewohntes Felseiland gezeigt hat.

Schon in Sichtweite Sandorínis wird erst zum Abendessen ausgerufen, ein Ruf, dem ich gerne Folge leiste, liebe ich doch die kretische Küche.
Kulinarisch zufriedengestellt, geselle ich mich schließlich zu denen, die das Einlaufen in die Caldera in vollen Zügen zelebrieren, ist ja jedes Mal etwas geradezu Feierliches und ein Hochgenuss fürs Auge, ob von Nord oder eben von Süd her. Obwohl wir erst so um zwanzig vor neun anlegen, ist es immer noch hell, wir haben halt Mai, nicht Oktober.

In Athinió ist gerade nicht mehr sehr viel Betrieb, um diese spätere Stunde werden auch nicht viele Fahrzeuge und Passagiere zur Weiterfahrt nach Mílos und Piräus aufgenommen. Es steigen mehr Leute aus als ein.
Ich will gleich zu einer Ticketagentur, um zu fragen, ob die Arsinói, die ich soeben bemerkt habe, etwa in Kürze nach Anáfi ausläuft – da könnte ich meine Reisepläne rasch doch noch ändern. Doch schon hat mich einer der Zimmeranbieter ins Visier genommen, erweist sich als sehr hartnäckig, lässt mich nicht mehr los, selbst als ich ihm kundtue, dass ich mal wegen der möglichen abendlichen Abfahrt nach Anáfi fragen wolle.
Nein, der jüngere Herr, der den geräumigen Minibus eines "Artemis Village" fährt, lässt nicht locker – schlägt mir vor, gleich zum Schiff zu gehen und dort nachzufragen. Na meinetwegen. Die drei Leute von der Besatzung der Arsinói winken sofort ab, sie führen diesen Abend nicht nach Anáfi, auch tags darauf nicht, erst wieder übermorgen. Damit ist die Sache klar, und der öffentliche Bus hoch nach Firá bereits abgefahren – der beeilt sich immer besonders, scheint mir.

Heute hab ich wenig Lust, erst ein Taxi zu nehmen, dann oben mit vollem Gepäck nachts auf Zimmersuche zu gehen. Urige Kafenía, in denen man schnell mal für eine Stunde sein Gepäck zwischenparkt, kenne ich im Hauptort keine – ich fürchte, die gibt's schon sehr lange nicht mehr; sie waren schon verschwunden, als ich zuletzt vor vielleicht 16 Jahren in Firá eine Nacht verbracht hatte. Und in Nebenorten herumzusuchen, das möchte ich so spät auch nicht mehr.
Deshalb lass ich mich einfach mal abschleppen, steige in den Transporter ein, der sich die vielen Haarnadelkurven hochwindet, oben Richtung Nord abbiegt. Bei Karterádhos soll die Unterkunft sein, meint Artémios, mein Erlöser, ganz nah am Meer.
Er wolle mir gleich eine Fahrkarte für morgen besorgen – warum nicht. So steigen wir mitten in Karterádhos aus und beehren eine nette junge Frau in einer Ticketagentur. Es gibt nur ein Nachmittagsschiff – lediglich sonntags fährt Blue Star auch morgens Richtung Piräus. Vor den schnelleren und teureren Alternativen warnt mich Artémios, das müsse nicht sein. Mir soll's recht sein, da hab ich noch fast einen ganzen Tag auf der Vulkaninsel, diesen Abend mitgerechnet, und kann mich ein bisschen umsehen, nach so vielen Jahren der Abstinenz.

