Auf Skíathos
Copyright puchheim = MartinPUC, im April 2017


Skiáthos-Stadt

Angekommen auf Skiáthos – im „Schatten des Áthos“, wenn man die Bedeutung des Inselnamens durchleuchtet.
Wieder bin ich ziemlich angetan von der Topografie und schönen Lage des Küstenortes, in dem wir soeben angelegt haben. Faszinierend der Sperr-Riegel des ufernahen Hügels mit zahlreichen Aussichtspensionen, dem Kirchlein mit seinem markanten Turm und einem „Windmühlen“-Restaurant. Dahinter und nach West hin erstreckt sich das Gros der städtischen Bebauung.
Verschlafen liegt sie da, die so hübsche Stadt, als ich, vorbei an einer Fahrkartenagentur, noch vor dem morgendlichen Öffnen der Geschäfte mit meinen sieben Sachen in die Papadiamándis-Straße, die Hauptgeschäftsader, einbiege.
Sich einfach mal treiben lassen und sehen, was sich so ergibt, das ist meine heutige Devise. Man ist am Putzen, am Vorbereiten, der eine oder andere Kaffeeladen hat bereits aufgemacht, die potenzielle Kundschaft reibt sich zu Hause gerade die Augen. Es zeigen sich nicht einmal irgendwelche touristischen Nacht-Durchmacher, wir haben schließlich erst Mitte April und die Flieger aus Manchester und London starten erst im Mai mit Ziel JSI. Dann aber ganz dicke hintereinander. Die paar Condor-Maschinen aus Germany und von anderswo zählen dann im Vergleich zu dem, was pro Woche von GB und auch Italien her einfliegt, kaum.
Aber vielleicht bin ich etwas zu früh (am Morgen) eingetroffen?

Das eine Hotel fast am Beginn der Straße ist definitiv noch geschlossen. Also weiter in die hinteren Bereiche bis kurz vor einen Platz mit mehreren Tavernen.
Ein Radfahrer kommt auf mich zu, fängt mich ab und will mich in eine Unterkunft führen. Okay, mal sehen. Es geht um einige Ecken, schließlich am „Hotel Australia“ vorbei, dann rechts rum in die Evangelístrias-Straße.

Es ist das Hotel Kostís. Voller Genugtuung, mal etwas für die befreundeten Hoteleigner getan zu haben, präsentiert mich der Herr der noch relativ jungen Chefin namens Konstantína (Kosdandína).
Im Halbdunkel der Eingangshalle hab ich zuerst einen falschen Eindruck von den Qualitäten dieser Herberge, glaube, das Treppenhaus sei etwas schäbig, was überhaupt nicht stimmt. Ich lasse mir zwei Zimmer zeigen, nehm dann für einen guten Preis das zur Gasse hinaus, auf der zweiten Etage, denn es bietet auch einen Blick auf die Rückseite des Uferhügels mit dem Kirchlein drauf.
Sie haben außerdem eine große Dachterrasse für einen Rundblick über das umliegende Viertel. Dort oben gibt es auch noch ein paar Zimmer, die offenbar erst zur Saison vermietet werden.
Und sie bieten für vergleichsweise wenig Geld ein reichhaltiges, leckeres Frühstück an, das in seiner Fülle eher für Gourmands, Hochleistungssportler, ambitionierte Wandersleute und zu allem entschlossene Mountainbiker geeignet ist als für bloße Badeurlauber. Tags darauf lerne ich auch Jánni = „Johnny“, den Mann von Kosdandína kennen. Sie haben beide Archäologie und Philologie studiert, sind ca. Ende 30, haben 3 sehr brave Kinder und Jánnis spricht noch gut Deutsch, da er lange in Erding bei München gelebt hat und dort voll integriert war. Die Frau betreut die französischsprachige Kundschaft, der Mann die deutschsprachige.
Er macht geradezu einen Freudensprung, als ich mich als langjährigen Lexikographen, Phonetiker und Projektmanager zu erkennen gebe und ihm auch noch ein unter meiner Ägide in Kooperation mit einer Kollegin vollständig erneuertes größeres Wörterbuch Griechisch zeige. „O Dzónnis“ = „Johnny" interessiert sich extrem für Wörter, ihre Herkunft und die Entstehung von Sprache überhaupt. Er stellt mir ein diesbezüglich bedeutendes Werk von Níkos Vardhiabásis (Νίκος Βαρδιαμπάσης) vor: I Istoría mías Léxis.

Klar, zur Saison, spätestens ab Juni, steigen die Zimmerpreise hier stark an, und erst ab Mitte September bekäme ich mein DoZi wieder als EZ zu diesem Preis unter 30,- Euro (Frühstück geht extra), sagt mir die nette Chefin.

Als Erstes suche ich dieses letzte alte Ouzerí-Kneipchen am Alten Hafen um die Ecke vom Fährenanleger auf, das in meinem Reiseführer erwähnt wird. Na ja, „alt“ ist relativ, das Kambourélis ist aufgemöbelt wie seine zahlreichen Nachbarn, dient allerdings am Morgen als Treff für die Alten. Als Tourist sitzt man da unter den kritischen Blicken der Einheimischen und lässt sich sein Frühstücksomelett und den winzigen Nes schmecken, während sie sich mit einem Kafedháki begnügen. Ein einziger Langzeittourist, schon sichtlich angeschlagen, macht es sich quasi als Überbleibsel der ehemaligen Szene direkt neben der eigentlichen Lokalfront am Gehweg hinter dem Markisenbereich gemütlich.
Ich frage, ob ich bei Ihnen scharf eingelegte Fischchen (die beste kulinarische Erinnerung an Alónnisos) bekäme – das führen sie leider nicht, wären aber willig, mir alles Erwünschte zuzubereiten. Den Mann, der mir das versprochen hat, sehe ich an den Abenden nicht mehr wieder. Leider ist die Speisekarte in Sachen Mezé nicht gerade vielfältig. Deshalb bestelle ich abends lieber Nudeln mit Garídhes, und die sind wirklich köstlich, haben allerdings ihren Preis.
Im To Mourágio an der Hafenpromenade nahe der Busstation versuche ich zwei Tage später dasselbe Gericht mit den Garídhes, es ist dort 2 Euro günstiger, schmeckt aber nicht so fein.

