Teil 5: Ein eineinhalbtägiges (zweinächtiges) Santorinerlebnis
Copyright puchheim = MartinPUC, Oktober 2009


Erkundungen von einem neuen Standort aus

Zu Fuß will ich gehen. Quere die große Kreuzung mitten in Messariá, an der es rechts zum Flugplatz und nach Kamári abgeht.
Das Dorf, in dem ich nun nächtige, wirkt ziemlich atmosphärelos, trotz eines älteren Viertels weiter oben am Hang. Hier werde ich nicht mehr freiwillig wohnen, nehme ich mir vor.
Laufe also die Straße lang nach Karterádho. Vorbei am etwas abseits gelegenen Santoríni Image Hotel. Die Ausblicke unterwegs zur Ostküste sind ganz hübsch. Immer noch sind Schulkinder und Lehrer unterwegs zur nahen Lehrstätte gleich neben meiner Straße.
Endlich führt eine Gasse hinunter in die Mulde mit einem der unteren Viertel des so hübschen Inseldorfes.

Karterádhos. Eines der allerschönsten Dörfer Santorins. Der Witz dabei ist, dass sich all seine versteckten Schönheiten ganz gekonnt, ganz unverschämt souverän ignorieren lassen. Man braucht dazu nur die Hauptstraße entlangzubrettern. Ganz nett, aber absolut 0815, für kykladische Verhältnisse aus Sicht eines Mietwagen– oder Moto(irgendwas)fahrers! Alle Vorurteile bestätigt.
Links (nördlich) unterhalb und insbesondere rechts (südlich) unterhalb seiner Durchgangsstraße stellt sich der Ort vollkommen anders dar. Vollkommen anders. Älter, viel älter. Verwinkelt. Als der Inbegriff einer Kykladensiedlung mit schmalen Ringgassen, senkrechten Abzweigen, kleinen, blind endenden Anstiegen. Blaubekuppelten Kirchen. Pandopolía am Weg und abseits. Mit einem ausgeprägten Verirrfaktor. Mit einem unerwarteten, wieder höher gelegenen Gegenüber von Dorfteil. Mit einem großen Fragezeichen, ob das noch derselbe Ort ist wie oben ausgemacht, eingestuft und abgeurteilt.

Vergebliches Warten auf einen Bus ganz oben an der Hauptstraße von Firá her, ich mache den beiden Amerikanerinnen Mut.
Zehn Minuten später kommt auf der anderen Straßenseite ein Bus nach Kamári, den ich besteige. Er ist ziemlich voll.

Bald haben wir wieder Messariá erreicht, biegen an der Kreuzung mittendrin links ab.
Nach weniger als 1 km geht es dann im Neunziggradwinkel rechts ab. Rechts steiler ansteigende Bergflanken, links das sanfter zur Ostküste und zum Inselflughafen hin abfallende Land.
((Ach, wie mich die lebhafte Musik, der Gesang, das Lyraspiel eines Níkos Goniakákis [Kreta!]: Γλεντοξημερώματα gerade beflügelt! Und ein Silvaner von der alten Mainschleife bei Volkach.))
Da rechts oben am Hang gestaffelt erstreckt sich Éxo Goniá. Das Ziel meiner langjährigen Wünsche. Wieder nichts, bleib ich doch feige sitzen im Bus. Wieder nichts mit der Erkundung, dem Ausprobieren dieses einen Ouzéri. Straßenknick nach Ostsüdost, bei Episkopí Goniás. Nur noch anderthalb Kilometer bis Touristenbabel! Bis Kamári.

Berge, Wanderwege, An– und Abstiege. Früher alles erkundet, Alt–Thíra, Bergkloster, bis Pírgos mit seinem Busanschluss. Auch Períssa wiederholt ausgiebig gesichtet, schwarzer Strand, und irgendwie (mehrfach) innerlich abgelehnt. Früher. Keine heutigen Verpflichtungen, sozusagen.
Aber jetzt läuft das Bussi (se Bass) in Kamári ein.

