Von Soúgia nach Pitsídia.
Ein Parcours quer durchs westliche Kreta

(geritten am 26. Oktober 2006)

Copyright puchheim = MartinPUC, Januar 2007


"Am siebten Tage aber sollst du ruhen!"
Es ist mein siebter Reisetag, und wieder steht eine große Ortsveränderung an, und der Weg allein wird dauern. Von Ruhe kann keine Rede sein.

Roxána ist schon da, um diese frühe Stunde, nichts stünde einem Filterkaffee im Weg. So gescheh's. Das Lächeln krieg ich gratis. Die Frau wird heute zusperren, die Saison beenden. Und falls ich kommenden April wiederkomme? Da wird sie da sein, ab April wird wiedereröffnet.
Nicht einmal eine lange Mittagspause gönnt sie sich, nach anderthalb Stunden Spätnachmittagsschließung war sie wieder vor Ort. Braucht wohl dringend das lächerlich wenige Geld, das sie im Oktober noch einnimmt.

Um sieben Uhr ist er angekommen, der Frühbus von Chaniá her. Neben dem Kiosk am Strand, am Ende der Zufahrtsstraße in der Dorfmitte hält er. Eine Fahrkarten verkaufende Gestalt taucht aus dem Dunkel auf, fährt aber nicht mit – vielleicht der Mann vom Kiosk? Ein Pärchen mit Rucksäcken entert den Bus, und ein weiteres, älteres.
Bei den letzten Häusern ortsauswärts tut eine größere Gruppe ihren Zusteigewillen kund. Die französischen Wanderer wollen mit bis zum Einstieg zur Ajía–Iríni–Schlucht, von dort zurückwandern nach Soúgia.
Von nun an lausche ich den vielen französischen Kommentaren zu unserer Fahrstrecke, die Gruppenführerin ist sehr bemüht um ihre Frühaufsteher(innen).

Die ersten Fahrgäste verlassen uns am Abzweig nach Rodováni; möglicherweise kommt bald ein Gegenbus, der nach Paleóchora weiterzockelt?

Vor Kambanós machen wir natürlich den Umweg die Schmalstraße hoch nach Skáfi, eine ältere Frau abzuliefern, die gleich ihr dortiges Kafenío aufsperren geht. Es ist immer noch Nacht. Auf der weiteren Strecke steigen ein paar Einheimische zu, darunter auch ein Paar, das nach Paleóchora will und nach Bestätigung durch den Busfahrer tatsächlich den Umweg über Chaniá nehmen muss.

Große Enttäuschung: Wir biegen nicht, gut 2 km nach Dimitrianá, auf die neue, breit ausgebaute Straße zur Omalós–Ebene hoch ab! Dabei war es so in meinem Fahrplan aus dem Internet gestanden und ich hatte mich darauf gefreut. Zu wenig, d. h. gar keine Interessenten, für einen derartigen Abstecher. Etwas früher im Jahr wäre es vielleicht anders gewesen. Na ja, nicht nur der Weg über Omalós und Lákki führt nach Chaniá. Es geht auch via Néa Roúmata, Stschinés (Skinés) und Fournés.
Irgendwie hat mir die nachmittägliche Herfahrt diesen Mai mehr gegeben, trotz der vielen Straßenbaustellen und Engstrecken, die nun fast alle beseitigt sind, bis auf einige wenige.

Etwas hässlich wird es erst in Vamvakópoulo, dann nähern wir uns über Ampeln der großen alten Stadt.

Kurze Pause am Busbahnhof, schon geht es weiter. In Soúda liegt wieder die Lató vor Anker. Aus dem Militärhafen ist das türkische Schiff verschwunden, das ich auf meiner Herfahrt noch gesehen hatte. Nach einer Stunde bin ich bereits in Réthimno angelangt.