Wenn ich was fürs Zimmer besorgen wolle, solle ich das besser noch hier im Ort tun, meint Artémios, es gebe bei ihnen unten kein Geschäft in der Nähe. Also halten wir auch noch bei einem der zwei Läden vor der großen Kurve am Dorfplatz, wo mich eine ältere Frau sehr freundlich bedient.
Irgendwie ist er ja sehr besorgt und aufmerksam, denke ich – aber hoffentlich lande ich nicht gleich am Arsch der Welt! Er redet ein bisschen viel, wirkt ansonsten wirklich sehr nett, wenn er auch ein ziemliches Quäntchen Hektik ausstrahlt.
Die Hektik aber kommt vom unermüdlichen Bemühen des Kleinhoteliers, ständig vom Hafen oder vom Flughafen irgendwelche Gäste herzuschleppen, damit sich seine Investition bezahlt macht. So einfach ist das. Routinemäßiges Misstrauen und auf Vorurteilen gründende Ablehnung gegenüber solchen scheinbaren Schleppern ist nicht immer angebracht, wie ich schnell erkenne. Solche Leute kämpfen einfach um ihre Existenz und gönnen sich dabei kaum Erholungspausen.

Klar, es sind noch vielleicht zweieinhalb Kilometer von den letzten Häusern des Ortes Karterádhos bis zu der Kurve direkt über der Ostküste, an der die neu aussehende Anlage liegt. Es sind nur zwei Häuser, ein größerer Kasten mit Außentreppe zum ersten Stock in der Mitte, und ein anderes mit Arkaden im vom Hof aus gesehen untersten Stockwerk und aufgesetzten, oben gewölbeförmigen Appartements, entweder mit hohen Räumen oder selbst zweistöckig. Daneben ein Swimmingpool. Sieht erstaunlich gepflegt aus, nur die Bezeichnung Artemis VILLAGE ist bei nur zwei Häusern doch ein wenig übertrieben. Möglicherweise kommt noch was dazu, irgendwann.
Als ich in mein Zimmer trete, im "untersten" Stock, wie ich glaube, bin ich absolut positiv überrascht. Es ist alles makellos, sauber, das Bad hat ein eigenes Fenster, draußen ein überdachter Balkon zum Meer hin. Sogar einen ungestörten Blick auf die Insel Anáfi hab ich! Und unter mir befinden sich sehr wohl noch andere Zimmer, mit jeweils einer kleinen Terrasse zum Garten hin, aber es folgt gleich die Steilkante hinunter zur sehr nahen Küste.

Ja, unglaublich, ich bin genau da gelandet, wo ich auch freiwillig hingegangen wäre! Éxo Jalós heißt die Ecke. Es ist wunderschön hier. Und weit weg von all dem Business in Firá und dem Trubel von Kamári oder Períssa.
Gleich werde ich auf einen Ouzo in den kleinen Empfangs– und Frühstücksraum gebeten. Die nette Frau von Artémios ist da, sie hieß wohl Anna. Man entschuldigt sich quasi für die 25 Euro Zimmerpreis. Wäre ich nicht nur eine einzige Nacht geblieben ..... Und Artémios würde mich überallhin fahren, auf jeden Fall auch zurück zum Hafen, er sei sowieso dauernd auf Achse.
Es dauert eine Weile, bis ich ihnen klarmachen kann, dass drei oder vier Kilometer auf Nebensträßchen durch eine mit Pensionen und Privathäusern durchsetzte Feldlandschaft für mich keine Entfernung sind, und ich am kommenden Vormittag gerne zu Fuß aufbrechen würde, auf Erkundung.
Im Hof stehen mehrere Autos und zwei Roller, ich bin nicht der einzige Gast.

Für diesen Abend geben sie mir noch einen Tipp mit auf den Weg: 200 m die Straße runter, gleich über dem bzw. am Strand, gäbe es zwei Tavernen. In der unteren führe eine eingeheiratete Deutsche das Regiment, die sei sehr nett, solle ich doch einmal ausprobieren. Ich habe schon auf dem Schiff gegessen, meine ich. Ach, auf einem L.A.N.E.–Schiff! Dort äße man doch so herrlich, erwidern meine Gastgeber. Sie seien selber ganz scharf auf die gute kretische Küche dort. Leider brächten die LANE–Schiffe nie sehr viele Touristen mit.

