Skizze der Insel Télendos in einer zweiten Maihälfte
Copyright puchheim = MartinPUC, 2005, 2006


Wer mit dem Bus von Póthia aus – er geht im Mai alle 2 Stunden, ab 9 Uhr – Richtung Westküste fährt, ist nach einer beeindruckenden Fahrt hinauf zur Chóra mit ihrer fantastisch auf einem jähen Felsen gelegenen und mit weiß gestrichenen Kapellen und Ruinen übersäten Johanniterfestung und weiter durch eine Oliven– und relativ bescheidene Tourismuslandschaft in etwa 30 Minuten in Myrtiés (gesprochen: Mirtiäss). Sogar eine bescheidene Serpentinenkurverei erlebt man unterwegs.

Der Weg von der Haltestelle an dem kleinen Platz mit Supermarkt, Reisebüro und einer allseits beliebten Kneipe mit Zimmervermietung hinunter zum Anleger ist eher ein Katzensprung, und da die Kaikis mit Aufbauten halbstündlich ablegen, lohnt es sich kaum, die einst so gut gehende Strandtaverne rechterhand auf einen Frappé zu besuchen. Vielleicht noch schnell von der Telefonzelle aus zu Hause anrufen, denn schon macht sich einer von 3 oder 4 Bootsbesitzern für die nächste Überfahrt zur Insel Télendos bereit, assistiert von einem Konkurrenten. Es dauert dann doch noch etwas, denn so früh am Morgen, nicht einmal 10 Uhr, werden erst noch geschwind säckeweise Orangen und einige andere Lebensmittel zur Auffrischung der Tavernenvorräte auf dem Inselsatelliten herbeigeschafft.

Ein gewaltiges Felsenhorn ragt da drüben und so nah aus dem Meer, fast 500 m in den Himmel hoch, Höhlen und Schründe in seinen Flanken, nach Süden hin flach ausufernd, dort auch Wald, ein Friedhof. Ein kleiner weißer Ort leuchtet herüber.

Immerhin zu sechst sind wir auf dem Boot, der "Panajía Mirtidiótissa" (Erinnerungen an andere Inseln werden wach), und der Besitzer und Fährmann kann sich über eine derart gute Auslastung wirklich freuen (– und er belehrt mich, dass es auch in Mirtiés/Massoúri ein Marienkirchlein namens "P. Mirtidiótissa" gebe): 6 mal 1,50 ergibt 9 Euro, ein guter 10–Minuten–Lohn, und so viele Passagiere haben sie diesen Mai nicht immer, wo sie doch auch so oft fahren, dass für keinen recht viel herausspringt. Einige Bootskapitäne habe ich mit leerem Gefährt übersetzen sehen.

Nach höchstens 7 oder 8 Minuten macht das Boot schon drüben fest, an der Mole vor ein paar Tavernen mit Markisen, viel Gestühl und äußerst wenig Gästen. Eine Menge Fische tummeln sich dafür im Wasser zu Füßen der Mole. Die wenigen Inseltouristen bzw. 2 oder 3 einen Kaffee schlürfenden Dauerbewohner beäugen schlaftrunken die Ankömmlinge, von denen leider keiner als Erstes die Gastronomie beehrt. Das Lebensmittellädchen weiter links hat auch vergebens geöffnet.

Alle streben vielmehr gleich Richtung Nord, die in den Reiseführern erwähnten Strände zu begutachten. Die beiden jungen Österreicherinnen mit Bergsschuhen wirken so, als ob sie den Wanderpfad mit zum Schluss sehr steilem Aufstieg zur kleinen weißen Kapelle in den nördlichen Felsabhängen suchen würden.

Irgendwie gefällt es mir hier schon, ein paar Tage sich hier einzuquartieren wäre gar nicht so schlecht, denke ich, es einmal darauf ankommen lassen, was der Zufall so mit sich bringt. Zwar ein sehr beschränktes Gebiet, eher zum Baden und so richtig Seele–Abhängen, aber eben auch die Möglichkeit, mal die Bergspitze zu erklimmen oder irgendwo hinten rumzusteigen, nebenbei die Fähren von und nach Leros, Patmos und Piräus von Bergeshöh aus mitzubekommen.

Wenn genügend Leute zusammenkommen, gibt es sogar Ausflüge nach Emborió, in den hohen Norden von Kálimnos und so um 11 rum auch von dort hierher. Stören würden mich auf Dauer lediglich der nächtliche Lichterglanz und eventuell die Musikfetzen von der Gegenküste – ich mag's lieber dunkler und noch stiller. Nur das Geräusch des Wellenschlags und der Grillen hören und einen ungetrübten Sternenhimmel betrachten.