Ist größer geworden, das Örtchen. Hat durch den Tourismó prosperiert. Gratulations! Steige erst am Endhalt aus.
Halte mich dann gleich nordwärts, also weg vom Bergkap.
Nicht uninteressant, will ich mal sagen. Es gibt teils schöne Unterkünfte, wie sie sich auf meinem landeinwärtigen Parallelweg zur Küste offenbaren. Es ist nicht so, dass man es hier nicht aushalten könnte. Da revidiere ich, voller Alterserfahrung, frühere Einstellungen. Nur: ich will immer noch nicht. Es muss nicht sein, hier. Ich kenne wesentlich Schöneres, Attraktiveres. Das hat aber Kraft gekostet, Anstrengung, persönliche Initiative. War nicht buchbar, weder im Reisebüro noch im Web. Keine große Kunst, aber doch eine kleine Weltanschauung. Auch wenn man nicht derselben Anschauung ist, bietet Sandoríni doch einiges, und ist nicht nur "schrecklich", wie ich es einmal formulierte [Mhmmmm! – Bruckners Achte, Ablenkungsmanöver].

Höchst aufschlussreich also für einen Geografieinteressierten wie mich, so eine Touristenzentrum zu durchstreifen. Insgesamt, overall gesehen, ist mir doch zu viel Rummel hier, zu viel gleichförmiges Angebot, zu viel Bausubstanz, ungeachtet der Tatsache, dass ein Ort wie dieser gute Kennenlernmöglichkeiten bietet, was viele sicher zu schätzen wissen. Und einen schwarzen Strand. Unmengen von Sonnenschirmen und Liegen werden gegen Gebühr feilgeboten.
Es ist eine beträchtlich ausgedehnte Touristensiedlung mit dem üblichen Vollangebot, dem ganzen Kommerz inklusive all der Sonderangebote, und noch bevor ich an ihrer Nordgrenze angelangt bin, hab ich doch genug von ihr, bin auch nirgendwo eingekehrt.
In einem Haken nach West und anschließend wieder küstenwärts entwinde ich mich dem Ganzen letztendlich und nicht unglücklich. Ein paar Unterkünfte haben sich mir eingeprägt. Auch eine sehr komfortable ganz am Nordende, vor der die Japanergruppe auf ihre Zimmerzuteilung wartete.

Über einen Kieselweg am Strand kürze ich ab, hin zu der Teerstraße die lange Ostseite des Flughafens entlang.
Es sind knapp drei Kilometer in herrlich wohltuender Luft, die ich da immer geradeaus entlangzuschwitzen habe.
Rechtsab haben sich neue Siedlungskerne an der Küste herausgebildet, um Hotels herum. In einem Fall sogar im Umfeld einer Weinkellerei. Links, auf dem Flughafengelände, eine Kapelle, sie gehört einfach dazu. Später rechts, auf einem Hügel, die Kapelle des Heiligen Johannes (Ioánnis), ein Ausflugsziel. Kurz darauf die erste Straßenabzweigung nach Monólithos, die ich, weiß nicht warum, ignoriere.

So habe ich noch einen Umweg zu gehen, der mich um das Nordende des Airports herum in darauf folgendem spitzwinkligem Abzweig ostwärts, vorbei am mit Erdöl betriebenen E–Werk (ΔΕΗ), schließlich ans Nordende von Monólithos befördert.
An der Uferstraße angekommen, wende ich mich gleich nach links, in nördliche Richtung. Ich freue mich auf Éxo Jaló.
Doch bevor ich dort angekommen bin, heißt es wieder die Hundemeute zu überwinden, die sich im Strandbereich rechts der Straße mit der westwärtigen Bimssteinbegrenzung herumtreibt. Ich hab Glück, denn bevor das Alphatier auf mich losstürzen will, mit wiederholten Versuchen, hält es eine spazierende Frau in Kenntnis der örtlichen Verhältnisse per Lockruf zurück, immer im Blickkontakt zu mir.
Irgendwann lassen sie los von mir, die armen, hungernden Hündchen.

Nach überstandener Hochgefahr schmeckt das Mittagsmahl umso besser. Ich nehme es im Strandlokal (in Éxo Jaló) der gleichermaßen perfekt Fränkisch wie Französisch sprechenden hier eingeheirateten Frau ein, die zunächst in der französischen Schweiz aufwuchs, später in Würzburg.
Heute ist auch ihr Papa anwesend, und er ist des Deutschen nicht unkundig – bravissimo.
Was das Essen hier auszeichnet, ist seine hervorragende Qualität, auch die der Beilagen. Hatten sie im Vorjahr noch herrliche Náxos–Kartoffeln anzubieten, stehen diesen Mai bereits Produkte aus eigener Herstellung auf der Speisekarte: selbst angebaute Kartoffeln, zum Beispiel. Frischer Fisch mit Beilagen und Wein ist hier schon um die 15 Euro (oder darunter) erhältlich. Im Guide du Routard wird die gastliche Stätte angeblich erwähnt.

