Teil 3: Sífnos – eine ganze Woche
Copyright puchheim = MartinPUC, August 2010


Um 13:00 Uhr legt der Speedrunner IV von der großen Mole in Adhámanda (Adhámas), Mílos ab. Ein schnittiges Schnellboot, im Vergleich zum Speedrunner II mit deutlich mehr Power und Schubkraft. Um die 35 Knoten schafft es allemal.
Nach einem kleinen zweitägigen Umweg also steuere ich auf mein eigentliches Ziel zu: Sífnos. 14 Euro kostet das Vergnügen. Fast leer wirkt der lange Innenraum, in Anbetracht des riesigen Sitzangebots geradezu lächerlich spärlich besetzt. Dennoch werden akribisch die jeweiligen Plätze angewiesen, praktisch alle im hintersten Heckbereich.
Steril die Bar und Kaffeetheke. Die wenigen Passagiere sparen sich die Snacks. Nichts wie raus an Deck!

Immerhin gibt es ein oberes hinteres Freiluftdeck mit randlichen Sitzbänken und durchaus passabler Aussichtsmöglichkeit. Der Fahrtwind kühlt, eine Wohltat bei all der sengenden Hitze – wohlgemerkt in den allerersten Mai–Tagen.
Zuerst ist man wieder überwältigt von der Bucht von Mílos, der Engstelle beim Verlassen derselben, dem weiteren Blick im freieren Meer. Von den kleinen Inselbrocken rechter Hand, von Andímilos links und natürlich dem vergleichsweise großen Kímolos, an dem man in gebührendem Abstand westlich vorbeirauscht.

Kaum hat man ein paarmal in die falsche Richtung geguckt oder sich mit dem Nachbarn unterhalten, hat man schon den sich in Windeseile nähernden Südteil von Sífnos fast verpasst.
Das eine oder andere abgelegene weiße Kirchlein krieg ich aber doch noch mit, ganz sicher das der Panajía Tóso Neró in besonderer Abseitslage unterhalb eines steil ansteigenden Bergriegels.
Aber wir haben quasi schon das Akrotíri Kokkinomítis erreicht, das die Einfahrt zur Bucht von Kamáres nach Süden hin bewacht.

Da hüpft einem das Herz, beim Um–die–Ecke–Biegen, beim Hineingleiten in die grandiose, von Bergflanken gerahmte Hafenbucht von Kamáres, beim Gruß der beiden Gipfelkirchen zur Linken und dem Anblick des ebenso weiß strahlenden Hafenortes geradeaus und zur Rechten.

Mein erster Weg gilt dem Tavernchen Possidhónas, dem ersten einer längeren Reihe, wo ich mein Gepäck deponiere.
Nach wenigen Schritten die Hafenpromenade weiter ist das Büro des Mannes erreicht, der nicht nur Schiffstickets im Angebot hat, sondern auch zwei äußerst hübsch gelegene Zimmer mitten im Inselhauptort Apollonía, auf die ich übers Internet aufmerksam geworden war. Der Deal wird bald abgeschlossen, wenn er mich auch etwas teuer kommt, und es wird in absehbarer Zeit ein Nachmittagsbus hochfahren.
So bleibt mir noch eine Weile für ein erstes Getränk an einem Tisch neben dem Eingang zu dem von mir bereits im Vorjahr geschätzten Lokal. Es sollte nicht mein letzter Besuch sein.

Oben auf dem Hauptplatz von Apollonía steht das Konditorei–Café kurz vor der Straßenengstelle nun leer, wurde offensichtlich aufgegeben, wohl zur Freude des Konkurrenten etwas weiter unterhalb, hinter dem Kiosk. Es wundert einen dennoch, dass eine derartige, allseits beliebte Institution von einem Jahr aufs andere einfach nicht mehr da ist.

Ich mache mich auf zu meiner Bleibe, frage überflüssigerweise noch jemand in der hübschen schmalen Gasse nach dem Weg, obwohl es vom Platz aus bestimmt nicht viel mehr als vielleicht 150 m sind, wenn man die kürzere Variante am Minimarket vorbei nimmt – schon befindet man sich mitten im Gässchengewirr.
Ein paar Stufen hoch, dann etwas nach links, da höre ich es zum ersten Mal, das kleine Hundeungeheuer, das sich zum Unmut der Familie am liebsten gleich auf jeden Neuankömmling und Unbekannten stürzen würde. Es wird erfolgreich in die Küche hinein zurückgezerrt, unter schnarchenden, röchelnden Kläffprotesten, und die Frau des Hauses führt mich die Außentreppe hinauf zu meinem Zimmer.

Es ist ein Wahnsinn! Da das zweite obere Zimmer (eigentlich das erste links) nicht vermietet ist, gehört mir schon mal diese tolle Terrasse mit den beiden Tischen und dem Wäscheständer ganz alleine. Das Zimmer selbst sehr hübsch, durch eine andere Tür geht es hinaus auf eine zweite Terrasse, die nach West hin, die nun wirklich mir alleine gehört, selbst wenn noch andere Gäste kommen sollten.
Von der vorderen, östlichen Terrasse und meinem Zimmerfenster sowie dem Badfenster aus erkenne ich Andíparos und Páros und im Vordergrund den östlichen Dorfteil. Von der hinteren, westlichen Terrasse aus entfaltet sich der Rücken des höchsten Inselberges, des Profítis Ilías mit dem alten verlassenen Kloster drauf in voller Länge vor meinem Auge. Dazu kommt noch ein Totalüberblick übers Dorf und runter zu dem Taleinschnitt Richtung Kamáres, und natürlich auch Richtung Áno Petáli.
Was mich aber wirklich umhaut, ist dieser höchst grazile, nur vielleicht 50 m Luftlinie entfernte flache, einwandige inseltypische Kirchturm, durchbrochen von den offenen Bögen für die Glocken, mit den beiden nach außen hin leicht abgebogenen Eckkantenflächen und ganz oben aufgesetzter hübscher „Laterne“ mit einem filigranen, strichartigen Eisenkreuz darüber. So traumhaft hab ich lange nicht mehr gewohnt. Diese Lage und diese Aussicht sind die 10 Euro mehr wirklich wert ((– doch am Schluss sollte ich doch nicht mehr bezahlen als das EZ im Jerondí = Gerontí gekostet hätte)).