Skiáthos-Stadt zeigt sich relativ weitläufig für einen Fußgeher. Mehrere Hügel gliedern die Ortschaft in ineinander übergehende Viertel. Eine ziemlich interessante Topografie. Im Hintergrund Wälder auf steil ansteigenden Hängen. Nachts angestrahlte hübsche Kirchtürme krönen die südwestlichen Stadthöhen. Mir gefällt es hier. Ursprünglich hatte ich mir vorgestellt, man müsse unbedingt ein Zimmer mit Meerblick auf einem Aussichtshügel ergattern. Nun weiß ich, das brauche ich gar nicht, es gefällt mir genauso gut mitten in der Stadt.
Ich weiß auch einige kleinere Pandopolía oder Lebensmittelmärkte zu schätzen, mache zu ihnen gern etwas weitere Abstecher. Nach ein paar Tagen fühlt man sich in den vielen Gässchen wie zu Hause. Nur schade, dass eine Menge empfohlener Lokale im April noch im Ruhezustand vor sich hindämmern. Deshalb ist es in den Straßen bestimmt auch viel ruhiger als etwa im August.
Einmal steige ich von meinem Hotel aus auf den langgezogenen Wohnhügel hinter der Neuen Paralía hoch. Zuerst gelange ich zu der Windmühle, einem Restaurant, das gerade auf Vordermann gebracht wird und wo es sich auf mehreren Plattformen speisen lässt – später im Jahr. Hübscher Aussichtspunkt.
Ein sehr ruhiges Viertel, die Stille wird nur das Geschrei spielender Kinder unterbrochen. Weiter südlich gelangt man schließlich zu einer Aussichtsfläche unter Bäumen mit Restaurant und dem bekannten Ag.-Nikólaos-Kirchlein mit seinem isoliert stehenden Glockenturm. Ein idealer Platz, um zur Ruhe zu kommen und seine Blicke über Stadt und Meer schweifen zu lassen. Hier oben findet sich auch eine Kiste mit Katzen-Trockenfutter, offenbar von der Stadt spendiert. Ich nehme mir etwas davon als Vorrat.

Für mich steht fest: Hier könnte ich noch zahllose Entdeckungen machen. Auch die Stadt ist eine Wiederkehr wert, nicht nur ihr großartiges Hinterland. Allerdings nur vor Saisonbeginn oder nach Saisonende. Ich möchte wirklich nicht wissen, welche Menschenmassen sich ab Ende Mai durch das Städtchen schieben und die ausnehmend schönen Inselstrände bevölkern.


Wanderung zum Moní Theotókou Kechriás

Das angeblich älteste Inselkloster liegt in der Tat wunderschön in splendid isolation auf einem kleinen Plateau über der mittleren Nordküste. Gerade noch eingerahmt von üppigsten Wäldern, durch die ein grandioser Wanderpfad führt.
Wagemutige können natürlich im Mietwagen den einen steilen Kilometer schlechte Erdpiste von der Straße zum Kástro aus vorsichtig hinunterbremsen – dauert nur ein paar Minuten.

Bedingt wagemutig bin ich zwar, aber auf einen Mietwagen verzichte ich gern, ist die Insel doch nur etwa 13 km lang und maximal an die 6 km breit und ein ausgesprochenes Wanderparadies.
Doch das Wandern dort hat es in sich, denn erst einmal muss man sich erstaunlich steile Berghänge hocharbeiten, will man es speziell in der Insel-Osthälfte wandermäßig zu etwas bringen. Dennoch bewegt sich das alles im Vergleich zu einer Weitwander-Großinsel wie Kreta in einem sehr menschlich und bescheiden dimensionierten Rahmen. Anstrengend kann es allemal werden.

Erstmals also zur „Busstation“ am Nordende der Neuen Paralía hinter einer Parkanlage. Ich treffe einen geparkten Bus an. Sein Fahrer macht gleich Pause. Der andere Bus käme in wenigen Minuten.
Soll ich ins Café auf der anderen Seite der Ausfallstraße gehen oder am Kiosk was zu trinken besorgen? Nein, das braucht es jetzt nicht. An einen Baum gepinnt ein Fahrplan zum bedeutendsten Inselkloster, dem Moní Evangelístrias. Der galt jedoch nur für die Karwoche inklusive Ostern, da hätte ich einige Tage früher hier sein müssen. Nach Ostern wurde die Linie wieder vollständig eingestellt und wird erst später in der Saison erneut in Betrieb genommen.
Jetzt, im April, gibt es ausschließlich die eine und einzige Buslinie die Südküste entlang mit Endstation Koukounariés-Strand und Strofiliá-See. Alle Haltestellen sind nummeriert und es sind ungefähr 25 Stopps.

Ich erwische einen sehr fremdenfreundlichen Buslenker, der sofort im Bilde ist, wo er mich rauslassen muss, damit ich über das Ájios-Andónios-Kirchlein den Einstieg in den richtigen Wanderpfad erreiche.
Es geht hinten um die Stadt herum, ich hätte auch am Westrand der Innenstadt zusteigen können. Aber bei einem Preis von unter 2 Euro für die Fahrkarte ist das ziemlich egal. Für die ganze Strecke bis zum Endhalt wären 3 Euro 60 fällig, wenn ich mich recht erinnere.

An einer eher unschönen Straßenstelle werde ich rausgelassen und steige eine Abkürzung über weitgehend zugewachsene Stufen zu einem Nebensträßchen hoch, das sich bald sehr steil hangaufwärts erstreckt und mich gewaltig ins Schwitzen bringt. Dafür werden Meter für Meter die Rückblicke auf Stadt und Meer grandioser, während ich die Hoffnung hege, dass das alles bald ein waagrechtes Ende findet.
Nachdem ich vielleicht gut zwei km gegangen bin, mehrere beeindruckende Hauspaläste passiert, mich oben nach West gewandt habe, komme ich auf eine Staubstraße. Nordwärts geht bald eine neue breite Erdpiste ab. Von hier aus eröffnet sich ein überwältigender Blick in eine weit ausladende Talung nach Nord hinein sowie auf die Westhälfte der Insel und darüber hinaus zum Pílio und nach Évvia. Unter mir einige weitere, teils fast rötliche, breite Erdstraßen, ein ideales Radler- und auch Wanderrevier. Hoffentlich werden diese Pisten nicht in Kürze asphaltiert. Auf den Hängen dichtester, grünster Wald, herrlich anzusehen.
Hundert Meter weiter stehe ich am Eingang zu einem Kirchengrundstück und freu mich auf mein Kapellen-Zwischenziel. Doch weit gefehlt, es handelt sich um die Ajía-Äkateríni-Kirche, nicht um die des Hl. Antonius. Ich kann nicht böse darüber sein, denn das Missgeschick des Busfahrers hat mich zwar ein Stückchen zu weit westlich, doch in eine andere tolle Inselecke gebracht.

Nicht schlimm, ist eh alles ganz nah beisammen auf Skiáthos. Dann geh ich eben ein Stück zurück und folge etwas später der Teerstraße nach Nordost. Bis zum Hotel Paradise sind es nur wenige hundert Meter, ab da vielleicht noch 700 m Aussichtsstrecke bis zum unscheinbaren Einstieg in den Wanderpfad an einer markanten Kurve, vor der die serpentinöse Staubpiste zu den nördlichen Stränden abzweigt.