Es schadet nicht, sich gleich eine Fahrkarte zu besorgen, nach Ajía Chalíni (das "Ch" bitte ganz weich sprechen, im Rachen, ganz nah beim Zäpfchen–r) alias Agía Galíni. Weiter vorne zu sitzen im Bus ist immer ein Gewinn! Nun hab ich eine längere Pause bis in den Mittag hinein. Der große Rucksack kommt in eine Ecke unter dem Fernseher in Sichtweite der Theke des Busbahnhof–Kafeníos. Ein seit Langem bewährter Lagerplatz. Draußen gäbe es eine Gepäckaufbewahrung, die leider nicht immer geöffnet ist.
Es steht ein Stadtspaziergang an, und von hier aus führt der immer erst an der Uferstraße entlang Richtung Kastell und dann scharf rechts in geringem Abstand zum Burghügel fast schnurgerade zum Hafen.
Ich muss vorbei an einem vergleichsweise neu gebauten Betonhotel rechts an der Straße. Die Urigkeit der ganzen Fast–Geraden ist längst dahin, leider. Wir sind hier nicht in Mitilíni Lésvou, aber was sag ich, dessen Magistralen sind ja auch bereits modernisiert, angepasst – aber seine Seitengässchen!
Doch wenige Meter entfernt liegt, von Lésbos zurück auf Kreta, eines der urtümlichsten Viertel mit einem Karree von Sträßchen und Häusern in türkischer Manier, mit den vorkragenden Balkonen der Altstadt von Réthimno, die ein mir gut bekannter griechischer (karpathiotischer) Priester für die allerschönste ganz Griechenlands hält, da verblasst Chaniá doch ein wenig, in seinen Augen.

Gemächlich vorwandern zum Hafenbecken, zum Beginn des langen Strandes mitten in der Stadt, sozusagen. Große Geschäftigkeit finde ich nicht vor, die fast unendlich ausgedehnte Reihe der Tavernen und Cafés mit ihren Markisen und Freiplätzen ist kaum bevölkert. Im ersten Internet–Café, ganz im Freien unter einer Plane, spielen bereits einige Jungs an den PCs herum.

Den altbekannten Karten– und Reisebuchladen um die Ecke, ganz dicht am Hafen, finde ich nicht mehr, er wurde aufgelöst, verlagert (– hoffentlich nur das). Vorbei an dem Maulbeer–Rakí–Touristengeschäft strebe ich der stark modernisierten und touristisch geradezu vollkommen aufbereiteten (manche merken es nicht, es handelte sich aber um einen der urigsten Brennpunkte Griechenlands, noch vor lächerlichen 20 Jahren) Fressplatía zu, an deren nördlichem Ende, einige Meter nach West versetzt, der berühmte Rimóndi–Brunnen zu finden ist, gegenüber ein in die Jahre gekommenes Internet–Café.
Was sind 20 Jahre gegen die Ewigkeit? – Und doch, im menschlichen Leben, dem voll digitalisierten, entmenschlichten: Äonen!

Ein wenig herumzuirren bedeutet es schon, wenn man einfach in eine der langen Wohngassen einbiegt, Straßenzüge ohne jegliches Geschäft, und sich einfach treiben lässt. Aber so groß ist diese Altstadt nun auch wieder nicht, echtes Sich–Verlaufen ist da schon ein kleines Kunststück, zumindest für einen, der nicht das erste Mal da ist. So lande ich nach einigem Hin und Her auf der Dhimakopoúlou–Straße, die ich, gut gegen die parallel laufende Hauptdurchgangsstraße abgeschirmt, zurücklaufe zum Parkplatz, zur Grünanlage gleich nördlich des Busbahnhofs.

Bei den Bussen angekommen, hab ich immer noch reichlich Zeit, auf der Terrasse draußen Platz zu nehmen, an einem der beiden öffentlichen Fernsprecher zu telefonieren, den Anwesenden zuzuhören und zuzuschauen, den Lautsprecherdurchsagen zu lauschen, die wenige Minuten vor Abfahrt die Passagiere zusammenrufen. Ob mein unbewacht zurückgelassener Rucksack noch da ist?

Um 12 Uhr 45 starte ich Richtung Ag. Galíni. Beinahe hätte ich den Bus nicht gefunden, denn ich konnte es kaum glauben , wie spärlich besetzt er war. Meine Wenigkeit als einziger Tourist an Bord.
Erst vorne am Märtyrer–Platz, Ecke Stadtpark, drängen die Massen herein, Schüler wie Dörfler, und bis Spíli ist unserer öffentlicher Transporter gut gefüllt. In Arméni spuckt noch ein direkt hinter uns fahrender Begleitbus seine Fahrgäste aus, wir dagegen sind zu Höherem berufen, nehmen erst das größere, umgrünte Spíli so richtig ernst. Am Ortsanfang der imposante Bau des Priesterseminars, die ersten Tavernen, das "Green Hotel", dann wird es städtischer, geschäftiger. Beim Platz mit dem Löwenbrunnen linksab ein weiterer Halt. Der Bus, der hinter uns stoppt, würde nach Keramé fahren, in eine sehr hübsche, etwas entlegene Gegend hoch über dem Meer.