Nach dem Auspacken steht einem ersten Besuch im Drakákis nichts mehr im Weg, und Jánnis, der Kafetzís, hat gegen Abend tatsächlich bereits wieder geöffnet. Wie schön, gleich zwei alte Kafenía kann ich hier im Dorf besuchen, unten in Kamáres gibt es nichts dergleichen.


Ausflug nach Cherrónisos

Den hohen Norden der Insel würde ich mir gerne einmal angucken. Dazu ist es von Vorteil, den Bus in Artemóna zu besteigen, nicht unten am Ostrand von Apollonía, denn dort verpasst man ihn normalerweise. Insgesamt sind es nur fünf Leute, die diese Fahrt antreten: Franzosen und meine Wenigkeit.
Schön grün präsentiert sich das Land noch im ersten Teilstück bis etwa zur Ebene um Ágios Minás herum.

Je weiter wir nach Nord kommen, desto kahler wird die Szenerie. Lang zieht sich die Straße zu Füßen eines Bergzuges hin, der von der Kirche des Ágios Silvéstros und später des Ágios Nikítas gekrönt wird. Als Businsasse fühlt man sich etwas durch den Bergabhang eingeengt, wenn man wie ich in Fahrtrichtung rechts sitzt.
Westlich unter uns das trocken gefallene Flusstal, über dem sich die Bergstöcke des Hl. Simeón und des (kleinen) Propheten Ilías erheben.
Wir kurven unten um die Streusiedlung Trouláki herum, bei der eine anfangs bereits asphaltierte, später zum breiten Feldweg ausartende Piste abbiegt, auf der man zu den beiden aufgegebenen Bergklöstern gelangen könnte, an ersteres, jenes des Propheten Ilías, nur näher heran, zu zweiterem, dem des Hl. Simeón, bis vor die Tore. Als Nichtautoleiher hebe ich mir das eine oder andere Ziel eben für später auf.
Etwa 1,5 bis 2 km hinter Trouláki wird der Blick wieder freier. Man hat einen breiten Sattel zwischen zwei Hügeln überwunden und blickt nun weit nach West und Nord übers Land. Die gut ausgebaute Straße fällt nach NE hinab und steigt nach dem Scheitelpunkt einer engen Kurve wieder in nordwestlicher Richtung an. Ab und zu ein Haus, ein Gehöft in Straßennähe. Je weiter der Blick, desto öder das Terrain. Bald ist nichts mehr übrig vom üppigen Grün der Inselmitte und des Inselsüdwestens. Bäume muss man regelrecht suchen. In endlosen Kurven und Schleifen zieht sich der Weg etwas später bergab, dem Ziel entgegen.

Bevor es endgültig ganz hinuntergeht, taucht rechts der Straße, etwa 200 m abseits, eine einsame Taverne auf, die ihren Fisch anpreist, sie gehört wohl einem der Fischhändler, dessen Verkaufsgefährt ich in den Folgetagen in Apollonía herumstehen sehe.
Unser Bus hält bei dem Wartehäuschen vor einem ausgedehnten, staubigen Platz, von dem aus ein Treppenweg in die enge Bucht von Cherrónisos hinabführt. Der Fahrer fährt sofort wieder zurück in die Inselmitte. Automobilisten hätten etwas eher abbiegen können, um ganz hinunterzugelangen.

In einiger Entfernung ein Gatter, dahinter der holprige Feldweg hinauf zur gut sichtbaren Kirchenanlage des Hl. Geórgios ganz oben auf der letzten Halbinsel des Nordens.
Ein Einheimischer hat den Bus genommen, ein anderer startet im Auto los. Wir paar Touristen stehen etwas ratlos in der Einsamkeit. Allen ist wohl schlagartig bewusst, dass wir hier stundenlang wirklich festhängen werden, denn der Bus wird erst am späteren Nachmittag wiederkehren. Und alle merken natürlich sofort, dass wir in einer gottverlassenen Inselecke gelandet sind – und ich denke, manch einer bereut den gewagten Vormittagsabstecher mit einem derart spärlich verkehrenden öffentlichen Verkehrsmittel auch gleich.
Aber sehen wir das Ganze einmal positiv. Wir sind eingetaucht in tiefe Stille, geben uns dem leisen Säuseln des Windes hin und wollen doch erst einmal hinabsteigen in die Enge der Bucht und uns das Örtchen ansehen.

Da ich Pulks verabscheue, lasse ich die Mitreisenden vor und schlage mich zunächst seitwärts in die rechte Buchtflanke, drücke mich auf schmalen Wegen an der Hangbebauung vorüber, bis ich weiter draußen unten am Wasser stehe, auf einer kleinen Standfläche vor lauter verlassenen bzw. verschlossenen Häusern mit herumliegenden Fischerutensilien davor. Von dort arbeite ich mich am Ufer entlang, teils etwas kletternd, wieder buchteinwärts.
Drüben am anderen Ufer, nicht weit von der Kirche, hat eine einzige Taverne geöffnet – gähnende Leere. Die beiden dort (mit Warten) Beschäftigten starren hangaufwärts, den angekommenen "Busmassen" entgegen – bestimmt wieder die gewohnte Enttäuschung.
Die ersten beiden Franzosen staken jetzt an den Tischen des Gasthauses vorbei, zögern etwas, können sich dann doch nicht durchringen Platz zu nehmen.

Ich verweile ein wenig auf einem Mäuerchen hinter den Strandtamarisken am Ende der Bucht. Alles kommt mir hier so trist vor, dass ich keine Lust verspüre, recht viel mehr zu erkunden. Die Frau vom nahen "Souvenirladen", einem leicht abgestürzten Töpferartikel–etc.–Etablissement, blickt so traurig drein, dass es mir den Rest gibt. Diese Ödnis und Verlassenheit bedrückt mich richtiggehend. Ich flüchte mich hangaufwärts, zurück zu dem Platz, wo ich den Bus verlassen habe.
Das (Anfang Mai) war jetzt echt zu früh im Jahr für Cherrónisos!