Ab da wird es geradezu paradiesisch, man möchte seinen Augen nicht trauen. In völliger Einsamkeit stapfe ich den schmalen Weg durch den Waldrand, durch das Baumdickicht aus vielfältigsten Arten schimmert immer wieder die weite Talung nebenan durch. Wie gut das tut, so ein naturbelassener, stiller Weg in urigster Natur. Ich bin in Hochstimmung, so was Schönes hatte ich nicht erwartet. Und die Herrlichkeit sollte noch knapp zwei Stunden so weitergehen. Keine Menschenseele außer mir, dank der Frühlingszeit Mitte April. 1-A-Wetter, ideal zum Wandern.
Man trifft im ersten Wegteil relativ bald auf einen Feldweg an einer Lichtung, den man etwa 50 m nehmen muss, bevor irgendein Pfahl den Verdacht erhärtet, dass es hier wieder rechts auf einen Pfad abgehen müsste.

Nun zieht es sich auf und ab dahin, bis zu einem Anstieg zu einer Wiesenfläche mit einzelnen Bäumen hoch. Schon zuvor leuchtet von ganz oben auf Bergeshöh ein weißes Haus herunter, das man für sein Ziel hält, aber weit gefehlt.
Weiter in nordwestlicher Richtung, etwas anstrengender Aufstieg auf ein kleines, teils felsiges Vorgipfelplateau mit himmlischer Aussicht – eine wunderbare Stelle zum Verweilen und Glücklichsein. Dann wieder Eintauchen in den Wald.

Nun geht es teils steil hinunter, man muss aufpassen nicht auszurutschen, Stöcke empfohlen. Kein leichter Weg hier, wirklich nichts für Sonntagsspaziergänger.
Wann kommt denn nun endlich das Kloster? Kann doch nicht mehr so weit sein.
Ein Wald, der eher urwaldartige Dimensionen annimmt. Kaum zu glauben, auf dieser ausgesprochenen Touri- und Badeinsel. Wie viele Besucher sich wohl dieser Naturschönheiten nie bewusst wurden und werden? Klar, schön grün, Blick aus dem Autofenster, „Pinien“, wie man liest.
Ich muss gestehen, ich wurde ungeduldig. Wie weit kann das denn noch sein?
Auf einmal wieder eine Lichtung. Unschön ins Land geschobene grobe, zerschrundete Erdpisten. Wollte ein Bauer sein Grundstück erschließen?
Jedenfalls ist der Wanderpfad zerstört, verschwunden, und ich irre schräg hangaufwärts bis zu einem Zaunprovisorium vor dem Wald, an dem alles endet. Zurück, alles wieder runter. Zum Glück erspähe ich, von oben kommend, den übrig gebliebenen Rest meines Wanderweges. Gleich normalisiert sich die Strecke wieder. Ein Bachlauf, kühle Feuchte. Eine lange, ockerfarbene Schlange, Durchmesser wie ein Ei, huscht auf der Flucht über den Weg.
Hinauf und hinunter. Ein größerer Bachlauf ist zu überqueren. Ein letzter Anstieg. An dieser Stelle zieht sich der Urwald den Bachlauf entlang zum Strand hinab. Ich aber steige hoch, bis ich schon fast über dem vom Weg aus eher versteckten Klösterchen stehe. Es findet sich aber bald ein kurzer Pfad zum oberen Eingang des heiligen Ortes.

Endlich am Ziel! Was für ein hübscher Hof mit lebhaft sprudelnder Quelle, rechts die kleine Kirche mit ihrer wunderschön pink und hellblau angestrichenen Rundkuppel mit spitz zulaufendem Schieferdach. Ein toller Farbfleck inmitten des umgebenden Grüns. Mir gegenüber ein zweistöckiges Wohngebäude mit Treppenaufgang. Man kann zwar auf der unteren Terrasse Platz nehmen, doch alle Räume sind verschlossen. Dafür ist die Kirche geöffnet, ein netter, wenn auch nicht gerade spektakulärer Innenraum. Kein Besucherbuch. Brotzeit auf einer Sitzgelegenheit am talwärtigen Rand des ehemaligen Wohntraktes. Der Frieden des Ortes erinnert mich an das so entlegene Moní Taxiarchón auf Skópelos. Hier wie dort bin ich ganz allein und lasse die wohltuende Stille auf mich einwirken. Der Weg hat sich für mich gelohnt. Es war eine der allerschönsten Wanderungen, die ich je in GR gemacht habe!
Noch dazu auf dieser so kleinen Insel, auf der ab Mai täglich mehrere Flieger hauptsächlich aus GB und natürlich auch anderen Destinationen ankommen. Hauptsächlich Badetourismus.
Man muss als NaturliebhaberIn im April kommen, im Frühling. Juni ist nicht mehr „Frühling“!!! Juni ist eher was für Badefans.

Durch das größere untere Tor erreiche ich den Vorplatz, eine Stellfläche für Pilger- und Touristenautos. Ein ca. 1 km langer, steiler Feldweg in ziemlich schlechtem Zustand schlängelt sich zur Asphaltstraße Richtung Kástro bzw. Hauptort hoch.
Links zweigt ein anderer Trail ab, ich glaube, der ist für Mountainbiker und Geländemaschinen gedacht.
Hochkeuch!
Nein, da oben wartet kein Taxi auf mich!
Erst mach ich ein paar Schritte Richtung Kástro, an einer Ruine vorbei, großartige Sicht auf die Wälder und Abhänge der Nordküste. Dann überleg ich’s mir doch anders. Heute lieber nicht noch bis zum Kástro, das wird zu viel.
Ist ja schon weit genug, der Rückweg nach Skiáthos-Stadt.

Auf breiter Teerstraße steige ich hoch bis über den Bergkamm. Die Inselhöhenstraße, voll und breit ausgebaut, auf die ich jetzt rechtwinklig stoße, geh ich nach Ost hin weiter. Ziemlich weit, allerdings göttliche Aussicht, kaum ein Auto, unglaublich.
Endlich der Abzweig zur Taverne Plátanos. Nun folgt ein sehr langgezogener, verdammt steiler, in die Knie gehender Abstieg über mehrere Kilometer. Wenige Jahre zuvor hätte ich das nicht geschafft. Nun wundere ich mich über mich selbst. Nur gut, dass ich vorsorglich mein homöopathisches Gelenk-Wundermittel bereits tagelang eingenommen habe (ist nur mehr in einer einzigen Apotheke in Starnberg erhältlich), und es hilft.
Irgendwo kürze ich ein Stück ab, nehme einen ziemlich verkommenen markierten Wanderweg. Schön ist es hier oben - glücklich jene, die eines der Häuser und Gartengrundstücke ihr Eigen nennen!
Ich erreiche das Hühnerstall- und Wachhundeland über der Stadt und Gott sei Dank bald auch den Scheitelpunkt der großen Kurve der Umgehungsstraße mit einer nahen Bushaltestelle.
Nachdem mir eine Bulgarin keine Auskunft geben konnte, ob es besser linksrum oder rechtsrum zu gehen wäre, wende ich mich auf dem relativ verkehrsreichen Asphaltband nach links und erreiche einen großen Einkaufsmarkt, eine Tankstelle und schließlich den Bushalteplatz kurz vor der Neuen Paralia.
Geschafft! Fast ein Rundkurs zu Fuß.