So gehe ich die drei Minuten hügelgab zu dem langen Strand und setz mich wenigstens auf zwei Getränke in die eine Taverne.
Schon eine abgelegene Gegend, nachts, trotz eines gelegentlich eintreffenden Autos. Und sogar einen Linienbus hab ich vorbeirauschen sehen. Zum Essen sollte ich tags darauf wiederkommen. Als ich mich anschicke, das kurze Stück Straße wieder hochzugehen, fällt mir der Schemen eines Pferdes vor einem der kleinen Häuschen jenseits des Weges auf. Ich erinnere mich – auf dieser östlichen Seite Santorins hab ich immer wieder mal diese unbeweglich verharrenden Tiere gesehen, Maultiere, Pferde, Esel. Ein fast unwirkliches Bild, wie so ein Tier dasteht, dicht vor einem Häuschen, den neuen Tag abwartend. Ein stilles Überbleibsel von früher.

Nun ja, ein Opfer muss man bringen, in dieser Inselecke. Es kann schon passieren, dass zweimal die Stunde bis nach neun Uhr abends die Stille unterbrochen wird, plötzlich ein Dröhnen entsteht, sich auf einmal in 200 m Höhe ein Flieger von SAS oder sonst jemandem an einem vorbeischiebt, nordwärts gen Europa. Ich hab das als kuriose Bereicherung empfunden, als belebendes Element. Das Nordende der Flughafenpiste ist nahe, und man ist ständig auf dem Laufenden, wer da so aller einkurvt bzw. abhebt, je nach Windrichtung.

Ein halbes Stündchen verbringe ich noch ganz entspannt auf meinem Balkon, unter seinem Gewölbe, blicke über den Garten aufs Meer, lasse die Stille auf mich einwirken und bin sehr zufrieden.

Anderntags steh ich recht früh auf und dreh meine Nachbarschaftsrunde.
Hinter dem anderen Haus meines "Village" liegt eine kleine Schlucht, darin eine Privathaus mit schöner Terrasse. Eine für Santorin typische Schlucht, weiter oben wächst Wein darin.

Da ich keine Straße, keinen Feldweg weiter nach Norden ausfindig machen kann, schlendere ich wieder zum Strand hinunter, in der Hoffnung, dort einen Kaffee zu bekommen.
Doch es ist noch geschlossen, nur eine albanische oder sonstige Putzkraft ist tätig, weist mich und die beiden streunenden Hunde sehr schroff zurück.
So nehme ich die mit Sand überdeckte Straße Richtung Monólithos, etwa anderthalb Kilometer, die Hunde umkreisen mich zunächst, lassen dann von mir ab und gehen Futter suchen. Rechts neben der Straße helles, ausgehöhltes Vulkangestein, auch hier eine Art Bimsstein. Allenthalben trifft man auf Zeugnisse einer heißen Erdgeschichte.