Hoch über all der Verlassenheit stehend fühlt man sich gleich wieder viel freier und gelöster. Ich entscheide mich für einen Abstecher zum Kirchlein des Hl. Georg.
Tor auf, Tor zu und munter drauflosgewandert. In nur einer Viertelstunde stehe ich vor der Kirche im Ödland niedriger Halbkugelbüsche, oben auf einer Kuppe. Ein paar Schafe streifen umher. Weiter hinten, am Ende des Feldwegs, ein kleines Häuschen mit Pick–up. Dort arbeitet jemand. Kurzer Kirchenbesuch.

Dann nehme ich Platz im Schatten der Kirchenrückseite. Mir gegenüber die Insel Sérifos, aus deren Hafenbucht sich gerade ein Schiff entfernt. Ich nehme mir die Zeit, es näher kommen zu lassen. Komme zur Ruhe. Ganz allmählich beginnt an der Flanke eine große weiße Schrift zu gleißen, wird der Rumpf blau. Aha: Ein NEL–Schiff. Das muss die Aqua Jewel sein. Die kommt von Síros und Páros her. Sie ist es auch. Allmählich ist ihr Tuckern zu hören. Fast das einzige Geräusch, das die Stille zerbricht. Ich lasse die Fähre vorbeiziehen, bis sie meinem Blick wieder entschwindet. Breche dann auf.

Noch einmal hinuntersteigen in die bedrückende Enge? Auf ein Tavernenessen? Nein, lieber nicht. Ich lasse es darauf ankommen und mache mich auf den Weg, einfach die Teerstraße zurück. Wird mich schon einer aufpicken und mitnehmen.
Doch es kommt nur ein Scooterfahrer des Weges, später noch ein Touristenpaar im Kleinwagen – in der falschen Richtung. Sie werden später an mir vorbeirauschen, ohne mein Handzeichen zu beachten.
Vor der Fischtaverne in der Wildnis ein PKW. Aber ich hab keinen Appetit, gehe weiter. Etwa 10 km Weges sollten daraus werden. Niemand sollte mich mitnehmen – kein Wunder: kaum Verkehr.

Auf der Höhe der Kirche Ágios Grigórios kommt mir ein kleiner Autokonvoi entgegen, hupt mich fröhlich an. Lauter junge Leute. Später wird mir klar, dass es sich um einen Ausflug des in Faros arbeitenden Filmteams handelte. Lange Strecken muss ich bergauf stapfen, man gewöhnt sich dran. So abgelegen möchte ich nicht wohnen, denke ich mir. Dann schon lieber in einem Dorf. Ein Taxi bringt einen Alten irgendwohin.

Endlich über mir die Häuser von Trouláki. Schöner Blick auf das Ilías–Kirchlein auf südlicher Bergspitze. Es wirkt so nah. Ich gehe zwei große Kurven aus, biege auf die lange Gerade ein. Irgendwann plötzlich ein gewaltiger blecherner Knall in der ununterbrochenen Leitplanke direkt neben mir. Hat da jemand aus einiger Entfernung auf mich geschossen, sich einen Spaß erlaubt!? Oder war das nur die Folge von Materialausdehnung wegen Hitzeeinwirkung? Seltsam und unerklärlich.

Bald komme ich in die Nähe eines Tagebaus oder Steinbruchs unterhalb der Straße. Große Laster kurven herum, dröhnen auch an mir vorbei. Irgendwann ein PKW–Geräusch hinter mir. Ich wende mich um, ein Taxi, ich versuche es zu stoppen. Erst 100 m weiter hält der Typ an, legt den Rückwärtsgang ein. Ungefähr zu Füßen des Kirchleins des Hl. Stavrós hat er mich aufgepickt. Apollonía ist 5 Euro weit entfernt. Das war gerade passend für mich.

Schnell bei Lákis gleich neben den Taxis Platz genommen, auf ein Bier.


In Fáros vorbeischauen

Allenthalben gerüchtet es. Ein Film würde gedreht, hier auf Sífnos. Klar wird einer gedreht, das hatte mir Vangélis vom Thalassítra auf Mílos ja ausführlich erklärt. Sie haben ja auch dort, auf der Insel Mílos, gefilmt und wollen angeblich noch einmal dorthin zurückkehren.
Aber die Meinungen, wo genau das Filmteam hier auf Sífnos wohne und gerade drehe, die widersprechen sich. Einer meint: Fáros.
Nun hab ich im Mai 2009 die Ecke schon ein wenig erkundet (siehe entsprechenden Bericht auf dieser Website), fahre aber trotz negativer Erfahrungen die Essenspreise betreffend doch ganz gerne wieder hin.

Seltsam, diese vielen geparkten Autos schon weit außerhalb der kleinen Ortschaft. Die Ortszufahrt ist bei unserem Eintreffen vollkommen abgesperrt. Der Busfahrer biegt 500 Meter oberhalb der Ortschaft links in eine schmale Seitenstraße hinein (die hin zur Fasoloú–Bucht an der Südseite der neben Fáros gelegenen Halbinsel führen würde), wendet dann umständlich auf einem Grundstück neben der Straße, wozu er auch noch erst ein Gatter öffnen muss und nach dem Manöver wieder schließen.
Na, dann steig ich mal aus und geh das schmale Sträßchen weiter. Vorbei an noch nicht von Gästen bewohnten Pensionen. Ein eigenes kleines Fremdenviertel für die Hochsaison breitet sich hier zaghaft aus, östlich oberhalb von Fáros und doch ganz dicht dran. Bei einem der Zimmervermieter frage ich nach einem Durchgang runter in den Ort, und der Treppenweg ist gar nicht weit entfernt.