Nach einer weiteren Minute verlassen wir den zentralen Ort schon wieder, vorbei am Gesundheitszentrum, nähern uns diesem wunderschönen langen Tal, das sich, gesäumt von Bergflanken, bis vor die Tore Ajía Galínis hinzieht, nach Süd hin immer prächtiger wird, mit all seinem Olivengrün und dem Silber– bis Bronzeglanz seiner Bergfelsen.

Der Kédhros taucht vor uns auf, doch seine volle Pracht entfaltet der Bergstock erst 7 oder 8 km weiter. Bald muss Akoúmia kommen, mit seinem Zentrum westlich der Straße.
Doch es kommt anders.
Erstmals erlebe ich, wie Akoúmia einfach vorne rechts liegen gelassen wird, ein Bus schon 2 km vor diesem größeren Ort nach links abbiegt auf ein schmales, sich hochwindendes Berghangsträßchen hinauf nach Kendrochóri.
Dieses Dörfchen zu Füßen des hohen Tschädros–Berges assoziiere ich mit irgendwas. Nur mit was? Als wir am südwestlichen Dorfrand vorüberfahren und eine Aussichtstaverne auftaucht, dämmert es mir: drinnen im Dorf liegt doch eine in der ganzen Gegend bekannte andere Essensstätte! Die möchte ich gerne einmal ausprobieren, und dazu müsste ich Autoloser am besten in Akoúmia nächtigen, wäre eh einmal fällig, ganz abseits der Touristenströme.

Schön, dieses kleine Sträßchen den Abhang des Kédhros entlang, hoch über der Hauptstraße unten im Tal. Ein weiteres schlichtes Dorf passieren wir: Platanés, bevor wir wieder Richtung Hauptstrecke runtersteuern. Doch es geht nicht etwa zurück nach Akoúmia, um auch den übersprungenen Ort zu bedienen, sondern gleich weiter nach Néa Kría Vrís(s)i, dem Örtchen, von dem aus sich eine Kédhros–Wanderung starten lässt, erst die Straße zum Beginn des oberen Dorfes (Kría Vrísi) hinauf, dann den Feldweg linksab in Serpentinen bergauf.

Mein Bus kurvt nur ein Stückchen um einige weiße Häuser hinein vor das Ortskafenío, setzt gleich seinen eleganten Bogen wieder hinaus auf die Überlandstraße fort.
Sogleich eröffnet sich der Blick in die lange Talung hinunter nach Ádschios Pávlos, an den Bergflanken die beiden Dörfer Áno und Káto Sachtoúria (Saktoúria), Erinnerungen an schweißtreibende Wanderungen vom Abzweig bis Áno Saktoúria bzw. von Ag. Pávlos den ganzen Weg mit vollem Gepäck bis in ebendieses Dorf hinauf kommen mir in den Sinn. So schöne Tage hab ich dreimal da unten verbracht, zweimal in der Taverne mit Zimmervermietung von Thrasývoulos, der nun gelangweilt mit bulgarischer Frau und Kleinkind vor seinem Geschäft herumsitzt, die Zimmer im Nebenhaus präsentieren sich edel marmorn renoviert und teuer, statt preisgünstig. Deshalb war das dritte Mal in dieser obersten Unterkunft dicht an der Zufahrtsstraße dort für mich keine echte Freude mehr.
Aber die Gegend ist wunderschön, die Riesendüne steil runter zum Meer, die berühmte gebänderte Felsformation oben, das Thronen über einer Ecke der mittleren Südküste Kretas mit den entsprechenden Ausblicken bis hinüber nach Gávdos.