Wenn man von dort oben runterblickt, wirkt die Stadt weit entfernt. Nach den ersten Schritten bergab ist einem das ziemlich egal und man ist schneller unten als man denkt – wenn man nicht ständig daran denkt und die hübsche Umgebung und als Dreingabe den prächtigen Rundblick (inkl. Flughafen) zu genießen weiß.

Irgendwie alles zu Fuß machbar, auf dieser grünen Insel!


Wanderung zum Moní Panajías Ikonístrias

Bis Troúl(l)os lass ich mich im Bus kutschieren –als fast einziger Fahrgast, neben einigen Balkanesen auf dem Weg zu ihrer Arbeit. Bei der anschließenden Ortsdurchquerung zu Fuß Richtung NW und Nord fallen mir einige herrliche Gartengrundstücke auf, ihre Zierbüsche und exotischen Baumarten lassen mein Herz höher schlagen. Ein herrlicher, nicht zu warmer Sonnentag und eine derart wohltuend schöne Szenerie! Schon wieder bin ich begeistert.
Engländer und Waliser (Welshmen and –women) stehen abfahrbereit vor ihren Benzinkutschen herum und lächeln mir ins Gesicht, auf der Terrassenkneipe schon nahe dem nördlichen Ortsrand lese ich eine rein englische Aufschrift, britische Besitzer, vermute ich stark. Ich nehme an, die Brits lieben diese Inselgegend (eigentlich die ganze Insel) und haben sich zuhauf hier eingekauft.
Man gibt mir einen Tipp: Immer geradeaus and up the hill!

Ja, tatsächlich, ich wandere heute die ganze Zeit auf der Teerstraße. Wäre sie nicht fast autofrei, würde mich das stören. So muss ich mich lediglich mit den in einem bestimmten Rhythmus immer wiederkehrenden Schotterlastern abfinden, die dort oben kurz hinter meinem Wanderziel ihre tonnenschwere Last in Empfang nehmen und zu den Baustellen am südlichen Küstensaum karren. Die Fahrer und ich, wir kennen uns mit der Zeit. Wie schön doch das parkartige Nordende des Dorfes ist. Ein Staubweg führt einen Bach entlang zu einer großen Ferienanlage da hinten im Baumland.

Angesichts der erfrischend grünen landschaftlichen Kulisse zu beiden Seiten lässt es sich sehr schön gehen auf dieser Straße. Hat man „den Hügel“ überwunden, senkt sich das Teerband sanft in ein Tal hinunter, der Wald tritt insbesondere auf der Westseite näher heran. Ein paar Wege zweigen nach West und Ost hin ab, Gelegenheiten für spätere Entdeckungen, vielleicht per Rad.
Da oben Richtung Nordost zeigen sich bereits weißliche Häuserflecken, vielleicht ist es mein Wanderziel?

Je näher ich dem Abzweig hinauf zum Kloster komme, desto schmaler scheint die Straße zu werden. Direkt an besagter Stelle setzt sie sich nordwärts, hin zum Großen Asélinos-Strand, als recht schmales Nebensträßchen fort, während sich Richtung Kloster eine wie neu wirkende breite Teerpiste in Haarnadelkurven die Bergflanke hinaufschlängelt.
Dieses Stück ist ein wenig langweilig, und hier stören die Schotter-LKWs auch ziemlich. Na, ich hätte ja auch den Wanderweg nehmen können, aber ich wollte es heute etwas bequemer haben. Für die Mühe des Anstiegs wird man bald durch neue Ausblicke nach Süd hin entschädigt, die ich an einem plateauartigen Rastplatz vor einem umzäunten Landstück auch genieße.

Was bellt denn da so laut ganz in der Nähe? Werden jetzt wieder einmal Bestien auf mich losstürzen?
Quasi als Vorposten ist draußen über der Straße vor einer breiten, schuppenartigen Flachbautenfront ein schwarzer Kläffer in Stellung. Er tut seine Pflicht, bleibt aber oben auf seinem Hügel unter den Bäumen.
Mir wird bald klar, dass es sich um den„Dog Shelter“ handeln muss, den englische Tierfreunde mithilfe des Klosters Evangelístrias, das ihnen Land zur Verfügung stellte, hier oben im Abseits ohne Strom und fließendes Wasser eingerichtet haben.
Zwischen der Großfläche der Insel-Müllkippe mit eigenem Zufahrtstor ein Stück unterhalb und dem Ikonístria-Kloster schräg gegenüber hat sich also eine karitative Hundehilfe etabliert, die von den Beiträgen ihrer Mitglieder und von Spenden lebt.
Ich gehe auf die zwei Frauen im Eingangsbereich zu und zücke mein Portemonnaie, hole einen größeren Schein raus. Sie können mir nicht sagen, wie viele Schützlinge sie gerade betreuen – vielleicht so an die 200?

Nicht mehr als etwa 200 m sind es vom Tierasyl bis zum Kloster der Panajía Ikonístria (auch Panajía Kounístria bzw. Kounístra genannt). Gleich unterhalb zweigt ein weiteres Sträßchen zum Kleinen Asélinos-Strand ab, das nach wenigen Metern zur Staubpiste wird. Eine sehr gepflegte Anlage mit hohen Bäumen, Blumen und Topfpflanzen, dieses Kloster der Inselheiligen, man merkt es sofort. Kein Wunder, wohnt doch eine ältere Frau, die sich um das Häuserensemble kümmert, gleich in dem einfachen, weiß gestrichenen Häuschen hinter der überdachten Rastzone für die Besucher, wo ich meinen Rucksack abstelle.
Kaum hab ich das getan, melden sich zwei Hündchen, schießen hinter dem Haus hervor und gschafteln herum – alles andere als Monster, viel zu klein. Ihr Frauchen, die Klosterwärterin, lässt sich nur ganz kurz blicken. Nein, ihre Hunde kämen nicht aus dem nahen Tierasyl.

Leider ist sie von außen betrachtet nicht so schön wir ihr Gegenstück im großen Evangelístrias-Kloster (Warnung: Wer auf Google Maps „Ekklisia Panagia Ikonistria“ anklickt, kriegt die falsche Klosterkirche, die des Evangelístrias-Klosters mit ihrer Bruchsteinfassade und den drei Kuppeln, präsentiert!!! Die übrigen Fotos scheinen aber zu stimmen), die weiß angestrichene Klosterkirche mit ihrer Kuppel, darauf das inseltypische graue Steinplattendach – das restliche Kirchenschiff ist mit modernen roten Dachziegeln gedeckt. Es ist von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden umstanden. Mönche oder Nonnen leben hier keine mehr.
Der Innenraum mit Vorraum ist in mystisches Dunkel gehüllt, die Fresken, meist aus dem 18. Jahrhundert, sind bereits stark verblasst und verschwommen. Wie üblich, fehlte der Etat für eine Restaurierung. Dafür wurde der Außenbereich umso adretter hergerichtet. Der lässt keine Wünsche offen.