Zwei Leute führen ihre Hunde Gassi, am etwas verunreinigten Strand kurz vor dem nahen Monólithos. Die Ortschaft wirkt sehr verschlafen, noch um neun Uhr vormittags, und nicht besonders attraktiv, bis auf ein dünnes Wäldchen mit kleinen Sanddünen hinter der Küste, ein richtiger kleiner Erholungspark. Dahinter die nun breitere, aber kaum befahrene Küstenstraße, an der recht hässliche alte Gewerbebauten liegen, etwa einer Genossenschaft für Lebensmittel, dahinter ein Kraftwerk. Der örtliche Supermarkt hat zu. Touristen in den etlichen Unterkünften sieht man keine, na vielleicht zwei. Direkt hier im Ort würde ich aber auch nicht so gerne wohnen. Nun der bescheidene Fischerhafen, große Steine liegen herum, Erde ist aufgeschichtet, er wird wohl noch ausgebaut.
Kurz hinter der Straßenverzweigung kehre ich wieder um. Das Bellen eines kleinen Hundes übertönt die Stille.
Dort vorne, wo sich die Straße stark weitet, bin ich an zwei Tavernen im "Ortszentrum" vorbeigelaufen, in deren erster sich schon Leben regte – ein Ort des Typs urige Fischertaverne. Den werd ich mal aufsuchen. Ein Touch von Wildweststimmung am Rand einer großen Wüste.
Zwei alte Leute werkeln herum, die Frau in der dunklen Küche. In der Kühltheke eine Unmenge von Fischen. Daneben arbeitet ein junger Fischer an seinem Netz. Das wäre ja bestimmt was für abends! Mein Frühstück wäre allerdings recht teuer gekommen, hätte ich nicht protestiert. Ich wollte einfach nicht den Preis eines normalen Essens auf Kárpathos oder Kreta dafür berappen. Zwei kleine Nes, zwei Eier, Butter, etwas Marmelade: Zehn Euro, oder gar elf. Da drängte sich mir der Verdacht auf, die lieben Leute wollten sich an mir sanieren, angesichts fehlender Kundschaft oder der Millionen, die drüben am Kraterrand gescheffelt werden. Ich glaube, ich bin dann mit acht Euro davongekommen. So urtümlich aussehende alte Leute sind nicht immer eine Garantie für gute Preise.

Um eine Erfahrung reicher, trotte ich zurück Richtung meiner hübschen Unterkunft.
Als ich an der Stelle mit dem Pferd vor dem Häuschen abseits der Straße bei den beiden Tavernen angelangt bin, sehe ich, wie sich ein Arm aus dem Fenster streckt und die Hand zärtlich über die Pferdenase streicht. Eine intime Szene, die ganz viel Liebe ausdrückt. Das tut gut. Ein Abstecher rechts rein auf die Klippe über dem langen Strand, der sich unterhalb auch nordwärts fortsetzt.

Zurück im Hotel, werde ich auf einen Kaffee hereingebeten. Ein französisches Paar und zwei amerikanische Freunde auf Europatour beleben meinen erneuten Kaffeegenuss. Die beiden jungen US–Amerikaner möchten nach Kreta, aber nur für einen (möglichst als Tagesausflug!) oder höchstens zwei Tage, dabei das Beste sehen, das die Insel zu bieten hat. Ich rate ihnen, länger zu bleiben, die Insel sei riesengroß und ihre entlegensten Gegenden seien auch ihre schönsten, etwa die Sfakiá. Ob sie dann in den kretischen Westen gefahren sind oder nur in Heraklion herumgelaufen – wer weiß? Artémios wird sie jedenfalls zum Nachmittagsschiff bringen, vorher werden sie es sich am Pool gut gehen lassen.
Nach dem Bezahlen stelle ich das Gepäck in den schmalen Empfangsraum und wandere das Sträßchen nach Karterádhos hoch, überhole dabei zwei Touristinnen. Wunderschön heben sich die blauen Kirchenkuppeln von der braungrünen Landschaft ab. Ist ein ziemlich großer Ort, mit einer Vielfalt an Unterkünften und, an der Durchgangsstraße, Essensmöglichkeiten und Cafés.
An der Platía mit dem missglückten Windmühlennachbau biege ich ab, über die Plattform, dann ein Treppchen runter ins Gassengewirr Richtung einer kleinen, zugebauten Schlucht, von da wieder zurück zur Straße und hinauf zum Abzweig nach Firá.