Fast unten am Hafen angelangt, vor der letzten Biegung, treffe ich auf Filmleute. Man bereitet Aufnahmen in dieser Treppengasse vor, positioniert Kameras, Scheinwerfer und Reflektoren.
Also: Der bekannte serbische Regisseur Emir Kusturica dreht zurzeit mit einem französisch–belgisch–griechischen Team auf Mílos und Sífnos einen Film mit dem Arbeitstitel "Nikóstratos the Pelican" nach dem Roman Nicostratos des französischen Schriftstellers Eric Boisset. Die Insulaner scheinen sich sehr geehrt zu fühlen. Kusturica ist selbst einer der Hauptdarsteller, die Regie führt eigentlich der Franzose Olivier Horlait. Ein ganzer Fahrzeugpark von kleineren Lastern mit riesigen Scheinwerfern und anderem Equipment wurde aus Frankreich mitgebracht.

Aber es gibt noch einen zweiten Drehplatz. Jenseits des Endes der Zufahrtsstraße beim „Dorfplatz“ am Meer. Und dort hält sich eine Menge Schaulustiger auf.
Auf dem Felsen am Ortsstrand sitzt eine sehr hübsche junge schwarzhaarige Frau mit hinten aufgesteckten Zöpfchen und brät in der Sonne. X–mal muss sie aufstehen, zu einer nahe gelegenen Taverne laufen und dort Stühle um einen Tisch platzieren – so trivial kann Drehen sein. Alle möglichen Sonnensegel und Lichtablenker werden ringsum aufgestellt. Unter Sonnenschutzdächern warten die wichtigeren Leute auf ihren Einsatz. Für das Heranschaffen von Statisten wurde ein eigener KTEL–Bus gechartert, der nun nahe dem eigentlichen Busendhalt herumsteht.

Als ich ein Stückchen talaufwärts wandere, komme ich bald zu dem größeren Hotel, in dessen Hof unter einem großen Sonnendach die Statisten warten. Ein Großteil des Teams ist hier einquartiert, außerdem etwas weiter in einer „Gartenpension“ mit lauter ebenerdigen Zimmern und wohl noch vorne an der Hafenfront, denn ich sehe eine Darstellerin öfters dort auf ihr Zimmer laufen.
Kisten mit Pelikanen werden zu der Treppengasse geschleppt – nur ein einziger Vogel reicht wohl nicht (es sollen insgesamt 8 Tiere von France nach GR transportiert worden sein).

Alle in Fáros wohnenden Schauspieler genießen bestimmt den Dauerblick zur nahen Halbinsel mit der Kirche der Panajía Chrissopijí. Sie haben sicher auch das große Panijíri im Chrissopigí–Kloster am Mittwoch, 12. Mai, miterlebt – hoffentlich: der Treff aller Inselbewohner. Da war ich leider schon wieder auf Milos zurück, um Freunde zu sehen.


Nach Ágio Nikólao t’Aeriná und auf Umwegen zurück

Sífnos muss man zu Fuß entdecken, weitab aller eingefahrenen Wege! Dann flippt man irgendwann aus vor lauter Staunen.
Jetzt ist die Zeit gekommen, mich erstmals in die Kernregion der südlichen Inselhälfte vorzutasten.
Anweg wieder über das hübsche, lang gezogene Katavatí mit den es umgebenden Wiesen, Feldern und dem Dauerblick auf die zentralen Inselberge. Zeit für einen Kaffee beim Jánni unten in Apollonía blieb natürlich noch.

Gut ausgeschildert ist er, mein Wanderweg, der jenseits der Asphaltstraße am linken Rand der Talung (in meiner Gehrichtung südlich) zu Füßen des Profítis Ilías beginnt. Ein Pfad, der schöner nicht sein könnte: steinig, dann wieder erdig, umrahmt von einer überbordenden Blumen– und Pflanzenwelt, Dauerblick auf den hohen Bergriegel gegenüber.

Es geht erst einmal ein Stückchen hoch, dann mehr oder weniger hangparallel weiter. Bald kommt der Abzweig nach links (SE) zum Kirchlein der Ágii Anárgiri Ftochianí/Ptochianí, ich gehe geradeaus weiter, leicht abwärts, bis bald der Hauptweg zum Gipfel des großen Profítis Ilías erreicht ist. Auch dort geh ich nur vorüber, ziehe das weniger Spektakuläre dem Spektakulären (der höchste Inselgipfel ist für viele bestimmt ein Muss) vor. Letztendlich glaube ich es für meine Bedürfnisse ganz richtig gemacht zu haben.
Mit etwas Fantasie könnte ich gerade durch ein ausgetrocknetes Bachtal wandern. Wieder sind zwei neue Ziele linksab ausgeschildert, es waren wohl die nahe, weiß leuchtende Kapelle des Ágios Efstáthios (die 200 oder 300 m dorthin sind mir zu weit, ich will weiter, denke aber an den lieben „Státhis“ mit seinem billigen Kafenío gleich neben dem Tordurchlass vom Mandhráki–Hafen in den Neuen Markt auf Rhodos) und das fernere Ágios–Andréas–Kirchlein auf Bergeshöh auf einer waschechten mykenischen Akrópolis.
Vor mir, wenige Meter rechts oberhalb des Pfades, schon die nächste weiße Kirche: die des Taxiárchis tis Skáfis. Die Wanderer vor mir sind zu der Kirche hochgestiegen, ich muss nicht unbedingt, will meine Ruhe behalten und bin auch nicht fotowütig, muss nicht jede nur erdenkliche Kapelle dauerhaft auf Speicherkarte festhalten. Ich geh also unten vorbei.

In dieser von Bergen umrahmten Beckenlandschaft tauchen immer wieder eingezäunte Grundstücke auf, teils mit Häuschen bestanden, aber alle unbewohnt. Man fühlt sich bereits nach einer halben Stunde Wanderzeit weitab, tatsächlich ganz weit weg, in Ruhe gelassen, schwitzt vor sich hin in der Frühsommerhitze eines wolkenlosen Mai–Tages, lässt die Blicke schweifen Richtung Bergumrandung.
Das nächste Mal werde ich mehr Muße haben, mir mehr Zeit lassen, mehr als jetzt unterwegs besichtigen. Heute aber zieht es mich weiter westwärts, durch unbekanntes Land, das erste Mal bedeutet immer mehr Getriebenheit, mehr Willen voranzukommen, denn man weiß nicht, wie lange es noch dauern, wie lange sich der Rückweg hinziehen wird.

