Soúgia herbstlich.
Eine Stippvisite am 25. Oktober 2006

Copyright puchheim = MartinPUC, Dezember 2006


In Soúgia geht es diesmal typisch nachsaisonal zu. Allenthalben ist zu spüren, dass es nicht mehr viel wird, die wenigen Tage bis Ende Oktober, dass es eigentlich bereits vorbei ist mit dem Touristenstrom.

Auf meinem Weg in der Spätvormittagssonne vom Hafen zu den ersten Ufertavernen sehe ich nur eine Kleinfamilie, und ein französisches Wohnmobil mit einem Einzelgänger drin, wie es scheint. Die beiden "Fischtavernen" noch leer, erst weiter vorne beim Kiosk etwas mehr Leben. Die Samariá, mit der ich von Paleóchora gekommen bin, stampft schon fast außer Sichtweite ostwärts.

Nichts Großes hab ich vor, werde wieder, wie diesen Mai, ein Zimmer im Irene nehmen, will einen Tag und einen Abend lang hineinschnuppern in die lokale Atmosphäre.

Als ich nun so vor dem bereits geschlossenen (!) Irene herumstehe und mich anschicke Entscheidungen zu treffen, wohin DANN, macht sich Roxan(n)a bemerkbar, die mir sehr sympathische Frau, die das kleine Konditorei–Café auf der anderen Straßenseite betreibt und mich von ihrer Theke aus beobachtet hat, sogleich wiedererkennt. Von schneller Auffassung, hat sie schon einen Schlüssel in der Hand, denn sie verwaltet zu meiner Überraschung in Abwesenheit des Besitzers die Rooms. Sie ahnt sogar, welches Zimmer mir vorschwebt, die Nummer auf dem Schlüsselanhänger passt. Ja, die ist schon ne Nette, die Roxana.

Im Supermarkt meiner Bleibe gegenüber bedient nun der männliche Part des griechisch–holländischen Paares, ebenso freundlich wie seine Frau. Die Grundversorgung für den Zimmerbedarf ist gewährleistet.

Ein mir befreundetes Paar befindet sich zur selben Zeit wie ich auf Kreta, bisher hab ich die beiden telefonisch nicht erreicht. Erfahrungsgemäß gab es schon öfters Zufallstreffen gegen Ende meines Urlaubs bzw. unserer Urlaube, und so versuche ich es nochmals, von der Telefonkabine über dem Strand beim Kiosk aus. Wie es der Zufall so will, hab ich sofort Verbindung mit P. und J.
Natürlich wieder fast hautnahe! Sie liegen 400 m von mir weg am östlichen Ortsstrand hier in Soúgia, sagen sie trocken. Hab ich wieder gut grob berechnet ..., und es hat wieder einmal geklappt.
Meine lieben Linzer (u. Umgebung) genießen die zurückgekehrte Wärme und nutzen sie für ein paar Badetage aus, nachdem sie gut 1 Woche zuvor noch die längere Schlechtwetterperiode voll mitgekriegt hatten. Ein kleiner Schwatz am Strand. Wir verabreden uns für den Abend.

Einmal wieder nach Lissós wandern, das könnte ich doch machen. Das dauert zudem gar nicht lange. Also auf!
Vor zum neuen Anleger, weiter zum innerhalb seiner Kaimauern versteckten Häfelchen mit den paar Fischerbooten, in dessen winzigem Rund einst Boote wie die Sfakiá anlegten, auf ihrer Küstentour, und selbst noch die Sélino, bevor sie Richtung Gávdos zielte.

Gleich neben dem Minihafen ein Zaun, ein Gehege, dahinter öffnet man ein Gatter (überflüssigerweise, es wär auch ohne gegangen!) und kommt bald ans meerwärtige Ende der Schlucht, die man von hier aus etwa 20 bis 30 min durchschreitet, bis man bergauf abbiegt.

Der Weg führt über Stock und Stein zwischen längst verblühten Büschen und zahlreichen Kiefern hindurch zu einer imposanten senkrechten Felswand, die man rechts liegen lässt und bald darauf auf der anderen Schluchtseite in Kehren hochsteigt durch einen Kiefernwald auf eine hübsche, baumfreie Hochfläche hinauf.
Spätestens ab hier trudelten allmählich die Gegenwanderer ein, die sich in Paleóchora auf den Weg gemacht hatten. Sie kommen mir in einigermaßen dichter Folge entgegen, man hat plötzlich den Eindruck, dass noch ganz schön was los ist in dieser Inselecke, aber es ist wohl nur die passende Uhrzeit. Die meisten sind wohl auch Gäste von Paleóchora, nicht von Soúgia.