Durch den Durchgang zwischen den beiden hinteren Häusern geht es weiter zu einer Grasfläche linker Hand, auf der nach rechts ein Wanderpfad zum Ioánnis-Krifós-Kirchlein beginnt. Ich gehe ihn nur etwa 200 Meter, denn er ist so zerrachelt und vom Winterregen und Schneeschmelzwasser auf eine schmale zentrale Furche hin geformt, dass man ihn kaum begehen kann.

Also wieder zurück, nochmaliger Bello-Empfang, dann hinaus durchs Tor auf die Straße und den ganzen Weg zurück nach Troúl(l)os. Dort warte ich fast eine halbe Stunde auf den Linienbus, der mich weiter nach Westen zum Koukounariés-Strand bringen soll. An dem Riesenhotel plus Restaurant im Ortszentrum nahe der Bushaltestelle wird noch emsig herumgebastelt, - gestrichen, -renoviert. Alles noch geschlossen. Nirgendwo finde ich einen Laden, aber es ist ja noch Nachmittag, abends sieht es vielleicht anders aus.


Koukounariés-Eindrücke

Man muss einfach hin, ein Karibik-Strand der Extraklasse soll es sein, der Vorzeigestrand der Nordhälfte Griechenlands.
In den dreieinhalb Tagen, die mir auf meiner Ersterkundungstour auf der Insel zur Verfügung stehen, sollte ich zumindest mal die Highlights abklappern. Im Fall von Koukounariés will ich’s einfach auch hinter mich bringen, ehrlich gesagt.
Ist eigentlich viel zu früh für eine Strandbesichtigung, erst Mitte April, keine Lust auf ein kühlendes Bad im Meer.
Von Troúl(l)os aus fährt man dorthin durch den Wald bzw. dicht am Wald entlang. Es werden in diesem Westteil der Insel tatsächlich immer mehr Kiefern, die Baumvielfalt nimmt ab.

Er kommt mir fast wie eine Insel auf der Insel vor, der äußerste Westen von Skiáthos. In dieser Ecke geht es wirklich nur noch um eins: ums Baden im Meer an einem der zahlreichen umliegenden tollen Strände.
Wanderer haben es dort ab Mai bestimmt nicht leicht, werden sie doch stets von fußläufigen wie KFZ-, Quad- etc. –bewehrten Sonnenanbetern auf dem Weg zum Erfüllungsort ihrer Träume verfolgt und ausgebremst. Das erlaube ich mir ruhig zu raten, ich hab schließlich den neuesten Internet-Werbefilm der Gemeinde Skiáthos genau im Gedächtnis, und wenn da Strände gezeigt werden, dann sind sie vielreihig mit Sonnenschirmen und Publikum bestückt und erinnern von ihren Menschenmassen her ohne Abstriche an S’Arenal bei Palma auf Malle. Ich gönne es jedem, diese wunderschönen Strände zu genießen, mir selbst wäre der Rummel aber zu viel.

Der große, etwa einen knappen Kilometer lange Traumstrand von Koukounariés ist der von allen Stränden in der Gegend am leichtesten erreichbare. Die Endhaltestelle der Inselbuslinie befindet sich am noch ungeteerten Großparkplatz 100 Meter hinter dem westlichen Strandende.
Leichte Erreichbarkeit bedeutet auch Massenbetrieb, zumindest im Sommer. Wenn ich mir auf Flightradar24 anschaue, was zurzeit, Ende Juni / Anfang Juli, da ich diesen Bericht schreibe, an Flugzeugen jede Woche auf die Insel einschwebt, könnte mir fast bange werden. Kleine Insel – überaus viele Touristen! Umso voller die Strände.

Nichtsdestotrotz ist die Gegend hinter dem Märchenstrand von großer Schönheit. Lagunenartig erstreckt sich ein See, der Límni Strofiliás, hinter dem feinsandigen Koukounariés-Strand, ein 200 bis 250 m tiefes Kiefernwäldchen breitet sich zwischen Strand und See aus.
In dieses (frühere, bestenfalls) Naturschutzgebiet kann jedermann leicht eindringen, der See lässt sich gut zu Fuß umwandern. Das habe ich im Ostteil auch gemacht, dort, wo sich der Binnensee zu einem Fluss verengt und sich gegenüber dem Luxushotel Skiáthos Palace ins Meer ergießt. Über eine Holzbrücke gelangt man ans andere Ufer, und wenn man den Parkplatz überquert und sich wieder westwärts wendet, kommt man zurück ins Traumland, das hier eine große, breite Wiesenfläche mit locker eingestreutem Baumbestand darstellt.

Ein Trampelpfad mit Verpackungsresten der letzten Saison quert dieses Wiesenstück hin zu einer weiteren Bushaltestelle in der nördlichen Hotel- und Restaurantzone.
Schlimm fand ich nur, dass nicht nur der Trampelpfad, sondern auch die Seeuferbereiche hinter dem Traumstrand allerorts hässliche Spuren der vergangenen Badesaison 2016 aufwiesen: Speziell am Binnensee überall Müll, Verpackungen, Flaschen, die zuhauf am Ufer herumliegen. Man hat es nicht für nötig befunden, den Winter über da mal aufzuräumen. Ich hoffe für alle 2017-Badetouris, dass der hingeworfene Müll dort inzwischen entsorgt wurde. Und noch was: Dass die neue Generation von Erholungsuchenden ihren Abfall selbst wegtransportiert. Sicher ein vergeblicher Wunsch.
Übrigens: Am 19. April 2017 haben sich bereits etwa 10 - 15 Leute am Koukounariés-Strand gesonnt, einige davon sogar gebadet.

Außer dem Skiáthos Palace sind die meisten Hotels und anderen Unterkünfte in einigermaßen dezentem Abstand von diesem „Biotop“ angesiedelt – entweder an oder hinter der großen Zufahrtsstraße oder sogar irgendwo im Wald versteckt. Viele so dezent, dass sich ihre Insassen lieber zum Banana Beach oder zum Ajía Eléni Beach begeben, also zur Entlastung des südlichen Megastrandes beitragen. Und es haben sich bestimmt noch andere Strände rumgesprochen, die man lieber mit einem fahrbaren Untersatz aufsucht, wenn man sich zu den Gehfaulen bekennt. Vielfache Sonnenschirmreihen mit Liegen jetzt mal außen vor – die gibt es da überall.

Ich persönlich würde lieber im Mai in diese Gegend kommen als im Juli oder August. Zum Wandern sowieso am liebsten im April. Aber so oder so. Im Ostteil und im Zentrum der Insel fühle ich mich bedeutend wohler!
Ich entdecke zu meiner Reisezeit eine komplett andere Insel als Ihr im Juni, Juli, August oder September, Leute!


Vom Moní Evangelístrias nach Kástro und zurück in die Stadt

Heute hab ich Großes vor und schleiche mich aus dem Hotel, noch bevor das Frühstücken beginnt. Ein bisschen was zwischen die Zähne krieg ich auch in einer der Snack Bars oder Bäckereien, inklusive Kaffee. Proviant hab ich eingekauft, als Krönung ein Bier für die Mittagspause.