Ein langer, relativ steiler Anstieg, nach der Taxiárchis–Kirche. Bei diesen Sommertemperaturen weiß man, was man da vollbringt.
Ich will es nicht glauben, aber südlich von mir, ganz in der Nähe, staubt ein Auto seines Weges. Meine tolle Anávasi–Karte weist nur einen Wanderpfad auf, die später erstandene Skái–Map (Edition 2009) im Maßstab 1:20.000 verzeichnet dagegen bereits die neue Erdstraße. Für Sífnos die zurzeit beste Landkarte.

Wenn man die Richtung Ajía Marína führende Staubstraße überquert hat, tritt man ein ins eigentliche, abgelegene sifnische Paradies.
Nach nur wenigen Schritten verzweigt sich der sehr gut in Schuss gehaltene Wanderweg. Geradeaus ginge es zur nahe gelegenen Panajía tou Ilíou (auch tou Nijíou genannt), nach links hin beginnt eine Art „Autobahn“ für Wanderer unterhalb des Psiló–Petáli–Berges entlang. Mit einem Mal steht man inmitten von Grün in einer fantastischen Wacholderlandschaft mit weißen Kirchlein als „landmarks“ und einem weiten Horizont nach West hin über die Küstenlinie hinaus. So versteckt und derart schön!
Deutlich unterhalb des oberen Wanderweges zeigt sich die Klosteranlage von Ájios Ioánnis, gar nicht so klein ist sie, doch ganz verlassen. Weiter unten noch das Kirchlein des Hl. Políkarpos. Und schon spitzt aus etwa 1 km Entfernung, etwas unterhalb einer Vorkuppe des größeren östlichen Bergstocks gelegen, etwas Weißes von Süd her aus dem Grün. Das muss mein anvisiertes Ziel sein!
Auf diesem Weg oberhalb von Ag. Ioánnis geht es sich so schön und bequem, dass man ihn nur ungern verlassen möchte. Der Wacholder steht zum Teil übermannshoch, das Panorama ist dennoch gewährleistet.

Vor besagter Kuppe geht es rechts ab, hinunter auf steinigerem Pfad, auch einmal durch eine Engstelle mit ein wenig Steigerei. Man dreht allmählich nach Süd hin auf die Kirchenanlage zu, fällt ihr sozusagen in den Rücken. Ist man auf der staubigen, gerölligen Plateaufläche einmal um die Ecke gebogen, kann man hineintreten in den schmalen Innenhof mit den seitlichen, länglichen Gebäuden zur leicht überhöht situierten Kirche mit ihrem durchbrochenen Glockentürmchen und der weißen Kuppel: Ágios Nikólaos t’Aeriná. Der Heilige Nikolaus in luftigen, windumtosten Höhen. Im Kircheninneren liegt ein Buch aus, in das sich Besucher eintragen sollen. So hinterlasse ich später Vorbeikommenden eben meine schwärmerischen Augenblicksbemerkungen.

Geht man, wieder außerhalb des kleinen Gebäudekomplexes, vor bis an die Plateaukante, blickt man aus großer Höhe hinunter auf die herrlich anzusehende, fast kreisrunde Bucht von Vathí und hinaus übers Meer Richtung Kímolos, Mílos, Políegos, Folégandros, Síkinos und bei klarem Wetter auch Richtung Peloponnes und wähnt sich dort oben so richtig abgehoben in einer fernen Inselgegend, die nur zu Fuß erreichbar ist, oder für Fußlahme neuerdings auf der Straße bzw. dem Feldweg (das erste Stück ist bereits geteert), die/der bei der kleinen Kirche Panagía t'Anemordhíli von der Straße Apollonía – Vathí in nordwestlicher Richtung abzweigt. Doch bis zu diesem heiligen Platz ist zum Glück noch kein Feldweg vorgeschoben.

Nun will ich eigentlich den Pfad an der Südseite des Bergkamms Platiá Ráchi entlang ostwärts weiterwandern. Ich finde ihn allerdings nicht, als ich auf den Hauptweg zurückgekehrt bin, meinen Abstecher zur Kirche wieder zurückgegangen. Wahrscheinlich hätte ich die lange Mauer nach links entlanggehen sollen, ich hab mich aber nach rechts gewandt und hab etwas später, unterhalb dieser düsteren verlassenen Bruchsteinhaussiedlung, neue Markierungen gefunden, die mich allerdings in die Irre leiten und in weit ausholenden Kurven über zwei Talschlüssen (mit entsprechend toller meerwärtiger Aussicht) schließlich zum in einem lockeren Wäldchen versteckten Kirchlein der Panajía tou Karjiávli führen. Auf keiner Wanderkarte mit Ausnahme der neuen Skái–Map ist diese durchaus gut erkennbare Wegalternative verzeichnet. Ein zumindest gefühlt recht langes Wegstück.

Im Umfeld der Karjiávli–Kapelle sind sogar etwa 50 bis 100 m des Pfades gepflastert.
Ich arbeite mich etwas später einen total zugewucherten schluchtartigen Hohlweg hinab, komm zu einem Sendemasten und einer Weggabelung, deren einer Arm nach Vathí hinuntergeht. Da ich mich aber in die andere Richtung absetzen will, es zudem für den Nachmittagsbus von Vathí her noch viel zu früh ist, nehm ich den Feldweg zur Ajía–Ánna–Kapelle, passiere sie und hoffe, dass es hinter dem Gehöft weitergeht – und tatsächlich, der Weg setzt sich fort. Nach einiger Zeit bin ich auf der Teerstraße von Vathí her angelangt, stiefle hin zur großen Kurve um das Quellenheiligtum des Taxiárchis Merisínis. Werde von sporadisch daherkommenden Mofa– und Mietwagenfahrern bestaunt.