Wenige Minuten später, als ich über dem tiefen Taleinschnitt von Lissós stehe, wundere ich mich noch mehr. Denn da unten wuseln wenigstens zwanzig Ruinenbegeisterte herum, eine Gruppe jüngerer Ausflügler lässt sich am Strand gerade vom Taxiboot abholen, und wieder begegnen mir einige Paare, deutsche, englische, einige davon Sougianer auf ihrer Rückkehr. Gelegenheit zu kleinen Unterhaltungen. Lissós ist halt auch das Paradeziel aller in Soúgia Urlaubenden.

Nun hab ich auf einmal keine Lust mehr hinunterzusteigen in die weit verstreute Archäologie, bleib noch eine Weile oben auf meinem Aussichtsposten und kehre bald um.
Ich bin zwar kein Raser, hole aber ständig die trägen Familienwandersleute vor mir ein, die alle 300 bis 500 Meter eine Pause benötigen.
Ich verlangsame also meinen Schritt, mach selber unfreiwillige Pausen, um mich nicht mehr wie ein Autoscooterfahrer fühlen zu müssen, der andere, erst vor einer Viertelstunde neu Kennengelernte immer wieder kräftig anschiebt. Wird etwas nervig, das Stück zurück. (Das nächste Mal steig ich lieber hoch nach Koustojérako, beschließe ich, da hat sich vielleicht einiges verändert.) Aber der Weg ist nicht annähernd so weit, wie es in manchen Büchern den Anschein erweckt, und deshalb durchaus noch familientauglich.

Kurz bevor das Schluchtende erreicht ist, fällt mir noch ein Kunstwerk in einer Astgabel oder Baumhöhle auf, gleich neben dem Weg; alle möglichen Wanderer haben zu seiner Komplettierung beigetragen. Eine Collage aus Steinchen, Holzstücken, Blättern, kleinerem Zivilisationsmüll und meiner Visitenkarte der Pension Mínos (die mir inzwischen zu teuer geworden ist, aber einigen Briten vielleicht Freude bereitet) in Rhodos–Stadt ist da in internationaler Kollaboration entstanden und entwickelt sich beständig weiter, solange noch Platz ist.

Ausruhn auf Balkonien, in der vertrauten Fremde. Ein guter Schluck Bauernwein von hier, Erdnüsse, dazu Wasser, von oben zuschaun, entspannen. Dann noch ein Kurzspaziergang zum östlichen Strand. Das Wohnmobil mit dem deutschen Kennzeichen "AS" (schöne Oberpfalz!) ist immer noch da, wie schon diesen Mai gesichtet, der zugehörige ältere Herr meint zu mir, das könne sich doch jeder leisten, wenn er es sich recht überlege und seine verbliebenen Finanzen richtig einsetze[, viel Geld gebe man hier doch nicht aus!]. Seine Werkstatt hinter der Fahrersitzbank ist übrigens die eines Goldschmieds, wie er mir erklärte.

Endlich einmal hat das Strandcafé geöffnet – ich komme ja immer in der Vor– bzw. Nachsaison, und da hatte die Disco (glücklicherweise) fast immer zu und dieses Café (leider) meistens. Nur ganz wenige Leute sitzen an einem der Tische unter den Bäumen. Hinten an der langen Selbstbedienungstheke ein alter Kreter mit seiner Frau, die in der Nachsaison bestimmt ihren Kindern die Arbeit abnehmen. Einen Kaffee nehme ich, und einen Ratschí. Unten am Strand räkeln sich vielleicht fünfzehn bis zwanzig Personen in der Sonne.

Gegen Abend heißt es hochwandern zum nördlichen Dorfende rechts, die großzügige, für das Gebotene mehr als preisgünstige Studio–Unterkunft meiner Freunde begutachten, gemeinsam zum Abendessen aufbrechen. Erst einmal noch die Kri–Krí besuchen, die kretische Wildziege, in einer anderen Fremdenpension, die dort mal neben dem Einfahrtstor eingestallt ist, mal frei herumhüpft. Schöner Tipp von P.

Im Livikón lassen wir uns nieder, es wird schon dunkel. Viel wird ausgetauscht und viel genossen.

Anderntags läutet der Reisewecker früh. Mein Bus geht um sieben, noch in völliger Dunkelheit.

Copyright puchheim = MartinPUC, Dezember 2006

Von Soúgia nach Pitsídia



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