Viel Sand sehe ich zu meiner Rechten, ein langer, schattenloser Strand zieht sich aus dem Ort hinaus nach Nord. Tamarisken wurden gepflanzt, sind am Wachsen. Dahinter ein paar Tavernen, darunter eine echte Fischertaverne mit einem Netze flickenden Eigner und seiner auf schattiger Terrasse im Putzen begriffenen Frau. Sie haben noch gar nicht offiziell geöffnet. Über und hinter den wenigen Restaurants werden Zimmer angeboten. Ein witziger Mini–Bootshafen mit ein paar Barken ziert den Ortsausgang. Zum Schluss noch zwei größere Etablissements, eines davon das "On–the–Rocks" Café, wohin sich zwei der Frauen von meinem Boot begeben, die gehören zur Wirtsfamilie. Zwei ältere Briten mit schrägem Lächeln und sonnengerötetem Antlitz entpuppen sich als hier wohnende Touristen.

Nun ein kleines Kuriosum für diese Insel, etwa 100 m hügelan ein recht einsam wirkendes namenloses Hotel mit plätscherndem Swimmingpool davor, in den gerade Wasser eingelassen wird. Daneben noch ein zweites zugehöriges Haus mit gleichfarbig braunen Fenstern und Türen. Wohl das beste Haus am Platz, zurzeit offensichtlich noch leer. Relativ idyllisch gelegen, in einigem Abstand zum Ort.
Eine pittoreske, ummauerte Kirchenruine steht hangwärts zum Berg hin, schön anzuschaun.

Der übernächste Strand, hinter einem Kap platziert, ist bereits der letzte und wohl der beste der östlichen SANDstrände: Paradise Beach, recht klein, mit Liegen und Sonnenschirmverleih, nur 2 Männer lassen sich auf ihren "sunbeds" ganzkörperlich vom Ílios braten, denn es handelt sich um den FKK–Strand von Télendos, am weitesten weg von der Zivilisation. Gelangweilt kauert der Liegenvermieter im Abseits.

Gleich darüber beginnt der Wanderpfad zum Ágios–Konstantínos–Kirchlein mit einer leichten Kletterei. Die Österreicherinnen sind schon ein gutes Stück vor mir.
Ich hab zwar nicht vor, in dieser Hitze die ganze Weglänge zu gehen (– in 1 Stunde wär's geschafft, einfacher Weg), aber zumindest so weit will ich hinterwandern, bis ich die Kapelle vor Augen habe. Gut beschuht bin ich ja, und einen Bergstock hab ich auch mit.
Für Sandalenträger, die mir auf meinem Rückweg begegnen sollten, ein nicht ungefährliches Unterfangen, dieser steinige, manchmal geröllige Weg. Vorbei an einer Höhle mit hübschem Vorplatz, sie hat auch hintenraus eine Entlüftung, also nicht der übliche Moder– und Ziegenmistgeruch.
Vorbei auch an Schluchten und hoch über felsigen Buchten biegt der Pfad schließlich auf die lange Nordseite der Insel. Die Gegend um Emboriós mit der vorgelagerten Insel und die imposante Bergkette dahinter werden sichtbar. Ein hohes Ende der Nachbarinsel Léros lugt ganz links hervor. Und natürlich auch die Kirche droben im Fels, wo der Wanderweg enden würde, ein wirklich steiler Aufstieg auf einer Art Geröllschleppe, ohne Umschweife direkt den Hang hoch, aus der Ferne gut sichtbar. Die beiden Mädchen werden es locker schaffen, aber ein Holländer hatte mich beim Essen in der Taverne des Kreters aus Kándanos in Emborió gewarnt, es lieber bleiben zu lassen.
Ich hab auch keine Lust darauf und gehe langsam den Weg zurück, wundere mich über die Sandalentouris, die soeben den Einstieg beim Paradise Beach beginnen. Dann wieder der typische ältere Brite mit zwischen lustig und verlegen erstarrtem Gesicht, nahe daran, verbal loszulegen, diesmal in weiblicher Begleitung, auf Strandkurs.

Nach einem Abstecher in das Hotel und Besichtigung des Pools gehe ich zum Ort zurück. Südlich des Anlegers, im Abseits des Tagestourismus, vollkommen leere Tavernen.