Trotz des guten Untergrundes (er ist zumindest plan und nicht geröllig) zieht sich diese Strecke in der frühnachmittäglichen Hitze für meine Begriffe auch ganz schön. Ich bin froh, endlich die kleine Kirche der Panagía Anemordhíli gleich rechts der Straße erreicht zu haben, der dauernde Ausblick hinab zur Bucht von Platí Jaló und ihrem hübschen Hinterland hat das Kraut auch nicht Fett gemacht. Gleich linker Hand die Auffahrt nach Ágios Andhréas mit der mykenischen Akropolis. Von da oben würde auch der neu angelegte Feldweg zum entlegenen Kirchlein der Agía Marína abgehen.
Doch jetzt komm ich an einer ganz anderen Agía Marína vorüber, links der Straße. Noch ein guter Kilometer bis zur Gabelung der Straßen zu den zentralen Inseldörfern bzw. zum Hafenort Kamáres, dort wo die Anlage des ehemaligen Frójia–Klosters steht. Hier fühle ich mich fast schon zu Hause angekommen, denn gleich werde ich wieder die kleine Straße rechts hochsteigen und das ruhige Katavatí Schritt für Schritt seiner ganzen Länge nach in vollen Zügen genießen.
Gegenüber diesem Abzweig von der Straße zu Füßen des Ostabhangs des großen Propheten Ilías findet sich wieder der Einstieg zu dem, was ich diesen Vormittag angefangen und jetzt fast vollendet habe. Nach diesem erfolgreich absolvierten Großkreis brauche ich mich auf dieser Insel vor nichts mehr zu fürchten – es sei denn, es ginge zu steil bergab, für meine Knie.


Von Kamáres hinauf zur Mávri Spiliá, zum Heiligen Elefthérios und weiter

Nicht umsonst hab ich das holländische Lehrerpaar im Kafenío von Jánni in Apollonía kennengelernt.
Sie entpuppen sich als Weltmeister im Geldsparen auf Reisen, wohnen extrem günstig mit immerhin noch sehr hübscher Aussicht unweit der Hauptkirche des Ortes beim Treppenweg nach Katavatí, sind fest und zäh gebaut und für ihr Alter noch fit und logischerweise begeisterte Wanderer. Und sie lieben, trotz ihrer Fernreiseerfahrung, ganz innig auch Griechenland. Wir schaukeln uns gegenseitig ein wenig hoch, und wenn ich meine Absichten diese oder jene Wanderung betreffend andeute, ändern sie nicht nur einmal tags darauf spontan ihre ursprünglichen Ausflugspläne ab und kommen mir zuvor, ohne dass ich es ahne.

Heute aber wundere ich mich nicht, als ich sie im Bus nach Kamáres sitzen sehe und sie dann aber nicht etwa über Agía Marína, (schon wieder eines:) den Ortsteil von Kamáres am Ostende der Bucht, zum Heiligen Simeón aufbrechen, sondern nach etwas Herumstandeln (= unschlüssigem Warten) die jäh herabstürzenden Steilflanken südlich hinter Kamáres ins Auge fassen (!).
Sind wohl neugierig geworden. Ich mach erst mal einen Spaziergang rüber nach Ajía Ánna, auf dem Weg dorthin kann ich ihnen schön nachblicken, als sie mit einigen Schwierigkeiten endlich den Einstieg in einen nicht mehr so gut erkennbaren Zickzackpfad südwärts gefunden haben, nachdem sie eine Zeit lang um das Wasserrückhaltebecken dort oben am Ende des Feldwegs herumgeirrt sind.
Der Weg dort hoch ist nicht so leicht zu finden, und ich wollte ihn heute selber gehen.

Aber erst einmal eine mittägliche Stärkung im Posidhóna. Das Essen und der Wein haben mir tatsächlich nicht sonderlich geschadet (ich hatte das Tavernchen inzwischen lieben gelernt), als ich 45 min später meine Kräfte sammle für einen längeren Weg, der mich zunächst steil hochführen wird, vorbei an dem dunklen Loch einer schon vom Ort aus erkennbaren Höhle – eben der „Schwarzen Höhle“, der Mávri Spiliá.
Sofía, die liebe Wirtin des Posidhóna hatte beinahe die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als sie von meinem Ansinnen erfuhr. Ein einziges Mal in ihrem Leben sei sie da selber hochgestiegen, es war fürchterlich, und sie habe sich bis hinter zur Panagía Tóso Neró quälen müssen.

Vor dem letzten Haus am bergwärtigen Ortsrand steht palavernd eine Frauenrunde. „Wieder so einer!“, werden die wohl denken. Aber die beiden Holländer werde ich bestimmt nicht mehr einholen.
Auch mir bleibt die Suche nach dem Wegbeginn nicht erspart. Ich weiß nun aber zumindest, dass es einen geben muss. Der Steigungswinkel auf den schmalen Serpentinen hält sich in Grenzen, ins Schwitzen kommt man natürlich dennoch ganz gewaltig.
Die Höhle lasse ich links liegen, man kommt nicht direkt, aber sehr nahe an ihr vorbei. Vielleicht 100 m später biegt der Pfad nach Ost um und wird ab dem Rand eines Wacholderwaldes allmählich flacher.