Also runter zur Neuen Paralía, auf zu den morgendlich arbeitslosen Taxitzídhes (Taxifahrern). Die wollen es gar nicht glauben, dass so früh am Morgen einer der ersten Touristen im Jahr was von ihnen will. Mhmm, zum Moní Evangelístrias / Evangelistrías oder, wie kirchliche Stellen es nennen würden, zum Iéra Moní Evangelismoú tis Theotókou (Skopélou). Eine bekannte Strecke für meinen Fahrer, eine gut asphaltierte, kein Problem. Waren es 10 oder 11 Euro? - egal, ich hab’s mir nicht gemerkt.
Nachdem er mir vom Parkplatz vor dem Kloster noch einen weißlichen Punkt da hinten im nördlichen Wald gezeigt hat, das sei wohl das Kloster des Hl. Charálambos, krieg ich von meinem Fahrer noch eine Verhaltensregel für Treffen mit Fídhia (Schlangen) mit auf den Weg: Irgendwas von sich wegwerfen, das lenke die giftigen Reptilien von einem selbst ab. Besser noch, denke ich: Nicht drauftreten!
Nun, im Inselhauptkloster werde ich vor ihnen sicher sein – oder? Aber ich mach mich ja gleich auf zu einer längeren (eher langen) Wanderung.
Als erster Tagesgast betrete ich das Nationalheiligtum, in dem das Urbild der griechischen Flagge aufbewahrt wird. Wenige Kilometer waren es nur bis zu diesem Ort im zentralen Bergland des herrlichen Inselostens.

Die unsichtbare Alarmglocke läutet, als ich einmal um die alte und imposante, zentral positionierte Natursteinkirche mit ihren drei Kuppeln und dem Steinplattendach herumgeschlendert bin.
Ein äußerst wohlgenährter und -beleibter Mönch, Typ „mitten im Leben, freundlich, für leibliche Genüsse aufgeschlossen, nah vorm Platzen, Vorsicht: hohe Sprengkraft!, aber gutmütig dreinschauend“, eilt aus seinem Wohntrakt heraus dem Souvenirladen zu, um ihn aufzuschließen. Weit gefehlt, Phile! Keine derart frühmorgendlichen Einnahmen, die Geldsäckel werden erst später geöffnet. Ich bin zum Wandern da, nicht zum Shoppen und Schnaps-Degustieren in Deinem Laden. Das nächste Mal dann.

Wo ist nur das Hintertürchen? Nichts wie weg aus diesem religiösen Zentrum mit einer guten Prise Geschäftssinn! (Hier isst man bestimmt gut, wenn man es mal ins Refektorium geschafft hat.)
In der rechten hinteren Ecke ist es, das Türchen – schwupps bin ich entfleucht, seh mir die Klostermauern von außen an. Steil ansteigende Waldhänge draußen vor der Tür. Doch abwärts heißt es zu steigen in eine feuchte Senke, dass es einem keiner auf Míkonos oder Mílos glauben würde, zwei exemplarischen Kykladen-Ödnissen. Den Pfad erspäh ich bald, er führet durch den dichten Wald... .

Nach einigen Minuten schon lichtet sich der Wald und gewährt Ausblicke gen Ost. Eine Art leicht verwilderter Gartenlandschaft mit vielen Bäumen, so könnte man es beschreiben. Verzweigungen des Wegs, aber es ist wohl gleich, wie man geht.
Eine Feldwegkreuzung, einmündende Staubwege. Markierungen mit Ziffern, die ich auf meiner Karte nicht wiederfinde – nur die Wege. Macht nichts, dann nehm ich eben einen von denen, Richtung nach Gespür.
Mehrere Hunde begrüßen mich hinter einem Gartenzaun an einer Hauszufahrt. Schöner Weg, kein Verkehr, keine Wandersleute.
Seitlich des nun nach West verlaufenden Erdsträßchens ein Türchen mit Hinweisschild. Aah, das ist die Abkürzung für Fußgänger. Wenige hundert Meter durch den Klostergarten, dann wieder hoch zur Piste, und schon steht man dicht unterhalb des nächsten abgelegenen Klosters, dem des Ajíou Charalámbou.
Ich öffne das Tor und trete ein in die wiederum quadratisch geplante schön anzusehende Anlage, den hausumstandenen Hof mit dem zentral gelegenen Kirchlein. Alles wieder sehr gepflegt, aber sämtliche Türen sind diesmal verschlossen. Kurze Rast in der Stille.

Hätte auch gleich beim Kloster wenige Meter hochsteigen können über eine staubige Fläche, aber ein Weg hat sich nur in einer von mir nicht gewünschten Richtung in den Wald hinein gezeigt. Der wäre sogar der richtige für mich gewesen (von hinten ums Kloster rum). Möglicherweise hätte ich querab von diesem Pfad den Gipfel des Bergrückens über dem Lalária-Strand erklimmen können.
So gehe ich halt einen größeren Umweg auf dem Feldweg, kurve dann, dem Wegverlauf nach der Serpentine folgend, auf dem parallelen Straßenstück oberhalb alles wieder zurück und komme schließlich unterhalb des Kouroúpi-Gipfels an die Stelle, wo der Wanderweg von Kloster her auf die Erdstraße trifft. Doch wenn der Weg so schön ist, empfinde ich Umwege nicht als Plage. Es geht sich wunderbar auf diesen im April so einsamen und verlassenen Staubstraßen weit weg von der Stadt.

Noch einen km, schon ist eine weitere Wegkreuzung erreicht. Ca. 100 m weiter südlich, am Waldrand, finde ich dank meiner zuverlässigen Karte den Einstieg in den richtigen Pfad, der mich zum Kástro bringen soll.
Erst am Waldrand entlang, später in den Wald hinein steige ich mühsam hinunter, wieder ein V-förmig ausgewaschener Wanderweg, auf dessen Bodenfläche gerade mal ein Fußbreit Platz findet.
Drinnen im Wald wird das Wegungetüm richtig steil, ich muss nicht nur den Stock, sondern auch meine Hände zu Hilfe nehmen, mich an Äste und die Stämme kleinerer Bäume klammern – nicht immer gibt es welche nahe genug -, um da ohne auszurutschen noch runterzukommen. Wie schön es doch wäre, wenn diesem unermüdlich auf der Insel wirkenden Deutschen Ortwin Widmann (selbst ein Wanderführer, von meinem Hotel-Besitzer „Willy“ genannt), der sich eigenhändig so liebevoll um die Markierung aller Wander-und Mountainbike-Wege kümmert, mal andere Rentner mit viel Zeit und Geld behilflich wären, an Stellen wie dieser Stufen anzulegen. Vielleicht könnten sie der Inselverwaltung (d. h. der EU) im Interesse des Wandertourismus sogar einen gewissen Geldbetrag dafür entlocken. Gehwillige, aber weniger trittsichere ältere Wandersleute tun sich auf manchen Wanderstrecken hier auf Skiáthos bestimmt echt schwer.