Nach dem äußerst befriedigenden Mahl stiefle ich hoch bis Firá, auf einem neu erkundeten Nebenweg, der am Strand nördlich meines Gourmetlokals beginnt.
Auch auf diesem Weg durch eine Art Schlucht gelangt man nach Karterádhos, oder eher nördlich an dem Ort vorbei. Unterwegs passiere ich ein altes, verlassenes Kloster, das im Besitz einer fernen Gemeinschaft ist. Auf Umwegen über eine einzeln stehende weiße Kapelle biege ich schließlich auf ein kaum befahrenes Sträßchen Richtung Firá ein.
Unweit des Busbahnhofs überquere ich die untere Ortsdurchgangsstraße nach Ía und treib mich noch ein bisschen im geschäftigen Hauptort herum, bevor ich für die nachmittägliche Erholungs– und Erfrischungspause mein Zimmer in Messariá aufsuche.

Abends zieht es mich noch einmal nach Éxo Goniá. Per Bus bis vor Karterádhos, dann quer durch und noch ein paar Kilometer zu Fuß durch die frühe Abendstimmung in freiem Land. Ungestört von Hunden ziehe ich meines Weges. Nach einem etwas sehnsüchtigen Blick auf das Artémis Village bin ich schon auf der Zielgeraden.
Das Abendessen ist so gut wie das Mittagessen war, wenn auch kein Fisch. Ich komme ein wenig ins Gespräch mit dem Einheimischentisch, während es allmählich zu dunkeln beginnt.
Ein älterer Herr meint, er habe bessere und sauberere Zimmer zu bieten als die im Anny Hotel, für 25 Euro, bei Einzelbelegung, gibt mir seine Karte. Nachdem ich bezahlt habe, bietet er mir an, mich nach Karterádho mitzunehmen. Tatsächlich fährt er aber Richtung Monólithos, umfährt das Nordende des Flughafens und nimmt die Straße rauf nach Messariá, wo er mich Verblüfften mit cooler Miene, aber sich seiner Wohltat bewusst aussteigen lässt. Donnerwetter – was für ein Service! Und er hat es nicht nur aus Geschäftsinteresse gemacht, davon bin ich überzeugt.


Abreisetag nach Kreta

Will mir erst einmal die Zimmervermietung des netten Herrn vom Vorabend ansehen. Ein Bus bringt mich von Messariá aus bis vor Karterádho. Ich muss mich durchfragen, nehme zuerst die falsche Straße. Man geht am besten erst die übliche breite Hauptstraße Richtung Ortszentrum hinunter und biegt in der Nähe der Polizei nach links ab. Bald geht es steil hinab in eine Senke, noch ein Stück gerade und dann etwas links hoch. In einer kleinen Hausreihe befindet sich die Pension Roússos. Jenseits der Gasse der überhöht gelegene zugehörige Pool. Ein französisches Paar gibt mir Auskunft, sie seien sehr zufrieden mit ihrem Zimmer. Werd ich wohl das nächste Mal ausprobieren. Biegt man um das östliche Nachbarhaus herum, gelangt man auf ein Sträßchen, das über Umwege, vorbei an einer Kapelle, etwas nördlich des Ortes wieder auf eine Straße nach Firá trifft – so ließe sich der Fußweg die Inselhauptstraße hoch vermeiden.

Ich wende mich nach dem kleinen Abstecher aber wieder ostwärts, gehe die schluchtartige Gasse bei der Pension minutenlang weiter nach Osten. Ein mir bisher unbekanntes Viertel eröffnet sich meinen erstaunten Augen. Wieder das typische, strahlend weiße Kykladendorf voller hübscher Winkel mit kleinen Geheimnissen und Überraschungen. Ganz unten dreht der Dorfweg südwärts, und wieder erst in der Nähe einer Kirche zweige ich ab hinauf zum Dorfplatz vor der großen Kurve.