Dieser Wald ist eine Sache für sich. Zwar wohltuend schattig und grün, aber mit einer derartigen Vielfalt von Wegandeutungen durchsetzt, dass es an ein Wunder grenzen müsste, verlöre man nicht über kurz oder lang den in Abständen markierten richtigen Pfad durchs Gehölz. Irgendwann war ich dann auch „lost“, doch das fordert einen ja nur zu mehr Durchhalten heraus und Sífnos ist schließlich doch insgesamt übersichtlicher als die Weiten der Weißen Berge Westkretas.
Ist aber trotzdem ein komisches Gefühl, wenn man in einer unbekannten Gegend am Berghang einfach draufloswandert.
Na ja, bald kommt ein ruinöser Turm in Sicht, auf den man halt in etwa zuhält. Der Wald hat sich gelichtet, aber man durchquert sehr wohl hinderliches Gestrüpp, sobald man die freien Flächen verlässt.
Unweit östlich der Ruine(n) stoße ich plötzlich auf einen riesigen offenen rechteckigen Schacht von gigantischen Ausmaßen. Erst rätsle ich herum, aber dann kommt mir in den Sinn, dass es sich hier um altes sifnisches Erzbergbaugebiet handelt, dem von Tsí(n)gura, dessen Überbleibseln der Wanderer teils auf Schritt und Tritt begegnet. Trotz einer Zufahrt zu seinen unteren Teilen von der Hauptstraße nach Kamáres aus wirkt es sehr abgelegen, und ich stehe deutlich oberhalb jeglicher Zufahrtsstraßen oder Feldwege. Gerät die Straße unten im Tal in mein Blickfeld, kommt sie mir unendlich weit drunten vor und sehr fern. Und ich mir umso einsamer. Man weiß wie nah letztlich doch die Zivilisation ist und kommt sich trotz allem so weit weg vor.
Höher und höher arbeite ich mich, und es geht nur mehr durch dichtes, nabelhohes Gebüsch über Stock und Stein, sehr kräftezehrend. Aber irgendwie glaube ich, ich sei doch noch auf viel zu niedrigem Niveau und der Weg viel höher oben. Eine Einzäunung mit Häuschen, zugewachsener Pfad. Auf einmal wähne ich mich dem Gipfel des Profítis Ilías ganz nah, traue meinen Sinnen kaum. Tatsächlich erkenne ich unweit über mir einen Berggipfel mit einem burgartigen Mauerring – vielleicht alles lediglich ein Werk der Natur? Oder im Zuge von Bergbauarbeiten aufgeschüttete Wälle? Sieht einem grauen Kastell auf Gipfelhöhe jedenfalls täuschend ähnlich. Als ich dann doch wieder einmal auf meine Anávassi–Karte blicke, wird mir klar, dass es nicht der Profítis Ilías sein kann, vielmehr ein westlicher Vorgipfel ist.

Irgendwo hab ich nicht aufgepasst und den ausgeprägt hangparallelen Hauptweg an einer buschigen Stelle offensichtlich bergwärts überquert. Nach einer guten halben Stunde (schätz ich mal) Wildnisdurchquerung oberhalb eines Schluchteinschnitts hat mein Kampf gegen die Macchia endlich ein Ende: ich seh mit einem Mal den völlig planen, schön erdigen, wenn auch schmalen Weg etwa 20 m unter mir. Es ist eine kleine Erlösung. Dermaßen bequem hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Bis zur Sendeanlage unweit oberhalb meines Klosterziels ist es jetzt ein Witz, ein echter Gehgenuss, eine ausgesprochene Unterforderung – ein Spaziergang (wenn man eben mal so weit oben ist, von Kamáres her kommend). Und schließlich zeigt sich die hellgraue, weißliche Kirchenfestung auf Gipfelhöhe des Profíti Ilía ganz leibhaftig. Doch noch ein schönes Stückchen höher droben.

Neben dem Sender mit Fernblick auf Teile Apollonías drückt man sich an einem Zaun entlang, bis es abwärts geht. Nach wenigen Minuten ist es erreicht, das Heiligtum des Ájios Elefthérios Kambás, ein ansprechendes und hübsch in prächtiger Aussichtslage platziertes, fest eingezäuntes Häuserareal. Besonders beeindruckend hier ein „Kelí“ (eine „Zelle“), ein ausgeschildertes Nebenhaus etwas oberhalb der Kirche. Es ist nicht verschlossen. Drinnen Betten, eine Küche, alles da, Pilger mit Übernachtungsabsicht sind willkommen.
In oder auf dem Steinsims vor der Kirche wieder ein Gästebuch, in das ich mich eintrage, mit einer knappen Wegbeschreibung.

Gemauerte Treppenstufen bilden den bequemen Abstieg, bevor alles wieder in den gewohnten pflanzenumwucherten Erdpfad ausartet. Irre lange Ameisenstraßen sind mit Vorsicht zu betreten.
Was nur die besondere schwarze Wespen– oder Bienenart vorhat, die nicht in den Blütenständen nach Nektar sucht, sondern sich wie wild auf die Blüten(staub)reste am Boden stürzt? Etwas derart Eigenartiges ist mir noch nicht vorgekommen. Dutzende von Metern bahne ich mir meinen Weg durch pechschwarze geflügelte Insekten – und hab Glück, nicht von ihnen gestochen zu werden.

Irgendwo endet der Pfad auf einem Feldweg, seine Einmündung ist ziemlich unscheinbar. Auf die Kirchen von Ajía Triádha und Theológos tou Mongoú hab ich heute keine Lust mehr. Sie sind nahe genug an den Hauptorten, um irgendwann einmal von dort aus besucht zu werden. Lass sie also links liegen, müder Wanderer! Wende dich nach rechts und folge dem Feldwegbogen, der sich über ein Örtchen mit Friedhof, die letzten 300 m geteert, hinunter auf die Hauptstraße etwa 1 km vor dem Ortszentrum von Apollonía hinzieht.

Auf ein Getränk ins Lakis, wenn es schon wieder auf hat nach der mittäglichen Schließung!


Miscellanea, um abzukürzen

Von sieben Tagen auf Sífnos, dieser so besonders Anmutigen, will ich nur Ausgewähltes berichten, nicht mehr alles.

Spätabends in den Gassen von Katavatí. Irgendwo wechsle ich seitlich aus dem Dorf und über die Straße und einen Verbindungsweg hinein ins abseitige große Dorf Exámbela.
Eine ganz besondere Stimmung entfaltet sich in der nachtstillen hübschen Kykladensiedlung. Kaum ein Mensch auf der Gasse. Mit etwas Mühe erfahre ich, es gebe hier nicht einmal ein Kafenío. Schade – irgendetwas Öffentliches in diesem Abseits wäre mir gerade sehr willkommen gewesen. Im Dunkel kreuz und quer durch die Gassen streunen, bis an die Süd- und Ostgrenze, über Treppen, Abgänge, durch Engstellen und um scharfe Ecken, an Kirchenvorplätzen vorüber. Das dumpfe Dröhnen von Fernsehgeräten hinter zugezogenen Vorhängen und Fensterläden. Stimmen älterer Hausbewohner. Weiter draußen Gärten und Hühner, so still wie der Ort selbst.