Áno Saktoúria/Sachtoúria selbst hab ich nach meinem letzten Besuch beim "Heiligen Paul" einen halben Tag lang genossen, auf den Nachmittagsbus wartend, der hier wieder wendet und nach Ag. Galíni weiterfährt. Die Höhen unweit über dem Dorf waren geradezu mystisch wolkenverhangen, hochstängelige Pflanzen mit gelblichen Blüten standen zusammen mit einer Vielfalt urtümlicher Gewächse auf den Grasflächen um den hoch gelegenen Dorffriedhof herum. Stimmung wie in einem echten kretischen Bergdorf, kein Mensch in den Gassen zu sehen. Das wirklich urige untere Kafenío über Mittag zugesperrt. Ein frugales Mahl hatte ich serviert bekommen im oberen Kafenío, eher einer bescheidenen Taverne, aber ohne jegliche Besucher. An einigen Stellen des Ortsrandes Neubauten bzw. renovierte Häuser von Ausländern, die auch hier präsent sind, für einige Zeit im Jahr. Ansonsten das schmutzige Kalkweiß in die Jahre gekommener, einfacher kubischer Bauten, graues Geäst und Gebälk ragt aus und hinter ihnen hervor, rostige Tonnen in den Höfen, Rinnsale in der Gassenfurche, räudige Katzen, ein paar wichtigtuende Hunde.

Als das untere Kafenío wieder aufgesperrt ist, nehme ich drinnen Platz. Alles alt, man könnte sagen "pittoresk", kleine Theke, Bilder, Kanonenofen, die Tische und Stühle fast im Kreis geordnet, jeder Neuankömmling perfektioniert das Rund um ein weiteres Stück. Und da ein unbekannter Fremder eingetroffen war, trotteten auch alle Neugierigen herbei, setzten sich, warfen ihre Blicke auf mich.
Einer bringt sein Englisch an den Mann, ein anderer sein Deutsch, ein paar sympathisch wirkende Alte sind es, die mit mir zusammen an wackligen Tischchen ihren Kaffee schlürfen. Für zwei Getränke (1 Kaffee, eine Aludose) hab ich etwas (geringfügig) über einen Euro bezahlt, es ist erst wenige Jahre her. Ich möchte mich nicht mit diesen Preisen brüsten, aber es ist schon ein galaktischer Preisvorteil, in einem solchen Inlandsdorf– oder gar Bergdorfkafenío, verglichen mit Agía Galíni oder Mália, vorausgesetzt, der Wirt ist von der ehrlichen, aufrichtigen Art und praktiziert keine doppelte Preisstrategie.

Ausnahmsweise will heute kein Schulkind rauf nach Sachtoúria. Wir verlassen zwar trotzdem die Hauptstraße, nehmen aber bald die weitere Abzweigung nach Mélambes. Eine Strecke vom Allerfeinsten, was die Ausblicke hin zum Psilorítis und ins Amári–Becken hinein betrifft. Von hoch droben schweift der Blick hinüber auf ein majestätisches Hochgebirgspanorama, unterhalb die Dörfer am Rand des Beckens. Der Ort Mélambes selbst in herrlichster Aussichtslage hoch über allem. Aber auch abgelegen, still, um Mittag rum entvölkert wirkend. Selbst das neue Café an der Aussichtskante hat zu.
Wie mühsam bin ich doch einst zu Fuß von Ág. Pávlos, von unten am Meer hierher gelangt, auf Feldwegen, durch Gatter, auf einen gangbaren Weiterweg nach Ag. Galíni hoffend. Ein Dörfler riet mir davon ab, es sei einfach zu kompliziert, wenn man nicht die Straße nehme. Das Wegsystem wurde inzwischen bestimmt ausgebaut. Mélambes: ein Dorf, das mir immer schon gut gefallen hat.

Auf der Platía umkreist unser Bus die kleine Anlage in der Mitte, oder was immer es sein mag, und wendet sich wieder Richtung Nord zu. Der Fahrer hat keine Lust auf das etliche Kilometer lange enge Serpentinenstück hinab nach Ag. Galíni, das auch den Businsassen einige Übelkeit bereiten kann. Er hat ja Zeit gewonnen durch das Auslassen des Umwegs nach Áno Sachtoúria und nimmt lieber die bequemer zu fahrende Strecke zurück zur Einmündung auf die Talstraße unweit von Néa Kría Vrísi, erspart sich so eine Menge Lenkerei und Gefahrenmomente.

Es bedeutet für die paar übrig gebliebenen Mitreisenden eine Verlängerung der Inlandspanoramafahrt, nun in Blickrichtung Nordwest bis Ost.
Schließlich die letzten 10 km durchs Tal nach Südost, die letzten 5 über dem breiten, ausgetrockneten Bett eines im Winter mehr Wasser führenden, am Strand von A. G. mündenden Flusses, umgeben vom silbrigen Grün der Oliven.