Von nun an steige ich eine wenig inspirierende Autoallee hoch, meist auf einem Gehweg, der häufig von vor großen Läden geparkten Autos verstellt ist. Ab und zu kleinere Einkaufszentren, auch ein wieder aufgegebenes, verfallendes. Nach Ost hin immer noch Ausblicke. Da ich nicht rechtzeitig nach links abgebogen bin, gehe ich erst einmal hinten am Ortszentrum von Firá vorbei, auf der Straße, die weiter oben nach Ía weiterführt, bis ich auf eine Demo treffe. Die Zufahrt zum örtlichen Busbahnhof ist verstellt durch zickzackartig hingestellte Privatautos von Autoverleihern, die sich mit ihrer Aktion gegen noch mehr Bürokratismus wehren. Polizisten diskutieren mit den Häuptlingen der Aufständischen. An einer nach Ost abzweigenden Straße gegenüber ist notdürftig der neue "Busbahnhof" installiert worden, erkenntlich an der wartenden Menge und den kurz parkenden Bussen.

Auf einer mir von früher her wohlbekannten Straße mit zwei einfacheren Unterkünften biege ich Richtung Theotokopoúlou–Platz, der Drehscheibe von Firá, ab. Nur einmal gucken, Augen zu und durch. Beim altbekannten Reisebüro mit Ticketagentur für Fähren geh ich das schmale Gässchen rein Richtung Kraterrand und erleide die Qualen eines vor allem stillere Inseln oder Inselgegenden gewohnten alten Griechenlandidealisten, geschubst und weitergedrängt von der Menge einkaufswütiger Kreuzfahrttouristen, die man hier erwarten darf – gepaart mit den Ausflüglern von Kreta her sowie Dickhäutern, die sich überall wohlfühlen, egal wo. Eine inzwischen kolossale Ballung von Boutiquen und Juweliergeschäften und für mich nicht mehr so schönen Kneipen wie einst verschandelt alle Gassen dieses Viertels. Ein kurzer Blick hinunter auf die Kreuzfahrer (– einer von ihnen sieht einem Schiff von Blue Star Ferries täuschend ähnlich, von den Farben her) an der ersten Stelle mit Ausblick, Abstecher 10 Meter runter Richtung Eingang zu einem noch geschlossenen Restaurant, dort ist etwas mehr Platz für einen Ausguck. Bald gebe ich meine Ecke wieder frei, und sofort atmen drei Japaner auf, denen ich die Fotomotive verstellt hatte. Schnell zurück durchs Gewühl, der Boutiquenhund, der meinen noch von Kárpathos mitgebrachten Knochen fressen durfte, blickt mir etwas verwirrt nach.
Weiter nördlich wäre weit weniger Trubel gewesen – ich weiß. Aber ich hab die Bilderbuchaussicht längst satt, favorisiere seit Jahren die unscheinbare, langsam zum Meer hin abfallende Rückseite der Insel.

Über den großen Platz voller Touristen, dann quer durch den Busbahnhof, dessen westliche Seite jetzt gar nicht mehr aktiv ist, denn er wurde etwas ostwärts und eine Etage tiefer verlagert, und durch das Chaos der zickzack geparkten Autos flüchte ich eilends aus der Stadt.
Es stellt für mich schon eine Erlösung dar, endlich wieder die Abzweigung hinein nach Karterádhos erreicht zu haben. Der Ort kommt mir nun vor wie ein echt gemütliches griechisches Dorf. Und er ist es auch. Hätte ich Zeit, würde ich gerne ausführlicher in seinen pittoresken südlichen Nebengassen mit den typischen Kykladenhäusern herumstreifen.