Spätes, üppiges Frühstück an der Ortsdurchfahrt, nachdem man in einer authentischen Taverne weiter unten bei der Kurve als viel zu früher Eindringling in den Arbeitsalltag mit einer Überportion an zunächst verhülltem (man wird sozusagen stehengelassen) Unverständnis abgelehnt wurde (!). Das genau ist es! So etwas wie grenzenlose Freiheit von Seiten der Anbieter, die sich so etwas noch erlauben wollen und können. Es ist eine eigentlich sympathische, wenn auch wortkarge Familie.
Nach und nach finden sich weitere Ausländer in dem Café eines Anglophilen ein, in das ich mich daraufhin zurückgezogen habe – viel jüngere, und sichtlich wie auch hörbar Amerikáni. Ham and eggs. Freshly squeezed orange juice. Eine entspannte Atmosphäre. Quads werden gegenüber an die Frau, an den Mann gebracht, man sieht zu, wie sie weggehen, fast wie warme Semmeln (Brötchen). Schulbusse stellen sich auf, in Erwartung der Hundertschaften. Kleine Mietautos und weitere Quads ziehen vorüber. Urlaubsstimmung. Unschuld. Das Polizeigebäude weiter oben an der Straße ist fast überdimensioniert.

Ein zweites Mal wandere ich hinunter zur Pension Roússos, gehe an ihr westwärts vorbei, um zu sehen, wohin man von dort aus gelangt – und siehe da: nach 2 min steht man an der Inselhauptstraße, schon ziemlich weit in Firá drinnen. So gesehen eigentlich eine Superlage, zu günstigen Preisen.

Auf dem Gelände des Busbahnhofs von Firá. Vergebliches Warten auf den Bus nach Akrotiri. Er kommt einfach nicht. Gestapelte, enttäuscht wartende Massen. Ich geb es nach 20 min auf. (Die Ausgrabungsstätte von Akrotíri ist übrigens bis heute, Mitte Oktober 2009, NICHT wiedereröffnet.)
Wende mich stattdessen dem Hauptort zu, in Richtung Kraterrand.

Den Kraterrand erreiche ich ein paar Schritte südlich der Hauptkirche, der Mitrópolis, die der Panajía geweiht ist. Der relativ neue, nach dem Erdbeben von 1956 errichtete Bau wird von zahlreichen Fremden besucht, die zumindest kurz ihr Näschen in den durchaus stimmungs– und würdevollen Kirchenraum reinstecken.
Auf der Aussichtsterrasse vor der Kirche treffe ich einige Mittouristen. Da ist z. B. eine schwarze US–Amerikanerin, die in ihrem einfachen, sattfarbenen Dress sehr hübsch wirkt – schwarze oder tiefbraune Haut passt eben zu Farben, und sie weiß das. Sie unterhält sich mit einem wohlhabenden Iren, und ich lausche. Einige Passanten, Kreuzfahrer, empfehlen wärmstens das sündteure Lokal einige Stufen unterhalb – definitiv jenseits meines Geldbeutels.
Dann stelle ich der Amerikanerin eine Frage – der Ire hat mich geradezu dazu ermuntert: "Wohin auf Kreta werden Sie fahren?" – "O I don't know exactly. Eroúla?" – "Aaah, you probably mean Eloúnda!" Da kenne ich mich doch ein wenig aus, wenigstens aus einiger Distanz. Sie meint, das könne stimmen, und es sei nur für zwei Nächte. Zwei Nächte, ein voller Tag nur also dort, am wundervollen Mirabéllo–Golf, wo auch die griechische Politprominenz urlaubt, in den Luxusherbergen.
Was ist Freiheit? Über seine Zeit bestimmen zu können, höchstwahrscheinlich! Statt Geschäfte zu tätigen, länger als einen Tag auf einer Insel, einem Kontinent wie Kreta verweilen zu können? Solcherart von Existenzfragen drängen sich mir nun auf. Dabei ist es eine wirklich sehr sympathische Frau. Aus einer ganz anderen Welt, wie es scheint. Sie wird diesen Spätnachmittag den neuen santorineigenen Catamaran nach Iráklio nehmen, einen von dreien, die an diesem Tag gehen. Und ich selber werde die allererste dieser Schnellfähren besteigen.

Ein Linienbus bringt mich zurück nach Messariá, dem Ort meiner Horrorunterkunft. Das Gepäck habe ich längst in einer Ecke der menschenleeren Empfangshalle untergestellt. Als ich nun zurückkomme, eröffnet man mir, dass sie für den Rücktransport zum Hafen noch einmal 5 Euro nehmen müssten. Das ist etwas ungewöhnlich, eigentlich bei keiner Pension üblich. Aber ich weiß ja inzwischen, was ich vom Anny Hotel zu halten habe.