So viel haben mir die Morgende, Spätnachmittage und Abende gegeben, die ich im Kafenío Dhrakákis mit seinem gutmütigen und gewitzten Wirt Jánnis/Ioánnis verbrachte.
Ein lustiger Alter kommt täglich vorbei, erheitert die kleine Einheimischenrunde, ab und zu setzt sich ein Tourist – besonders sprachgewandt die Wienerin, die sich in einer nahen Unterkunft hinter der Hauptkirche am Treppenweg eingemietet hat – sie spricht wunderbar Griechisch, gibt sich als ein sehr selbstbewusster, anderen, neuen Fremden gegenüber reservierter Stammgast.

Einmal habe ich ein jüngeres deutsches Paar bei Jánni am Nebentisch, er ist Geologe, wohnt zusammen mit Kollegen im Hotel Stávros in Kamáres, sie ist für 1 Woche zu Besuch.
Eine norddeutsche Uni kartiert gerade die ganze Insel aufs Genaueste geologisch. Besonders interessant sei der Inselnorden mit echten Gesteinen, besonders die Gegend um die Bucht von Artimóni, wenig interessant dagegen der Inselsüden, lauter langweilige Ausschieferungen.

Ein Verwandter von Jánnis (Schwiegersohn?) zeigt mir seine Rooms unterhalb der Straße am östlichen Ortsrand mit Parosblick. Ein Gast und Pensionsbesitzer demonstriert mir auf meinen Wunsch die seinigen in einem netten Viertel, aber ganz dicht oberhalb der Straße. Bei ihm sind als Plus allabendliche Ouzo–Runden üblich, und es kommen viele Stammgäste. Eine andere Pensionsbesitzerin am westlichen Ortsrand, an einem Weg vom Lákis hinter gelegen, jammert mir vor, dass die Leute nichts mehr für ihre Komfortzimmer zahlen wollen, wo sie selber doch neulich in Wien so viel Geld für die Unterkunft ausgegeben habe. Aber Sífnos ist halt nicht Wien, und wenn es doch vergleichbar sein sollte, geben die Reichen ihr Geld lieber im neuen Luxushotel in der Bucht von Vathí aus – denke ich mir.

Im dem Kafenío Drakákis nahe gelegenen Restaurant im alten Kasten des Hotel Sífnos sehe ich deutlich mehr Essensgäste als im Vorjahr zu meiner Reisezeit. Die französische oder wenigstens Französisch sprechende Wander– und Malgruppe verbrachte ihre Abende gerne da.

Wunderbar das eine Essen in dem Ouzerí (oder nennt es sich Mezedhopolío?) am Westrand des Hauptplatzes von Artemóna. Unter herrlichen Bäumen liegt ein echter Tipp von Lokal. Sie haben mir auf Wunsch eine eigene große Mezé–Platte mit dem Allerfeinsten zubereitet, obwohl nur andere Gerichte auf der Speisekarte standen. Aber es waren kaum Gäste da, und die Griechen kommen, wenn überhaupt, eh viel später oder neuerdings eher nur auf einen Kafedháki.

Traumhaft die Wanderungen in Artemóna selbst und um dessen östlichen Ortsrand (diesmal, nachdem der westliche auch so viel zu bieten hat). Altes Griechenland, teils biblische Plätze, und es gibt sogar einfache Unterkünfte dort hinten/draußen, teils in unerwartet versteckter Lage.

Kástro wieder besucht. Die Atmosphäre wie üblich eher melancholisch. Ein Malkurs steht an allen möglichen Ecken und Rändern herum.

Meine beiden Terrassen morgens, abends, nachts: Ein Traum. Zum Schluss hat sich aber noch ein junges französisches Paar auf der einen hinzugesellt. Aussichtszimmer Nr. 2 war hiermit ebenfalls belegt. Dieser wunderschöne Kirchturm so nahe dran: Hat Suchtpotenzial.

Kamáres wurde zum Hauptstandort meiner (bescheidenen) Essensorgien (na ja …). Ich hab keine Kosten gescheut, entweder per Bus oder per Taxi in mein dortiges Stammlokal zu gelangen, und von dort wieder zurück nach Apollonía. Gut, dass es den einen Nachmittagsbus kurz nach 15 Uhr hoch in die Dörfer gibt.

Tadel von Mákis bekommen: woanders in Kamáres esse man viel besser als in meinem Stammlokal. Ich brauch aber nicht immer das beste Essen. Ich liebe einfache, geradlinige Kost.
Wie kam ich zu Makis? Na, an meinem letzten Tag auf Sífnos, beim Warten auf das Boot zurück nach Mílos, hatte ich ein paar Stunden Zeit für einen Spaziergang. Nach ausgiebigem letztem Mahl im P. zockelte ich nach Agía Ánna rüber, von dort wieder zurück. Hörte Stimmen drinnen bei Mákis. Dachte mir, ein Bierchen haben die sicher.
Es war jedoch eine private Essensrunde hinter dem Empfangsgebäude des Campingplatzes. Makis, seine junge Frau aus Frankreich, seine Mutter, andere Verwandte, zwei Gäste (die in seinen Zimmer wohnten, die er ja auch anbietet), ein wirklich kauziger alter Engländer und zu guter Letzt auch ich, der ich sofort und ohne mögliche Widerrede an den Tisch gebeten wurde – das heißt auf eine Bierkiste, denn alle Stühle waren bereits vergriffen. Es gab Revithokefthédhes, das sifnische Nationalgericht, dazu Wein und auch etwas Grünzeugs. Man sieht: ein paar Leute mehr als ich wissen ganz einfache Kost zu schätzen! Klar, so richtig geschmaust wird eh erst abends.
Ein richtig sympathischer Typ, der Mákis. Sagt einen sehr stürmischen Herbst in GR voraus, große Unruhen, die sich letztlich sogar bis zu uns in D ausbreiten werden, denn die Leute seien irgendwann am Ende mit ihrer Geduld bei den immer stärker zurückgehenden Einkommen …

Besonders lustig, laut und ungeniert eine sich sonnende Runde amerikanischer Frauen auf dem Beton einer kleinen Mole im Hafen. Fielen richtig auf. Mag ich ja eigentlich nicht so. Die sollte ich später als recht nette Zeitgenossinnen kennenlernen.

Copyright puchheim = MartinPUC, August 2010

Mílos – gleich noch einmal



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