Knapp zweieinhalb Stunden Zeit bis zur Abfahrt meiner Fähre sollten reichen, um in der nahen unteren Strandtaverne einmal ausgiebig essen zu gehen.
Bei meiner gedanklichen Rückschau begleitet mich die vierte Englische Suite von J.S.B. Ich warte auf den zweiten Teil, die "Allemande".
Gestern Abend war sie nicht zugegen, die eingeheiratete Deutsche, doch heute Mittag ist sie allgegenwärtig.
Bedienung spielt eine gerade hier urlaubende schwäbische Freundin, sodass ich auf Deutsch umschalten muss, denn die Frau versteht höchstens noch ein wenig Englisch. Aus der Fischpalette lässt mich dann die Besitzerin selbst auswählen, eine waschechte, sympathische Fränkin in den Vierzigern und in einer hübschen Jacke, die an frühere, entspanntere Zeiten erinnert. Ein guter Typ, diese Frau und Mutter.
Ein längliches, mittelgroßes Fischlein reicht mir heute, es gibt ja noch Beilagen und einen Salat.
Woher er denn komme, der Fisch. Die Wirtin erklärt mir, er komme aus den umliegenden Gewässern zwischen hier und Anáfi, sei eine Art Makrele. Neun Euro waren ein angemessener, keinesfalls überzogener Preis – hier herrscht wirklich keinerlei Abzocke.

Wie sie es denn hierher verschlagen habe? Ach ja, das Schicksal (– die Liebe). Seit sechzehn Jahren lebe sie nun schon hier, habe eben erst wieder die Taverne für die Saison aufgemacht. Da hatte ich ja direkt Glück.
Hmmm – derart fantastische Kartoffeln hatte ich eigentlich nur auf Naxos. Woher denn diese wunderbaren Kartoffeln kämen? Aus Naxos, ja wirklich! Ein tolles Essen, hatte ich nicht unbedingt erwartet, so täuscht man sich. Die Bier– und Weinpreise sind ebenfalls eher moderat, niemand kann sich beklagen.
Beim Raufgehen zu meiner Unterkunft verspüre ich nur den einen Wunsch: wiederzukommen, zu dieser Taverne mit deutschem Einschlag, weil die Qualität des voll und ganz griechischen Essens stimmt. Die "Allemande" der fünften Englischen Suite ist noch viel schöner als die der Vierten – nebenbei bemerkt.

Gegen 14 Uhr. Ich drücke mich vor meinem Hotel rum, auf der Treppe zum verschlossenem Aufenthaltsraum, im Garten, beim Pool. Anna öffnet mir und bittet mich etwas zu warten. Artémios trifft ein, will in fünf Minuten schnell sein Mittagessen runterdrücken, dann sei er bereit, mich zum Hafen zu fahren. Ich bitte ihn, sich eine längere Essenspause zu gönnen. Also nimmt er sich eine Viertelstunde. Nichts als Schufterei, na wenigstens für seinen eigenen Besitz, immerhin, für sein eigenes Geschäft.

Abschied von der eigenartig schönen, nur leicht zersiedelten santorinischen Abseitslandschaft, die sich durchaus ihren Reiz bewahrt hat.
Ich krieg noch mindestens zwei Foto–Visitenkarten und einen Lageplan des Hotels und soll bald wiederkehren – das wollen sie alle. Sanft fallen wir die Serpentinen hinunter zum abenteuerlich gelegenen Fährhafen. Weit und breit keine Blue–Star–Fähre. Sie hat etwas Verspätung, kommt erst an, als sie eigentlich schon wieder abdampfen soll.

In der Wartehalle vor dem Anleger werden es immer mehr Leute, ich tippe auf ca. 800, vielleicht mehr, nicht wenige warten bereits draußen, bei den Cafés. Die Saison hat wirklich begonnen. Ein Wiedersehen mit den zwei auf den Hafen spezialisierten Hunden, echten Profis.
Das Abladen dauert, doch die von Blue Star sind gut organisiert, das muss man ihnen lassen. Sie schaffen es tatsächlich, die wartende Menge über zwei getrennte Eingänge innerhalb von gut zehn Minuten an Bord zu kriegen – bravo!
Kurz nach vier ertönt die bekannte Melodie der sich langsam schließenden Heckklappe, die erst weiter draußen in der Caldera verstummt, als alles dicht ist und die Blue Star Naxos große Fahrt aufgenommen hat.

Copyright puchheim = MartinPUC, Juli 2008

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