Der gutmütige Dickliche in Hoteldiensten kommt mit seinem Van angefahren. Man muss erst noch irgendwelche Fracht ausladen, bis ich einsteigen kann. Zu meiner Überraschung geht die Fahrt nicht gleich zum Hafen, sondern vielmehr über Emborió nach Períssa. Dort befinden sich nämlich die Anny Studios derselben Besitzer.
Wir zwängen uns durch ein extrem schmales Seitengässchen, bis wir schließlich vorne an der Uferstraße von Períssa angekommen sind. Neben einem etwas hochpreisigen, aber schicken Restaurant liegen sie, die Studios.
Die 4 Leute, zwei junge Paare, die in den Minibus steigen, müssen nichts für die Fahrt bezahlen, wie sie mir sagen. Sie haben für ihre Unterkunft auch mehr als ich hingeblättert, aber sie sind voll des Lobes – mein Ableger in Messariá wird offenbar nur mehr so mitgeschleift (vielleicht als gelegentliches Heim für anspruchslose Jugendgruppen?), Geld verdient wird wohl nur in Períssa.
Ich unterhalte mich ein wenig mit dem Fahrer, er ist nur Angestellter, oder eher Gelegenheitsfahrer. Mein Trinkgeld ist ihm sicher, er kann ja nichts für die Verkommenheit, die ich erleben musste.
Beim Hinunterfahren kläre ich die Mitfahrer darüber auf, was sich unter der ringförmigen Absperrung im Wasser verbirgt: ein gesunkenes Schiff!

Nach und nach treffen Reisegruppen im Hafen ein, die meisten wohl Ausflügler von Kreta her.
Ich postiere mich diesmal weiter vorne in der Abreisehalle. Mein Mega Jet (41,00 Euro bis Heraklion, Economy Class) kommt zwar verfrüht an, hat dafür aber kaum Passagiere an Bord. Die steigen erst zu, als wir nach einem rätselhaften Ablegemanöver 300 m weg vom Kai in die Caldera hinaus und erneuten Anlandeversuchen endlich die passende Position gefunden haben. Es werden dann doch mehr Passagiere, als ich erwartet hatte. Die Durchsagen sind auf Griechisch, Englisch und Russisch. Eigentlich hätte Russisch genügt, denn an Bord es wimmelt es geradezu von russischen Touristen.
Was mich wundert, ist das gemäßigte Tempo, mit dem dieser "Hochgeschwindigkeitscatamaran" reist. Die Konkurrenz ist da deutlich schneller. Aber dafür sind wir als Erste in See gestochen.
Halte mich bevorzugt im Heckbereich auf, draußen, und lasse meinen Blick übers Kretische Meer schweifen.
Nach zweieinviertel Stunden kommt die Dhia–Insel in Sicht, wir sind kurz vor dem Ziel, ziehen an ihrer Westseite vorbei. Aus der Ferne nähert sich ein sehr schnelles Linienfährschiff, es muss eine Minoan–Lines–Fähre sein.
Als wir endlich angelegt haben, weit weg vom Schuss, hinten im Empfangsbereich der Kreuzfahrer, läuft das Minoan–Schiff bereits in den Hafen von Iráklio ein.

Ich hetze hinter einem Kreter her, der sich mit Abkürzungen auskennt. Wir durchqueren das Passagierterminal, verlassen es wieder durch eine kleine Tür, gelangen allmählich, zwischen Absperrgittern hindurch, in die bekannteren Bereiche der Fährschiffe nach Piräus.
Über die LKW–Stellfläche der Großwaage tappe ich Richtung Hafenausgang und wende mich westwärts.
Der 20–Uhr–Bus nach Chaniá ist leider schon weg, da spielte die Abseitslage unserer Anlegestelle eine entscheidende Rolle.
Es ist Freitagabend. Ein Riesenandrang auf den letzten Bus (21 Uhr) von Iráklio in den Westen. Sie müssen schließlich einen außerplanmäßigen Zusatzbus bis Réthimno fahren lassen, um all die Leute unterzubringen.

Fast eine Dreiviertelstunde quälen wir uns im Schritttempo die verstopfte Uferstraße entlang. Es ist der übliche abendliche Autocorso, der uns aufhält. Erstmals fallen mir neue Gaststätten wie die der Starbucks Coffee Company auf, die nun die alten Kafenía ablösen. Und neu entstandene glitzernde, pompöse Einkaufstempel. Es ist ein Wahnsinn. Die Gleichmacherei kaum mehr auszuhalten.

Copyright puchheim = MartinPUC, Oktober 2009

Acht Tage in Westkreta



zurück zur Startseite