So stoße ich etwas erschöpft von der Abwärtsrutscherei endlich unten bei einem großen Baum- und Gartengrundstück mit zugehörigem Haus auf einen bequemen Feldweg. Den muss ich aber an einer Stelle mit einem Alóni (Dreschplatz) gleich wieder rechtwinklig über den Alóni drüber verlassen – hab grad noch die Wegmarkierung entdeckt.
Ab hier beginnt ein traumhaftes Stück Weg durch Farne, Gräser, Blumen, erst durch lichteren Wald (ideales Schlangenland, ich hör’s auch schon langgezogen rascheln) mit einer pittoresken Steinhüttenruine, dann wieder dichteres Holz. Ein herrliches Frühlingserlebnis!
Bei der Kirche Panajía Doumán (oder Doumón, oder so ähnlich), seltsamer Name, umgeben von hohen Bäumen, feuchtelt und quellt es ganz gewaltig. Irgendwie mitteleuropäische Verhältnisse, möchte man meinen.

Hier verzweigen sich wiederum die Wanderwege, es gibt zwei in Richtung Kástro. Ich nehme den westlichen, hoffentlich weniger steilen.
Der trifft irgendwo auf die Staub-, später Steinplattenstraße runter zum kleinen Parkplatz etwa 500 m vor dem langen und breiten Kap, auf dem sich die Ruinen bzw. noch erhaltenen Gebäude, meist Kirchen, der alten Stadt Kástro ausbreiten.

Sieht schon ein wenig künstlich aus, diese lange, stetig bergab verlaufende enge Pflasterstraße. Man wundert sich, warum das noch ungeteerte und stellenweise ziemlich zerfurchte Stück weiter oben (Stand: April 2017) noch nicht besser hergerichtet wurde. Die Zuschüsse galten offensichtlich ausschließlich dem Kástro und seiner engeren Umgebung.

Bei der oberen Autoparkfläche unweit der Ájios-Ioánnis-Kirche findet sich eine Art noch geschlossene Snackbar. Unten am nahen Strand stünde den Badenden in der Saison ein weiteres Kneipchen zur Verfügung. Im Frühling wirkt alles völlig verwaist.
Auf dem Weg bergab kommt man an einem weiteren, letzten kleinen Parkplatz, ohne Autos ein kleines Freilichttheater mit steinernen Sitzreihen, vorbei. Würde sich toll für abendliche Musikveranstaltungen eignen, wenn es nur einen Bus- oder besser Schiffstransport für alle Angeheiterten gäbe.
Es folgt ein hübscher Pfad durch die naturbelassene Landschaft. Sehr abwechslungsreich, die unerwartet lange Strecke bis zum Ziel!

Der Zugang ins eigentliche Kástro erinnert an eine kleine mittelalterliche Ziehbrücke. Auf Treppen steigt man hinauf zu einer Torhalle, dahinter das eigentliche ehemalige, piratensichere Stadtgelände mit noch etlichen erhaltenen Bauten, darunter sogar eine Mini-Moschee.
Einige Kirchlein sind innen in mystisches Dunkel getaucht, stellen alte Ikonostasen und fast verblasste Fresken zur Schau.
Genauere Beschreibungen aller Kirchlein etc. siehe „Nördliche Sporaden“ aus dem MM-Verlag oder einschlägige Kunst-Reiseführer. Ich bin als Wanderer hier, nicht als Kunstberichterstatter.

Irgendwann droht man sich zu verlaufen in diesem Gelände aus lauter holprigen, pflanzenüberwucherten engen Pfaden zwischen Ruinen und den vielen Kirchenbauten mit einigen „Sackgassen“ ins Trümmer- oder Pflanzendickicht. Es hat eine Weile gedauert, bis ich später endlich den Weg zum Aussichtsgipfel gefunden habe.
Gut einen Tag lang könnte man sich mit der Besichtigung aller Kirchlein beschäftigen, die weit über das Kap gestreut sind.

Erst mal Mittagspause! Abseits und ein Stück westlich oberhalb vom Hauptpfad sitze ich zwischen zwei kleineren Kirchen auf einer Holzbank am einzigen Tisch. Eine Kirchenwand spendet ausgiebig Schatten. Mir zu Füßen und in den umliegenden Ecken zurückgelassener Abfall. Trotzdem ein friedvoller, idyllischer Ort für ein Picknick mit laukaltem Bier. Und solche Tische hat man auch anderswo platziert. Wer nichts Trinkbares dabei hat, kann sich an einer angezapften Quelle bei einer anderen Kirche weiter unten Wasser holen. Aber pssssst!, sonst machen es sich hier noch Wildcamper gemütlich, oder Schlafsack-Freischläfer.

Nach der Stärkung mache ich mich an den Aufstieg auf einem steinigen Pfad zum Aussichtsfelsen am nördlichen Ende des ehemaligen Stadtgeländes. Soeben ist noch ein Paar eingetroffen, dem ich begegne. Ihr Auto steht draußen geparkt.
Der Ausguck liegt zwar nicht besonders hoch über dem Meer, gewährt dennoch eine weite Sicht die Küste entlang, auf die beiden vorgelagerten Felsinseln und besonders auch zum Pílio und der Nordspitze von Skópelos mit dem Leuchtturm.

Auf dem Rückweg passiere ich mehr oder weniger straßennahe weitere Kirchlein. Dann beginnt die Erdstraße, die bald so schmal und furchig wird, dass man sich auf dem falschen Weg wähnt. Aber geradeaus ist richtig, nicht nach links (Ost) abbiegen.

Und ich nehm jetzt keinen Wanderweg mehr, sondern genieße einmal mehr diese bald wieder geteerte Aussichtsstraße sowohl nördlich als auch südlich des Hauptkamms der Inselosthälfte.
Nun wende ich mich aber südwest- und südwärts, möchte näher an den Siedlungsbereich unten an der Küste herankommen.
Das zieht sich wieder ganz schön. Als ich endlich einen Wegweiser zum Ag.-Andónios-Kirchlein sichte, biege ich dankbar von der Höhenstraße ab. Unterhalb der kleinen Kirche betrete ich einen Feldweg, der bald in ein Grundstück mit einem Pfad hangabwärts zur Südküste hin führt. Ob das wohl Privatgelände ist? Egal, da geh ich jetzt einfach durch! Scheint ein öffentlicher Durchweg zu sein.
Um eine Kurve durch Gebüsch rum erreiche ich kaum das erste Haus, als zwei Hunde Alarm geben und in meine Richtung losstürzen. Ich kann sie mit meinem Wanderstab mit Müh und Not in Schach halten, rede beruhigend auf sie ein. Kaum hab ich das gröbste Stück an ihnen vorbei geschafft – der eine Köter ist mir immer noch auf der Fährte – gesellt sich von einem der unteren Häuser her ein weiteres, zu meinem Glück nicht allzu großes Wauwauchen zu der Meute. Die letzten 200 bis 300 m bis zu einer Straße außerhalb schaffe ich auch noch irgendwie.
Das war wieder ein tolles traumatisches Erlebnis. Ich werde jetzt doch durch kein eher privat wirkendes Gelände mehr gehen, hab die Nase endgültig voll. Hätte ja auch ein Schäferhund dabei sein können.