Einlaufen im Kultort so vieler. Agía Galíni/Ajía Chalíni (mit den gutturalen Reibelaut vorne, der durch das "G" nur notdürftig symbolisiert wird, ein Mittelding zwischen "ch" und "Rachen–r").
Ein Hotel neben bzw. über das andere geschachtelt, hinabgestuft bis zum Hafen, das meiste jedoch in Privathand, nicht in den Klauen der großen Reiseveranstalter. Eine gewisse nette Restatmosphäre blieb erhalten, nur wenn man das Ex–Fischerdorf vor 25 Jahren das letzte Mal besucht hat, also nicht alljährlich wiedergekommen ist, die Veränderungen portionsweise zu verdauen, wird man echt (je nach Typ nicht selten abgrundtief) enttäuscht sein. Liebenswerter Totalkommerz, das ist es vielleicht, was noch übrig ist. Ein zu gewissen Jahreszeiten recht lebhafter kleiner und insgesamt noch bescheidener Hot Spot des internationalen Tourismus inmitten schönster, ruhiger Umgebung, der sich an den Rändern der Nebensaison seit vielen Jahren extrem abgekühlt zeigt, fast verlassen.
Eine gute Ausgangsbasis für Erkundungen des Umlandes, jedenfalls. Herrliche Aussicht noch dazu, je nach Lage der Unterkunft. Eine relativ hoch entwickelte Kneipenszene für Nachtschwärmer. Nicht annähernd so vielfältig, so perfekt wie in Faliráki auf Rhódos, versteht sich, und ist auch gut so.
Mir kommt der ältere Kreter aus einem der nahen Bergdörfer in den Sinn, der einmal einigen verdutzten Tourigesichtern auf Englisch entgegenschleuderte, das hier sei NICHT Kreta, um Kreta zu erleben, müsse man ganz schnell weg von hier. Es ist aber halt doch auch Kreta, und für ein paar Tage Gegensatz mag es ganz wohltuend sein, denn ein längerer Aufenthalt bei den Alten im gebirgigen Inland ist ja auch nicht unbedingt das Wahre für einen Touristen, noch dazu einen badebegeisterten.
Das Bus–Café ist nach wie vor im Umbau, geschlossen, die Fahrkarten holt man sich weiterhin am Kiosk ((Stand: Oktober 2006)).

Drinnen in der unteren Dorfmitte ist das letzte, einst recht hübsche griechische Kafenío natürlich längst modernisiert, aufgepäppelt, aber immer noch ein klein wenig authentischer als der Rest des (je nach persönlichem Bezug subjektiv auch liebenswerten) Angebots.
Es ist nicht mein Ort, aber ich verstehe irgendwie jene, die gerne herkommen, wenn auch eher aus der Ortshistorie heraus, nicht so sehr aus dem Jetzt, dem Istzustand.
Unten am Hafen ist diesen frühen Nachmittag nur eine einzige der Tavernen vergleichsweise gut besucht. Abends wird es vielleicht anders aussehen.

Das Zentralkafenío Sinándisi verlasse ich zu früh, hätte mich nicht so beeilen müssen, kann noch 10 min im Bus sitzen, bevor es losgeht. Der Lenker des Busses nach Iráklio über Míres ist zunächst mit dem Kiosk–Mädchen, nach der Abfahrt dann mit der Zentrale im Clinch wegen der Abfahrtszeit: eine Viertelstunde zu früh oder genau richtig? Umstellungszeit, offenbar. Da eh nur drei Leute mitfahren, ist der Fahrplan relative Nebensache.

Kókkinos Pírgos, der Umweg durch den ziemlich auseinandergezogenen Ort lohnt kaum, nur ein weiterer Passagier wartet auf uns. In Timbáki steigen mehr Leute zu. Timbáki, das quirlige Landstädtchen, nicht ganz ohne Charme, aber erst auf den zweiten Blick. Die hübsche Platía und das hübsche äußere Viertel, teils ein richtiger Wald, strandwärts, auf Nebenwegen nach Kókkinos Pírgos.

Hab beschlossen bis Míres mitzufahren, den Gegenbus nach Mátala nicht schon bei Festós abzuwarten, es hätte lange gedauert, hatte mir der Schaffner mitgeteilt.