Ein wirklich wunderschönes Örtchen ist das, insbesondere da hinten bei der Kirche. Vorbei an einer im "Sunday Telegraph" ausdrücklich gelobten Taverne – leider gänzlich ohne Gäste – mit deutlich gehobenem Preisniveau, aber sehr hübsch anzusehen, ein paar Tische auch an der schmalen Gasse, gelange ich bald zu der Abbiegung westwärts hin zum Chochlakas–Strand, der, wenn man darübersteht, auf dem Schild einen anderen Namen hat – was mit "T(hi..)...". Steht in den Sternen, wie der andere recht hübsche und völlig einsame (Sand–)Strand mit ganz flachem Wasser heißt, den man nach kurzer Waldwanderung und Passieren eines Gatters auf dem Weg zum südlichen Inselende unweit der Müllkippe mit Dauerbrand findet: sehr flach geht es dort ins Wasser, leider auch ganz schattenlos.
Besagter ortsnaher Strand auf der Westseite des flacheren Inselteils dagegen bietet Schatten unter Felsen, hat Liegen und Schirme zum Mieten, ist schön kieselig (vielleicht deshalb der Name, von chochládhi?) und recht lang gezogen, um ein oder zwei Felsvorprünge herum erstreckt er sich noch weiter nach Süd. Und er hat wohl die meisten Besucher: 4 oder 5 sind es insgesamt, lauter Griechen, wie es scheint.
Eine sehr beschauliche Stimmung.

So ganz alleine essen gehen will ich nun doch nicht, selbst die Kneipen am Anleger haben sich inzwischen geleert, nur der jeweilige Fährmann hängt dort herum. Deshalb schlendere ich noch einmal nach Nord den Ortssandstrand entlang und lasse mich auf der gartenmäßig ausgebauten Terrasse des herzzerreißend stillen "On–the–Rocks"–Cafés nieder, wo bereits ein junges italienisches Paar speist, als einzige Gäste. Angelockt wurde ich durch das "Bira–Alfa"–Werbeschild, mal was Besonderes, viel besser als die Marke "Zórbas", die ringsum angepriesen wird.
Nach einigen Anlaufschwierigkeiten wird eigens für mich der Zapfhahn des Barhäuschens aktiviert, damit man mir statt eines "Mythos" doch ein "Alfa" anbieten kann. Die 0,4–l–Variante kostet 2.50. Ich schließe daraus, dass es auf der Insel etwas teurer ist als auf dem größeren Kálimnos. Kreta ist preismäßig nicht zu unterbieten, scheint es. Da, wo ich mich immer gerne aufhalte, bekam ich vor Kurzem ein großes Bier noch für 1.50. ((Tempi passati ...)) Und erst in den kretischen Bergdörfern ...
Na, dafür hat die Lemoníta nur einen Euro gekostet.
Oft muss ich mich in GR schon wundern, wenn ich für einen laschen Néscafe 2 Euro hinblättere und in der Großstadt München einen superguten Cappuccino für 1.90 trinke.

Die stark angezogenen Essenspreise sind wohl auch der Hauptgrund dafür, dass man dieses späte Frühjahr in vielen Orten der Dhodhekánissa kaum mehr von Tourismus sprechen kann, sondern die vereinzelt anwesenden Fremden eher als Zufallstagesgäste bezeichnen muss. Eine Platía, umringt von Tavernen, jeweils nur ein Tisch besetzt – mit Mitgliedern der Wirtsfamilie. Wenn es hochkommt, ein, zwei Touristenpaare – auf dem gesamten Dorfplatz. Das war auf dieser Reise ein häufiger Anblick. Die vielen ellenlangen Gesichter der griechischen Gastronomen.

Das schmälert nichts an der Schönheit so vieler Gegenden. Das ruhige Meerbecken zwischen Télendos und Kálimnos. Der Anblick der hohen Gipfel. Die relative Kleinheit der Touristenörtchen an Kalimnos' Westküste, viel wohltuender und deutlich intimer als die großen Massentourismuszentren andernorts. Klein dimensionierte Hotels und Unterkünfte. Freundliche Gastgeber.

Nur einige der frustrierten von insgesamt 40 Taxifahrern von Kálimnos können recht aufdringlich werden. Die Geschäfte gingen früher besser, viel besser. Man versteht nicht, dass jemand auf den in 5 Minuten eintreffenden Bus wartet, wenn doch schon ein mindestens zehnmal teureres Taxi dasteht! Ist doch kein Problem für einen Fremden, statt der 75 Cent für den Bus die 9 oder 10 Euro fürs Taxi zu berappen!
Aber der Vathí–Manólis, die Nummer 19 der Taxiritter, hat diesbezüglich bestimmt keine Sorgen. Der hat vergleichsweise einträgliche Nebeneinkünfte und benimmt sich immer noch sehr großzügig, echt ritterlich – keinesfalls raubritterlich.

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Kássos aus der Rückschau




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