Unterhalb des Berghangs verläuft ein ruhiges, kaum befahrenes Nebensträßchen durch ein ebenso ruhiges besseres Wohnviertel. Etwa über der Mitte des Megáli-Ámmos-Strandes trifft es spitzwinklig auf die stärker befahrene Küstenstraße, die ich nun noch einen knappen Kilometer stadtwärts zu gehen habe. Die üblichen weniger schönen Bauten entlang von Straßen in Küstennähe versuch ich einfach nicht wahrzunehmen. Jemand fragt mich nach einer Ufertaverne. Ich weiß nicht, wo die ist, hab aber einen Wegweiser entdeckt. Bald ist der große Kiosk am Rand des kleinen Parks am westlichen Stadtende erreicht. Ich biege rechts rein und hab im Nu wieder meine Ruhe.

Eine große (Fast-)Runde bin ich da gegangen. Keine Blessuren, es geht mir immer noch gut. Das lag bestimmt auch an der Schönheit dieser Landschaft.
Ach, hätte ich doch mehr als dreieinhalb Tage Zeit für die Insel!

Zum Schluss noch eine Kartenempfehlung. Vielleicht wundern sich jetzt einige GR-Fans, denn Road-Editions-Karten sind doch seit Jahren "out". Für die Insel Skiáthos gilt das nicht. In der Aufmachung von "Road Editions" hat Nakas Road Cartography das Blatt 217 Skiáthos (Hiking Map) im Maßstab 1:15.000 in einer wunderbaren Darstellung mit allen wichtigen Wanderwegen herausgebracht. Es war mit Abstand die beste Skiáthos-Karte (allerdings in München gekauft), die ich als Wanderer benutzt habe. Für mich unbrauchbar dagegen die Terrain-Karte (!) Nr. 319 im selben Maßstab – ein fürchterliches Kartenbild, und es fehlen fast alle Wanderwege. Für einige vielleicht kaum zu glauben, aber leider wahr.


Abschied nehmen von Skiáthos – Zurück nach Athína

An meinem letzten Abend auf dieser Inselschönheit besuche ich die Taverne O Bátis oberhalb des Alten Hafens. Bei der Konkurrenz nebenan drehen sich Grillspieße.

Wie seine Nachbarn hat mein Tavernchen kaum Gäste, d. h. ich bin hier der einzige Gast. Mit das beste Schaffleisch, das ich bisher in GR bekommen habe, wird mir an diesem Ort gepflegter Küche aufgetischt. Sicherlich sehnen die Wirtsleute händeringend die Saison herbei. Ich höre Wirte zu befreundeten Passanten sagen, man müsse bald ganz zusperren, wenn das Geschäft so weitergehe. Die griechischen Landsleute kämen kaum mehr.
So schlummert also unter der anmutigen Oberfläche eine zunehmende Aussichtslosigkeit und Resignation der einheimischen Dienstleister. Wenn es die Touristen nicht richten, sieht es zappenduster aus. Hoffen wir also auf das Beste. Genügend Flieger trudeln zurzeit (Juli 2017) ja ein – die wenigstens von ihnen aus Deutschland, die meisten aus GB und Italien.

Meine lieb gewonnenen Krämerläden klappere ich auch noch einmal ab. Es gibt immer noch recht nette, sehr familiäre und urige, wo man gern vorbeikommt.

In meiner Ticketagentur erkundige ich mich vorsichtshalber, ob mein Flug mit Sky Express morgen Mittag auch wirklich geht.

Mein Hotelier Jánnis lässt es sich nicht nehmen, mich tags darauf nach einem Prachtfrühstück zum Flughafen zu fahren. Da noch genügend Zeit ist, ermuntert er mich, mir doch mal den nahen See anzusehen. Aber das ist mir dann doch zu umständlich, so auf den letzten Drücker.
Noch ein bisschen draußen sitzen, auf einer Gehsteigkante bei den Autos.

Ungewöhnlich genau wird beim Einchecken kontrolliert. Ob das die neuen Richtlinien von Fraport sind? Es bildet sich eine längere Schlange, obwohl alle nur auf die relativ kleine Propellermaschine aus Athína warten.
Die Wartehalle vor den lediglich 3 Gates ist nicht besonders groß. Immerhin hat eine kleine Bar zur Versorgung der Wartenden geöffnet. Eine völlig unverständliche Lautsprecherdurchsage, total verzerrt. Ein Grieche hat es trotzdem irgendwie verstanden: Der Flieger wird sich ca. 30 min verspäten.

Es ist ein überraschend großes Propellerflugzeug, das schließlich auf das Vorfeld einkurvt. Die nach dem Innenraum zu urteilende fast nagelneue ATR 72-500 bietet bequeme Ledersessel auch in der Economy-Klasse. Sie bringt mich sicher nach ATH. Wegen der relativ niedrigen Flughöhe genießt der Fluggast besonders schöne Ausblicke auf Skópelos, Euböa und den Pílio, später auf Attika, Athen und Ägina.

Nach der Landung freu ich mich auf zwei weitere tolle Tage in Piräus und Athen. Und auf ein Schlemmer-Treffen mit einem mir befreundeten Verleger und Sprachschulleiter.

Es sollte dann auch noch ein Ausflug auf die westliche Bergumrandung der Kapitale dabei sein.
Schon in meinen ersten Tagen hatte ich einige Gipfel erklommen, darunter den Profíti Ilía von Piréa mit phänomenaler Aussicht. Und den herrlichen Stréfi-Hügel mit seiner Hochgebirgsfelsenkrone und dem langen samstäglichen Straßenmarkt zu seinen Füßen. Besonders schön war es wochenends unterhalb des und auf dem Pnyx-Hügel nahe der Akrópolis gewesen, wo Musikanten aufspielten und eine Tanzgruppe stillen Melodien gehorchte.

Wahnsinn, dieses kleine aber feine Museum für Kykladische Kunst mit der unvergleichlichen Zypern-Sammlung (der „Sternegucker“ ist unglaublich!). Toll, dieses große Akropolis-Museum mit dem in Originalgröße nachkonstruierten Parthenó-Tempel im obersten Stockwerk. Prima, dieses Schlemmer-Kneipchen beim alten Fischmarkt von Piräus. Unvergesslich, diese Johannes-Passion im so teuer, mit ausgesuchten Hölzern und Steinfußböden erbauten und doch, ökonomisch gesehen, heruntergewirtschafteten Mégaro Mousikís.

Aber eigentlich hätte ich ja das neu erbaute Vorzeigestück des Großraums Athen, das Kulturzentrum der steinreichen Reederfamilie Niárchos etwas außerhalb und östlich von Piräus gleich hinter der Uferstraße mit der neuen National-Oper, der neuen Nationalbibliothek und dem riesigen Park mit Wasserspielen besuchen sollen, das SNFCC = Stávros Niárchos Foundation Cultural Center. Das ist in der Tat eine echte Schau – oder besser gesagt: ein neues architektonisches Juwel.


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