Durch Vóri geht es, das ziemlich urtümlich gebliebene Großdorf – nur der rechteckige zentrale Platz bei der engen Kurve mittendrin hat sich gemausert zum Hort moderner Café–Bestuhlung, mit recht alten Herrschaften drauf. Den langen Hügel von Festós lassen wir rechts liegen.

Springe also am Westrand von Míres aus dem Bus, bei der Kirche, wo sich beide Ortsdurchfahrten wieder vereinigen und wo seit einigen Jahren der neue Busbahnhof angesiedelt ist. Gepäck abgestellt, rein ins Ortszentrum.
Während ich so meinen Frappé schlürfe, kutschiert der alte Kóstas von der Villa Kunterbunt in Sívas zweimal mit seinem inzwischen leicht baufälligen roten Fiat Panda an mir vorüber, ohne mich zu bemerken.
Den lebhaften, verkehrsreichen inneren Platz verlasse ich nach einer halben Stunde wieder und schlendere das schmale Sträßchen, das nach West hin immer breiter wird, zurück zum Bushalteort. Ein schöner Straßenzug, der den kretischen Alltag ganz gut widerspiegelt, mit seinen Werkstätten, Kafenía, der Apotheke, einer Reiseagentur, dem Immobilienmakler, kleinen Geschäften, am Ende dem Kiosk, dem Busbahnhof, der Hauptkirche und der Tankstelle.

Es ist ein völlig entleerter moderner Reisebus mit Destination Mátala, den ich da besteige, der letzte Passagier von Iráklio her ist soeben rausgeklettert, ich bin ganz allein mit dem Fahrer.
Wir kutschieren durch die herrliche, mir altbekannte Messará–Ebene, hinauf auf den Hügel von Festós, hinunter und vorbei an dem altehrwürdigen Steinkirchlein unweit des Abzweigs nach Ajía Triádha, passieren zwei kleinere Sträßchen, die nach Kamilári abzweigen, durchfahren randlich den Ort Ájios Ioánnis, gelangen zur großen Rechtskurve unterhalb von Sívas, mit Blick auf die schön gelegene Aussichtskapelle da oben, dann zur Kreuzung Hauptstraße– Sívas–Kamilári, und nach dem kurzen Stück Rennstrecke zwischen Oliven lassen wir den Ortsfriedhof von Pitsídhia, auf dem jetzt der alte Kafetzís Kóstas (mit Sicherheit in Frieden) ruht, links liegen.

Auf der Kuppe steige ich aus, hole mein Gepäck aus dem Fach und bummle erst einmal durch den alten Teil des Dorfes.
Bald frag ich nach einem Zimmer, aber es ist nachmittägliche Ruhezeit, und da kriegt man nicht immer auf Anhieb eine Bleibe, weil die Vermieterin gerade nicht zu sprechen ist. Eine traurig dreinblickende Mittouristin sitzt im Hof des einfachen Häuschens, hat mir Auskunft gegeben – traurig, weil sie bestimmt wie ich dieses Wochenende abreist. Pitsíd(h)ia ruht, zeigt sich gelähmt und träge, döst vor sich hin. Die weiße, leicht geschwungene Hauptgasse so hübsch wie immer, wenn auch ziemlich ausgestorben, obwohl die ersten Miniaturlädchen mit ihren alten Mütterchen drin bereits wieder geöffnet haben. Eine Frau häkelt konzentriert und geduldig vor ihrem Geschäft, ihren Obst– und Gemüsekisten.

Bevor ich lange herumsuche, entscheide ich mich für das Akropol an der Durchgangsstraße bei der zweiten, der unteren Bushaltestelle, wo ich früher oft gewohnt habe. Für eine Nacht und nach hinten raus ist es dort problemlos auszuhalten (– natürlich auch für länger).
Die (Alibi–)Taverne unten im Haus steht offen, ein etwa gleichaltriger Tourist sitzt draußen als einziger Gast vor seinem Getränk, blinzelt mich erwartungsvoll an. Personal ist nicht zu sehen.
Nach einiger Suche stöbere ich die Oma im Haus auf, die mir den Weg weist zur Frau des Besitzers. Sie kennt (und vermisst) mich seit Längerem, würde mich bei ihrer feinen, zurückhaltenden Wesensart aber niemals zur Rede stellen, warum ich so lange nicht mehr bei ihnen Quartier genommen habe.
Mein Zimmer liegt ganz hinten, vor Straßenlärm bin ich weitgehend geschützt, ein schönes Stück Balkon ist auch dabei. Der Preis ist deutlich ziviler als der, den ich in Mírtos zahlen musste.
Gleich bitte ich die gute Frau, für mich nach Möglichkeit ein Taxi für den folgenden frühen Morgen zu bestellen, denn mein Flieger startet wieder am Vormittag, das ist nun allmählich (leider!) der Normalfall, der 7-Uhr-Bus von Mátala her geht dafür zu spät.
Einige Versuche in Sachen Taxi schlagen fehl, sie wird es aber weiter probieren.

Da es in gut einer Stunde dunkeln wird, mache ich mich schon jetzt auf zu meinem Traditionsausflug nach Kalamáki.
Dazu kann ich gleich den Weg direkt neben meiner Unterkunft runtergehen, er endet auf der schmalen, asphaltierten Nebenstraße, die aus dem neueren Ortsteil hinaus durch die sandige, wellige und dünige Landschaft zum Kommós–Strand führt.

Man freut sich über die Rebstöcke (sie scheinen alljährlich mehr zu werden), die befreiende Weite, die Ausblicke auf die Hügel von Pitsídia und das fernere Ídhi–Gebirge, registriert die paar Verschläge und Hütten in Straßennähe, in einer von ihnen wohnt ein einfacher Mann. Die Prachtexemplare von Feigenbäumen. Die erste Schafherde wird zusammengetrieben, es bimmelt allenthalben. Aus naher Ferne grüßen die Paximádhia–Inseln herüber.

An der Kreuzung kurz vor den Ausgrabungen der alten minoischen Hafensiedlung nehme ich den Staubweg nach rechts, linker Hand zeigen sich die ersten höheren Sanddünen mit buschigen Waldflecken.
Bei dem Einschnitt zwischen den Dünen, wo meist ein paar bis relativ viele Autos parken (heute ist es nur mehr ein einziges), komme ich dem breiten Strand ganz nahe und steige im Sand erst einmal hoch, nähere mich schräg und abkürzend dem felsigen Kap, der Engstelle mit dem vorübergehend nur mehr wenige Meter breiten Badestrand. Entgegen einer Horrormeldung im Internet ist dieser Strandteil nach wie vor frei passierbar, wurde also nicht im Zuge von Baumaßnahmen von oben herab zugeschüttet. Es sind auch keine Spuren einer Wiederfreiräumung erkennbar, alle Sandkuhlen zwischen den Felsen wohlerhalten.

Wieder in Kalamáki! Diesmal nur für wenige Stunden. Aber der lange Herweg (immerhin von Súja/Soúgia aus) hat sich gelohnt, ich liebe diese Gegend. Die Gästeflut ist inzwischen zur Gästeflaute abgeebbt. Weiter vorne, am und über dem nördlichen Strandbereich, wurden einige Tavernchen bereits winterfest gemacht. Den Anwesenden bieten sich dennoch mehr als genügend Essensplätze an, auch gegen Ende Oktober – wirklich kein Problem.
In meinem Stammkneipchen, eher Kafenío, serviert mir Sofía ein wunderbares Fleisch–Gemüse–Gericht, dazu guten Bauernwein. Mit besonderer Herzlichkeit. Was will ich mehr?

Wie schön, der folgende Nachtspaziergang denselben Weg zurück nach Pitsídhia. Mit weniger Hetze, obwohl ich mir auch für Pitsídia noch etwas vorgenommen habe, wenn ich schon mal da bin. Den Weg schaffe ich in etwa 35 bis 40 Minuten. Leise Abschiedstrauer kommt auf, in dieser nächtlich stillen Landschaft, die Vorposten des Zielortes leuchten mir von Hügelhöhen aus entgegen. Ein Hund schlägt irgendwo an, andere tun es ihm nach.

Vor dem Kafenío eines Unikums und alten Bekannten, des Wirts mit dem seltenen altgriechischen Vornamen, den ich stets mit einem ähnlich klingenden verwechsle (es ist irgendetwas mit "Dim...", wohl Dhimókritos), lasse ich mich nieder. Es liegt direkt am Platzanfang, gleich unten am Asphalt, wirkt innen noch richtig gemütlich, die Toilette nur von außen erreichbar. Am Tisch nebenan ein paar "Langjährige", Besucher seit 30 und 35 Jahren, so in der Richtung. Einer davon, ein durch und durch sympathischer Kerl, ist ziemlich hager, recht kontaktfreudig, sieht etwas abgezehrt aus.
Der Wirt setzt sich zu mir, erinnert sich unausgesprochen sogleich an mich (den neuerdings nach Sívas Abgewanderten ...), erzählt mir später, er mache sich Sorgen um diesen einen mageren Stammgast, er sei gesundheitlich stark angeschlagen.
Ich fühle mich auf einmal wie in alten Zeiten, als Pisídia fast noch ein verschlafenes Bauerndorf war. Fehlte nur noch, dass mir Klaus Thomas über den Weg liefe, ein weiterer treuer Pitsidianer ... ;–))

Morgen, am achten Tag, geht diese Kurzreise also bereits zu Ende. Na wenigstens bin ich diesmal auf Kreta geblieben und hab nicht drei bis vier Inselchen abgeklappert, in der kurzen Zeit. Hab erstaunlich viel von der Großinsel gesehen, einen richtigen Querschnitt abgefahren, auch einiges mir ganz Neues erkundet.

Schon ins Bett gehen? – Nein! Auf ein Getränk im frisch renovierten und modern ausgebauten Ex–Kafenío des alten Kósta muss ich schon noch vorbeischaun, liegt es doch direkt auf meinem Weg.
Die so liebenswerten älteren Herren aus dem Ort, die dem alten Lokal immer das passende Kolorit verliehen, sind zu dieser späteren Stunde nicht mehr anwesend, stattdessen ertönen britische und deutsche Laute gestandener, gut gekleideter Touristen um mich herum, da draußen. Vorbei die Zeiten, da sich die Freaks und Geldlosen hier ein Stelldichein gaben, zum halben Preis im Vergleich mit der Konkurrenz, oder zur Gänze freigehalten. Bis zum Tod des liebenswerten Kosta(s) vor etwa drei Jahren kostete das große Bier hier lediglich einen einzigen schlappen Euro statt der zwei und zweieinhalb und noch mehr anderswo in der nahen und weiteren Umgebung. Die Preise sind jetzt angepasst, versteht sich. Eine Menge Fotos von Kostas hängen drinnen an den Wänden, hinten als moderner Fetisch ein Großbildfernseher. Doch der neue Wirt, Andóni(o)s, ein junger Verwandter des verstorbenen Besitzers, ist sehr nett, versteht es auf seine ruhige, angenehme Art mit den Gästen umzugehen.

Bleiben noch ein paar Stunden Schlaf, bevor der Wecker läutet. Toll, dass meine Zimmerwirtin gerade noch ein Taxi organisieren konnte, es war ein gutes Stück Arbeit für sie, eine echte Meisterleistung, zumal gegen Ende Oktober und noch dazu wochenends auch viele andere per Agoräääo abreisen.

Als ich gegen sechs Uhr früh meine Zimmertür öffne, miaut mir schon eine Morgenkatze entgegen, die sich ein Frühstück von mir verspricht, doch ich rumple essenslos den Gang ins Freie hinaus.
Kaum habe ich mich im Dunkel der Nacht auf einen Terrassenstuhl gesetzt, stoppt das verfrüht eingetroffene Taxi vor dem Haus.
Ein Verwandter eines ortsansässigen Taxifahrers bringt mich in einer Stunde zum Airport nach Iráklio. Er ist freundlich und nett, aber mit seinem Taxikollegen aus Sívas kann er sich doch nicht ganz vergleichen, mit dem bin ich letztes Mal gefahren und hab mich bestens mit ihm unterhalten.

Etwas über 50 Euro spendiere ich zum Schluss also wieder für eine Taxifahrt, das ist mehr als der Preis so manchen Billigfluges. Bei dem abgespeckten Angebot der lieben deutschen Charterer muss man froh sein, überhaupt noch an bezahlbare Flüge zu kommen. Es wurmt mich trotzdem, wieder einen Tag verloren zu haben an einen dieser frühen Rückflüge. Aber es musste ja unbedingt HER sein, wo doch ATH mit Linienflug viel preiswerter erreichbar gewesen wäre. Zu "umwegsam" halt, wenn man nur eine Woche Zeit hat!

Copyright puchheim = MartinPUC, Januar 2007



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